Blue Wind - Part 01

Blue Wind

     Part 01

 

Schon seit den frühen Morgenstunden herrschte im Innern des Palastes ein heilloses Durcheinander. Diener flitzen schwer bepackt mit den verschiedensten Speisen aus jeder nur erdenklichen Ecke. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie sich dabei nicht gegenseitig über den Haufen rannten oder in die Quere kamen. Wo man auch hinschaute, überall wurde gearbeitet und seltsamerweise schien niemand den Grund dafür zu kennen. Selbst Aznador, den Kronprinzen des Sinesis-Reiches schien dieses Chaos zu überraschen als er am späten Nachmittag von der Inspektion seiner Truppen zurückkam.

Völlig entgeistert stellte er fest, dass der gesamte Palast einem Ameisenhaufen glich, und er war fest entschlossen den Verantwortlichen für dieses Chaos einen Kopf kürzer zu machen. Immerhin führte er schon seit Monaten Krieg gegen das Hedar-Reich und hatte jegliche Verschwendung von Nahrungsmitteln untersagt und jetzt das. Nach etlichem Suchen bekam er endlich einen den königlichen Hofmarschall zu fassen, der bei dem Anblick seines Kronprinzen am Liebsten auf der Stelle im Boden versunken oder in einem tiefen, dunklen Loch verschwunden wäre.

Aznadors Gesicht sah aber auch zum Fürchten aus. Die Kleidung immer noch voller Staub, die langen, schwarzen Haare von Schweiß durchtränkt und das grimmige Funkeln in den Augen, all das sorgte nicht gerade dafür, dass sich der Mann, den er soeben am Kragen gepackt hatte, sich sonderlich wohl fühlte.

„Wer hat das angeordnet?!“ Aznadors Stimme war eiskalt und sofort zuckte sein Gegenüber zusammen. Sehr vorsichtig setzte der Hofmarschall zu einer Antwort an. Er wusste nur zu gut, was ihm blühte, wenn er den Kronprinzen verärgerte.

„Ihr, euer Majestät.“

„WAS?!“ Aznador war kurz davor dem Mann einfach den Arm zu brechen. Wie konnte er es wagen ihn anzulügen. Wusste er nicht was für eine Strafe darauf stand?

„Bitte, euer Majestät... ihr tut mir weh.“ Völlig unbeeindruckt von dem verzweifelten Blick des Mannes verstärkte Aznador seinen Griff noch weiter. Er würde diesem ungehobelten Diener schon noch Respekt beibringen.

„Es tut mir leid euer Majestät.“ Die Stimme des völlig verschreckten Untergebenen klang verzweifelt. Das war schon viel besser. Langsam verringerte Aznador den Druck wieder.

„Ihr hattet befohlen, dass alles bis zu euer Rückkehr fertig sein sollte, aber das war unmöglich zu schaffen.“ So schnell wie Aznador ihn gegen die Wand schleuderte konnte, der Mann gar nicht mehr reagieren. Benommen blieb er auf dem Boden liegen. Wäre er doch bloß mit den Vorbereitungen schon fertig gewesen. Aber der Hofmarschall wusste ja nicht, was seinen Kronprinzen wirklich verärgerte.

„Ich habe WAS?!“ Bevor der Hofmarschall eine Antwort geben konnte spürte er die Klinge von Aznadors Schwert unter seiner Kehle. Er verstand nichts mehr. Warum regte sein Herr sich so auf? Der Befehl für die Vorbereitung eines Festes war doch mit seinem Siegel versehen gewesen.

„Ich rate dir, mir lieber die Wahrheit zu sagen.“ Man konnte deutlich sehen, dass die Geduld des Kronprinzen bald am Ende sein würde. Zitternd zog der Hofmarschall einen kleinen Lederbeutel unter seiner Tunika hervor und ließ eine mit dem königlichen Siegel versehene Tontafel auf seine Hand fallen.

„Bitte euer Majestät. Ihr mir diese Nachricht überbringen lassen. Die Vorbereitungen sollten noch vor der Mittagsstunde erledigt sein.“ Mürrisch nahm Aznador die Tafel entgegen und studierte sie gründlich. Das war ohne Zweifel sein Siegel, aber wieso konnte er sich dann auf Patu nicht daran erinnern, diesen Befehl erteilt zu haben? Allerdings hatte er gelernt dass es besser war, wenn sich seine Untergebenen vor ihm fürchteten. Lächelnd sah er auf den immer noch zitternden Mann herunter, bevor er seine Klinge zurückzog. Er wartete noch das erleichterte Aufatmen des Mannes ab um dann Befehl an seine Wachen zu geben.

„Führt ihn ab! In drei Tagen wird er den Löwen zum Fraß vorgeworfen!“ Augenblicklich wich die gesamte noch verbliebene Farbe aus dem Gesicht des Hofmarschalls.

„Euer Majestät bitte-“

„Sei still! Du hast meinen Befehl nicht ausgeführt und dafür wirst du büßen!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen, machte sich Aznador sich auf den Weg in den Thronsaal. Wie konnte er nur vergessen, dass er ein Fest angeordnet hatte? Was gab es überhaupt zu feiern?

Viel Zeit, um sich damit zu befassen hatte er allerdings nicht mehr, denn schon tauchte das nächste Problem auf. Ein reichlich aufgebrachtes, dunkelhaariges Mädchen kam zielstrebig auf ihn zu. Aznador schickte ein Stoßgebet zu den Göttern. (Bitte nicht schon wieder!) Seit er sie vor knapp einem Monat entführt hatte, machte sie ihm nur Schwierigkeiten (von Respekt ihm Gegenüber hatte sie auch noch nie etwas gehört) doch leider konnte er sich nicht leisten sie umzubringen. Dafür war sie eine zu wichtige Geisel in diesem Kampf, und außerdem liebte sein Volk sie. Immerhin war sie nicht irgendein Mädchen, sondern die Inkarnation der Göttin Parzia, der Schutz- und Kriegsgöttin der Hedar. Und wie es der Zufall wollte, war sie ebenfalls die Geliebte des hedarischen Kronprinzen. Eigentlich ein guter Fang, wenn sie nur nicht so nervtötend wäre. Aznador hätte es zwar nie für möglich gehalten aber sie schien wirklich etwas von der Göttin, nach der man sie benannt hatte, in sich zu haben. Zumindest, was ihre Hartnäckigkeit anging. Zähneknirschend fügte Aznador sich dem Unausweichlichen.

„Was ist es dieses Mal Parzia?“ Vollkommen gefasst überhörte sie den drohenden Unterton seiner Stimme und sah ihm fest in die Augen. Was hat dieses Mädchen doch für einen eisernen Willen. Nicht die geringste Spur von Angst war in ihren braunen Augen zu erkennen.

„Warum wollt ihr euern Hofmarschall hinrichten lassen?“ Na bitte, da war es wieder. Sie mischte sich laufend in solche Dinge ein. Warum konnte er nicht ein einziges Mal ein Urteil sprechen ohne sich gleich wieder mit ihr herumschlagen zu müssen. Das ging schon seit dem Tag ihrer Gefangennahme so und Aznador konnte es sich einfach nicht leisten sie zu töten. Und wenn er ehrlich war, dann beeindruckte ihn ihr Mut auch von Zeit zu Zeit. Also ließ er sich schließlich ziemlich mürrisch zu einer Antwort herab.

„Er hat einen Befehl missachtet.“ Sofort verfinsterte sich ihr Blick. Er wusste schon jetzt wie das Ganze ausgehen würde. Sie würde ihm so lange auf die Nerven gehen, bis er den Mann wieder freiließ. Also beschloss er dieses Mal einfach schneller zu sein, um sich die stundenlangen Diskussionen mit ihr zu sparen.

„Aber da wir heute ein Fest veranstalten, werde ich es bei drei Tagen Gefängnis belassen.“ Vollkommen überrascht sah sie ihn an. Na bitte, es geht doch. Endlich war sie wenigstens einmal sprachlos. Zufrieden nahm Aznador auf seinem Thron, den er inzwischen trotz aller Versuche Parzias ihn am Fortkommen zu hindern erreicht hatte, platz und hoffte, dass sich das Thema damit erledigt hatte. Wie hielt es Alder nur auf Dauer mit ihr aus? Der hedarische Kronprinz musste über ein ungewöhnliches dickes Fell besitzen, wenn er sie zu seiner Geliebten erkoren hatte. Aznador für seinen Teil würde auf jeden Fall heilfroh sein, wenn er sie wieder los war. Doch dafür musste er erstmal diesen Krieg gewinnen.

„Ein Fest? Weswegen? Habt ihr einen Sieg errungen?“ Am Liebsten hätte Aznador ihr für diese Frage den Hals umgedreht, da er ja selbst immer noch nicht wusste, was eigentlich vor sich ging. Aber sie hatte ihn auf eine Idee gebracht. Bis er den Schuldigen gefunden hatte,  würde er sich keinesfalls anmerken lassen, dass er nicht wusste was in seinem Palast vor sich ging.

„Ja Parzia, du hast es erfasst. Mir ist es gelungen die hedarische Armee ein ganzes Stück zurückzuschlagen.“ Genüsslich sah er zu, wie sie blass wurde und ohne ein weiteres Wort den Saal verließ. Im Prinzip war es doch sehr einfach sie zu treffen. Immerhin liebte sie den hedarischen Prinzen über alles und war bis vor kurzem noch dessen einzige Geliebte gewesen. Auch eine Tatsache, die Aznador sehr verwunderlich fand, da ein Kronprinz normalerweise immer einen Harem mit mindestens fünfzehn Mätressen besaß. Wie sonst sollte man die Thronfolge sichern? Immerhin war es in den Königreichen egal, ob es sich bei dem Thronfolger um das Kind er Mätresse oder das einer Königin handelte. Es war allein dem König vorbehalten zu bestimmen welches seiner Kinder den Thron erben würde. Aber wie in vielen Dingen musste Aznador auch hier den hedarischen Kronprinzen nicht verstehen. Es reichte, wenn er ihn im Krieg besiegte und sich dessen Reich aneignen konnte. Doch noch war es nicht soweit. Bis der Krieg vorbei war würden noch einige Monate ins Land ziehen, aber er war sich sicher zu gewinnen. Immerhin besaß er eine Trumpfkarte, die Alder irgendwann das Genick brechen würde. Wenn ein Mann sich nur für eine einzige Frau interessierte, dann konnte das nur unweigerlich zu dessen Untergang führen. Und mit Parzia in seiner Gewalt wäre es ein Kinderspiel Alder zu unterwerfen.

Zufrieden erhob Aznador sich schließlich von seinem Thron und beschloss erst einmal den Staub des Schlachtfeldes loszuwerden. Natürlich waren sämtliche Baderäume dank des bevorstehenden Festes von seinen Mätressen geradezu überfüllt. Nachdem er auch aus dem Dritten schon von weitem ihr Gekicher hören konnte, platzte Aznador der Kragen. Ohne weiter auf die holde Weiblichkeit Rücksicht zu nehmen, schmiss er sie allesamt (ob nun bekleidet oder nicht) aus dem Raum und ließ sich dann in das kühle Wasser eines Marmorbassins sinken. Endlich Ruhe.

Was zum Henker war heute bloß los? Jeder im Palast schien Bescheid zu wissen bloß er nicht und dabei stammte der Befehl doch von ihm. Hatte er etwa zuviel getrunken? Aber das konnte nicht sein. Vor einer Schlacht trank er nie etwas...

Innerlich vor Wut über diese kleine Tatsache kochend, das ihm immer noch kein Grund für ein Fest einfiel, stieg er nachdem er ungefähr eine halbe Stunde lang das angenehm temperierte und parfümierte Wasser genossen hatte, mit einem völlig gleichgültigen Gesichtsausdruck wieder aus dem Wasser. Wer auch immer ihn heute verärgern würde, dessen Leben würde er augenblicklich beenden und daran würde auch eine Parzia nichts ändern. Langsam kleidete Aznador sich an und musste erkennen, dass es bereits Mittag war. Schwungvoll ging er zurück in den Thronsaal, wobei sein Umhang ihn wie eine dunkle Wolke umgab. Sein Gesicht war gefasst in ein ruhiges Lächeln, das allen zeigte, wie sehr er sich auf dieses Fest freute. Nur an dem gefährlichen Funkeln seiner Augen konnte man erkennen, wie wütend er eigentlich war.

Im Thronsaal hatte sich inzwischen der halbe Hofstadt versammelt. Kaum hatte Aznador auf seinem Thron Platz genommen, da ertönten auch schon die ersten Fanfaren. Aufmerksam beobachtete er jeden Einzelnen im Saal, aber sie alle schienen ebenso ratlos zu sein wie er. Oder sie waren lediglich begnadete Schauspieler. Immerhin waren sie nur Hofschranzen, die ihre Fähnchen stets mit dem Wind hängten. Nur ein kleiner Moment der Schwäche und sie würden nicht zögern ihren Kronprinzen zu opfern, um dann einen Mann ihrer Wahl auf den Thron zu setzen. Allerdings wirkte alles vollkommen perfekt geplant, als hätte derjenige, der diesen ominösen Befehl erteilt hatte, genau gewusst, was er tat. Was ging hier bloß vor sich? Wer war in der Lage ein solches Fest zu organisieren, ohne das es irgendjemanden merkwürdig vorgekommen wäre.

Erst als sich die großen Flügeltüren des Saals öffneten und eine Reihe bewaffneter Soldaten in der Rüstung des Sinesis-Reiches, dem Reich von Aznador, eintraten begann es ihm zu dämmern. Anscheinend hatte er heute wirklich einen entscheidenden Sieg davongetragen. Hinter den Soldaten kamen nach und nach einige Reihen Sklaven zum Vorschein, die eng von Soldaten flankiert wurden. Jeder einzelne Sklave trug ein anderes kostbares Utensil, sei es nun filigranes Porzellan, kostbare Stoffe oder eine Unmenge an Gold, vor sich her. Es sah nach sehr reicher Kriegsbeute aus. Erst als auch die letzte Person dieser langen Reihe im Saal war, wurden die Türen wieder geschlossen.

Zufrieden begutachtete Aznador abwechselnd die Berge von Gold zu seinen Füßen und die Gesichter um sich herum. Seinen Mätressen hatte er den Befehl gegeben, sich bis zu den Abendstunden nicht mehr aus ihrem Harem herauszubewegen, es sei denn sie wollten unbedingt ihren Kopf verlieren. Nur Parzia war diesem Befehl entgangen, da sie ja ohnehin bis zu den Abendstunden wieder damit beschäftigt sein würde sich um die verwundeten Soldaten zu kümmern. Es war ohnehin sehr fraglich ob sie sich überhaupt für Dinge wie Schmuck oder kostbare Stoffe interessierte. Dieses Mädchen entsprach so gar nicht dem, was Aznador sonst von Frauen kannte. Irgendwie streunte sie viel lieber im Palast oder bei den Verwundeten herum als sich stundenlang herauszuputzen. Aber vielleicht waren alle Mädchen so, die die Inkarnation einer Göttin waren. Bisher war Aznador zwar noch keiner außer Parzia begegnet, aber was hieß das schon?

Grinsend tauchte er seine linke Hand in einen der Juwelenberge zu seinen Füßen und ließ die einzelnen Steine dann langsam wieder zurückfallen. Es wäre bestimmt interessant herauszufinden, was sich jede einzelne seiner Mätressen ausdenken würde, nur um an einen einzigen dieser Steine zu kommen und sei er noch so klein. Frauen waren ja so einfach zufrieden zu stellen. Was Aznador aber noch viel mehr freute, war die Fahne die immer noch von einem der Sklaven festgehalten wurde. Ein weißer Adler auf blauem Grund, der in seinen Krallen einen von Rosen umschlungenen Ring hielt. Es war also geschafft! Das Königreich, das ihm bis jetzt am meisten Widerstand geleistet hatte, war endlich gefallen. Er fragte sich nur welchem seiner Generäle es gelungen war dieses Kunststück zu vollbringen. Bisher war jeder Versuch dieses Reich zu unterwerfen vergeblich gewesen.

„Mein Prinz, hiermit lege ich euch die Schätze des Magnolia-Reiches zu Füßen.“ Interessiert beobachtet Aznador den jungen Mann, der vor ihm niederkniete. Er schätzte ihn auf Mitte bis Ende zwanzig. Noch sehr jung für jemanden, der bereits die Rüstung eines sinesischen Generals trug. Aber im Krieg wurde man schnell erwachsen und solange ein Mann die nötigen Qualitäten besaß, konnte er beinahe in jedem Alter jeden Posten übernehmen. Immerhin war das auch nötig, wenn ein Anführer fiel musste so schnell wie mögliche ein Ersatz her, sofern man die Schlacht nicht verlieren wollte. Es war notwendig, das jeder gute General mindestens einen ebenso guten Stellvertreter hatte, der ihn im Fall der Fälle ersetzen konnte. Auch, wenn das bereits so manchen Machtkampf um das Kommando ausgelöst hatte war es immer noch die beste Methode, um einen Krieg zu gewinnen. Das wusste auch Aznador und so musterte er den Soldaten, der vor ihm kniete nach wie vor aufmerksam. Die Haut des Soldaten war dunkler, als die von allen anderen Anwesenden zusammen und Aznador konnte sich nicht daran erinnern, das ihm dieser Mann schon einmal aufgefallen war. Es war schwer vorstellbar, dass eine solch auffällige Erscheinung lange unentdeckt blieb. Er musste zu den neuen Rekruten gehören, die er angeworben hatte ohne sie selbst ein einziges Mal gesehen zu haben. Vielleicht sollte er das bald nachholen, denn so wie es aussah hatten sie ihre Aufgabe mit Bravour erfüllt. Nur wessen Posten hatte dieser Soldat übernommen? Wenn er schon vorher zu den sinesischen Generälen gezählt hätte, dann wäre er Aznador unter Garantie aufgefallen. Aber es würde nicht allzu schwierig werden, das herauszufinden.

„Erhebt euch und nennt mir euern Namen.“ Erstaunlicherweise war Aznadors Ärger mit einem Mal verschwunden. Gehorsam stand der Soldat auf. Allerdings vermiet er es dabei tunlichst dem Prinzen ins Gesicht zu sehen. Er schien genau zu wissen, wem er Respekt schuldig war.

„Koussai-Bai, General der Reiterei.“ Erstaunt hob Aznador die Augenbrauen. Er hatte ihn nicht aufgefordert seinen Status zu nennen, aber es störte ihn auch nicht weiter. Außerdem ersparte es ihm einiges an Zeit. General der Reiterei also…

„Was ist mit dem vorherigen General, Akenden geschehen?“ Immerhin war dieser seit Beginn des Krieges immer mit dabei gewesen, wenn es um das Magnolia Reich ging. Einer von Aznadors besten Männern und ihm mehr als nur treu ergeben.

„Er wurde vor über einer Woche auf dem Schlachtfeld getötet. Ich bin sein Nachfolger.“ Es wunderte Aznador wie ruhig ihm sein Gegenüber antwortete. Nur etwas beunruhigte ihn, aber er konnte nicht sagen was. War es vielleicht der Verlust eines lang vertrauten Gesichtes? Aber nein, das konnte nicht sein. Die Soldaten wechselten viel zu oft, als das man sich mit solchen Belanglosigkeiten aufhalten könnte. Es war irgendetwas an diesem Soldaten, das Aznador störte aber er konnte nicht genau sagen, was es war.

„War dieser Sieg euer Verdienst?“ Misstrauisch behielt Aznador den Soldaten im Auge. Irgendetwas in seinem Innern regte sich und löste einen leisen Alarm aus.

„Ja, euer Majestät.“ Ein Blick auf den Rest der versammelten Soldaten zeigte Aznador, das sein Gegenüber die Wahrheit sagte. Es war erstaunlich wie schnell dieser Sieg auf einmal zustande gekommen war, aber eigentlich konnte es ihm egal sein. Hauptsache, sie hatten endlich dieses verdammte Magnolia-Reich unterworfen, das ihm schon seit fast zwei Jahren erbitterten Widerstand geleistet hatte. Jetzt gehörte es endlich ihm. Wenn das kein Grund zum Feiern war, dann wusste er auch nicht mehr.

„Nun denn, ruht euch etwas aus und genießt das Fest, bis ihr wieder ins Feld zieht.“ Mit einer Verbeugung zollte der Soldat Aznador seinen Respekt.

„Habt dank, euer Majestät, aber es gibt da noch etwas, das ich euch nicht vorenthalten möchte.“ Mit einem Fingerschnippen sorgte der Soldat dafür, dass sich die Reihen hinter ihm teilten und eine verhangene Sänfte zum Vorschein kam. Aufmerksam beobachtete Aznador, wie der Soldat sich der Sänfte näherte und an einem Strick zog. Augenblick sanken die alles verhüllenden Stoffe zu Boden und eine junge Frau kam zum Vorschein. Ein Raunen ging durch den Saal, denn diese Frau war außergewöhnlich schön. Ihre langen haselnussbraunen Haare waren zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt, durch die sich unzählige Perlen und Goldfäden zogen. An ihren Ohren befanden sich filigrane Gehänge aus Saphiren und Rubinen, die wie Blütentrauben angeordnet waren was sehr gut zu ihren blau, rot geschminkten Augenlidern und Lippen passte. Ihr Körper wurde zum Großteil von himmelblauer Seide eingehüllt, die fast wie eine sanfte Meereswelle zu Boden sank. Um ihre Arme ringelten sich die unterschiedlichsten Schlangen, die aus Gold und Silber gefertigt worden waren und an ihren Händen befanden sich Ringe mit den unterschiedlichsten Steinen. Doch für Aznador verblasste all dieser Glanz, als er sah was man ihr als Schmuckstück um den Hals gelegt hatte. An einer dünnen Silberschnur befand sich dort das königliche Siegel des Magnolia-Reiches.

Mit einer sicheren Handbewegung, die jede Flucht unmöglich machte griff der Soldat nun nach dem Arm der Frau und führte sie vor den Thron. Dabei verrutschte ihr Kleid etwas und gab den Blick auf ihre makellosen Beine frei und selbst dort hatte man ihr Schmuck angelegt. Dünne Ringe, die mit silbernen Glöckchen versehen waren verliehen jedem einzelnen ihrer Schritte einen wunderschönen Klang. Sie war ein vollendetes Kunstwerk. Selbst Aznador verschlug dieser Anblick für einen kurzen Moment den Atem.

„Euer Majestät, DIES ist die Krönung eurer Beute. Die Prinzessin und Thronerbin des Magnolia-Reiches.“ Ein merkwürdiges Lächeln legte sich um Aznadors Lippen, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach. Die Worte seines Soldaten hatten ihm zu verstehen gegeben, das der König des Magnolia-Reiches im Kampf gefallen war. Sein Sieg war also vollkommen.

„Verratet mir eines General, wie ist euch das gelungen? Ich hielt es bisher für ein Gerücht, dass es im Magnolia-Reich eine Thronerbin geben soll neben deren Schönheit selbst die Sonne verblasst. Immerhin hat sie bis heute noch nie jemand zu Gesicht bekommen. “ Schmunzelnd antwortete ihm der Soldat.

„Um ehrlich zu sein euer Majestät, es war eher Zufall dass wir sie fanden. Eigentlich hatten wir vorgehabt euch den König des Magnolia-Reiches zu bringen, aber wir fanden nur sie im Palast.“ Erstaunt sah Aznador ihn an.

„Was soll das heißen, nur sie?“ Das konnte unmöglich sein! Sie hatten doch Krieg gegen dieses Reich geführt und das jahrelang. Wie konnte es da sein, das man nur sie im königlichen Palast gefunden hatte?

„Das ihr meinen Vater ermordet habt!“ Vollkommen perplex legten sich die Blicke sämtlicher Anwesender auf die junge Frau, die jeden Einzelnen davon furchtlos erwiderte. In ihren Augen loderte ein solches Feuer, das viele fast augenblicklich einen Schritt zurück wichen. Aznador nahm es mit einer gewissen Befriedung zur Kenntnis, dass es noch jemand anderes als er selbst es schaffte, den Hofschranzen Furcht einzujagen. Sie würden sich hüten dieser Prinzessin auch nur einen einzigen Schritt zu nahe zu kommen.

„Wisst ihr das etwa nicht mehr?“ Energisch befreite sie sich aus dem Griff des Soldaten und ging auf Aznador zu. Sie schien kaum zu bemerken, dass die Soldaten schon bald darauf einen dichten Kreis um sie herum schlossen. Sie würde nicht die geringste Chance haben Aznador jetzt noch zu entkommen und dennoch verhielt sie sich so, als wäre sie aus freien Stücken in seinen Palast gekommen und nicht als Gefangene.

„Vor über einem Jahr zog mein Vater gegen euch ins Feld und kehrte nicht mehr zurück.“ Kalt sah Aznador auf sie herunter. Sie erwiderte seinen Blick ohne das geringste Anzeichen von Furcht. Er musste zugeben, dass ihre Kühnheit ihm imponierte. Immerhin würde ein einziges Wort von ihm genügen, um ihr Leben vorzeitig zu beenden. Aber das schien sie nicht im Geringsten zu kümmern. Sie sprach mit ihm als wären sie ebenbürtige Gesprächspartner und nicht Sieger und Besiegte.

„Ihr wart es, der ihn getötet hat!“ Sie hatte Mut, das musste er ihr lassen und noch etwas war Aznador aufgefallen. Sie besaß tiefgrüne Augen, das war der endgültige Beweis dafür, dass sie wahrhaftig die Prinzessin des Magnolia-Reiches war. Von keiner anderen Prinzessin, egal aus welchem Königreich sie auch stammte, war bekannt dass sie grüne Augen besaß. Es konnte also kein Irrtum sein. Sie war die Kronprinzessin!

„Wirklich? Und gegen wen habe ich dann Krieg geführt? Gegen euch?“ Der Hohn in der Stimme Aznadors war nicht zu überhören und man konnte deutlich sehen, wie die Wut, die sich in ihr anstaute, die Wangen der Prinzessin allmählich rot zufärben begann. Für eine Kriegsgefangene besaß sie erstaunlich viel Kampfgeist. Aznador konnte ihren Zorn förmlich spüren und musste feststellen, dass es ihn erregte eine Frau so unnachgiebig zu erleben. Selbst Parzia hatte ihn nie mit einem solchen Funkeln in den Augen angesehen. Auf diese Frau würde er besonders gut aufpassen müssen, aber es würde ihm auch eine ungeheure Freude bereiten ihr noch in dieser Nacht zu zeigen, wer von nun an ihr Herr und Gebieter war. Für die Löwen war sie ohnehin viel zu schade und er war sich nicht einmal sicher, ob sie das nicht auch noch überleben würde. Mit diesem Blick konnte sie töten.

„Spottet nur! Ihr werdet euch noch wundern! Glaubt ja nicht, das ihr diesen Krieg schon gewonnen habt!“ Es erstaunte Aznador, wie sicher ihre Stimme klang. Nicht die geringste Spur eines Selbstzweifels war darin zu hören. Vielmehr machte es den Eindruck, als hätte er nur eine weitere Schlacht gewonnen und nicht den Krieg. War sie sich ihrer Niederlage denn überhaupt nicht bewusst?

„Wollt ihr damit etwa andeuten, dass euer Reich nicht unterworfen ist?“ Augenblicklich ging eine dramatische Änderung in ihrem Gesicht vor sich. Ihr Blick begann zu flackern und sie wendete ihn schließlich ab. Sie wusste es also doch! Aznador genoss diesen Triumph. Er würde ihr schon noch zeigen, was es bedeutete so mit ihm zu reden. Bisher hatte es noch keine einzige Frau geschafft ihm zu trotzen. Wenigstens nicht länger, als er es für ertragbar hielt.

„Genug jetzt! Bringt sie in meine Gemächer! Ich werde mich später mit ihr befassen.“ Augenblicklich wendete die Prinzessin ihren Blick und sah ihn vollkommen verzweifelt an, als drei Soldaten aus Aznadors Leibwache sie abführten. Seltsamerweise wurde dem Kronprinzen des Sinesis-Reiches unter diesem Blick ziemlich mulmig zumute. Ihm war fast so, als hätte er ihn schon einmal gesehen vor langer Zeit... als er noch ein junge gewesen war…

Aber das würde ihr auch keine Schonung mehr einbringen. Er schob den Gedanken beiseite. Heute Nacht würde er alles über sie erfahren.

Nachdem sich die Türen hinter ihr geschlossen hatten erhob Aznador sich und legte seine Hand anerkennend auf die Schulter des siegreichen Generals. Das war für alle Anwesenden das Zeichen, dass das Fest nun beginnen konnte.

 

* * * * *

 

Die Soldaten hatten mit der gefangenen Prinzessin gerade die Tür zum Harem erreicht, da brach diese auch schon schluchzend in sich zusammen. Doch noch bevor sich der Erste der Soldaten bücken konnte, um sie wieder auf die Füße zu zerren, wurden sie einer nach dem Anderen von hinten bewusstlos geschlagen und aus dem Gang geschleift. Lächelnd erhob sich die Prinzessin, deren Gesicht staubtrocken war, wieder. Mit einem Fingerschnippen gab sie den im Schatten stehenden Männern ein Zeichen, bevor sie im Inneren des Harems verschwand.

Natürlich erregte ihr plötzliches Auftauchen, noch dazu vollkommen unbewacht, einiges an Aufmerksamkeit aber sie funkelte jede Person die sie ansprechen wollte mit einem solch vernichtenden Blick an, das selbst Odilia, die uneingeschränkte Herrscherin in Aznadors Harem, es nicht wagte auch nur ein einziges Wort an den Neuankömmling zu richten. Suchend sah sich die junge Frau um, bis sie schließlich in einer dunkeln Nische eine zusammengekauerte Gestalt entdeckte. Zielstrebig ging sie auf diese zu und fiel vor ihr auf die Knie.

„Prinzessin, euer Vater schickt mich um euch nach Hause zu holen.“ Augenblicklich herrschte um sie herum entsetztes Schweigen. Keine der Frauen im Inneren des Harems gab noch ein Geräusch von sich. Dafür klangen diese Worte in ihren Ohren viel zu fantastisch. Wie oft hatten sie selbst schon davon geträumt, dass irgendjemand kam um sie zu retten? Es war so ruhig, das man das Fallen einer Nadel hätte hören können, so sehr hielten die Frauen den Atem an. Lediglich das Schluchzen des angesprochenen Mädchens zerrieß die Stille.

„Bitte Prinzessin reißt euch zusammen wir müssen uns beeilen.“ Langsam hob das Mädchen ihren Blick. Ihre blaugrünen Augen schwammen in Tränen und ihre kurzen, braunen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Sie war vielleicht gerade einmal zwölf Jahre alt und eigentlich noch viel zu jung, um schon in einem Harem zu landen. Aber was kümmerte das schon einen Kriegsherren?

„Wer seid ihr?“ Die Frau vor ihr begann geheimnisvoll zulächeln und die Tränen aus dem Gesicht der Prinzessin zu wischen. In den Augen des Mädchens erschien diese wunderschöne Gestalt vor ihr wie eine Göttin, die aus einem Traum herabgestiegen war, um ihr ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen.

„Ein alter Freund euers Vaters.“ Gerade wollte das Mädchen die nächste Frage stellen, als sich sanft ein Finger auf ihre Lippen legte.

„Das muss euch genügen. Prinzessin, bitte vertraut mir einfach.“ Erstaunt sah das Mädchen sein Gegenüber an. Seit über drei Monaten war sie in diesem Harem gefangen und hatte mehr Angst als jemals zuvor in ihrem Leben gehabt. Aber zum Glück war der Kronprinz des Sinesis-Reiches bisher noch nicht in der Stimmung gewesen sich mit ihr zu befassen. Doch diese Zeit des Wartens hatte an den Kräften der jungen Prinzessin gezerrt und jetzt kam plötzlich jemand um sie zu retten?! Sie konnte es kaum fassen! Auch nicht als sie merkte, dass ihre Retterin das Siegel ihres Vaters um den Hals trug. Aber war das nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Person wirklich von ihrem Vater geschickt worden war? Was bedeutete, dass dieser wohlauf war und sich sehr um seine Tochter sorgen musste. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitete sich in ihrem Innern aus. Man würde sie retten! Das war zu schön um wahr zu sein!

Wieder lächelte ihr Gegenüber geheimnisvoll und begann damit nach und nach ihre kunstvolle Frisur aufzulösen. Immer mehr braune Strähnen lösten sich daraus und fielen über ihre Schultern, bevor sie sich langsam auf ihrem Rücken verteilten. Anscheinend war sie sich ihrer Sache sehr sicher. Sie schien es nicht im Geringsten eilig zu haben oder zu befürchten, dass eine der Wachen sie entdecken könnte. Und auch die Tatsache, das diese Frau grüne Augen, die noch intensiver als die ihrigen leuchteten, verwirrte die Prinzessin zutiefst. Sie hätte diese geheimnisvolle Frau nur zu gerne nach den Gründen für all das gefragt, aber irgendwie fehlte ihr der Mut dazu. Anscheinend wurde ihr fragender Blick bemerkt, denn die junge Frau vor ihr wandte sich plötzlich zu ihr um.

„Prinzessin, egal was von jetzt an auch passieren mag, ihr müsst mir versprechen zu schweigen und genau das zu tun was ich euch sage.“ Gehorsam nickte das Mädchen und stellte verblüffte fest was sich alles in dem Haarturm ihres Gegenübers verbarg. An jeder Perle die dort herausgezogen wurde befand sich die dünne Klinge eines Dolches und der Goldfaden, der die Frisur bisher so unauffällig zusammen gehalten hatte schien gar kein Ende mehr zu nehmen. Er verteilte sich bereits großzügig in mehreren Schlaufen auf dem Boden und immer noch befand sich ein Großteil davon in den Haaren der Frau.

Auch die restlichen Mätressen beobachteten äußerst interessiert, was dort zwischen den Beiden vor sich ging, aber keine von ihnen hatte vor einzugreifen. Teils, weil sie wussten wie ausweglos ein Fluchtversuch war und teils, weil sie dem jungen Mädchen die Freiheit gönnten. Immerhin waren viele von ihnen auch in diesem Alter hierher gekommen und hatten sich damals ebenfalls einen Retter gewünscht, der es leider nie bis zu ihnen geschafft hatte. Sie hatten gelernt, sich in ihr Schicksal zu fügen und trotzdem bemitleideten sie jedes Mädchen, das neu zu ihnen stieß. Alle, bis auf Odilia. Sie sah in jedem Neuzugang nur eine weitere Dienerin, der sie Befehle erteilen konnte und da sie Aznadors unumstrittene Favoritin war, war es für die anderen Frauen ein Ding der Unmöglichkeit sich gegen diese zu behaupten. Manche von ihnen hatten es einmal probiert, aber das war auch das letzte Mal gewesen, das man etwas von ihnen gehört hatte. Sämtliche Frauen, die es wagten gegen Odilia aufzubegehren, verschwanden plötzlich spurlos aus dem Harem. Keiner wusste, was mit ihnen passiert war, aber dennoch wussten sie alle, dass diese Frauen nie wieder das Licht der Sonne erblicken würden. Und auch jetzt war Odilia mehr als nur wachsam. Sie hatte nicht vor tatenlos dabei zu zusehen, wie man ihren Prinzen betrügen wollte. Schon gar nicht mit einer so anmaßenden Arroganz, wie sie dieser Neuankömmling an den Tag legte. So vorsichtig, wie nur eben möglich, begann Odilia sich in Richtung Tür zu bewegen, was niemanden weiter auffiel, da die anderen Frauen viel zu sehr damit beschäftigt waren die Prinzessin und deren Retterin zu beobachten.

Nachdem sich die Frisur der geheimnisvollen, jungen Frau komplett auflöst hatte begann diese auch sämtlichen Schmuck von ihrem Körper abzustreifen. Achtlos warf sie diesen bis auf zwei Ringe und das Siegel weg. Wobei sie das Siegel schließlich äußerst schwungvoll an der Wand zerschmetterte. Danach steckte sie einen der Ringe an ihre eigene Hand und den zweiten an die Hand der Prinzessin. Fragend sah diese den schwach funkelnden Stein auf dem dünnen Silberreif an.

„Er wird euch im Notfall beschützen.“ Nach dieser kurzen Erklärung löste die Frau die Schnüre, die ihr Kleid zusammenhielten und dieses sank augenblicklich zu Boden. Übrig blieben ein Brusttuch sowie ein Lendenschurz. Dafür hielt die junge Frau allerdings schon bald in einer Hand das Ende einer Peitsche, die bisher eng um ihren Körper gewickelt gewesen war. Mit einer routiniert wirkenden Bewegung löste sie auch den Rest davon von ihrer Haut und befestigte sie an ihrer Hüfte. Die kleinen Dolche und den Goldfaden wurden mit ähnlich sicheren Griffen in den Resten ihrer Kleidung verstaut. Was schon fast an ein Wunder grenzte bei der geringen Stoffmenge.

Inzwischen hatte Odilia die Tür erreicht und der Wache auf dem Gang unauffällig ein Zeichen gegeben. Gerade als die junge Frau Stück für Stück den Stoff ihres Kleides zerriss, betrat die Wache den Raum. Noch wurde der Mann von niemanden bemerkt. Erst als Odilia die Tür schwungvoll hinter dem Soldaten schloss wendeten sich alle Blicke den Beiden zu und ein entsetztes Raunen hallte durch den Raum. Man konnte in den einzelnen Gesichtern deutlich erkennen, wie viel Angst die Frauen nun hatten. Jede Einzelne von ihnen wusste nur zu gut, was passieren würde, wenn man sie bei einem Fluchtversuch erwischte. Einzig die Retterin der jungen Prinzessin schien es nicht im Geringsten zu stören, dass sie gerade von einer Wache entdeckt worden war. Vollkommen gelassen wischte sich diese mit einem der Stoff-Fetzen die Schminke aus ihrem Gesicht und band sich dann ihre Haare mit einem weiteren wasserblauen Streifen zusammen. Zufrieden schüttelte sie kurz ihren Kopf hin und her, um zu prüfen, ob ihre Frisur auch halten würde und stand auf. Wobei sie der Prinzessin, die immer noch vollkommen fassungslos neben ihr saß, lächelnd eine Hand entgegen streckte.

„Prinzessin, es ist soweit. Wir können gehen.“ Völlig entsetzt sah das Mädchen sie an, bevor es zitternd nach der angebotenen Hand griff. Überrascht stellte es fest, wie schnell ihr Gegenüber sie auf die Beine zog. Fast so, als würde sie nicht mehr wiegen, als eine Feder. Zu diesem Zeitpunkt hätte man im Innern des Harems eine Stecknadel fallen hören können. Keiner wagte es mehr zu atmen. Gelassen ging die junge Frau auf die Wache zu, die sich zu Odilias Entsetzen immer nicht einen einzigen Millimeter bewegte. Sah dieser Kerl nicht, was dort vor sich ging?

„Sind die Anderen soweit?“ Die Wache legte dasselbe geheimnisvolle Lächeln, wie die junge Frau auf, bevor ein kurzes Nicken folgte. Zufrieden schritt die Frau an dem Soldaten vorbei, der ihr nun folgte. Ängstlich sah die Prinzessin zu dem Soldaten hinauf. Ihr war das Ganze überhaupt nicht geheuer, aber als der Soldat sie sanft anlächelte verlor sie etwas von ihrer Unsicherheit. An der Tür des Harems blieb die kleine Gruppe noch einmal stehen und die junge Frau warf Odilia einen eisigen Blick zu.

„Ich warne dich. Du magst hier zwar die Mächtigste sein, aber stell dich mir in den Weg und ich schwöre dir es wird das Letzte sein was du in diesem Leben tust.“ Noch nie im ihrem Leben hatte Odilia eine derartige Furcht vor einer anderen Frau verspürt, wie in diesem Moment. Selbst Aznador war es in all den Jahren nie gelungen ihr solche Angst einzujagen. Odilia hatte genau gemerkt, dass es dieser Frau verdammt ernst war mit dem was sie sagte und dass niemand, wahrscheinlich nicht einmal Aznador persönlich, sie aufhalten könnte. Außerdem schien das Ganze eine ausgeklügelte Sache zu sein. Wie sonst erklärte man sich, dass die Wachen nicht Alarm schlugen sondern viel mehr mit darin verwickelt zu sein schienen? Lautlos wurde die Tür von der Wache geöffnet und die drei Gestalten verschwanden in den Gängen des Palastes. Der Harem blieb vollkommen still hinter ihnen zurück.

 

* * * * *

 

Zufrieden mit sich und der Welt machte sich Aznador nach Beendigung des Festes auf den Weg in seine Gemächer. In dieser Nacht würde ihm bestimmt nicht langweilig werden. Er würde jede Minute mit dieser Schönheit von Prinzessin genießen. Lächelnd warf er seine langen, schwarzen Haare zurück und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont versank. Da er sich sehr lange mit diesem jungen General unterhalten hatte, dem er den Sieg über das Magnolia-Reich zu verdanken hatte, war ihm überhaupt nicht aufgefallen wie schnell es Abend geworden war. Aber bei diesem Triumph konnte man sich so etwas durchaus erlauben und jetzt würde er herausfinden, ob er in dem letzten Jahr tatsächlich Krieg gegen eine Frau geführt hatte oder nicht. Hastig stürmte Aznador mit einem stetig wachsenden Verlangen auf seine Gemächer zu.

Er wollte diese gerade betreten, als ihm auffiel, dass er bisher noch nicht einen einzigen Wachposten gesehen hatte. Dabei hatte er vor kurzem alle Sicherheitsvorkehrungen verstärken lassen. Instinktiv spürte er, dass etwas nicht stimmte. Keiner seiner Soldaten würde es wagen einen seiner Befehle zu ignorieren. Vorsichtig betrat Aznador seine Gemächer, die bis auf die üblichen Möbel und Gebrauchsgegenstände leer waren. Wo war die Prinzessin des Magnolia-Reiches?! Versuchte sie etwa allen Ernstes zu fliehen?!

Er machte auf dem Absatz kehrt und stieß verärgert die Tür zu seinem Harem auf. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle seiner Mätressen noch da waren, entdeckte er schließlich die Überreste des Kleides und den Schmuck der magnolischen Prinzessin auf dem Boden. Mehr brauchte Aznador nicht, um wieder auf den Gang zu stürmen und Alarm zu schlagen. Es dauerte nicht lange und es wimmelte in sämtlichen Palastgängen nur so von Soldaten.

 

* * * * *

 

So schnell es ging rannte das dunkelhaarige Mädchen dicht gefolgt von einer Dienerin auf das Tor des Palastes zu. Dieses Mal würde es wirklich verdammt knapp werden. Aznador erlaubte ihr zwar sich um die Kranken im Haus der Ruhe zu kümmern aber er bestand darauf, dass sie noch vor Sonnenuntergang wieder zurück war. Nicht auszudenken, was dieser machen würde, wenn sie einmal nicht pünktlich sein sollte. Immerhin hatte er Frauen schon wegen einem weniger schweren Verbrechen getötet.

Vollkommen erschöpft ließ sie sich schließlich auf die erst beste Mauer hinter dem Palasttor fallen. Ihre Begleiterin setzte sich links neben sie und schnappte ebenfalls keuchend nach Luft. Ein Glück, das die letzten Sonnenstrahlen erst jetzt verschwanden. Sie hatten es gerade noch so geschafft. Die Wachen hatten gerade erst damit begonnen die Feuer im Hof des Palastes zu entzünden. Der endgültige Sonnenuntergang tauchte den Hof des Palastes in ein angenehmes Halbdunkel. Alles war vollkommen friedlich und es versprach ein wunderschöner Abend zu werden. Allerdings ertönte durch die Stille schon bald darauf ein Alarmruf. Verwundert sahen sich die beiden Mädchen an. Was könnte das verursacht haben?

„Lydia?!“ Der Ruf klang von den oberen Palastmauern herunter in den Hof. Verwundert sah das dunkelhaarige Mädchen nach oben. Auf der Mauer konnte sie die undeutlich Umrisse einer Frau und eines Mädchens erkennen. Sie begann zu schmunzeln, diese Stimme und deren Besitzerin kannte sie nur zu gut.

„Kara?! Was machst du hier?“ Lächelnd beugte sich die junge Frau ein Stück über die Brüstung der Palastmauer und war somit im Licht der Fackeln und Feuer deutlich zu erkennen.

„Dasselbe könnte ich dich fragen. Ich sagte doch, dass ich einem Freund noch einen Gefallen schulde. Was ist mit dir?“ Beunruhigt merkte Lydia, wie sich die Wachen hinter ihr in Bewegung setzten und in Richtung Mauer davon stürmten. Es würde nicht allzu lange dauern und sie würden die Beiden Gestalten dort oben erreicht haben.

„Kriegsgefangene. Kara du musst aufpassen! Die Wachen sind auf dem Weg zu Euch.“ Sie bekam ein schallendes Lachen zur Antwort.

„Mach dir darüber mal keine Sorgen. Ich plane das hier schon seit Monaten. Da lasse ich mich doch nicht erwischen, aber das du hier bist hätte ich nie gedacht.“ Als hinter ihr der Schatten einer Wache auftauchte drehte sich Kara allerdings doch kurz um. Lydia verging fast vor Angst, bis sie bemerkte, dass es sich bei dem Soldaten um einen von Karas Männern handelte. Er hob das Mädchen, das neben Kara stand hoch und warf sich dieses über die Schulter, bevor er mit ihr in der Dunkelheit verschwand. Die Prinzessin hatte noch nicht einmal genügend Zeit gehabt um einen Aufschrei von sich zu geben. Zu schnell tauchten sie in der Weite der Außenmauern unter. Zufrieden wendete Kara sich wieder dem Geschehen im Hof zu, wo sich nach und nach immer mehr Soldaten versammelten. Sie hatte es anscheinend nicht im Geringsten eilig.

„Weißt du Lydia, eigentlich hatte ich nur den Auftrag die Prinzessin des Magnolia-Reiches zu befreien, aber so wie es aussieht gehört jetzt wohl auch die Göttin Parzia dazu. Oder wollt ihr beiden hier bleiben?“ Fassungslos sah Lydia nach oben. Meinte sie das etwa ernst? Wie sollte das denn gehen? Sie selbst hatte schon so oft nach einem Fluchtweg gesucht und keinen gefunden. Wie wollte es dann Kara anstellen?

„Natürlich nicht!“ Auch Lydias Begleiterin nickte entschlossen.

„Dachte ich mir. Nur um euch auch noch hier rauszukriegen muss mir ganz schnell etwas einfallen.“

„Das ist nicht mehr nötig!“ Aznadors Stimme wehte wie ein Eishauch über den Platz.

„Ihr werdet nicht entkommen!“ Es war nicht schwer zu erkennen, wie aufgebracht der Kronprinz des Sinesis-Reiches war. Seine Augen funkelten vor Zorn und die Narbe in seinem Gesicht, die sich diagonal von seinem rechten Nasenflügel bis fast hinunter an sein Kinn zog, machte ihn nur noch bedrohlicher. Entsetzt musste Lydia feststellen, dass sie bereits von seinen Wachen umzingelt war und auch Kara schien von ihnen eingekesselt worden zu sein. Was diese aber nicht sonderlich zu stören schien Sie stand nach wie vor unverändert an der Brüstung und lächelte. Wenn Lydia es nicht besser wüsste, dann wäre sie davon ausgegangen, das Kara diese ganze Sache auch noch einen unheimlichen Spaß machte.

„Seit ihr auch da so sicher Prinz des Todes?“ Erstaunt sah Aznador in das Gesicht über ihm. Konnte es sein das diese Frau tatsächlich nicht die geringste Furcht vor ihm verspürte? Sie hatte den Namen, den er sich im Laufe der Jahre auf dem Schlachtfeld angeeignet hatte ausgesprochen, als wäre er der einer x-beliebigen Person und nicht der eines gefürchteten Kriegsherren. Die Wachen hatten inzwischen noch mehr Fackeln entzündet und sowohl im Hof als auch auf der Mauer des Palastes war es hell genug, um fast alle Einzelheiten zu erkennen. Sie konnte einfach nicht mehr entkommen. Warum war sie dann noch so ruhig?

„Ihr solltet euch lieber ergeben. Eine Flucht wäre sinnlos.“ Lachend beugte sich Kara ein Stück zurück. Sie amüsierte sich tatsächlich prächtig. Wieder beschlich Aznador dieses unbestimmte Gefühl, den Kampf noch nicht gewonnen zu haben. Ihre Stimme war vollkommen gelassen als sie ihm antwortete.

„Wollt ihr mir damit etwa zu verstehen geben, dass ihr mich ansonsten tötet?“ Aznador verschlug es fast die Sprache. Noch nie hatte er jemanden in einer solch ausweglosen Situation so sprechen hören. Es klang fast so, als würde sie ihn verspotten. Was dachte sie sich, wer sie war?

„Bitte, dann versucht euer Glück.“ Sie trat einen Schritt zurück und gab den Wachen somit genügend Aufforderung, um sie anzugreifen. Diese ließen sich selbstverständlich nicht zweimal bitten. Immerhin hatte diese Person, ob nun Frau oder nicht, ihren Prinzen beleidigt und zudem noch ihr Ego angeknackst. Dafür würden sie sie büßen lassen. Mit einem nicht enden wollenden Lächeln schickte Kara letztendlich einen Soldaten nach dem Anderen zu Boden. Ihr Umgang mit der Peitsche und den kleinen Dolchen, die sie nach und nach in den Beinen der Männer versenkte, war so perfekt, das diese zwar bewegungsunfähig waren aber nur geringfügige Verletzungen davon tragen würden. Keiner von ihnen würde länger als einen Tag brauchen, um sich von diesen Verletzungen zu erholen.

Noch verblüffender war allerdings die Tatsache, dass sie das Ganze kaum Anstrengung zu kosten schien. Man gewann fast den Eindruck sie würde mit Puppen spielen und nicht mit kampferprobten Soldaten ihre Kräfte messen. Auch die Wachen im Hof verloren bei diesem Anblick allmählich ihre Selbstsicherheit. Die Situation war bisher unter Kontrolle gewesen, aber nun? Diese Frau schien eine äußerst erfahrene Kämpferin zu sein und Aznador dämmerte es langsam, wen er da eigentlich vor sich hatte. Nur glauben konnte er es immer noch nicht. Bisher hatte er es immer für ein dummes Märchen gehalten, das man Kindern und Frauen erzählt. Teils wütend, teils überrascht stellte er die Frage, die seine letzten Zweifel beseitigen sollte.

„Wer seid ihr?“ Wieder klang ihm schallendes Gelächter entgegen. Sie schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. Aber konnte das wirklich sein? Diese Geschichten kannte er immerhin schon seit seiner Kindheit. Es war also quasi unmöglich, das ausgerechnet sie diese Person sein sollte.

„Ich bin mir sicher, das wisst ihr bereits.“ Mit einer lockeren Handbewegung warf sie ihm einen etwa Handteller großen Gegenstand vor die Füße. Vorsichtig hob Aznador diesen auf und betrachtete ihn im Schein einer Fackel. Es war ein rautenförmiges Juwel in einer Goldfassung und beim genaueren Hinsehen erkannte man, das es sich bei diesem Juwel um zwei verschiedene Edelsteine handelte. Ein hellblauer Aquamarin bildete die Grundfläche über den sich ein schwarzer Onyx in der Form eines doppelten Hakens schlängelte, der von einer Spitze des Juwels zur anderen verlief. Aznador kannte dieses Symbol. Er hatte es schon einmal gesehen, aber das konnte unmöglich sein! Damals war er erst zwölf Jahre alt gewesen.

„Ihr lügt!“ Doch schon ein Blick in ihr lächelndes Gesicht genügte. Er zeigte deutlich, dass er Unrecht hatte. Sollte es wahr sein, dann würde er nicht die Geringste Chance haben sie aufzuhalten. Aber wie konnte das sein? Sie wirkte nicht älter als zwanzig wenn nicht sogar noch jünger. Es war unmöglich.

„Meint ihr? Eigentlich dachte ich, dass ihr es besser wissen würdet. Immerhin sind wir uns schon einmal begegnet.“ Mit einer schnellen Handbewegung warf Aznador den Stein wieder zurück. Sie fing ihn lächelnd auf und ließ ihn dann in ihrem Brusttuch verschwinden.

„Nicht schlecht.“ Wütend funkelte Aznador sie an. Was bezweckte sie mit diesem Spielchen? Sie konnte ihm unmöglich schon einmal begegnet sein. Daran würde er sich erinnern. Doch so er sein Gedächtnis auch erforschte, ihr Gesicht kam darin nicht vor.

„Verratet mir endlich was ihr hier wollt!“ Aznadors Geduld war fast am Ende.

„Die Prinzessin des Magnolia-Reiches befreien oder besser, das habe ich bereits.“ Fast wäre Aznador sein Schwert aus der Hand gefallen. Das konnte nicht ihr Ernst sein! Unmöglich! Noch niemanden war die Flucht aus seinem Palast gelungen. Schon gar nicht eine Frau!

„Hört auf, euch über mich lustig zu machen! Diese Prinzessin war nie hier!“ Kopfschüttelnd sah Kara ihn an und Aznadors Wut steigerte sich immer weiter. Ängstlich wichen seine Soldaten einen Schritt vor ihm zurück. Ihrem Prinzen jetzt zu nah zu kommen könnte ihr vorzeitiges Ende bedeuten.

„Da hattet ihr also endlich die Chance dieses Reich zu erobern und wusstet es nicht einmal? Erstaunlich.“ Dieses Mal merkte Aznador, dass ihre Überraschung echt war. Langsam bekam er auch seine Wut wieder unter Kontrolle.

„Ihr habt sie also befreit?“ Das dauerte alles viel zu lange normalerweise hätten seine Wachen sie schon längst überwältigen müssen, aber sie schienen immer noch auf seinen Befehl zu warten und zu dem hatten sie Angst vor ihr. Immerhin war es ihr gelungen in einem Bruchteil von Sekunden gut ein Dutzend seiner Soldaten außer Gefecht zu setzten. Aznador fragte sich langsam aber sicher, wer hier eigentlich der Herrscher war.

„Ja.“ Eine unheilvolle Stille legte sich über den Platz und Aznador überlegte lange, bevor er das Gespräch erneut aufgriff.

„Und was macht ihr dann noch hier? Euer Auftrag ist doch erfüllt.“ Wenn es wirklich wahr war, was sie behauptet dann...

Erstaunt sah er zu wie sie sich auf die Brüstung setzte und ihre Beine von dort herunter baumeln ließ, bevor sie antwortete. Anscheinend hatte sie es tatsächlich nicht eilig den Palast zu verlassen.

„Ich habe vor die Beiden dort ebenfalls mitzunehmen.“ Mit ausgestrecktem Arm wies Kara auf die zwei Mädchen, die dicht von Wachen umstellt unter einem Baum standen. Gelassen sah sie Aznador von ihrem Sitzplatz aus an. Nur dieses Mal war er es der Kronprinz des Sinesis-Reiches, der zu Lachen begann.

„Und wie? Ihr seid umzingelt.“ Suchend sah Kara sich um und entdeckte am jedem Ende der Mauer auf der sie saß eine Unmenge Soldaten. Sie zuckte lediglich kurz mit den Schultern, als würde sie das nicht weiter interessieren.

„Ich hätte da einen Vorschlag. Wie wäre es mit einem kleinen Duell? Nur ihr und ich. Das spart uns beiden viel Arbeit.“ Langsam wurde Lydia die Sache zu riskant. Sie wusste zwar was Kara für Fähigkeiten im Kampf besaß, aber ein Duell gegen Aznador? Das war viel zu gefährlich! Immerhin nannte man diesen nicht umsonst Prinz des Todes. Bisher war es so gut wie niemanden gelungen Aznador im Kampf zu besiegen. Die Meisten waren heilfroh wenn es ihnen gelang eine Begegnung mit den Kronprinz des Sinesis-Reiches lebend überstand.

„Kara tu das nicht!“ Zu mehr kam Lydia nicht mehr. Aznador machte deutlich, das sie sich raus zuhalten hatte, wenn ihr etwas an ihrem Leben lag. Allerdings lächelte Kara immer noch geheimnisvoll. Sie schien sich nicht die geringsten Sorgen zu machen.

„Ein Duell?“ Aznadors Interesse war geweckt. Das wäre die Chance dieser Person zu zeigen wer der Stärkere war. Er würde sie so übel zurichten, dass sie es nie wieder wagen würde auch nur ein einziges Wort an ihn zu richten.

„Ja, wenn ich gewinne bin ich frei, ebenso Parzia und ihre Dienerin. Gewinnt ihr könnt ihr über mein Leben verfügen.“ Das war genau der Vorschlag den Lydia befürchtet hatte, aber sie konnte nicht eingreifen. So wie sie Aznador einschätzte würde dieser keinerlei Rücksicht darauf nehmen, das er gegen eine Frau kämpfte. Er würde Kara höchstwahrscheinlich sogar gerade deshalb töten, wenn er die Gelegenheit dazu bekam.

„Gut einverstanden.“ Zufrieden betrachtete Aznador das Schwert, seinen Lieblingswaffe, in seiner Hand. Er würde gewinnen, soviel stand fest.

„Ich will euer Wort als Kriegsherr, das ihr euch an die Abmachung haltet.“ Sie war nicht dumm, das musste Aznador ihr lassen. Nur so konnte sie ganz sicher gehen, dass seine Wachen nicht doch noch eingreifen würden. Das Wort eines Kriegsherrn band sie alle.

„Wie ihr wollt. Ihr habt mein Wort als Kriegsherr, das ihr, Parzia und die Dienerin frei seid, solltet ihr diesen Kampf gewinnen.“ Zufrieden sah Kara ihn an und sprang dann mit einem eleganten Salto in den Hof. Sie landete ungefähr drei Meter von Aznador entfernt und richtete sich langsam wieder auf.

„Dann wählt die Waffen.“ Erstaunt sah Aznador sie an. Die Mauer war gut und gerne über zehn Meter hoch und sie hatte sich bei diesem Sprung nichts gebrochen?! Geschweige denn, dass sie sich hätte abrollen müssen. Langsam begann er tatsächlich zu glauben, dass sie wirklich jene Person war. Auch wenn das vollkommen unmöglich sein konnte.

„Schwert!“ Er gab einer der Wachen ein Zeichen, damit sie ebenfalls ein Schwert bekam. Prüfend wog Kara es kurz in ihrer Hand, bevor sie es fest in den Boden stieß. Verwundert sahen alle Beteiligten zu, wie sie die Peitsche und diverse andere Utensilien zur Seite warf und erst danach wieder zum Schwert griff. Sie lächelte nach wie vor, als hätte sie genau mit einem solchen Duell gerechnet.

„Es soll doch ein fairer Kampf werden. Nicht das mir hier noch irgendjemand Betrug vorwirft.“ Kaum war sie bereit griff Aznador auch schon an. Allerdings musste er feststellen, dass sie verdammt schnell war. Sie wich jeder seiner Attacken mit der Geschmeidigkeit eines Raubtieres aus, bevor sie konterte. Es würde schwerer werden, als er gedacht hatte, diesen Kampf zu gewinnen. Nach gut einer Stunde perlte Beiden der Schweiß vom Körper, aber keiner schien auch nur im Geringsten erschöpft zu sein, oder wollte aufgeben. Die Attacken kamen nach wie vor mit der gleichen Härte wie zum Beginn des Duells.

„Ihr seid verdammt zäh.“ Aznadors Schwert rutschte über das ihre und verursachte ein sirrendes Geräusch.

„Ihr auch.“ Mit einem Ruck hatte Kara ihn wieder zurückgedrängt. Kaum zu glauben das eine Frau die Kraft dazu besaß. Aznador taumelte sogar etwas und brauchte einen kurzen Augenblick, um sein Gleichgewicht wieder zufinden. Mit der freien Hand wischte Kara sich den Schweiß von der Stirn und zog mehrmals kräftig an ihren Haaren bis sie schließlich eine Perücke in ihren Händen hielt, die sie achtlos zur Seite warf. Ihre eigentlichen Haare waren so hochgesteckt worden, dass man sie unter einer Perücke unmöglich bemerken konnte. Blitzschnell zog sie aus ihren eng anliegenden Haaren diverse Nadeln heraus und warf diese ebenfalls weit von sich. Es dauert nur einen kurzen Moment, aber dann ergoss sich eine Welle wasserblauer Haaren bis hin zur ihren Hüften. Atemlos sah Aznador sie an bevor er seine Fassung wieder gewann.

„Dann seid ihr es also wirklich. Der blaue Wind, den man angeblich nicht fangen kann.“ Noch in dem Augenblick als das aussprach preschte Aznador wieder nach vorn. Sie war tatsächlich der Wind und damit eine Beute, die sich mehr als nur lohnte. Er hatte nicht vor sie jetzt noch entwischen zu lassen.

„Sagt bloß, das merkt ihr erst jetzt?“ Sie fing seinen Stoß mit ihrer Klinge ab, als wäre er ein blutiger Anfänger und parierte so gut, dass Aznador erneut in die Defensive gehen musste. Ihre Schläge kamen nun mit unerbittlicher Härte. Jetzt, wo sie ihre Tarnung aufgeben hatte war es wichtiger denn je, das sie dieses Duell gewann. Niemanden durfte es gelingen einen der Wind zu fangen. Schon gar nicht, wenn dieser jemand Aznador hieß und der Kronprinz einer Kriegernation war. Es war einfach viel zu gefährlich.

„Niemand kann mich fangen und im Übrigen, ich bin noch nie von einem Mann besiegt worden.“ Es gelang Aznador ihre Angriffe zu blocken und sie zurückzuschleudern. Noch von keinem Mann besiegt? Was hieß das schon?

„Mag sein, aber das kann sich ändern.“ Zufrieden sah er zu, wie sie unter einen Baum rutschte. Allerdings blieb sie auch weiterhin stehen und parierte auch dieses Mal jeden seiner Angriffe, als wäre er nicht vorhanden. So etwas hatte Aznador noch nie erlebt. Jeder andere Gegner wäre spätestens zu diesem Zeitpunkt zu Boden gegangen. Die Gerüchte über die Winde stimmten also. Jeder einzelne von ihnen war ein herausragender Kämpfer und seine Gegnerin trat dafür gerade den letzten Beweis an. Es war lange her das Aznador in einem Kampf so sehr gefordert wurde wie in diesem. Er fing schon fast an es zu genießen einen ebenbürtigen Gegner zu haben.

„Bringen wir es zu Ende.“ Bevor Aznador überhaupt wusste, wie ihm geschah steigerte Kara das Tempo ihrer Angriffe noch einmal um ein Vielfaches und drängte ihn dadurch immer weiter zurück. So etwas hatte er tatsächlich noch nie erlebt. Diese Frau war wie ein Raubtier und sie kämpfte besser als alle seine bisherigen Gegner zusammen. Ihm gelang es kaum noch aus der Defensive zu kommen und plötzlich lächelte sie siegessicher. Im selben Augenblick spürte Aznador wie seine Waffe aus seiner Hand geschlagen wurde und dann durch die Luft wirbelte. Sie fiel irgendwo hinter ihm zu Boden.

„Ihr habt verloren, Prinz.“ Ihre Klinge lag so dicht an seiner Kehle, das er es sich noch nicht einmal mehr leisten konnte sich auch nur einen einzigen Millimeter zu bewegen. Sie hatte gewonnen. Er musste sich geschlagen geben. Zum Zeichen dafür hob seine Hände. Zufrieden lächelnd ließ sie ihr Schwert langsam sinken. Sie wirkte nicht im Geringsten erschöpft.

„Lydia, Cyrill wir gehen.“ Gelassen ging Kara auf die beiden Mädchen zu, als ihr Gesicht plötzlich kalkweiß wurde und sich ihr Lächeln vor Schmerzen verzerrte. Das Schwert glitt aus ihrer Hand und fiel scheppernd zu Boden. Taumelnd schaffte sie es nicht mehr sich abzustützen, als ihre Knie nachgaben. Sie sackte benommen zu Boden.

„KARA!“ Entsetzt lief Lydia auf sie zu und versuchte ihr wieder auf die Beine zu helfen. Was einfach nicht klappen wollte. Immer wieder sackte Kara in sich zusammen. Es war fast so, als hätte sie plötzlich sämtliche ihrer Kräfte eingebüßt.

„Lass gut sein Lydia. Das hat keinen Zweck.“ Ebenso erstaunt, wie alle Anderen über diese fremde Stimme, drehte Lydia sich um und entdeckte keinen Meter von sich entfernt einen Soldaten des Sinesis-Reiches, der ihr allerdings verdammt bekannt vorkam.

„Ich habe ihr schon hundertmal gesagt sie soll uns diesen Job alleine machen lassen und sich ausruhen, aber sie konnte ja wieder einmal nicht hören.“ Kopfschüttelnd sah der Soldat auf Kara herunter, die immer mehr nach Luft schnappte, bevor sie sich schließlich ärgerlich zu ihm umdrehte.

„Ach halt doch die Klappe! Was machst du überhaupt noch hier, Koussai-Bai? Habe ich nicht gesagt du sollst verschwinden, wenn alles erledigt ist?“ Man konnte deutlich hören, dass es ihr nicht sonderlich gut ging, aber es rührte sich niemand von seinem Fleck. Die Ereignisse hatten sich einfach viel zu schnell geändert. Selbst Aznador war sprachlos. Jetzt wurde ihm auch klar, warum er sich nicht an den Befehl für die Festvorbereitung erinnern konnte, das war alles geplant gewesen, um ihn von der Flucht der Prinzessin abzulenken. Ganz schön raffiniert.

„Ja, hast du. Aber irgendeiner muss dich schließlich holen kommen.“ Mühselig brachte Kara ein Lächeln zustande. Die Schmerzen waren inzwischen so stark, dass es ihr immer schwerer fiel überhaupt zu sprechen.

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass so etwas unwichtig ist? Ich komme allein zu recht.“ Anstatt darauf einzugehen ging Koussai-Bai ungerührt auf sie zu und half ihr wieder auf die Beine. Dankbar stützte Kara sich auf ihn auch, wenn sie ihm für die Missachtung ihres ausdrücklichen Befehls am Liebsten einen Schlag in die Magengrube versetzt hätte. Aber das hatte noch Zeit. Sie würde sich später darum kümmern. Jetzt war es erst einmal wichtig, dass sie so schnell an einen ruhigen Ort kam, bis alles vorbei war. Dadurch, das Kara wieder stand konnte man deutlich erkennen das zwischen ihren Beinen Wasser und Blut herunterliefen. Mit einem tadelnden Blick sah Koussai-Bai sie an.

„Hältst du es wirklich für ratsam in diesem Zustand auf Hilfe zu verzichten?“ Sie knuffte ihn in die Seite, bevor sie erneut zusammen sackte. Sein Blick verfinsterte sich. Das schien ernst zu sein. Viel ernster als er gedacht hatte. Ansonsten würde sie niemals so deutlich ihre Schwäche zeigen. Dafür kannte er sie viel zu gut. Er hoffte nur, dass er noch rechtzeitig gekommen war, um das Schlimmste zu verhindern. Auch Lydia sah so, als wüsste sie ebenfalls bescheid. Es würde wohl nicht mehr lange dauern.

„Euch müsste doch klar sein, das ihr nun meine Gefangenen seid, oder?“ Wütend funkelte Lydia den sinesischen Kronprinzen an. Wie konnte er es nur wagen in einem solchen Moment so etwas zu sagen?! Trotzdem konnte Lydia nichts dagegen unternehmen, als die Wachen Kara und Koussai-Bai umstellten. Aznador hatte zwar sein Wort gegeben, das er sie alle gehen lassen würden, wenn Kara ihn im Duell besiegte, aber was zählte das schon? Er war eben unberechenbar und man konnte ihm nie sonderlich lange über den Weg trauen. Sobald sich eine neue Gelegenheit ergab, die ihm half den Sieg davonzutragen ergriff er sie ohne zu zögern. Egal, was für Opfer ihn das im Nachhinein auch kosten würde.

„Was ist mit euerem Wort als Kriegsherr?“ Karas Stimme war kaum noch ein Flüstern, aber ihre Augen funkelten nach wie vor voller Kampfgeist. Lächelnd sah Aznador sie an.

„Glaubt ihr ernsthaft in der Verfassung zu sein, um Forderungen an mich zu stellen?“ Resigniert ließ Kara ihren Kopf gegen Koussai-Bais Schulter sinken. Leider hatte Aznador damit Recht. Allein Koussai-Bai war es zu verdanken, das sie sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte. Ein weiteres Duell gegen Aznador war da vollkommen undenkbar.

„Sieht ganz so aus, als wäre es ihm gelungen den Wind zu fangen. Was meinst du?“ Daraufhin verlor Kara das Bewusstsein. Jetzt war es an Koussai-Bai für das Nötigste zu sorgen. Er wusste genau, was er zu tun hatte. Es war immerhin nicht das erste Mal, das er und Kara sich in einer solch aussichtslosen Situation befanden und bisher war es ihnen immer gelungen einen Weg dort hinaus zu finden. Aber jetzt war erst einmal etwas anderes wesentlich wichtiger.

Zum Glück erwies sich Aznador zur allgemeinen Überraschung, als äußerst hilfreich und stellte alles zur Verfügung was man für eine Entbindung brauchte. Der Gesichtsausdruck des Prinzen, als er erfuhr dass seine Gegnerin hochschwanger gewesen war, als sie in seinen Palast eindrang und bereits mit eingesetzten Wehen gegen ihn gekämpft hatte war ein Bild für die Götter.

Da keine Hebamme zur Stelle war musste Koussai-Bai die Entbindung mit Yuris und Cyrills Hilfe alleine durchführen. Zum Glück war Kara kaum, das sie das Innere des Palastes betreten hatten, wieder zu Bewusstsein gekommen. Trotzdem sah es nicht gut aus. Das Kind lag falsch und musste zuerst gedreht werden und zu seinem größten Entsetzten musste Koussai-Bai feststellen, das es sich nicht nur um ein Kind handelte, sondern um Zwillinge, die das Licht der Welt erblicken wollten. Warum hatte Kara nur nie erwähnt, dass zwei Herzen unter ihrer Brust schlugen? Wieso musste sie so etwas immer bis zum Schluss für sich behalten? Dabei hätte doch jeder einzelne von ihnen verstanden, wenn sie sich in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft eine kleine Ruhepause gegönnt hätte. Aber wie immer war sie der Ansicht, dass so etwas nur für Weicheier sei und so eine kleine Schwangerschaft noch lange keinen Grund darstellte brav zu Hause zu bleiben. Das mochten Hausfrauen tun, aber nicht der blaue Wind.

Es würde jedenfalls nicht einfach werden die beiden Babys auf die Welt zu holen. Koussai-Bai blieb nichts anderes übrig, als Kara ans Bett zu fesseln, da kein Schmerzmittel jemals ausreichen würde, um die Schmerzen, die beim Herumdrehen eines Kindes entstanden, zu lindern. Außerdem war es besser, wenn Kara nicht schon im Vorfeld das Bewusstsein verlieren würde, das würde noch früh genug passieren. Aber nur, wenn Kara wach war konnte sie noch auf seine Anweisungen reagieren und das konnte lebenswichtig sein.

Da Koussai-Bais Hände für eine solche Prozedur allerdings zu breit waren übernahm Cyrill, die Dienerin von Lydia, diese Aufgabe. Sie hatte bereits einigen ihrer Schwestern bereits bei deren Geburten geholfen und wusste somit was auf dem Spiel stand. Auch wenn sie dass Lydia nicht wissen ließ war dieser Eingriff nicht gerade ungefährlich. Vorsichtig begann Cyrill Karas Bauch abzutasten und redete beruhigend auf diese ein, bevor sie ernst machte. Karas Schreie halten fast durch den gesamten Palast des Sinesis-Reiches und selbst Aznador, der sich nie sonderlich für Geburten interessiert hatte begann allmählich unruhig zu werden.

 

* * * * *

 

Es dauerte fast drei Stunden, bis sie die Kinder aus dem Mutterleib geholt hatten. Es waren ein Junge und ein Mädchen, die beide ziemlich kräftig schrieen, bis Lydia sie endlich in eine Decke gepackt hatte und Kara auf die Brust legen konnte. Die Stricke an Karas Handgelenken hatten nicht gehalten und so konnte diese ihren Nachwuchs direkt in dem Arm nehmen. Allerdings nicht für lange, da Koussai-Bai ein Machtwort sprach und Lydia mit dem Nachwuchs hinausschickte. Erst als er mit Cyrill allein war gab er weitere Anweisungen. Sie musste prüfen, ob sich auch der gesamte Mutterkuchen gelöst hatte und danach dafür sorgen, dass das Blut beseitigt wurde.

Noch während Cyrill seine Anweisungen ausführte stellte Koussai-Bai vorsichtig den Mutterkuchen in eine Schale auf den Boden und sah zu wie sich allmählich ein Panther aus dem Dunkel löste, der diesen dann genüsslich verspeiste. Cyrill beäugte die riesige Raubkatze misstrauisch, aber sie fragte nicht wieso Koussai-Bai das getan hatte oder woher dieses Tier so plötzlich gekommen war. Dafür kannte sie ihn und Kara inzwischen viel zu lange. Die Beiden hatten mehr Geheimnisse als ein ganzes Königreich zusammen und nur selten gaben sie eines davon preis. Nachdem Cyrill ihre Aufgabe erfüllt hatte schickte Koussai-Bai sie ebenfalls hinaus und wandte sich der inzwischen wieder bewusstlosen Kara zu.

Behutsam reinigte er ihren Körper von den restlichen Spuren der Geburt und trug sie dann in ein sauberes Bett, das sich in einem angrenzenden Raum befand. Aznador hatte es zur Verfügung gestellt, damit Kara sich in Ruhe erholen konnte. Erstaunlicherweise hatte sich der ach so gefürchtete Prinz des Todes auf einmal ziemlich fürsorglich gezeigt, als es darum ging etwas für Karas Genesung zu tun. Er hatte sogar angeboten sie von seinem Leibarzt behandeln zu lassen, das hatte Koussai-Bai allerdings ruhig und bestimmt abgelehnt. Es waren ohnehin schon viel zu viele Leute in die Sache verwickelt und einen königlichen Arzt konnte er dabei beim besten Willen nicht gebrauchen. Wenn der Rat der Winde hiervon erfuhr, dann würde es erst so richtig kompliziert werden. Er hoffte nur, dass sie durch den Krieg nicht ganz so schnell über diese Angelegenheit informiert werden würden wie dass sonst der Fall war. Kara brauchte genügend Zeit um sich von dieser Geburt zu erholen. Das war jetzt das Wichtigste. Koussai-Bai wusste dass sie sehr viel Blut verloren hatte und dass wenn er nicht vorsichtig war sie diese Nacht vielleicht auch nicht überstehen würde. Umso mehr überraschte es ihn, dass sie ihn aus wachsamen Augen ansah, als er anfing die Überreste der Stricke von ihren Handgelenken zu lösen.

„Geht es ihnen gut?“ Ihre Stimme war kaum zu hören. Es war also noch wesentlich schlimmer als er gedacht hatte. Allerdings ließ Koussai-Bai sich nicht das Geringste anmerken als er ihr antwortete.

„Ja, sie werden es schaffen.“ Lächelnd sah sie ihn an. Vorsichtig griff er nach einer Schale neben dem Bett und flößte ihr deren Inhalt ein. Erschöpft sank Kara zurück in die Kissen und beobachtete ihn unentwegt. Er merkte dass sie ihm etwas sagen wollte und beugte sich zu ihr herunter. Flüsternd ließ sie ihn wissen welche Namen ihre Kinder tragen sollten. Vollkommen überrascht sah Koussai-Bai sie an. Er hatte ja mit so ziemlich allem gerechnet, aber nicht damit.

„Bist du dir sicher?“ Er konnte nicht glauben, dass sie das wirklich ernst meinte. Sie hatte allerdings schon wieder das Bewusstsein verloren und da er sie gut genug kannte wusste er ohnehin schon, wie die Antwort auf seine Frage ausfallen würde. Konzentriert fuhr er fort damit die Wunden an Karas Handgelenken zu versorgen. Fassungslos sah Koussai-Bai sich Wunden an. So tief wie sich die Stricke in ihr Fleisch gebohrt hatten musste sie unerträgliche Schmerzen gehabt haben. Warum nur konnte sie denn auch nicht ein einziges Mal auf ihn hören? Wäre sie wie er ihr geraten hatte im Lager geblieben wäre die Geburt unter Garantie glimpflicher abgelaufen. Aber sie hatte ja wie immer ihren Dickschädel durchsetzen müssen.

„Wie geht es ihr?“ Überrascht wendete Koussai-Bai seinen Blick von der bewusstlosen Gestalt ab und war noch erstaunter als er Aznador am anderen Ende des Bettes entdeckte.

„Nicht besonders. Ich hoffe, das sie die Nacht übersteht.“ Unbeirrt fuhr er damit fort die Wunden zu verbinden. Wie hatte sie es nur geschafft diese dicken Stricke zu zerreißen ohne dabei ihre Arme zu durchtrennen?

„Ihr klingt verdammt ruhig dafür, dass sie vielleicht sterben wird.“ Langsam erhob Koussai-Bai sich und deckte Kara sorgfältig zu.

„Ich habe mir schon lange abgewöhnt mir um solche Dinge Gedanken zu machen. Sie ist einer der Winde und hört auf nichts und niemanden. Es hätte also gar keinen Zweck.“ Er konnte deutlich sehen wie sehr seine Worte Aznador erstaunt hatten. Nur wie sollte er es dem Prinzen des Sinesis-Reiches anders erklären? Als Wind war Kara unabhängiger als irgendein andere Mensch auf der Welt und gleichzeitig gab es so viele Regeln und Verpflichtungen, die es zu beachten galt, dass diese Freiheit manchmal schon eher einem Gefängnis gleichkam. Das hieß allerdings nur solange man auch wirklich alle davon befolgte.

„Aber ihr solltet das anders sehen. Meint ihr nicht?“ Lächelnd sah Koussai-Bai den Prinzen an. Es war klar, für was ihn Aznador hielt, das taten viele. Wahrscheinlich war es auch noch nicht einmal sonderlich schwer sich das vorzustellen. Immerhin wich er Kara so gut wie nie von der Seite.

„Wenn ihr damit andeuten wollt ich sei der Vater ihrer Kinder, dann irrt ihr euch. Das ist jemand anderes.“ Koussai-Bai sah noch einmal in das friedlich lächelnde Gesicht der Schlafenden, bevor er sich neben den Prinzen stellte. Dieser Dickschädel hatte es wirklich geschafft den Prinzen des Sinesis-Reiches in einem Duell zu besiegen obwohl ihre Wehen schon lange vorher eingesetzt haben mussten. Kaum zu glauben, das sie die Geburt nun fast umgebracht hätte. Sie hätte wirklich auf ihn hören sollen.

„Das heißt ihr liebt sie nicht?“ Schon wieder diese Frage. Wie oft in seinem Leben würde man sie ihm wohl noch stellen?

„Nicht so wie ein Mann eine Frau liebt. Sie ist für mich eher so etwas wie eine Schwester.“ Das war ehrlich, auch wenn ihm das die Wenigsten glaubten. Aber wie sollte Koussai-Bai ihnen auch erklären, wem sein Herz wirklich gehörte? Nur Kara wusste davon und sie hatte bei ihrem Leben geschworen niemals auch nur einer Menschenseele davon zu erzählen und bisher hatte sie ihr Wort, egal worum es auch ging, noch nie gebrochen. Koussai-Bai konnte sich auf keinen anderen Menschen so sehr verlassen wie auf sie, auch wenn sie ihm ihr größtes Geheimnis immer noch nicht anvertraut hatte. Selbst ihm hatte sie nie erzählt, wer der Vater ihrer Kinder war. Darüber schwieg sie schon seit Jahren. Und bisher war es auch noch keinem von ihnen gelungen auch nur den kleinsten Hinweis auf die Person zu finden, der Karas Herz gehörte. Aber vielleicht war es auch besser so. Immerhin war es den Winden eigentlich nicht erlaubt eine Familie zu gründen, wenn sie sich dieser Regel dennoch widersetzen mussten sie dafür sorgen, das niemand ihre Familie fand, da sie dadurch viel zu leicht angreifbar wurden. Wahrscheinlich war Kara deshalb so vorsichtig was den Vater ihrer Kinder anging.

Aznador beobachtet die Schlafende aufmerksam. Das sollte diese kämpfende Amazone gewesen sein, die gegen gekämpft hatte? Sie wirkte jetzt so zerbrechlich wie eine welke Blume im Wind. Er konnte es einfach nicht glauben, das sie dieselbe Person sein sollte, die ihm im Kampf ebenbürtig gewesen war.

„Ich habe noch nie jemanden getroffen wie sie.“ Lächelnd legte Koussai-Bai eine Hand auf Aznadors Schulter und führte diesen aus dem Zimmer. Er konnte die Gefühle des Prinzen nur zu gut verstehen. Kara war schon immer ein Rätsel gewesen und würde es immer bleiben. So waren die Gesetze der Winde. Niemand würde jemals alles über sie erfahren.

Koussai-Bai warf noch einen kurzen Blick zurück und versicherte sich somit, das Kara immer nach wie vor schlief. Man konnte bei ihr niemals sicher genug sein, was so etwas anging. Aznadors Blick folgte dem seinen mit sichtbarer Besorgnis. Ein zufriedenes Nicken von Koussai-Bai entlockte dem Prinzen des Sinesis-Reiches jedoch einen Seufzer der Erleichterung, der Koussai-Bai zum Schmunzeln brachte. So wie es aussah hatte Kara es geschafft einen neuen Verbündeten zu finden und dabei wusste sie es noch nicht einmal. Leise fiel die Tür hinter Koussai-Bai und Aznador ins Schloss und ließen eine friedlich schlafende Gestalt allein im Dunkel zurück.


Fortsetzung:
Part 02


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