Part 40

06-06-18

Love of an angel

         Part 40

 

Eden

 

Nachdenklich sah ich aus dem Fenster zu meiner Linken auf den immer kleiner werdenden Fleck, der hinter uns zurückblieb. Vergeblich versuchte ich mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Er würde mir ohnehin nicht verzeihen.

„Machst du dir Sorgen?“ Beinahe lautlos hatte sich Uriel neben mich gestellt. Seit wir den Rebellenstützpunkt verlassen hatten wich er nur noch selten von meiner Seite. Fast so als hätte er es sich zur Aufgabe gemacht von nun an meinen ständigen Beschützer zu ersetzen.

„Würde ich mir keine machen, würde es dich nur noch mehr beunruhigen. Oder?“ Seufzend sah er mich an. Anscheinend hatte er mir einer solchen Antwort bereits gerechnet.

„Du hast das Richtige getan. Irgendwann wird er es verstehen.“

„Nein, er wird es mir niemals verzeihen.“ Bevor er etwas erwidern konnte bat ich ihn mich eine Weile allein zulassen. Zögernd ließ er mich gewähren obwohl ich genau sehen konnte wie wenig es ihm behagte. Er machte sich große Sorgen um mich. Seit sie mich aus meinem Traum befreit hatten sprach ich kaum noch mit den Anderen. Was zum Großteil auch an meinem Geständnis lag, was meine wahre Herkunft angeht.

„Es tut mir leid Cee.“ Aber es kann durchaus sein, das ich es dieses Mal nicht schaffe mein Versprechen zu halten… Behutsam legte ich eine Hand über meinen nach wie vor schmerzenden linken Unterarm. Er hat festzugebissen. Weitaus fester, als notwendig gewesen wäre. Einzig und allein um mich dauerhaft an ein Versprechen zu erinnern von dem ich nicht wußte ob ich es halten konnte.

Er ahnte jedoch nichts davon und beschützte nun an meiner statt Raziel sowie die Rebellen der Anima Mundi. Die Wunde auf meinem Arm würde erst dann heilen, wenn ich zurückkehrte. Das hatte ich ihm versprochen. Aus diesem Grund hatte ich meine Kräfte blockiert und die Heilung verhindert. Um ganz sicher zu gehen hatte ich die Verletzung zusätzlich mit einem Bann belegt. Erst eine erneute Berührung von Cees rauher Zunge würde sie heilen lassen. Die Schmerzen und der weiße Verband unter meiner dunklen Kleidung sollten mich daran erinnern, daß einer meiner ältesten Freunde auf meine Rückkehr wartete.

Seufzend lehnte ich mich gegen die Wand und heftete den Blick auf die Spitzen meiner Stiefel. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt ihn zurückzulassen, aber plötzlich ist alles so unglaublich schnell gegangen. Es blieb uns kaum noch Zeit zum Nachdenken.

Noch ehe wir aufbrachen hatte mich Raziel zur Seite gezogen und mich mit einem Angebot überrascht, das ich unmöglich annehmen konnte. Zumindest nicht von ihm.

Entgegen allen Behauptungen Belials hatte sich die Anima Mundi schon vor geraumer Zeit mit einigen Dämonen verbündet. Und als er mir einen Teil von ihnen vorstellte blieb mein Herz fast stehen. Mitten unter ihnen befanden sich sowohl Lyakaon als auch Cassiel sowie ein Teil der Kinder, die ich schon längst in Sicherheit geglaubt hatte. Sie alle waren bester Laune und schienen sich der Gefahr, die ihnen drohte nicht im Geringsten bewußt zu sein. Fast könnte man annehmen lediglich an einer harmlosen Truppenübung, als an einem Krieg beteiligt zu sein.

Nur dank der jahrelangen Übung gelang es mir alles, was ich ihnen wegen ihres bodenlosen Leichtsinns an den Kopf werfen wollte, hinter meinen Lippen zurückzuhalten. Sie hatten bereits bewiesen, daß sie in dieser Welt durchaus überleben konnten. Und nun, da sie endlich auf meine damaligen Worte zu hören schienen und zusammenarbeiteten hatten sich ihre Chancen auch weiterhin am Leben zu bleiben deutlich erhöht. Trotzdem gefiel es mir überhaupt nicht sie mitten unter den Rebellen zu sehen. In meinen Augen waren sie alle noch Kinder. Ich wollte sie in Sicherheit wissen statt an der Front. Nur konnte ich ihnen auch nicht verbieten an diesem Kampf teilzunehmen. Er ging sie ebenso an, wie alle Anderen.

Da er meinen mißbilligenden Gesichtsausdruck sehr wohl bemerkt hatte erklärte mir Raziel hastig, das sie sich alle aus freien Stücken der Anima Mundi angeschlossen hatten. Erst hatte er versucht sie wieder zurück zuschicken, aber so leicht hatten sich meine einstigen Schützlinge nicht geschlagen geben. Ich ahnte bereits welchen der beiden Anwesenden es zu verdanken war, das Raziel ihrem letztendlich Drängen nachgeben hatte.

Lyakaon fing meinen düsteren Blick auf und Schnitt eine Grimasse bevor er mir grinsend versicherte, das sowohl seine Schwester als auch der Rest des Trupps sich in Sicherheit befanden. Gemeinsam bewachten sie den leblosen Körper von Iadara. Sollte man sie entdecken waren sie so gut ausgerüstet um sich lange genug verteidigen zu können bis Hilfe eintraf. Nichts davon beruhigte mich und als Lyakaon gemeinsam mit seinem neuen besten Freund Cassiel zur nächsten Trainingseinheit verschwand fragte ich Raziel warum er mir all das gezeigt hatte. Mir wäre wesentlich wohler, wenn ich es nicht erfahren hätte.

„Es könnte eine Möglichkeit sein…“ Ich verstand kein einziges Wort. Er versuchte eine zeitlang mir auszuweichen ehe er weitersprach.

„Shao-san, wenn es wirklich dein Wunsch ist zu sterben, dann werde ich sie bitten mir zu helfen.“ Seine klaren Augen blickten entschlossen zu mir auf. Das Blut wich aus meinen Wangen als ich begriff, was genau er mir da vorschlug.

„Nein, Raziel! Nein!“ Entschlossen schüttelte ich den Kopf.

„Das kann ich nicht von dir verlangen.“ Das kann ich von niemandem von euch verlangen…

„Doch, du kannst! Shao-san du-“ Flehend legte ich ihm eine Hand über den Mund.

„Nein.“ Egal, wie sehr ich mir den Tod auch wünsche… Ich darf nicht zulassen, daß er oder eines dieser Kinder dafür verantwortlich ist. Sie würden es niemals verkraften.

„Raziel, das kann und werde ich niemals von euch verlangen. Hast du mich verstanden? Ich werde nicht zulassen, du diese Schuld auf dich nimmst.“ Tränen rannen über seine Wangen als er zögernd nickte. Ich gab ihn wieder frei.

„Ich verstehe dich nicht. Warum nimmst du diese Chance nicht wahr?“ Sanft legte ich eine Hand auf seine Schulter.

„Weil ich es mir niemals verzeihen könnte.“ Inzwischen kannte ich ihn gut genug, um zu wissen, daß er sich sein Leben lang Vorwürfe machen würde. Selbst, wenn er mein Leben aufgrund meines eigenen Wunsches auslöscht… er würde niemals damit fertig werden. Jemanden zu töten, der einem viel bedeutet ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Und dieses Gefühl wollte ich ihm nicht noch einmal bescheren. Zaphikels Tod hatte in seinem Herz bereits eine Wunde hinterlassen, die niemals heilen würde. Es mußte nicht noch eine weiter dazu kommen.

„Und Kira? Warum ist es bei ihm etwas anderes?“ Entsetzt sah ich ihn an. Woher wußte er davon?

„Schon vergessen? Du hattest ihn in der Hölle darum gebeten dich zu töten und ich konnte vor einiger Zeit einen Blick in deine Gedanken werfen.“ Traurig sah er mich an.

„Du wolltest, daß er dich tötet wenn das hier alles vorbei ist.“ Ich wich seinem Blick aus.

„Kira und ich… wir waren Freunde… bei ihm war ich mir sicher, das er es tun würde…“

„Und ich würde zögern?“ Trotz der Tränen schimmerte Zorn in seinen Augen.

„Vielleicht nicht, aber du würdest es dir niemals verzeihen.“ Damit traf ich den Nagel auf den Kopf und das wußte er. Wortlos riß er sich von mir los und rannte davon. Meine Worte hatten ihr Ziel weitaus besser getroffen als beabsichtigt. Er wollte mir nur helfen und zum Dank hatte ich ihn tief verletzt.

Mit einem tiefen Seufzer auf den Lippen schlug ich die entgegengesetzte Richtung ein. Für den Moment war es besser ihn allein zulassen. Er wird bald merken, daß ich recht habe. Trotz all seiner guten Vorsätze wäre es ihm unmöglich mir diesen einen Wunsch zu erfüllen. Er kann mich nicht töten oder meinen Tod veranlassen. Dafür ist das Band zwischen uns einfach viel zu stark.

Wie von selbst fand ich mich schließlich vor dem Trainingsraum wieder. Wir wollten zwar bald aufbrechen, aber es war sicherlich noch genügend Zeit übrig, um sich anzusehen wie gut Raziels Leute tatsächlich sind. Außerdem juckte es mich in den Fingern einen Teil der in mir angestauten Energie, die größtenteils aus Frust an der eigenen Hilflosigkeit bestand loszuwerden.

Noch ehe ich den Raum richtig betreten hatte huschte ein dunkler Schatten an meine Seite. Cee schien es endlich aufgeben zu haben Abstand zu halten. Erleichtert kraulte ich ihn kurz hinter dem linken Ohr und trat  mit ihm gemeinsam ein.

Es überraschte mich das wilde Wirrwarr von Engeln unterschiedlichster Rangstufe und Dämonen zu sehen, die mehr oder weniger friedlich miteinander trainierten. Raziel hatte nicht untertrieben. Die Zahl der Dämonen, die sich den Rebellen angeschlossen hatten war beachtlich. Sie kämpften gemeinsam mit teils doch recht hochrangigen Engeln und allen Beteiligten machten diese kleinen Waffengänge sichtbaren Spaß. Einen kurzen Moment lang überlegte ich, wieviel Zeit und Ausdauer es Raziel wohl gekostet haben mochte all diese unterschiedlichen Charaktere zu einer festen Truppe zu formen. Am Ende entschied mich jedoch dafür, das ich das lieber gar nicht so genau wissen wollte.

„Hey! Shao!“ Lachend winkte mir Cassiel zu bevor er einen Schlag seines Gegners abwehren mußte, der seine Unaufmerksamkeit sofort ausgenutzt hatte.

„Kommst du um uns anzufeuern?“ Lyakaons Augen leuchteten als es ihm gelang Cassiel in die Enge zu drängen. Die Beiden amüsierten sich prächtig.

„Ihr sollt trainieren und nicht quatschen!“ Die befehlsgewohnte Stimme erklang direkt hinter mir.

„Und du solltest dich erst einmal umziehen ehe du zum Training erscheinst.“ Verächtlich wurde ich herum gedreht und von oben bis unten gemustert.

„Viecher haben hier auch nichts zu suchen!“ Das galt Cee, der beinahe ebenso charmant zurück knurrte.

„Ziemlich dürr. Bist ja noch ne halbe Portion. Hast du überhaupt Kraft in den Armen?“ Prüfend kniff mir das Muskelpaket dabei in beide Oberarme. Er sah aus wie ein Bodybuilder, hatte eine Glatze und erinnerte von seinem gesamten Gehabe stark an die amerikanischen GI Captains. Bei meinem Glück ist er hier wahrscheinlich der Chef.

„Meistens.“ Ich schenkte ihm mein schönstes Unschuldslächeln und wurde augenblicklich unsanft nach vorn gestoßen.

„Eine von der ganz schlauen Sorte was?“ Dröhnte er.

„Und die Flöhtüte?“ Ein lautes Knurren ließ ihn ein kleines Stück zurück weichen. Cees Augen funkelten Dunkelrot.

„Oh, wenigsten er weiß wie man sich seiner Haut zu wehrt.“

„Laß euch nur nicht täuschen Oberst. Die Beiden haben eine ganze Menge drauf.“ Etwas aus der Puste schlenderte Cassiel auf uns zu. Na super, er ist der Chef.

„Und sie kennen eine Menge Tricks.“ Bis über beide Ohren grinsend hängte sich Lyakaon an die Schulter seines Freundes.

„So, so eine Menge Tricks…“ Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte mich der Fleischberg erneut. Das Prickeln in meinen Fingern wurde immer stärker. Ja, so eine kleine Trainingsrunde wäre gar nicht mal so schlecht. Vielleicht lern ich ja noch was?

„Dann zeig mir doch mal, was du so kannst Schätzchen.“ Das ist ohnehin die beste Möglichkeit dir aufgeblasenem Heini zu zeigen, daß es nicht auf die Größe oder gar Muskelmasse ankommt. Oder, du hättest mich einfach nicht  ‚Schätzchen’ nennen dürfen. Ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn man mich so nennt. Normalerweise wäre es ja wesentlich klüger sich einfach umzudrehen und zu gehen… aber bei einem so sympathischen Zeitgenossen wie dir mache ich gerne eine Ausnahme. Vor allem, wenn er sich derart höflich und gewählt ausdrückt.

„Sollte ich mich nicht zuerst umziehen?“ Meine Stimme tropf vor Honig und Cee gesellte sich schwanzwedelnd zu Lyakaon und Cassiel, deren Grinsen von Minute zu Minute breiter wurde. Im Gegensatz zu dem Muskelberg wußten sie was diesem demnächst blühte.

„Du hältst dich wohl für unbesiegbar, was?!“ Wenn er schon so direkt fragt… Ich grinste ihn an.

„Warte nur, dir werd ich die Flausen schon noch austreiben! Wir können hier nur disziplinierte Kämpfer gebrauchen!“ Schrie er weiter. In gespielter Überraschung und Bestürzung riß ich die Augenbrauen nach oben. Die Kämpfe im Hintergrund erstarben allmählich während er immer noch aus vollen Hals brüllte. Man könnte glatt annehmen er hält mich für taub. Vollkommen unbeeindruckt hob ich eine Hand und innerhalb von Sekunden stand ich in der gängigen Trainingskleidung der Rebellen vor ihm.

„Ah, ein kleiner Angeber!“ Mit hochrotem Kopf sah er mich an. Und wieder einmal haben wir es geschafft einen Engel auf 180 zu bringen. Bravo Shao, du kannst stolz auf dich sein.

„Dann zeig mal was du kannst!“ Es gelang mir nur mäßig meine Erheiterung zu verbergen. Er mochte sich dafür halten, aber ein würdiger Gegner war er keinesfalls. Seit der Auslöschung der Hunter gab es unter den Engel ohnehin nur noch wenige, die mir ernsthaften Schaden zufügen konnten. Die Meisten davon zählten inzwischen sogar mehr oder weniger direkt zu meinen Freunden oder Verbündeten.

„Gibt es irgendwelche Regeln?“ Vorsichtshalber sollte ich ihn zumindest das fragen, auch wenn ihn das bestimmt noch weiter auf die Palme bringt.

„KEINE!“ Kam die ohrenbetäubende Antwort. Warum in aller Welt müssen Engel eigentlich immer so verdammt empfindlich sein? Ich hab ihm doch nicht das Geringste getan.

„Versuch am Leben zu bleiben.“ Ohne Vorwarnung stürmte er auf mich zu. Das Schwert in seiner Hand nahm ich erst in der letzten Sekunde wahr. Ein lautes Klirren hallte durch den Raum als ich seinen Schlag parierte. Überrascht wich er zurück.

„Reiflich merkwürdiges Schwert, das du da hast Schätzchen.“

„Danke.“

„Mal sehen ob es was taugt.“ Mit diesen Worten drosch er auf mich ein, als hätte er Luzifer persönlich vor sich. Er machte zwar nicht den Fehler mich zu unterschätzen, aber wie ich bereits von Anfang an geahnt hatte war er bei Weitem nicht gut genug. Es würde gerade Mal ausreichen um warm zu werden. Schade…

Beinahe problemlos gelang es mir unter seinen Schlägen hindurch zu tauchen und mich in die Lüfte zu erheben. Fluchend sah er mir nach.

„Komm sofort wieder runter! Das ist doch kein ordentlicher Schwertkampf mehr, wenn du unter der Decke hängst.“ Ohne es verhindern zu können brach ich in schallendes Gelächter aus.

„Wir befinden uns mitten im Krieg. Glaubst ernsthaft ein Gegner würde sich darum scheren ob ein Kampf fair ist oder nicht?“ Noch ehe er antworten konnte legte ich die Flügel an und sauste im Sturzflug auf ihn zu. Erst im letzten Moment bremste ich ab. Es reichte jedoch aus um ihn von den Beinen zu fegen.

„Aber wie du willst. Kämpfen wir also nur mit dem Schwert.“ Ich gab ihm die Gelegenheit aufzustehen und einen Angriff zu starten. Mit einem wilden Fluch auf den Lippen versuchte er mich in die Defensive zu drängen. Es mißlang kläglich. Wie die meisten anderen Engel kannte allerdings auch er das Wort ‚aufgeben’ nicht. Verzweifelt nutzte er jede noch so kleine Chance die sich ihm bot um selbst wieder zum Angriff überzugehen. Dabei merkte er gar nicht, daß ich meine Deckung absichtlich öffnete um ihn in eine Falle zu locken. Beinahe mitleidig schlug ich ihm schließlich die Waffe aus der Hand und setzte die Klinge meines Schwertes an seine Kehle. Das würde uns beiden weitere Peinlichkeiten ersparen.

„Nur fürs Protokoll, mein Name ist Shao. Nicht Schätzchen. Vergiß es nicht. Okay?“ Mit weit aufgerissenen Augen nickte er und war sichtlich erleichtert als ich mein Schwert von seiner Kehle nahm.

„Du kämpfst als hättest du den Teufel im Blut.“ Wie nah er mit seinen Worten der Wahrheit kam ahnte er zum Glück nicht. Eine kurze Handbewegung reichte aus und schon löste sich meine Klinge in Nichts auf. Er nahm es mit einem anerkennenden Pfeifen zur Kenntnis.

„Nicht schlecht für so eine halbe Portion.“ Ächzend bewegte er seine Arme und trabte fröhlich vor sich hinpfeifend davon. Nun war ich mir ganz sicher, daß es sich bei ihm um einen von Michaels Leuten handeln mußte. Was wohl der kleine Hitzkopf dazu sagte, das sich seine Kämpfer einfach so den Rebellen anschlossen?

„Hey Shao!“ Erschrocken fuhr ich herum.

„Du weißt schon, daß du soeben einen unserer besten Kämpfer besiegt hast. Oder?“ Feixend klopfte mir Cassiel anerkennend auf die Schulter.

„Bisher konnten wir froh sein, wenn es uns überhaupt gelang die Waffe in der Hand zu behalten. Er ist verdammt stark.“

„Und seine Trainingseinheiten sind die Hölle. Wirkt allerdings nicht sonderlich geknickt der Gute.“ Spöttisch lächelnd sah Lyakaon zu wie der Muskelberg mittlerweile summend in Richtung Duschen verschwand. Der Schweiß rann in breiten Bahnen an seinem Körper hinab, aber er schien sich schon lange nicht mehr so gut amüsiert zu haben.

„Und er ist wirklich der Beste?“ Mißtrauisch sah ich meine ehemaligen Schützlinge an.

„Es gibt keinen, der besser ist?“

„Na ja, von dir, Michaels Elitekämpfern und den Garden abgesehen einmal abgesehen? Nein. Er ist der Beste.“ Langsam und kaum merklich begann sich in mir leise Furcht zu regen. Allerdings betraf sie nicht mich sondern die Rebellen. Ihre Chancen diesen Krieg heil zu überstehen schwanden in meinen Augen immer mehr. Sie mußten wesentlich besser werden, um notfalls einen Kampf gegen die Dämonen heil überstehen zu können. Auf dem jetzigen Level wären sie nur wehrhafte Beute. Nichts weiter.

„Cassiel hat recht. Du bist die Erste, die ihn besiegt hat. Kaum zu glauben, das es ausgerechnet eine Frau ist, die so vernichtend schlägt.“ Obwohl man seinen Worten entnehmen konnte, daß er es gerne selbst gewesen wäre, der dem Muskelberg in seine Schranken wies grinste mich Lyakaon zufrieden an.

„Wer hat dir eigentlich beigebracht so zu kämpfen? Der Oberst hat recht. Du kämpfst wie ein Dämon.“ Und dabei meinte er nicht nur das eben Gesehene. Seine Begeisterung wirkte auf mich jedoch alles andere als ansteckend. Eher im Gegenteil. Sie werden weder gegen die Dämonen noch gegen Rosiels Armee die geringste Chance haben. Sie würden zerfetzt werden noch ehe sie sich ihres Gegners überhaupt bewußt waren.

„Meine Eltern.“ Meine abwesende Miene verhinderte, daß er mich weiter mit Fragen löcherte. Sichtlich beunruhigt tauschten er und Cassiel einen schnellen Blick.

„Shao, stimmt irgend etwas nicht?“

„Nein, nein ich muß mich nur langsam beeilen.“ Wich ich Lyakaon und allen weiteren Fragen aus. Sie nahmen es als gegeben hin, das ich nicht weiter über meine Vergangenheit reden wollte und verabschiedeten sich überschwenglich von mir. Wobei es ihnen irgendwie gelang mir das Versprechen abzuringen ausgiebig mit ihnen zu feiern, wenn der Krieg erstmal vorbei war. Lächelnd mußte ich anerkennen, daß die Beiden seit unserer letzten Begegnung wesentlich mehr gelernt hatten, als ich gehofft hatte. Vor allem das Kriegsbeil schien für immer begraben worden zu sein.

Teilweise erleichtert und auf der anderen Seite nach wie vor zutiefst besorgt machte ich mich auf den Rückweg. Sobald wir den Stützpunkt verlassen hatten würden Raziel und die Rebellen allein einer Übermacht gegenüberstehen, der sie nur schwer gewachsen waren. Zu gern hätte ich etwas für ihren Schutz getan, aber dafür fehlte einfach die Zeit. Ein solch großer Bann würde mindestens einen halben Tag wenn nicht noch länger in Anspruch nehmen und selbst dann könnte bereits alles zu spät sein.

Tief in Gedanken versunken schlenderte ich durch die Gänge des Rebellenunterschlupfes bis zu meiner verwaisten Kabine. Beinahe lautlos folgte Cee mir mit einigem Abstand, den er jedoch aufgab als ich mich vor das Bett sinken ließ und die Beine leicht anzog.

„Es ist eine solche Verschwendung.“ Mit einem verständnisvollen Fiepen eroberte er sich den Platz zwischen meinen Armen und preßte seinen Kopf schwer an meine Brust. Abwesend strich ich über sein Fell.

„Sie haben keine Chance. Wenn die Dämonen oder Engel ernst machen werden sie nicht einmal mehr fliehen können…“ Düster starrte ich die Wand vor mir an. Es muß doch irgend etwas geben mit dem man sie trotz alledem schützen kann. Vorwurfsvoll stupste er mein Kinn an als ich zu tief in meinen Grübeleien zu versinken drohte.

„Schon gut, ich weiß, das ich nicht hierbleiben kann um sie zu beschützen.“ Mißtrauisch legte er Kopf zur Seite und knickte ein Ohr leicht ab.

„Ja, ja dir wäre es auch lieber, wenn ich bleiben würde.“ Ein zustimmendes Bellen folgte auf dem Fuße. Es wäre zu schön, wenn das möglich wäre…

„Aber es geht nicht. Ich muß sie begleiten.“ Aus seiner Kehle löste sich ein dunkles Knurren. Wir wußten beide, was der Grund dafür war. Rosiel, ein Engel. Die rubinroten Augen vor mir leuchteten unheilverkündend. Sollte Cee ihm vor mir begegnen würde er Rosiel zerfetzen. Es paßte ihm überhaupt nicht, daß es ausgerechnet einem Engel gelungen war erneut mein Herz zu stehlen. Am allerwenigsten, wenn dieser Engel auf den Namen Rosiel hörte. Die Beiden hatten sich von Anfang an nicht sonderlich leiden können und langsam aber sicher dämmerte mir auch warum. Jeder von ihnen erhob Anspruch auf mich und keiner war bereit für den Rivalen auch nur einen einzigen Zentimeter zur Seite zu weichen. Fast so schlimm wie bei Kira. Er hatte sich auch andauernd mit Cee in den Haaren gehabt… aber es war eher freundschaftlicher Natur gewesen. Ein Wettstreit wer von ihnen mehr von meiner Aufmerksamkeit erhielt…

Ich kuschelte mich in Cees warmes Fell. Seine wahre Gestalt nahm er nur noch im äußersten Notfall an. In der Zwischenzeit blieb er ein pechschwarzer Wolf. Einzig, die rubinroten Augen gaben einen kleinen Rückschluß darauf, das es sich bei ihm ein einen Dämon handelte. In all den Jahrhunderten ist er stets an meiner Seite gewesen. Der treuste Beschützer, den man sich nur wünschen konnte.

Irgendwie hatte er es sogar geschafft seine Abneigung gegen Rosiel soweit im Zaum zu halten, das er ihn nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit anfiel. Es war ein Zugeständnis an meine Gefühle. Er wollte nicht, daß man mich noch weiter verletzte und er wußte, daß ich mit Rosiel, wenn auch nur für kurze Zeit… glücklich gewesen bin…

Aber er wußte ebenfalls, wer für den Schmerz in meinem Herzen verantwortlich war. Und wenn es nach ihm ginge, dann hätte er mich schon längst von dieser Last befreit.

„Was soll ich nur tun? Wie können wir sie schützen?“ Seine Zunge fuhr warm über meine Hand. Lächelnd sah ich ihn an.

„Du hast ihn auch gern, was?“ Ein warmes Brummen strömte aus seiner Kehle während seine kühle Nase leicht an meine Wange stupste. Aus irgendeinem Grund hatte er an Raziel einen riesen Narren gefressen.

„Also schön, was schwebt dir vor?“ Geschickt sprang er auf und stolzierte etwa einen halben Meter vor mir auf und ab. Den Kopf stolz erhoben und sämtliche Muskeln in Bewegung zum Zeichen seiner Kraft. Vollkommen ungläubig starrte ich ihn an.

„Willst du das wirklich tun?“ Er schnaubte leicht bevor er auf mich zukam und seinen Kopf unter meine rechte Schulter schob. Sein Fell kitzelte.

„Schon gut, ich versteh dich ja. Du willst mir helfen.“ Lachend schob ich ihn von mir weg. Nur ihm kurz darauf tränenüberströmt um den Hals zu fallen.

„Versprich, daß du gut auf sie aufpaßt.“ Seine Zunge fuhr rauh über meine Wangen.

„Und laß dich nicht von den Erzdämonen erwischen.“ Er stieß ein entrüstetes Bellen aus, das soviel hieß wie: Ich bin doch kein Engel!

„Ich werd dich vermissen.“ Mit der Schnauze hob er meinen linken Arm leicht an. Fragend ruhten seine Augen auf mir.

„In Ordnung. Ich verspreche zurück zukommen.“ Mit Schwung beförderte er meinen Arm in die Luft ehe sich seine Kiefer fest darum schlossen. Dem immer stärker werdenden Druck seiner scharfen Zähne hatte meine Haut nicht das Geringste entgegen zusetzen. Ich hielt die Luft an, um nicht doch noch einen leisen Schmerzenslaut von mir zu geben.

Nach und nach tropfte mein Blut auf den Boden und hinterließ dort deutliche Spuren. Als er meinen Arm wieder freigab war dieser ein Spiegelbild seines perfekten Gebisses. Sogar die Knochen waren leicht angebrochen. Kopfschüttelnd blockierte ich meine Heilkräfte, damit diese Wunde erst bei meiner Rückkehr vollständig heilte.

„Du hättest ruhig etwas weniger stark zu beißen können.“ Murrte ich. Ein heiseres Keuchen zeigte, das er sich köstlich über mein vorwurfsvolles Gesicht amüsierte. Er wußte, daß mir dieser kleine Kratzer nicht allzuviel ausmachen würde. Noch während ich eines der Bettlaken in provisorische Mullbinden verwandelte heilte ich die feinen Risse in meinen Knochen. Zurück blieb eine Fleischwunde, die unmöglich zu übersehen war.

„Wirklich beeindruckend.“ So gut es mit nur einer freien Hand eben ging verpackte ich meinen nach wie vor blutenden Arm in den Verbänden und machte mich auf den Weg zu Raphael. Der wird mir allerdings wohl erst einmal den Kopf abreißen, wenn er herausbekommt vorher diese Verletzung stammt und warum sie nicht von selbst heilt.

„Das hättest du nicht tun dürfen.“ Erschrocken fuhr ich aus meinen Gedanken auf.

„Er hat dich immer beschützt.“ Seufzend legte ich eine Hand auf das kühle Glas und strich leicht darüber. In der Spiegelung des Fensters konnte ich Uriels Gestalt erkennen obwohl im Moment Remiriel aus ihm sprach.

„Du hättest ihn nicht zurücklassen dürfen.“ Eine nicht zu verleugnende Sorge lag in seiner Stimme, die deutlich von Uriels dunklem Timbre gefärbt war.

„Ich weiß und genau deshalb habe ich es getan.“ Ich riß mich von dem Anblick der zahllosen Wolkenfelder los und ließ mich in auf einen Stuhl sinken. Auf dem Tisch standen nach wie vor eine unberührte Kanne Kaffee und einige Tassen. Dankbar nippte ich dem wärmenden Getränk, das er mir einschenkte.

„Es war die beste Lösung.“

„Trotzdem halte ich es für falsch.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte mich aus seinen smaragdgrünen Augen an. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken. Es war das erste Mal seitdem sie mich aus meinem Alptraum befreit hatten, das wir beide quasi ungestört waren und ich alle meine Sinne beisammen hatte.

„Mit ihm an deiner Seite wäre mir wesentlich wohler.“

„Du klingst so, als wären geradewegs unterwegs zu meiner Hinrichtung.“

„Liege ich denn so falsch?“ Hastig verbarg ich mein Gesicht hinter der Kaffeetasse. Noch immer gelang es ihm mühelos bis tief in mein Innerstes zu sehen. Mochten sich meine Gefühle für ihn inzwischen auch abgekühlt haben ein kleiner Teil von mir gehörte nach wie vor ihm. Und dessen war er sich durchaus bewußt.

„Suru, du kannst vielleicht die Anderen täuschen, aber ich kenne dich besser. Du sehnst dich nach dem Tod.“

„Und was ist so falsch daran? Es ist kein sonderlich großes Geheimnis.“ Mit einem leichten Klirren stellte ich die Tasse auf den Tisch.

„Es sollte sich trotzdem nicht so deutlich in deinen Augen spiegeln. Sie alle glauben, das du mit ihnen zurückkehrst.“

„Und du glaubst daran ändert sich etwas? Remiriel, ich kann nicht sterben. Was soll mir schon passieren?“ Es wäre zu schön, wenn das hier alles vorbei wäre und ich endlich den ewigen Frieden finden würde… aber es ist unmöglich. Nicht ehe ich Rosiel getötet habe…

„Wer von ihnen weiß es wirklich? Wer weiß, das du dir nichts sehnlicher als den Tod wünschst?“ Auffordernd sah er mich an. Ich stieß einen leisen Fluch aus. Mußte er mich nach all den Jahrhunderten immer noch so verdammt gut kennen?

„Aber genug davon. Bis der Messias seine Aufgabe erfüllt hat sollten wir lieber die Zeit nutzen, die uns noch bleibt.“ Sein plötzliches Einlenken brachte mich völlig aus dem Tritt. Er läßt doch sonst nicht so leicht locker.

„Überrascht?“ Ich würde eher sagen vollkommen perplex. Das Grinsen in seinem Gesicht wurde immer breiter und der Schalk blitzte in den grünen Augen auf.

„Nun ja, wie soll ich sagen, es bleiben mir noch etwa zehn Minuten ehe Uriel sich mit dem Messias auf der Brücke treffen will. Und glaub mir, ich habe nicht vor sie mit einem sinnlosen Streit mit dir zu verschwenden. Du würdest ohnehin nicht nachgeben.“ Meine Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln.

„Wer weiß? Vielleicht hättest du ja eine Chance?“ Abwehrend hob er die Hände.

„Danke, ich verzichte. Viel lieber würde ich von dir etwas über diesen ungewöhnlichen, jungen Engel namens Raziel erfahren. Du scheinst ihn richtig ins Herz geschlossen zu haben.“ Nach wie vor etwas überrumpelt von seinem Einlenken dauerte es einen Moment bis ich ihm eine Kurzfassung der Ereignisse liefern konnte, die Raziel und mich verbanden. Mit immer größer werdenden Augen hörte er mir aufmerksam zu und nickte hier und da, als wäre ihm einiges davon bereits bekannt. Oder besser, ich bestätigte gerade die Gerüchte etc. die Uriel in der Zwischenzeit zweifelsohne zu Ohren gekommen sein mußten.

„Hat er das für dich entworfen?“ Ohne den Blick von mir abzuwenden schenkte er sich eine Tasse Kaffee ein. Ein leichter Schleier hatte sich über das klare Grün seiner Augen gelegt.

„Es steht dir gut.“ Allmählich wurde mir warm und das lag bestimmt nicht am Kaffee.

„Meinst du?“ Unsicher zupfte ich an einem der langen Ärmel. Raziel hatte mir aus dem Umhang meines Vaters ein Outfit nähen lassen, das die unterschiedlichsten Reaktionen bei meinen Begleitern hervorgerufen hatte. Es war die tiefschwarze und extrem verkürzte Version eines Kimonos. Der Obi war wie enganliegende Hose blutrot. Dazu kam noch, daß er von einem schwarzen Lederriemen mit silberner Schnalle zusammengehalten wurde während meine Beine in halbhohen Lederstiefeln steckten. (Selbstverständlich ebenfalls schwarz.) Um meinen Hals spannte sich eine weitere Lederschnalle und dort, wo sich der Kimono öffnete hatten geschickte Hände eine Lage aus weißer Spitze eingearbeitete, die obwohl sie halbdurchsichtig war keine neugierigen Blicke zu ließ. Gekrönt wurde das Ganze von einer farblich passenden Haarschleife sowie einigen dünnen Silbernadeln mit roten Perlen.

„Sehr gut sogar. Endlich siehst du wieder ein klein wenig wie du selbst aus.“ Seine Augen wurden zu unergründlichen grünen Seen.

„Ein Selbst, das dir fremd ist…“ Ich versuchte seinem Blick auszuweichen aber er griff nach meiner Hand und strich mit dem Daumen leicht über die Innenfläche.

„Du hast dich weitaus weniger verändert als du glaubst.“ Ich ertrank in dem klaren Grün seiner Augen. Er beugte sich leicht vor. Das Geschirr auf dem kleinen Tisch geriet gefährlich ins Wanken.

„Sag, was würdest du tun um den Weg nach Atziluth zu öffnen.“ Sein warmer Atem striff über meine Wange.

„Vorbei an den Torwächtern?“ Seine Lippen näherten sich gefährlich den meinen. Aber ich war zu keiner Reaktion mehr fähig. Seine Präsenz durchströmte den gesamten Raum.

„Ja.“ Seine Stimme war dunkel vor unterdrückter Leidenschaft.

„Alles was nötig ist.“ Bereits im nächsten Moment versiegelte ein leidenschaftlicher Kuß meine Lippen. In ihm brannte die Verzweiflung jahrhunderterlanger Trennung. Es war unmöglich ihm zu widerstehen. Wenn es je einen letzten Rest Widerstand in mir gegeben hatte schmolz dieser wie Butter in der Sonne dahin, als mir seinen Lippen zum zweiten Mal den Atem raubten.

„Shao, Uriel wir si… oh Entschuldigung.“ Ertappt wie die kleinen Schulkinder lösten wir uns voneinander doch es war bereits zu spät. Setsuna hatte alles gesehen und den Raum mit hochrotem Kopf ebenso schnell wieder verlassen, wie er ihn betreten hatte.

„Er hat uns gesehen.“ Zögernd hob ich den Blick. Doch der Moment war vorüber. Mit einem Kopfschütteln löste sie Remiriels Präsenz auf und gab Uriel die Macht über seinen Körper wieder.

„Ich sollte wirklich besser aufpassen, was er in meiner Abwesenheit so treibt.“ Entschuldigend lächelte er mich an. Immer noch gefangen in meinen widersprüchlichen Gefühlen brachte ich kein Wort über die Lippen. Es war Remiriel gewesen, der mich geküßt hatte doch seine Lippen hatten nach Erde geschmeckt. Unverkennbar Uriel… sein Körper, seiner unterdrückte Leidenschaft… nicht für mich sondern für meine Mutter…

Jetzt, wo meine Gedanken wieder klar waren wurde mir bewußt welchen Fehler wir beinahe begangen hätten. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir hätten uns gegenseitig unglücklich gemacht. Sicher, es war unglaublich einfach sich in Uriels schützende Arme fallen zulassen weil er Remiriel so sehr ähnelte, aber es wäre nur hilfloser Trost. Wir beide suchten etwas, das uns nie vergönnt sein würde.

„Sei nicht zu hart zu ihm.“ Flüsterte ich leise bevor ich mich gelassen erhob. Beinahe so, als wäre rein gar nichts geschehen.

„Du solltest in meiner Gegenwart auf der Hut sein.“ Geflissentlich überhörte ich die leise Drohung, die in seinen Worten mitschwang. Es war das Versprechen, das es beim nächsten Mal nicht bei einem Kuß bleiben würde. Die Erkenntnis, daß es Uriel und nicht Remiriel war, der diese Warnung aussprach jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Waren die Beiden bereits so sehr miteinander verschmolzen?

„Sag Uriel, das ich ihn zusammen mit den Anderen auf der Brücke erwarte.“ Ich straffte die Schultern und verließ ich den Raum. Das seltsame Prickeln, das meine Wirbelsäule entlang kroch ließ sich jedoch nicht vertreiben. Soeben hatte sich mehr als deutlich gezeigt, das Remiriel mich nie vergessen hatte und Uriel ihn auch nicht daran hindern würde mein Herz erneut zu erobern. Etwas, das mir in naher Zukunft noch reiflich Kopfschmerzen bereiten würde.

Es dauerte nicht allzulange bis sich der Engel der Erde ebenfalls auf der Brücke einfand und mich mit einem vielsagenden Blick segnete. Auch Setsuna beobachtete uns mißtrauisch sagte aber nichts. Viel mehr interessierte es ihn, daß wir bald das Ziel unserer Reise erreicht hatten. Außerdem hat er sich seinen Teil garantiert bereits gedacht. Michael strafte mich nach wie vor mit eisiger Verachtung. Na, das kann ja noch heiter werden.

„Mit ihren Kräften als Magier… sind die Schutzengel der Sternzeichen selbst uns Elementaren ebenbürtig. Vor langer Zeit legten sie ihre Posten nieder… und ritzten sich zwölf Enoch auf ihre Körper. So bildeten sie die zwölf Schlüssel, die den Weg nach Atzulith öffnen.“ Erklärte Uriel bereitwillig Setsunas Fragen nach dem, was uns in Kürze erwarten würde.

„Sie sind die Torwächter der himmlischen Pforten. Ich vermute Luzifer wird sie zwingen die Zeremonie abzuhalten und das Tor zu öffnen.“ Ah, deshalb also die Frage was für Mittel ich einsetzen würde um an den Wächtern vorbeizukommen. Er wollte sicher gehen, daß ich seine Meinung teilte.

„Doch die Kräfte, die dazu nötig sind, dürften selbst seine magischen Fähigkeiten bei Weitem übersteigen.“ Im letzten Moment gelang es mir das gehässiges Lachen in meiner Kehle ersticken zu lassen. Es sollte irgend etwas geben, das Luzifers Fähigkeiten übersteigt?! Seit wann? Nachdem er Jahrtausende lang sowohl Engel als auch Dämonen zum Narren gehalten hat soll er plötzlich nicht mehr mächtig genug sein?! Oh bitte.

„Um die Zeremonie frühzeitig zu vollziehen, müßte er das große Kreuz schon unter Zwang herbeiführen.“ Das klingt schon viel eher nach meinem Vater. Und ich konnte nicht leugnen, daß ich nicht ebenso handeln würde. Es war der einfachste und schnellste Weg.

„Es ist nicht auszudenken, was solch ein gewaltsames Verdrehen des natürlichen Ablaufs der Dinge für eine Auswirkung auf die Erdoberfläche haben könnte…“ Bei diesen Worten drehte sich Uriel leicht zu mir um.

„Anders gesagt: Wirbelstürme, Flutwellen und sonstige Katastrophen.“ Erwiderte ich bitter.

„DAS IST ES! Wir sind am Ziel!“ Kurais freudiger Aufschrei verhinderte, daß das Gespräch mit Uriel und Setsuna eine Fortsetzung fand. Direkt vor unserer Merkabah erhob sich der Hort der Schutzengel der Sternzeichen.

Die gesamte Konstruktion erinnerte stark an eine Kreuzung von Gewächshaus und überdimensionalen Vogelkäfig. Als wir von Bord gingen um das Gelände zu erkunden überfiel mich eine dunkle Vorahnung. Die heiligen Hallen waren ohne Wächter und nirgendwo gab es auch nur die geringste Spur einer engelähnlichen Aura. Außer den Engeln um mich herum war niemand zu spüren.

Kaum hatten wir das Innere des Gebäudes betretenen bestätigten sich sämtlichen schlimmen Vermutungen. Der Hort war vollkommen zerstört. Die gläsernen Behausungen der Engel lagen in Splittern auf dem Boden. Einzig und allein die blanken Stahlskelette waren zurückgeblieben. Wo einst riesige Fenster angebracht worden waren rann nun Blut in breiten Bahnen zu Boden. Der gesamte Ort war erfüllt von der machtvollen Aura meines Vaters.

Wir waren zu spät. Luzifer hatte sich bereits genommen was er brauchte. Von nun an kam es auf jede einzelne Minute an. Das wußte auch Uriel, der uns im Laufschritt zurück zur Merkabah hetzte damit wir wenigstens noch rechtzeitig die himmlischen Pforten erreichen würden. Doch egal, wie sehr wir uns auch beeilen würden, es wird zu spät sein. Ich kenne meinen Vater zu gut. Er wird die Pforten öffnen noch ehe wir ihn erreichen und dort auf uns warten.

„W… Was ist das?!“ Auf der Kommandobrücke brach allmählich Chaos aus.

„Was ist das…?!“ Die Rebellen, die uns begleiteten verloren ihre ansonsten ruhige Fassung. Allmählich begannen sie zu spüren mit welchen Mächten sie sich eingelassen hatten.

„Das Magnetfeld spielt total verrückt!!! WIESO?! Selbst die Schwerkraft hat ausgesetzt!“ Ein kurzer Blick auf Uriel verriet mir, das er den Grund ebenfalls kannte.

„DIE STERNE!! Die Sterne drehen sich plötzlich schneller!“ Na wunderbar. Wir kommen tatsächlich zu spät. MIST!

„Die Planeten versammeln sich…?! Sag nicht…“ Fragend ruhten die Augen des Offiziers auf uns doch niemand sprach es aus. Mein Vater erzwang das große Kreuz.

„Shao?“ Warm legte sich Uriels Hand auf meine Schulter. Mit einer kurzen Kopfbewegung bat er mich ihm unauffällig zu folgen. Beinahe geräuschlos verließen wir die Brücke. Es schien niemand zu bemerken wie wir uns in Richtung Krankenstation bewegten.

„Gibt es irgend etwas, das du für ihn tun kannst?“ Er deutete auf die in Laken gehüllte Gestalt auf dem Bett. Als er den geschunden Körper meinen Blicken preisgab entfuhr mir ein leiser Schrei des Entsetzens.

„Katou?!“ Sein Oberkörper war über und über mit Schnittwunden übersäht und sein rechter Arm, der durch eine künstliche Prothese ersetzt worden war wurde von seinem Organismus bereits abgestoßen. Er sah aus wie eine wandelnde Leiche.

„Was um alles in der Welt ist mit ihm passiert?“ Vorsichtig legte ich eine Hand auf seine Stirn. Er glühte vor Fieber. Sein Blick war in weite Ferne gerichtet. Ich bezweifelte stark, daß er mich und Uriel überhaupt bemerkt hatte.

„Seit wann ist er schon in diesem Zustand?“ Prüfend tastete ich mit meinen Kräfte über seinen Körper, der immer mehr in sich zerfiel. Der Prozeß war beinahe nicht mehr aufzuhalten. Der künstliche Arm hatte seinen gesamten Stoffwechsel durcheinander gebracht.

„Seit er von Luzifer verwundet wurde.“ Ich stieß einen deutlich hörbaren Fluch aus. Warum zum Henker müssen hier eigentlich immer alle den Helden spielen?! Er hatte Raphael und mich in der Nähe. Es hätte bestimmt einen Weg gegeben ihn zu heilen. Aber jetzt…

„Es tut mir leid. Ich kann ihn nicht heilen. Sein Körper wurde von dir aus dem Weltenbaum geschaffen. Meine Kräfte wirken hier nur sehr gering. Die einzige Chance ihn zu retten wäre ihn zurück in den Hades zu bringen. In der Nähe des Weltenbaums könnte er sich komplett regenieren. Vorausgesetzt er hätte die entsprechende Pflege.“ Sorgsam studierte ich die Züge in Uriels Gesicht, das deutlich an Farbe verlor.

„Das würde er nicht wollen.“ Nachdenklich strich er dem Kranken eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Als ich von seinem Zustand erfuhr wollte ich ihn zurückschicken, aber er hat sich mit allem, was er hatte gewehrt. Er will es zu Ende bringen.“ Ich stieß einen resignierten Seufzer aus. Idioten! Alle miteinander!

„Dann können wir ihn nur weiter am Leben erhalten. Komm, hilf mir mal eben.“ Entschlossen machte ich mich daran den Medizinschrank zu plündern.

„Dies hier ist ein Antibiotikum. Es wird den Verfall etwas aufhalten. Er braucht zwei Ampullen davon. So oft wie möglich.“ Routiniert verteilte ich die Medikamente auf dem Tisch.

„Ich werde es ein klein wenig präparieren, damit sich die Wirkung noch weiter verstärkt, aber es wird ihm höchstens ein paar Tage bringen.“ Stumm sah Uriel zu, wie ich mich an Katous verfaulendem Arm zu schaffen machte.

„Dieser Idiot! Warum konnte er die Wunde nicht früher erwähnen?“ Ein sanftes, grünes Leuchten hüllte den vernarbten Arm ein und beseitigte nach und nach die stärksten Anzeichen des innerlichen Verfalls. Er würde zwar nach wie vor Schmerzen haben, aber sie würden erträglich sein. Zufrieden begann ich damit mein Werk zu bandagieren.

„In der gelben Flasche ist ein Schmerzmittel. Falls er es noch brauchen sollte gib ihm eine halbe Ampulle.“ Kunstvoll hob sich der weiße Verband vom Rest des Körpers ab.

„Wenn er wieder zu sich kommt sag ihm: Falls wir das hier überleben sollten trete ich ihm hierfür höchstpersönlich in den Hintern.“ Noch ehe Uriel etwas erwidern konnte hatte ich den Raum bereits verlassen. Als ich mir sicher war, das niemand nahe genug war um mich hören zu können stieß ich einen Schrei tiefster Verzweiflung aus.

Muß es denn wirklich ein weiteres Mal sein? Muß ich erneut all meine Freunde verlieren?

Zitternd sank ich in mich zusammen.

Warum? Es sind noch Kinder! Sie haben niemanden etwas getan. Alles, was sie je wollten war in Frieden zu leben. Gemeinsam mit dem Menschen, den sie am Meisten auf der Welt liebten wollten sie sich eine Zukunft aufbauen.

Warum? Warum werden sie dafür bestraft?

Als die Merkabah zur Landung ansetzte hatte ich mich wieder soweit unter Kontrolle, daß mir niemand meinen plötzlichen Gefühlsausbruch mehr ansehen würde. Entschlossen stand ich auf. Egal, was uns an den himmlischen Pforten auch erwarten mag, ich werde nicht zulassen daß sie noch weiter leiden müssen. Es wird enden. Egal, wie.

„Das Himmelstor…!!! Es steht offen…!“ Ich war nah genug, um sehen zu können wie Setsunas Körper bei diesem Anblick leicht zitterte. Die himmlischen Pforten, das Tor nach Atziluth, der höchsten Sphäre des Himmels und der Weg zum heiligen Turm Etemenanki, hatten sich geöffnet. Es war wie ich befürchtet hatte. Mein Vater ließ sich nicht aufhalten.

„Luzifer! Er hat die Zeremonie vollzogen und das Tor geöffnet…!“ Zögernd schritten wir über den Platz hinauf zum riesigen Tor. In dem vollen Bewußtsein in eine Falle zu tappen.

„Aber wie hat er die Engel davon überzeugt ihm zu helfen?“ Glaub mir Setsuna, die Antwort darauf willst du nicht wissen. Sie wird dir nicht gefallen.

„Das war…“ Auf einem Sockel inmitten eines Pentagramms gefüllt von Engelsleichen erhob sich die dunkle Gestalt meines Vaters. Was habe ich gesagt?

„…nicht nötig.“ Seine Stimme war ruhig und beherrscht wie eh und je. Er wußte, daß er sein Ziel auf jeden Fall erreichen würde. Wir konnten ihn nicht aufhalten. Jetzt nicht mehr…

„Ihr seid zu spät…“ Sein Gesicht war eine stumme Maske. Nicht ein Muskel bewegte sich darin.

„Ihre Einwilligung war irrelevant. Solange ich mit ihnen das Paßwort bilden kann… reicht meine Macht, um die Zeremonie einzuleiten! Auch, wenn nur Stücke von ihnen übrig sind…!“

„Ist es das, was du mit ‚allem, was nötig ist’ gemeint hast.“ Wisperte Uriel in mein Ohr. Stumm nickte ich. Ja, genau so etwas hatte ich gemeint. Nur hatte ich nach wie vor gehofft, daß er nicht soweit gehen würde.

„Ist das Alecs Leichnam, den du aus Anagura gestohlen hast?!“ Uriels Stimme peitschte durch die Totenstille. Wenn es um meine Mutter ging verlor er jedes Mal etwas von seinem ansonsten ruhigen Wesen.

„Nach Atziluth zu gelangen ist eine Sache. Um aber Etemenanki zu betreten… braucht es Alexiels und Rosiels vereinte Kräfte. Was Rosiel angeht, so wartet er dort bereits sehnsüchtig auf uns.“ Fassungslos starrte ich meinen Vater und den leblosen Körper meiner Mutter, der über seiner Schulter lag an. Ist es wirklich soweit gekommen? Meine Eltern, die sich so sehr geliebt haben bekämpfen sich gegenseitig? Müssen wir uns denn wirklich alle bekämpfen?

„Die Planeten werden das große Kreuz bald verlassen, und das Tor schließt sich. Keine Zeit zu kämpfen.“

„W… WARTE!! DENKST DU, DU KANNST UNS EINFACH HIER STEHENLASSEN?!“ Oh ja, genau das tut er und du wirst ihn nicht daran hindern können. Mitleidig sah den Engel vor mir an. Du bist für ihn nicht mehr als ein lästiges Insekt.

„Wir lassen nicht zu, daß ihr mit dem Himmel anstellt, was ihr wollt!“ Noch ehe er den Finger um den Abzug seiner Waffe krümmen konnte wurde er bereits zerfetzt.

„Mein… Geliebter…!“ Beinahe aus dem Nichts tauchte Balbero vor uns auf. An ihren Händen klebte immer noch das Blut des Engels, dessen Leben sie soeben beendet hatte. Die Aura meines Vaters hatte ihre Präsenz komplett verborgen. Nicht einmal ich hatte sie bemerkt.

„Was macht die schon wieder hier?!“ Außer sich vor Wut zog Michael sein Schwert.

„…hast du denn immer noch nicht begriffen… wer sie ist?“ Für einen kurzen Moment schlich sich so etwas wie Melancholie in die Stimme meines Vaters. Es war ein kaum hörbarer, trauriger Unterton.

„Michael?“

„…WIE…?“ Fragend sah der Engel des Feuers seinen älteren Bruder an.

„BITTE hört auf damit, Luzifer-sama!!“ Verzweifelt versuchte Balbero ihn am Weitersprechen zu hindern.

„Erinnerst du dich? An die einzige Frau, der du jemals dein Herz öffnetest… die junge Offizierin, die uns zugeteilt war, als wir jung warten… ihr Verrat schlug eine tiefe Wunde in dein Herz. Seitdem hegst du Frauen gegenüber einen heftigen Haß.“ Ein leises Stöhnen entwich meinen Lippen. Bitte nicht! Bitte tu ihm das nicht an.

„Sag mir… wie war ihr Name Michael?“ Es war grausam zu sehen wie sich allmählich die Erkenntnis über das Gesicht des Feuerengels breitete.

„Es war Luzifer-sama… der mich vor dem Rand des Todes rettete und mir neues Fleisch und Blut… und neue Kräfte gab! Ich habe ihm unumstößliche Liebe und ewige Treue geschworen!“ Ihre Worte trafen Michael schwerer als jeder Schwertstoß, den er je erdulden mußte. Er wurde leichenblaß.

„Wenn dies deine aufrichtigen Worte sind, dann liefere mir hier und jetzt deinen Beweis… Balbero!“ Die Grausamkeit meines Vaters lähmte mich vollkommen. Ich konnte nichts anderes tun, als zusehen.

„Ich will, daß du Michael für mich tötest! Mit deinen eigenen Händen!“ Er trug den Titel des Höllenfürsten mit vollem Recht, aber noch nie ist es mir so deutlich geworden wie in diesem Moment. Er nutzte es eiskalt aus, das es Michael höchstwahrscheinlich nicht fertig bringen würde seine Waffe gegen die Dämonin zu erheben.

„BAL!!“ Verzweifelt schrie er ihren wahren Namen.

„MACHT EUCH BEREIT ZU STERBEN! Michael-sama!!“ Dicke Nebenschwaden schossen aus ihrem Körper und hüllten uns ein. Man konnte nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen. Dafür war die Suppe viel zu dick.

„Was ist das für Nebel? Ich kann nicht atmen!!“ Gut, Setsuna steht ungefähr fünf Schritte vor mir. Mit dem Atmen hatte ich kaum Probleme, dafür war ich fast blind. Wo sind die Anderen? Angestrengt lauschte ich in die Nebelschwaden.

„BAL! HÖR AUF…!“ Michael zwei Schritte links von Setsuna.

„Bleibt zusammen!“ Setsunas Worte wurden vom Nebel verschluckt. Überall erklangen plötzlich Kampfgeräusche und verzweifelte Schreie. Es war beinahe unmöglich zu sagen, wer sich wo befand.

„Seht her Luzifer-sama! Seht den Zorn der finsteren Hexe Balbero!! Der mächtigsten Kriegsherrin der Hölle! Seht, wie meine Trugbilder die dunklen Gelüste der Männer erwecken!“ Damit hatte sie sich selbst verraten. Wenn dieser Nebel eine Art Droge enthielt würde sie bei mir nicht wirken. Binnen Sekunden hielt ich mein Schwert in der Hand. Jetzt mußte ich Balbero in dieser Suppe nur noch finden.

„Meine Magie lähmt die Erinnerung eines jeden Wesens und lockt sie wie die Fliegen in mein Netz!“ Beruhigt spürte ich das warme Pulsieren meines Schwertes. Es war bereits dabei zu verhindern, daß ich ebenfalls unter ihren Bann fiel.

„Bewegt euch nicht, solange wir nicht Freund von Feind unterscheiden können!“ Wie von selbst lenkten sich meine Schritte in Uriels Richtung. Wenn ich nicht ganz falsch lag befand er sich am weitesten von uns entfernt. Ein viel zu leichtes Ziel für einen Angriff. Er war zehn Schritte rechts von mir.

Noch ehe ich ihn erreicht riß die Nebelwand plötzlich auf. Vor mir und Uriel erhob sich Balberos beeindruckende Gestalt. Aus ihrer Brust ragte ein Schwert dessen Klinge ich nur zu gut kannte. Sein Besitzer und ich hatten uns oft miteinander gemessen.

„E… es geht nicht… raus!! Meine Kraft?! Du tust mir weh!!“ Erst jetzt bemerkte ich Katou, der auf dem Boden kniete und zu der vollkommen verblüfften Dämonin hinaufsah.

„…wi… wie kann ein kleiner Mensch meine Kräfte… durchschauen?! W… Was ist das… für ein Schwert?!“ Mit aller Macht versuchte sie die Klinge aus ihrem Körper zu ziehen. Vergeblich.

„…Tja, ich bin zwar nur ein Mensch. Aber ein toter Mensch. Bei Lebewesen mag dein Nebel wirken, aber für mich ist er nur simpler Rauch. Oh, und was DAS DA angeht…“ Spöttisch deutete er auf ihre Brust.

„…was zwischen deinen Riesentitten hervorlugt! Die Klinge gehörte mal deinem ach so lieben Luzifer! Und im Gegensatz zu ihm… scheint sie bei seinen Untergebenen prima zu wirken!“ Balberos gepeinigter Aufschrei zerriß mir fast das Trommelfell.

„Aber vielleicht ist das nicht der Grund, warum dein Sexappeal… bei mir nicht anschlägt. Du mußt wissen… ich hab keine Erinnerung mehr, an der ich hänge! Mein Körper schmerzt… aber es ändert nichts.“ Hastig flog mein Blick zu Uriel. Es war soweit. Katou würde nicht mehr lange genug leben um das Ende unseres Kampfes zu sehen.

„…Ich schaff es gerade noch, meine Form aufrechtzuerhalten! Meine Erinnerungen verblassen rasend schnell. Selbst Dinge… die ich nicht vergessen darf. …Ich kenn nicht mal mehr den Namen meiner Schwester!“ Nach und nach zeichnete sich bei den Anderen die Bedeutung seiner Worte ab. Auch ich war entsetzt, das der Verfall trotz all unserer Bemühungen bereits soweit fortgeschritten war. Ihm würde nicht einmal mehr eine Stunde bleiben. Vielleicht sogar noch weniger…

„…Ehrlich… ich dachte nicht… daß ich solchen Schiß davor hätte! Es sind Dinge, um die ich mit aller Macht gekämpft habe! Ich verlier alles, was mir wichtig ist!“ Die Verzweiflung in seiner Stimme war nicht länger zu überhören.

„Wahrscheinlich verblöde ich, während ich hier stehe? Ha ha… Ich kann strampeln und an mir rumritzen so viel ich will… alles, was ich Liebe zerfällt zu Staub!“ Es ist schon beinahe grausam, wie gut ich ihn verstehen kann. Er klammert sich verzweifelt an das, was ihm noch geblieben ist. Den Kampf gegen seinen besten Freund.

„KATOU!!“

„Kapier’s endlich!“ Aufgebracht riß er sich von Setsuna los.

„Laß mich in Ruhe! Ich weiß nicht mal mehr wie du heißt!“ Setsunas vollkommen entsetzter Blick stieß mir einen Dolch ins Herz. Ich wußte, das Katou log. Noch wußte er ganz genau was und wer er war. Die Erinnerung daran würde er erst kurz vor seinem Ende verlieren.

„So, wie ich bin, bin ich nur Dreck… wozu bin ich überhaupt noch hier? Alles, was in mir bleibt, ist meine Wut. Das ist die einzige Erinnerung, die ich noch habe…“ Bedächtig machte er sich daran den merkwürdig geformten Rucksack vor sich zu öffnen.

„Sie ist alles, was mich noch antreibt! Der Wunsch dich zu töten!“ Das Gesicht meines Vaters blieb ausdruckslos. Katous Worte schienen wirkungslos an ihm abzuprallen.

„Ich existier nur noch, um mit dir abzurechnen! …Was denn? Warum so gefaßt? Wird wenigstens ein bißchen blaß.“ Mit diesen Worten gab er den Blick auf ein merkwürdig eiförmiges Behältnis frei.

„Was denkst du jetzt, hm? ‚Wie kann der kaputte Typ, ein einsamer Mensch, mich umbringen?’ ‚Man muß der dämlich sein.’“ Irgend etwas an dem Tonfall seiner Stimme gefiel mir ganz und gar nicht.

„Übrigens. Ich kann’s. Und zwar hiermit.“ Mit einem lauten Zischen öffnete sich der Behälter. Ein blutroter Stein umfaßt von einer schwarzen Schlange kam zum Vorschein.

„Weh denen… die auf Erden wohnen!“ Ratlos sah ich Uriel an. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er uns mit diesen Worten sagen wollte.

„Dies ist eine der Aufgaben, die uns vier großen Engeln von Gott aufgetragen wurde. Ein Programm zur Säuberung der Menschheit, das ausgeführt wird, sollte die Erde je zu einem Wust böser Seelen verkommen.“ Dunkel erinnerte ich mich daran etwas Ähnliches einmal in den heiligen Schriften gelesen zu haben. ‚Wenn das letzte Siegel aufgetan wird, steuert die Welt auf das jüngste Gericht zu… Als der dritte Engel in seine Posaune blies, fiel ein großer Stern vom Himmel ins Meer, der brannte wie eine Fackel, und der dritte Teil allen Wassers wurde zu Blut und tötete die lebendigen Geschöpfe der Erde…

„Zu diesem Zweck wurde mir dies anvertraut. Ich versiegelte es im Hades und betete darum, daß der an dem ich es benutzen müßte, nie käme.“ Der Untergang der Menschheit…

„Eine göttliche Insignie, die einen gewaltigen Kometen herbeiruft, der den dritten Teil der Erde zu zerstören vermag. Das ‚Ei des Wermut’.“ Aber dieses Ding ist doch nur ein Mythos! Es hat nie den geringsten Beweis für seine Existenz gegeben!

„Ein blasphemisches Werkzeug… und eine der letzten Waffen im Kampf gegen die Dämonenmacht… Man sagt seine Macht trifft nur jene, die sich von Gottes Segen abgewandt haben.“ Tja, das trifft dann jawohl auf so ziemlich jeden von uns zu. Immerhin sind wir gerade dabei die Himmel in den sicheren Untergang zu stürzen.

„UND DU… DU HAST ES EINFACH KATOU ÜBERLASSEN?!“ Aufgebracht stürmte Setsuna auf den Engel der Erde zu.

„..das habe ich.“ Weil er darauf vertraute, das Katou weiß, was er tut…

„Er weiß ja nicht mal mehr, wer er ist!“ Er packte Uriel am Kragen und hielt ihm die Klinge seines Schwertes an die Kehle.

„Sein Körper ist total am Ende! Du wußtest es und hast ihm…?!“

„HALTET ENDLICH DIE KLAPPE!!!“ Binnen Sekunden herrschte Schweigen.

„Das hier ist mein Auftritt! Setzt euch und seit still! Das gilt auch für dich… wie immer du auch heißt!“ Mit diesen Worten packte Katou das Ei des Wermut und begann den Bann darum aufzuheben.

„Lu… Luzifer… sama!“ Mit dem letzten Rest der ihr noch verliebenden Kraft versuchte Balbero ihren Fürsten zu erreichen.

„Bitte… helft mir!“ Er würdigte sie nicht einmal eines Blickes.

„HAH! Bist ja echt ein herzloser Bastard! Luzi-chan!!“ Der Bann war beinahe komplett aufgehoben. Verdammt! Vater! Tu irgend etwas! Du kannst das hier doch nicht einfach so zulassen!

„Also los! Du häßliches Riesenei!!! Es ist soweit!!“ Mit ohrenbetäubenden Donnern riß der Himmel auf und ein Meteoritenschauer jagte auf uns nieder. Die Wirkung war verheerend. Wer den riesigen Gesteinsbrocken nicht rechtzeitig auswich wurde gnadenlos darunter begraben.

„Das… das ist doch Massenmord! Wie will diese Waffe aus der Ferne über uns richten?!“ Im letzten Moment gelang es mir einen Gesteinsbrocken in Uriels Rücken zu zerteilen. Ansonsten wäre der Engel der Erde jetzt Geschichte.

„So werden wir alle vernichtet werden, ohne Unterschied!! Auch wir, die wir Gott immer treu gedient haben!“ Also ehrlich! Als wenn es jetzt nichts Wichtigeres gäbe! Fluchend verwandelte ich die nächsten fünf Meteoriten in Sternenstaub. Wir sollten zusehen, daß wir hier so schnell wie möglich wegkommen.  Auf Dauer haben wir in diesem Steinregen nicht die geringste Chance.

„Du enttäuschst mich… es scheint irgendwo in deinem Herzen… vertraust du immer noch auf Gottes Schutz, Uriel.“ So wie mein Vater sich anhört können wir das also getrost knicken. Wir können uns nur noch auf uns selbst verlassen.

„Die Tür!!! Die himmlischen Pforten schließen sich!!!“ Kurais Worte ließen mich herumfahren. Oh, wie ich es hasse, wenn alles, aber auch wirklich alles so richtig schön schief läuft!

„Die Gestirne kehren in das normale Raum-Zeit-Gefüge zurück! Das ist unsere letzte Chance hineinzukommen!“ Beinahe im letzten Moment gelang es mir die kleine Dämonin zu Boden zu reißen. Ein Felsbrocken schoß keinen halben Meter über uns hinweg und explodierte schließlich in Balberos Rücken.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, danke Shao.“ Ich half ihr aufzustehen.

„FAHR ZUR HÖLLE!! KIRA!!“ Ehe ihn irgend jemand daran hindern konnte stürmte Katou mit gezogenem Schwert los. Die Explosion hatte Kiras Waffe aus Balberos Brust gelöst und gab Katou somit eine einmalige Chance. Doch noch ehe er diese nutzen konnte erhob sich Balbero in seinem Rücken. Mit einem einzigen Schlag gelang es ihr die Klinge zu zerteilen. Der eigentlich tödliche Schlag verpuffte wirkungslos an der Brust meines Vaters. Die abgetrennte Klinge wirbelte wild bis sie schließlich ihr Ziel in Balberos Stirn fand. Tödlich getroffen verschwand die Erzdämonin zwischen den herunterstürzenden Meteoriten.

Keine zwei Sekunden später beendete mein Vater das Leben seines einstigen Freundes. Mit voll entfalteten Schwingen brachte er dessen Körper eine Wunde bei, die niemals heilen würde. Noch während Katou zu Boden fiel hob er den Körper meiner Mutter wieder auf seine Arme und verschwand.

„Luzifer… er zieht sich zurück?!“

„DA! Am Himmel! Der Komet!“ Es war nicht mehr zu unterscheiden wem die einzelnen Stimmen gehörten. Menschen, Engel und Dämonen alle schrieen in ihrer Panik wild durcheinander. Der Meteoritenschauer wurde von Minute zu Minute stärker. Und die dazugehörigen Steine auch nicht gerade sonderlich kleiner.

„Wenn er uns erwischt, bleibt nichts mehr von uns übrig! Schnell!!! Durch das Tor!“

„JA! Auf der anderen Seite sind wir in Sicherheit!“

„Ihr habt recht! Lauft!!!“

„Rettung! Schmerz! Schnell!“ Entschlossen bahnte ich mir einen Weg durch die Reihen der Dämonen und versuchte eine Schneise zu schlagen.

„Durch das Tor!!“ Meiner Aufforderung hatte es kaum bedurft. Michael, Kurai und Uriel waren schon fast da.

„Die Dämonen haben die gleiche Idee!! Schnell! Beweg deinen Arsch, Messias!“ Michael wehrte einen Dämon ab während Kurai auf die andere Seite huschte.

„Die Tür… sie schließt sich!“ Noch stand Uriel neben Michael, aber viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Wo zum Henker steckt Setsuna?!

„…Du gehst nicht!“ Ich wirbelte herum. Sogar noch im Todeskampf führte Balbero den Befehl ihres Herrn aus. Sie klammerte sich an Setsunas Beine.

„Seine Feinde… sind… auch… mei… ne… Feinde!“ Ein gezielter Schwerthieb von Michael löschte schließlich ihr Leben endgültig aus. Dankbar nickte ich dem Feuerengel zu und kam endlich Uriels Aufforderung ebenfalls das Tor zu passieren.

„Worauf wartest du? Lauf!!“ Michael befand sich direkt in meinem Rücken also kann er mich nicht meinen.

„I… Ich komm nicht los!“ Setsuna?! Nein!

„Was treibst du da?! Mach schnell.“ Ich wollte auf dem Absatz kehrt machen, aber Uriels Hand schloß sich wie ein Schraubstock um meinen Arm. Stumm deutete er nach vorn. Ein mechanischer Arm hinderte das Tor daran sich vollständig zu schließen.

„Ich weiß zwar nicht, wer du bist… aber so was Dämliches wie dich kann man einfach nicht zurücklassen.“ Mit einem spöttischen Grinsen versetzte Katou ihm den lebensrettenden Stoß.

„Adios. Set-chan.“ Lautlos schlossen sich die himmlischen Pforten. Das Letzte was wir von Katou sahen war sein breit lächelndes Gesicht. Danach erbebten die riesigen Türen unter der Gewalt der Zerstörung, die auf der anderen Seite einsetzte.

„Katou… von wegen vergessen!“ Mit Tränen in den Augen hob Setsunas die Überreste von Kiras Schwert auf. Es war das einzige, was von Katou übrig geblieben war.

„Du verdammter Lügner! Gemeiner Dreckskerl!!“ Mit jedem seiner Worte flossen weitere Tränen.

„Warum mußtest du mir sogar zuletzt… noch eins auswischen?“ Keiner von uns sprach. Was Katou getan hatte sagte mehr über ihn aus als tausend Worte. So verdreht sein Leben auch gewesen sein mag am Ende hatte er bewiesen, das jeder Mensch in der Lage war sich zu ändern.

Allmählich begannen Setsunas Tränen zu trocken. Sein Blick wurde wieder fester. Entschlossen stand er auf. Die gebrochene Klinge fest in der Hand haltend, die Augen starr nach vorn gerichtet.

„Setsuna!! Da ein Licht!“ Ich folgte der Richtung in die Kurais ausgestreckte Hand wies.

„Ich sehe es auch. Es scheint unser Herumirren hat ein Ende.“ Aufmunternd nickte Uriel mir zu.

„Dies ist die Wohnstätte Gottes.“ Ein gigantischer, steinerner Torbogen erhob sich vor uns. Die kunstvollen Verzierungen waren im Laufe der Jahrtausende stark verwittert. Aber jeder Engel kannte diesen Anblick.

„Atziluth...“ Flüsterte ich kaum hörbar. Garten Eden…

 

06-07-02

Next: Part 41 – You can’t tempt your destiny, can you?




Es ist immer noch unheimlich, wie schnell die neuen Kapitel zur Zeit fertig werden… Vor allem, da ich eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben habe… sehr merkwürdig das Ganze…

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Ihr findet mich am Stand von Books & More (Takagi GmbH)

Freu mich schon riesig!

 

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