Blue Wind - Part 02

Blue Wind

   Part 02

 

 

„Das ist purer Leichtsinn! Du musst liegen bleiben!“ Das war bereits das zwanzigste Mal an diesem Tag, das Koussai-Bai diesen Satz aussprach und er hatte haargenau dieselbe Wirkung wie die vorherigen neunzehn Mal, als er ihn benutzte, nämlich gar keine.

„Versuch nicht mir zu sagen, was ich tun kann und was nicht!“ War die fauchende Antwort, die er erhielt und schon wieder ging die Diskussion von vorne los, wie viel er ihr eigentlich zu sagen hätte und in wie weit sie darauf überhaupt hören musste. Seufzend fügte Koussai-Bai sich schließlich in sein Schicksal und hörte sich Karas Vortrag ohne die geringsten Widerworte an. Es hätte ohnehin keinen Zweck gehabt zu widersprechen. Der blaue Wind besaß einen solchen Dickschädel, das es beinahe unmöglich war dagegen anzukommen, wenn sich dieser erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Hätte Aznador ihn nicht vor einer Woche dabei erwischt, wie er in Karas Essen kleine Mengen Schlafpulver mischte, dann wäre ihm das jetzt erspart geblieben, aber der Kronprinz des Sinesis-Reiches hatte seine Absicht vollkommen missverstanden und nun musste sich Koussai-Bai mit einem blauen Wind, dem es nach der schweren Geburt seiner Zwillinge inzwischen zwar deutlich besser ging, der aber noch lange nicht wieder so gesund war wie er es gerne hätte, herumschlagen. Denn dieser war nicht dazu bereit auch nur noch einen einzigen Tag länger als nötig im Bett liegen zu bleiben. Nichts hasste Kara, der amtierende blaue Wind mehr, als einem Gegner gegenüber Schwächen zu zeigen und noch schlimmer war es eigentlich, dass sie nicht ein einziges Mal dazu in der Lage war einfach nur tatenlos liegen zu bleiben und abzuwarten. Nein, sie musste die Zügel schon selber in der Hand halten egal, wie schlecht es ihr auch gerade ging. Dabei war sie momentan kaum in der Lage sich alleine auf den Beinen zu halten. Aber das war eben typisch für den blauen Wind. Nichts und niemand konnte sie aufhalten, wenn sie einen Entschluss gefasst hatte und in diesem Fall war es Aufstehen, sich um ihre Kinder kümmern und danach wie gewohnt zum Schwerttraining über zu gehen. Da nutzte auch kein noch so gut gemeintes Zureden mehr. Es würde Koussai-Bai nicht mehr gelingen sie umzustimmen.

Da er genau wusste, das Kara ihm keine Chance geben würde ihr klarzumachen, dass das nicht so einfach ginge wie sie sich das vorstellte (immerhin war sie gerade erst knapp dem Tod entronnen) schloss Koussai-Bai nach einer weiteren halben Stunde wütender Beschimpfungen ihrerseits einfach die schweren Türen von Karas Zimmers hinter sich und schob zur Sicherheit einen dicken Holzriegel davor. Sollte sie versuchen sich selbstständig zu machen, dann wäre spätestens an dieser Stelle Schluss. In ihrem geschwächten Zustand würde sie es auf gar keinen Fall schaffen diese Tür zu öffnen. Vielleicht hatte sie sich ja bis zum Abend auch soweit wieder abgekühlt, dass sie seinen Argumenten gegenüber einsichtiger wäre. Auch wenn das eher seinem Wunschdenken entsprach hoffte Koussai-Bai dennoch, dass er ihr Zimmer zu diesem Zeitpunkt wieder gefahrlos betreten konnte. Immerhin musste ihr ja irgendjemand etwas zu Essen bringen und in Karas jetzigen Zustand wollte Koussai-Bai das keinem der unzähligen Diener zumuten. Immerhin würde es Kara durchaus fertig bringen einen dieser Diener einfach KO zu schlagen nur, um dann aus ihrem Zimmer zu entwischen. Aber bis zum Abend würde ihm sicherlich noch etwas einfallen lassen, um ihren Temperament zuvor zukommen. Das hoffte er zumindest.

Gelassen schlenderte Koussai-Bai durch die Gänge des Palastes zurück zu seinen Gemächern. Sicher, er war so etwas wie ein Gefangener, aber der sinesische Kronprinz hielt viel von seinem militärischen Wissen und aus diesem Grund konnte sich Koussai-Bai im Palast relativ unbehelligt im Palast bewegen und hatte sogar einige Zimmer zu seiner freien Verfügung. Diese Sonderbehandlung verdankte er allerdings nicht nur seinem umfangreichen militärischen Wissen sondern auch an der Tatsache, das es der Kronprinz des Sinesis-Reiches es nach wie vor nicht fassen konnte, das der blaue Wind eine Frau war. Noch dazu eine Frau die ihn hochschwanger besiegt hatte und nicht fürchtete. Wie sollte Koussai-Bai dem Prinzen auch erklären, was es mit den Winden und deren Regeln auf sich hatte? Nie wurde ein Wind bestimmt, der nicht unzählige Prüfungen bestanden hatte und nie hat es auch nur einen einzigen Wind gegeben, der sich nicht an die strengen Regeln hielt, die ihn banden. Na ja, in Karas Fall konnte man das Letzte ebenso gut streichen. Seitdem sie das Amt des blauen Windes übernommen hatte wurden mehr Regeln verletzt oder gedehnt (meistens beides), als es jemals zu vor der Fall gewesen wäre. Trotzdem hatte es bisher nie Ärger gegeben, aber Koussai-Bai graute es bereits dennoch schon vor dem Tag, an dem Kara sich vor dem Rat der Winde verantworten müsste. Allein, das es Aznador, dem Kronprinzen des Sinesis-Reiches gelungen war sie zu fangen war ein solcher Regelverstoß, das man sie ohne Probleme ihres Amtes entheben könnte. Das machte Koussai-Bai neben Karas neu erwecktem Tatendrang im Moment am Meisten Sorgen.

 

* * * * *

 

Mit kritischem Blick beäugte Aznador die beiden vor sich hinglucksenden Babys, die ihn egal, zu welcher Stunde er sie auch besuchen kam, immer mehr anzustrahlen schienen. Bisher hatte er sich noch nie sonderlich viel mit solchen Sachen wie Geburten oder Nachwuchs beschäftigt, da seine Mätressen sich um solche Dinge seiner Meinung nach auch sehr gut alleine kümmern konnten. Immerhin hatte er mehr als genug damit zu tun sein Reich zu regieren. Bisher hatte sich Aznador von all diesen Dingen distanziert und kannte seine Kinder eigentlich mehr aus der Ferne. Wenigstens solange diese noch in den Windeln lagen. Kamen sie jedoch in das Alter, in dem mit ihrer Erziehung begonnen werden konnte, dann suchte Aznador ihnen einen fähigen Lehrmeister und gab seine Kinder in dessen Obhut. Bisher war zwar noch keines seiner Kinder volljährig, aber das kümmerte den Kronprinzen des Sinesis-Reiches nicht sonderlich. Er wechselte ohnehin selten mehr als ein paar Worte mit seinen Kindern, aber es reichte dennoch um diese wissen zu lassen, dass er sie liebte. Auch wenn Aznador das nicht offen zeigte.

Aber seitdem ihn diese junge Frau vor fast einem Monat ihm Kampf besiegt hatte und danach bei der Geburt dieser beiden Strahlemänner, wie die Babys von ihren Kindermädchen (die sich seltsamerweise sehr schnell unter Aznadors Mätressen gefunden hatten) liebevoll genannt wurden, fast gestorben wäre hatte sich das geändert. Aznador fragte sich immer wieder, was eine werdende Mutter dazu bewegte hochschwanger in seinen Palast einzubrechen nur, um ein junges Mädchen, das sie kaum kannte zu befreien. Inzwischen wusste er nämlich sehr genau, welches ehemalige Mitglied seines Harems die Prinzessin des Magnolia-Reiches gewesen war und er verfluchte sich immer noch dafür, dass ihm das nicht früher aufgefallen war. Er hatte immer geglaubt dieses Mädchen sei nur der unwichtige Spross eines Dienstboten und nicht die Thronerbin eines Reiches. Deshalb hatte er sie auch nie weiter beachtet.

Einer der beiden kleinen Racker (das Mädchen) streckte dem Kronprinzen des Sinesis-Reiches erwartungsfreudig ihre dünnen Ärmchen entgegen und versuchte mit ihren kleinen Händen nach dessen Haaren zu greifen. Mit einem verschmitzten Blick gönnte Aznador ihr den Spaß und hielt ihr seiner Haarsträhnen entgegen an der sie auch sofort mit Begeisterung zu ziehen begann. Es ziepte zwar ein klein wenig, aber wann immer er auch das glückliche Glucksen dieses kleinen Wesens vernahm schmolz Aznadors Herz dahin.

Natürlich begann nun auch ihr Brüderchen damit sich lautstark zu beschweren und gab erst Ruhe als Aznador ihn am Bauch kitzelte. Der Kronprinz des Sinesis-Reiches, den man eigentlich nur Prinz des Todes nannte, war heilfroh, dass keiner seiner Untergebenen ihn so sah. Dass diese Kinder sein Herz dermaßen stark anrührten musste nicht unbedingt jeder wissen. Sie waren so klein und hilflos. Irgendjemand müsste sie doch beschützen, oder?

Anfangs war Aznador noch skeptisch gewesen, was diese Kinder anging. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie den ganzen Tag schreien würden, da ihre Mutter nicht in der Lage war sich selbst um sie zu kümmern. Außer um sie ab und zu zustillen war sie viel zu schwach gewesen. Aber er hatte sich geirrt. Die beiden Babys schliefen meist den ganzen Tag und begannen nur dann sich bemerkbar zu machen, wenn sie Hunger hatten oder ihrer Windeln gewechselt werden mussten. Was Aznador allerdings anfangs wirklich davon abgehalten hatte sich diese Kinder auch nur anzusehen waren die Namen, die ihre Mutter ihnen gegeben hatte. Der Junge, mit den dunkelblonden, leicht gelockten Haaren dessen Augen in einem frischen Grün scheinbar alles in seiner Umgebung zu erforschen schienen trug seinen Namen, Aznador. Seine Schwester hingegen, die ein paar Minuten älter war als ihr Bruder und dieselbe Haarfarbe besaß wie dieser aber dazu sanfte, dunkelbraune Augen hieß Astuzia.

Astuzia, das war der Name der Frau, die Aznador einst über alles geliebt und die man gewaltsam von ihm getrennt hatte. Seine Schwester, die in jungen Jahren in ein entferntes Land verkauft worden war, um den dortigen König zu ehelichen, der ihr Vater hätte sein können. Es war eine arrangierte Heirat, die dem Sinesis-Reich unglaublichen Wohlstand brachte, aber Aznador hatte es nie überwunden, das seine Schwester damals freiwillig eingewilligt hatte dieses Opfer zu bringen und er hatte sich geschworen, dass er so etwas nie wieder zu lassen würde. Keines seiner Kinder sollte geopfert werden nur um die politischen Ränke zu festigen. Auch, wenn das außer ihm niemand wusste würde Aznador es stets verhindern, das man eines seiner Kinder in eine Ehe zwang. Dafür hatte der Verlust seiner älteren Schwester viel zu tiefe Wunden bei ihm hinterlassen. Nach ihrem Weggang war Aznador zu dem grausamen Krieger geworden, den man heute kannte und fürchtete. Das war der einzige Weg für ihn gewesen, um mit diesem Schmerz fertig zu werden. Damit man ihn nicht noch einmal so sehr verletzen konnte wie damals, hatte er sein Herz und all seine Gefühle tief in seinem Innern verschlossen. Nur selten gelang es jemanden diesen Panzer, der sein Herz umgab, zu durchdringen, doch der blaue Wind hatte es problemlos geschafft. In dem sie ihren Kindern diese Namen gegeben hatte wurde sich Aznador wieder schmerzhaft seiner alten Wunde bewusst und eine Frage ließ ihn nicht mehr los. Hatte sie ihre Kinder mit Absicht so genannt, damit er sich erneut an seine Schwester erinnerte? Konnte es sein, das diese junge Frau, die sich blauer Wind nannte über all das, was damals geschehen war bescheid wusste und ihm so mitteilte, dass sie seinen Schmerz verstand? Diese Frage hatte Aznador nicht mehr losgelassen und er hatte ihren ständigen Begleiter, Koussai-Bai mehr als nur einmal danach gefragt, aber selbst dieser konnte ihm keine Antwort auf seine Frage geben. Er war genauso überrascht gewesen wie Aznador, als er erfahren hatte wie der blaue Wind seine Kinder nennen würde. Es sah ganz so aus als würden die Winde immer mehr Fragen mit sich bringen als Antworten.

 

* * * * *

 

Kaum hatte Koussai-Bai die Türen hinter sich geschlossen (was auch ganz gut war, ansonsten hätte ihn nämlich eine der Obstschalen voll erwischt, die hinter ihm herflogen), wühlte sich eine äußerst aufgebrachte Kara unter ihrer Bettdecke hervor. Sie lag jetzt schon seit Wochen in diesem Bett und langsam aber sicher reichte es ihr. Hatte sie denn noch nicht genug Geduld bewiesen?! Mussten es denn noch einmal drei Wochen sein, die sie völlig sinnlos in der Gegend herumlag? Es widersprach ihrem gesamten Wesen länger krank zu sein als nötig und sie fühlte sich schon lange fit genug, um ihre Pflichten als Wind wieder aufnehmen zu können. Warum ausgerechnet Koussai-Bai bei dieser Sache so einen Aufstand machte verstand sie beim besten Willen nicht. Immerhin hatten sie beide schon wesentlich schlimmeres gemeinsam durch gestanden. Gut, sie musste zugeben, dass er in einigen Punkten Recht hatte. Noch konnte sie allein vielleicht nicht ganz sicher auf ihren Beinen stehen, aber mit ein bisschen Übung und ein klein wenig Training würde sich das bestimmt bald wieder geben. Bisher war sie noch nie sonderlich lange krank gewesen und sie hatte nicht vor jetzt damit anzufangen. Außerdem war sie auch schon weitaus schlimmer verletzt gewesen als jetzt. Es konnte also alles gar nicht so schlimm sein wie Koussai-Bai dauernd behauptete. Auch, wenn sie zugeben musste, das diese Geburt erschreckend schwer gewesen war. Irgendwo zwischen den Wehen hatte sie selbst schon fast geglaubt, dass sie nie wieder das Licht des Tages erblicken würde, aber sie konnte ihre Kinder und ihre Freunde nicht allein lassen. Also hatte sie sich mit aller Macht gegen die drohende Finsternis, die ihr gleichzeitig Erlösung von all ihren Schmerzen versprach gestemmt und sich nur darauf konzentriert, das neue Leben, das in den vergangenen neun Monaten in ihr herangewachsen war, auf die Welt zu bringen.

Kara wusste wie viel Glück sie gehabt hatte, das sie diese Geburt überlebt hatte, aber fast ein ganzer Monat im Bett hatte ihre Geduld mehr als nur strapaziert. Sie wollte endlich wieder auf eigenen Füßen stehen und nicht dauernd von Vorne bis hinten bedient werden. Sie war keine Prinzessin oder Mätresse sondern einer der Winde. Sie war es gewohnt für sich allein zu sorgen und das dauernde Geschnatter der Dienerinnen war kein Ersatz zu den langen Besprechungen mit ihren Männern. Der Krieg war nach wie vor in vollem Gange und Koussai-Bai hatte ihr nicht mehr das Geringste über den bisherigen Verlauf des Krieges erzählt. Aus diesem Grund hatte Kara beschlossen sich diese Informationen ebenfalls auf eigene Faust zu beschaffen. Aber dafür war später noch Zeit. Erst einmal musste sie aus diesem Zimmer raus, in dem sie inzwischen fast jeden einzelnen Riss in den Steinen oder die genaue Anzahl der verwendeten Mosaiksteinchen benennen konnte.

Nachdem sie sich bis zur Tür geschleppt hatte und feststellen musste, das diese felsenfest von außen verschlossen worden war stieß Kara einer Reihe wüster Flüche gegen Koussai-Bai und alle die auf ihn hörten aus. Ihr Ausflug war dabei in ernster Gefahr zu geraten, aber sie wäre nicht der blaue Wind, wenn sie sich nicht zu helfen wüsste. Immerhin saß sie schon seit Monaten in diesem Zimmer fest und es gab nicht eine einzige Ecke, die sich nicht bereits erkundet hatte. Zielstrebig steuerte sie eines der großen Fenster an, das halb von schweren Vorhängen aus festem Stoff verdeckt war. Das war eigentlich schon fast mehr als sie eigentlich brauchte.

Nachdem Kara erfolgreich der Gefangenschaft ihres Zimmers entkommen war machte sie sich daran den sinesischen Palast zu erkunden. Oder besser gesagt, sie sah sich die Dinge die sie bisher nur von diversen Plänen und Erzählungen kannte mit eigenen Augen an und nahm jedes noch so kleine Detail, das sich verändert hatte in ihr Gedächtnis auf. Immerhin wusste man nie wofür man dieses Wissen eines Tages noch brauchen würde. Dabei war sie allerdings stets darauf bedacht, das sie nicht allzu sehr auffiel. Was in Anbetracht ihrer langen, wasserblauen Haare eigentlich ziemlich aussichtslos gewesen wäre, wenn sie diese nicht vorher mit einem kunstvoll gewundenen Turban bedeckt hätte. Zur Abrundung hatte Kara dann noch einen dünnen Schleier vor ihr Gesicht gezogen und ihre Kleidung der, der Frauen des Wüstenvolkes angepasst. Es gab in Aznadors Palast unzählige Dienerin oder Mätressen, die aus einem der zahlreichen Wüstenvölker stammten, so dass Kara mit ihrer Verkleidung problemlos in dieser Masse untertauchen konnte. Sie wurde für eine von ihnen gehalten und konnte sich somit weitestgehend ungestört bewegen. Lediglich ab und zu meinte einer der Wachsoldaten die geheimnisvolle Schönheit aufhalten oder belästigen zu müssen, da er unbedingt wissen wollte welches hübsche Gesicht sich hinter dem Schleier verbarg. In solchen Fällen merkte der Betreffende allerdings sehr schnell, das es besser gewesen wäre, wenn er die junge Frau einfach in Ruhe gelassen hätte.

Als die Sonne ihren Mittagsstand bereits weit hinter sich gelassen hatte begann Kara allmählich zu merken, dass Koussai-Bai vielleicht doch nicht ganz Unrecht gehabt hatte, was ihren Zustand anging. Sie war bei Weitem noch nicht wieder so fit, wie sie es gern geglaubt hatte. Dieser kleine Ausflug hatte deutliche Spuren hinterlassen. Sie war fast vollkommen außer Atem und der Schweiß rann in kleinen Bahnen über ihren Körper. Dennoch war sie nicht bereit ihren Erkundungsgang schon vorzeitig zu beenden. Erst wollte sie noch nach ihren Kindern sehen und dann die Gärten des inneren Palastes, Aznadors Privatgärten, besuchen. Zum Glück hatte man ihr bereits gesagt, wo die Zwillinge untergebracht worden waren. Und wahrscheinlich mit noch viel mehr Glück war niemand anwesend, als sie diesen Raum betrat. Die beiden Babys mochten zwar noch nicht gesehen haben, wer den Raum betreten hatte, aber sie spürten instinktiv, dass es sich bei dieser Person um ihre Mutter handeln musste. Sie begannen augenblicklich freudig vor sich hin zu glucksen. Lächelnd beugte sich Kara über die Wiege und spielte eine Weile mit den ihr freudig entgegen gestreckten Händchen, bevor sie die Beiden nacheinander aus der Wiege nahm und stillte. Danach waren die beiden Kleinen so sehr geschafft, dass sie noch nicht einmal mehr protestierten als ihre Mutter sie zurück in die Wiege legte. Sanft lächelnd betrachtete Kara die schlafenden Gesichter der Beiden und stellte fest, dass auch dieses Mal das Erbe ihres Vaters deutlich zu sehen war. Auch, wenn das außer ihr wahrscheinlich niemand bemerken würde. Sie hoffte nur, das würde auch so bleiben. Der Vater ihrer Kinder war ein Geheimnis, das sie mit niemanden teilen konnte. Nicht einmal Koussai-Bai wusste davon und ihm vertraute der blaue Wind eigentlich mehr als jedem anderen Menschen. Dennoch hatte sie sich nie überwinden können ihrem Stellvertreter dieses Geheimnis anzuvertrauen. Sie hoffte nur er würde es ihr verzeihen.

Um die beiden Babys nicht zu wecken verließ Kara den Raum so leise wie möglich und machte sich dann auf die Suche nach den inneren Gärten. Wobei es mit der Zeit wirklich zu einem Problem wurde, das sie nicht mehr in der Lage war sich richtig zu konzentrieren. Ihr Körper hatte immer mehr mit der plötzlichen Belastung zu kämpfen und es fiel ihr von Minute zu Minute schwerer sich auf den Beinen zu halten oder ihre Gedanken zu ordnen. Als sie nach gut und gerne einer halbstündigen Suche ihrem Ziel immer noch keinen einzigen Schritt näher war und die Umgebung immer mehr vor ihren Augen verschwamm beschloss Kara sich die Sache zu vereinfachen, bevor es endgültig zu spät wäre. Mit einem hastigen Blick verschwand sie in einem der angrenzenden Räume und versicherte sich, dass sie dort auch wirklich allein war. Erst danach betätigte sie einen versteckten Hebel, um in dem dunklen Wirrwarr der Geheimgänge des sinesischen Palastes zu verschwinden.

 

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Da es nur noch knapp eine Stunde bis zum Abendessen dauern würde hatte Koussai-Bai seinen gesamten Mut zusammengenommen und schließlich die Türen zu Karas Zimmer wieder geöffnet. Dabei hatte er beim Betreten des Raums mit so ziemlich allem gerechnet, aber nicht damit, dass es totenstill sein würde. Es war schon unheimlich, das sein Schützling sich so gar nicht regte. Immerhin hatte er es gewagt sie einzusperren und dafür würde sie ihn bestimmt noch bluten lassen. Dass sich aber überhaupt nichts tat beunruhigte Koussai-Bai zutiefst. Besorgt näherte er sich der zusammengekauerten Gestalt im Bett, die bei der Berührung seiner Hand augenblicklich in sich zusammenfiel. Er stieß einen leisen Fluch aus bevor er die Decke ganz zurückschlug und von einem bunt Zusammengewürfelten Haufen Kissen begrüßt wurde. Bei diesem Anblick stieß er einen resignierten Seufzer aus. Eigentlich hätte er sich so etwas ja von Anfang an Denken können. Kara war einfach nicht der Typ, der sich durch eine verschlossene Tür aufhalten ließ.

Systematisch suchte Koussai-Bai den Raum ab und fand schließlich in einer kleinen Fensternische das, wonach er suchte. Der Vorhang des dortigen Fensters war kunstvoll mit einem Teil der Bettlaken verflochten worden und reichte tief hinunter bis auf das nächstliegende Dach. Dieses raffinierte, kleine Biest hatte es doch tatsächlich wieder einmal geschafft! Es würde ihm wohl nichts anders übrig bleiben, als sich auf die Suche nach ihr zu machen, bevor sie sich in irgendwelche Schwierigkeiten brachte. Und das würde wahrscheinlich noch nicht einmal allzu lange auf sich warten lassen. Koussai-Bai hatte inzwischen mehr als genug Zeit an Karas Seite verbracht um genau zu wissen was diese vorhatte. Zumindest meistens.

In einem Fall wie diesem tappte er allerdings erst einmal im Dunklen. Kara war nach wie vor zu schwach, um auf eigene Faust zu fliehen und ohne ihre Kinder würde sie diesen Palast bestimmt nicht verlassen. Also, wo könnte sie dann hin sein? Da Koussai-Bai sich immer noch keinen Recht Reim darauf machen konnte ließ er sich schließlich auf das verwaiste Bett fallen und dachte in Ruhe nach. Eigentlich gab es nur drei sinnvolle Möglichkeiten.

Nummer eins: Kara war unterwegs, um sich von Aznador über den bisherigen Verlauf des Krieges informieren zulassen. Wobei sie sich dabei unter Garantie wieder einmal kräftig einmischen würde. Immerhin waren die Winde momentan ebenfalls in den Krieg zwischen dem Hedar- und dem Sinesis-Reich verwickelt. Wenn auch aus anderen Gründen, als die beiden Reiche und eigentlich nur als unbeteiligte Dritte und nicht als aktive Kraft, aber das allein würde Kara für eine Einmischung reichen. Bisher hatte es Koussai-Bai zum Glück geschafft alles, was mit dem weiteren Verlauf des Krieges zu tun hatte von ihr fernzuhalten. Doch er wusste genau, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Kara sich wieder in die Kriegshandlungen einmischen würde. Es blieb nur zu hoffen, das Aznador an diesem Tag gute Laune hatte. Ansonsten würde es dem blauen Wind wohl übel ergehen.

Die zweite Variante wäre, das Kara sich in ihrem völlig geschwächten Zustand auf den Weg gemacht hatte um die inneren Gärten zu finden. Sie war schon seit Beginn dieser Mission davon fasziniert gewesen, das es in einem Palast quasi zwei verschiedene Paläste gab, wovon einer berühmt für seine wunderschönen Gärten war, der aber allein dem Kronprinzen und dessen Gefolge zustand. Unbefugte hatten dort nichts zu suchen und sie konnten sich glücklich schätzen das, wenn man sie dabei erwischte wie sie sich in diesen Gärten herumtrieben, man ihnen ihr Leben schenkte. Allerdings, wenn es Aznador oder der König des Sinesis-Reiches, der schon vor Jahren zu Gunsten seinen Sohnes abgedankt hatte, selbst waren, die sie dort fanden, dann endeten diese armen Seelen meist als Löwenfutter.

Koussai-Bai hoffte nur, das Kara vernünftig genug sein würde wenigstens dem alten König des Sinesis-Reiches aus dem Weg zu gehen. Von Aznador konnte man Kara wohl kaum fernhalten, aber der alte Herrscher des Sinesis-Reiches, Aznadors Vater war ein vollkommen anderes Thema. Zwar stand dieser seinem Sohn schon seit Jahren nur noch als Berater zur Seite, aber er war keinesfalls zu unterschätzen. Und selbst wenn dieser vielleicht gewisse Interessen gegenüber der Gefangennahme des blauen Windes hätte, so war es doch relativ unwahrscheinlich, dass er Kara auch weiterhin am Leben lassen würde, wenn diese ihm zu sehr auf die Nerven ging. Der alte König des Sinesis-Reiches hatte nach wie vor sehr viel Einfluss auf seinen Sohn und Koussai-Bai hoffte nur das Aznador in diesem Punkt bereits mit seinem Vater geredet hatte. Es wäre furchtbar, wenn der alte König plötzlich seine Rechte an Kara fordern würde und Aznador dies nicht verhinderte.

Die Dritte und letzte Möglichkeit, die Koussai-Bai einfiel wäre die simple Tatsache, das Kara sich in ihren Mutterpflichten berufen fühlte und einfach nur nach ihren Kindern sehen wollte. Das war bei Weitem das harmloseste, was sie tun konnte und er hoffte nur, dass er mit dieser Vermutung Recht hatte, als er sich auf den Weg zum Zimmer der Zwillinge machte. Es wäre auf jeden Fall besser für alle Beteiligten, wenn er Kara vor Aznador oder dem alten König fand. Es wäre nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich diese Drei begegnen würden ohne, dass irgendjemand Kara bremste.

 

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Nachdem ihn seine Amtsgeschäfte an diesem Tag schließlich doch noch eingeholt hatten und dann auch noch sein Vater jede noch erdenkliche Kleinigkeit über den bisherigen Verlauf des Krieges gegen das Hedar-Reich und die Gefangennahme des blauen Windes wissen wollte beschloss Aznador sich nach getaner Pflicht erst einmal in die inneren Gärten zurück zuziehen, um sich von Strapazen des Tages zu erholen. Diese Gärten waren sein ganz persönlicher Ruhepunkt und Zufluchtsort und bisher hatte es jeder, der es gewagt hatte ihn dort zu stören bitterlich bereut. Die Meisten hatten diese Unverschämtheit sogar mit ihrem Leben bezahlt.

Seufzend ließ sich Aznador auf eine der zahlreichen Bänke fallen und streckte sich genüsslich in den Strahlen der Sonne aus. Sein schwarzer Umhang glitt dabei elegant zu Boden und bildete einen scharfen Kontrast zu dem satten Grün des Grases. Der Anblick, der sich Aznadors Augen bot war wohl einzigartig in allen Königreichen.

Von terrassenförmigen Stein- und Tongebilden rankte sich ein wahres Meer von Blüten überladenen Zweigen in Richtung Boden, wo sie auf dichtes, tiefgrünes Gras trafen. Zwischen den einzelnen Blütentürmen schlängelten sich kunstvoll angelegte Wege aus hellen Kieselsteinen durch eine Vielzahl von liebevoll gepflegten Beeten, die jedes für sich einer anderen Pflanzenart oder Region gewidmet waren. Ab und zu fand sich in ihnen auch eine kostbare Statue wieder, aber diese gingen im Allgemeinen unter der Pflanzenpracht unter.

Selbstverständlich gab es in diesem Garten nicht nur reine Freuden für das Auge, sondern auch unzählige Pflanzen, die dem körperlichen Wohl dienten, oder je nach dem um welche Art es sich gerade handelte, auch sehr wohl Gewächse, die todbringend wirken konnten. Auch wenn, man es ihnen nicht direkt ansah, aber manche dieser Pflanzen waren derart tödliche Giftgewächse, das schon ein noch so geringer Anteil ihres Safte ausreichte um einen ausgewachsenen Mann direkt zu den Göttern zu schicken.

Vereinzelt waren vor langer Zeit einige Bäume gepflanzt worden, die nun den Pflanzen, die keine direkte Sonneneinstrahlung vertrugen, als Schattenspender dienten. Aznadors Mutter hatte die inneren Gärten in ihrer Jugend angelegt und ihre Kinder hatten ihr Andenken weiterhin liebevoll gehegt und gepflegt. Das Meiste davon hatten sie sogar in Eigenregie gepflanzt und geerntet. Anfangs noch unter den wachsamen Augen ihrer Mutter und als diese starb schließlich allein. Nur selten hatten sie sich ein paar Diener zur Hilfe holen müssen. Meistens nur dann, wenn ein Baum umgepflanzt oder beschnitten werden sollte. Doch nachdem auch seine Schwester Astuzia den Palast verlassen hatte, war es an Aznador sich von nun an tatsächlich vollkommen allein um diese Gärten zu kümmern. Leider hatte er dafür nur halb so viel Zeit, wie er eigentlich gebraucht hätte.

In den ersten Jahren nach Astuzias Weggang war er noch fast jede freie Minute dort gewesen, doch je mehr er in die Rolle des Kronprinzen hineinwuchs, desto weniger Zeit blieb ihm für die Pflege der inneren Gärten. Bald nahmen ihn seine Pflichten so sehr in Anspruch, das er ohne es zu merken die Pflege der Gärten schon bald einigen ausgewählten Dienern überlassen hatte. Das hieß eigentlich nur bis zu dem Tag, als Odilia in den Palast gekommen war…

 

* * * * *

 

Es war nicht ungewöhnlich, das Aznadors Vater von einem Feldzug Frauen als Kriegsbeute mit nach Hause brachte und es hatte Aznador auch nicht sonderlich überrascht, das er einen Teil dieser Frauen für seine eigenen Vergnügen erhielt. Das war schon seit den Zeiten seiner Urgroßväter so gewesen und ein fester Bestandteil in der Erziehung eines sinesischen Prinzens. Nur mit Odilia war vieles, so vieles anders gewesen als mit den bisherigen Frauen.

Es begann schon damit, dass sie sich nicht unter den anderen Kriegsgefangenen befunden hatte, die man wie gewöhnlich erst einmal in die große Audienzhalle gebracht hatte. Irgendwie hatte Odilia es damals geschafft einen unbewachten Moment zu nutzen, um den Wachen zu entwischen. Auf der Suche nach einem Fluchtweg aus dem Palast hatte sie sich dann vollkommen verirrt und war schließlich in den inneren Gärten gelandet. Geblendet von der dortigen Schönheit der Pflanzen vergaß Odilia für einen Augenblick ihre Fluchtgedanken und auch den Ort an den man sie gewaltsam gebracht hatte. Stattdessen war sie vollkommen von der Blütenpracht gefangen, die sich vor ihr erstreckte. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie so etwas Schönes gesehen. Noch nicht einmal die Gärten ihrer Heimat wiesen eine derartige Blütenpracht auf. So bemerkte sie auch nicht, dass sie bereits seitdem sie die Gärten betreten hatte, von einem Paar aufmerksamer und scharfer Augen beobachtet wurde.

Aznador hatte sich damals ebenfalls in die inneren Gärten geflüchtet, um nicht noch länger an dem Siegeszeremoniell teilnehmen zu müssen, das ohnehin jedes Mal dasselbe war und eigentlich nur darin bestand sich an der Kriegsbeute zu ergötzen, die es nur zu häufig gab. Seien es nun Schätze aus Juwelen und Gold, kostbare Stoffe oder Sklaven. Es war jedes Mal dasselbe und wie immer würde es in einem riesigen Fest enden, in dem der Wein nur so sprudeln würde. Wenn die Gefangenen Glück hatten, dann blieb es dabei. Doch wenn der Wein zu sehr floss und der Sieg lang erkämpft war, dann konnte es durchaus sein, das die Gefangenen schon bald an einer Orgie teilnehmen würden.

Aznador hatte damals bereits zweimal erlebt, was das bedeutete. Eng umschlungene, nackte Leiber berauscht vom Wein, die übereinander herfielen, als wären sie ausgehungerte Bestien und dabei war es völlig gleich, ob es sich bei ihnen um Frauen oder Männer handelte. Unter den zahlreichen Anfeuerungsrufen der Soldaten und dem Gelächter der Höflinge mischte sich das leise Wimmern und Flehen der Gefangenen um Gnade. Nur je mehr sie um diese baten, desto weniger wurde sie ihnen gewährt. Doch das war lange her. Seitdem Aznador den Thron des Sinesis-Reiches bestiegen und die Führung des Heeres übernommen hatte herrschte ein anderer Ton innerhalb der Palastmauern. Er hatte sehr schnell dafür gesorgt, dass diese Art der Vergnügungen schon bald der Vergangenheit angehörte. Zu sehr hatte sich das von Abscheu verzerrte Gesicht seiner Mutter in Aznadors Gedächtnis eingebrannt. Diese hatte den Audienzsaal jedes Mal verlassen, bevor die Orgie richtig begann. Er würde niemals vergessen, welche Scham sich jedes Mal in den Augen seiner Mutter widergespiegelt hatte sobald ein Siegesfest diese Wendung nahm. Dabei war sie eine Königin gewesen, deren Schönheit durch alle Königreiche gerühmt wurde und die ein jeder beneidete. In ihren Augen Scham zu sehen war für Aznador schlimmer gewesen als irgendeine Strafe, die ihm sein Vater jemals für seinen Ungehorsam auferlegt hatte.

Als er damals das Mädchen in den inneren Gärten entdeckt hatte, dachte er zuerst es würde sich bei ihr lediglich um eine Dienerin handeln, die ihre Neugier befriedigen musste und fast hätte er sie sogar mit gezogener Waffe überfallen, da es jedem Diener ausdrücklich verboten worden war sich den innern Gärten ohne Genehmigung auch nur einen einzigen Schritt zu nähern, aber etwas an ihrem Verhalten war merkwürdig. Sie benahm sich wie ein gefangenes Tier, das nicht wusste ob es fliehen oder die Schönheit seines Käfigs genießen sollte. Das war auch der Grund warum sich Aznador auch weiterhin vor ihr verborgen hatte und sie aus der Ferne beobachtete. Erst als sich das Mädchen vor einen Busch Tollkirschen kniete und unter Tränen nach deren giftigen Früchten griff schoss Aznador aus seinem Versteck.

„Lass sie auf der Stelle fallen!“ Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen und folgte wohl eher unbewusst dem Befehl, als sich ihre Hand öffnete und die tödlichen, schwarzen Beeren zu Boden fielen. Ihre klaren, blauen Augen schwammen in Tränen als sie die plötzlich aufgetauchte Gestalt vorsichtig musterte. Es war ein Junge, der kaum älter als sie selbst wirkte. Sie schätze ihn auf etwa fünfzehn. Seine dunklen Augen funkelten vor Zorn und verliehen seinem Gesicht, das durch eine große Narbe entstellt war einen nur noch unheimlichern Ausdruck. Er machte ihr Angst. Doch konnte sie überhaupt noch mehr Angst empfinden?

„Das ist schon besser.“ Aznadors Tonfall wurde ein klein wenig freundlicher, als er merkte wie sehr sein Gegenüber zitterte. Anfangs hatte er vorgehabt ihr zu drohen, damit sie die innern Gärten nie wieder betrat, aber irgendwie erregte diese bibbernde Gestalt mit den goldblonden Haaren sein Mitleid. Das Mädchen war vielleicht gerade mal so alt wie er und so wie es aussah hatte sie schon unglaublich grauenvolles erlebt. Sie benahm sich wie ein in die Enge getriebenes Rehkitz. Ihre Arme waren fest um ihren Körper geschlungen und sie machte sich so klein wie möglich. Seufzend ging Aznador neben ihr in die Knie.

„Wer bist du eigentlich? Weißt du nicht, das es Dienern verboten ist diese Gärten zu betreten?“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Wer war dieser Junge? Er verhielt sich so anders als die Menschen, denen sie bisher im Sinesis-Reich begegnet war. Warum war er so freundlich zu ihr?

„Hast du keinen Namen?“ Aznador kam immer mehr der Verdacht, dass dieses Mädchen zu der Kriegsbeute seines Vaters gehörte aber dieser Gedanke behakte ihm ganz und gar nicht. Sollte das der Fall sein, dann würde er nicht die geringste Möglichkeit haben ihr zu helfen. Und seltsamerweise störte ihn diese Tatsache ganz gewaltig.

„Odilia.“ Ihre Stimme war sanft wie ein Windhauch und obwohl sie immer noch zitterte gewann sie allmählich ihre Fassung wieder. Sie erinnerte sich daran, dass sie eigentlich vorgehabt hatte zu fliehen. Ob sie diesem Junge wohl trauen konnte?

„Ein schöner Name. Er klingt fast so wie der einer Orchidee.“ Ihre Wangen begannen sich leicht Rotzufärben und Aznadors Herz erwärmte sich immer mehr für dieses Mädchen. Sie war so anders als die Frauen, denen er bisher begegnet war. An ihr war nichts Falsches. Sie wirkte auf ihn vollkommen ehrlich und rein. Er hatte das Gefühl ihr all seine Geheimnisse anvertrauen zu können.

„Also Odilia, wie bist du hierher gekommen?“ Sie biss sich auf die Lippen, um ihm nicht direkt zu antworten. Sicher, er war bisher freundlich zu ihr gewesen, aber er trug ein Schwert und bewegte sich trotz seiner Jugend wie ein Krieger. Er würde sicher nicht zögern sie zurück zu bringen, wenn er erst einmal erfuhr, dass sie eine Gefangene war, die zu fliehen versuchte.

„Du musst mir nicht antworten, wenn du nicht willst.“ Es war für Aznador nicht sonderlich schwierig sich zusammen zureimen woher dieses Mädchen stammte. Vor allem nicht, nachdem er die kunstvolle Tätowierung auf ihrem rechten Oberarm bemerkt hatte. Sie wurde zwar zum Großteil vom Stoff ihrer Kleidung bedeckt, aber dennoch war deutlich zu erkennen, dass es sich dabei um ein carabisches Symbol handelte. Sie stammte also von den Inseln. Dann war sie also eine Gefangene seines Vaters und Teil von dessen neuster Kriegsbeute.

„Man hat mich entführt, weil man glaubt ich wäre eine wichtige Geisel.“ Überrascht sah Aznador sie an. Dass sie so einfach mit der Sprache herausrücken würde hatte er nicht erwartet. Die Inselvölker waren nicht gerade dafür bekannt, dass sie den Bewohnern des Festlands trauten.

„Dabei bin ich nur eine einfache Dienerin. Unsere Prinzessin war schon lange vor dem Überfall in Sicherheit.“ Noch während sie das sagte kräuselten sich Odilias Lippen zu einem zufriedenen Lächeln über die Tatsache, das es ihnen gelungen war die Eindringlinge an der Nase herumzuführen.

„Ein Strohmann?“ Aznador konnte nicht verhindern, das er ebenfalls zu grinsen begann. Da war es diesem Inselvolk doch tatsächlich gelungen seinen Vater, den ruhmreichen Eroberer an der Nase herumzuführen. Das hatte einen nicht zu verleugnenden Erheiterungseffekt.

„Ja, ich wurde auserwählt die Flucht unserer Prinzessin zu decken. Das man mich dabei gefangen nimmt war nicht vorgesehen.“ Ihr Gesicht zeigte nun wieder deutlich die Angst, die sie bisher versucht hatte zu verbergen. Wahrscheinlich ahnte sie schon, was mit ihr passieren würde, wenn man herausfand, dass sie nicht die echte Prinzessin war.

„Deshalb versuchst du zu fliehen, oder?“ Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen, aber sie beantwortete seine Frage nicht. Aber ihr Schweigen war für Aznador mehr als Antwort genug.

„Du wirst nicht weit kommen.“ Es war grausam, was er nun tat, aber Aznador konnte nicht anders. Wenn dieses Mädchen auch weiterhin vorhatte in sein Verderben zu rennen, dann sollte sie zumindest wissen, was sie im schlimmsten Fall auf sie zukam. Immerhin würde kein einziger der Soldaten zögern eine Gefangene, die zu fliehen versuchte, auf der Stelle zu töten. Allerdings überraschte Odilia ihn dadurch, dass ihr der Tod keine Angst zu machen schien. Sie fürchtete ihn nicht. Eher im Gegenteil für sie war es eine Ehre ihr Leben für ihre Prinzessin und die Inseln einzusetzen. Sie hatte nur Angst am Leben zu bleiben und dabei vielleicht ihr Volk verraten. Das Sinesis-Reich war bekannt dafür, dass es mit seinen Gefangenen nicht gerade zimperlich umging, wenn man sich von diesen gewisse Informationen erhoffte. Aus diesem Grund war es Odilia lieber, wenn man sie auf der Flucht tötete. Sie wollte ihr Volk um keinen Preis der Welt verraten.

„Hilfst du mir?“ Odilia hatte ihren gesamten Mut zusammengenommen, um ihrem Gegenüber diese Frage zustellen und zu seiner eigenen Überraschung nickte Aznador. Irgendwie war er von dem Mut dieses Mädchens zutiefst beeindruckt. Auch, wenn er selber nicht so genau wusste weshalb. Vielleicht lag es daran, dass sie ihrem Königreich so treu ergeben war. Denn auch Aznador wäre bereit für das Wohl seines Reiches sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber bei ihm war es etwas anderes. Er war ein Mann und zu dem der Kronprinz. Von ihm wurde nichts anderes erwartete. Das ein einfaches Mädchen denselben Mut wie er besaß, versetzte ihn in Erstaunen.

„Ich versuche es.“ Dankbar lächelte sie ihn an und sie saßen an jenem Tag noch lange in den Gärten. Odilia begann Aznador nach und nach von der Schönheit der Inseln zu erzählen und Aznador ließ Odilia alles Mögliche über sein Königreich wissen. Wobei er es allerdings tunlichst vermied sie wissen zu lassen, dass er in Wahrheit der Kronprinz dieses Reiches war. So glaubte Odilia auch weiterhin, dass sich bei ihm lediglich um den Sohn eines Dieners handelte, den man mit der Pflege der inneren Gärten beauftragt hatte.

Erst als die Sonne bereits unterging trennten sich die Beiden mit dem Versprechen sich am nächsten Tag erneut in den Gärten zu treffen. Als Odilia sich schweren Herzens auf dem Rückweg in den Palast machte drehte sie sich noch einmal um und Aznador versank in dem klaren Blau ihrer Augen. In diesem Augenblick wusste, er das er nicht mehr anders konnte, als dieses Mädchen für den Rest seines Lebens zu beschützen. Nachdem sie hinter den Palastmauern verschwunden war beauftragte Aznador einige Diener damit sich gut um dieses Mädchen zu kümmern und sie ohne das Wissen seines Vaters in seinen Harem zu bringen. Die Diener nahmen seine Befehle zwar ohne die geringste Regung entgegen, aber insgeheim fragten sie sich wohl doch, was mit ihrem Kronprinzen los war. Vor allem, da dieser nicht wollte, dass das Mädchen irgendetwas davon erfuhr, das ihr Kronprinz sie unter seinen persönlichen Schutz gestellte hatte. Es war ihnen sogar verboten worden, wenn Odilia anwesend war, Aznador als einen solchen zu behandeln. In diesen Fällen mussten sie ihn als ihresgleichen behandeln und dabei gleichzeitig so vorsichtig zu Werke gehen, das sie nicht zu weit gingen. Jeder noch so kleine Fehler der Diener wurde von Aznador schwer bestraft, da er nicht wollte, dass sein kleines Geheimnis herauskam. Er befürchtete, dass er Odilias Vertrauen in dem Moment verlieren würde, in dem sie erfuhr, dass er der Kronprinz des Sinesis-Reiches war.

 

* * * * *

 

Dieses Versteckspiel ging etwa ein halbes Jahr lang gut. In dieser Zeit betrat der Kronprinz seinen Harem nur noch sehr selten aber merkwürdigerweise wurde das Mädchen von den Inseln immer wieder mit Geschenken überhäuft. Dabei konnte sich Odilia das alles selbst nicht erklären, da sie dem Kronprinzen nie begegnet war und er ihr dennoch fast seine gesamte Aufmerksamkeit zukommen ließ. Die anderen Frauen des Harems hatten schon bald damit begonnen Odilia ihre Eifersucht spüren zu lassen. Immer wieder verschwanden ein paar von Odilias persönlichen Habseligkeiten unter anderem eine Kette aus schwarzen und weißen Perlen, die einst ihre Mutter gehört hatte und schon sich schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie befunden hatte. Nach einigen Tagen fand Odilia schließlich einige der Perlen in den unzähligen Blumentöpfen des Harems und ihn den Näpfen der Hunde, aber es waren bei weitem nicht alle. Der Rest von ihnen blieb auch weiterhin verschwunden. Der Verlust traf das Mädchen hart, aber sie ließ sich dennoch nicht unterkriegen. Sie trat auch weiterhin so dermaßen selbstsicher auf, als wäre nie etwas passiert.

Nur, als sich schließlich immer wieder die unterschiedlichsten Tiere (mal tot, mal lebendig) in ihr Essen und ihre Laken verirrten begannen ihre Nerven zu reißen. Dabei hatte sie fest vorgehabt sich von nichts und niemanden außer der Königsfamilie des Sinesis-Reiches Angst einjagen zu lassen. Aber als sie eines Morgens in ihrer Milch eine noch lebende Maus fand, die um ihr Leben kämpfte, war es einfach zu viel. Die sorgsam errichtete Mauer bekam Risse und die anderen Frauen nutzten diese Schwäche weidlich aus. Sie ließen Odilia von nun an nicht einen einzigen Tag mehr in Ruhe und machten sie zu ihrer persönlichen Dienerin. In ihren Augen war sie weniger Wert als ein Tier. Wenigstens solange der Kronprinz oder einer seiner Lakaien nicht anwesend war. Die Besuche des Kronprinzen waren die große Ausnahme.

An den Tagen, wo eine dunkle Gestalt hinter einem der Vorhänge saß und die Vorgängen im Inneren des Harems beobachte, taten alle Frauen so, als sei Odilia ihre einzige und wahre Freundin. Sie verhielten sich ihr gegenüber sogar beinahe mütterlich und lasen ihr fast jeden Wunsch von den Augen ab. Doch sobald diese Gestalt, die so gut wie nie sprach und noch nie in Odilias Gegenwart ihr Gesicht gezeigt hatte, verschwunden war stießen die Frauen Odilia wieder in den Staub in den sie ihrer Meinung nach gehörte. Immerhin war sie nur ein Affe von einer Insel und dementsprechend hatte sie auch kein Recht auf ein anderes Dasein.

Als Odilia es schließlich nicht mehr aushielt und auch nicht mehr wusste, an wenn sie sich wenden sollte, vertraute sie sich ihrem Freund aus den Gärten an. Der Zorn, der daraufhin in dessen Augen brannte machte Odilia allerdings beinahe noch mehr Angst, als all die Gemeinheiten, die ihr im Harem angetan worden waren, aber er war so schnell wieder verflogen, das sie bald glaubte sich das alles nur eingebildet zu haben. Die Folgen dieses Zorns bekamen allerdings sämtliche Haremsbewohner sehr schnell zu spüren, die wiederum Odilia für ihre Misere verantwortlich machten und diese von da nur noch mehr quälten. Es wurde von Tag zu Tag schlimmer und selbst Aznadors Vater begann irgendwann zu merken, dass irgendetwas nicht stimmte.

Sein Sohn war schon seit Wochen ungewöhnlich ruhelos und wanderte immer wieder vom einen Ende des Palastes ins andere. Mit seinen Gedanken weit weg und für niemanden erreichbar. Der König brauchte nicht sonderlich lange um den Grund dafür herauszufinden. Es war doch erstaunlich wie lange sein Sohn dieses kleine Geheimnis vor ihm verborgen hatte. Aber nun war es an der Zeit, dass dieser ihm Rede und Antwort stand. Von den plötzlichen Vorstößen seines Vaters vollkommen überrascht dachte Aznador gar nicht erst daran einfach alles zu leugnen. Er war viel zu überrascht von der Tatsache, dass sein Vater überhaupt etwas von der ganzen Geschichte geahnt hatte. Das er allerdings so genau bescheid wusste brachte Aznador wirklich zum Staunen. Nach einem zweistündigen Gespräch zwischen Vater und Sohn, das stellenweise der halbe Palast hatte hören können, weil sie wieder einmal nicht einer Meinung waren, gab Aznador schließlich klein bei. Ihm blieb wohl tatsächlich keine andere Wahl mehr, als sich in Odilias Gegenwart zum ersten Mal als Kronprinz zu zeigen und sie dabei direkt zu seiner ersten Mätresse zu machen. Nur so konnte er sicher gehen, dass ihr die anderen Frauen im Harem kein einziges Haar mehr krümmen würden.

Die erste Mätresse genoss ein hohes Ansehen unter sämtlichen Bewohnern des Palastes und auch wenn sie nur eine von vielen war, so war sie doch die Einzige, die es wagen durfte ihrem Herrn zu widersprechen oder diesem Vorschläge zu unterbreiten. Würde eine der anderen Frauen sie verletzen, dann würde ihr Herr diese sofort dafür bestrafen. Es sei denn, er hatte seiner ersten Mätresse bereits das Recht eingeräumt sich um solche Dinge selbst zu kümmern. Die meisten Herrscher taten das, um Zeit zu sparen, aber es kam nicht selten vor, das die Mätressen diese Macht sehr schnell zu ihren Gunsten ausnutzten, um die anderen Frauen zu ihren persönlichen Sklaven zu machen. Aber das kümmerte nur selten irgendjemanden und am allerwenigsten, den Besitzer des Harems. Solange seine Mätressen ihm jederzeit zur Verfügung standen war diesem egal, was in seinem Harem sonst so vor sich ging. Die Frauen waren dort vollkommen auf sich allein gestellt und entweder sie unterwarfen sich der dort herrschenden Hierarchie oder sie würden gnadenlos untergehen.

Wie sich herausstellte hatte Aznador diese Entscheidung keinen einzigen Tag zu früh getroffen. Als er ohne jede Vorwarnung in den Harem stürmte waren die Frauen gerade dabei Odilias Hab und Gut in den unzähligen Wasserbassins zu versenken und sich an ihren Haaren zu vergreifen. Schlagartig begriff Aznador, warum seine Freundin in der letzten Zeit immer wieder diverse kleiner Verletzungen aufgewiesen hatte. So wie die restlichen Frauen mit ihr umsprangen wäre es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis sie Odilia solche Wunden zufügen würden, die auf ihrem bis dahin makellosen Körper hässliche Narben hinterlassen hätten.

„Was in Namen aller Götter geht hier vor sich?!“ Die wütende Stimme des Kronprinzen hallte wie ein Donnerschlag durch den Harem und die Frauen erstarrten mitten in der Bewegung. Danach ging alles furchtbar schnell. Mit eiskalter Stimme erklärte Aznador Odilia zu seiner ersten Mätresse woraufhin diese weinend davon stürmte und die anderen Frauen kurz davor standen in Ohnmacht zu fallen. Doch Aznador hatte nicht vor sie selbst zu bestrafen. In seinen Augen war Odilia die Einzige, die das Recht dazu hatte, doch erst einmal müsste er sie finden und mit ihr sprechen. Beides würde nicht sonderlich einfach werden. Immerhin kannte sich Odilia inzwischen fast gut ebenso gut wie er in den inneren Gärten aus und das er sie über ein halbes Jahr lang an der Nase herumgeführt hatte, was seine Herkunft anging würde sie ihm wahrscheinlich nicht so schnell verzeihen. Und Aznador sollte damit Recht behalten. Es dauerte fast einen Monat bis Odilia wieder das Wort an ihn richtete und die Zeit danach war die glücklichste, die Aznador seit seiner Kindheit gehabt hatte.

Aber das war alles schon verdammt lange her. Er und Odilia hatten sich im Laufe der Jahre immer mehr verändert und nicht zum ersten Mal fragte sich Aznador was aus dem glücklichem Lachen ihrer Jugend und deren Unbeschwertheit geschehen war. Konnte es sein, das zuviel Macht wirklich grausam machte? Seit dem Tag an dem Odilias Herrschaft über den Harem begonnen hatte war diese immer kälter geworden. Sie zeigte immer weniger Mitleid gegenüber den anderen Frauen. Ebenso wie Aznador gegenüber seiner Gegner immer weniger Gnade walten ließ tat Odilia es im Harem. Sie beide hatten sich verändert. Doch sie waren nach wie vor glücklich miteinander, oder nicht? An Aznadors Gefühlen für Odilia hatte sich in all den Jahren nicht das Geringste geändert aber er war sich nicht so sicher ob das auch für Odilia galt. Manchmal kam ihm diese eisige Schönheit wie eine Fremde vor. Es kam so selten vor, dass sie noch frei und offen lachte. Irgendwann schien ihr Lachen einfach gestorben zu sein. Die Frage war nur wann?

 

* * * * *

 

„Aznador sei ihr wach?“ Erschrocken zuckte er aus seinen Gedanken hoch und starrte die verschleierte Gestalt vor sich an als wäre sie ein Geist, der soeben aus dem Nichts erschienen war. Wie zum Geier hatte es diese Frau geschafft sich ihm unbemerkt zu nähern?

„Was wollt ihr?“ Aznador klang nicht gerade sonderlich freundlich und für jeden seiner Diener wäre dies ein untrügliches Zeichen dafür gewesen, das es besser wäre sich so schnell wie möglich zu verdrücken, wenn man nicht das Risiko eingehen wollte den Zorn des sinesischen Kronprinzens auf sich zu ziehen. Nur schien sich diese Frau davon nicht sonderlich beeindrucken zu lassen. Eher im Gegenteil. Sie wirkte merkwürdig erheitert.

„Nichts Besonderes. Ich bewundere nur schon seit einiger Zeit die Schönheit der inneren Gärten. Aber es hat mich etwas überrascht euch um diese Zeit ebenfalls hier anzutreffen.“ Das Wort schlafend hatte sie im letzten Moment durch ‚ebenfalls’ ersetzen können, aber das gefährliche Funkeln in Aznadors Augen verriet deutlich, das er genau gemerkt hatte, was sie ihm eigentlich hatte sagen wollen. Doch sein finsterer Blick schien sie nach wie vor nicht sonderlich zu beeindrucken und nicht nur das. Irgendetwas an dem Verhalten dieser Frau stimmte ganz und gar nicht. Normalerweise waren die Frauen des Wüstenvolkes stets darauf bedacht ihren Blick zu senken und ihrem Herrn nicht direkt in die Augen zu sehen, aber diese Frau hier sprach mit ihm als wären sie gleichrangig. Aznadors Blick glitt prüfend über das verschleierte Gesicht, bis dieser auf ein Paar tiefgrüner Augen traf, das seinen Blick furchtlos erwiderte. Amüsiert konnte sich Aznador ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

„Wie habt ihr es nur geschafft eurem Wächter zu entkommen?“ Sie wandte den Blick leicht ab, um sich der Betrachtung einiger Rosenblüten zu widmen und tat so als hätte sie seine Frage nicht gehört. Aber Aznador hatte das kurze Funkeln in ihren Augen gesehen, das deutlich genug zeigte, das sie bei dieser Frage ebenfalls gelächelt hatte. Anscheinend war es nicht das erste Mal, dass sie ihrem Beschützer entwischte. Aznador beobachtete eine ganze Weile, wie sie zwischen den einzelnen Beeten entlang schritt und hier und da an einer der zahlreichen Blüten roch, als wäre Aznador gar nicht vorhanden. Eins musste er ihr lassen, sie hatte die Ruhe weg. Noch nie hatte sich einer seiner Gefangenen in seiner Gegenwart derart gelassen gezeigt oder ihn so penetrant ignoriert.

„Wollt ihr nicht endlich diese Verkleidung ablegen? Außer uns ist niemand hier.“ Anscheinend hatte sie nur darauf gewartet, dass er ihr genau das sagte. Mit einem Seufzer der Erleichterung riss sie sich den Schleier vom Gesicht und entledigte sich der unnötigen Kleidungsschichten, die sie achtlos zu Boden fallen ließ. Darunter kam ein schlichtes Gewand aus weißblauer Seide zum Vorschein, das quasi jede Haremsdame wenigstens einmal in ihrem Leben trug. Es bestand aus einem raffiniert gewundenen Brusttuch, das fast den gesamten Rücken- und Bauchbereich freiließ und einem weiten Rock, der sich bis weit über die Knöchel erstreckte. Wobei der Saum ihres Rockes bereits deutliche Spuren des Verschleißes zeigte.

Es war Aznador vollkommen schleierhaft, was sie in der kurzen Zeit mit einem Rock dieser Qualität angestellt hatte. Immerhin hatte man ihr diese Kleidung erst an diesem Morgen bereitgestellt und der Rock sah jetzt schon so aus, als hätte sie ihn in den letzten Wochen dauernd getragen. Dabei war er von einigen der besten Schneider des Landes gefertigt worden und normalerweise trugen die Frauen im Harem diese Röcke fast ein halbes Leben bevor sich überhaupt einmal die Spur eines Verschleißes einstellte. Aber das hier war schlicht und ergreifend einfach unglaublich. Wenn er es nicht besser wüsste, dann wäre Aznador davon ausgegangen, das sie mit diesem Rock versucht hatte einen Berg zu erklimmen oder einen Löwen zu bändigen. Von einem normalen Spaziergang konnten diese deutlichen Abnutzungsspuren jedenfalls nicht stammen.

Als Letztes löste die junge Frau den kunstvollen Turban von ihrem Kopf und eine Flut wasserblauer Haare ergoss sich augenblicklich über ihre Schultern. Erleichterte schüttelte sie ihren Kopf kurz hin und her bevor sie mit einer schnellen Bewegung und einer Stoffbahn des Turbans ihre Haare zu einem dicken Zopf in ihrem Nacken zusammenfasste. Aznador konnte nicht verleugnen, das ihn diese Frau faszinierte. Er hatte noch nie einen Menschen mit einer solch ungewöhnlichen Haarfarbe gesehen und dass sie der blaue Wind war machte sie nur noch geheimnisvoller. Es gab so vieles, was er bereits über die Winde wusste und dennoch war das wahrscheinlich nur ein Bruchstück dessen, was diese ausmachte. Mit der Gefangennahme dieser Frau ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten.

Nachdem sie ihn auch weiterhin nicht sonderlich beachtete gab es Aznador schließlich auf Desinteresse zu heucheln und folgte ihr langsam. Sie war bereits hinter einigen Rhododendronbüschen verschwunden und für einen kurzen Moment glaubte Aznadors schon, das sie ihm entwischt war aber als er das Buschwerk hinter sich gelassen hatte sah er etwas, das ihm fast den Atem verschlug. Sie stand in Mitten eines flachen Springbrunnens und ließ das Wasser über ihre Arme und in ihr Gesicht perlen. Dabei nahm sie nicht die geringste Rücksicht auf ihre Kleidung oder den Rest ihres Körpers. Es kam Aznador fast vor als wäre sie selbst ein Teil dieses Wasser oder eine Nymphe, die soeben einer Quelle entstiegen war. Er musste sich kurz über die Augen reiben, um die Illusion loszuwerden, dass sich ein Teil ihres Körpers ebenfalls im Wasser auflöste. Durch die unzähligen Sonnenstrahlen hatte es für einen kurzen Moment so ausgesehen als würden ihre Arme im Wasser verschwinden und auch ihre Beine erschienen Aznador plötzlich halb durchsichtig, aber er merkte sehr schnell, das dieses Phänomen lediglich an dem Gegenlicht lag und nicht weil sein Gegenüber vielleicht zu jenen Wesen gehörte, die man nur noch aus Legenden kannte. Drachen und Nymphen so etwas gab es nur noch in den Geschichten, die man Kindern vor dem Schlafengehen erzählte. Die Wirklichkeit sah vollkommen anders aus. Die letzten Reste der Magie, die in dieser Welt noch verblieben waren lagen einzig und allein in der Hand der Priester, die in den verschiedenen Tempeln ihrer Götter dienten und jeder von ihnen brauchte fast sein gesamtes Leben, um auch nur einen Bruchteil dessen zu beherrschen, was einst alltäglich gewesen war.

„Wunderschön! Aznador! Dieser Garten ist wunderschön!“ Kara breitete ihre Arme aus als wollte sie davonfliegen und rannte lachend durch den Springbrunnen ohne zu merken, dass sie inzwischen vollkommen durchnässt war. Ihr Lachen perlte klar wie die Melodie eines silbernen Glöckchens durch den Garten und Aznador konnte sich nicht dagegen wehren, das sein Herz beim Anblick ihres unbeschwerten Lachens leicht wurde. Astuzia hatte damals eine ganz ähnliche Verhaltensweise an den Tag gelegt und sie beide waren mehr als nur einmal von ihrer Mutter ausgeschimpft worden, wenn sie wieder einmal vollkommen durchnässt aus den inneren Gärten zurück kamen. Bei diesem Gedanken legte sich plötzlich ein hinterhältiges Lächeln über Aznadors Züge. Es gab da doch noch immer diese kleine Überraschung im Springbrunnen. Er hoffte nur, dass sie nach all den Jahren auch immer noch funktionierte. Immerhin war diese seit Astuzias Weggang nicht mehr benutzt worden.

Ohne sich auch nur das Geringste anmerken zu lassen ging Aznador um den Springbrunnen herum, in dem Kara immer noch mit dem Wasser der Fontänen Katz und Maus spielte (und dabei meistens verlor) und lehnte sich schließlich genüsslich an eine Statue des ersten Herrscher des Sinesis-Reiches. Als Kara schließlich eine ganz bestimmte Stelle im Brunnen erreichte betätigte er blitzschnell einen in den Ornamenten des Sockels der Statue verborgenen Hebel und hörte nur noch einen spitzen Aufschrei, bevor sich eine unglaubliche Menge Wasser auf die Gestalt im Brunnen ergoss.

Das Wasser, das plötzlich aus dem künstlichen Felsen sprudelte traf Kara so unerwartet, das ihr nur noch Zeit für einen kurzen Aufschrei geblieben war, bevor sie jeglichen Halt verlor. Sie ging in den Wassermaßen vollkommen unter und hatte sichtliche Mühe sich wieder auf die Beine zu kämpfen, da die Wassermaßen nicht mehr abnahmen und sich das Bassin immer weiter füllte, war sie schon bald bis auf die Knochen durchnässt und Aznador begann sich langsam zu fragen, warum sie nicht einfach aus dem Brunnen herauskam statt immer wieder in den Fluten zu versinken. Erst nach einer Weile begann er zu merken, dass es nicht an ihrem fehlenden Willen lag sich aus dem Wasser zu befreien, sondern schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass ihr dazu einfach die Kraft fehlte. Es sah ganz so aus als würde sie ertrinken und das im flachen Wasser!

Ohne nachzudenken stürmte Aznador in den Brunnen und zog die Halbbewusstlose an sich. Hustend entledigte sie sich eines Teils des Wassers, das sie bereits geschluckt hatte und nach wie vor konnte sie kaum alleine stehen. Die Bewegung des Wassers um sie herum reichte aus um ihr in regelmäßigen Abständen das Gleichgewicht zu rauben. Aznador verfluchte innerlich bereits seinen Leichtsinn bevor er Kara entschlossen hochhob und aus dem Brunnen zurück auf festen Boden trug. Er setzte die vollkommen erschöpfte Gestalt unter einem wunderschönen Kirschbaum ab, dessen Früchte in der Sonne wie unzählige kleine Rubine leuchteten. Sie hustete immer noch und ihr gesamter Körper zitterte wie Espenlaub. Selbst ihre Lippen hatten sich inzwischen fast ebenso blau verfärbt wie ihre Haare. Beunruhigt hüllte Aznador sie in seinen Umhang und wartete ab, bis sich ihr Zittern gelegt hatte.

„Ihr seit ganz schön hinterhältig! Wisst ihr das?“ Das schiefe Lächeln auf ihrem Gesicht beruhigte Aznador ein klein wenig. Aber ihr Atem ging nach wie vor ziemlich schwer und der Kronprinz des Sinesis-Reiches glaubte nicht, dass sie noch in der Lage wäre allein in den Palast zurück zu kehren. Er hoffte nur, dass dieser kleine Scherz keinen allzu großen Schaden hinterlassen würde.

„Nicht mehr als ihr.“ Kara nahm die Spitze kommentarlos entgegen. Immerhin war sie diejenige gewesen, die in den sinesischen Palast eingedrungen war und unter der Nase des Kronprinzens eine wichtige Geisel befreite. Dabei war sie zwar selbst in Gefangenschaft geraten, aber aus Erfahrung wusste Kara bereits, das dies nur eine Frage der Zeit sein würde. Bisher war es noch niemanden gelungen einen der Winde zu fangen und auch Aznador würde bald merken, das sein vermeintlicher Triumph lediglich ein Traumgespinst war. Noch nicht, aber sobald sie wieder bei Kräften war, würde der sinesische Kronprinz merken was es bedeutete sich mit den Winden messen zu wollen.

„Euere Schwester liebte diesen Garten ebenso sehr wie euere Mutter und ihr selbst, oder?“ Da sie mit geschlossenen Augen sitzend an dem Baumstamm lehnte bemerkte Kara den entsetzten Gesichtsausdruck von Aznador nicht. Dieser hatte das Gefühl, das man ihm soeben ein glühendes Messer in eine eiternde Wunde stieß.

„Ja.“ Aznadors Antwort ließ deutlich genug erkennen, das es besser wäre, dieses Thema jetzt fallen zu lassen, aber Kara schien sich gar nicht bewusst zu sein, auf welch gefährliches Terrain sie sich nun begab.

„Sie hatte Unrecht. Die Gärten sind inzwischen nicht verfallen. Sie sind noch schöner geworden.“

„Soll das heißen, ihr habt meine Schwester getroffen?!“ Aufgebracht rammte Aznador seine Hände rechts und links neben dem blauen Haarschopf gegen den Baumstamm und funkelte dessen Besitzerin eisig an. Erschrocken zuckte Kara kurz zusammen und erwiderte seinen Blick dann furchtlos.

„Vor etwa einem Jahr. Eure Schwester ist eine bemerkenswerte Person. Seit dem tragischen Unfall ihres Mannes herrscht sie vollkommen allein über ein mächtiges Reich, das bisher nur von Männern regiert wurde. Sie verteidigt sich und ihre Kinder gut und sie hat ihre Heimat nicht einen einzigen Tag lang vergessen. Auch wenn es ihr unmöglich ist zurück zu kehren so sind ihre Gedanken doch immer bei euch. Nur blieb bisher jeder ihrer Briefe an euch unbeantwortet. Sie macht sich große Sorgen um euch.“ Fassungslos starrte Aznador die furchtlosen grünen Augen an, deren Besitzerin ihm gerade etwas vollkommen Unmögliches erzählt hatte.

„Ihr lügt! Meine Schwester ist vor langer Zeit gestorben! Man hat ihre Leiche eine Woche vor ihrer Hochzeit aus dem Fluss gezogen.“ Mühsam unterdrückte Kara ein Lachen, um Aznador nicht noch weiter gegen sich aufzubringen. War er wirklich so leichtgläubig? Der gefürchtete Kronprinz des Sinesis-Reiches hatte diese Tatsache einfach so hingenommen, ohne sich selbst vom Wahrheitsgehalt dieser Geschichte zu überzeugen? Das war unglaublich und dennoch erklärte es so vieles.

„Ist euch nie in den Sinn gekommen, dass es sich dabei um einen Trick handeln könnte um das Leben eurer Schwester zu retten?“

„Was?!“ Aznador ließ Karas Gesicht nicht eine Sekunde lang aus den Augen, aber es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der blaue Wind mit ihm spielte. Anscheinend war sie von seiner Unwissenheit ebenso überrascht wie er von ihren Erklärungen.

„Euer Vater ist kein Dummkopf. Meint ihr wirklich, er würde seine einzige Tochter einfach so den Gefahren eines Landes außerhalb der Grenzen, der Königreiche anvertrauen ohne gewisse Vorkehrungen zu treffen?“ Das klang durchaus einleuchtend und Aznadors Puls beruhigte sich allmählich wieder. Er ließ sich neben Kara ins Gras sinken und starrte mit finsterem Blick in den Garten hinein.

„Erzählt.“ Mit einem leichten Seufzer fuhr Kara fort. Er wusste es also wirklich nicht. Wenn sie das früher gewusste hätte, dann hätte sie gar nicht erst damit angefangen, aber sie war fest davon ausgegangen, das Aznador die Wahrheit schon seit geraumer Zeit kannte.

„Damals tauschte eure Schwester mit einer der Zofen die Rollen, um eventuellen Attentätern zuvor zukommen. Man hatte die Zofe so frisiert, gekleidet und geschminkt wie eurer Schwester und für jemanden, der eure Schwester nur von Erzählungen oder Zeichnungen kannte sah sie aus, wie die sinesische Kronprinzessin. Man ermordete die Zopfe, die man für eure Schwester hielt und eure Schwester erreichte sicher den Palast. Die Attentäter verrieten sich schließlich selbst, als sie behaupten, dass man versuchte ihren Herrscher hereinzulegen in dem man diesem eine Zofe als Prinzessin verkaufen wollte. Doch es gab genügend Zeugen, die bestätigen konnte, dass eure Schwester wirklich die gesuchte sinesische Prinzessin und nicht irgendeine Zopfe war. Danach ging alles sehr schnell. Die Männer wurden gerichtet, ihre Frauen ebenfalls und eure Schwester heiratete, wie es vereinbart worden war.“ Lange Zeit herrschte Schweigen zwischen dem blauen Wind und dem Kronprinzen des Sinesis-Reiches bis dieser sich wieder an seine Gefangene wendete.

„Da hört sich fast so an, als wärt ihr dabei gewesen.“ Um Karas Lippen legte sich ein geheimnisvolles Lächeln, das soviel bedeuten konnte wie vielleicht, vielleicht auch nicht.

„Ihr wart also dort.“ Aznador war sich ganz sicher, das der fremde König nur einer Person geglaubt haben konnte, die nicht in irgendeiner Beziehung zum sinesischen Palast stand. Und die Winde waren dafür bekannt, dass sie schon öfter quasi aus dem Nichts erschienen waren, um ein Unrecht zu verhindern. Es wäre also nicht im Geringsten verwunderlich, wenn sein Vater damals die Winde um den Schutz seiner Tochter gebeten hätte. Doch wie? Wie war es seinem Vater gelungen mit etwas in Kontakt zu treten von dem behauptet wurde, dass es gar nicht existierte? Selbst er hatte bis zu der Begegnung vor knapp einem Monat nicht an die Existenz der Winde geglaubt. Auch wenn es immer wieder Berichte über das geheimnisvolle Auftauchen der Winde gegeben hatte. Aznador hatte das bisher für ein Hirngespinst des einfachen Volkes gehalten, aber man hatte ihn eines Besseren belehrt. So wie es aussah steckte in den alten Legenden doch wesentlich mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

Ein unterdrücktes Zischen von Kara holte Aznador aus seinen Gedanken zurück. Ihr Körper hatte sich leicht verkrampft und es sah ganz so aus, als hätte sie irgendwo ziemliche Schmerzen. Als Aznador ihr jedoch recht grob den Umhang von den Schultern zog um nach einer möglichen Verletzung zu suchen klang ihm ihr glockenhelles Lachen entgegen.

„Macht nicht so ein Gesicht. Es ist nichts. Es wird nur langsam Zeit die Babys zu stillen.“ Wenn Aznador in diesem Moment seinen Gesichtsausdruck hätten sehen können, dann hätte er sich wahrscheinlich selber einen Idioten gescholten, aber in diesem Fall bewahrte er sich einen letzten Rest an Würde und herrschte Kara an, warum sie das denn nicht schon früher gesagt hätte, bevor er davon stapfte um einen Diener damit zu beauftragen die Kinder zu holen. Eigentlich hätte er es auch ebenso gut selbst tun können, aber er wollte dem blauen Wind nicht zeigen wie sehr diese Kinder bereits sein Herz gewonnen hatten. Immerhin waren sie das beste Druckmittel, das er besaß um den blauen Wind noch länger in seinem Palast gefangen halten zu können.

 

* * * * *

 

Lächelnd sah Kara dem eilig davon schreitenden Aznador hinterher. Wie lange würde er wohl brauchen, um herauszufinden, dass sie bereits wusste, was er für sie und seine Kinder getan hatte. Ein leises Knacken ließ sie ihren Blick wenden.

„Ihr könnt ruhig herauskommen. Er ist weg.“ Ein undeutliches Schnauben war die einzige Antwort, die Kara erhielt, bevor sich hastig jemand entfernte. Kichernd lehnte sich Kara wieder gegen den Baumstamm.

„Das kann ja heiter werden.“ Sie wusste bereits, wer sie und Aznador dort belauscht hatte, aber sie würde diese Person nicht verraten. Jedenfalls noch nicht. Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass dieser jemand sehr schnell wieder zurückkehren würde. Dieser Rückzug war nur vorläufig. Das nächste Mal würde diese Person vorsichtiger sein, aber dennoch scheitern. Immerhin besaß Kara mit Smaragd einen Wächter, der sich von nichts und niemanden täuschen ließ. Auch wenn ihr Wächter sich momentan verborgen hielt, so war er seit der Geburt ihrer Kinder nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Er würde jederzeit in der Lage sein seinem Schützling beizustehen sollte dieser in Gefahr geraten und er ließ sie auch jedes Mal wissen, wenn sie nicht allein war.

Als Aznador zurück kehrte war er reiflich überrascht Kara friedlich schlafend vorzufinden. Obwohl ihre Brust immer mehr geschmerzt hatte war es Kara dennoch nicht gelungen sich noch länger wach zuhalten und Aznador beschloss sie schlafen zu lassen bis man ihre Kinder gebracht hatte. Er wurde aus ihrem Verhalten ohnehin nicht sonderlich schlau. Störte es sie denn rein gar nicht, dass es ihm gelungen war sie zu fangen? Oder hatte sie sich bereits einen Plan zu Recht gelegt, wie sie ihm entkommen könnte? Eigentlich konnte es ihm auch egal sein. Im Moment würde sie nirgendwo hin gehen, soviel war sicher. Es war schon merkwürdig, das eine so dermaßen zierliche Person der legendäre blaue Wind sein sollte. Aber wenn das wahr war, dann wäre sie wesentlich älter als sie aussah.

Vorsichtig ließ sich Aznador neben die Schlafende ins Gras sinken und betrachtete gedankenverloren ihr langes, wasserblaues Haar in dem der Wind spielte. Sie war der blaue Wind soviel war sicher. Der letzte Beweis dafür waren ihre blauen Haare. Niemand außer den Winden konnte eine solch ungewöhnliche Haarpracht hervorbringen und es war auch kein Wunder, das sie sich mit einer Perücke in seinen Palast eingeschlichen hatte. Hätte sie es nicht getan, dann wäre sie noch vor dem Betretenen des Palastes von seinen Soldaten gefangen genommen worden. Es war ungewöhnlich, dass es Aznador mittlerweile gar nicht mehr störte, das ihn eine Frau besiegt hatte, aber irgendwie war er sogar froh gewesen endlich einen Gegner gefunden zu haben, der ihm gewachsen war. Doch wenn das stimmte, was ihr Begleiter Koussai-Bai ihm erzählt hatte, dann war das noch längst nicht Karas beste Leistung gewesen. Was mochte diese zierliche Gestalt nur dazu veranlasst haben sich den Winden anzuschließen?

„Euer Majestät?“ Zähneknirschend wandte Aznador seinen Blick von der schlafenden Gestalt ab und gab den Dienerinnen, die beide jeweils ein Baby auf ihrem Armen trugen, ein Zeichen, damit sie den richtigen Weg fanden. Sehr zum Entsetzen der beiden Frauen nahm Aznador ihnen die Zwillinge grimmig ab und wies sie an sich augenblicklich aus den Gärten zurück zuziehen. Nur zögernd folgten die beiden Frauen seinen Anweisungen. Allerdings nicht ohne noch einmal einen besorgten Blick auf die Babys in Aznadors Arm zu werfen. Der Kronprinz des Sinesis-Reiches tat als hätte er nichts bemerkt und fragte sich innerlich was diese Frauen wohl von ihm dachten. Trauten sie ihm wirklich zu, dass er diesen beiden kleinen Strahlemännern etwas antun würde? Sein Ruf hatte sich anscheinend in der letzen Zeit auch ohne seine Hilfe sehr weit verbreitet. Jetzt glaubten sogar schon die Diener, dass er sich an Kindern vergreifen würde. Dabei gab er seinen Soldaten jedes Mal ganz genaue Anweisungen, dass vor Kinderaugen keine unnötige Gewalt angewendet werden sollte.

Aznador hatte in den bisherigen Kriegen, die er an der Seite seines Vaters geführt hatte nur zu genau gelernt, das es gefährlich war, wenn ein Kind mit ansah wie ein Eroberer seine Eltern folterte oder tötete. Diese Kinder wurden sehr oft zu Racheengeln und das Regieren war auch ohne dauernde Attentate anstrengend genug. Auch, wenn man ihn Prinz des Todes nannte, so war Aznador seinen Gegnern gegenüber doch meistens fair. Sicher, er war in vielen Fällen grausamer als nötig wenn es darum ging Ungehorsam zu bestrafen, aber nur wer hart durchgriff konnte sich sicher sein, das in seinem Reich auch wirklich Frieden herrschte. Furcht war ein sehr wirkungsvolles Mittel um den Frieden in einem Reich zu sichern, das hatten alle bisherigen Herrscher des Sinesis-Reiches deutlich bewiesen, doch erst unter Aznadors Herrschaft erlangte das Reich nebenbei noch einen nie gekannten Wohlstand. Er konnte mit sich zufrieden sein. In seiner bisher fünfjährigen Amtszeit hatte er mehr für das Wohl seines Volkes getan, als jemals ein Herrscher vor ihm. Auch, wenn er es sehr gut verstand dies zu verbergen.

„Kara?“ Vorsichtig strich Aznador ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und versuchte sie zu wecken ohne, dass sie sich gleich zu Tode erschrak oder ihm die Zwillinge aus dem Arm fielen. Allerdings zeigte sich bei ihr nicht die geringste Reaktion.

„Kara, aufwachen.“ Da das immer noch keine Früchte trug zog Aznador schließlich ziemlich unsanft an einigen der blauen Haarsträhnen und würde mit einem mürrischen Knurren belohnt.

„Lass das Koussai-Bai. Ich bin müde.“ Sie hatte noch nicht einmal die Augen geöffnet.

„Er wird sich bestimmt freuen das zu hören.“ Es dauerte ein paar Sekunden bis Karas Gehirn die Tatsache wahrgenommen hatte, dass es sich bei dieser Stimme nicht um die von Koussai-Bai handelte und Aznador verbiss sich bei ihren wechselnden Gesichtsausdrücken mühsam das Lachen. Als sie endlich die Augen aufschlug und in das höchst amüsierte Gesicht von Aznador blickte murmelte Kara verlegen eine leise Entschuldigung vor sich hin, bevor sie zu kichern begann. Der Anblick von einem gefürchteten Kriegsherrn, der auf seinem Arm zwei Säuglinge balancierte als wären diese rohe Eier war einfach zu viel für. Behutsam nahm sie ihm die Babys ab und stillte diese ohne darauf zu achten, das Aznador sich immer noch direkt neben ihr befand. Dabei gewann dieser Einblicke in Karas Figur, die ansonsten sorgsam von diversen Kleidungsschichten verborgen wurde.

Es war das erste Mal, das Aznador sah wie eine Mutter ihre Kinder stillte und dieser Anblick faszinierte ihn zu tiefst. Es war fast so, als würden Mutter und Kind in diesem Moment in eine Welt eintauchen, die nur ihnen allein gehörte. Nichts um sie herum schien mehr zu existieren. Ein vollkommen friedliches Bild, das auch Aznador dazu veranlasste sich zu entspannen. Er streckte sich auf dem weichen Gras aus und beobachtete mit aufgestützten Ellebogen wie Kara ihre Tochter nun im Gras absetzte, wo diese sich sofort zusammenrollte und genüsslich gähnte bevor sie einschlief. Lächelnd sah Kara zu der Schlafenden herunter und hob dann ihren Sohn hoch, damit auch dieser seinen Hunger stillen konnte. Sie hatte fast vergessen wie schön es war sich endlich einmal nicht dauernd Sorgen darum machen zu müssen entdeckt zu werden. Als ihr Sohn kein Interesse mehr an seinem Abendessen zeigte legte Kara ihn neben seine Schwester und auch er schlief augenblicklich ein. Seufzend lehnte sich sie sich vollkommen in ihre Gedanken versunken wieder gegen die raue Rinde des Baumstammes, bis sie Aznadors Blick bemerkte, der nach wie vor auf ihr ruhte. Hastig knüpfte Kara ihr Kleid wieder zu und wurde dabei sogar leicht rot im Gesicht. Aznador verbarg das aufkeimende Lächeln in seinem Gesicht hinter einem Handrücken und er versuchte betont ernst zu wirken.

„Seid ihr nicht ein klein wenig sorglos? Immerhin könnte ich euch sonst etwas antun.“ Irritiert sah Kara ihn an, bevor sie antwortete.

„Nein, das würdet ihr nicht.“ Aznador fragte sich erneut woher sie diese Gewissheit nahm, aber er konnte ihr nicht widersprechen. Sie hatte vollkommen Recht. Er würde ihr nichts tun. Nicht solange sie keine Gefahr für sein Reich darstellte und die Winde waren den Legenden zu Folge äußerst friedlich. Sie mischten sich zwar immer wieder in Dinge ein, die sie eigentlich nichts angingen, aber sie griffen niemals direkt in einen Kampf ein. Sie beeinflussten die Schicksale der Königreiche immer aus dem Hintergrund und sie taten es jedes Mal zum Wohle der einfachen Menschen und nicht des der Herrscher.

„Oh seht nur, die Sonne geht unter.“ Kara hatte vollkommen unbefangen das Thema gewechselt und deutet nun auf die glühende Scheibe, die sich allmählich dem Rand des Horizonts näherte und sich dabei im Wasser des Brunnens spiegelte, so das man fast den Eindruck gewann dieser sei mit flüssigem Gold gefüllt worden. Aznador richtete sich wieder auf und setzte sich neben sie. Der Anblick war wirklich wunderschön. Warum war ihm das bisher nur nie aufgefallen?

„Wieso seit ihr noch hier?“ Aznador hatte das Schweigen zwischen ihnen gebrochen, als die goldene Scheibe noch nicht einmal halb hinter dem Horizont versunken war. Kara antwortete ihm ohne ihren Blick auch nur eine einzige Sekunde von dem Naturschauspiel abzuwenden.

„Wisst ihr, wie lange es her ist, dass ich einen solchen Sonnenuntergang beobachten konnte?“ Aznador schüttelte verständnislos seinen Kopf. Was hatte das mit seiner Frage zu tun? Er war sich sicher, das Kara und ihr Begleiter jederzeit die Chance hätten zu fliehen oder zumindest an einem Fluchtplan arbeiten würden, aber nichts davon war bisher passiert. Er hatte sie unter strenge Beobachtung gestellt, aber allem Anschein nach hatten sich die Beiden sich mit ihrem Schicksal als Gefangene abgefunden.

„Dann könnt ihr es auch nicht verstehen. Aber macht euch nur keine falschen Hoffnungen. Früher oder später werdet ihr mich suchen und dennoch nicht finden. Kein Wind ist jemals gefangen worden.“ Sie sah ihn herausfordernd an und Aznador wollte erst protestieren, aber dann seufzte er nur leicht. Es war kein sonderlich großes Geheimnis, das es noch niemanden gelungen war einen der Winde gefangen zunehmen und auch, wenn er sich jetzt in diesem Ruhm sonnen konnte, so war es nicht sicher, das dieser auch von Dauer sein würde. Eines Tages würde sie wahrscheinlich tatsächlich so plötzlich wie ein Windhauch, der eine laue Sommernacht kurz erträglich machte, wieder verschwinden und mit ihr alles was an sie erinnerte. So war es jedenfalls, wenn man den Legenden über die Winde glauben schenkte. Aber irgendwo tief in Aznadors Unterbewusstsein meldete sich eine kleine Stimme, die ihm immer wieder versicherte, dass sein Wissen nicht nur aus Legenden stammte. Er wusste nur nicht warum diese kleine Stimme so hartnäckig war. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern jemals in seinem Leben einen der Winde gesehen zu haben. Wenigstens bis jetzt.

Ein leises Schnarchen ließ Aznador seinen Blick wenden und verblüfft stellte er fest, das Kara sich gegen seinen Arm gelehnt hatte und dabei eingeschlafen war. Behutsam rückte er ein kleines Stückchen von ihr weg und deckte die am Boden liegende Gestalt mit seinem Umhang zu. Dieses Mädchen war erstaunlich. Sie schien sich nicht die geringsten Sorgen zu machen, dass er ihr irgendetwas antat.

Vorsichtig hob Aznador die ebenfalls friedlichen schlafenden Zwillinge hoch und brachte diese zurück in ihr Zimmer. Kaum hatte er einen Schritt in den Raum gemacht stürmte auch schon eine besorgte Schar aufgeregter Dienerinnen und Mätressen auf ihn zu und nahmen ihm mit vorwurfsvollen Blicken die Kinder ab. Bevor auch nur eine Einzige von ihnen auf die Idee kommen konnte ihm einen Vortrag über den pfleglichen Umgang mit Babys zu halten war Aznador bereits wieder in die inneren Gärten zurückgekehrt um den schlafenden Wind ebenfalls zurück in seine Gemächer zu bringen.

 

* * * * *

 

Seit Stunden war Koussai-Bai nun schon auf der Suche nach seinem Schützling, aber von ihr fehlte weit und breit jede Spur. Selbst ihre Kinder waren plötzlich verschwunden. Inzwischen war die Sonne bereits untergegangen und der ansonsten so besonnen Koussai-Bai begann sich allmählich schwere Vorwürfe zu machen. Er hätte Kara einfach nicht allein lassen dürfen. Was, wenn ihr etwas passiert war? Vielleicht lag sie irgendwo in einer dunklen Ecke des Palastes und war nicht mehr in der Lage sich bemerkbar zu machen. Immerhin war sie nach wie vor geschwächt von der schweren Geburt. Auch wenn Kara das Gegenteil behauptet, so kannte Koussai-Bai sie doch lang genug um genau zu wissen in welchem Zustand sich sein Schützling gerade befand. Dass sie jetzt einfach so verschwunden war beunruhigte ihn zutiefst. Der sinesische Palast war nicht der geeignete Ort um sich in einem derart geschwächten Zustand herumzutreiben. Was wenn sie jemand angriff? Sie wäre kaum in der Lage sich zu verteidigen.

„Koussai-Bai, was macht ihr hier?“ Erschrocken zuckte Koussai-Bai bei dem Klang von Aznadors Stimme aus seinen Gedanken hoch. Hoffentlich hatte der Kronprinz des Sinesis-Reiches noch nicht herausgefunden, das seine wichtigste Gefangene spurlos verschwunden war. Es war nicht auszudenken, was dieser Kara antun würde, wenn er diese schließlich fand.

„Ihr seht besorgt aus. Ist irgendetwas?“ Seufzend stand Koussai-Bai auf, um nicht noch länger tatenlos in dem Flur vor Karas Gemächern herumzusitzen. Auch, wenn es ihm schwer fiel er musste auch weiterhin so tun, als wäre nicht das Geringste passiert.

„Es ist nichts nur…“ In dem Augenblick als Koussai-Bai den Blick hob und die schlafende Gestalt auf Aznadors Armen erkannte verstummte er.

„Kara?“ Vollkommen verblüfft starrte er die Schlafende an. Wieso war sie bei Aznador? Und warum schlief sie in dessen Armen.

„… Koussai-Bai?...“ Die schlaftrunkene Stimme schien sich gar nicht bewusst zu sein was für einen Aufruhr sie verursacht hatte.

„Erstaunlich. Bisher hat alles versagt, aber der Klang euerer Stimme scheint auszureichen um sie zu wecken.“ Aznador amüsierte sich köstlich über Koussai-Bais vollkommen entsetzen Gesichtsausdruck und er setzte noch einen oben drauf. Ohne weiter auf Karas Begleiter zu achten trug er diese an Koussai-Bai vorbei zu ihrem Bett. Sie nahm es kaum zur Kenntnis, der Schlaf hatte sie bereits erneut vollkommen umfangen und so merkte sie auch nicht, wie Aznador sie von ihren Schuhen befreite und in eine warme Decke hüllte.

„Ihr solltet ein paar der Dienerinnen rufen, damit sie ihr Kleid wechseln. Es ist immer noch feucht.“ Koussai-Bai hatte zwar nicht die geringste Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, aber er versprach dem merkwürdig freundlichen Aznador sich um alles zu kümmern. Als die Dienerinnen das Zimmer betraten zogen sich die beiden Männer in einen angrenzenden Raum zurück und Aznador ließ Koussai-Bai wissen, was in der Zwischenzeit passiert war. Koussai-Bai fiel ein Stein vom Herzen, als er hörte, dass sein Schützling lediglich Aznador in die Arme gelaufen war und niemandem sonst. Es wussten ohnehin bereits viel zu viele Leute von ihrer Gefangennahme. Er musste dringend dafür sorgen, das es nicht noch mehr wurden.

„Euere Majestät wir ziehen uns zurück.“ Lächelnd öffnete Aznador die Tür zu Karas Schlafgemach und war überrascht diese komplett in weiße Seide gehüllt vorzufinden. Er hatte fest damit gerechnet, dass die Dienerinnen sie wieder einmal in ein schlichtes Schlafgewand aus Baumwolle stecken würden, aber das hier hatte einen schon fast verboten tiefen Ausschnitt. Auch Koussai-Bai schnappte neben ihm hörbar nach Luft. Kein Wunder, dieses Kleid zeigte wesentlich mehr als es verhüllte und es war halbdurchsichtig.

„Starrt mich bloß nicht so an. Ich weiß auch nicht, was das soll.“ Kara drehte sich schmollend zur Seite und dadurch zeichnete sich ihr Körper nur noch deutlicher unter dem dünnen Stoff ab. Aznador musste den Dienerinnen eines lassen, sie hatten ganze Arbeit geleistet. Kein Mann würde einer solchen Schönheit widerstehen können, wenn er sie in seinem Bett vorfand und dann begriff er plötzlich was dass alles zu bedeuten hatte. Die Dienerinnen glaubten er wollte die Nacht mit ihr verbringen! Aznador brach in schallendes Gelächter aus und beruhigte sich nur langsam wieder, während Koussai-Bai seinen Schützling sorgsam in eine Decke hüllte, so dass von dem vorherigen Kunstwerk fast nichts mehr zu sehen war. Dabei warf er Aznador einen vernichtenden Blick zu.

„Nun seht mich doch nicht so an. Ich werde ihr schon nichts tun.“ Der Blick mit dem ihn Koussai-Bai ihn daraufhin segnete sprach Bände und Aznador kämpfte verzweifelt dagegen an erneut loszulachen, aber er hatte sich bereits halbwegs wieder im Griff. Aus diesem Grund fiel es ihm nicht allzu schwer sein Lachen in ein ziemlich breites Grinsen zu verwandeln. Allerdings verriet Koussai-Bais gesamte Haltung, dass er dem sinesischen Prinzen kein einziges Wort glaubte und das dieser gerade so vollkommen selbstvergessen vor sich hin grinste trug auch nicht sonderlich dazu bei, das Koussai-Bai sich beruhigte. Allein Karas Aufzug hatte nur zu deutlich gezeigt, was die Dienerinnen dachten und er war sich sicher, das Aznador sich nicht ewig zurückhalten würde. Irgendwann würde er von Kara verlangen, das sie ihre Pflichten als Mitglied seines Harems erfüllte, aber das würde Koussai-Bai zu verhindern wissen. Er würde nicht zulassen, dass irgendjemand auf diese Art und Weise Hand an seinen Schützling legte.

„Koussai-Bai lass ihn doch. Ich bin müde. Könnt ihr nicht morgen weiter streiten?“ Gähnend ließ sich Kara ein kleines Stückchen weiter in die Kissen sinken und ignorierte dabei den entsetzen Gesichtsausdruck ihres Begleiter der angesichts ihrer Sorglosigkeit vollkommen schockiert war. Aber es hatte wohl keinen Sinn sie darauf hinzuweisen, also gab sich Koussai-Bai seufzend geschlagen. Es hatte wirklich keinen Sinn Aznador jetzt Vorwürfe zu machen. Kara war nichts passiert und das war die Hauptsache.

„Schon gut, schlaf jetzt.“ Gehorsam nickte Kara und warf noch einen kleinen Blick auf Aznador, der irgendetwas aus einem Krug in eine Schale füllte.

„Was macht ihr da?“ Ihre Stimme klang bereits vollkommen schlaftrunken und Aznador konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Manchmal benahm sich seine Gefangene wie eine neugierige Katze. Aber in diesem Fall wäre sie von seiner kleinen Überraschung bestimmt begeistert. Kommentarlos trug er die dampfende Schale zu ihr herüber und hielt sie ihr direkt unter die Nase. Misstrauisch nahm Kara ihm die Schale und unter Koussai-Bais strengen Blicken nippte sie erst einmal vorsichtig daran, bevor sie dann in mehreren Schlücken trank. Das war lecker.

„Heiße Milch mit Honig? Woher wusstet ihr das?“ Fragend sah Koussai-Bai, der in der Zwischenzeit vorsorglich an dem Inhalt des Tonkruges gerochen hatte, den Kronprinzen des Sinesis-Reiches an, doch dieser zuckte nur mit den Schultern.

„Wusste ich auch nicht. Die Dienerinnen haben den Krug mitgebracht.“

„Aber das haben sie bis heute noch nie getan. Bisher war ich der einzige, der davon wusste.“ Es kam Koussai-Bai verdammt merkwürdig vor, dass die Dienerinnen plötzlich etwas von Karas Vorliebe für dieses Getränk erfahren hatten. Er hatte sehr genau darauf geachtet, dass ihn niemand dabei beobachtete, wenn er etwas in das Zimmer seines Schützlings trug. Vor allem war er stets darauf bedacht gewesen den Inhalt vor allzu neugierigen Augen zu verbergen.

„Aber warum sollten sie es denn sonst tun?“ Aznador zuckte erneut kurz mit den Achseln, aber als den nachdenklichen Gesichtsausdruck von Koussai-Bai bemerkte sah er alarmiert zu Kara hinüber doch es war bereits zu spät. Die noch halb volle Tonschale fiel scheppernd zu Boden und zerbrach dort während ihr Körper allmählich in sich zusammensackte. Blitzschnell hatte Koussai-Bai den schlaffen Körper gepackt und verhinderte so, das dieser zu Boden fiel.

„Habt ihr etwa wieder Schlafpulver in die Milch gemischt?“ Koussai-Bai schüttelte besorgt den Kopf und tastete nach Karas Puls. Doch das regelmäßige Pulsieren unter seinem Daumen wollte sich nicht einstellen. Sein Gesicht verlor sämtliche Farbe.

„Was ist? Stimmt etwas nicht mit ihr?“ Ohne auf Aznador zu achten beugte sich Koussai-Bai weiter vor, doch von Karas Lippen war kein einziger Atemzug mehr zu spüren. Es war zu spät. Irgendjemand hatte den blauen Wind vergiftet.


Fortsetzung:
Part 03



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