Kapitel 03

00-08-17

Secrets


III. Universum der vier Götter


Der Morgen, der mein Leben für immer verändern sollte begann wie jeder andere vollkommen normal. Gut gelaunt machte ich mich mit meinen Inline-Skates auf zum nächsten Waschsalon.

Ja, der Klempner war da und er stellte meiner Waschmaschine in einer feierlichen Zeremonie den Totenschein aus und das neue Modell hat leider eine Lieferzeit von knappen drei Wochen. Vielleicht auch etwas mehr. Das konnte niemand so genau sagen. Also war ich nach wie vor auf die praktische Erfindung eines Waschsalons angewiesen. Dummerweisen konnte ich denselben nie öfter als zwei- oder dreimal benutzen, da es sich zu meist wie ein Lauffeuer herumsprach, wer hier seine Wäsche wusch.

Auf dem Rückweg wollte ich noch einmal kurz in der Bücherei vorbei schauen auf die ich bei meiner Suche nach dem Universum der vier Götter gestoßen war. Ich war mir sicher dieses Mal Erfolg mit meiner Suche zu haben.

Da es für einen Wintertag erstaunlich warm war und später im Studio noch einige Aufnahmen für diverse Magazine anstanden trug ich unter meinem Wintermantel kurze Klamotten. Bei all dem Scheinwerferlicht und sonstigen technischen Geräten verwandelte sich das Studio innerhalb von einer halben Stunde in eine Sauna und so hatte jeder von uns immer kurze Klamotten dabei damit wir uns nicht zu Tode schwitzten.

Die Wäsche war ziemlich schnell erledigt und es war mehr als noch genügend Zeit übrig um die Bücherei in aller Ruhe nach dem Universum der vier Götter abzusuchen bevor ich mich im Studio blicken lassen musste.

Wie es der Zufall wollte begegnete ich in der Bücherei auch Yui, die mal wieder auf der Suche nach Miaka zu sein schien. Sie hatte mich beim Reinkommen nicht bemerkt, aber ich war mir sicher, daß ich die Beiden später noch abfangen könnte. Erst einmal wollte ich selbst auf die Suche gehen.

Nachdem die Inline-Skates abgeschnallt waren und meine Füße in einem Paar normaler Schuhe steckten konnte ich die Bücherei endlich betreten ohne mir strafende Blicke des Personals einzufangen. Neugierig, wie ich war folgte ich schließlich doch Yui, da diese in einem Bereich abgebogen war, der eigentlich nur dem Personal vorbehalten war.

Sie verschwand hinter einer Tür mit dem Schild Zutritt verboten. Nicht, das irgend jemanden dieser freundliche Hinweis jemals aufgehalten hätte, aber bei Yui wunderte es mich schon. Normalerweise war sie unheimlich korrekt was solche Dinge anging. Unauffällig sicherte ich mich nach links und rechts ab, bevor ich die Tür öffnete. Leise ließ ich sie hinter mir ins Schloß fallen.

"Yui? Miaka? Seid ihr hier?" Nichts! Nicht der kleinste Hinweis darauf, daß sie überhaupt jemals hiergewesen wären. Der Raum war bis auf die endlosen Bücherregale vollkommen menschenleer. Einzig und allein ein Buch, das auf dem Boden lag schien sagen zu wollen, das mir meine Augen doch keinen Streich gespielt hatte. Ich hob es auf und drehte es um. Der Titel ließ mich zusammenzucken. Leise las ich ihn laut um ganz sicher zu gehen, das ich nicht träumte.
“ Universum der vier Götter...“ Ich konnte nicht glauben, daß es so einfach war. Das Buch nachdem ich solange gesucht hatte. Es war mir einfach so in die Hand gefallen. Niemals hätte ich damit gerechnet, daß ich es so plötzlich und so schnell finden würde. Vorsichtig öffnete ich es und strich über die eng beschriebene Seite. Langsam begann zu lesen.

... Dies ist die Überlieferung eines Mädchens, das einst die sieben Seishi von Suzaku versammelt hat und die sagenhafte Kraft erlangte sich alle Wünsche zu erfüllen ...

... die Geschichte gleicht einem Zauberspruch und wer sie vollständig liest erhält dieselben Kräfte wie das Mädchen aus der Legende und seine Wünsche erfüllen sich ...

... Es steht geschrieben sobald die erste Seite umgeblättert wird, wird die Geschichte Wirklichkeit und die Dinge nehmen ihren Lauf ...

Ich hatte es tatsächlich geschafft! Unglaublich! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ohne groß darüber nachzudenken blätterte die Seite um und wurde von einem gleißenden Licht geblendet.

Als ich meine Augen wieder öffnete fand ich mich in einer anderen Welt wieder. Auch das Buch plötzlich spurlos verschwunden. Verwundert sah ich mich um. Die Landschaft war mir vollkommen fremd und doch spürte ich deutlich, daß ich am Ziel war.

Ich stand mutterseelenallein in einer wüstenähnlichen Landschaft über der sich ein strahlendblauer Himmel spannte. Die Bergrücken die sich westlich kurz vor dem Horizont abzeichneten waren mit weißen Schneekuppen versehen während sich östlich ein tiefgrüner Wald befand. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, daß ich am Ziel meiner Suche angelangt war. Dies war Ayurus Welt. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

“Hey! Geh endlich von mir runter!“ Verblüfft senkte ich meinen Blick und stellte fest, daß ich auf einem jungen Mann saß, oder besser auf ihn gefallen war. Er streckte alle Viere von sich und versuchte wahrscheinlich zum x-ten Mal sich von meinem Gewicht zu befreien. Begleitet von rund einem halben Dutzend Entschuldigungen half ich ihm auf.

“Sorry. Es war wirklich keine Absicht.“ Er musterte mich abschätzend und gründlich. Ich konnte nicht verhindern, daß ich dasselbe mit ihm tat. Ich war neugierig in welchen Teil des Landes ich mich befand, aber seine Kleidung unterschied sich kaum von der, die ich aus Kutou kannte. Unbewußt verglich ich mein Gegenüber mit Ayuru. Er war sein vollkommenes Gegenteil. Lange, blauschwarze Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden waren. Klare, schwarze Augen und ein Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Mißtrauen und Neugier schwankte.

“Du mußt zu ihnen gehören.“

“Häh?“ Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wen oder was er meinen könnte.

“Mir sind vor kurzem zwei Mädchen begegnet, die ähnlich merkwürdig gekleidet waren wie du.“

“Miaka und Yui?“ Er zuckte mit den Schultern.

“Keine Ahnung, ob sie so heißen.“ Um seinem Gedächtnis etwas auf die Sprünge zu helfen lieferte ich ihm eine Kurzbeschreibung der beiden. Er nickte zustimmend. Wenn ich die beiden finden wollte mußte ich mich beeilen. Es hörte sich ganz so aus als wüßten die beiden weder wo sie sich befanden noch wie sie in diese Welt gelangt waren. Allerdings hatte dieser wahnsinnig clevere Kerl sie mitten in der Pampa sitzen lassen und verlangte nun tatsächlich Geld von mir damit er mich zu ihnen führte.

Da er meine einzige Chance war stimmte ich schließlich zu ihn für seine Dienste zu bezahlen. Pech nur, das er mit einer Kreditkarte rein gar nichts anfangen konnte. Eigentlich hätte es mir von Anfang an klar sein müssen. Es heißt ja nicht umsonst nur Bares ist Wahres.

Seine Laune hob sich kaum als ich ihm anbot ihm im Gegenzug für seine Hilfe bei seiner Arbeit zu helfen. Er konnte sich kaum vorstellen, wie ihm eine Frau dabei helfen sollte einen Sklavenhändler festzunehmen.

Wie sich herausstellte war der Knabe so etwas Ähnliches wie ein Kopfgeldjäger und er hatte Dank Miaka und Yui sein Ziel bereits schon einmal aus den Augen verloren. Und jetzt war ich es gewesen, die ihn erneut an der Ausübung seiner Pflicht hinderte. Allerdings hatte ich im Gegensatz zu ihm bereits die rettende Idee. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schlug ich ihm erneut einen Handel vor. Ich würde ihm den gesuchten Sklavenhändler auf dem Silbertablett präsentieren und er würde mich dafür zu Miaka und Yui bringen. Der Vorschlag schien ihn sichtlich zu irritieren. Er traute Frauen augenscheinlich nicht allzuviel zu.

“Und bevor ich es vergesse. Zwanzig Prozent des Kopfgeldes gehören mir. Schließlich muß ich auch von irgend etwas leben.“ Ihm fiel fast die Kinnlade raus.

“Kommt nicht in Frage! Das ist viel zu viel. Ich mache schließlich die ganze Arbeit. Höchstens zwei Prozent.“ Hat er sie noch alle?! Ich spiele den Köder für ihn und er hat den Nerv mit mir um Geld zu feilschen?! Was soll für daran bitte Arbeit sein?

Nach etlichem hin und her einigten wir uns schließlich auf fünfzehn Prozent Beteiligung. Und es war anstrengend genug ihm das aus den Rippen zu leiern. Was Kohle anging war er wirklich unglaublich hartnäckig. Wie kann man nur so geizig sein?

Nach einer kurzen Erklärung meines nicht wirklich ausgereiften Plans drückte ich ihm meinen Seesack in die Hand und schlüpfte aus meinem Mantel. Er pfiff mir leise hinterher als ich mich auf den Weg machte den Köder zu spielen.

Es dauerte nicht sonderlich lange und schon umzingelten mich eine Reihe ziemlich finster aussehender Typen. Hoffentlich ist der richtige dabei. Wie abgemacht stieß ich einen markerschütternden Schrei aus und wartete auf meinen Retter in der Not. Wobei ich zusätzlich eine Gratisvorstellung es völlig verängstigtem, wehrlosem und vor allem extrem hilflosem Mädchens gab. Doch mein Held in strahlender Rüstung ließ gewaltig auf sich warten. Die Typen rieben sich bereits genüßlich die Hände über ihren tollen Fang und rückten mir immer näher auf den Pelz.

Das ist ja wieder mal typisch! Wenn man will, daß etwas klappt, dann muß man es selber machen. Echt! Jeden, aber auch jeden Mist muß man alleine machen! Nachdem ich die Hälfte der Typen mit mehr Glück als Verstand in handliche Päckchen verwandelt hatte, bequemte sich dann auch endlich mal der Held des Dramas zu seinem Auftritt. Er staunte nicht schlecht, daß ich auch ohne seine Hilfe schon ziemlich weit gekommen war.

Meine äußerst begeisterte Begrüßung aufgrund seines absolut pünktlichen Auftauchens brachte ihn dann endgültig aus dem Konzept. Ich stieß ihm nämlich ohne große Worte einen der Idioten, die meinten sie hätten mit jeder Frau leichtes Spiel zu haben, in die Arme damit er ihn direkt ordnungsgemäß verpacken konnte.

Innerhalb von fünf Minuten hatten wir die Kerle dann zu einem handlichen Bündel verschnürt und mein Möchtegern Retter in der Not führte mich endlich zu der Stelle, wo er Miaka und Yui getroffen hatte. Nur leider fehlte dort jegliche Spur von ihnen. Entweder sie hatten es geschafft in unsere Welt zurück zukehren (was ich stark bezweifelte) oder sie hatten sich allein auf den Weg gemacht. Alles in allem blieb mir nur übrig sie erst einmal zu suchen und nach Hause zu befördern bevor sie noch in eine mittlere Katastrophe rutschten. Im Gegensatz zu mir hatten sie keinerlei Erfahrung mit dieser Welt und so, wie ich Miaka kannte würde es nicht sonderlich dauern, bis sie sich und Yui erfolgreich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Außerdem würde mir Tetsuya mit Sicherheit den Kopf abreißen wenn ich seine kleine Schwester einfach so in einem Buch lassen würde.

Aber zu allererst würde ich diesen jungen Kopfgeldjäger in die nächste Stadt begleiten und meinen Anteil kassieren. Ohne Geld würde ich ohnehin nicht sonderlich weit kommen. Und um Miaka und Yui zu finden bräuchte ich auf jeden Fall ein Pferd und ausreichend Proviant. Dasselbe galt selbstverständlich auch um heil nach Kutou zu kommen.

Was mein Begleiter mir allerdings erfolgreich verheimlichte war, wie weit es eigentlich bis zur nächsten Stadt war. Diese Tour kam schon eher einem Gewalt einem Gewaltmarsch gleich als einem Spaziergang. Wenigstens lud er mich hinterher zum Essen ein und so ich erfuhr seinen Namen, Tamahome.

Rein zufällig der Name eines der sieben Seishis von Suzaku. Dieses Wissen behielt ich jedoch wohlweislich für mich. Es schien auch kein sonderlich großer Zufall zu sein, das er auf Miaka und Yui getroffen war. In mir keimte eine Ahnung auf, die mir ganz und gar nicht behagte. Ich hoffte nur, ich würde die beiden finden bevor sie sich bewahrheitete.

Dank Tamahome erfuhr ich, das ich mich südlichsten der vier Königreiche, Konan befand. Neugierig erkundigte ich mich bei ihm auch nach den restlichen drei Königreichen und den jeweiligen Entfernungen die zwischen ihnen lagen. Zu meinem Entsetzen war es bis Kutou, das ganz im Norden lag ziemlich weit. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, daß es in der Nähe lag, aber daß es soweit bis zur Hauptstaft Kutous war schockierte mich dann doch. Ein Pferd war unumgänglich, wenn ich es in einer angemessenen Zeitspanne dorthin schaffen wollte.

“Und du solltest dir dringend einen Umhang kaufen.“ Irritiert sah ich ihn an. Mir war nicht bewußt gewesen, das er weitergesprochen hatte.

“Warum?“

“Wie soll ich sagen? Deine Kleidung ist ein klein wenig zu freizügig. Meinst du nicht auch?“ Verblüfft sah ich an mir hinunter. Gut, es stimmt. Ein luftiges Oberteil und Hotpants gehören hier nicht gerade zum Alltag, aber er hat sich schließlich auch nicht weiter davon stören lassen. Wobei, das mag auch daran gelegen haben, daß wir dank meines Outfits nie lange nach Banditen suchen mußten. Sie kamen von ganz alleine um uns zu überfallen. Von daher konnten wir uns von den Kopfgeldern ein richtiges Festmahl leisten ohne, das es im Geldbeutel großartig auffiel. Seufzend stimmte ich ihm zu. Wenn ich nach Kutou gelangen wollte ohne aufzufallen war es unumgänglich die Kleidung zu wechseln.

Nach dem Essen trennten sich unsere Wege. Tamahome wollte unbedingt noch ein paar Gauner erwischen bevor sich der Tag dem Ende neigte und nach den lüsternen Blicken sämtlicher anwesender Kerle in dem Restaurant wollte ich so schnell wie möglich meine Kleidung wechseln. Glücklicherweise begleitete er mich noch ein kleines Stück bis zum Einkaufsviertel von Konan ehe er mich verließ. Ansonsten hätte ich mich in dieser riesigen Stadt wohl rettungslos verlaufen.

Während ich zwischen den unzähligen stöberte erfuhr ich durch die Gespräche der anderen Passanten, daß zumindest Miaka bereits in der Stadt gesehen worden war. Der Händler bei dem ich schließlich fündig wurde erzählte mir während ich mich umzog direkt die aktuellen Neuigkeiten. Wie es schien hatten die Palastwachen das seltsame Mädchen und einen jungen Mann gefangengenommen. Nach seiner Beschreibung konnte es sich bei den beiden nur um Miaka und Tamahome handeln. So viel also zum Thema ich müßte mir keine Sorgen machen, er würde sich schon um alles kümmern. Männer!

Seufzend löste ich mein Haarband und faßte lediglich einen Teil meiner Haare wieder zu einem Zopf zusammen. Der Rest fiel offen über meine Schultern. Zufrieden betrachtete ich mich in dem zerkratzen Spiegel. Die Kleidung war weit genug um mich problemlos als Mann durchgehen zu lassen solange niemand genauer hinsah und die neue Frisur tat ein übriges.

Ich hatte mich für relativ einfache Männerkleidung entschieden, die meine weiblichen Formen wenigstens auf den ersten Blick erfolgreich verbarg. Es war ein relativ leichter Stoff, der sich angenehm auf meine Haut legte. Neue Schuhe brauchte ich zum Glück nicht, da der Mantel lang genug war um den Großteil meiner Stiefel zu verdecken. Ja, so würde es gehen.

Entschlossen zog ich einen sandfarbenen Umhang um meine Schultern damit ich nicht direkt wiedererkannt wurde. Jetzt brauchte ich nur noch Vorräte, Kleidung zum Wechseln, ein Pferd und am Besten auch noch eine Waffe um mich notfalls verteidigen zu können. Da mir jedoch Miakas und Tamahomes Verhaftung ziemliche Kopfschmerzen bereitete reduzierte ich die Liste vorerst lediglich auf ein Pferd. Wobei der Händler dort nicht sonderlich angetan davon war, das ich all seiner Vorschläge zum Trotz nicht auf ihn hörte und mich für ein eher unscheinbares Tier in einem hellen Braunton entschied. Seiner Meinung nach hätte ich mich als wohlhabender junger Mann doch eher für einen seiner fürstlichen Rappen oder Schimmel entscheiden sollen. So schön diese Tiere auch sein mochten sie waren keinesfalls dafür geeignet eine längere Reisestrecke zu bewältigen. Und ich hatte auch nicht vor mich jedes Mal mit dem Temperament eines Hengstes auseinandersetzen zu müssen, wenn ich Konan erst einmal verlassen hatte.

Er fand sich schließlich ab, daß ich mich für die kleine Steppenstute entschieden hatte und bot mir als Ausgleich für die mangelnde Elleganz des Pferdes zu einem angeblichen Spottpreis Sattel und Zaumzeug sowie Provianttaschen an. Hätte ich es nicht so eilig gehabt wäre mir sicherlich in den Sinn gekommen mit ihm über seine Wucherpreise zu feilschen doch so bezahlte ich ihn achselzuckend. Ich hatte mehr als genug Geld. Warum sich also unnötig aufhalten lassen?

So schnell es ging trieb ich die kleine Stute in Richtung kaiserlichen Palast. Allein der Gedanke, daß der Kaiser von Konan Shokitei auch nur im Geringsten ähnlich sein könnte sträubte mir die Nackenhaare. Ich würde meine beiden Freunde dort so schnell wie möglich herausholen und dann sollten wir machen, daß wir wegkamen. Ich legte nicht den geringsten Wert darauf in die Fänge der Wachen oder die des Kaisers zu geraten.

Den Palast zu finden war einfach nur leider sah keiner der Wachposten warum man mich ohne Passierschein oder gar Audienz ins Innere lassen sollte. Fluchend trat ich den Rückzug an und ritt in gemächlichen Trab an der Palastmauer entlang. In den Palast hineinzukommen bereitete mir nicht sonderlich viel Kopfschmerzen. Es würde reichen in einem unbeobachteten Moment die Mauer zu erklimmen und auf der anderen Seite zu Boden zu gleiten. Nur, wie sollten wir zu dritt dort unbeschadet wieder herauskommen?

Es half alles nichts. Zuerst mußte ich dort rein und dann würde sich alles weiter hoffentlich von allein geben. Ich zügelte meine Stute an einer schattigen Stelle und schwang mich von ihrem Rücken auf die Palastmauer. Ein Blick reichte aus um zu erkennen, daß der Grundriß dieses Palastes beinahe haargenau dem vom Kutou entsprach. Das machte die Sache einfacher als ich erwartet hatte.

Unbemerkt gelangte ich in den Bereich des Palastes zu dem nur der Kaiser und seine Beamten etc. Zutritt hatte. Wobei das Katz und Maus Spiel mit den Wachen ziemlich gut klappte. Es dauerte auch nicht sonderlich lange bis ich den Zugang zu den Kerkern gefunden hatte. Leider stand ich dort vor einem neuem Problem. Die Zelle in der sich Miaka und Tamahome eigentlich befinden sollten war leer. Anscheinend hatten sich die beiden bereits selbst befreit.

Fluchend zog ich mir die Kapuze über den Kopf und suchte weiter. Weit konnten sie noch nicht gekommen sein. Die Wachen waren noch nicht in Alarmbereitschaft versetzt worden. Allerdings hatte ich mich zumindest in diesem Punkt zu früh gefreut. Keine zwei Sekunden später wimmelte es plötzlich nur so von Wachposten und sie suchten alle dasselbe wie ich. Zähneknirschend suchte ich mir ein sicheres Versteck um nicht doch noch entdeckt zu werden. Ich würde abwarten müssen bis die Wachen sich beruhigt hatten und das riesige Gelände nicht mehr so überfüllt von ihnen war. Seufzend schloß ich die Augen und schlief beinahe sofort ein.

Ein ungeheuerer Tumult und ein entesetzter Aufschrei, der unverkennbar von Miaka stammte weckten mich schlagartig auf. So schnell es nur ging folgte ich der Quelle des Schreis und schaffte es dabei wie durch ein Wunder an sämtlichen Wachen unbemerkt vorbeizuhuschen. Vor einem völlig zerstörten Pavillon wurde ich schließlich fündig. Miaka war leichenblaß.

Ohne zu Zögern tauchte ich aus meiner Deckung auf und brachte den Kerl in meine Gewalt, den man soeben mit 'euer Hoheit' angesprochen hatte. Ich hielt ihm ein Schwert unter die Nase, das ich mir kurzfristig von einem Wachposten ausgeliehen hatte. (Der Kerl schlief wahrscheinlich immer noch.)

“Niemand rührt sich!“ Alles und jeder erstarrte mitten in seiner Bewegung. Sämtliche Blicke ruhten fassungslos auf mir.

“Miaka! Tamahome! Los, wir verschwinden!“ Die Beiden bewegten sich kein Stück und die Sache wurde dadurch nicht ungefährlicher. Die Wachen waren nämlich gerade dabei mich erfolgreich zu umstellen.

“Wer bist du?“ Ich ignorierte die Frage meiner Geisel und hätte als Quittung für meine Unachtsamkeit beinahe einen Steinquader an den Kopf bekommen. Im letzten Moment stieß ich den Kaiser nach vorn und hechtete zur Seite. Wobei mir die Kapuze des Umhangs vom Kopf rutschte. Erleichtert atmete ich auf als der Steinbrocken irgendwo weit hinter mir auf dem Boden Aufschlug. Das war knapp.

“Sempai? Bist du das? Rei-sempai?“ Entnervt sah ich Miaka an.

“Wer denn sonst? Hast du gedacht der Weihnachtsmann rettet euch?“ Sie brach in schallendes Gelächter aus während ich langsam wieder aufstand und den Staub aus meiner Kleidung klopfte. Neugierig sah ich mich um, wer für diesen Steinwurf verantwortlich war. Es überraschte mich, daß es allem Anschein eine junge Hofdame gewesen war. Immerhin hielt sie bereits eine neue Steinplatte fest und musterte mich feindselig.

Dank Miaka klärte sich die Situation ziemlich schnell. Ich atmete erleichtert auf, als sich die Sperrspitzen wieder von meinem Hals entfernten. Auch die Steinplatte fiel krachend zu Boden. Allein das Geräusch reichte aus um meine Knie weich werden zu lassen. Nicht auszudenken, was passier wäre, wenn sie mich mit dem Dinge getroffen hätte.

“Verrätst du mir mal bitte schön, was du hier machst?“ Belustigt antwortete ich Tamahome. Der nicht sonderlich erfreut aussah mich wiederzusehen.

“Euch retten. Was denn sonst?“ Und so wie es aussah keinen Moment zu früh. Er sah aus als hätte er gerade eine ziemlich üble Schlägerei hinter sich. Jedenfalls, wenn ich von der Anzahl seiner Schürfwunden und den Verbänden an seinem Körper ausging. Anerkennend klopfte er mir auf die Schulter, wodurch sich der Mantel endgültig löste und zu Boden fiel. Fast alle anwesenden Kerle begannen damit an rot anzulaufen, was bei mir zu einem Heiterkeitsausbruch führte, bis mich jemand am Kragen packte und wegschleifte.

“Wie kann man nur so rumlaufen? Das ist eine Beleidigung unseres Kaisers!“ Ich stellte fest, daß mich die junge Hofdame mit sich zog und jeder Versuch mich aus ihrem Griff zu befreien sich als Fehlschlag erwies. Wie kann man als Frau nur so verdammt kräftig sein?!

Allerdings mußte ich ihr recht geben. Das kleine Intermezzo hatte leider bewiesen, das meine Kleidung zwar gut aussah aber leider keinerlei Haltbarkeit besaß. Das gesamte Oberteil war diagonal aufgerissen und gab ziemlich viel Haut preis.

Sämtliche meiner Proteste ignorierend, das ich eigene Kleidung hätte oder ähnliches wurde ich in eines ihrer Kleider gestopft. Begleitet von einem nicht enden wollenden Vortrag, das man sich als Frau nicht als Mann zu verkleiden hätte und, und. Außerdem sorgte sie dafür, daß ihre Dienerinnen mir eine angemessene Frisur verpaßten. Selbstverständlich bekam ich bei dieser ganzen Herausputzerei auch den Namen der jungen Dame mit, Korin oder als Suzaku Seishi, Nuriko. Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis sie mit meinem Erscheinungsbild zufrieden war und meine Laune hatte ihren absoluten Tiefpunkt erreicht.

Freudestrahlend verkündete der Quälgeist, daß ich nun ohne Probleme dem Kaiser gegenübertreten könnte. Nach meiner Meinung war die ganze Aktion völliger Schwachsinn. Schließlich war ich dem Kerl doch schon begegnet. Gut, zugegeben ich habe nicht großartig auf ihn geachtet und ihn zudem bedroht, aber wir hatten uns bereits kennengelernt. Aus diesem Grund verzichtete ich auch darauf einen Blick in den Spiegel zu werfen. Ich wollte gar nicht erst wissen, was sie da mit mir veranstaltet hatte. Nur bloß so schnell wie möglich weg von ihr bevor sie noch auf die Idee kommt mir mit irgendwelchen Duftwässerchen zuleibe zu rücken.

Gemeinsam gingen wir schließlich in den Thronsaal wo bei unserem Eintritt ein leises Raunen zu hören war. Es hatte ganz den Anschein, als wären wir schon längere Zeit erwartet worden. Ungeduldig stieß mich Nuriko in den Rücken als ich stehenblieb um nicht über eine der Stoffbahnen zu stolpern, die nun meinen Körper einhüllten. Und während sie mich immer weiter in den Saal hineinschob flüsterte sie mir ins Ohr, was es mit den Suzaku Seishis und der Suzaku no Miko auf sich hatte. Ich ließ sie einfach reden. Sie wäre nur unnötig mißtrauisch geworden, wenn ich ihr erzählt hätte, daß ich darüber schon längst bescheid wußte.

Nach meinem bisherigen Wissenstand herrschte zwar im Moment zwischen allen Königreichen Frieden, aber es war wohl nur noch eine Frage der Zeit bis Kutou einen Grund finden würde um Konan anzugreifen. Shokitei wollte sein Reich schon viel zulange vergrößern und der Kaiser von Konan war noch jung.

“Deshalb sind auch alle so froh, daß endlich die Suzaku no Miko aufgetaucht ist. Sie wird unser Land schützen.“ Nurikos Worte jagten mir kalte Schauer über den Rücken. Meine Ahnung hat mich also nicht getäuscht. Miaka hatte sich mal wieder problemlos in Schwierigkeiten gebracht. Nurikos Nicken auf meine diesbezügliche Frage beseitigte auch noch die allerletzten Zweifel daran. Was hat sich dieses Mädchen nur dabei gedacht? Hat sie denn auch nur die geringste Ahnung was es bedeutet die Suzaku no Miko zu sein? Oder hat sie nur den Teil mit den drei Wünschen gehört? Warum frage ich überhaupt? Es ist Miaka sie hat bestimmt nichts anderes gehört.

Langsam schritten wir auf eine im Halbschatten gelegene Ecke des Thronsaals zu wobei jeder Kerl an dem wir vorbei kamen bekam einen leichten Rotstich im Gesicht bekam. Also ehrlich langsam aber sicher frage ich mich, warum ich mich umziehen mußte. Hätte ich meine zerrissenen Klamotten anbehalten wäre der Effekt derselbe gewesen. Seufzend lehnte ich mich gegen die Wand. Dieser Fummel ist vielleicht unbequem!

“Rei-sempai!“ Freudestrahlend rannte Miaka auf uns zu und wuselte erst einmal um uns herum wobei sie sich mit Lobeshymnen auf unsere Kleidung gar nicht mehr zurückhalten konnte.

“Wahnsinn! Sempai, du bist kaum wieder zuerkennen!“ Ich erklärte ihr ziemlich knapp, das mich das herzlich wenig interessierte und ich viel lieber wissen wollte, wie lange wir noch sinnlos in der Gegend herumstehen mußten. Ich wollte so schnell es ging wieder aus diesen Klamotten raus. In diesem Outfit kann sich ja kein normaler Mensch bewegen! Sie drehte sich lächelnd um, als sie Schritte hinter sich vernahm und Tamahome begrüßte. Wobei sie mich netterweise auch direkt hinter sich herzog und ich heilfroh war den Ärmel meines Kleides wieder unversehrt zurück zubekommen. Ich schenkte Tamahome ein leichtes Lächeln.

“Ah! Wie ich sehe hat Nuriko ganze Arbeit geleistet!“ Langsam drehte ich mich um und sah direkt in das lächelnde Gesicht des Kaisers von Konan. Meine Laune sank augenblicklich wieder. Jung oder nicht, ich traute dem Kerl nicht.

“Man erkennt euch kaum wieder.“ Ich reagierte nicht auf das offensichtliche Kompliment und ignorierte ihn. Was mir einen Seitenpuffer von Nuriko einbrachte die inzwischen ebenfalls neben uns stand. Im Gegensatz zu mir freute sie sich einen regelrechten Keks über dieses Lob. Meine Erfahrungen mit Shokitei hatten mich allerdings gelehrt, das solche Dinge meist nur oberflächlicher Natur waren. Mal ganz abgesehen davon, daß ich eigentlich nur wußte, das ich in zig Schichten aus Seide steckte über die ich auch noch alle naselang stolperte. Warum das für die Anderen einen solchen Unterschied zu vorher machte fiel mir auf patu nicht ein. Ein Knuff von Miaka holte mich wieder aus meinen Gedanken. Ich verdrehte leicht die Augen, als ich mich wieder dem Kaiser zuwendete. Warum muß ich mich eigentlich bei ihm entschuldigen?

“Tut mir Leid wegen vorhin. Ich dachte die Beiden wären in Schwierigkeiten.“ Zufrieden nickte Miaka mir zu und lächelte dann den Kaiser an. Was mir ganz und gar nicht gefiel. Hatte sie denn keine Ahnung, wie gefährlich das sein kann? Allerdings schien mir der Kaiser mein Verhalten nicht zu verübeln. Vor allem überraschte es mich, daß es ihn in keinster Weise zu stören schien, daß ich ihn wie einen normal Sterblichen behandelte und auf jegliche Titel usw. verzichtete. Die Mienen seiner Berater wurden allerdings immer länger. Scheinbar war es das erste Mal, daß überhaupt jemand so mit ihm Kaiser sprach.

“Schon in Ordnung. Mich würde allerdings langsam interessieren, wer ihr seid.“ Bei dieser Höflichkeit und diesem Lächeln konnte ich nicht länger unfreundlich sein. So gern ich es auch wollte, aber es gelang mir einfach nicht.

“Yamino, Revolution. Von Miaka und meinen Freunden werde ich aber Rei genannt.“ Verdammt! Dafür könnte ich mir auf die Zunge beißen. Warum habe ich ihm das denn nun schon wieder gesagt?! Normalerweise müssen mir Menschen auf Anhieb sympathisch sein, damit ich ihnen überhaupt erlaubte mich so zu nennen. Also warum?

“Gut, dann also Rei.“ Er wirkte sehr zufrieden und ich konnte mich eines Lächelns nicht mehr erwehren. Konnte es sein, das er anderes als Shokitei war? War ich vielleicht zu mißtrauisch? Sollte ich ihm nicht eine Chance geben? Miaka scheint ihn jedenfalls in ihr Herz geschlossen zu haben.

Nach gut einem weiteren Dutzend Fragen seinerseits zum Beispiel wie ich nach Konan gekommen war etc, etc. war mein Geduldsfaden allerdings stark strapaziert. Außerdem beantwortete ich seine Fragen so knapp wie möglich beantwortete damit wir endlich zu einem Ende kamen. Lächelnd entließ er uns schließlich und ich stürmte so schnell es ging zurück in Nurikos Gemächer. Bloß raus aus diesen unbequemen Klamotten!

Ich schickte einen Diener, der in etwa meine Statur hatte los um mir etwas Bequemeres zum Anziehen zu besorgen. Allerdings mit der Auflage das es vor allem praktisch und nicht schön sein mußte. Irgend jemand hatte meine zerrissene Kleidung bereits entsorgt und da sich mein Seesack nach wie vor auf dem Rücken meiner Stute befand besaß ich nur noch den Stoff, den ich am Körper trug.

Da es bis zu seiner Rückkehr noch etwas dauern würde sah ich mich etwas in der Umgebung von Nurikos Gemächern um. Durch Zufall fiel mein Blick dabei auf mein Spiegelbild in einem Wasserlauf. Mir verschlug es fast den Atem als ich das sah. Ich sah aus wie eine chinesische Prinzessin, die soeben einem Märchen entstiegen war. In meinen Haaren steckten unzählige Kämme von denen vereinzelt Perlenschnüre hinunterbaumelten. Das Übergewand war mit unzähligen roten Pfauenfedern übersät. Ein atemberaubendes Muster. Die Seide verlief sich an Ärmeln und Beinen in weiten Bahnen, die scheinbar völlig geordnet in Falten fiel.

Nuriko hatte wirklich einiges geleistet. Kein Wunder, das die Herren alle so begeistert waren. Ich fragte mich nur, wie ich es schaffen sollte all diese Kämme wieder aus meinen Haaren bekommen. Dabei hätte Ayuru dieses Outfit garantiert ebenfalls gefallen. Er hatte mich noch nie völlig ausstaffiert in einem Kleid gesehen. Dieser flüchtige Gedanke an ihn nahm mir etwas von meiner guten Laune.

Wie mag es ihm gehen? Noch wird er nicht wissen, daß ich in seine Welt gelangt bin. Bis zu meinem nächsten Auftauchen an seiner Seite war noch Zeit. Es blühten gerade einmal die Kirschbäume. Es waren noch mehr als drei oder vier Monate ehe ich Kutou erreicht haben mußte. Trotzdem wollte ich so schnell wie möglich dorthin.

Seufzend lehnte ich gegen das Geländer der Brücke und beobachtete die Sonne, die allmählich immer tiefer sank. Vorher würde ich mich noch darum kümmern müssen, das Miaka wieder nach Hause gelangte. Leider war sie inzwischen die Suzaku no Miko und würde das Buch nicht eher verlassen können ehe sie nicht Suzaku beschworen hatte. Es wird nicht leicht werden in nur wenigen Monaten die restlichen Seishis zu finden und die Beschwörung durchzuführen. Außerdem hatte sie nach wie vor nicht die geringste Ahnung, auf was sie sich da eingelassen hatte. Ayuru und ich hatten schon so lange gewartet, da kam es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht mehr an. Aber ich würde mich trotzdem beeilen müssen.

Kopfschüttelnd kehrte ich in Nurikos Gemächern zurück und schälte mich nach und nach aus den einzelnen Seideschichten. Es brachte nichts sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen. Eins nach dem anderen. Ich nutzte die längere Abwesenheit des Dieners um meine Haare von den unzähligen Nadeln und Klammern zu befreien. Im Anschluß daran begann ich meine Haare gründlich durchzukämmen. Durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen schimmerten sie goldbraun und fielen nun wieder in weichen Wellen bis über meine Hüften. Lächelnd nahm ich zur Kenntnis, daß das Erbe meiner Mutter nicht zu verleugnen war. Je nach Jahreszeit wurde mein Haar mal heller mal dunkler. Im Sommer und bei ausreichendem Aufenthalt im Freien würde es mit Sicherheit erneut als dunkelblond durchgehen. Etwas, was bisher noch nicht einmal Ayuru wußte.

Ursprünglich hatte ich ja den festen Vorsatz gefaßt meine Haare zu flechten, aber letztendlich fehlte mir der Nerv dazu. So faßte ich sie statt dessen einem Lederband im Nacken zusammen. Endlich war auch der Diener wieder da und brachte mir die gewünschten Kleidungsstücke. Dabei entschuldigte er sich immer wieder dafür, daß er den Raum einfach ohne vorher zu klopfen betreten hatte. Damit hatte er mich nun in Unterwäsche gesehen und wäre vor lauter Scham beinahe im Boden versunken. Meiner Meinung nach war das zwar nicht weiter schlimm, aber in dieser Welt galten andere Maßstäbe. Um ihn nicht noch weiter in Verlegenheit zu bringen zog ich mich lachend hinter einen Paravan zurück und schlüpfte in die neuen Sachen.

Diese trugen sich direkt wesentlich angenehmer als das Seidenkleid. Und endlich wieder so etwas Bewegungsfreiheit! Die helle Hose fiel weich an meinen Beinen hinunter und das Hemd aus weißer Seide glitt sanft über meinen Körper, wobei es mir bis weit über die Knie reichte das heißt, bevor ich es in die Hose stopfte. Langsam streifte ich den moosgrünen Mantel über, der aus einem etwas festeren Stoff bestand, aber ebenfalls kaum Gewicht besaß. Er hatte in etwa die Länge des Hemdes, aber das störte mich nicht weiter. So würden jedenfalls meine Stiefel nicht weiter auffallen. Die hatte ich nämlich inzwischen unter Nurikos Schminktisch gefunden und auch mein goldener Anhänger, der ein Ankh darstellte war wieder aufgetaucht.

Er hätte an einem der Spiegel gehangen. Mir war gar nicht aufgefallen, das Nuriko ihn mir überhaupt abgenommen hatte. Sorgsam legte ich ihn wieder um. Er war ein Andenken an meine Mutter. Es war das erste Geschenk gewesen, das mein Vater ihr nach ihrer Hochzeit gemacht hatte. Er hatte es ihr gekauft als sie ihre Flitterwochen in Ägypten verbrachten und sie hatte diesen Anhänger Zeit ihres Lebens immer um den Hals getragen. Er war das Einzige, was nach dem Flugzeugabsturz noch von meinen Eltern übrig geblieben war...

Gelassen trat ich wieder hinter dem Paravan hervor und musterte mich zufrieden im Spiegel. Das Ergebnis war ähnlich zufrieden stellend wie wenige Stunden zuvor. Ich unterbrach den plötzlichen Redeschwall des Dieners, der sich schon wieder entschuldigte (dieses Mal jedoch dafür, daß er mir keine angemessene Kleidung gebracht hatte. Dabei hatte ich ausdrücklich nach praktischer Männerkleidung verlangt) in dem ich ihn nach seinem Namen fragte.

“Mei-Ling, meine Dame.“ Zufrieden begann ich damit den Mantel zu schließen und wickelte mir eine dunkle Stoffbahn um die Hüfte, die beinahe schwarz war. Erst bei genauerem Hinsehen und dem richtigen Lichteinfall bemerkte man den dunklen Grünton. Der Knoten befand auf der rechten Seite meines Körpers und der verbleibende Rest des Stoffes fiel dort ebenfalls in zwei glatten Bahnen hinunter. Da ich vorhatte Es wäre äußerst unpraktisch wenn ich mich beim Schwertziehen in den übriggebleibenden Stoffbahnen verheddern würde.

“Mei-Ling… ein schöner Name.“ Ohne weiter auf ihn zu achten begann ich damit das Kleid zusammen zulegen, das mir immer wieder durch die Finger rutschte. Seide war so etwas von klitschig! Mit einem leisen Seufzer nahm Mei-Ling sich schließlich des Dilemmas an. Wobei er mich mit einem Blick bedachte, der bei mir das unbestimmte Gefühl verursachte etwas falsch gemacht zu haben.

“Es tut mir leid.“ Brachte er stotternd hervor als er meinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte. Mit einem leichten Lächeln blies ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich war wirklich schon viel zu lange nicht mehr in dieser Welt gewesen. Beinahe hätte ich vergessen was es für einen Diener bedeutet, wenn ihm sein Herr plötzlich die Arbeit abnimmt.

“Aber, das ist unter euer Würde. Ihr solltet so etwas nicht tun.“ Es gelang mir nicht länger das Lachen in meiner Kehle zurück zuhalten. Daran werde ich mich nie gewöhnen! Diener für die es nichts Schöneres auf der Welt gibt als alles zu tun, was von ihnen verlangt wird. Einzig und allein um der Ehre ihres Herrn willen. Erst Mei-Lings vollkommen verängstigter Gesichtsausdruck belehrte mich eines Besseren. Er war vielleicht gerade mal dreizehn Jahre alt und schon Diener im kaiserlichen Palast. Ich würde ihm erklären müssen, daß ich es nicht gewöhnt war von vorne bis hinten bedient zu werden.

“Schon okay. Ich bin es gewöhnt mich derartige Dinge selbst zu kümmern.“ Und noch bevor er die Gelegenheit hatte seine Proteste diesbezüglich zu vertiefen nahm ich ihm das Kleid ab und legte es sorgfältig auf das Bett. Na bitte, es geht doch! Danach packte ich alles was mir halbwegs wichtig erschien und mir gehörte in einen kleinen Lederbeutel, den ich unter meinem weiten Mantel verschwinden ließ.

“Wohin wollt ihr?“ Mißtrauisch beäugte Mei-Ling mein Tun ehe ihm einfiel, daß sich ein solches Benehmen für einen Diener eigentlich nicht geziemte. Ehe er zu einer Entschuldigung ansetzen konnte kam ich ihm zuvor.

“Ich werde mir ein Quartier außerhalb des Palastes suchen. Bitte richte das der Suzaku no Miko aus.“ Er schnappte vor lauter Entsetzen nach Luft. Der Kaiser hatte mir eigene Gemächer zur Verfügung gestellt und nun verließ ich ohne ein weiteres Wort den Palast? Das kam einer Beleidigung gleich. Doch mir war es egal und Mei-Ling wußte, das er mich nicht an meinem Vorhaben hindern konnte. Zögernd verbeugte er sich und versprach der Suzaku no Miko meine Worte auszurichten.

Es dauerte etwas bis ich die Mauer wiedergefunden hatte über die ich in den Palast gelangt war. Entschlossen kletterte ich auf den Sims und hielt nach meinem Pferd Ausschau. Leider war die kleine Stute weit und breit nicht zu sehen, aber der Händler hatte mir zum Glück verraten auf welches Signal dieses Pferd hörte. Auf einen ganz bestimmten Pfiff hin würde sie augenblicklich zu ihrem Besitzer zurückkehren. Und so war es schließlich auch.

Zufrieden setzte ich mich auf die Mauer und ließ mich von den Strahlen der Frühlingssonne wärmen während ich abwartete. Dem Klang ihre Hufe nach zu Urteilen hatte sie sich nicht sonderlich weit von der Palastmauer entfernt. Im Grunde tat es mir leid mich nicht von Miaka verabschiedet zu haben. Aber das Innere des kaiserlichen Palastes verursachte mit Unbehagen. Obwohl Hotohori bei Weitem nicht mit Shokitei zu vergleichen war. Im Gegensatz zu dem Kaiser von Kutou strahlte Saihitei eine entschlossene Stärke und Wärme aus. Wenigstens solange seine Freundlichkeit nicht nur gespielt war.

“Rei?“ Überrascht so plötzlich seine Stimme zu vernehmen sah ich von meinem Sitzplatz hinunter und grinste Tamahome an. Wie hat er mich hier bloß so schnell gefunden?

“Was machst du da oben?“

“Mein Pferd suchen. Ich hab es vorhin hier stehen lassen.“ Er zuckte kurz mit den Schultern als wäre es das normalste auf der Welt bevor mit einem Satz neben mir stand. Not bad!

“Ich habe den Eindruck, das du gehen willst.“ Treffer! Der Knabe ist ein besserer Beobachter als ich ihm zugetraut hatte.

“Um ehrlich zu sein würde ich nichts lieber tun, aber ich kann Miaka nicht allein hier zurücklassen. Ihr Bruder würde mir den Kopf abreißen wenn ihr etwas passiert. Sie hat ein ungeheures Talent sich immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen.“ Seine Augen weiteten sich etwas, bevor er zustimmend nickte. Das Auftauchen meines Pferdes lenkte uns beide ab.

“Tu mir den Gefallen und paß gut auf sie auf bis ich wieder da bin. Ich suche mir ein Quartier in der Stadt. Morgen früh bin ich zurück.“ Mit einer flüssigen Bewegung ließ ich mich von der Mauer gleiten und landete punktgenau im Sattel meines Pferdes. Mein gesamtes Gepäck war noch da. Ein Glück!

“Rei, warte!“ Zu spät! Lachend drückte ich leicht gegen die Flanken des Tieres und galoppierte in Richtung Innenstadt davon. Zum Glück bin ich morgens noch im Waschsalon gewesen. Ansonsten wäre ich schon bald in Schwierigkeiten gewesen was diverse Kleidungsstücke anging.

Ein passendes Quartier zu finden erwies sich hingegen als weitaus schwieriger. Nachdem ich einige Stunden mehr oder weniger Ziel aber dafür äußerst erfolglos umhergewandert war landete ich schließlich vollkommen frustriert in einer kleinen Schenke. Obwohl meine Ansprüche bei Weitem nicht allzu hoch geschraubt waren hatte mir bisher kein einziges der Hotels oder Gästehäuser gefallen. Vielleicht war ich durch meine Welt und das ständige Zusammensein mit Ayuru zu wählerisch geworden. Oder es lag daran, daß ich mich soweit wie möglich vor dem Zugriff des Palastes entfernen wollte. Allerdings hatten sämtliche Unterkünfte, die dieses Kriterium erfüllten den entscheiden Nachteil daß man dort nachts nur sicher war, wenn man mit einem Messer unter seinem Kopfkissen oder einem Schwert in der Hand schlief.

Um nicht noch weiter über das Dilemma in das ich mich selbst gebracht hatte nachzugrübeln bestellte ich mir etwas zu Essen und schloß direkt Freundschaft mit der Wirtin. Ihr Name war Kara und sie hatte die Blüte ihres Lebens zwar bereits weit hinter sich gelassen, aber in ihrer Schenke regierte sie trotzdem mit eiserner Hand. Das Essen war hervorragend doch schon bald fiel mir auf, das Kara mit dem zur Zeit herrschenden Andrang sichtlich überfordert war.


In ganz Konan gab es keine einzige Schenke, die ähnlich köstliche Speisen wie sie servierte und aus diesem Grund war es bei ihr stets vollkommen überfüllt. Sie hatte alle Hände voll zu tun den Bestellungen hinterher zu kommen und gleichzeitig zu kochen. Dankbar nahm sie mein Angebot an ihr zu helfen. Wobei sie mir direkt unter die Nase rieb, daß sie von meinem Wohnungsproblem bereits wußte. Sie bot mir an in einem freien Zimmer bei ihr zu wohnen solange ich ihr im Gegenzug jeden Tag in der Schenke helfen würde. Ein kräftiger Handschlag besiegelte unseren Pakt und ich machte mich auf der Stelle daran meinen Teil des Vertrages zu erfüllen.

Als der Abend bereits weit fortgeschritten und das Tor der Schenke endlich verschlossen war fiel ich todmüde auf den erstbesten Stuhl. Ich hatte zwar bereits schon früher gekellnert, aber das hier war mehr als nur ein Job. Es war echte Knochenarbeit und es wunderte mich ehrlich, das Kara nach wie vor so fit aussah. Nach meiner Schätzung lag ihr Alter irgendwo zwischen siebzig und achtzig, aber ich würde mir eher auf die Zunge beißen als sie danach zu fragen.

Dankbar nahm ich die dampfende Tasse entgegen, die sie mir reichte und genoß das Aroma dieses außergewöhnlichen Tees. Außer in dieser Welt war es mir noch nirgends gelungen etwas ähnlich Köstliches aufzutreiben. Nachdem sie mich einige Minuten lang gemustert hatte begann Kara mir von ihrem verstorbenen Mann und ihrer Familie zu erzählen.

Wie sich herausstellte ähnelte ich ihrem Mann wohl verblüffend und wie sie lachend zugab war das einer Hauptgründe warum sie einer wildfremden Person erlaubte mit ihr unter demselben Dach zu leben. Ihre Kinder wären auf ihren Wunsch hin zwar sofort nach Konan gekommen, aber Kara war der Ansicht, daß jede ihrer Töchter und jeder ihrer Söhne in erster Linie sein eigenes Leben führen sollte. Sie war es gewohnt auf eigenen Füßen zu stehen obwohl der Verlust ihres Mannes sie anfangs sehr schwer getroffen hatte. Doch anstatt sich in Trauer zu vergraben hatte sie all ihren Ehrgeiz und ihre Verzweiflung in ihre Schenke investiert.

Es war als würden wir uns bereits eine Ewigkeit kennen. Sie erzählte sehr viel von sich und ihrem bewegten Leben während ich nur verhältnismäßig wenig von mir preisgab. Allerdings lag das daran, daß sie reden konnte wie ein Wasserfall. Als sie mir jedoch beichtete in mir fast so etwas Ähnliches wie einen Sohn zu sehen brachte ich es nicht mehr fertig ihr die Wahrheit zu sagen.

Auch am nächsten Tag herrschte in der Schenke ein dermaßener Betrieb, daß ich mein Vorhaben Miaka und die Anderen über meinen Verbleib zu informieren erst einmal flach fiel. Es gab einfach keine Gelegenheit mal eben zu dem doch recht weit entfernten Palast zu reiten.

Spätabends fiel ich beinahe kopfüber in das Spülwasser während Kara sich vor Lachen kaum noch halten konnte. Es hatte sich sehr schnell herumgesprochen, das in ihrer Schenke nun auch ein gutaussehender, junger Mann arbeitete. Den ganzen Tag lang hatte ich neben Servieren und diversen anderen Tätigkeiten damit zu kämpfen mir allzu aufdringliche Verehrerinnen und Verehrer von Leib zu halten. Keine Ahnung warum aber irgendwie schienen beide Geschlechter an mir einen regelrechten Narren gefressen zu haben.

Während ich die letzten Schüsseln und Teller abtrocknete setzte Kara bereits Tee auf. Es war bereits tiefe Nacht als wir endlich Gelegenheit fanden den Tag Revue passieren zu lassen. Lachend hielt mir Kara immer wieder vor wie viele Mädchen allein wegen mir in die Schenke gekommen waren. Seufzend ließ ich mich ihr gegenüber nieder und betrachtete nachdenklich meinen Tee. Bald würde ich ihr sagen müssen, daß ich kein Mann war. Allerdings war sie so gut gelaunt, das ich es einfach nicht fertig brachte. Ein lautes Klopfen an der fest verschlossenen Tür unterbrach unser Gespräch. Laut fluchend welcher hirnverbrannte Idiot um diese Zeit noch so einen Radau machte stand Kara schließlich auf um zu öffnen. Dabei hatten wir sämtlichen Gästen extra gesagt, daß wir am nächsten Tag erst gegen späten Mittag öffnen würden.

“Ja, ja ich komme schon.“ Und ein nicht zu übersehendes Schild hing ebenfalls am Tor. Kaum hatte Kara die Tür geöffnet wich sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht. Wortlos drängte sich ein gutes Dutzend kaiserlicher Soldaten an ihr vorbei ins Innere. Ich hätte es wissen müssen! Es wäre zu schön gewesen um wahr zu sein.

„Yamino, Rei?“ Seelenruhig widmete ich mich meinem Tee obwohl mich der Anführer der Soldaten bereits genaustens musterte. Sie sind also wirklich wegen mir gekommen. Die Frage ist nur ob auf Miakas oder Saihiteis Wunsch hin. Vorsichtig trank ich einen kleinen Schluck und ließ die Soldaten dabei nicht eine Sekunde lang aus den Augen.

“Was wollt ihr von mir?“ Die Schärfe meines Tonfalls überraschte selbst mich. Es gab bisher nicht den geringsten Grund derartig zu reagieren. Auch die Soldaten und Kara verblüffte es.

“Auf Befehl seiner Majestät des Kaisers von Konan habt ihr euch unverzüglich im Palast einzufinden.“ Sichtlich blaß, aber dennoch entschlossen mir notfalls zu helfen stellte sich Kara zwischen uns. Der Anführer der Soldaten quittierte es mit dem Heben einer seiner Augenbrauen ehe er sich wieder mir zuwandte.

“Er verlangt von euch eine Erklärung für euer plötzliches Verschwinden. Wir werden euch als Eskorte begleiten.“ Ich unterdrückte den Anfall aufwallender Panik. Das hier ist nicht Kutou. Diese Soldaten werden dir kein Haar krümmen solange du nicht versuchst zu entkommen. Geh einfach mit ihnen und hör dir an, was der Kaiser von dir will. Doch genau da liegt das Problem. Der Kaiser…

“Und was macht ihr wenn ich mich weigere?“ Fassungslos starrten sie mich an. Es verblüffte mich selbst, daß ich dieses Risiko einging. Die Worte waren einfach über meine Lippen gesprudelt ehe ich mir ihrer überhaupt bewußt war. Und es ging noch weiter.

“Bestellt dem Kaiser, das es mir gut geht und das, wenn er mich sprechen will er sich schon selbst hierher begeben muß.“ Sie sogen scharf die Luft ein und auch Kara sah mich beschwörend an. Ich würde diesem Befehl auf keinen Fall Folge leisten. Aus der Begegnung mit Shokitei hatte ich gelernt, daß man so weitaus gesünder lebte. Auch wenn es vielleicht gefährlich war.

“Rei ich glaube es ist wirklich besser wenn du mit ihnen gehst.“ Verwundert sah ich sie an. Ist das ihr Ernst?

“Unser Kaiser ist ein sehr gütiger Herrscher aber du solltest dein Glück nicht zu sehr herausfordern.“ Übersetzt bedeutet dies, er weiß was er will und setzt sich durch. Weise, aber Gerecht und wenn es sein muß auch hart. Das waren alles Dinge, die ich in den letzten anderthalb Tagen über den Kaiser von Konan erfahren hatte. Mit einem tiefen Seufzer gab ich mich geschlagen. Es hatte ohnehin keinen Sinn sich vom Palast fernhalten zu wollen. Nicht solange Miaka die Suzaku no Miko war.

“In Ordnung. Ich werde mit euch gehen.“ Betont langsam stand ich auf und ging zur Tür.

“Wartet hier auf mich. Ich hole mein Pferd.“ Die Soldaten waren dermaßen perplex, das sie keinen Ton herausbrachten als ich sie einfach so stehen ließ. Anscheinend war ihnen bisher noch niemand begegnet, der sich so wenig von den Befehlen ihres Kaisers beeindrucken ließ.

Behutsam löste ich den Haltestrick der kleinen Stute und strich ihr beruhigend über den Hals als ich sie in den Hof führte. Es behagte mir nicht im Geringsten mich wieder zwischen die Palastmauern zu begeben, aber es schien ganz so als wäre es unvermeidbar. Meine Stute spürte, daß etwas nicht stimmte und begann unruhig zu werden. Sanft strich ich über ihre Nüstern und flüsterte ihr etwas Beruhigendes ins Ohr. Ehe sich die Soldaten zu uns gesellten. Sie legte die Ohren zurück aber folgte ansonsten brav dem Druck meiner Schenkel.

Eingepfercht zwischen einer Eskorte von kaiserlichen Soldaten kehrte ich in den kaiserlichen Palast von Konan zurück. Am Ende begann ich die Entwicklung positiv zu sehen. Immerhin hatte ich noch keine Gelegenheit mein Gepäck auszupacken. So ließen sich meine Klamotten wesentlich leichter von einem Ort zum anderen transportieren. Und hatte ich es nicht bereits sehnsüchtig vermißt wochenlang wieder aus einem Koffer zu leben?

Kaum befanden wir uns wieder im Inneren der Palastmauern glitt ich aus dem Sattel und spazierte schnurstracks in den Thronsaal. Es war zwar bereits beinahe Mitternacht, aber dort fand dennoch eine Besprechung des Kaisers und seinen Minister statt. Ich ließ dem Diener keine Chance mit anzukündigen. Er hatte mich herbestellt und jetzt sollte er auch damit leben. Egal, wie spät es war oder was er sonst noch zu tun hatte.

“Man sagte mir du wolltest mich sprechen. Hier bin ich.“ Erstaunt wendeten sich die Blicke sämtlicher Anwesender in meine Richtung und ich quittierte sie mit einem spöttischen Lächeln. Langsam verschränkte ich meine Arme vor der Brust als Saihitei mit besorgtem Gesichtsausdruck auf mich zukam.

“Wo bist du gewesen? Alle haben sich Sorgen um dich gemacht. Vor allem Miaka.“ Er klang ehrlich und ich gab mir einen Ruck.

“In meinem Quartier.“ Antwortete ich knapp bevor ich noch etwas hinzufügte.

“Tut mir leid, das ich euch nicht früher bescheid gesagt habe. Aber ich habe einen Job in einer Schenke angenommen. Es gab bisher noch keine Gelegenheit euch eine Nachricht zu schicken.“ Er sah mich vollkommen perplex an während ich versuchte das dümmliche Grinsen aus meinem Gesicht zu vertreiben. Hey, nicht nur ein Kaiser hat gelernt sich ordentlich zu entschuldigen.

“Hotohori! Hohotori-sama!” Ich brauchte noch nicht einmal den Blick zu wenden um zu erfahren wer in diesem Moment angestürmt kam. Diese Schritte und Lautstärke waren einfach unverkennbar.

“Also Hotohori...“ Murmelte ich leise. Es wäre auch ein bißchen viel Zufall auf einmal gewesen, wenn der Kaiser von Konan nicht irgend etwas mit den Suzaku Seishis zu tun hätte. Er gehört also ebenfalls zu ihnen…


Tamahome, Nuriko, Hotohori, Chichiri, Tasuki, Mitsukake und Chiriko… so lauteten die Namen der sieben Seishis von Suzaku, die alle einem Sternbild des südlichen Himmels entsprachen. Ayuru und ich hatten viel Zeit damit verbracht die Namen der Seishis aller vier Königreiche herauszufinden. Es war gar nicht einmal so schwierig, wenn man erst einmal wußte wonach man suchte.

Selbstverständlich überschüttet mich Miaka mit Vorwürfen was mein plötzliches Verschwinden anging und nur mit viel Geschick gelang es mir sie schließlich auf ein anderes Thema zu lenken. Dankbar überließ ich Hotohori seinem Schicksal ihre Fragen zu beantworten und nutzt die Gelegenheit um mich zu verdrücken.

Gedankenverloren wanderte ich in den Palastgärten umher. War es wirklich klug hier zu bleiben? Ich konnte Miaka nicht allein lassen aber in mir nagte das Verlangen nach Kutou aufzubrechen. Ich befand mich in einer Zwickmühle und kam einfach auf keinen grünen Zweig. Ayuru würde sich bestimmt freuen mich bereits jetzt wiederzusehen. Nur war ich bereit dazu ihm im wirklichen Leben zu begegnen? Was wird wohl passieren wenn mich Shokitei ebenfalls erkennt? Wir wären beide in Gefahr...

Seufzend ließ ich mich unter einen in voller Blüte stehenden Kirschbaum sinken. Immer wieder wägte ich das Pro und Contra eines Aufbruchs nach Kutou ab und kam zu dem Schluß, daß es vorerst klüger wäre in Konan zu bleiben. Tetsuya würde es mir nie verzeihen, wenn ich seine Schwester in diesem Land einfach so allein ließ. Außerdem war ich mir sicher, daß längst nicht alles so reibungslos laufen würde wie es im Moment den Anschein hatte.

Vielleicht könnte ich Ayuru dennoch eine Nachricht zukommen lassen. Nur wie? Wenn irgend jemand bemerken würde, das ich mich nicht zum ersten Mal in dieser Welt befand würde ich erklären müssen warum. Etwas, was ich selbst nicht verstand, aber was mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal war. Auch meine Verbindung nach Kutou müßte ich dann offenbaren. In Anbetracht der momentan herrschende Spannungen zwischen den beiden Ländern keine sonderlich gute Idee. Es wird am Besten sein erst einmal Miaka nach Hause zu schicken und sich dann auf den Weg zu machen. Ja, das wäre das Beste… nur…

…es fiel mir verdammt schwer nicht einfach aufzustehen und loszureiten. Den Weg nach Kutou hatte ich mir inzwischen fest eingeprägt. Es würde noch nicht einmal viel Vorbereitung erfordern. Lediglich ein paar Vorräte und schon könnte ich unterwegs sein…

Doch dann würde Miaka sich unnötig Sorgen und bestimmt auch auf die Suche nach mir machen. Und obwohl mir Hotohori bei Weitem nicht so unsympathisch war wie Shokitei behagte es mir gar nicht sie und Tamahome alleine in seiner Obhut zu lassen. Die Begegnung mit Shokitei hatte bei mir tiefe Narben hinterlassen und diese würden nie wieder vollständig heilen. Nein! Ich würde ihm nicht vertrauen! Niemals! Dazu war zu viel passiert.

“Rei-chan?“ Ich hob meinen Blick und sah direkt in Nurikos verwundertes Gesicht.

“Was machst du hier? Du siehst aus als wärst du in deinen Gedanken gerade ganz woanders gewesen.“ Meine Anwesenheit schien sie zu überraschen. Dabei hatte ich gedacht das inzwischen der halbe Palast darüber bescheid wußte.

“Nichts weiter.“ Ich stand auf und klopfte mir einige Grashalme aus der Kleidung.

“Nur scheinbar besteht man darauf, das ich im Palast wohne.“ Ich warf einen verächtlichen Blick zurück auf das Hauptgebäude. Was ich besser nicht getan hätte. Denn schon durfte ich mir von ihr in allen Einzelheiten anhören was für ein gütiger, weiser und gerechter Herrscher Hotohori doch sei und das obwohl er noch so jung war. Na ja und extrem gutaussehend wie sie lächelnd hinzufügte.

Ich ließ diese Predigt wortlos über mich ergehen. Es hätte ohnehin keinen Sinn gehabt ihr zu widersprechen. Sie war bis über beide Ohren in den Kaiser verliebt. Das konnte man ihr an der Nasenspitze ansehen. Irgendwann schaltete ich einfach auf Durchzug. Das Einzige, was ich noch halbwegs mitbekam war, das der Kaiser in etwa so alt sein mußte wie ich.

Ob es Minuten oder Stunden dauerte ehe sie ihre Predigt endlich beendete konnte ich nicht sagen, aber danach kehrten wir lachend in ihre Gemächer zurück. Es war als hätten wir uns gesucht und gefunden. Obwohl wir uns erst seit wenigen Augenblicken kannten ahnte ich bereits, daß ich Nuriko mein Leben anvertrauen konnte.

Kaum hatte ich auch nur einen Fuß in den Raum gesetzt stürmte auch bereits Mei-Ling auf mich zu und vergewisserte sich bestimmt drei Dutzend Mal ob es mir auch wirklich gut ging. Er hatte schon gehört, daß ich in der Stadt in einer Schenke gearbeitet hatte und suchte nach dem kleinsten Hinweis dafür, daß mir dort etwas zugestoßen sein konnte. Lachend ließ ich seine Fürsorge über mich ergehen ehe er auf dem Absatz kehrt machte wobei er irgend etwas von Gemächern vorbereiten vor sich hinmurmelte.

Ratlos sah ich Nuriko an, die amüsiert den Kopf schüttelte. Laut ihr hatte ich bei dem Jungen einen Stein im Brett. Aus diesem und einigen anderen Gründen hatte Hotohori bereits verfügt, das Mei-Ling von nun an allein mir zur Verfügung zu stehen hatte.

Es wunderte mich, das der Kaiser mir so mir nichts dir nichts einen persönlichen Diener zur Seite stellte, aber laut Nuriko war das so üblich. Außerdem hatte Mei-Ling eine hervorragende Ausbildung als Leibwächter erhalten. Im Notfall würde er in der Lage sein mich zu beschützen. Ich verkniff mir ein Lachen. Sie tat gerade so als würde es im kaiserlichen Palast vor Attentätern nur so wimmeln. Ich hoffte inständig, das der Tag an dem Mei-Ling mich schützen mußte niemals kommen würde. In meinen Augen war er noch ein halbes Kind und kein Krieger. Es wäre besser, wenn er einfach nur ein Diener bleiben könnte.

Da wir ohnehin schon bei diesem Thema waren informierte mich Nuriko direkt auch darüber, das Miaka zu einer ihrer persönlichen Zofen geworden war. Das haute mich fast um. Miaka arbeitete? Freiwillig?! Und das auch noch für Nuriko? Kein leichter Job! Nuriko sah in ihr nämlich eine Konkurrentin um Hotohoris Gunst und so triezte sie wo sie nur konnte. Ich für meinen Teil behielt meine Meinung diesbezüglich für mich. Das sollten die Beiden schön unter sich ausmachen. Nebenbei konnte ich mir auch kaum vorstellen das Miaka für Hotohori irgend etwas anderes freundschaftliche Gefühle empfand. Wenn ich nicht völlig falsch lag schlug ihr Herz schon seit geraumer Zeit einzig und allein für Tamahome. Obwohl dieser Kindskopf bestimmt ewig brauchen wird um zu seinen Gefühlen zu stehen. Die beiden kennen sich zwar erst seit wenigen Tagen, aber das hier war ein klassischer Fall von Liebe auf den ersten Blick.

Das Licht im Inneren des Zimmers erhellte die Dunkelheit nur wenig. Gähnend trat ich auf den überdachten Gang hinaus um den Mond zu sehen. Vollmond… er taucht alles und jeden in ein silbernes Licht, das sich kaum von der Dunkelheit abhebt. Die Sterne auf dem schwarzen Firmament blitzen auf als hätten sie nur darauf gewartet, daß jemand den Blick hob um sie genauer zu betrachten. Ein jeder von ihnen schien genau in dem Moment wo der Blick eines Menschen auf ihn fiel noch heller zu leuchten.

Seufzend schloß ich die Augen. Beinahe schmerzhaft fielen mir die zahlreichen Nächte ein, wo ich mit Ayuru genau dasselbe beobachtet hatte und nun stand ich zum ersten Mal unter demselben Himmel wie er. Uns trennten nur noch wenige Meilen und keine Welten mehr. Ein atemberaubendes Gefühl, das zu wissen.

Ob er wohl auch gerade den silbernen Mond beobachtet und dabei an mich denkt, wie ich an ihn? Wie gerne würde ich jetzt an seiner Seite stehen und seine warme Stimme hören. Mit dem Wissen, das ich ihn dieses Mal nicht mehr verlassen müßte…

Urplötzlich erfaßte mich das brennende Verlangen alles stehen und liegen zu lassen und einfach zu ihm zu reiten. Es kostete mich fast meine gesamte Willenskraft es dennoch nicht zu tun. Noch konnte ich nicht weg. Nur noch eine kleine Weile! Gedulde dich! Du hast schon solange auf diesen Moment gewartet. Was sind da schon ein paar Tage mehr oder weniger? Er rechnet erst in einigen Monaten mit deiner Rückkehr. Du hast mehr als genügend Zeit.

“Denkst du an jemand bestimmtes?“ Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich hatte nicht gemerkt das Nuriko neben mir stand. Ihr Blick war ebenfalls auf den Horizont gerichtet und durch eine stille Sehnsucht getrübt. Fast wie von selbst antwortete ich ihr.

“Ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen...“ An ihrem Blick konnte ich sehen, daß ich nicht weiterzusprechen brauchte. Sie hatte verstanden.

“Du liebst ihn sehr, oder?“ Ich nickte. Die Gefühle die mich in diesem Augenblick durchströmten ließen sich nicht in Worte fassen. Sie waren einfach zu stark, zu intensiv. Wir sahen uns einen Moment lang an. Wir brauchten keine Worte um zu wissen, was die andere empfand. Ein lautes Poltern holte uns in die Gegenwart zurück.

“Miaka?!“ Wir lachten beide los als wir sie synchron ansprachen. Eines war sicher mit ihr und Nuriko würde mir in Konan nicht eine Minute lang langweilig werden.

“Sempai!“ Bei ihrem empörten Gesichtsaudruck konnte ich nicht anders als laut zu Lachen. Oh ja, es wird keinesfalls langweilig werden. Zum Dank für mein offensichtliches Mitleid überschüttete mich Miaka mit einer erneuten Schimpftriade und ich versuchte nur noch nicht dauerhaft zu lachen. Es tut mir leid Ayuru, aber sie braucht mich im Moment dringender als du. Warte noch ein klein wenig. Ich verspreche dir, daß ich pünktlich da sein werde. Und dann werden wir uns nie wieder trennen müssen.

Glücklicherweise hatte Nuriko irgendwann Mitleid mit mir und erlöste mich in dem sie bemerkte, das sie Miakas Dienste noch bräuchte. Sie betrat immer noch lächelnd ihre Gemächer. Dicht gefolgt von Miaka, die ihr mit einem leisen Fluch auf den Lippen folgte. Allerdings nicht, ohne sich noch einmal umzudrehen.

“Sempai, bitte gib Hotohori noch eine Chance. Er ist so freundlich.“ Eindringlich sah sie mich an und ich verwarf das, was ich ihr eigentlich hatte sagen wollen wieder. Sie war anders als ich. Sie vertraute den Menschen in ihrer Nähe und sah nur das Gute in ihnen. Wäre ich Shokitei nicht begegnet würde es mir vielleicht ebenso gehen. Doch was geschehen ist, ist geschehen. Man kann es nicht mehr auslöschen. Nurikos lautes Rufen rettete mich vor einer Antwort. Miaka verschwand im Inneren ihrer Gemächer. Nachdenklich setze ich mich auf die Brüstung des Übergangs und beobachtete erneut das dunkle Himmelszelt.

Im Grunde hatte sie recht. Ich war mit meinem Urteil zu vorschnell. Hotohori unterschied sich von Shokitei ebenso sehr wie der Tag von der Nacht oder die Sonne vom Mond. Es gab keinen einzigen vernünftigen Grund ihm mit einem solchen Mißtrauen zu begegnen, wie ich es tat. Nur konnte ich einfach nicht aus meiner Haut. Kaiser war Kaiser. Und wenn ich mich irrte? Was, wenn ich ihm furchtbar Unrecht tat?

Und was wenn nicht? Flüsterte eine kleine Stimme in meinem Unterbewußtsein. Was, wenn du recht hast? Was, wenn all die Freundlichkeit nur Fassade ist und er Miaka und die Anderen ins Unglück stürzt? Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?

Frustriert schwang ich mich hinunter auf die Rasenfläche und begann ruhelos das Gelände zu erkunden. Es hat keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich muß ihr nur helfen sämtliche Seishis zu versammeln und Suzaku zu beschwören. Danach kann sie wieder in unsere Welt zurückkehren. Und in diesem Fall kann ich ihm auch noch eine Chance geben. Es liegt ganz allein bei ihm, was er damit anfängt.

Als es unter meinen Füßen verdächtig feucht wurde blieb ich vorsichtshalber stehen. Verwundert stellte ich fest, das ich mich am Ufer eines Sees befand. Beinahe schob sich die Szene eines sonnigen Tages über die die mondbeschienene Oberflächen. Matuta und ich waren beide klitschnaß von dem Versuch Ayuru das Schwimmen beizubringen. Aber er begriff schnell und schon nach einer knappen Stunde schwamm er durch das Wasser als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan.

Es tat weh sich gleichzeitig an all diese glücklichen Momente zu erinnern und zu wissen was geschehen war. Eine Wolke schob sich vor den Mond und tauchte die Welt um mich herum in tiefste Dunkelheit. Lediglich die Laternen eines entfernten Weges spendeten noch etwas Licht. Vorsichtig ging ich rückwärts bis ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte. Ich war gerade dabei mein Vorhaben in Nurikos Gemächer zurückzukehren in die Tat umsetzen, als ich einen kurzen Schrei und ein lautes Platschen hörte.

“Miaka!“ Sie muß ganz in der Näher gewesen sein. Ohne zu zögern überbrückte ich den letzten Rest des feuchten Ufers und sprang ich in den See. Der Mond schien nun wieder hell wie eh und je. Nach nur wenigen Zügen entdeckte ich sie. Sie war bereits halb untergegangen. Als ich die Stelle endlich erreichte tauchte sie bereits nicht mehr auf. Ich schoß in die Tiefe und fand sie zwischen etlichen Schlingpflanzen. Ihre Füße hatten sich in den langen Pflanzen verheddert und allein kam sie nicht frei. So fest es ging zog ich an den glitschigen Stengeln bis sie sich endlich mitsamt den Wurzeln aus dem Schlamm lösten. Miaka hatte schon fast keine Luft mehr in ihren Lungen.

Ich zog sie keuchend als Ufer und ignorierte den brennenden Schmerz in meiner Brust. Hustend rang sie nach Luft. Erleichtert ließ ich mich ins Gras neben sie fallen. Ihr ist nichts passiert! Gott sei Dank!

Es dauerte nicht lange bis sie wieder fit war. Dennoch weigerte sie sich auf meine Frage zu antworten, was sie um diese Zeit allein in den Gärten des Kaisers machte. Statt dessen stürmte sie schon bald davon. Irgend etwas Wichtiges hatte sie anscheinend beinahe komplett vergessen. Dieses Mädchen! Kopfschüttelnd sah ich ihr nach.

Sie ist alt genug um zu wissen was sie tut. Ich kann nicht den ganzen Tag an ihrer Seite sein um sie zu beschützen. Aber ich kann einfach nicht anders als mir um sie Sorgen zu machen. Tolpatsch, der sie ist wird so etwas immer wieder passieren. Nur bitte, wenn es geht nicht wieder so schnell.

Ein leichter Windhauch ließ mich frösteln. Beinahe hätte ich vergessen, daß ich ebenfalls klatschnaß war. Zeit endlich ins Warme zurück zu kehren. Als ich aufstand schmerzten meine Beine leicht. Sie waren mit unzähligen, dünnen Schnitten übersäht. Sie bluteten kaum, aber es war ein ähnlich angenehmes Gefühl, als wenn man sich an Papier schneidet.

Das war bestimmt passiert als ich Miaka durch das Schilf getragen haben. Halb so wild. Morgen früh ist davon bestimmt nichts mehr zu sehen. Apropos sehen… wo genau liegen eigentlich noch mal Nurikos Gemächer?

 

Suchend sah ich mich um, aber außer ein paar spärlich beleuchteten Wegen gab es nicht den geringsten Hinweis darauf in welcher Richtung sich der Palast befand. Zitternd schleppte ich mich einfach auf den erstbesten, größeren Lichtschein zu und hoffte einfach darauf, das es ein Gebäude war. Ich wurde nicht enttäuscht, aber es war keine Unterkunft, wie ich gehofft hatte sondern ein von allen Seiten offener Gartenpavillon. Ratlos ließ ich mich auf eine der Bänke in seinem Innern fallen.

Und was jetzt? Wenn ich die ganze Nacht hier sitzen bleibe habe ich morgen früh garantiert eine Erkältung. Von Minute zu Minute wurde mir kälter und mein Versuch mich mit den Händen warm zu reiben brachte ebensowenig. Ich mußte so schnell wie möglich aus den nassen Klamotten raus. Die ersten Nieser ließen sich bereits nicht mehr zurückhalten. Super! Eine Erkältung! Genau das, was ich jetzt noch brauche.

“Rei?“ Überrascht sah ich mich um und entdeckte schließlich Hotohori in der anderen Ecke des Pavillons. Besorgt kam er auf mich zu. Innerlich zuckte ich sofort zusammen. Shokitei hatte bei Ayuru einmal etwas Ähnliches getan bevor...

“Du bist ja völlig durchnäßt.“ Ich holte tief Luft und zwang mich nicht länger an jenen Abend zu denken. Behutsam legte er eine Hand auf meine Stirn. Ich wich ihm aus und funkelte ihn eisig an. Ihm schien das jedoch zu entgehen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren streifte er seinen Mantel ab und hüllte mich darin ein. Und ehe ich protestieren konnte hob er mich hoch und trug mich in den Palast.

Ich war zu müde und zu schwach mir Gedanken um seine Absichten zu machen und ließ es einfach geschehen. Der Mantel war noch warm gewesen und mein Körper war dankbar dafür. Es fiel mir immer schwerer die Augen offen zu halten. Die plötzliche Wärme machte mich schläfrig.

Wahrscheinlich fand ich mich deswegen auch völlig überraschen in einem warmen Bad wieder. Um mich herum wuselten rund ein Dutzend Dienerinnen und von Hotohori fehlte weit und breit jede Spur. Dankbar ließ ich mich zurück in das heiße Wasser sinken und schloß die Augen während geübte Hände meine Schultern massierten. Ich merkte gar nicht, wie ich erneut wegdämmterte bis mich jemand anstieß.

Etwas wackelig auf den Beinen ließ ich mich von den Dienerinnen aus dem Wasser führen und trocken rubbeln. Durch einen leichten Nebelschleier, der sich bereits vor geraumer Zeit um meine Gedanken gelegt hatte, bemerkte ich wage, wie sie sich nebenbei um die dünnen Schnitte an meinen Beinen kümmerten. Wahrscheinlich wäre ich auf der Stelle im Stehen eingeschlafen wäre da nicht ihr unablässiges Geschwätz gewesen.

Dankbar lächelte ich sie an als sie mir in einen etwas zu groß geratenen Yukata halfen. Er war wunderbar weich und flauschig. Das Bedürfnis nach Schlaf wurde immer stärker. Erst als man mich in die Kühle Nachtluft führte klärten meine Gedanken wieder auf. Nach wie vor hatte ich nicht die geringste Ahnung in welchen Teil des Palastes ich mich befand doch auch diese Sorge verblaßte bald. Die Dienerinnen hatten mich in einen Raum geführt der ein Teil meiner Gemächer sein sollte. Allein der Anblick des riesigen Bettes reichte aus um mich auch das letzte bißchen meiner Wachsamkeit verlieren zu lassen. Wie ein Stein fiel ich auf die kühlen Laken und schlief augenblicklich ein. Allerdings nicht für lange. Wenigstens kam es mir so vor.

Mit der Sanftheit eines Vorschlagshammers weckten mich Tamahome und Nuriko. Sie faselten irgend etwas von wegen Miaka und das sie vollkommen allein in den Gemächern des Kaisers wäre...

Mit einem Schlag war ich wach. Bevor die Beiden wußten wie ihnen geschah sprang ich aus dem Bett und griff nach dem Schwert das an einem der Bettpfosten. Ich wies sie an mir auf der Stelle den Weg zu zeigen. Soviel also zum Thema dem Kaiser vertrauen! Sollte er es wagen Hand an sie zu legen ist es das letzte, was er in diesem Leben getan hat.

Atemlos standen wir vor der Wand seines Schlafzimmers und lauschten. Noch war nicht das geringste zu hören, aber das bedeutete rein gar nichts. Ich packte mein Schwert fester und war bereits entschlossen in den Raum zu stürmen als plötzlich die Wand in tausend Stücke zerbrach.

Im Gegensatz zu Nuriko und Tamahome gelang es mir gerade noch in den Schatten zurückweichen. Die Szene die sich uns bot war kaum mißzuverstehen. Miaka lag mit halbgeöffneten Yukata auf dem Bett des Kaisers und dessen Kleidung sah kaum besser aus. Ich verfluchte innerlich Naivität. Ich hätte ihm nicht trauen dürfen. Niemals!

Nach einem kurzen Wortwechsel trat Hotohori zu uns in den Gang. Er warf noch einen letzten Blick zurück auf Miaka, die alles bleich beobachtete. Mit einer leisen Entschuldigung auf den Lippen zogen sich Nuriko und Tamahome zurück. Der Kaiser und ich blieben allein zurück.

Nein. Noch einmal werde ich das ganz bestimmt nicht zulassen. Gelassen löste ich mich aus dem Schatten und folgte dem Kaiser. Noch wandte er mir den Rücken zu, aber ich war mir sicher, daß er mich bereits vor geraumer Zeit bemerkt hatte. Erst als wir seine Gemächer ein gutes Stück hinter uns gelassen hatten blieb er stehen.

“Miaka bat dir eine Chance zu geben, aber ich glaube das war ein Fehler.“ Langsam drehte er sich um und erwiderte meinen Blick.

“Was soll das heißen?“ Ich ging einen Schritt auf ihn zu und senkte meine Stimme zu einem Flüstern.

“Nur eines. Es ist eine Warnung. Rühr sie noch einmal an und es wird das Letzte sein, was du tust.“ Er begriff schnell was ich meinte. Seine Augen weiteten sich ungläubig.

“Du tust mir Unrecht. Ich würde sie nie zu etwas zwingen. Ich liebe sie!“ Lächelnd zog ich mein Schwert.

“Große Worte. Die Frage ist nur sind sie wahr?“ Ehe er antworten konnte legte ich einen Finger auf seine Lippen.

“Es wäre besser für dich, wenn du dich an das hältst was du gerade gesagt hast. Wenn nicht...“ Schwungvoll hieb ich das Schwert in die Wand hinter ihm. Eisig lächelte ich ihn an während ich den Griff allmählich losließ.

“Du verstehst?“ Er nickte leicht. Mit einer kurzen Verbeugung verabschiedete ich mich von ihm. Vielleicht tat ich ihm doch Unrecht. Er hat nicht für einen einzigen Moment die Fassung verloren sondern standgehalten. Er ist ein Ehrenmann… Zu weiteren Erkenntnissen kam ich jedoch nicht mehr. Meine Beine gaben urplötzlich unter mir nach und alles versank in Dunkelheit.

°°°Du hast es also tatsächlich geschafft in diese Welt vorzudringen.°°° Allein der Klang dieser Stimme genügte um mir kalte Schauer über den Rücken zu jagen. Es waren zwar bereits etliche Jahre vergangen seitdem ich sie zum letzten Mal vernommen hatte aber ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern. Ein Moment dunkler Vorahnungen verstrich ehe ich es schaffte meinen Blick zu wenden und ihm ins Gesicht zu sehen. Direkt über mir schwebten seine grausamen Augen in der Dunkelheit. Sein Mund verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln als das Blut in meinen Adern allmählich zu Eis gefror.

“Tenkou!“ Ich wußte, das es ein Traum sein mußte in dem ich mich befand, denn in der wirklichen Welt hatte er keine Macht und konnte auch nicht derartig in Erscheinung treten. Der Schatten seiner riesenhaften Gestalt bewegte sich gemächlich in meine Richtung und machte ihn nur noch bedrohlicher. Außer seinem Kopf und seinen Händen war in der Dunkelheit nichts von seinem Körper zu erkennen. Zum Glück war ich viel zu wütend auf ihn als das ich mir darüber Gedanken gemacht hätte was alles als nächstes geschehen konnte.

°°°Du wirst scheitern.°°° Ich ignorierte ihn bis auf weiteres und stand auf. Es ist ein Traum. Nur ein Traum. Du wirst aufwachen und er wird verschwinden so einfach ist da. Beinahe so als hätte er meine Gedanken erraten begann er gehässig zu lachen.

°°°Du glaubst immer noch, das du mir gewachsen bist? Ich bin viel zu mächtig für dich.°°° Ja, ja red du nur. Es gibt immer eine Möglichkeit jemanden wie dich zu Fall zu bringen. Wie heißt es doch so schön? Was hoch hinauf steigt fällt auch tief. Es störte ihn nicht sonderlich, daß ich ihm auch weiterhin nicht antwortete. Er hielt mir weiterhin einen endlosen Vortrag darüber wer er war und welche unwichtige Rolle ich in seinen Plänen doch spielte. Und irgendwo dazwischen ließ er sich dazu herab eine halbwegs normale Gestalt anzunehmen. Er überragte mich immer noch um gut und gerne drei bis vier Köpfe. Selbst Ayuru würde ihm gegenüber klein erscheinen. Ich schenkte ihm einen entnervten Blick den er lächelnd quittierte.

°°°Von nun an werde ich dein ständiger Begleiter sein.°°°

“Oh bitte Tenkou, verschon mich. Such dir jemand anderen den du heimsuchen kannst. Ich brauche keinen Poltergeist als Haustier.“

°°°Du entkommst mir nicht mehr. In dieser Welt gehörst du mir.°°° Er packte meine Arme und drückte mich zu Boden. Wilde Panik stieg in mir auf, aber ich hatte nicht die geringste Chance. Er war zu schnell und zu stark.

°°°Du gehörst mir.°°° Mit einem zufriedene Grinsen ließ er mich kurz frei nur um meine Arme danach erneut mit einer Hand zu packen. Er zwang sie über meinen Kopf und drückte sie dort zu Boden während er mit seiner anderen Hand besitzergreifend über meine Kleidung strich. Instinktiv versuchte ich mich zu befreien. Doch alles, was man mir in zahlreichen Selbstverteidigungskursen beigebracht hatte verpuffte wirkungslos an seiner schwarzen Gestalt. Er hielt mich eisern fest. Es war vollkommen unmöglich freizukommen. Sein gesamtes Gewicht ruhte auf mir. Ich war ihm hilflos ausgeliefert. Zufrieden beobachtete er wie ich mich verausgabte um unter ihm wegzukommen. Von Minute zu Minute wurde sein Gesichtsausdruck zufriedener. Er wußte, daß er gewonnen hatte.

°°°Hast du mir nicht vor langer Zeit gesagt…°°° Langsam begann er damit den Gürtel meines Yukatas zu lösen.

°°°…vorher werde ich dir noch eine Menge Schwierigkeiten bereiten. Hmm?°°° Seine Lippen liebkosten meinen Hals. Eine eisige Klammer legte sich um Herz. Ich wußte genau, was er vorhatte. Erneut versuchte ich mich von ihm zu befreien. Zwecklos. Er machte unbeirrt weiter.

°°°Glaub ja nicht, das ich keinen Weg finden würde um ihn vor dir zu schützen. Waren das nicht deine Worte?°°° Lächelnd ließ er eine Hand über meine Brüste streifen. Mein Körper erstarrte.

°°°Warum wehrst du dich dann nicht? Wolltest du mir nicht die Stirn bieten? Sind dein Kräfte so schnell erschöpft?°°° Am Liebsten hätte ich meine Verzweiflung lauf hinausgeschrieen, aber diesen Triumph würde ich ihm nicht gönnen. Ich würde nicht zulassen, daß er auf diese Art und Weise über mich siegte. Erneut suchte ich nach einem Schwachpunkt bei ihm. Er kann mich doch nicht ewig so festhalten. Er quittierte meine verzweifelten Versuche mit hämischem Gelächter. Bald hatte ich nicht kein einziges Stückchen Stoff mehr am Körper.

°°°Was auch passiert ich werde ihn niemals im Stich lassen.°°° Ich spürte seine Hand zwischen meinen Beinen. Triumphierend sah er auf mich herunter.

“Nein!“ Ohne zu wissen wie gelang es mir ihm ein Knie in den Magen zu rammen. Sofort verschwand seine Hand. Für den Moment hatte ich einen kleinen Sieg errungen, aber das beeindruckte ihn kaum.

°°°Es ist mir egal was mit mir passiert, aber ich kann nicht zu lassen das er leidet.°°° Mit einem teuflisch süßen Lächeln sah er mich an.

°°°Es war töricht von dir mich herauszufordern.°°° Schwungvoll warf er mich erneut zu Boden und küßte mich lang und begehrend. Ich hatte das Gefühl daran zu ersticken. Wütend biß ich in seine Lippen. Es gab nicht den geringsten Zweifel an seinen Absichten, aber so leicht würde ich es ihm nicht machen. Solange ich mich noch wehren konnte würde ich das auch tun.

°°°Du scheinst nicht zu wissen wann du einen Kampf verloren hast.°°° Abwesend wischte er sich das Blut von den Lippen. Mein Blick lag haßerfüllt auf ihm, was ihn erneut zum Lachen brachte.

°°°Mal sehen wie lange du das durchhalten wirst.°°° Ehe ich ihm antworten konnte fiel er wie ein ausgehungertes Tier über mich her. Es war grauenvoll. Egal wie sehr ich auch versuchte mich dagegen zu wehren es gelang mir nicht. Er war zu stark. Ich war ihm schutzlos ausgeliefert. Als er endlich von mir abließ war ich nur noch ein Schatten meiner Selbst. Ich schaffte es nicht einmal mehr meine Blöße zu bedecken. Zufrieden sah er auf mich hinunter.

°°°Jetzt weißt du wie er sich damals gefühlt hat.°°° Ich zuckte zusammen. Diese Worte hatten mich wie ein Peitschenschlag getroffen. Zuviel war in diesem Moment in mir zerbrochen. In all den Jahren ist mir niemals so deutlich bewusst gewesen was Ayuru alles hatte erleiden müssen. Leise bahnten sich meine Tränen ihren Weg. Tenkou beugte sich zu mir herunter und fing sie mit seiner Zunge auf.

°°°Da du nun in seiner Welt bist werden wir uns öfter begegnen.°°° Mein Puls begann zu rasen und ich zog mich vorsichtig von ihm zurück. Es war reiner Instinkt. Zufrieden sah er mich an.

°°°Von heute an gehörst du einzig und allein mir.°°° Mein Entsetzen wuchs immer weiter und ließ ihn nur noch selbstgefälliger lächeln. Mein gesamter Körper zitterte.

°°°Das war es doch was du wolltest, oder? Ihn nicht leiden zu lassen. Ich gebe dir die Gelegenheit. Da du nun hier bist werde ich ihn eine Weile in Ruhe lassen. Sieh es als Tausch. Sein leben für deins.°°° Und um seinen Worten Nachdruck nahm er meinen Körper ein weiteres Mal in Besitz. Ich schrie meinen Schmerz in die Dunkelheit hinaus als er sich von mir nahm, was er wollte. Meine Gegenwehr war zusammengebrochen. Er war zu stark und ich hatte keine Kraft mehr. Von diesem Moment an war ich ihm ausgeliefert. Es gab nichts und niemanden, der mich vor ihm würde schützen können. Er war ein Geist nicht wirklich und dennoch fügte er mir Schmerzen zu wie es kein anderer außer ihm vermochte.

°°°Von nun an werden wir uns jede Nacht sehen.°°° Zufrieden lächelnd lag sein Gesicht über mir während ich mich schluchzend zusammenrollte. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als das er endlich aufhören würde.

°°°Du hast keine Chance mir zu entkommen. Jetzt nicht mehr.°°° Seine Hand fuhr an meinem Rückrat entlang. Wimmernd vergrub ich den Kopf zwischen meinen Armen. Nicht noch mehr. Bitte nicht noch mehr! Er brach in schallendes Gelächter aus, das mir in den Ohren weh tat. Das war der Moment in dem ich erneut schrie.

“Rei-chan! Rei-chan! Beruhige dich doch!“ Verzweifelt versuchte ich die Hand, die sich auf meine Schulter legte abzuschütteln. Nicht noch einmal! Bitte nicht!

“Rei-chan?“ Das ist nicht Tenkou! Seine Stimme ist viel kälter. Ich zwang mich dazu die Augen zu öffnen. Für einen Moment war ich wie erstarrt als Nurikos verschwommenes Gesicht vor mir auftauchte.

“Du zitterst ja am ganzen Körper.“ Besorgt sah sie mich an. Ich wußte nicht ob ich vor Erleichterung lachen oder weinen sollte. Ein Traum! Es war nur ein Traum! Ein gottverdammter Traum! Ich schlang die Arme um meinen Körper und ohne es zu wollen brach ich in Tränen aus.

Ja, jetzt weiß ich, wie sich Ayuru gefühlt hat als Shokitei das erste Mal zu ihm kam. Mehr noch als es jemals zuvor der Fall gewesen ist. Tenkou hat mich jede Einzelheit davon bis in die kleinste Faser meines Körpers spüren lassen. Er hat nichts ausgelassen. Nichts!

Er ist wirklich ein Dämon! Mit aller Macht versucht er meinen Willen zu brechen um Ayurus Leben einzig und allein unter seine Kontrolle zubekommen. Und fast wäre ihm das auch gelungen. Fast hätte ich aufgeben. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so hilflos gefühlt wie in dem Moment als er sich meinem Körper nahm. Seine Drohung, daß er mich von nun an jede Nacht heimsuchen würde hallte immer noch in meinen Ohren nach. Ich wußte, daß ich es nicht würde verhindern können, aber aufgeben konnte ich ebenso wenig. Würde es ihm gelingen mich soweit zu bringen, dann wäre Ayuru ihm hilflos ausgeliefert.

Doch was ist mit mir? Ist es das wirklich wert? Das jede Nacht über sich ergehen zu lassen, um ihn zu beschützen? Ich brauchte nicht einmal einen Lidschlag um mich zu entscheiden. Wenn das bedeutete, das Ayuru vor ihm in Sicherheit war würde ich Tenkou in meinen Träumen ertragen. Das war alles, was ich für ihn tun konnte.

Da ich mich immer noch nicht regte hüllte Nuriko mich schließlich in eine Decke und drückte mich fest an sich. Die Wärme ihres Körpers vertrieb allmählich das Zittern, das mich heimsuchte und die Tränen, die über meine Wangen rollten. Egal was Tenkou mir auch noch antun würde es war nicht real! In der Wirklichkeit hat er keine Macht. Er kann hierhin nicht vordringen. Dafür ist er zu schwach. Er ist ein Wesen der Nacht und der Träume. Solange die Sonne scheint bin ich vor ihm sicher.

Dieses Wissen entlocktes mir ein bitteres Lachen. Ja, solange ich schlafe bin ich ihm ausgeliefert und er versuchen mich zu zerbrechen, aber ich würde ihm diesen Triumph nicht gönnen. Ayuru hat zuviel ertragen müssen als das mich ein selbsternannter Gott noch weiter von ihm fernhalten könnte. Tenkou darf und wird nicht gewinnen! Niemals! Ich griff nach Nurikos Arm und krallte mich daran fest.

“Bitte, sag Miaka und den anderen nichts.“ Zögernd nickte sie. Dennoch bestand sie auf eine Erklärung. Zögernd erzählte ich ihr von meinem Alptraum. Tenkous Namen verschwieg ich ihr jedoch. Es überraschte mich wie ruhig ich dabei klang. Es hörte sich tatsächlich so an als wäre es nur ein Alptraum gewesen, den mein Fieber hervorgerufen hatte. Ihrem Blick nach traute sie dem Braten zwar nach wie vor nicht, aber sie gab nach. Die Anderen würden nichts erfahren.

“Ruh dich noch etwas aus. Es wäre nicht gut, wenn sie dich in diesem Zustand sehen.“ Kurz drückte sie meine Hand.

“Danke.“ Schluchzend sank ich gegen ihre Schulter. Beruhigend strich sie über meinen Rücken und summte dabei leise. Allmählich gelang es mir meine Fassung wiederzuerlangen und mir fiel plötzlich etwas auf, was mich eigentlich schon eine ganze Weile lang hätte stutzig machen müssen. Mein Kopf lag mitten auf Nurikos Brust und da war rein gar nichts. Keine Erhebung, keine Wölbung. Nichts von alldem! Sie war flach wie ein Brett!

Vorsichtig löste ich mich von ihr und sorgte mit einer völlig unbeabsichtigt wirkenden Bewegung dafür daß ihr Yukata verrutschte. Wer von uns beiden in diesem Augenblick überraschter war kann ich unmöglich sagen. Sie war ganz eindeutig ein Mann! Daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Noch ehe sie (besser gesagt er) seine Fassung wiedergewonnen hatte brach ich in schallendes Gelächter aus. Das sich nur noch weiter verstärkte als er mir etwas von fehlendem Taktgefühl erzählte. Es war genau das Richtige nach dieser schrecklichen Nacht. Am Ende lachten wir beide und ich versprach ihm hoch und heilig nichts von seinem kleinen Geheimnis zu verraten solange er kein Wort über meines verlor. Ein fester Handschlag besiegelte diesen Pakt. Und als Nuriko mich mit der hereinbrechenden Dämmerung allein ließ fiel ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf aus dem mich später das Gezwitscher einiger Vögel weckte.

Eigentlich hätte es ein schöner Tag werden können, aber die Erinnerung an die vergangene Nacht ließ mir keine Ruhe und mein ungutes Gefühl erhielt bald darauf eine Bestätigung. Kaum war ich eingeschlafen wiederholte sich dasselbe wie in der Nacht zu vor.

Es kostete mich fast all meine Willenskraft und Schauspielkunst mir von all dem nichts anmerken zu lassen. Oder damit fertig zu werden, das Tenkou mir nun wirklich jede Nacht Gesellschaft leistete. Er ließ sich für jeden seiner Besuche etwas Neues einfallen. Am schlimmsten war es wenn er zuvor grausam war und in nächsten Moment zärtlich wie ein besorgter Liebhaber. Ich konnte machen was ich wollte, aber mein Körper gehorchte mir in seiner Gegenwart schon lange nicht mehr. Er behielt recht, ich konnte ihm nicht entkommen. In meinen Träumen herrschte nur noch er und ich war ihm hilflos ausgeliefert.

Nuriko merkte sehr schnell, das etwas mit mir nicht stimmte, aber ich wich ihm aus. Vor allem, da im Laufe Woche noch wesentlich mehr passierte als nur das. Miaka schaffte es endlich Tamahome ihre Gefühle zu gestehen und ich musste erkennen, das ich Hotohori komplett falsch eingeschätzt hatte. Er war das genaue Gegenteil von Shokitei.

Als Miaka krank wurde tat er alles Menschenmögliche um ihr zu helfen. An ihrem Zustand war übrigens Nuriko zwar nicht so ganz unschuldig, aber das konnte ich ihm nicht mal verübeln. Er nannte das weibliche Eifersucht und irgendwie stimmte es auch. Der Kaiser hatte sich in Miaka verliebt, diese liebte Tamahome, Nuriko liebte den Kaiser und Tamahome wußte nicht was er tun sollte als Miaka ihm ihre Gefühle gestand. Es war ein heilloses Durcheinander.

Letztendlich gab es nur eine einzige Chance für Miaka wieder gesund zu werden. Sie mußte in unsere Welt zurückkehren. Und so machten wir uns schließlich auf um Taiitsu-kun zu suchen. Jenem großen Propheten, der das Universum der vier Götter geschaffen und je eine Schriftrolle davon an die vier Königreiche weitergegeben hatte.

Sowohl die Genbu als auch die Byakko no Miko waren bereits erschienen und mit Miaka nun auch die Suzaku no Miko. Einzig und allein in Kutou wartete man noch verzweifelt auf das Erscheinen der Seiryuu no Miko. Die Bewohner dort hofften darauf von ihrer Miko ein für alle Mal von Shokiteis grausamer Herrschaft befreit zu werden während dieser erwartete mit Hilfe der Miko noch mächtiger zu werden. Ich hoffte nur niemals erleben zu müssen, wie das geschah.

Der Weg zu Taiitsu-kun hatte es jedoch in sich. Bestimmt drei Dutzend Mal wurden wir unterwegs überfallen oder fast getötet. Zum Glück für Miaka und zum größten Erstaunen der anwesenden Herren war ich durchaus in der Lage mich selbst und gegebenenfalls auch sie zu verteidigen.

So ganz nebenbei kam dann auch endlich Klarheit in Tamahomes Gefühle gegenüber Miaka. Obwohl er ohne Nurikos tatkräftige Unterstützung wohl heute noch nichts davon wissen würde. Die Sache hatte nur einen ganz gewaltigen Haken. Hotohori. Er war ebenfalls in Miaka verliebt und im Gegensatz zu Tamahome wußte er das ganz genau. Allerdings respektierte er Miakas Entscheidung. Wenigstens vorerst wie er sich ausdrückte.

Mir behagte das Ganze zwar immer noch nicht so recht, aber allmählich schloß ich mit Hotohori ebenfalls Freundschaft. Er fragte mich nie nach dem Grund für mein anfängliches Verhalten und das rechnete ich ihm hoch an.

Wie sehr die beiden in Miaka verliebt und wie ernst ihre Schwüre waren zeigte sich als diese sich eine tödliche Wunde zugefügt hatte um uns alle zu retten. Weder Nuriko, dessen kleines Geheimnis inzwischen aufgeflogen war, noch ich hatten die geringste Ahnung wie wir Miaka noch retten sollten. Die Wunde in ihrer Brust blutete unaufhörlich und erst als es beinahe zu spät war stoppte die Blutung endlich.

Dennoch waren wir mehr als nur erleichtert, als sich plötzlich Taiitsu-kun zeigte und sich um die Versorgung der Wunde kümmerte. Gut, eigentlich war sie auch für die ganze Misere verantwortlich, da sie testen wollte ob Miaka wirklich dafür geeignet war Suzaku no Miko zu sein, aber sie renkte es auch ebenso schnell wieder ein. Sie besaß schon einen eigenartigen Sinn für Humor, aber ich mochte diese alte Dame recht gern, auch wenn ich ihre Methoden nicht gerade gut hieß.

Ihr war es auch zu verdanken, das Miaka letztendlich wohlbehalten in unsere Welt zurückkehrte. Wobei diese Möglichkeit tatsächlich nur für Miaka als Suzaku no Miko galt und nicht für mich. Das ersparte es mir eine Ausrede zu suchen warum ich in dieser Welt bleiben wollte.

Meine Anwesenheit war für Taiitsu-kun auf den ersten Blick anscheinend etwas völlig überraschendes, aber ein leichtes Funkeln in ihren Augen ließ mich erkennen, das es nur so aussah. Ich war mir ziemlich sicher, daß sie bereits wußte was mich mit dem Universum der vier Götter verband oder es zumindest ahnte.

Eingetaucht in rotes Licht verschwand Miaka aus dieser Welt und für uns gab es nur noch eines, was wir tun konnte. Warten! Da ich bereits aus eigenere Erfahrung wußte, das dies einige Zeit dauern würde nahm ich Taiitsu-kuns Einladung sich ein paar Tage bei ihr auszuruhen Dankbar an. Dasselbe galt für die drei anderen, die bis auf Nuriko eine Pause dringend nötig hatten um sich von ihren Wunden zu erholen.

Leider mußte ich bald feststellen, daß ich selbst in Taiitsu-kuns Hoheitsgebiet nicht von Tenkou verschont blieb. Da meine Nächte alles andere als angenehm verliefen nutze ich die Tage so gut es ging um mich auf jede erdenkliche Art und Weise abzulenken. Natürlich blieb keinem der Anwesenden verborgen, das etwas nicht stimmte, aber ich schob es einfach auf ein ganz natürliches Frauenproblem, das sich nun eben einmal im Monat einstellte.

Erst als die Anderen bereits gepackt hatten und sich auf die Rückkehr nach Konan vorbereiteten rückte ich damit heraus, daß ich das Land gern auf eigene Faust erkunden würde. Zu diesem Zeitpunkt waren wir gut und gerne bereits eine Woche Taiitsu-kuns Gäste gewesen. Selbstverständlich protestierten sie von allen Seiten.

In ihren Augen war es glatter Selbstmord allein als Frau herumzuirren. Doch ich ließ mich nicht von meinem Entschluß abbringen. Wenn ich mich jetzt nicht auf den Weg machte würde ich Ayuru niemals rechtzeitig erreichen. Wenn Miaka zurückkehrte wären mir erneut die Hände gebunden. Dann würde ich bleiben und niemals aufbrechen, das wußte ich.

Erst als Taiitsu-kun ihnen versicherte, daß ich ganz gut auf mich selbst aufpassen könnte und mir schon keiner zu nahe kommen würde gaben sie sich geschlagen und wünschten mir eine gute Reise.

Mit einem flauen Gefühl im Magen sah ich zu wie meine Freunde in Richtung Konan aufbrachen. Wenn sie gewußt hätten wohin mich meine Reise führen würde, dann hätten sie mich niemals gehen lassen. Erst als sie bereits nicht mehr zu sehen waren schwang ich mich auf den Rücken meiner Stute und folgte der Straße, die Taiitsu-kun mir als direkten Weg nach Kutou gewiesen hatte.



02-04-07
edit: 07-02-10

Fortsetzung:
Kapitel 04 – Drei Monde




Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“



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