Part 41

06-07-02

Love of an angel

         Part 41

 

You can’t tempt your destiny, can you?

 

Ohne den Blick von dem beeindruckenden Torbogen lösen zu können folgte ich den Anderen. Vor uns erstreckte sich eine der ersten Schöpfungen Gottes, der Garten Eden… das Paradies…

Und treffender hätte es niemand beschreiben können. Nahezu alles war von dichten, tiefgrünen Pflanzen bedeckt. Hier und da lediglich durchbrochen von einem Meer farbiger Blüten oder den Überresten einstiger Steinriesen. Dennoch paßte alles perfekt zusammen und es gab nicht die geringste Spur, das der Frieden dieses Ortes in den letzten Jahrhunderten von irgend jemanden gestört worden wäre. Es war unsagbar friedlich und in ganz Assia gab es nichts Vergleichbares. Selbst die tiefsten Dschungel Afrikas oder des Amazonas konnten sich nicht mit dieser einzigartigen Pracht messen. Die Natur war hier voll und ganz in ihrem Element weit entfernt von einer Schändung durch menschliche Hand.

Ich schloß die Augen und lauschte dem Lied, das Pflanzen sanken, die sich lediglich dem Lauf der Sonne beugen mußten. Beinahe ehrfürchtig schritt ich durch das hohe Gras. Doch die Rücksichtnahme war unnötig. Wie bereits einst in Assia störte sich die Natur nicht an meinem gewaltsamen Eindringen. Die Gräser richteten sich kurz nach meiner Berührung wie von Geisterhand wieder auf, als wäre nie etwas geschehen. Wie eh und je verschwanden meine Spuren in den Weiten der Natur als wäre ich ein Teil davon.

Selig lächelnd legte ich den Kopf in den Nacken und folgte dem Geräusch des Windes, der sich in den gigantischen Baumkronen verfing. Ich spürte die wärmenden Strahlen der Sonne auf meinem Gesicht. Der Wind spielte mit meinem Haar während das Rauschen der Blätter immer lauter wurde. Ich fühlte mich wohler als jemals zu vor. Es war als würde mich dieser Ort willkommen heißen.

„Sie erinnern sich an dich.“ Die warme, dunkle Stimme klang dicht in meinem Rücken auf. Nur allmählich öffnete ich die Augen und erwiderte Uriels warmes Lächeln.

„Es ist lange her…“ Träumerisch versank ich in den unterschiedlichen Farbtönen der üppigen Pflanzen während wir unseren Weg fortsetzten. Einzig und allein der Wald, in dem ich meine Jugend verbrachte hatte, hatte mir dieselbe Sicherheit wie dieser Ort vermittelt. Müßten wir nicht die Welt retten würde ich für immer hierbleiben.

„Beeilt euch gefälligst. Wir haben nicht ewig Zeit.“ Michaels ruppige Stimme zerstörte das harmonische Gleichgewicht in dem ich mich soeben befunden hatte. Ohne groß nachzudenken sorgte ich dafür, daß er bei seinem nächsten Schritt bäuchlings zu Boden glitt. Der kleine Ring aus dicht verflochtenem Gras verschwand unerkannt im Boden ehe ihn der Feuerengel bemerken überhaupt konnte. Uriel stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Verdammt!“ Fluchend erhob sich Michael und segnete mich mit einem Blick der Vernichtung verhieß. Er konnte es zwar nicht beweisen, aber er wußte nur zu gut, wer für seinen Sturz verantwortlich war.

„Das war Absicht!“ Mit einem Gesicht, das unschuldiger nicht sein konnte ging ich völliges Unwissen heuchelnd achselzuckend an ihm vorbei. Kaum hörbar murmelte ich etwas von übergroßen Maulwürfen und welche Plage sie doch manchmal sein konnten. Uriels rasches Eingreifen verhinderte, das Michael seinem Namen als Feuerengel gerecht werden konnte. Kopfschüttelnd gesellte sich Setsuna an meine Seite.

„Shao, bist du etwa schon einmal hiergewesen?“ Sein Blick schweifte ebenfalls unablässig über die Pracht, die uns umgab.

„Ein… zweimal… während meiner Ausbildung. Es gibt keinen Engel, der nicht hier war.“ Warm lächelte ich ihn an, als ich den Unglauben in seinen Augen bemerkte.

„Was denn? Ist das so verwunderlich? Gottes frühe Schöpfungen zu sehen sollte uns helfen das Wesen der Menschen besser zu verstehen. Immerhin haben sie all dies von sich geworfen nur um von einer süßen Frucht zu naschen.“

„Und was hatten sie davon?“ Ertönte es äußerst mürrisch hinter uns.

„Ich mußte sie rauswerfen und mir ihr Gejammer jahrtausendelang anhören. Man, das nervt heute noch!“ Setsuna und ich prusteten beinahe gleichzeitig los. Michaels todernstes Gesicht, das sich immer weiter verfinsterte trug nicht gerade dazu bei den Heiterkeitsausbruch zu verkürzen.

„Macht euch nur lustig.“ Grummelte er beleidigt und stapfte dank eines strafenden Blicks seitens Uriels entschlossen an uns vorbei. Der Boden unter seinen Füßen rauchte nach jedem Schritt ein klein wenig. Eine Entschuldigung glucksend versuchte ich ihn einzuholen und übersah dabei prompt die Überreste einer Statue. Die bühnenreife Landung stand der von Michael in Nichts nach.

Nachdem ich mich unter reiflich schadenfrohem Gelächter auf die Beine gekämpft hatte setzten wir unseren Weg fort. Wobei Uriel es sich nicht nehmen ließ sämtliche von Kurais Fragen zu beantworten noch ehe diese die Lippen der kleinen Dämonin verlassen konnten.

„Einst durften wir hohen Engel und einige wenige Auserwählte hier ein und ausgehen.“ Belustigt zwinkerte er mir zu, als mir meine Gesichtszüge entgleisten. Auserwählte?! Es ist doch für jeden Kadetten Pflicht gewesen mindestens einmal den Garten Eden zu betreten um zu erfahren, was für selten dämliche Wesen die Menschen doch waren. Dumm und ignorant gegenüber Gottes Wundern.

„Dann, urplötzlich gegen Ende des zweiten großen Krieges, zog Gott sich zurück und versiegelte den Eingang.“ Oh ja, ich kann mich noch ziemlich gut an die gesamte Prozedur und die Dutzenden von Kontrollen erinnern, die wir passieren mußten. Bloß keinen Fehler machen und am Besten direkt alles zweimal durchsehen. Vielleicht auch dreimal, wenn es sich um einen weiblichen Kadetten handelt. Bei dieser Erinnerung knirschte ich leise mit den Zähnen. Ich hätte dem frechen Grapscher damals zu gerne in seine Schranken gewiesen, aber leider waren wir mit Saraquel unterwegs gewesen, der keinerlei Störungen, egal welcher Art duldete. Ein Übergriff auf einen der Wächter von Eden hätte zudem  eine zweiwöchige Suspendierung bedeutet und das kurz vor der nächsten wichtigen Prüfung. Außerdem wäre es dann erst nach einem Jahrzehnt wieder möglich gewesen den Garten Eden zu betreten. Es hieß Augen zu und durch oder gar nicht.

„Von da an war nur seinen engsten Vertrauten und Rosiel die Audienz gestattet.“ Uriel amüsierte sich köstlich über mein wechselndes Mienenspiel. Vergeblich versuchte ich ein gehässiges Auflachen als Hustenreiz zu tarnen.

„Und nun weiß niemand mehr, wo er ist…“ Vor lauter Überraschung prustete ich laut los. Der Blick, der mich daraufhin von Uriel traf war beinahe ebenso tödlich wie der von Michael. Ja, ja schon gut begriffen. Nicht alle Geheimnisse ausplaudern. Schon gar nicht, daß man als Engel beziehungsweise Halbengel ernsthafte Zweifel daran hegt ob Gott überhaupt noch existiert.

„Sagt mal, sind wir an dem häßlichen Ding nicht schon mal vorbeigekommen?“ Nachdenklich wies Michael auf die beinahe komplett vom Gras verborgene Statue. Prüfend schweifte mein Blick umher. Die Kronen der Bäume wiegten sich leicht im Wind und ihr leises Flüstern klang amüsiert.

„Er hat recht. Wir laufen um Kreis.“ Und das schon seit knapp einer Stunde. Verdammter Mist!

„Und das sagt dir was?“ Ungläubig stellte sich Setsuna vor die Überreste des einstigen Steinriesens.

“Für mich sieht hier alles gleich aus.“ Ratlos sahen Michael und ich uns kurz an.

„Eigentlich müßtest du es ebenfalls merken. Unsere Spuren verwischen zwar, aber die Aura dieses Ortes ist immer noch von unserem Eindringen gestört.“ Versuchte Uriel zu erklären. Es dauerte einen Moment ehe Setsuna und Kurai begriffen, was das bedeutete. Irgend etwas oder irgend jemand hinderte uns erfolgreich am Weiterkommen.

„UND JETZT? Wie suchen wir weiter?“ Verlangte die kleine Dämonin aufgebracht zu wissen.

„Vielleicht…“ Uriels Blick lag vielsagend auf mir.

„Sorry, aber ich muß passen. Ich bin hier ebenso fremd wie ihr. In Assia wäre es kein Problem den richtigen Weg zu finden, aber hier wirken andere Kräfte. Man versucht uns anscheinend am Fortkommen zu hindern.“ Und es ist weder Rosiel noch mein Vater. Eine Tatsache, die mich mehr als alles andere zu beunruhigt. Welche Macht kann Eden frei nach seinem Willen manipulieren?

„Was meinst du?“ Kurais klare, blaue Augen lagen forschend auf mir.

„Noch mehr Probleme.“ Preßte ich zwischen meinen Zähnen hindurch. Wir sind fast am Ziel und jetzt das! Der Einzige, der sich nicht die geringsten Sorgen zu machen scheint ist Setsuna. Er wandte uns den Rücken zu und hob den Blick vollkommen abwesend in den Himmel.

„Hast du was?“ Irgend etwas an dem Klang von Uriels Stimme brachte sämtliche Alarmglocken in meinem Inneren zum Schrillen. Sag jetzt nicht er kommt auf die clevere Idee sich von uns zu trennen.

„…ich…“ Unsicher machte Setsuna einen Schritt nach vorn. Sein Schwert, Nanatsusaya lag locker in seiner Hand.

„Ich… kenne diesen Ort?“ Seine Haltung wurde immer unsicherer. Oh nein! Bitte nicht! Nicht jetzt!

„DA LANG!!!“ Binnen Sekunden straffte sich sein Körper und er erhob sich lautlos in die Lüfte. Seine weißen Schwingen verblaßten noch ehe ihm jemand nachsetzen konnte. Er war zu schnell. Ratlos sah ich die Anderen an.

„Er fliegt weg?!“ Entsetzt sah Kurai ihm nach.

„Setsuna!!!“ Na wunderbar! Wenn er jetzt alleine loszieht wird er für Rosiel und Luzifer leichte Beute sein. Warum muß hier eigentlich jeder den Helden spielen?!

„Ihm nach!! Sonst verlieren wir ihn!“ Michael befand sich bereits weit über dem Erdboden. Bitte, was habe ich gesagt? Noch so ein Exemplar! Verdammt noch mal! Ihr solltet lebensgefährliche Situationen denen überlassen, die eine auch Chance haben diese zu überleben!

„Was ist denn in ihn gefahren?!“ Wortlos schlang Uriel einen Arm um Kurai und trug die kleine Dämonin mühelos mit sich. Ein überraschter Aufschrei entrang sich ihrer Kehle als sie den Boden unter den Füßen verlor. Einen stillen Fluch murmelnd schwang auch ich mich in die Lüfte und folgte ihnen. Hey, was haben wir denn schon groß zu verlieren? Es kann schließlich nur noch schlimmer werden!

Doch nach wir vor hielt uns die unbekannte Macht auf. Es war unmöglich sich an Setsunas Fersen zu heften. Seine Aura war komplett vor uns verborgen und so flogen wir suchend über die einzelnen Inseln aus denen der Garten Eden eigentlich bestand hinweg. Immer in der Hoffnung irgendwann auf seine Spur zu stoßen. Ich darf gar nicht daran denken, was geschehen wird sollten Rosiel und Luzifer ihn vor uns finden.

„OH!“ Vollkommen überrascht hielt Uriel plötzlich inne und starrte zurück auf die kleine Insel, die wir soeben überquert hatten

„Ooh!“ Entfuhr es ihm erneut und noch einmal:

„Oohhhhhhhhh!“

„Was?“ Fragend sah ich erst ihn und dann die zurückliegende Insel an, die über und über mit dichten Baumkronen bedeckt war.

„Jetzt verstehe ich…“ Mit einem vielsagenden Blick sah er mich an. Beinahe Augenblicklich schoß mir die Röte in die Wangen als ich die Insel erkannte.

„OH!“ Kam es nun auch von meinen Lippen. Die ratlosen Blicke von Kurai und Michael waren endgültig zuviel. Ich spürte wie ich bis unter die Haarwurzeln Rot wurde. Muß er sich unbedingt JETZT an DAS erinnern?! Von allen Inseln, die sich in Eden befinden müssen wir ausgerechnet über DIESE stolpern?! Wortlos klappte ich meine Schwingen zusammen und schoß auf das schützende Blätterdach zu. Man ist das peinlich!

„Shao warte!“ Ich ignorierte die Rufe in meinem Rücken und verbarg mich so gut es ging im dichten Wirrwarr der Pflanzen. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals.

„Keine Sorge, ich finde sie.“ Sichtlich amüsiert ließ Uriel den Engel des Feuers und die Ogerprinzessin auf einer kleinen Lichtung zurück. Fluchend flüchtete ich noch tiefer in das dichte Grün. Doch ich ahnte bereits, daß ich ihm auf Dauer nicht entwischen konnte. Remiriels Erinnerungen an diesen Ort werden ihm garantiert den Weg weisen. Und genau darin besteht das Problem. Hätte er sich nicht an irgend etwas anderes erinnern können als ausgerechnet an DAS?!

Wir haben bei unserem offiziellen Klassenausflug schließlich mehr als genug Blödsinn angestellt, um unsere Aufpasser und die anderen hochdekorierten Engel für Jahre in den Wahnsinn zu treiben. Besonders, weil wir gemeinsam mit unseren Freunden immer wieder mir nichts dir nichts von der Bildfläche verschwanden und uns niemand finden konnte. Wir hatten Eden wesentlich weiter erkundet als es uns eigentlich erlaubt gewesen wäre und dabei waren wir letztendlich auch auf diese kleine Insel gestoßen. Leider spürte man uns auf ehe wir einen weiteren, unerlaubten Erkundungsgang starten konnten.

Die Standpauken und Strafarbeiten, die man uns für die Mißachtung beinahe sämtlicher Befehle auferlegte suchten noch lange Zeit ihresgleichen. Trotzdem hatte nichts und niemand Remiriel und mich davon abhalten können Eden noch einmal zu erkunden. Dafür war dieser Teil des Himmels einfach viel zu faszinierend.

Noch während unsere Köpfe in den unzähligen Nachhilfestunden Saraquels rauchten und Michael uns mit deutlich sichtbarer Schadenfreude bis zum Umfallen trainieren ließ reifte diese Idee immer weiter. Von je her hatten Verbote schlicht und ergreifend die hinreißende Eigenschaft unbedingt gebrochen werden zu müssen. In diesem Fall war es letztendlich Remiriel zu verdanken, das wir den heimlich geschmiedeten Plan in die Tat umsetzen konnten.

Ich habe nie herausgefunden wie, aber die Schutzengel der Sternzeichen hatten uns ohne irgendwelche Fragen zu stellen passieren lassen. Nun ja, man könnte auch einfach sagen, das Tor stand weit offen und wir nutzten die Chance, die sich uns bot.

„Shao?“ Reflexartig schwang ich mich in den sicheren Schutz einer Baumkrone und spähte durch das Blattwerk zu Boden. Uriel sah sich suchend im immer dichter werdenden Wald um. Wir waren beide zu Fuß unterwegs. Die Schwingen sicher in ihrer Astralform verstaut. Daher wunderte es mich um so mehr, daß er mich so schnell gefunden hatte.

Kaum war er außer Sicht- und hoffentlich auch außer Hörweite glitt ich lautlos zu Boden. Wahllos schlug ich eine Richtung ein, die mich weit weg von ihm führen sollte. Wenigstens solange, bis ich mich wieder soweit im Griff habe, das ich nicht mehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit rot werde. Gruselige Vorstellung Michael den Grund dafür zu erklären zu müssen.

Die Überreste eines Marmorpavillons brachten die Erinnerungen an jenen Tag dermaßen deutlich zurück als wäre es gestern gewesen und nicht vor einer halben Ewigkeit. Vor meinem Innern Auge sah ich, wie Remiriel und ich uns lachend durch das dichte Grün jagten bis wir schließlich vollkommen außer Atem auf den halbverfallenen Pavillon stießen. Erschöpft von den bisherigen Entdeckungen und stets der Gefahr ausgesetzt jeden Moment entdeckt zu werden bereiteten wir in aller Seelenruhe ein Picknick vor. Denn, wenn man uns schon erwischte, dann doch bitte mit gefülltem Magen. Unsere Rücksäcke quollen über mit unseren Lieblingsleckereien. Und mal ehrlich, wer will sich schon die Chance entgehen lassen im Garten Eden zu speisen? Solange es sich dabei nicht versehentlich um eine verbotene Frucht handelt kann einem schließlich nichts passieren. Na ja, außer man wurde von der Obrigkeit entdeckt. Dann hätte dieses Abenteuer ein jähes Ende.

Seltsamerweise fühlten wir uns vollkommen sicher. Das Gelände war dermaßen riesig und verwinkelt, es wäre ein Wunder, wenn uns irgend jemand auf Anhieb finden würde. Außerdem beinhaltete unser Plan eine Rückkehr noch ehe jemanden überhaupt auffiel, wo wir die ganze Zeit über gesteckt hatten.

Problematisch wurde es erst als ich mich nach dem Essen ins weiche Gras fallen ließ und Remiriels Gesicht plötzlich gefährlich nah über meinem schwebte. In seinen Augen lagen weit mehr Gefühl und Begehren als für einen Engel gut waren. Wortlos strich er mit einer Hand durch mein Haar ehe er sich weiter zu mir herunterbeugte und seine warmen Lippen-

„Shao?“ Zu Tode erschrocken fuhr ich zusammen. Beinahe schon aus Reflex schwang ich mich auf einen Sims direkt unter dem letzten kümmerlichen Rest des Pavillondachs. Schützend zog ich meine Schwingen um meinen Körper und betete inständig daß er mich nicht entdecken würde. Vergeblich.

„Nun komm schon runter. Das ist doch albern.“ Breit lächelnd stand er in der Mitte des Pavillons und sah zu mir hoch. Keine zwei Zentimeter rechts von ihm hatten wir damals gesessen.

„Geh weg!“

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Nur mühsam gelang es ihm seine Heiterkeit zu verbergen. Gelassen und ohne mich aus den Augen zu lassen umrundete er meinen Rückzugsort bis er schließlich gedankenverloren vor einer gekippten Marmorplatte stehen blieb. Beinahe ehrfürchtig fuhr er mit einer Hand über den glatten Stein. Ich verbarg mein Gesicht hinter den silbernen Federn meiner Flügel als es erneut drohte ungeheure Ähnlichkeit mit einer überreifen Tomate aufzuweisen.

„Um ehrlich zu sein… nach all den Jahren… wundert es mich schon-“

„DAS ist etwas vollkommen anderes!“ Schoß ich aufgebracht zurück und gab dadurch meine Deckung auf. Damit aber wirklich auch alles zusammenkam gab der Sims unter mir selbstverständlich ebenfalls nach. Äußerst unsanft landete ich auf meinem Hosenboden. Uriel bekam sich vor Lachen fast nicht mehr ein.

„Schön, sehr schön, daß wenigstens ihr beide euch so gut amüsiert.“ Knurrte ich.

„Entschuldige, aber ich dachte wirklich nicht, das du nach all den Jahren immer noch SO darauf reagierst.“ Grinsend reichte mir Remiriel eine Hand und zog mich auf die Beine.

„Schön zu wissen, daß es bei dir anders aussieht.“ Binnen Sekunden verfärbten sich seine beziehungsweise Uriels Wangen in einen interessanten Roséton und er sah mich entschuldigend an.

„So habe ich es nicht gemeint.“

„Ich weiß.“ Erwiderte ich sanft. Langsam ließ er meine Hand frei und kehrt zurück zu der umgestürzten Marmorplatte. Wenn man genau hinsah war die Maserung an einigen Stellen wesentlich dunkler als der Rest des Steins.

„An jenem Tag hast du mir dein Herz geschenkt…“ Zärtlich strich er über den glatten Stein. Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, es gehörte dir bereits.“ Mit immer schneller werdendem Herzschlag stellte ich mich an seine Seite und griff nach seiner Hand. Sie war auf einigen kleinen, dunklen Flecken, die so gar nicht zum restlichen Muster des Marmors passen wollte zum Stehen gekommen. Blitzschnell zog er mich an und versiegelte meine Lippen mit einem langen Kuß. Als er mich wieder freigab schnappte ich keuchend nach Luft. Seine Augen leuchteten in einem derart intensiven Grün, das es mir schon beinahe Angst machte.

„Du solltest vorsichtiger sein. Ewig wird Uriel mich nicht zurückhalten können.“ Mit diesen Worten verblaßte seine Präsenz und der Engel der Erde gewann die Kontrolle über seinen Körper wieder. Dennoch brachte ich gute zwei Meter Abstand zwischen uns und ließ mich auf einer umgestürzten Marmorsäule nieder. Das herunterhängende Efeu kitzelte mich leicht im Nacken. Noch immer spürte ich den Druck.

„Du weißt, was es mit diesem Ort auf sich hat?“ Fragend sah ich Uriel an.

„Nun ja, sagen wir er weiß es.“ Mit einem schalkhaften Grinsen tippte er sich an die Schläfe. Gegen meinen Willen mußte ich lächeln. Mochte er auf die Meisten auch immer vollkommen ruhig und beherrscht wirken so hatte der Engel der Erde es doch, wie so viele andere seines Schlages, faustdick hinter den Ohren. Daß er sich seinen Körper mit Remiriel teilte machte diese Tatsache nur noch deutlicher. Die Frage ist nur wie lange das noch gut geht. Wie lange wird er die fremde Seele in seinem Inneren unter Kontrolle halten können?

„Und?“

„Er wird es nicht noch einmal tun. Das verspreche ich.“ Nicht im Geringsten beruhigt stand ich auf.

„Und wenn nicht?“ Du weißt ebenso gut wie ich, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist bis sich Remiriel notfalls mit Gewalt die Herrschaft über deinen Körper sichert. Solange er mich in Gefahr glaubt wird er nicht zögern alles in seiner Macht stehende zu tun, um mich zu schützen.

„Er will dir nicht weh tun. Er liebt dich.“ Mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen sah ich ihn an.

„Ich weiß, aber…“ Ich brachte es nicht fertig weiterzusprechen. Remiriel hat mich bereits vor einer Ewigkeit verlassen und bald wird auch Rosiel unter dem Sand der Zeit begraben werden. Ich werde wieder allein sein und mein Herz wird immer weiter zerfallen, bis nichts mehr davon übrig ist. Eine leere Hülle nichts weiter…

„Komm, laß uns zurückgehen.“ Er bot mir seine Hand an, damit ich nicht noch einmal verloren ging. Seufzend ergriff ich sie und folgte ihm. Doch an mir nagten immer größere Zweifel. Wie lange wird Uriel ihn davon abhalten können zu tun, was er für richtig hält? Es wird nicht ewig gut gehen…

Aber wahrscheinlich ist das auch gar nicht nötig. Schon bald wird alles vorbei sein. Sollten sie überleben wird jeder von ihnen an den Ort zurückkehren, der ihm am Wichtigsten ist. Nur wohin werde ich gehen? In mein altes Leben nach Assia kann ich nicht mehr zurück. Es ist für immer vorbei…

Uriel bemerkte die düstere Stimmung in der ich mich befand und versuchte vergeblich mich mit einigen Anekdoten aus Remiriels und meiner Kadettenzeit aufzuheitern. Er merkte jedoch sehr schnell, daß es nicht der richtige Zeitpunkt war darüber zu sprechen. Nachdenklich versank er wie ich in tiefes Schweigen. Ich beachtete ihn nicht weiter und folgte dem Weg zurück mehr instinktiv als das ich wirklich auf ihn achtete. In Gedanken stand ich bereits Rosiel und meinem Vater gegenüber. Verzweifelt fragte ich mich zum x-ten Mal wie ich es schaffen sollte den entscheidenden Schlag auszuführen, wenn allein der Gedanke daran mir bereits jetzt das Herz zerreißt.

Schweigend näherten wir uns dem Ende des kleinen Waldstücks wo uns Kurai sichtlich erleichtert in Empfang nahm. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß uns bei unserem kleinen Ausflug auch wirklich nichts geschehen war deutete sie nervös auf den Himmel über uns.

Mit grimmigem Gesichtsausdruck, aber hoch konzentriert schwebte dort niemand anderes als Michael. Noch ehe wir sie fragen konnten erklärte uns die kleine Dämonin, daß der Engel des Feuers es leid gewesen sei zu warten. Wenn uns nicht länger gelang Setsuna aufzuspüren, dann würde er es eben bei seinem Bruder probieren. Immerhin ist es mehr als wahrscheinlich, das Setsuna und Luzifer schon bald aufeinander treffen würden. Ebenfalls eine dieser kleinen Tatsachen, die nicht gerade dazu beitragen meine Bauchschmerzen zu lindern.

„Da lang!!“ Der Klang von Michaels Stimme verhieß Vernichtung pur. Auf die Frage, ob er sich auch wirklich sicher, sei funkelte mich eisig an.

„Den Puls meines Bruders verwechsle ich nicht so schnell! Bestimmt schlägt er sich gerade mit dem Messias…“

„WAS?!“ Im letzten Moment gelang Kurai sich an Uriels Arm zu klammern als dieser sich urplötzlich in die Lüfte erhob.

„Gott erschuf Atziluth als einen überdimensionalen Miniaturgarten… wir müssen behutsam vorgehen. Sonst verirren wir uns noch weiter.“ Verächtlich sah Michael den Engel der Erde an.

„Vor allem hier… dies ist verbotenes Gebiet. Der Ort an dem einst Alexiel gefangen war.“ Sein Blick lag bedauernd auf mir. Mit einem Flügelschlag beförderte ich mich an seine Seite.

„Na klar! Hier irgendwo muß der Garten Eden sein… er hat ihn dorthin gebracht!“ Plötzlich war Michael in heller Aufregung.

„Eden… natürlich!“ Der Engel der Erde hatte denselben Gedanken wie ich. Eden, die verbotene Insel… der Bereich den selbst Remiriel und ich vorsichtshalber gemieden hatten… Die Insel, die denselben Namen trug wie der Rest von Atzulith im allgemeinen von den Engeln genannt wurde und aus dem die Menschen einst vertrieben wurden.

„Der Garten wurde geschaffen, um Alexiels enorme astrale Kraft zu bändigen. Zu diesem Zweck wächst in seiner Mitte ein gewaltiger Baum… der >Baum der Erkenntnis<.“

„Derselbe Baum, von dem Adam und Eva die verbotene Frucht aßen? Er ist keine Legende?!“ Fragend sah Kurai in Uriels nachdenkliches Gesicht. Er antwortete ihr nicht sondern fing meinen Blick auf. Ungezähmte Emotionen zeichneten sich darin ab. Gepaart mit der Bitte umzukehren.

„Wir müssen uns auf die Suche machen! Uns bleibt keine Zeit mehr!“ Wich ich ihm aus. Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr zurück. Jetzt nicht mehr…

Mit Michael als Führer war es ein Leichtes Luzifer aufzuspüren. Doch wir kamen zu spät. Als wir die Insel auf der Eden lag erreichten war Setsuna bereits komplett von der Aura meiner Mutter umgeben. Ein einziger Blick in seine Augen reichte aus, um zu wissen wer seinen Körper im Moment beherrschte.

Ohne weiter auf uns zu achten zeigte sie das wahre Potential ihrer Kräfte. Mit nur einem einzigen Schlag löschte sie die gesamte Insel aus, die einst ihr Gefängnis gewesen war. Es blieb nichts zurück außer ein riesiger Schuttberg, über dem allmählich die Wellen des Meeres zusammenschlugen.

„ALEC?!“ Noch ehe der bewußtlose Setsuna zu Boden fallen konnte fing Uriel ihn auf. Gemeinsam mit ihm landeten wir auf einem kleinen Pier am Rand des tosenden Wassers. Die Präsenz meiner Mutter war verschwunden. Dennoch hatte ihr ein winziger Moment gereicht um einen einzigen Satz in meinen Kopf zu projizieren.

*…verzeih mir…*

„Seht! Eden versinkt!“ Kurai wies auf die Überreste der Insel, die nach und nach endgültig unter der Wasseroberfläche verschwanden.

„Ich glaub das nicht! Sie hat ihn einfach zusammen mit Eden?!“ Michaels Gesicht war von Entsetzen gezeichnet. Es war das erste Mal, das er gesehen hatte was die Kräfte meiner Mutter vermochten.

„Das ist nicht wahr!“ Noch ehe ich ihm sagen konnte, daß mein Vater nach wie vor lebte wachte Setsuna aus seiner Bewußtlosigkeit auf.

„Alec?!“

„…bis eben noch. Sie war einen Moment unaufmerksam… da habe ich ihren Willen bezwungen. Ich bin Setsuna“ Der klare Blick seiner Augen ruhte auf uns.

„Gehen wir.“ Entschlossen stand er auf.

„Kurz bevor sie verschwand, sah ich den Schatten eines riesigen Etwas… eingequetscht zwischen den Dimensionen… und ein Wort, >Siegel<.“ Fragend sah er mich an. Doch ich konnte nur den Kopf schütteln. Auch Michael und Uriel konnten ihm nicht erklären, was Alexiel uns damit zeigen oder sagen wollte. Es ist doch schön zu wissen, daß die Geheimniskrämerei in der Familie liegt, nicht?

„Es ist nicht mehr weit nach Etemenanki. Rosiel wartet dort auf uns.“ Seine ausgestreckte Hand wies uns den Weg.

„Da drüben. Ich kann seinen Astralpuls fühlen!!“ Ich schloß die Augen und tastete nach dem, was für Setsuna bereits deutlich spürbar war. Es dauerte nicht lange und ein regelmäßiges Pulsieren klang in mir nach. Es gab keinen Zweifel. Rosiel!

Doch als wir den dunklen Turm erreichten, der sich bedrohlich in das klare Blau des Himmels bohrte, war es bereits zu spät. Das Tor war geöffnet worden. Mit einer unvorstellbaren Macht wirbelten die befreiten Dimensionen durcheinander und schüttelten uns ordentlich durch. Es war unmöglich in diesem Chaos zusammenzubleiben. Jeder von uns hatte genügend damit zu tun nicht versehentlich von einem herumfliegenden Gesteinsbrocken oder etwas ähnlichem getroffen zu werden.

Zu meinem Leidwesen hielt ich mich selbst nicht an die Anweisungen, die ich den Anderen durch das ohrenbetäubende Getöse zurief. Ein Stein traf mich vollkommen unvorbereitet an der rechten Schläfe und für einen kurzen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Als ich die Welt wieder klar sah und sich nicht mehr ständig alles um mich herum drehte fand ich mich in einer Art Kathedrale wieder. Was zum Geier?!

„GEHT’S NOCH?! Wie soll ich aufwachen, wenn du mich bewußtlos kloppst?!“ Okay, es war wahrscheinlich nur alles halb so schlimm, wenn Kurai schon wieder dermaßen laut rumbrüllen kann.

„…klappt doch…“ Grinsend folgte ich den Stimmen der beiden Streithähne. Weit weg konnten sie bei der Lautstärke ja unmöglich sein. Das Pochen an meiner rechten Schläfe ignorierte ich. Die Wunde heilte ohnehin bereits wieder.

„W… wo sind überhaupt die Anderen? Haben wir sie verloren?“ Es ist wirklich niedlich wie die kleine Dämonin sich manchmal aufregen kann.

„Öhm… tja… ich denke nicht, das wir uns um die DREI Sorgen machen müssen.“

„Zwei.“ Verbesserte ich ihn und gesellte mich breit grinsend zu ihnen.

„So schnell lasse ich mich nämlich nicht abhängen.“ Auch, wenn es mich ehrlich gesagt ziemlich wundert, das ausgerechnet wir drei zusammengeblieben sind. Hoffentlich hatten Michael und Uriel ähnlich viel Glück mit ihrer Landung. Wo immer sie auch sein mögen…

„Shao!“ Beide waren sichtlich erleichtert mich wohlauf zu sehen und ich wurde kurz und innig gedrückt.

„Das ist also Etemenanki… das Hauptquartier des Himmels… wir haben’s geschafft.“ Setsunas und Kurais vor Staunen geweiteten Augen striffen neugierig um alles, was um uns umgab.

„Sieht ganz so aus…“ Stimmte ich zögerlich zu. Mir behagte dieser Ort nicht. Von ihm ging irgend etwas Seltsames aus. Es lag sogar schon fast eine Spur Bedrohung darin. Dabei würde dieser Protzbau auf der Erde sicherlich seinesgleichen suchen. Dennoch scheint der ganze Stuck und Prunk von etwas ganz Wesentlichem ablenken zu sollen. Ich kam nur einfach nicht dahinter was es war. Vielleicht auch einfach nur so ein Gefühl… Immerhin habe ich Kirchen oder sonstige Gotteshäuser nie sonderlich gemocht. Aus ziemlich verständlichen Gründen…

„Ich mache mir Sorgen um Sara… wenn wir nicht bald Heilung für sie finden…“ Setsuna vollendete den Satz nicht. Wir wußten ohnehin alle, was es bedeuten würde nicht rechtzeitig zurückkehren. Etwas, an das keiner von uns gerne dachte. Wir durften einfach nicht scheitern.

„Ja… das denk ich auch.“ Kurai wurde blaß als sie das sagte. Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. Keine Sorge…

„Wir schaffen es.“ Sie wirkte nicht sonderlich überzeugt.

„Also. Gehen wir nach oben.“ Entschlossen stellte sich Setsuna vor die gigantische Treppe, die unzählige einzelne Ebenen miteinander verbannt und immer höher führte.

„Wie sagt man? Nur Götter und Dummköpfe lieben hohe Plätze?“ Grinsend sah er uns an bevor er die ersten Stufen erklomm. Kopfschüttelnd folgten wir ihm. Wir sind eben alle nicht zu retten.

Gerade hatten wir die erste Zwischenebene und die nächsten zweihundert Stufen hinter uns gelassen (warum gibt es hier eigentlich keinen Fahrstuhl?) als eine gigantische Glaskuppel direkt über uns mit einem lauten Knirschen zerbarst. Inmitten der glitzernden Splitter fiel eine dunkel gekleidete Gestalt mit verletzten Flügeln zu Boden. Ich erkannte den platinblonden Haarschopf beinahe sofort. Catan!

„SETSUNA!!!“ Schützend drückte sich Kurai enger an ihn als uns der Glasregen erreichte. Ein kleiner Bannkreis reichte aus, um ihn unverletzt zu überstehen. Ohne auf die Beiden zu warten hastete ich die Stufen hinab. Keuchend blieb ich neben der bewußtlosen Gestalt stehen. Was um alles in der Welt hat er hier zu suchen? Und woher stammen all diese Verletzungen? Seine Schwingen verschwanden jedoch noch ehe ich sie weiter untersuchen konnte.

„Ich… ich kenne ihn!“ Mit deutlicher Sorge in seinen Zügen kniete Setsuna sich neben Catan. Was hast du getan? Warum bist du hier?

„Von der Erde… er ist einer von Rosiels Leuten!“ Du solltest in Sicherheit sein… Rosiel hat es geschworen. Er wollte nicht, daß dir irgend etwas geschieht… Warum bist du dann hier?

„Er hat soviel daran gesetzt? Nur um ihm zu folgen?“ Fragend sah Setsuna mich an. Seufzend ging ich ihm ebenfalls in die Knie und strich Catan sanft eine Haarsträhne aus der Stirn. Sein Körper wies Wunden auf, die unmöglich allein von einem Sturz stammen konnten.

„Manchmal bist du wirklich ein Idiot.“ Warum bist du uns nur gefolgt? Warum konntest du nicht zurückbleiben? Aber wieso frage ich dich das überhaupt? Ich kenne dich doch. Für deinen Vater würdest du alles tun. Nicht wahr?

„Was hast du nur angestellt, das sie dich so zugerichtet haben?“ Behutsam tastete ich mit meinen Kräften nach ihm und ließ einen Teil davon in seine Blutbahn einfließen. Mit einem lauten Keuchen gewann er das Bewußtsein wieder. Eine Welle aus Blut, Kabeln und anderen organischen Stoffen schoß aus seinem Mund. Das Gift in seinem Körper hatte sich bereits stärker ausgebreitet als ich vermutet hatte. Die geringen Mengen Gegengift, das ich ihm gegeben hatte mußten schon lange versiegt sein. Rosiel, du bist so ein gottverdammter Idiot! Warum hast du ihn nicht aufgehalten?! Reicht es nicht, daß wir beide uns in Gefahr begeben?

„IGITT!“ Kurai schaffte es nicht mehr auszuweichen.

„Was ist das für ein Zeug?!“ Ein schneller Schwertschlag von Setsuna verhinderte, das die gefährlichen Substanzen ein Eigenleben entwickeln konnten. Hustend und würgend nahm Catan kaum etwas von seiner Umgebung wahr. Der Zustand seines Körpers schien ihn selbst zu erschrecken. Mein armer, kleiner, dummer Engel. Machst du dir wirklich solche Sorgen um uns, das du dein eigenes Leben riskieren mußt? Es ist doch schon bedroht genug… du hättest dich nicht noch weiter in Gefahr begeben müssen nur um uns zu retten. Es hat ohnehin keinen Zweck. Für uns gibt es keine Rettung… es ist hoffnungslos…

„Ich weiß, was das ist.“ Setsuna hielt ihm Nanatsusayas Klinge an die Wange.

„Ich hab schon Menschen gesehen, die von dem Zeug kontrolliert wurden. Du hast Rosiels Gift in dir, stimmt’s?“

„Du bist… der Messias!! Und du… die Kronprinzessin der Oger…“ Allmählich klärte sich der Blick seiner Augen.

„Ich weiß es ist… egoistisch das zu verlangen… aber bitte, seht darüber hinweg. Allen in denen Rosiels Chip so eine Abwehrreaktion hervorruft, ist sowieso der Tod sicher. Mir… bleibt keine Zeit mehr! Es gibt etwas, das ich unbedingt tun muß. Ich muß zu Rosiel-sama!“

„NEIN!“ Aufgebracht drehte ich ihn zu mir herum und packte seine Schultern.

„Das wirst du nicht tun!“

„Nee-chan?!“ Verblüfft starrte er mich an.

„Du wirst in diesem Zustand nirgendwo hingehen!“

„Nee-chan…“ Sanft fuhr seine Hand meine Wange entlang. Beinahe so, als könnte er nicht glauben, das ich es tatsächlich war. Und dennoch in seinen Augen war deutlich zu erkennen, daß er auch dieses Mal nicht auf mich hören würde. Egal, welches Argument es auch sein würde… nichts würde ihn davon abhalten zu tun, was er für richtig hielt. Wenn er wollte konnte er ein ebenso großer Sturkopf sein wie Rosiel und ich.

Seufzend schloß ich die Augen und bat ihn leise um Verzeihung ehe ich seinen Körper für einen kurzen Moment dem vollen Ausmaß meiner Kräfte aussetzte. Das hatte zwei Dinge zur Folge. Zum einen heilten beinahe all seine Wunden sofort und die Verbreitung des Giftes in seiner Blutbahn kam fast völlig zum Stillstand. Zum anderen verlor er dadurch erneut das Bewußtsein, da sein Körper über so gut wie keine Reserven mehr verfügte. Seine Augen schlossen sich noch ehe er überhaupt richtig begriffen hatte, was mit ihm geschah. Binnen Sekunden erschlaffte sein Körper unter meinen Händen. Vorsichtig bettete ich ihn auf den Boden. Wahrscheinlich wird er mir das niemals verzeihen…

„Shao, was…? Du… du kennst ihn?“ Stotterte Setsuna, dem es endlich gelang seine Verwirrung in Worte zu fassen. Ich seufzte leicht. Es mußte ja irgendwann soweit kommen. Warum können Geheimnisse eigentlich nicht ein einziges Mal geheim bleiben?

„Darf ich dir meinen Mitbewohner vorstellen? Ihr seid euch in meiner Wohnung zwar nie direkt begegnet, aber ich denke ihr kennt euch trotzdem.“ Sanft strich ich eine blonde Haarsträhne aus dem schlafenden Gesicht. Bitte verzeih mir. Aber ich kann nicht zulassen, daß auch du dein Leben wegwirfst. Überlaß das denen, die ohnehin nicht mehr zu retten sind. Außerdem würde ihm dein Tod mit Sicherheit das Herz brechen…

„ER ist dein Mitbewohner?!“ Kurais Stimme überschlug sich fast.

„Der große, geheimnisvolle Unbekannte, den kein einziger Fotograf auf je Papier bannen konnte!?“ Ungläubig starrten die Beiden Catan an. Ich nickte leicht.

„Leider ist er nicht immer so vorsichtig.“ Liebevoll strich ich durch sein Haar. Hast du wirklich geglaubt uns retten zu können? Meinst du, daß würden wir zulassen? Ich weiß, daß du Rosiel nicht allein lassen würdest egal, was oder wer sich dir in den Weg stellt. Aber nicht dieses Mal. Versteh doch… wir wollten dich beide schützen… und dennoch… und dennoch bist du uns gefolgt… du… du dummer Engel.

„Es tut mir so leid.“ Dabei hat dieser vollkommen verrückte Narr doch behauptet du würdest dich in Sicherheit befinden. Rosiel, du bist ein solcher Idiot! Hast du wirklich geglaubt ihn täuschen zu können? Deinen eigenen Sohn? Er ist derjenige, der dich am Besten von uns allen kennt. Wenn du schon mir nichts vormachen kannst, wie sollte es dir dann erst bei ihm gelingen? Merkst du denn gar nicht, wie sehr du geliebt wirst?

„Shao?“ Ärgerlich wischte ich die Tränen, die sich in meine Augen stahlen mit einer Hand weg. Es nützt nichts. Dir bleibt keine Zeit. Seine Ohnmacht wird nicht ewig andauern. Du mußt handeln bevor es endgültig zu spät ist.

„Bitte kümmert euch um ihn.“ Sanft hauchte ich dem Bewußtlosen einen Kuß auf die Stirn. Laßt nicht zu, daß er in diesem Kampf noch mehr verletzt wird.

„Er bedeutet dir sehr viel?“ Setsunas Frage kam zögernd. Ich schenkte ihm ein geheimnisvolles Lächeln als Antwort bevor ich über ihn und Kurai einen leichten Bann verhängte. Sie bemerkten es viel zu spät.

„HEY!“ Ich befand mich bereits weit über ihnen als sich ihre Erstarrung löste. Es tut mir leid! Aber ihr könnt mich nicht begleiten. Dies hier muß ich allein tun. Rettet Assia! Den Rest überlaßt mir.

„Shao, was zum-“ Ich drehte mich nicht um und Setsunas Stimme erstarb im Rauschen des Windes. Mit wenigen, kräftigen Schlägen trugen mich meine Schwingen immer weiter den Turm hinauf. Irgendwo am Ende dieser schier endlosen Treppe befand sich der Sitz Gottes und dort würde sich alles entscheiden…

Ich erreichte mühelos die letzte Ebene und fand mich vor Dutzenden von Dimensionstunneln wieder. Nur einer von ihnen führt direkt zum Schöpfer und ich habe nicht die geringste Ahnung welcher.

Seufzend schloß ich die Augen und konzentrierte mich erneut auf Rosiels Puls, der seitdem wir den Turm betreten hatten penetrant in meinem Innern widerhallte. Mit ihm als Leitfaden war es unmöglich den falschen Weg zu wählen. Je näher ich ihm kam, desto stärker wurde er. Binnen eines Lidschlags fand ich den richtigen Tunnel und hielt in meinem Flug erst inne als mir eine riesige Tür den Weg versperrte. Das ist es also! Der Sitz Gottes…

Zögernd ließ ich die Pracht der eindrucksvollen Handwerkskunst auf mich wirken. Zwischen all dem weißen Marmor und den unendlichen filigranen Goldarbeiten kam ich mir plötzlich schrecklich fehl am Platze vor. Doch es nutzt nichts! Ich muß es zu Ende bringen!

Entschlossen machte ich einen Schritt nach vorn. Der dichte Teppich dämpfte den Schall bis zur Unendlichkeit. Lächelnd nahm ich zur Kenntnis, daß die Statuen rechts und links der Tür Rosiels und Alexiels Züge trugen. Knirschend öffneten sich die Türen. Das Schwert in meiner Hand zitterte leicht als ich den dunklen Raum betrat.

Als sich die beiden Türhälften mit einem lauten Krachen schlossen überfiel mich eine Welle von Panik. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl in eine wohl durchdachte Falle getappt zu sein. Aber es ist zu spät um umzukehren. Die Türen sind verschwunden und es gibt nur noch den Weg nach vorn. Dorthin, wo jetzt nach und nach Kerzenflammen aufglimmen und eine gigantische Treppe sichtbar wird… Noch mehr Stufen…

Vorsichtig folgte ich dem ruhigen Schlag von Rosiels Herzen. Am Ende der Treppe befand sich ein riesiger, von Tüchern verhüllter Pavillon. Hinter ihm schimmerte mal mehr, mal weniger deutlich ein übergroßes Abbild Assias inmitten eines künstlichen Universums auf. Unzählige Stoffbahnen spannten sich quer durch den unendlichen Raum. Sie fand ihr Zentrum direkt über dem Pavillon. Es ist also wahr… Hier laufen die Geschicke aller Welten zusammen…

Langsam stieg ich die Stufen hinauf während die Klinge in meiner Hand bei jedem Schritt immer lauter summte. Doch es war nicht die übliche Vorfreude auf einen Kampf, der sie heimsuchte. Vielmehr schien sie sich zu fürchten. Vor irgend etwas, das sich tief in diesem Raum verbarg. Ich nahm diese Warnung sehr ernst. Immerhin hatte mir meine Waffe bereits mehr als einmal das Leben gerettet. So sehr sie auch nach einem Kampf lechzen mochte sie hatte nie aus den Augen verloren, das ihr Blutrausch von dem Wohlergehen ihres Trägers abhing.

Der Anblick der sich meinen Augen bot ließ mich ehrfurchtsvoll erstarren und alle Warnungen für einen kurzen Augenblick vergessen. Der Pavillon war ein Meisterwerk der Handwerkskunst und strahlte eine Energie aus, wie ich sie noch nie zuvor verspürt hatte. Etwas verdammt Machtvolles verbarg sich hinter den seidenen Vorhängen. Die Frage ist nur steht es auf unserer Seite oder nicht?

Nachdenklich schritt ich die Treppe weiter hinauf bis mich ein seltsamer Anblick stoppte. Auf den letzten Stufen vor diesem beeindruckenden Bauwerk lag eine zusammengekrümmte Gestalt die mir wage bekannt vorkam. Das helle Haar fing das Licht der Kerzen ein und schimmerte leicht golden. Sie bewegte sich nicht.

„Rosiel!“ Sämtliche meiner Vorsätze und mein eigentliches Vorhaben ignorierend hastete ich zu ihm. Mein Schwert fiel klirrend zu Boden als ich ihn herumdrehte. Erschrocken stellte ich fest, daß sein Körper noch jünger geworden war als bei unserer letzten Begegnung. Zudem trug er kein einziges Stückchen Stoff am Körper. Über nahezu die Hälfte seiner sonst so makellosen Haus spannte sich ein violettes, netzartiges Muster. Ein deutliches Zeichen seines Verfalls.

Vorsichtig bettete ich seinen Kopf auf meinen Schoß und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Du gottverdammter Engel! Was hast du jetzt schon wieder für einen Unsinn angestellt? Wieso bist du in einem derartig schlechten Zustand? Reicht es dir noch nicht alle anderen zu vernichten? Mußt du es unbedingt auch bei dir selbst probieren? Mit einem leisen Stöhnen gewann er allmählich das Bewußtsein wieder. Er richtete sich leicht auf. Seine goldenen Augen weiteten sich als er mich erkannte.

„Shao?“ Zitternd hob er eine Hand und legte sie an meine Wange. Es ist erschreckend, wie sehr er und Catan sich manchmal ähneln obwohl sie eigentlich so verschieden sind wie Tag und Nacht.

„Bist das wirklich du?“ Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Er lächelte mich sanft an während ich darum kämpfte nicht in Tränen auszubrechen. Dies hier ist unsere letzte Begegnung… Leise drang seine Stimme zu mir.

„Es ist besser so. Beende es… bitte…“ Seine Augen hielten mich gefangen während ich mit einer Hand nach meinem Schwert griff. Kühl wie Eis lag es in meiner Hand. Zögernd sah ich die Kristallklinge an. In ihr spiegelten sich die Flammen der Kerzen.

„Du hast keine Ahnung, was du von verlangst.“ Meine Stimme schwankte während sich seine Lippen zu einem amüsierten Lächeln formten.

„Vielleicht weiß ich es besser als irgend jemand sonst?“ Neckte er mich. Ich stieß einen Fluch aus bevor ich mir einen letzten Kuß von ihm stahl.

„Verfluchter Engel!“ Er kicherte leise, aber der Schmerz in seinem Blick war nicht zu übersehen. Verdammt! Ich wünschte es würde einen anderen Weg geben… irgend etwas…

„…es tut mir Leid…“ Seine Hand glitt von meiner Wange durch mein Haar ehe sie auf seinem Bauch zum Stillstand kam. Langsam schloß er die Augen. Für einen kurzen Moment folgte ich seinem Beispiel und zwang meine Tränen, meine Trauer und all meine Zweifel in die hinterste Ecke meines Bewußtseins. Jetzt nicht! Jetzt ist nicht der Moment um zu zögern. Du mußt handeln. Wenn du es jetzt nicht tust wirst du es niemals schaffen. Du wußtest es von Anfang an. Ihr konntet nicht glücklich werden. Es war aussichtslos…

„…leb wohl… mein verrückter Engel…“ Ein letztes Mal strich ich über die Züge des mir so vertraut gewordenen Gesichts ehe ich mein Schwert hob. Mit einem Aufschrei purer Verzweiflung ließ ich die Klinge auf sein Herz zu rasen. Bitte verzeih mir!

*Du hast es also tatsächlich geschafft! Kind der Erde.* Schmerz, wie ich ihn noch nie in meinem Leben verspürt hatte durchschoß meinen Körper. Die Waffe in meiner Hand wurde brutal nach hinten gerissen. Mit einem kurzen Funkeln entfloh die Kristallklinge irgendwo tief in die Dunkelheit. Unerreichbar…

*Doch weiter wirst du nicht kommen!* Donnerndes Gelächter folgte diesen Worten und die Verachtung, mit der sie ausgesprochen wurden ließ mich schaudern. Ein plötzlicher Schlag gegen den Kopf und anschließend in den Magen schleuderte mich gut ein Dutzend Stufen hinunter ehe ich überhaupt einen Gegner ausmachen konnte.

Immer noch vollkommen überrumpelt von der Stärke des plötzlichen Angriffs schaffte ich es nicht mehr meine Abwehr zu sichern. Ich schrie auf, als man aus dem Nichts brutal auf mich einschlug. Es gab keine Deckung oder sonst etwas, das mich schützte. Und obwohl ich mich mit aller Macht gegen den unsichtbaren Angreifer stemmte zeigte es keinerlei Wirkung.

Sämtliche Schilde und Bannzauber schienen plötzliche ihre Wirkung verloren zu haben. Was Andere längst zerfetzt hätte entlockte meinem Gegner nur ein trockenes Lachen. Mir blieb nichts anderes übrig als mich so klein wie möglich zu machen und meinen Kopf vor den schwersten Schlägen zu schützen.

„NICHT!“ Urplötzlich war Rosiel über mir. Er gab mir die Deckung, die ich so dringend brauchte, um mich von dem plötzlichen Angriff zu erholen. Dabei hatte ich noch nicht einmal bemerkt, wie er sich überhaupt bewegt hatte. Zu sehr nahm mich der Schmerz, der nach wie vor durch meinen Körper floß gefangen. Selbst das Atmen wurde zur Qual. Eine gebrochene Rippe mußte meine Lunge verletzt haben. Zum Glück heilt sie bereits wieder.

*Willst du sie wirklich schützen, Mein geliebter, wunderschöner Rosiel? Sie hat versucht dich zu töten.*

„Bitte nicht!“ Entschlossen hob er ohne sich von mir zu lösen den Blick. Solange es nötig war würde er mich vor dem unsichtbaren Angreifer schützen. Erleichtert atmete ich auf als meine Kräfte endlich ihre volle Wirkung entfalten konnten. Sämtliche Wunden begannen sich zu schließen und auch der Druck in meiner Brust schwand allmählich.

*Narr!* Mit einem trocknem Lachen wurde Rosiel wie ein lästiges Insekt zur Seite gefegt.

„Laß ihn in Ruhe!“ Knurrte ich ins Dunkel und stand langsam auf. Mit einem leichten Drehen des Handgelenks befand sich mein Schwert wieder sicher in meiner Hand. Wollen doch mal sehen wer hier der Stärkere ist.

Als Antwort auf meine offensichtliche Herausforderung packte mich die unbekannte Macht, hob mich gute zehn Meter vom Boden hoch und schleuderte mich dann schwungvoll dorthin zurück. Ich schaffte es nicht einmal mehr zu schreien. Zu schnell war der Schmerz da.

Blut rann in meinen Mund noch ehe mir bewußt wurde, daß bei dem Sturz mindestens die Hälfte meiner Rippen gebrochen war. Wie durch ein Wunder befand sich meine Waffe nach wie vor in meinem Besitz, aber ich hatte keine Chance sie auch einzusetzen. Die Angriffe wurden unverändert stark fortgesetzt und nagelten mich am Boden fest. Rosiels flehende Stimme drang durch einen undeutlichen Schleier zu mir, doch ich war zu sehr damit beschäftigt meine Deckung aufrecht zu erhalten als das ich mich um ihn hätte kümmern können.

Was um alles in der Welt ist das nur für eine unglaubliche Kraft? Selbst in der Hölle oder unter den Huntern hat es nie einen ähnlich starken Gegner gegeben. Wenn das so weiter geht wird es eng werden. Ewig kann ich seine Attacken nicht abwehren…

Dank meines Schwertes überstand ich inzwischen die schwersten Angriffe mehr oder weniger unbeschadet, aber über eines konnte auch das nicht hinwegtäuschen. Im Moment wurde ich nach allen Regeln der Kunst nach Strich und Faden fertiggemacht. Es blieb mir noch nicht einmal Zeit herauszufinden gegen wen oder was ich eigentlich kämpfte. Dafür war mein Gegner einfach zu schnell und gerissen.

Sobald ich auch nur die kleinste Chance witterte mich dem Pavillon und dem, was sich darin verbarg zu nähern setzte er mich schachmatt. Ich kam keine drei Schritte vorwärts und gewann allmählich den Eindruck, daß man lediglich mit mir spielte. Dennoch dachte ich gar nicht daran aufzugeben. Das ahnte wohl auch mein Gegner, denn sein nächster Angriff nagelte mich am Boden fest. Ich hatte das Gefühl als würde ein Berg auf meinem Rücken stehen. Mein ganzer Körper bestand nur noch aus Schmerz. Ich versuchte gar nicht erst die Wunden zu zählen.

„Nicht! Bitte hört auf!“ Mühsam hob ich den Blick. Blut rann in meine Augen und die Umgebung verschwamm mal mehr, mal weniger stark vor meinen Augen. Rosiel taumelte als undeutliches Schemen auf den Pavillon zu und sank davor in die Knie. Mit aller Macht stemmte ich mich gegen den Druck in meinem Rücken um endlich wieder frei Atmen zu können. Es gelang nur leidlich. Der Schweiß tropfte mir vom Gesicht als der Druck in meinem Rücken erneut stärker wurde. Verdammt! Was zur Hölle ist das?! Wie kann ein Einzelner nur so verdammt mächtig sein?!

„Ich bitte euch, verschont sie.“ Ohne sich um Rosiels Flehen zu kümmern riß mich die unbekannte Macht in die Höhe. Dünne Fesseln, die sich langsam in mein Fleisch brannten zwangen meine Handgelenke weit über den Kopf. Auch meinen Beinen erging es kaum besser. Ein Hauch von Gold band sie eng zusammen. Fluchend begann ich an den dünnen Fäden zu zerren. Sie gaben nicht einmal ansatzweise nach. Scheiße!

*Nach all den Jahrhunderten bedeutet sie dir immer noch soviel?* Höhnte die dunkle Stimme. Ihr Klang ging mir durch Mark und Bein. Irgendwo tief in meinem Inneren dämmerte mir die Erkenntnis, daß es sich bei diesem Gegner nur um Gott selbst handeln konnte. Doch ich weigerte mich zu glauben, daß der soviel gepriesene Schöpfer derart grausam sein soll. Was auch immer das hier ist… es ist keinesfalls das, was die Menschen seit Anbeginn der Zeit als barmherzigen Gott preisen. Das kann einfach nicht sein!

*Du hättest beinahe all meine Pläne durchkreuzt. Es war nie vorgesehen, das ihr euch noch einmal begegnet.* Eisig wandte sich die bedrohliche Stimme mir zu. Mein Atem ging nur noch stoßweise.

„Bitte!“ Flehend krallte sich Rosiel in eine Stoffbahn des Pavillons. Ohne sich darum zu kümmern zwang die unbekannte Macht meine Flügel aus ihrer Astralform. Gepeinigt schrie ich auf. Es war, als hätte jemand Salzsäure über meine Schwingen gegossen.

„Bitte hört auf damit. Ich tue alles, was ihr wollt…“ Er senkte den Kopf während die behandschuhte Hand besitzergreifend über seinen Nacken strich.

*Du willst sie erneut retten?* Es klang beinahe wie eine Drohung.

„Ja.“

„NEIN!!! Rosiel tu das nicht!“ Ein schwerer Schlag in dem Magen ließ mich verstummen. Ich bekam fast keine Luft mehr. Mit einem leichten Winken beförderte mich die behandschuhte Hand an ein Kreuz aus Stein, das irgendwo in meinem Rücken entstanden war. Ich keuchte auf als der Aufprall die Luft aus meinen Lungen preßte.

*Erinnerst du dich Rosiel, mein wunderschöner Engel? An den Schwur, den du einst geleistet hast?* Die große Hand krallte sich in das helle Haar. Bevor Rosiel jedoch zu einer Antwort ansetzen konnte wurden meine Schwingen brutal auseinander gezerrt. Das dichte Federkleid knirschte leise. Meine Flügel lagen nun genau über dem Querbalken des Kreuzes. Ich ahnte bereits was folgen würde und zwei Sekunden später hatte ich Gewißheit. Dicke Steinkeile bohrten sich dicht unter dem Mittelgelenk durch die feinen Knochen und verbanden mich untrennbar mit dem Kreuz. Keuchend versuchte ich nach Luft zuschnappen als der Schmerz wie eine Feuersbrunst über mich hinwegrollte.

*Wie sehr ich den Klang dieser liebliche Stimme vermißt. Sie ist wirklich einzigartig auf der Welt.* Ich hatte noch nicht einmal bemerkt, das ich überhaupt schrie. Erst als er sich sicher sein konnte, daß der Schmerz, der sich durch meinen Körper fraß anhalten würde wandte er sich erneut Rosiel zu.

*Mein geliebtes Kind, erinnerst du dich An den Tag an dem du mich zum ersten Mal um ihr Leben gebeten hast?* Rosiel wimmerte leise und versuchte der machtvollen Hand zu entkommen, aber er hatte ebenso wenig Chancen wie ich. Wir beide wurden gnadenlos festgehalten. Hilflose Marionetten im Griff eines grausamen Schaustellers.

Mit einem Fingerschnippen erhoben sich aus dem Nichts unzählige Steinbrocken, die unheilverkündend vor mir schwebend. Entsetzt starrte ich erst sie und dann meinen verborgenen Widersacher an. Es lag auf der Hand, was er vorhatte. Kalte Furcht durchfraß mich. Ich konnte nicht sterben. Wenn er wollte würde es bis in alle Ewigkeit so weitergehen.

„NEIN!“ Panisch wollte Rosiel zu mir eilen, doch eine starke Hand hielt ihn eisern fest. Er war dazu verdammt alles mit anzusehen. Ich hätte alles gegeben um ihn und mir diesen Augenblick zu ersparen.

„Bitte tut das nicht!“ Er wurde vollkommen ignoriert.

*Wäre mir deine Existenz nicht in so vielen Dingen hilfreich gewesen, hätte ich dich bereits vor langer Zeit beseitigt.* Mit diesen Worten sausten die Steinbrocken auf meine ungeschützen Schwingen zu. Verzweifelt versuchte ich einen Bannkreis zu erschaffen der mich schützen sollte, doch es war vergebens. Binnen Sekunden erfüllte das laute Knacken von Knochen die Stille. Egal, wie stark der Schmerz auch ist du darfst nicht schreien! Sieh dir sein Gesicht an. Er verkraftet es schon jetzt kaum noch dich so zu sehen…

Doch als der Hauptknochen meines rechten Flügels war splitterte gelang es mir nicht länger meine Schreie zurückzuhalten. Sie verhallten in der Unendlichkeit. Hilflos krallten sich meine Hände in die dünnen Fesseln. Meine Fingernägel rissen deutliche Spuren in die Handballen. Doch rein gar nichts half gegen den Schmerz, der in meinem Rücken explodierte als schließlich auch die linke Schwinge brach.

Ich schrie bis meine Stimme beinahe ganz versagte. Der Schmerz war unbeschreiblich. Schweiß und Blut liefen in breiten Bahnen über meinen Rücken und tropften langsam zu Boden. Die Umgebung verschwamm immer mehr vor meinen Augen. Endlich hörte der Steinhagel auf.

*Meine geliebten Kinder… ihr habt so viel vergessen…* Die plötzliche Sanftheit der Stimme brachte mich mehr zum Zittern als es jeder seiner bisherigen Übergriffe vermocht hatte. Er war sich seiner Sache sehr sicher und die Macht, die den Pavillon umgab wurde von Minute zu Minute stärker. Von ihm ging etwas Unheilvolles aus. Es war stärker als jeder Gegner, dem ich mich bisher gestellt hatte und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich dieses Mal aus meiner mißlichen Lage befreien sollte. Mühsam hob ich den Kopf.

„Hast ’ne verdammt merkwürdige Art das zu zeigen.“ Okay, dumme Sprüche klopfen kann man eben egal in welcher Situation man sich auch gerade befindet. Schlecht nur, das sie sich meistens immer so nachteilig auf den momentanen Gesundheitszustand auswirkt. Nun ja, viel schlimmer kann es wohl kaum noch werden. Ich schaffe es schließlich mal gerade so eben bei Bewußtsein zu bleiben.

Ein dunkles Glucksen erklang aus dem Pavillon. Anscheinend amüsierte sich mein Gegner köstlich. Als die Welt endlich nicht mehr vor meinen Augen verschwamm fing ich Rosiels Blick auf. Seine Augen waren von Entsetzen gezeichnet und seine Lippen formten stumm Worte, die ich nicht verstand. Trotz des schmervollen Pochens in meinem Rücken brachte ich so etwas wie ein Lächeln zustande. Du dummer Engel! Meinst du wirklich diese kleinen Wunden schaffen es mich zutöten?

Gut zugegeben, es wird Wochen oder Monate dauern bis sie wieder geheilt sind. Aber ich habe schon ganz anderes überstanden. Okay, es fällt mir im Moment zwar nicht eine einzige Situation ein in der meine Schwingen gebrochen waren, aber das tut nichts zur Sache. Immerhin verlangsamt das lediglich die Selbstheilung, blockiert einen Großteil meiner Astralkräfte und auch ansonsten sieht es eigentlich ziemlich düster aus. Ich frage mich wann ich überhaupt wieder in der Lage sein werde allein zu stehen…

Würden sich die Fesseln jetzt lösen würde ich vollkommen hilflos am Boden liegen und für jeden noch so schwachen Gegner leichte Beute sein. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich wirklich wieder vollkommen hilflos. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher ob ich diesen Kampf überhaupt überstehe… Aber hey, das ist schließlich kein Grund sich Sorgen zu machen, oder?

Oh man, ich sollte endlich mal was gegen diesen Zynismus in lebensgefährlichen Situationen unternehmen. Es kann doch nicht sein, das man in solchen Moment derart dumme Sprüche klopft. Sei es nun im Geiste oder laut und deutlich in das Gesicht meines Gegners…

Rosiel redete hektisch auf die Gestalt im Pavillon ein, doch es würde keinerlei Zweck haben. An der Aura um uns herum spürte ich deutlich, daß er im Moment vollkommen zufrieden mit sich und der Welt war. Vielleicht reicht es ja um freizukommen…

Mit reiner Willenskraft zwang ich meinen geschundenen Körper sich zu bewegen. Doch alles Zerren und Fluchen half nicht. Die dünnen Drähte straften ihr harmloses Aussehen Lügen. Jeder einzelne von ihnen kam dünnem Stahl gleich, der sich immer weiter in meine Haut schnitt. Je stärker ich mich dagegen sträubte desto größer wurden die Wunden, die sie rissen.

*Du hast es wirklich nicht gelernt…* Süssihaft wandte sich die dunkle Stimme wieder mir zu.

„WAS?“ Fauchte ich aufgebracht zurück und unterdrückte einen erneuten Schmerzensschrei als ein Stromstoß durch die Drähte fuhr.

*Aufgeben.* Ich konnte schwören, das er hinter diesen Stoffbahnen von einem Ohr bis zum anderen grinst.

„Sorry, kommt in meinem Wortschatz nicht vor.“

*Du solltest es lernen. Bevor es dich noch mehr kostet als nur dein Leben in Assia.* Ohne sich um Rosiels verzweifelte Versuche ihn am Weitersprechen zu hindern zu kümmern enthüllte der große Unbekannte ein Geheimnis von dem ich niemals hätte erfahren sollen. Es lag tiefbegraben in Rosiels und meiner Vergangenheit… lange bevor Remiriel und ich ein Paar wurden… und es gab nicht den geringsten Grund an seinen Worten zu zweifeln.

Mochte er es die ganze Zeit über auch geleugnet haben, so hatte Rosiel unsere erste Begegnung doch niemals vergessen. Jenen Tag an dem ich ihm als Kind zum ersten Mal in Assia gegenübergestanden und in das Fenster seiner Seele gesehen hatte…

Dieser Tag und alle die darauf folgten hatten sich tief in sein Innerstes eingebrannt. Doch obwohl er bereits ahnte, daß ich einen kleinen Teil seiner Seele in mir trug verschloß er sich vor dem Offensichtlichen. Auch Jahre später, als sich unsere Wege erneut kreuzten hielt er sich im Verborgenen. Sein ganzes Selbst mochte nach mir verlangen, aber er wollte weder Remiriel noch mich verletzen. Wir hatten es selbst noch nicht einmal bemerkt doch Rosiel ahnte bereits, das sich Remiriels und mein Herz magisch anzogen. Zwei Teile derselben Seele, die sich gefunden hatten. Es stand ihm nicht zu sich einzumischen…

Auch war es ihm unbegreiflich wie seine Seele ein Teil von etwas sein sollte, das nur nach zwei Personen verlangte. Um sich selbst und alle Anderen vor dem stillen Schmerz seiner immer größer werdenden Einsamkeit zu schützen vermied er jede unnötige Begegnung mit mir.

Jedenfalls bis zu jenem Tag an dem er beinahe wie von selbst hinter mein größtes Geheimnis kam. Er schallt sich selbst eine Narren, das er solange gebraucht hatte um es zu merken, doch es war bereits zu spät. Er konnte seine Gefühle nicht länger bändigen. Bevor er seine Schwester und mich jedoch zur Rede stellen konnte wurde er zum Schöpfer gerufen. Wir hatten sämtliche Engel täuschen können, doch beim großen Lord selbst scheiterten wir. Er hatte unser kleines Spiel sofort durchschaut und stellte Rosiel vor eine grausame Wahl.

Entweder er ließ zu, das die anderen Engel von meiner Existenz erfuhren oder er überließ dem allmächtigen Herrscher >freiwillig< all seine Erinnerungen an das Menschenmädchen mit den Augen, die so blau waren wie die Ozeane Assias. Mit dem sicheren Wissen, das er mich bei einer erneuten Begegnung weder erkennen noch verschonen würde… Er hatte nicht einen Lidschlag gezögert.

„Sag mir, daß das nicht wahr ist. Rosiel-chan! Das hast du nicht wirklich getan?!“ Freude und Entsetzen lieferten sich in meinem Inneren ein Gefecht das seinesgleichen suchte. Sein damaliges Handeln bewies die Tiefe seiner Gefühle zu mir, aber gleichzeitig ängstigte mich seine Bereitschaft sich selbst zu opfern zu Tode. Es kam meinem eigenen Verhalten viel zu nahe.

*Er gab den Frieden seines Herzens auf, um dich zu retten. Das Wissen, das außer mir noch jemand in der Lage war sein wahres Selbst zu sehen.* Die sichtliche Erheiterung in der dunklen Stimme fachte meinen Zorn erneut an. Ein kaum hörbares Wispern verhinderte jedoch das der Schwall Schimpfworte, der mir auf der Zunge lag diese auch verlassen konnte.

*Wiederhol es. Lauter, damit sie es ebenfalls hören kann.* Gequält sah Rosiel mich an. Alles in seinem Blick bat mich um Verzeihung.

„…sie… sie soll leben… bitte… erfüllt mir diesen Wunsch…“

„NE-“ Mit einem lauten Gurgeln erstarb meine Stimme. Fassungslos starrte ich den Pavillon an.

*Sie wird dir niemals verzeihen…* Oh ja, darauf könnt ihr beide Gift nehmen! Und obwohl ich wußte, daß es vergeblich sein würde zerrte ich erneut an meinen Fesseln. Frisches Blut quoll aus meinen Wunden während ich im Stillen sämtliche Engel und ihren Hang zu Theatralik verfluchte. Da meine Stimme fort war beschränkte ich mich darauf sie im Geiste wissen zu lassen, was ich von ihnen hielt.

*Du kennst den Preis.* Stumm nickte Rosiel und sah mich mit einem Blick an, der so selten war wie ein blauer Diamant. In ihm spiegelte sich seine gesamte Liebe zu mir. Tu das nicht! Bitte tu das nicht! Er schüttelte mitleidig den Kopf. Er würde niemals zulassen, daß man mich tötete. Das hatte er mir selbst gesagt. Verdammt noch mal Rosiel! Es ist mein Leben! Tu mir das nicht an!

*So sei es! Du wirst vergessen und sie wird leben.* Gequält schrie Rosiel auf als ihn ein weißer Kranz aus Licht einhüllte. Mir blieb nichts Anderes übrig als hilflos mit anzusehen wie er bewußtlos zu Boden fiel. Alles in mir sträubte sich gegen den unsichtbaren Widersacher und die Fesseln, die mich hielten. Aber er war zu stark. Ich kam nicht frei.

*Die Frage ist nur, ob sie es dir jemals danken wird.* Ein Eisschauer durchfuhr mich, als sich die Gestalt im Pavillon mir zuwandte. Rosiels Körper verschwand unter einer breiten Stoffbahn.

*Kind der Erde, dein Leben wird andauern. Solange er mir dient wirst du leben!* Die wahre Bedeutung seiner Worte traf mich wie ein Keulenschlag. Von nun an würde die mächtigste Macht des Universums dafür Sorge tragen, daß mein Leben ewig währte. Es würde für mich keinerlei Erlösung mehr geben. Egal, wie sehr ich mir diese auch wünschte. Sein Wort band ihn und egal, auch geschehen mochte, er hatte Rosiel geschworen, daß ich leben würde und sein Wort war Gesetz.

„…nein…“ Hauchte ich und bemerkte nur am Rande, daß meine Stimmbänder mir wieder gehorchten. Zu groß war der Schock. Das kann nicht wahr sein! Rosiel ist dir klar, was du soeben getan hast? Hast du in all der Zeit die wir zusammen verbracht haben denn rein gar nichts über mich gelernt? Wie kannst mich zu einem ewigen Leben verdammen, das ich nie wollte? Was ist ein Leben wert, wenn der Preis dafür die Einsamkeit ist?

*So etwas… ich hatte mit etwas mehr Dankbarkeit gerechnet. Immerhin hat dir soeben dein Geliebter das Leben gerettet. Du solltest ihm danken.* Ein zufriedenes Lachen scholl mir entgegen.

*Im Austausch für dein Leben hat er alles geopfert, was ihm je wichtig war. Jede einzelne seiner kostbaren Erinnerungen an die Zeit mit dir. Von nun an wird er bis in alle Ewigkeit nie wieder an dich denken oder eine Zuflucht haben. Das war der Preis.*

„Du elender-“ Ein Band aus Eisen schnürte mir die Luft ab.

*Du solltest dir deine Kräfte einteilen.* Keuchend schnappte ich nach Luft als der Druck um meinen Hals kurz nachließ. Gib mir die Chance wieder zu Kräften zu kommen und wir werden sehen wohin du dir deinen Ratschlag stecken kannst.

*Wenn du das Bewußtsein wiedererlangst wird deine Welt nicht mehr existieren.* Die Macht, die über mich hereinbrach zerriß mich beinahe in tausend Stücke. Es war als würde er in das Innerste meiner Seele vordringen und sie vollkommen bloßlegen. Ich hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Er durchdrang mein Bewußtsein bis er sich plötzlich ebenso so schnell wie er gekommen war wieder zurückzog. Was auch immer er gesucht hatte, er hatte es gefunden. Sein höhnisches Gelächter klang noch in meinen Ohren als mich eine dunkle Flüssigkeit umschloß und mich bleierne Müdigkeit überfiel. Sowohl mein Körper als auch mein Geist waren vollkommen ausgelaugt. Ohne es zu wollen sank ich in die dunkle Schwärze einer verhängnisvollen Ohnmacht. Ich schaffte es noch nicht einmal ihn erneut zum Teufel zu wünschen.

 

„…wieso nicht? So ist es nun Mal. Gott… LIEBT mich.“ Rosiels stockende Stimme trieb mein Bewußtsein zurück an die Oberfläche. Durch einen Dunstschleier nahm ich seine am Boden liegende Gestalt wahr.

„Er als einziger, mein Vater, hat mich vom Moment meiner Geburt an immer geliebt…!“ Langsam, ganz langsam richtete er sich auf. Nach wie vor kniete er vor dem verhüllten Thron Gottes.

„Abertausende von Jahren ist es her… als ich die Augen aufschlug war um mich nur Stille und Finsternis.“ Sein Blick richtete sich ins Leere. Der Schöpfer hatte ganze Arbeit geleistet. Fast sämtliches Licht war aus seinen Augen gewichen.

„Schwärze… und Einsamkeit, die an den Tod grenzte…“ Ein Eisschauer durchfuhr mich als ich erkannte, wer sich am Ende der Treppenstufen befand. Setsuna, Kurai und Catan hatten den Wohnsitz Gottes ebenfalls erreicht.

„Dann sprach eine Stimme in meinem Bewußtsein… diese Stimme war mein Schöpfer… der Vater, der mich geschaffen hatte…!!“ Na toll, kann mir bitte irgend jemand erklären warum mich niemand bemerkt? Immerhin hänge ich… halt Moment! Ich bin frei?! Perplex betrachtete ich meine mit dünnen, roten Strichen übersäten Handgelenke. Sie verschwammen leicht in der Dunkelheit, aber es war eindeutig. Die Fesseln waren verschwunden. Stehe ich etwa aufrecht?

„Ich wurde geboren, mit verrotteten Sinnen… nicht einmal Muskeln hatte ich, um aufrecht zu stehen… unzählige lange Tage vergingen, an denen ich reglos in der Dunkelheit kauerte…“ Rosiels Erzählungen verschwammen mit einem Einblick in die damaligen Ereignisse. Mir war beinahe so, als wäre ich selbst dabei gewesen…

 

* * * * *

 

*Wunderschöner Rosiel. Du bist mein größtes Werk! Ich werde dir alles erschaffen wonach es dich verlangt.* Alles Lüge! Glaub ihm kein einziges Wort!

*Schon jetzt weilst du inmitten schöner Bäume und dem lieblichen Trällern von Vögeln.* Die Stimme klang lockend und süß. Dennoch war, wenn auch sehr undeutlich eine Spur Hinterlist darin.

*Die Schwestern um dich preisen deine Schönheit.*

>Ah! Wie schön wäre es… wenn ich nur sehen und ihre Stimmen hören könnte! <

*Verzage nicht. Ich habe dir einen Körper gegeben, der umgekehrt altert. Mit der Zeit wird er heilen…* Ich stieß einen gequälten Schrei aus. Er ließ ein unschuldiges Kind als Greis zur Welt kommen und macht ihm weiß es sei wunderschön?! Wie konnte ich nur jemals glauben, daß Gott gütig ist?

>Werde ich dann… auch ihr begegnen? Meiner Zwillingsschwester, Alexiel…?<

*Sicher. Wenn es ihr Wunsch sein sollte, dich zu treffen…* Was?! Soll das bedeuten er hat gegeneinander ausgespielt? Zwillinge, die sich seit dem Tag ihrer Geburt nicht mehr begegnet waren und sich dennoch nacheinander sehnten?

>Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke… und sie will mich nicht sehen? Wieso nicht…?!!<

 

* * * * *

 

„Aber bald… verstand ich den Grund… als ich weit genug geheilt war, um alleine zu gehen.“ Meine Tränen niederkämpfend versuchte ich einen Weg zu finden mich aus meinem Gefängnis zu befreien. Doch der Ort an dem man mich gesperrt hatte kam dem aus Rosiels Erzählung gefährlich nahe. Es gab nur Dunkelheit… und die Szenen unmittelbar vor mir.

„Als ich sah… als meine Augen anfingen, zu sehen…“

 

* * * * *

 

>Die Schwestern…?! Ich kann laufen…! < Entsetzt wichen die Dienstmädchen vor dem, was sich ihren Augen bot zurück.

>Was… was sagen sie…?!< Eine in Mullbinden gehüllte Gestalt mit schlohweißem Haar schritt taumelnd an einem Wasserbecken vorbei. Als sie ihr Gesicht im Spiegelbild erkannte vernahm sie ein Wort, das sich für immer in ihre Seele brannte.

>MONSTER!!< Aufgezogen in dem Glauben schön zu sein versetzten die Schwestern, die nichts anders konnten als die Wahrheit zu sprechen der jungen Seele einen Schock der niemals heilen sollte.

 

* * * * *

 

„Der eine Zwilling schön, der andere ein häßlicher Klumpen Fleisch… ich hatte gewußt, das wir als exakte Gegensätze geschaffen worden waren… aber nicht, welch häßliches Antlitz sich unter meinen widerlichen Bandagen verbarg!“ Ich hätte Mühe die Bilder der vollkommen entsetzten Schwestern aus meinem Geist zu verbannen. Sie waren zu real.

 

* * * * *

 

>Ich ertrage das nicht mehr! Ich habe Angst davor ihm zu dienen! < Dies waren die ersten Worte, die er in dieser Welt hörte. Wie unendlich grausam…

>Das ist nicht wahr…!! Das kann nicht sein… das soll meine wahre Gestalt sein…?!!“ Ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Rosiel-chan… ich hatte ja keine Ahnung…

*Wunderschöner Rosiel…!* Die sanfte, liebevolle Stimme des Schöpfers stand im krassen Gegensatz zu den mit Grauen erfüllten Gesichtern, die Rosiel umgaben.

>Das ist nicht wahr! Ich muß fort von hier…!! Ich muß zu ihr…! < Eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehend durchquerte die von Mullbinden bedeckte Gestalt die Himmel.

>Sie ist meine Zwillingsschwester, mein Gegenstück…! < Sich einzig und allein an dieses Ziel klammernd schritt er unaufhörlich weiter. Ich wimmerte leise. Dies ist seine Vergangenheit. Sie läßt sich nicht ändern egal, wie gern ich es auch tun würde…

>Alexiel… du wirst mich nicht wegstoßen, oder…? Egal, wie häßlich ich bin! Nur du… nur du wirst meine Gefühle verstehen…! < Die Schwestern versuchten vergeblich vor ihm zu fliehen. Er nahm nicht einmal wahr, wie er ihr Leben beendete. Einzig und allein seine Schwester zählte für ihn. Das einzige Wesen auf dieser Welt, das sein wahres Ich sehen würde…

>Alexiel… du strahlende, traumhaft schöne Frau… du bist beim exaktes Gegenteil…< Zitternd tasteten sich die bandagierten Hände durch eine Dornenwand.

>Sag mir… nur du… du wirst mich nicht…! < Ein lautes Zischen, der Geruch von verbranntem Fleisch und Rosiels gequälter Aufschrei ließen mich zusammenfahren. Ich schloß die Augen und betete, daß ich schon bald aus diesem Alptraum erwachen würde. Doch als ich sie wieder öffnete fand ich mich in der brutalen Realität wieder.

Nichts würde sich daran ändern…

Hier standen wir versammelt vor Gottes Thron um unserem Schicksal zu trotzen und dennoch gefangen in den Ketten in die er uns einst gelegt hatte. Es gab kein Entkommen

 

06-08-12

 

Next: Part 42 – And in the end… that’s all?

 

 



Hmm… was soll ich sagen?

Die Animagic ist vorbei, meine Freunde und ich hatten dort mächtig viel Spaß, die Einkäufe und die Cocktails abends an der Bar haben mich beinahe an den Rand des Ruins getrieben, aber das war es wert ^.^

Ich hoffe euch allen hat diese Kapitel gefallen. Wie es weitergeht erfahrt ihr dann in ein paar Wochen/ Monaten. Mal sehen wie es mit dem Weiterschreiben so hinhaut. Noch ist die Geschichte ja nicht zu Ende *grins*

UPDATE Kurenai no Tenshi
 

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