Blue Wind - Part 03

Blue Wind

   Part 03

 

 

Die Wände des Thronsaals trugen die Stimme der Prinzessin auch am heutigen Tag bis in den hintersten Winkel des Palastes und mittlerweile fragte sich wohl fast jeder Bewohner des Palastes, warum ihr König nicht endlich dem Drängen seiner Tochter nachgab. Es waren inzwischen fast zwei Wochen vergangen, seitdem ihre Prinzessin aus der Gefangenschaft des Sinesis-Reiches befreit worden war und auch die momentan Kriegshandlungen mit ihrem alten Feind hatten sich auf ein erträgliches Maß reduziert, so das eigentlich kaum noch ein Grund bestand sich um irgendetwas Sorgen zu machen. Die Grenzen des Magnolia-Reiches waren sicher und es sah nicht so aus, als würde das Sinesis-Reich so schnell erneut einen Übergriff auf sie wagen. Dafür war dieses viel zu sehr damit beschäftigt Krieg gegen das Hedar-Reich zu führen. Umso unverständlicher war es für viele der Ratgeber, das ihr König die sich jetzt bietende Chance nicht nutzte, um sich ein für alle mal von seinem alten Gegner zu befreien. Ein kurzes, schnelles Eingreifen seiner Truppen würde dem Hedar-Reich unter Garantie den Sieg bescheren, aber der König des Magnolia-Reiches war nach wie vor ein friedliebender Herrscher und er wollte seine Untertanen nicht über Gebühr gefährden. Aus diesem Grund hatte er bisher auch jedes mögliche Bündnis mit den Hedar abgelehnt. Er verwandte seine Kräfte lieber darauf, die bisher entstandenen Kriegsschäden zu beheben und sein Volk vor Hunger zu bewahren. Viele würden dieses Verhalten wahrscheinlich als verweichlicht bezeichnen, aber für das Volk des Magnolia-Reiches gab es keinen besseren König als ihn.

Seit Beginn seiner Herrschaft hatte ihr König stets dafür gesorgt, dass es ihnen an nichts fehlte und jeder unnötige Krieg war vermieden worden. Nun ja, bis ihnen eines Tages das Sinesis-Reich den Krieg erklärte, da dieses sich das kleine Reich, das sein Dasein bisher ziemlich unbeachtet von den anderen großen Königreichen gefristet hatte, unbedingt einverleiben wollte, obwohl es dort außer einer regelmäßigen guten Ernte nicht viel zu holen gab. Das Einzige, wofür das Magnolia-Reich berühmt war, waren die unzähligen Magnolienbäume, die das ganze Jahr über blühten, was in keinem anderen der Königreiche der Fall war.

Normalerweise blühten Magnolien nur einmal im Frühling und dann auch nur sehr kurz, bevor sie sich für den Rest des Jahres in ihr grünes Blattkleid hüllten, aber im Magnolia Reich war es seitdem man denken konnte so, das diese einzigartigen Bäume das ganze Jahr über ihre Blütenpracht zeigten. Freilich nicht alle Sorten, aber egal um welche Jahreszeit es sich handelte, es gab nie eine Zeit in der in diesem Reich nicht eine Magnolie geblüht hätte. Daher stammte auch der Name des Reiches und die Menschen aus allen Königreichen kamen um sich dieses einmalige Schauspiel anzusehen. Dadurch war ein gesundes Handelsunternehmen entstanden, das das Volk des Magnolia-Reiches mit Gütern versorgte, die es in ihrem eigenen Reich nicht gab. Aber es hielt sich alles in Maßen. Niemand häufte überflüssige Reichtümer an, da man alles, was man zum Leben brauchte selbst anbauen konnte und der Ertrag der Felder meistens so gut war, das man mit seinen Nachbarn Tauschhandel betreiben konnte.

Warum das Sinesis-Reich ein solch derartiges Interesse an einem eher kleinen und noch nicht einmal sonderlich reichen Königreich zeigte wusste niemand. Die Kriegserklärung kam völlig überraschend und das ansonsten friedliche Magnolia-Reich war gezwungen in den Krieg zu ziehen. Sehr zum Erstaunen sämtlicher anderen Königreiche hielt sich das kleine Reich erstaunlich lange und behauptet sich über Jahre gegen einen übermächtigen Gegner. Es griff zwar keines der anderen Königreiche in diesen Krieg ein (immerhin waren sie froh, dass es das Sinesis-Reich nicht auf sie abgesehen hatte), aber insgeheim drückten sie dem kleinen Reich doch die Daumen. Der König des Magnolia-Reiches war ein brillanter Taktiker und es war unglaublich mit welchen Listen er das Blatt immer wieder zu seinen Gunsten wenden konnte, bis das Sinesis-Reich ihm schließlich einen Waffenstillstand anbot. Das war von nun auch die dauernde Kriegshandlung. Das Sinesis-Reich marschierte nach vorn, geriet in Bedrängnis, ein Waffenstillstand folgte und danach ging das Spiel wieder von vorne los. Es war ein ewiges Hin und Her, aber der König des Magnolia-Reiches weigerte sich immer wieder aufs Neue seine passive Kriegshaltung aufzugeben. Er fing die Angriffe des Sinesis-Reiches ab und drängte dessen Truppen dann bis hinter die Grenzen seines Reiches zurück, um sich dann wieder seinem Volk zu widmen. Er hatte nicht das geringste Interesse daran selbst in das Sinesis-Reich einzuspazieren. Für ihn war nur das Wohl seines Volkes wichtig und sein Reich war groß genug. Warum also sollte er nach mehr Macht streben?

Seufzend drehte sich der König des Magnolia-Reiches zu seiner Tochter um, die ihm seit ihrer Rückkehr nicht eine einzige Minute mehr zu Ruhe kommen ließ. Sie mochte zwar erst zwölf Jahre alt sein, aber sie besaß stellenweise ein Wissen, das fast schon beängstigend war. Es würde nicht mehr lange bis zur ihrer Mündigkeitszeromonie dauern und dem König des Magnolia-Reiches graute heute es bereits vor dem Tag, an dem sich die Freier aus den anderen Königreichen an seinem Hof einfinden würden. Bisher war es ihm gelungen die Verbreitung ihres Bildnisses außerhalb zu seines Reiches zu verhindern, doch das würde nur noch bis zum Tag ihrer Mündigkeitszeromonie der Fall sein. Nur noch ein Jahr, dann wäre seine Tochter im heiratsfähigen Alter und mit sechzehn wäre sie wahrscheinlich schon längst verlobt oder vielleicht sogar schon verheiratet. Bis dahin musste er ihr unbedingt noch so etwas wie politisches Geschick beibringen.

Sie war haargenauso wie ihre Mutter. Immer wollte sie mit dem Kopf durch die Wand und übersah dabei, wie viel Schaden sie mit einem solch unbedachten Verhalten anrichten konnte. Aber gleichzeitig war es auch eine ihrer liebenswertesten Eigenschaften. Immerhin hatte er sich damals genau aus diesem Grund in ihre Mutter verliebt. Deren unbesonnene Art war das absolute Gegenteil von seiner schon fast zwanghaften Vorausplanung. Sie ergänzten sich hervorragend und regierten ihr Reich schon seit Jahren ohne, das es jemals größere Probleme gegeben hätte. Auch das seine Frau gemeinsam mit den Kriegern in den Kampf zog war nicht weiter verwunderlich. Immerhin stammte diese von den Steppenvölkern ab und war eine begnadete Kämpferin. Dort wo er die Taktik für den Kampf festlegte war sie an vorderster Front und machte den Männern Mut. Unter dem Kommando ihrer Königin schienen die Soldaten des Magnolia-Reichs nichts und niemanden zu fürchten. Sie würden ihr sogar bis ans Ende er Welt folgen soviel war sicher. Es fiel ihm zwar schwer sich während des Krieges immer wieder von seiner Liebsten trennen zu müssen, aber der König des Magnolia-Reiches wusste, dass es der einzige Weg war um dem Sinesis-Reich auch weiterhin die Stirn zu bieten. Aber im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher als den Ratschlag seiner Frau. Er wusste einfach nicht mehr, was er seiner Tochter noch sagen sollte. Nur war die Königin des Magnolia-Reiches bereits vor geraumer Zeit aufgebrochen, um die Truppen zu inspizieren und würde vor dem nächsten Vollmond nicht zurück sein und bis dahin war es noch gut und gerne eine Woche.

„Warum willst du ihnen nicht helfen, Vater? Diese Leute haben mich gerettet!“ Die Zorneserfüllte Stimme seiner Tochter hallte von den Wänden des Thronsaals wieder und rief dem König des Magnolia-Reiches erneut den Grund ihres inzwischen alltäglichen gewordenen Streites in Erinnerung.

„Bitte Magnolia ich habe es dir schon so oft erklärt. Wir dürfen nicht eingreifen.“

„Aber warum?! Warum können wir sie nicht retten? Man wird sie noch töten!“ Ihre gesamte Gestalt zitterte vor Zorn. Wie konnte ihr ansonsten so liebenswürdiger Vater auf einmal nur so herzlos sein? Seitdem sie in den Palast zurückgekehrt war versuchte sie alles in ihrer Macht stehende zu tun, um ihren Rettern zu helfen, aber egal, was sie auch machte ihr Vater lehnte es jedes Mal ab jemanden in das Sinesis-Reich zu schicken, um dem dortigen Herrscher einen Handel vorzuschlagen. Es war so unfair! Diese Leute hatten ihr Leben riskiert, um sie zu retten und sie konnte rein gar nichts tun um ihnen zu helfen.

„Es würde alles gefährden. Magnolia, versteh doch bitte, im Moment müssen sie sich selbst helfen. Das ist am Besten für uns alle.“ Mühsam schluckte die Prinzessin all ihre Erwiderungen, die ohnehin keinen Zweck haben würden, herunter und stürmte aus dem Thronsaal. Mitleidig sah der König des Magnolia-Reiches seiner Tochter hinterher.

„Es tut mir leid mein Kind, aber ich kann nicht zu lassen, dass die ganzen Vorbereitungen der letzten Jahre umsonst waren.“

 

* * * * *

 

Immer noch vollkommen außer sich knallte die Prinzessin des Magnolia-Reiches die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und stürzte sich in die Kissen ihres Bettes. Warum?! Warum nur?! Warum verstand ihr Vater das denn nicht? Sie musste den Beiden unbedingt helfen. Sie hatten soviel riskiert um sie zu retten und nur ihretwegen waren sie in die Fänge des sinesischen Kronprinzen geraten. Erst hatte sie das auch gar nicht gewusst, da alles so furchtbar schnell gegangen war…

Urplötzlich war diese geheimnisvolle Frau in dem Harem aufgetaucht und hatte ihr gesagt, dass sie gekommen sei um sie zu retten. Irgendwie hatte ihr Vater es geschafft jemanden zu ihrer Rettung zu schicken. Das war mehr als sie sich in diesem Moment jemals hätte träumen lassen. Sie folgte der Frau ohne zu Zögern und war überrascht wie sicher sich diese trotz ihrer doch recht spärlichen Kleidung im sinesischen Palast bewegte. Von ihr ging eine unglaubliche Ruhe aus und die Prinzessin des Magnolia-Reiches fühlte sich an ihrer Seite unglaublich sicher. Umso überraschter war sie von der plötzlichen Wendung gewesen. Als ihre Retterin jemanden im Schlosshof entdeckt hatte, war wie aus dem Nichts dieser dunkelhäutige Mann aufgetaucht und noch ehe die Prinzessin hätte protestieren können hatte er sie sich über die Schulter geworfen und floh mit ihr aus dem Palast. Seine Begleiterin blieb auf der Brüstung zurück und schien sich köstlich zu amüsieren.

Erst als sie im Schutz der Dunkelheit ein entlegenes Lager auf einer nur spärlich beleuchteten Lichtung erreichten setzte der Mann sie wieder ab und zischte ein paar kaum hörbare Befehle in die Dunkelheit. Keine zwei Sekunden später waren sie von über einem Dutzend Männer umzingelt, die allesamt in schwarze Umhänge gehüllt waren und ihre Gesichter unter dunklen Masken verbargen. Ängstlich drückte sich die Prinzessin enger an ihren Retter, doch dieser tätschelte ihr nur beruhigend die Schulter bevor er den Männern in einer äußerst merkwürdigen Sprache Befehle erteilte. Nachdem diese sich lautlos in die Dunkelheit zurückgezogen hatten fiel er vor der Prinzessin auf die Knie.

„Prinzessin, von jetzt an werden euch diese Männer begleiten. Sie garantierten mit ihrem Leben für euren Schutz und werden euch sicher zurück zu eurem Vater bringen.“ Er lächelte sie sanft an, aber in der Prinzessin regte sich die Angst. Was, wenn diese Männer Sklavenhändler waren oder sie in der Wüste überfallen würden? Ihr Gegenüber bemerkte ihre Unsicherheit und erhob sich langsam.

„Ihr müsst keine Angst haben. Diese Männer würden sich eher ihr Schwert in die Brust rammen, ehe sie zulassen würden, dass euch etwas geschieht. Und damit ihr nicht ganz so allein seid auf dieser Reise.“ Er schnippte kurz mit dem Fingern und aus den Schatten einiger Zelte lösten sich erneut dunkel gekleideten Gestalten. Dieses Mal war ihre Statur allerdings nicht ganz so bedrohlich wie zuvor und als die Prinzessin genau hinsah bemerkte sie, dass es sich bei ihnen um Frauen handelte.

„Sie werden euch auf dieser Reise ebenfalls begleiten. Es wird euch an nichts fehlen.“ Er verbeugte sich kurz vor ihr und wandte sich zum Gehen, als eine der Frauen ihn am Arm zurückhielt.

„Koussai-Bai, wo ist Kara?“ Er schüttelte die Hand der maskierten Frau ab und lächelte matt.

„Sie ist noch im Palast. Ich werde sie holen.“ Die Frau stieß einen resignierten Seufzer aus.

„Gut, aber beeil dich. Wie haben nicht mehr viel Zeit.“

„Ich weiß. Sorgt ihr nur dafür, das die Prinzessin sicher in ihr Reich zurück kehrt um alles andere kümmere ich mich.“ Noch ehe die Frau etwas erwidern konnte war er in der Dunkelheit verschwunden und endlich fand die Prinzessin des Magnolia-Reiches ihre Sprache wieder.

„Warum kommt er nicht mit uns?“ Erschrocken legten die Frauen einen Finger auf den Mund und wiesen die Prinzessin an still zu sein. Nur die Frau, die bis vor kurzem noch mit ihrem Retter gesprochen hatte folgte dieser Gestik nicht.

„Macht euch darüber keine Gedanken Prinzessin. Er weiß was er tut.“ Dennoch sah die Frau mit sorgenvollem Blick auf die Stelle, an der der dunkelhäutige Mann verschwunden war, bevor sie sich mit einem Ruck davon losriss.

„Kommt jetzt, Prinzessin. Ihr müsst euch noch umziehen, bevor wir uns auf die Reise machen.“ Und wie schon zuvor im sinesischen Palast ging plötzlich alles sehr schnell. Man kleidete die Prinzessin wie ein normales Mädchen und schminkte ihr Gesicht so, das ihre adligen Züge und das blaugrün ihrer Augen nicht mehr sofort auffielen. Danach verteilten sich die Frauen und Männer, die das Lager in einer unglaublichen Geschwindigkeit abgebaut hatten auf verschiedene Wagen und Pferde und im Schutze der Nacht verließen sie die Nähe des sinesischen Palastes. Wie sich herausstellte handelte es sich bei den Männern und Frauen, die sie begleiteten um fahrende Händler oder Schausteller und wann immer sie fragte gaben sie die Prinzessin des Magnolia-Reiches als eine der ihren aus. Niemand schöpfte Verdacht und so erreichten sie die Grenze des Magnolia-Reiches ohne größere Probleme.

Nur eines hatte man der Prinzessin immer und immer wieder eingeschärft. Sie durfte den dünnen Ring, den sie im sinesischen Palast erhalten hatte auf gar keinen Fall ablegen, bevor sie sich nicht innerhalb der Palastmauern des Magnolia-Reiches befand. Die Prinzessin wusste zwar nicht, warum alle solch ein Aufheben um einen so kleinen Gegenstand machten, aber sie hielt sich an die Anweisung. Immerhin verdankte sie diesen Leuten ihre Freiheit und dafür war sie ihnen mehr als nur dankbar. Sie gewann auch schnell Freunde unter ihren Begleitern, die sich seit jener Nacht auch ohne Masken zeigten und war umso überraschter, als sich diese kaum, das sie den Palast des Magnolia-Reiches erreicht hatten, ohne viel Aufhebens von ihr trennten.

Die junge Frau, die sich seit ihrer Flucht aus dem Sinesis-Reich aufopfernd um die Prinzessin gekümmert hatte, erklärte es dieser. Für die fahrenden Händler und Musikanten war ein Abschied nichts besonders. Viel mehr war es ein Versprechen sich schon bald wieder treffen. Ein Abschied hieß nicht, dass man sich nicht wieder sah und deshalb wurde er bei ihnen stets gefeiert und endete immer mit einem Lächeln statt mit Tränen. Die Prinzessin nickte zögernd. Sie verstand es zwar nicht ganz, aber sie gab sich große Mühe ihre Neugewonnenen Freunde ebenfalls mit einem Lächeln zu verabschieden und nicht zu weinen. Erst als sie mit ihrer Begleiterin, die sich später wieder dem Rest ihrer Truppe anschließen wollte den Palast des Magnolia-Reiches betrat bahnten sich die unterdrückten Tränen ihren Weg über die Wangen der Prinzessin. Ihre Begleiterin, deren Name die Prinzessin nach wie vor nicht kannte, nahm sie sanft in den Arm und murmelte etwas Beruhigendes in deren Ohr. Es gelang der Prinzessin sich wieder soweit zu fassen, dass sie mit hoch erhobenem Haupt den Thronsaal betreten konnte. Doch anstatt, das sich der Hof freute endlich seine lang vermisste Prinzessin wieder zurück zu haben verfinsterten sich ihre Mienen und sie beäugten die beiden Frauen misstrauisch. Flüsternd beugte sich die Prinzessin zu ihrer Begleiterin.

„Was bedeutet das? Warum erkennt mich niemand?“ Die Frau lächelte die geheimnisvoll an und tätschelte dann beruhigend den Arm der Prinzessin.

„Nur keine Sorge Prinzessin, das ist nicht von langer Dauer. Sie schon bald wieder wissen wer ihr seid und dann wird ihnen ihr jetziges Verhalten leid tun.“ Verwundert stellte die Prinzessin fest, dass es ihrer Begleiterin nicht das Geringste auszumachen schien, dass die Männer im Hofstaat sie für eine Art leichtlebige Tänzerin hielten. Sie erwiderte jeden noch so feindseligen Blick mit einem absolut entwaffnenden Lächeln und viele der kurz zuvor noch erhobenen Häupter senkten sich hochrot und betroffen zu Boden. Das galt gleichermaßen für Männer und Frauen. Irgendetwas an dieser Frau flößte ihnen unglaublichen Respekt ein und selbst der König des Magnolia-Reiches, der von seinem Thron aus all das genau beobachten konnte, spürte wie er sich beim Anblick dieser beiden Frauen strafte. Kurz vor seinem Thron blieben die Beiden nach wie vor in dunkle Umhänge gehüllten Gestalten stehen. Lediglich der aufwendige Schmuck in ihren tiefschwarzen Haaren ließ Rückschlüsse über ihr wirkliches Gewerbe zu.

„Was wollt ihr?“ Die Stimme des Königs klang äußerst ungeduldig und zeigte deutlich, wie ‚erfreut’ er über diese plötzlich angesetzte Audienz war.

„Euer Majestät die Gilde der fahrenden Händler ist hocherfreut euch mitteilen zu können, dass euere Tochter wohlbehalten aus den Fängen des Sinesis-Reiches befreit wurde und sich nun wieder im Magnolia-Reich befindet.“ Schwungvoll sank die Frau vor dem König zu Boden und gab damit einen kleinen Blick auf ihre farbenfrohe Röcke frei, die bisher unter dem dunklen Mantel verborgen worden waren. Der König des Magnolia-Reiches schnappte bei der Überbringung dieser Nachricht verzweifelt nach Luft. Sie hatte es also tatsächlich geschafft? Der blaue Wind hatte Wort gehalten!

„Und? Wo ist sie jetzt? Noch in den Grenzstädten? Ich werde sofort eine Eskorte aussenden damit sie sicher in den Palast zurückkehren kann.“ Der König konnte seine Freude nicht länger verbergen und rutschte unruhig auf seinem Thron hin und her. Seine geliebte Tochter war endlich wieder in ihrem Heimatreich und damit in Sicherheit. Er hätte vor Freude jubilieren können. Auch der versammelte Hofstaat war in begeisterte Tuschelaien versunken, aber keiner von ihnen konnte sich vorstellen, wie ihre Prinzessin es geschafft haben sollte dem Kronprinzen des Sinesis-Reiches zu entkommen. Aber eigentlich war das auch vollkommen nebensächlich. Hauptsache ihre über alles geliebte Prinzessin war endlich wieder zurück.

„Sehr ihr sie denn nicht, euer Majestät? Sie steht genau vor euch.“ Die kniende Frau wies mit einer Hand auf ihre immer noch aufrecht stehende Begleitung.

„Wo? Wo ist sie?“ Der König sah sich suchend im Thronsaal um, aber er konnte seine Tochter nirgends entdecken. Seufzend stand die junge Frau auf und stellte sich direkt hinter ihre vollkommen geschockte Begleiterin. Die Prinzessin des Magnolia-Reiches verstand einfach nicht, warum sie niemand erkannte. Sie stand doch genau vor ihnen.

„Genau hier, euer Majestät.“ Damit legte die junge Frau ihre Hände auf die zitternden Schultern der Prinzessin und unterstrich damit nur, dass sie wirklich genau diese Person meinte. Die Augen des Königs wurden zu zwei dünnen Schlitzen.

„Wenn ihr euch einen Spaß mit mir erlauben wollt, dann habt ihr einen verdammt schlechten Zeitpunkt dafür gewählt. Ich werde die gesamte Gilde der fahrenden Händler für diese Frechheit büßen lassen.“ Der Zorn des Königs war gewaltig und die Prinzessin wich erschrocken einen Schritt zurück. Noch nie hatte sie ihren Vater so aufgebracht erlebt.

„Aber Vater-“

„SCHWEIG!“ Das Mädchen zuckte kurz zusammen, aber ihre Begleiterin wich nicht von ihrer Seite. Nach wie vor strahlte diese eine seltsame Ruhe aus.

„Ich dulde es nicht, das sich die fahrenden Händler über diese Angelegenheit lustig machen! Wie könnt ihr es wagen mir eines eurer Mädchen als meine Tochter verkaufen zu wollen?!“ Herrschte der König die beiden Frauen an.

„Warum erkennt er mich nicht? Was habt ihr mit mir gemacht?!“ Die Prinzessin befreite sich aus dem Griff ihrer Begleiterin und funkelte diese wütend an.

„Warum erkennt mich mein eigener Vater nicht?!“ Ihre Stimme hallte schrill durch den Thronsaal und ihre wunderschönen, blaugrünen Augen schwammen in Tränen. In diesem Augenblick platzte dem König des Magnolia-Reiches der Kragen.

„Schluss jetzt! Verschwindet aus meinem Palast, bevor ich die Wachen dieses armselige Schauspiel beenden lasse!“ Bei diesen Worten ihres Vaters erstarrte die Prinzessin. Warum nur? Warum erkannte sie ihr Vater nicht? Was hatte man ihr angetan?!

„Urteilt ihr immer nur nach dem was ihr seht, euer Majestät?“ Die gelangweilte Stimme der jungen Frau versetzte den König des Magnolia-Reiches nur noch mehr in Rage. Allerdings ließ diese sich von dem wütenden Funkeln in den Augen des Königs nicht weiter beeindrucken.

„Der Schein trügt öfter als ihr denkt.“ Betont langsam schritt die Frau, ohne eine Antwort des Königs abzuwarten auf ihre Begleiterin zu, die immer noch um ihre Fassung kämpfte.

„Trägt ihr immer noch euren Ring?“ Nur zögernd hob sich der Kopf der Prinzessin. Sie verstand nicht, was ihre Begleiterin mit dieser Frage bezweckte.

„Ja.“ Zufrieden nickte die Frau.

„Gut, dann gebt ihn mir bitte. Ihr braucht ihn nun nicht mehr.“ Der Mund der Prinzessin öffnete sich zu einer Frage, doch ihre Begleiterin schüttelte nur leicht den Kopf. Es war wie schon unzählige Male zuvor das eindeutige Zeichen, das sie auf ihre Frage keine Antwort erhalten würde und immer noch fragte sich die Prinzessin wer diese Leute eigentlich waren, die so viel für sie taten. Und woher kannte ihr Vater sie?

„Was soll das?“ Mit einem verächtlichen Schnauben ließ die Frau den König des Magnolia-Reiches wissen, für wie unangebracht sie seine Ungeduld hielt und dieser wurde nur noch wütender. Barsch verlangte er nach seinen Wachen, die sich auch innerhalb weniger Minuten in dem Thronsaal einfanden. Immer noch vollkommen unbeeindruckt wandte sich die Frau erneut an die Prinzessin des Magnolia-Reiches.

„Bitte Prinzessin gebt mir den Ring zurück.“ Nur zögernd streifte die Prinzessin den dünnen Silberring von ihrem Finger doch in dem Moment wo sich die Hand ihrer Begleiterin um diesen schloss nahm die Prinzessin eine leichte Veränderung um sich herum wahr. Für einen kurzen Moment schien ihre Umgebung gleichzeitig kurz zu verschwimmen und zu zittern bevor sie wieder so fest war wie zuvor. Es hatte nur einen Augenblick gedauert, aber die Veränderungen waren deutlich sichtbar und durch den Thronsaal hallte ein erstauntes Raunen. Aus dem Mädchen der fahrenden Händler war urplötzlich ihre Prinzessin geworden. Würde sie nicht immer noch dieselben Kleider wie dieses tragen, dann hätten sämtliche Anwesenden wohl an ihrem Verstand gezweifelt. Zufrieden lächelnd trat die junge Frau einen Schritt zurück und verbeugte sich kurz vor der Prinzessin, die immer noch nicht verstand was da soeben geschehen war.

„Prinzessin Magnolia, wie versprochen seit ihr nun in Sicherheit und benötigt unseren Schutz nicht länger.“ Erstaunt sah sich die Prinzessin in dem Thronsaal um und in sämtlichen Gesichtern konnte sie nun deutlich erkennen, dass man wusste wer sie war. Doch warum erst jetzt?

„Aber wie ist das möglich? Meine Tochter ist hier?!“ Der König des Magnolia-Reiches wusste nicht ob er sich ärgern oder freuen sollte, dass man ihn so sehr an der Nase herum geführt hatte. Er entschied sich schließlich für das zweite und umarmte seine Tochter stürmisch. Es war so unglaublich, das sie wirklich wieder bei ihm war.

„Der Schwur ist erfüllt. Ihr habt euere Tochter zurück und nun werde auch ich gehen.“

„Bitte wartet!“ Der König löste sich kurz von seiner Tochter. Allerdings nicht ohne deren Hand loszulassen.

„Ihr habt soviel für uns getan. Lasst mich euch zumindest danken.“ Die Frau lächelte den König des Magnolia-Reiches geheimnisvoll an.

„Ihr wisst, dass ihr nicht mir danken müsst und die Freude in euren Augen und den Augen euerer Tochter ist uns Belohnung genug. Gehabt euch wohl und mögen die Götter euch stets gewogen sein.“ Mit diesen Worten verbeugte sich die Frau kurz und ließ dann blitzschnell einen kleinen Gegenstand fallen, der sie in eine dunkle Wolke hüllte. Als sich der Rauch verzogen hatte duftete es im gesamten Thronsaal angenehm wie auf einer Sommerwiese, aber die junge Frau war spurlos verschwunden. Das war der letzte Beweis, den sämtliche Anwesenden brauchten um sicher zu sein, das es außer den Priestern noch andere Menschen gab, die einen Teil der alten Magie beherrschten und wenn man den Sagen glauben schenken konnte, dann handelte es sich bei diesen Personen um die legendären Winde. Jenen geheimnisvollen Menschen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten um in die Geschicke der Königreiche einzugreifen und die so gut wie nichts von sich zurückließen. Man wusste lediglich dass es sie gab, auch wenn sich nur sehr wenige an eine Begegnung mit ihnen erinnern konnten. Die Winde waren eines der größten Mysterien der Königreiche und in all den vergangen Jahrhunderten war es niemanden gelungen ihr Geheimnis zu lüften. Sie tauchten so plötzlich wie ein Windhauch auf und ebenso schnell verschwanden sie wieder. Es war also kein Wunder, das sich um die Winde mehr als nur eine Legende spannte. Sie waren ein Hoffnungsschimmer für das Volk, wenn diesem wieder einmal von irgendwoher Gefahr drohte.

Und jetzt hatten die Winde ihre Prinzessin befreit. Kein Wunder, das der gesamte Hof des Magnolia-Reiches noch am selben Abend ein großes Fest zu Ehren der Rückkehr der Prinzessin feierte, zu dem auch das einfache Volk herzlich eingeladen war. Es wurde unheimlich viel gelacht und getrunken und so merkte niemand, wie sich eine in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt im Schutze der Nacht über die Grenze des Magnolia-Reiches schlich. Für diese Person war es ungemein wichtig noch vor dem Morgengrauen am nächsten Treffpunkt zu sein und dabei durfte sie von niemandem entdeckt werden. Die Gestalt zog die Kapuze ihres Umhangs tiefer in ihr Gesicht und gab ihrem Pferd dann die Sporen. Sie ritt genau auf die große Wüste zu, die gleichzeitig den kürzesten Weg zum Sinesis-Reich darstellte.

 

* * * * *

 

Nach der anstrengenden Diskussion mit seiner Tochter hatte sich der König des Magnolia-Reiches zuerst in den Tempel der W-La Priester zurück gezogen, aber auch der warme Schein und das angenehme Prasseln des große Feuers zu Ehren der Feuergöttin brachten ihm nicht den erhofften Frieden. Solange er sich zurück erinnern konnte, war der Tempel für ihn stets ein Quell der Ruhe gewesen, aber am heutigen Tag erinnerte ihn das große Feuer, das wie eh und je in einer riesigen Schale brannte, lediglich an das immer wieder von neu auflodernde Temperament seiner Tochter und somit an ihre Auseinandersetzung. Er konnte einfach keine Ruhe finden und verließ den Tempel schließlich, um einen Ort aufzusuchen, am er schon seit über Jahr nicht mehr gewesen war.

Tief versteckt in der hintersten Ecke der Palastgärten befand sich ein kleiner unscheinbarer Hügel, auf dem ein einzelner Grabstein thronte von dem niemand außer dem König des Magnolia-Reiches zu sagen vermochte wem er galt. Die besten Steinmetze des Königreiches hatten diesen Stein einst kunstvoll mit Figuren aus den unterschiedlichsten Mythen und Legende verziert, in deren Mitte das Antlitz einer wunderschönen Frau thronte. Die Meisten hielten diese Gestalt für eine Nymphe, aber der König des Magnolia-Reiches wusste es besser. Zärtlich strich seine Hand über den inzwischen fast vollkommen verwitterten Namen, der in kunstvollen Lettern einer beinahe vergessen Schrift auf dem Stein angebracht worden war.

„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen nicht wahr Amira?“ Die einzige Antwort, die er erhielt, war das leichte Rauschen in den Magnolienbäumen um ihn herum, aber das machte nichts. Es war ohnehin schon viel zu lange her, dass er diesen Ort besucht hatte und er lag zum Glück so gut verborgen, das keiner seiner Minister oder Ratgeber ihn vor den Abendstunden hier finden würde. Vorsichtig ließ sich der König in das weiche Gras sinken und lehnte sich an den rauen Stamm eines in voller Blüte stehenden Magnolienbaumes. Lächelnd sah er den weißen Stein an. Er hatte damals dafür gesorgt, dass man sie in dieser Abgeschiedenheit beerdigte, damit ihr Geist in Frieden ruhen konnte und bis heute hatte keiner seiner Untertanen bemerkt, dass jenes prunkvolle Begräbnis damals nur davon ablenken sollte, das man ihren Leichnam hier beigesetzt hatte. Es war Amiras Wunsch gewesen an einem Ort beerdigt zu werden, den nur wenige Menschen kannten. Sie wollte nicht, dass die Menschen sich auch nach ihren Tod von ihr angezogen fühlten und wie so vieles war auch ihr Tod im Laufe der Zeit immer mehr vergessen worden. Es gab kaum noch jemanden im Magnolia-Reich, der über sie sprach oder sich daran erinnern konnte, wer sie einst gewesen war. Mit einem leichten Seufzer sah der König des Magnolia-Reiches und beobachtete, wie sich immer wieder vereinzelte Sonnenstrahlen ihren Weg durch das dichte Blütenmeer fanden. Es war wirklich schon sehr lange her, das Amira ihren Weg zu den Göttern angetreten hatte und dennoch kam es ihm wie gestern vor, dass sie und ihre Kinder seinen Palast mit ihrem Lachen erhellt hatten.

„Du wirst es vielleicht nicht wissen, aber deine Tochter wird dir immer ähnlicher.“ Durch das Schattenspiel der umherstehende Bäume sah es für einen kurzen Moment so aus, als würde das Antlitz auf dem weißen Stein plötzlich lächeln, doch der König des Magnolia-Reiches wusste nur zu genau, das es sich dabei um eine optische Täuschung handelte. Amira war schon seit langer, langer Zeit nicht mehr an diesem Ort. Sie hatte ihren Weg zu den Göttern bereits hinter sich.

„Nun ja, dem Mann, den du über alles geliebt hast, wird sie auch immer ähnlicher. Jedes Mal, wenn ich sie sehe muss ich an euch beide denken. Es kommt mir wie gestern vor, als wir alle drei zusammen saßen und Pläne für unsere Zukunft schmiedeten.“ Und noch während er das sagte schloss der König des Magnolia-Reiches seine Augen und verlor sich in seiner Erinnerung.

 

* * * * *

 

Es war ein wunderschöner Frühlingstag, als er mit seiner Amme zusammen auf dem Schlosshof fangen spielte. Wobei es für ihn ein Spiel war und für seine Amme die undankbare Aufgabe ihren Kronprinzen einzufangen, damit dieser zu seinem allwöchentlichen Bad kam und das diese Mal nicht im Ententeich. Nur entwischte ihr der kleine Frechdachs immer wieder. Wobei er selbstverständlich tatkräftig von seinem besten Freund, einem Jungen namens Kail, der von einem der fahrenden Händler in den Palast gebracht worden war, unterstützt worden war. Keiner wusste woher dieser Junge stammte oder wo seine Familie sich befand, aber die Königin des Magnolia-Reiches hatte sich ohne zu Zögern bereiterklärt sich um diesen kleinen Rabauken zu kümmern. Man hatte ihr zwar vielfach davon abgeraten, aber sie ließ sich nicht beirren. Nach ihrer Meinung konnte er schließlich nicht schlimmer sein als ihr eigener Sohn und die Dienerschaft des magnolischen Palastes erfuhr schon bald, was es bedeutete zwei solche Rabauken um sich herum zu haben. In Gegenwart der Königin mochten die Beiden zwar wahre Engel sein, aber kaum drehte diese ihnen den Rücken zu dachten sich die Zwei eine Dummheit nach der Anderen aus. Die Beiden waren unzertrennlich, doch allen außer den Beiden selbst war klar, dass diese Freundschaft niemals ewig bestehen könnte. Irgendwann würde ihr Prinz die Thronfolge antreten und für seinen Bruder und besten Freund keine Zeit mehr haben. Nur die Königin des Magnolia-Reiches, die für ihre Weisheit in allen Königreichen bekannt war, schien sich der gängigen Meinung ihrer Höflinge nicht anzuschließen. Wann immer sie ihre beiden Söhne dabei beobachtete, wie sie mal wieder den Hühnerstall plünderten oder in der Frischgewaschenen Wäsche verstecken spielten, umspielte ein zärtliches Lächeln ihre Lippen. Sie wusste, dass die Freundschaft ihrer Söhne ein ganzes Leben lang andauern und sich auch auf deren Kinder und Kindeskinder ausdehnen würde. Sie waren wie zwei Seiten ein und derselben Münze. Ohne den Anderen wären sie nicht komplett.

Die nachfolgenden Jahre vergingen friedlich und die beiden Prinzen wuchsen zu stattlichen jungen Männern heran. Kail war immer noch ein kleiner Heißsporn, aber er hatte gelernt erst zu denken und dann zu handeln auch, wenn es ihm schwer fiel. Sein Bruder Isidor hingegen war ein relativ ruhiger Mann geworden, der seine Entscheidungen immer äußerst sorgfältig überdachte und sich seinen Pflichten als Kronprinz des Magnolia-Reiches nur zu bewusst war. Allerdings schaffte es Kail immer wieder seinen Freund so sehr aus dem Konzept zu bringen, das dieser schließlich all seine Pflichten vergaß und seinem Bruder mit drohend erhobener Faust hinterher rannte. Meist verschwanden die beiden dann bis zu den Abendstunden und kamen vollkommen verdreckt und ausgehungert zurück, um am königlichen Mahl teilzunehmen. Die Königin hatte sich das genau ein einziges Mal gefallen lassen. Aber als die Beiden ein zweites Mal in einem solch zerlumpten Zustand an der reichgedeckten Tafel Platznehmen wollten, ließ die ansonsten ruhige Königin des Magnolia-Reiches ein Donnerwetter über ihnen niedergehen das seinesgleichen suchte. Selbst die Hofbeamten waren vollkommen entsetzt, über was für einen reichhaltigen Wortschatz ihre Königin doch verfügte.

Es war auch an jenem Abend, als die Beiden jungen Männer immer noch laut lachend über den Ausbruch ihrer Mutter und den völlig entsetzten Gesichter der Höflinge in einem ihrer Lieblingsverstecke hoch oben in den Zinnen eines Wachturmes des Palastes saßen und Pläne für ihre Zukunft spannen. Sie waren jetzt beide Fünfzehnjahre alt und sie dachten schon lange darüber nach, was sie später einmal mit ihrem Leben anfangen wollten, aber an diesem Abend war es das erste Mal, dass sich die beiden Brüder richtig stritten.

Für Isidor war klar, das es in seiner Zukunft nichts Wichtigeres geben würde, als seine Pflichten als Kronprinz zu erfüllen, um eines Tages ein weiser und gütiger König werden. Und selbstverständlich wollte er seinen Bruder und besten Freund dabei an seiner Seite haben. Isidor plante nämlich Kail so bald wie möglich zu einem seiner engsten Berater oder General zu machen, aber zur großen Überraschung des Kronprinzens schüttelte dieser den Kopf und lehnte das Angebot aber bestimmt ab.

„Es tut mir leid Isidor, aber ich kann das nicht annehmen.“ Der Kronprinz des Magnolia-Reiches war immer noch viel zu entsetzt von der Reaktion seines Bruders, als das er diesem hätte antworten können. Es war doch eine einmalige Chance für ihn. Die Königin des Magnolia-Reiches hatte Kail zwar aufgenommen und als ihren Sohn anerkannt, aber das bedeutet nicht, dass dieser auch gleichzeitig alle Privilegien eines Prinzen genießen konnte. Es gab gewisse Dinge, die ihm als nicht leiblicher Sohn der Königin einfach nicht zustanden und so sehr die Königin des Magnolia-Reiches auch versucht hatte diese alten Regeln zu ändern, so scheiterte sie doch am Großteil von ihnen. Viel zu lange waren diese Regeln ein fester Bestandteil im Königshaus des Magnolia-Reiches gewesen. Darum verstand Isidor einfach nicht warum sein Bruder dieses Angebot ablehnte. Als sein Berater oder General hätte Kail sich nie wieder Gedanken um irgendetwas machen müssen. Seine Zukunft wäre vollkommen gesichert gewesen.

„Es ist wunderbar, das du mich auch in Zukunft stets an deiner Seite haben möchtest und soviel Wert auf meinen Ratschlag legst, aber meinst du nicht, du hättest mich vorher fragen sollen, wie meine Pläne aussehen?“ Kail grinste als er den verblüfften Gesichtsausdruck seines Bruders bemerkte. Er war diesem sehr dankbar dafür, das er sich so sehr um seine Zukunft sorgte, aber seitdem man ihn in diesem Palast aufgenommen hatte wusste Kail, das er ihn eines Tages verlassen würde um nach etwas zu suchen, das wahrscheinlich für jeden anderen nach einem Hirngespinst klang, aber für ihn selbst so etwas wie die Erfüllung eines Traums bedeutete.

„Es mag sich in deinen Ohren vielleicht nicht gerade ruhmreich anhören, aber ich werde mich innerhalb den nächsten drei oder vier Jahre aufmachen um nach den Winden suchen.“

„Was?!“ Isidor starrte seinen Bruder an, als hätte dieser soeben seinen Verstand verloren.

„Jetzt sieh mich nicht so an. Ich bin mir ganz sicher, dass ich es schaffen werde und wenn ich sie gefunden habe, dann werde ich einer von ihnen werden. Einer jener Menschen, die für das Wohl der Königreiche sorgen und das Volk beschützen.“ Die Blicke von Kail lagen auf dem Goldgefärbten Himmelszelt und schienen einen verborgenen Punkt weit hinter den Wolken zu fixieren.

„Aber die Winde, das ist reine Mythologie! Niemand hat sie jemals gesehen und ihre Existenz ist mehr als nur fraglich.“ Es war Isidor vollkommen unbegreiflich, wie sein Bruder überhaupt nur daran denken konnte sich auf die Suche nach etwas zu machen, das gar nicht existierte.

„Und woher stammen dann die unzähligen Geschichten über sie? Wenn es die Winde nicht geben würde, dann würde es doch nicht immer wieder neue Geschichten über sie geben. Erst letztes Jahr soll wieder einer von ihnen in den nördlichen Königreichen gewesen sein.“

„Und woher willst du wissen, dass es wirklich ein Wind war, der die Geschehnisse dort beeinflusst hat? Es könnte doch auch alles nur ein Zufall gewesen sein.“

„Ach ja? Und woher nimmst du die Gewissheit, dass es die Winde nicht gibt?! Du kannst doch überhaupt nicht beweisen, das es sie nie gegeben hat!“ Kail wurde langsam aber sicher ärgerlich. Er hatte gehofft, dass zumindest sein Bruder ihn verstehen würde. Immerhin hatte er bisher niemanden von seinen Plänen erzählt. Er wollte, das es Isidor als erster erfuhr, damit dieser sich keine Sorgen um ihn machte, aber das sein eigener Bruder seinen Traum einfach so der Lächerlichkeit preisgab war mehr als der junge Mann verkraften konnte.

„Das hört sich fast so an, als wärst du dir sicher, dass du es könntest!“ Auch Isidors Geduld war am Ende. Warum wollte sein Bruder unbedingt sein Leben bei einer Suche aufs Spiel setzen deren Ende schon jetzt absehbar war? Er würde mit leeren Händen zurückkehren und wenn er Glück hatte vielleicht sogar unverletzt. Doch so wie der Kronprinz des Magnolia-Reiches seinen Bruder kannte war das Letzte wohl ein Wunschtraum. Kail würde es niemals schaffen diese Reise unverletzt zu überstehen. Dafür war dieser viel zu Temperamentvoll. Wahrscheinlich konnte er sich schon glücklich schätzen, wenn sein Bruder diese Suche lebend überstand.

„Ja, ich kann beweisen, dass es die Winde gibt. Ich muss sie nur finden!“ Kail war aufgesprungen und funkelte Bruder herausfordernd an.

„Und was, wenn nicht? Was, wenn du scheiterst?“ Noch saß der Kronprinz, aber auch sein Blut begann allmählich zu kochen und das wunderte ihn. Bisher war es ihm immer gelungen die Ruhe zu bewahren, aber irgendwie gelang es seinem Bruder als Einzigem regelmäßig diese Ruhe zu zerstören. Wenn es um Kail ging war der ansonsten so besonnene Kronprinz des Magnolia-Reiches spätestens nach fünf Minuten so wütende, das er diesem ohne groß nachzudenken hinterher jagte.

„Ich werde nicht scheitern! Ich werde die Winde finden!“ Kails Stimme ließ nicht den geringsten Zweifel an seinen Worten zu. Er hatte sich in den Kopf gesetzt die Winde zu finden und nichts und niemand würde ihn von diesem Vorhaben abbringen.

„Und dann werde ich einer von ihnen.“ Seufzend sah Isidor seinen Bruder an und überlegte sich, was er diesem als nächstes sagen sollte. Doch wenn er ehrlich war, dann fiel ihm nichts mehr ein. Kail hatte sich entschlossen ihn und das Magnolia-Reich zu verlassen und das schmerzte den jungen Prinzen mehr, als es sich irgendjemand vorstellen konnte.

„Mach doch was tu willst, aber sag hinterher nicht ich hätte dich nicht gewarnt.“ Zu spät bemerkte Isidor, dass seine letzten Worte genau die Falschen gewesen waren. Ein Blick in das Gesicht seines Bruders reichte aus, um ihm das zu bestätigen. Kail wirkte plötzlich so, als hätte ihm jemand das Wichtigste auf der ganzen Welt genommen. Ohne auf den verzweifelten Ruf seines Namens zu hören stürmte er davon. Das war das letzte Mal, das der Kronprinz des Magnolia-Reiches seinen Bruder sah.

Hätte Isidor geahnt, was ihn am nächsten Morgen erwartete, dann wäre er wahrscheinlich noch am selben Abend zu seinem Bruder gegangen, um sich bei diesem zu entschuldigen, aber er war viel zu aufgewühlt gewesen und hatte sich erst einmal in seine Gemächer zurück gezogen, um sich in Ruhe zu überlegen was er Kail sagen konnte ohne diesen noch mehr zu verletzten. Aber in den Augen des Kronprinzens war die Suche nach den Winden nun einmal ein vollkommen hoffnungsloses Unterfangen. Wenn es die Winde wirklich geben sollte, dann wollten sie einfach nicht gefunden werden. Ansonsten würde es wahrscheinlich schon wesentlich mehr Berichte über sie und ihren Aufenthaltsort geben, als nur diese sich immer wiederholenden Geschichten über geheimnisvolle Menschen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten und in die Geschicke der Königreiche eingriffen. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn er erst einmal mit ihrer Mutter sprach. Vielleicht wusste diese ja einen Rat, wie man Kail davon abhalten konnte sein Leben bei einer solch hoffnungslosen Suche aufs Spiel zu setzten. Ja, das würde er tun. Er würde mit ihrer Mutter sprechen und dann würde selbst Kail einsehen, das sein Vorhaben etwas vollkommen Unmögliches war. Mit diesem Gedanken schlief der Kronprinz des Magnolia-Reiches ein ohne zu ahnen, dass der nächste Morgen der schlimmste in seinem bisherigen Leben werden sollte.

Es war kurz vor Sonnenaufgang, als sich Isidor auf den Weg in die Gemächer seiner Mutter machte und er war überrascht unter der Türe zu ihren Räumen bereits einen schwachen Lichtschein zu sehen. Es war ungewöhnlich für die Königin des Magnolia-Reiches schon um diese Uhrzeit wach zu sein. Normalerweise begab sich diese erst spät nach Sonnenaufgang aus ihren Gemächern und nahm ihre Pflichten als Königin nicht auf, bevor sich nicht ausgiebig gefrühstückt hatte. Vorsichtig klopfte Isidor an die Tür und schob diese zeitgleich ein kleines Stückchen auf.

„Isidor?“ Die Stimme der Königin klang äußerst merkwürdig. Besorgt trat Isidor nun ganz in den Raum ein.

„Ist etwas passiert Mutter?“ Es war merkwürdig seine Mutter noch in ihren Nachtgewand mit vollkommen zersausten Haaren zu sehen. Als sie noch Kinder waren war dieser Anblick für Kail und Isidor alltäglich gewesen doch als sie älter wurden hatte ihre Mutter darauf bestanden, das sie zuerst klopften bevor sie ihre Gemächer betraten. Meistens hatte sich ihre Mutter dann schon einen Morgenmantel übergeworfen und ihre Haare waren gekämmt oder zu einem Zopf zusammengefasst. So wie jetzt hatte Isidor seine Mutter schon seit über fünf Jahren nicht mehr gesehen.

„Hier. Lies das.“ Mit zitternden Händen hielt ihm die Königin des Magnolia-Reiches eine sorgfältig versiegelte Schriftrolle entgegen, deren Siegel bereits gebrochen war.

„Was ist das?“ Misstrauisch nahm Isidor ihr die Schriftrolle ab und war überrascht, als er das Siegel erkannte. Es war das seins Bruders.

„Lies es.“ In der Stimme seiner Mutter war nun deutlich zu vernehmen, dass sie diese krampfhaft versuchte ihre Tränen zurück zu halten und Isidor kam ein furchtbarere Verdacht. Hektisch öffnete er die Schriftrolle und überflog den kurzen Text. Es war zweifelsohne Kails Handschrift, die dort auf dem Pergament prangte, aber Isidor konnte einfach nicht glauben, was er da las.

„Ist das wahr?“ Er sah seine Mutter in deren tiefblauen Augen nun deutlich die lange zurück gehaltenen Tränen zu sehen waren verzweifelt an.

„Ja, es ist wahr. Ich habe einen der Diener in seine Gemächer geschickt, aber es gibt nicht die geringste Spur von ihm. Er muss den Palast noch in letzten Nacht verlassen haben.“ Isidor merkte noch wie seine Knie unter ihm nachgaben und die Arme seiner Mutter ihn auffingen danach wurde alles schwarz um ihn herum. Nur ein einziger Gedanke beherrschte seinen Geist noch. Sein Bruder Kail, sein bester Freund hatte ihn verlassen und würde erst zurückkehren, wenn er die Winde gefunden hatte.

 

* * * * *

 

Es vergingen fast zehn Jahre bis der inzwischen fünfundzwanzigjährige Isidor seinen Bruder wieder sehen sollte. Nachdem ihn der Verlust seines Bruders erst einmal vollkommen aus der Bahn geworfen hatte stürzte Isidor sich schließlich auf Anraten seiner Mutter in das zweitwichtigste in seinem Leben. Er setzte alles daran, um ein würdiger Thronfolger zu werden und seine Mutter war mehr als nur zufrieden mit ihm. Nach nur wenigen Jahren war Isidor bereits soweit, dass sie ihm ohne Probleme die Lösung kleiner politischer Probleme und die Verwaltung einer gewissen Summe Goldes anvertrauen konnte. Auch das Volk des Magnolia-Reiches war mit seinem Prinzen äußerst zufrieden. Allen war klar, dass ihr Prinz eines Tages ein großartiger König sein würde. Lediglich in unbeobachteten Momenten schlich sich ein Schatten in Isidors Gesicht, wenn er wieder einmal daran dachte, was er in seiner Jugend verloren hatte.

In all den vergangenen Jahren hatte es nicht den geringsten Hinweis auf Kails Verbleib gegeben. Sicher, die fahrenden Händler brachten ab und zu Nachrichten von einer Person, die nach den Winden suchte, aber die Beschreibungen wichen so sehr voneinander ab, das es eigentlich jeder hätte sein können. Niemand wusste, ob Kail noch lebte oder nicht und dieses Wissen lastete schwer auf dem Kronprinzen des Magnolia-Reiches. Er wünschte sich immer wieder, dass er damals anders reagiert hätte. Vielleicht wäre sein Bruder dann nicht mitten in der Nacht aufgebrochen, um sich auf die Suche nach einer Legende zu machen. Einzig und allein seine Mutter wusste woran Isidor dachte, wenn sich sein Gesicht wieder einmal sorgenvoll dem Horizont zuwandte, doch auch sie konnte ihm nicht helfen. Isidor hatte ihr erzählt, was an jenem Abend bevor Kail verschwand, geschehen war, aber es war bereits zu spät gewesen. Egal welchen Ratschlag sie ihrem Sohn auch hätte geben können Kail war bereits fort und damit war jegliche Entschuldigung vollkommen unmöglich geworden. Doch der Kronprinz des Magnolia-Reiches wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Bruder noch ein einziges Mal zu sehen, um sich bei diesem für seine Worte an jenem Abend entschuldigen zu können.

„Isidor, es wird Zeit.“ Erschrocken zuckte er aus seinen Gedanken. Was war los? Worüber hatte er gerade noch mit seiner Mutter gesprochen ehe sich Kail erneut in seine Gedanken geschlichen hatte?

„Mutter?“ Die Königin des Magnolia-Reiches lächelte ihren Sohn sanft an.

„Hast du wieder an Kail gedacht?“ Isidor nickte leicht.

„Es ist jetzt bereits über neun Jahre her, dass er uns verlassen hat. Aber glaub mir, er wird zurückkehren.“ Wie gerne würde Isidor den Worten seiner Mutter glauben, aber die letzten Jahre hatten ihn immer mehr daran zweifeln lassen, das sein Bruder überhaupt noch lebte.

„Wie kannst du dir dessen so sicher sein? Mutter, wir haben nicht ein einziges Mal eine Nachricht von ihm erhalten. In all den Jahren gab es niemals auch nur den kleinsten Hinweis auf seinen Aufenthaltsort oder ob er überhaupt noch lebt. Wie soll ich da an seine Rückkehr glauben?“ Ohne es zu wollen hatte Isidor begonnen zu weinen und seine Mutter schloss ihn sanft in ihre Arme.

„Das ist es doch warum man glaubt. Wenn man nicht mehr weis ob es überhaupt noch Hoffnung gibt, dann kann man nur noch daran glauben, das alles gut wird.“ Die Worte seiner Mutter drangen nur nach und nach in das Bewusstsein von Isidor doch langsam beruhigte er sich wieder.

„War das damals genauso? Als du auf Vaters Rückkehr gewartet hast?“ Die Königin des Magnolia-Reiches drückte ihren Sohn noch enger an sich.

„Ja, damals war es ganz genauso. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wieder sehen würde, aber ich glaubte fest daran, das er zu mir zurück kehren würde und das tat er schließlich auch.“

„Aber es war nicht so, wie du es dir erhofft hattest. Vater war nicht mehr er selbst, als er in den Palast zurückkehrte.“ Die Erinnerung an jenen Tag schmerzte sie beide. Es war während einem der letzten großen Unwetter im Magnolia-Reich gewesen als der damalige König gemeinsam mit einigen Soldaten den Palast verlassen hatte, um dem Volk zu helfen gegen die Naturgewalten anzukommen.

 

* * * * *

 

Es war gefährlich den Schutz der festen Mauern zu verlassen, doch der König des Magnolia-Reiches hatte seiner damals noch sehr jungen Frau und seinem kleinen Sohn gesagt, wenn er nicht gehen würde, wer dann? Wenn der König sich nicht mehr traute den Palast zu verlassen wer sollte dann dem Volk noch den Mut geben, das man gegen diesen Sturm bestehen könnte? Trotz aller Bedenken seiner jungen Frau hatte er schließlich den Palast verlassen und es hatte über eine Woche gedauert bis man dort überhaupt eine Nachricht von ihm erhielt. Die schweren Unwetter machten es den Boten unmöglich schneller voranzukommen. Aber es schien alles in Ordnung zu sein. Der König und seine Männer reparierten Dächer oder beseitigten umgestürzte Bäume, bis sie ihr Weg schließlich an die Dämme der Flüsse führte. Hier erwartete sie das Schlimmste, was die Stürme bisher verursacht hatten. Durch die ständigen Regenfälle waren die Flüsse wesentlich weiter angestiegen als man vermutet hatte und die Dämme drohten immer mehr unter den Wassermaßen zusammenzubrechen. Gemeinsam mit der ansässigen Bevölkerung machten sich der König und die Soldaten des Magnolia-Reiches daran die Dämme zu festigen und die Bevölkerung so weit es ging zu evakuieren. Das war die letzte Nachricht, die den Palast für über einen Monat erreichen sollte. Kurz danach wurden die Stürme so schlimm, das es keinem der Boten mehr gelang gegen die Naturgewalten anzukommen und die junge Königin verbrachte jeden Tag in höchster Sorge um ihren Mann. Einzig und allein ihr fester Glaube an dessen Rückkehr verhinderte, dass sie in dieser Zeit vollkommen verzweifelte.

Als sich die Stürme nach über einem Monat endlich beruhigten und die Boten wieder wie gewohnt über das Land reiten konnten war das gesamte Reich voller Hoffnung, aber die erhofften Nachrichten blieben aus. Niemand schien zu wissen was aus dem König geworden war und die junge Königin, die in all der Zeit des Wartens bereits gelernt hatte, das es besser war schon jetzt mit dem Schlimmsten zu rechnen übernahm ohne zu Zögern sämtliche Amtsgeschäfte ihres Mannes. Erst wollten ihr sämtliche Berater und Vertrauten des Königs davon abraten, da es über ein Jahrhundert her war, das im Magnolia-Reich eine Frau geherrscht hatte, aber die junge Königin schlug alle ihre Ratschläge in den Wind. Ihr Mann hatte sie seit dem Tag ihrer Hochzeit immer wieder in sämtliche seiner Amtsgeschäfte eingeweiht und ihr auch immer wieder eingeschärft, das sie im Falles seines Todes für das Wohl des Reiches verantwortlich sein würde, bis sein Sohn alt genug wäre um den Thron zu besteigen. Nur hatte niemand damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.

Als nach knapp zwei Monaten endlich eine Nachricht über den Verbleib des Königs den Palast erreichte fiel diese bei Weitem nicht so aus, wie man es sich erhofft hatte. Die Soldaten, die den König begleitet hatten waren zurück kehrt doch sie waren alle mehr oder weniger schwer verletzt. Ihre Körper wiesen deutliche Spuren des Kampfes gegen die Naturgewalten auf. Doch das war der jungen Königin egal. Ohne Rücksicht auf Etikette oder Rang stürmte sie die Stufen des Palastes hinunter in den Vorhof und suchte zwischen all den Männern nach einem, der ihr endlich sagen konnte was mit ihrem Ehemann geschehen war. Als schließlich einer der Soldaten die lediglich mit einem Morgenmantel bekleidete und vollkommen zersauste junge Frau erkannte war es bereits zu spät. Die Königin hatte bereits eines der provisorischen Lazarettzelte erreicht und schob entschlossen den Vorhang beiseite.

Der Anblick der sich ihr hinter der Zeltplane bot brachte den Atem der jungen Frau fast zum erliegen. Hier hatte man all die armen Seelen versammelt denen kein Arzt der Welt mehr helfen konnte. Ihre Wunden waren so schwer, dass man nur noch für ihren Seelenfrieden und ein gnädiges Ende beten konnte. Vielen, der dort liegenden Männer fehlte ein Körperteil oder große hässliche Wunden klafften über ihren Körpern, die einfach nicht aufhörten zu bluten. Viele dieser Wunden hatten sich bereits entzündet und eiterten und es herrschte ein unglaublicher Gestank in diesem Zelten, doch immer wieder drängten sich verzweifelte Frauen durch die dicht an dicht liegenden Körper, um dort vielleicht das Gesicht eines geliebten Menschen zu suchen und endlich Gewissheit zu haben. Auch, wenn diese noch so grausam war. Das erfuhr auch die junge Königin am eigenen Leib, denn noch bevor einer der Soldaten sie erreicht hatte erkannte sie unter all den vor Schmerzen stöhnenden Leibern die Rüstung ihres Mannes. Wie in Trance näherte sie sich der auf dem Boden liegenden Gestalt und fiel neben dieser auf die Knie. Es war grausam zu sehen in was für einem erbärmlichen Zustand sich ihr Geliebter befand. Aus seiner Brust ragte ein riesiges Stück Holz, an dessen Spitze sich eine unglaubliche Menge getrocknetes Blut befand. Es war ein Wunder, das der König des Magnolia-Reiches überhaupt noch lebte, aber es war deutlich genug zu erkennen, das es nicht mehr lange dauern würde bis er seinen Weg zu den Göttern antreten würde. Vorsichtig strich die junge Königin ihrem Geliebten einige der blutverschmierten und Schlammverkrusteten Haare aus dem Gesicht. Es war deutlich zu erkennen welche Schmerzen ihr Mann erlitt und sie würde ihm nicht einmal mehr helfen können.

„… He… de… ra…“ Es war nur sehr schwer zu verstehen, aber die junge Frau hatte ihren Namen erkannt, als sich die rissigen Lippen ihres Gemahls langsam bewegten.

„Ich bin hier mein Geliebter. Ich bin bei dir.“ Ihre Hand ruhte auf seiner Wange während sie ihn sanft ansah. Mit all seiner verbliebenen Kraft tastete der König des Magnolia-Reiches nach der Hand seiner Frau und umschloss diese während seine einst vor Leben übersprühenden, braunen Augen nach ihrem Gesicht suchten.

„Hedera… ich bin zurück… so wie… ich es… ver…sprochen… habe…“ Seine Stimme wurde immer schwächer und die Königin des Magnolia-Reiches wusste, das ihr nicht mehr allzu viel Zeit bleiben würde um sich von ihrem Geliebten zu verabschieden.

„Ja, so wie du es versprochen hast.“ Tränen bahnten sich ihren Weg über das Gesicht der jungen Königin als sie merkte, wie der Druck der Hand ihres Mannes immer schwächer wurde.

„…Es… tut mit leid… das du dir… solche… Sorgen um mich… machen musstest. …Sag… Isidor… das ich ihn… l…“ Die Stimme des Königs brachte diesen Satz niemals zu ende. Die Götter holten ihn zu sich, noch bevor er ihn beenden konnte. Es war die Königin des Magnolia-Reiches die ihren Schmerz schließlich in die Nacht hinausschrie und weinend über dem leblosen Körper ihres Gemahls zusammenbrach. Es gelang den Soldaten nur mühsam ihre Königin dazu zu bewegen das Zelt zu verlassen, damit sie sich um den Leichnam kümmern konnten. Vielleicht war es für die Soldaten sogar noch schmerzhafter zu sehen, wie sehr ihre Königin unter dem Verlust ihres Mannes litt und dennoch innerhalb weniger Stunden wieder mit einer Miene purer Gelassenheit vor ihr Volk treten musste. Gestützt von einem der älteren W-La Priester kehrte die junge Königin in den Palast zurück, um ihrem Sohn die grausame Nachricht zu überbringen. Der damals dreijährige Isidor nahm diese Nachricht wesentlich besser auf, als man es von einem Jungen in diesem Älter erwartet hätte. Aber das war nur der erste Eindruck. Keiner außer der Königin merkte, dass der Junge in diesem Augenblick noch gar nicht realisierte was die Nachricht von Tod seines Vaters wirklich bedeutete.

Die Beisetzungsfeierlichkeiten fanden am späten Abend statt und jeder einzelne der Anwesenden war zutiefst beeindruckt, wie gefasst ihre Königin dabei war. Der Kronprinz war nicht anwesend, aber man konnte sich sicher sein, das er die Feierlichkeiten dennoch von einem der unzähligen Fenster, die zum Hof des Palastes zeigten beobachten würde. Erst als die Funken der unzähligen Feuerstätten zum Himmel hinaufstiegen und der Rauch der darin liegenden Körper den Weg der Seelen zu den Göttern zeigte bahnten sich die Tränen ihren Weg über die Wangen der jungen Königin.

 

* * * * *

 

„Mutter weinst du?“ Besorgt sah Isidor in das Tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter.

„Mach dir keine Sorgen. Ich musste nur an etwas denken, das weit in der Vergangenheit liegt.“ Hastig wischte sich die Königin des Magnolia-Reiches die Tränen aus dem Gesicht. Es war wirklich lange her seitdem sie sich zum letzten Mal an jenen Tag erinnert hatte an dem sie ihren Mann für immer verloren hatte und heute sollte nun endlich ihr Sohn sein Erbe antreten. Am heutigen Tag würde er der König des Magnolia-Reiches werden und sie die einstige Königin würde nur noch als Beraterin fungieren.

„Komm, es wird allmählich Zeit. Die Anderen warten schon.“ Entschlossen stand die Königin auf und reichte ihrem Sohn die Hand. Sie wusste, das wenn dieses Kind nicht gewesen wäre, hätte sie die Jahre nach dem Tod ihres Geliebten niemals überstehen können und als dann noch Kail zu ihnen stieß schien ihr Glück vollkommen zu sein. Endlich hatte ihr Sohn einen Spielkameraden gefunden, der sich nicht daran störte, dass es sich bei seinem besten Freund und Bruder um den Kronprinzen des Magnolia-Reiches handelte. In Kails Augen war der Prinz ein Junge wie jeder andere auch und genauso behandelte er diesen. Es war kein Wunder, das sich die beiden Jungen so schnell so gut anfreundeten, denn Isidor hatte sich immer jemanden gewünscht, der nicht den Kronprinzen in ihm sah sondern vielmehr einen einfachen Menschen. Kail schien die Antwort auf all diese Wünsche gewesen zu sein und doch hatte er sie vor über neun Jahren verlassen, um einer Legende nachzujagen.

Die Königin des Magnolia-Reiches wusste nur zu gut, wie sehr es ihren Sohn verletzt hatte, dass sein Bruder und bester Freund ihn einfach so verlassen hatte, aber sie konnte auch Kail verstehen. Schon immer hatte dieser Junge nach seinen Wurzeln gesucht und niemand hatte ihm sagen können, woher er stammte oder wer seine Eltern waren. Dazu kam dann noch ein Wesen, das es ihm unmöglich machte länger als nur ein paar Stunden stillzusitzen und ein unglaubliches Temperament. Es war kaum verwunderlich das er sich irgendwann auf die Suche nach etwas machte an das nur er glaubte. Trotzdem hatte die Königin des Magnolia-Reiches gehofft, das er damit warten würde, bis er und Isidor alt genug waren um eigene Wege gehen zu können, aber wie immer hatten die Götter auch hier ihre eigenen Pläne gehabt und Kail war lange, bevor er das Mannesalter erreichte spurlos aus dem Palast des Magnolia-Reiches verschwunden. Aber egal, wie viele Jahre auch vergingen, die Königin des Magnolia-Reiches verlor niemals ihren Glauben daran, das ihr zweiter Sohn eines Tages zurückkehren würde. Sie wusste, das Kail sobald er gefunden hatte wonach er suchte alles in seiner Macht stehende tun würde, um zu ihnen zurückkehren. Die Frage war nur wann.

Doch der Tag nahm sie und ihren Sohn schon bald so sehr in Anspruch, dass jeder andere Gedanke schnell mehr als nur überflüssig würde. Immerhin fand am heutigen Tag die wichtigste Zeremonie seit langem statt und diese würde noch bis zu den Abendstunden andauern. Es war ein unglaubliches Fest, an dem das gesamte Magnolia-Reich teilnahm auch, wenn längst nicht die gesamte Bevölkerung es schaffte sich im Palast zu versammeln so fanden doch in allen größeren Städten ebenfalls große Feste zu Ehren des Kronprinzens statt und das ganze Land konnte feiern solange es wollte. Für diese einzigartige Zeremonie waren die Feierlichkeiten für über eine Woche angesetzt worden und die monatelangen Vorbereitungen machten es möglich, dass dieses ohne größere Probleme funktionieren würde. Wahrscheinlich lag es an auch an dieser ausgelassenen Stimmung, dass es niemanden auffiel, das sich zwischen den fahrenden Händlern zwei merkwürdig vermummte Gestalten befanden, die sich immer wieder vorsichtig umsahen fast so, als würde man sie verfolgen. Doch auch sie gingen bald in der Masse der Feiernden unter. Keiner kümmerte sich um die Beiden und als ein gigantisches Feuerwerk den Himmel über dem Palast erhellte merkte keiner der anwesenden Soldaten, wie sich diese beiden Gestalten an ihnen vorbei in die Gemächer des Kronprinzen schlichen. Kaum dort angekommen ließen sie sich auf einem der unzähligen Sofas nieder und schon bald war eine der beiden Gestalten eingeschlafen. Vorsichtig wurde diese von ihrem Begleiter in einen angrenzenden Raum gebracht, in dem sich ein riesiges Bett befand. Behutsam legte die vermummte Gestalt ihre Begleitung dort nieder und deckte sie sorgfältig zu, ehe sie die Tür leise hinter sich schloss. Es war kaum zu fassen, aber sie hatten es tatsächlich geschafft. Sie hatten den Palast des Magnolia-Reiches erreicht und waren nun endlich in Sicherheit. Erleichtert ließ sich die Gestalt erneut auf das Sofa sinken und versank in einem seichten Schlummer, den jedes noch so kleine Geräusch sofort unterbrechen würde.

 

* * * * *

 

Gähnend öffnete der Kronprinz des Magnolia-Reiches die Tür zu seinen Gemächern und war überrascht, dass es dort nach wie vor vollkommen finster war. Einzig und allein der leichte Schimmer eines Feuers im Kamin auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes spendete ein klein wenig Licht. Normalerweise hätten die Diener schon vor Stunden die unzähligen Kerzen und Öllampen, die sich quer durch sämtliche seiner Räumlichkeiten verteilten, entzünden müssen. Aber wahrscheinlich waren sie so sehr mit feiern beschäftigt gewesen, das sie schlicht und einfach vergessen hatten ihren Pflichten nachzukommen. Wer sollte es ihnen verübeln? Endlich würde ihr Kronprinz, der sie schon seit seiner Kindheit in Atem gehalten hatte zum König des Magnolia-Reiches ausgerufen und damit hatte er all ihre Hoffnungen weit übertroffen. Der Lausebengel von einst war zu einem ruhigen, weisen Mann herangewachsen, der sehr genau wusste worauf es in der Politik ankam. Schon jetzt war sich fast das gesamte Volk des Magnolia-Reichs einig darüber, das die Herrschaft ihres Kronprinzen sogar noch die seiner Mutter, die das Reich seit dem tragischen Tod ihres Gatten verwaltet hatte, überstrahlen würde. Nur war all das in dem Moment nebensächlich als der Kronprinz des Magnolia-Reiches den kalten Stahl einer Dolchklinge unter seiner Kehle spürte.

„Bist du allein?“ Die Stimme an seinem Ohr klang ruhig und rau und seltsamerweise kam sie dem Prinzen dennoch äußerst vertraut vor.

„Ja, aber die Wachen werden bald ihren Rundgang machen.“

„Sicher, aber bis dahin wird es noch gut eine Stunde dauern.“ Ein dunkles Lachen drang an das Ohr des Prinzen und dann verschwand die Klinge von seinem Hals.

„Ehrlich Isidor, du hast dich kein bisschen verändert.“ Noch ehe der Kronprinz des Magnolia-Reiches sich versah wurde er schwungvoll umarmt und fürchtete fast, dass der Fremde ihm gleich die Rippen brechen würde.

„Es tut gut, dich endlich wieder zusehen.“ Das Schulterklopfen endete aprubt als sich der Fremde von dem Kronprinzen abwandte und sich mit einer merkwürdigen Selbstverständlichkeit in einem der Sessel niederließ, die sich quer durch den gesamten Raum verteilten. Mit einer simplen Handbewegung lud er den Prinzen ein auf dem Sofa ihm gegenüber Platz zunehmen. Nur zögernd folgte Isidor dieser Einladung und immer noch hatte er das merkwürdige Gefühl diesen Fremden von irgendwoher zu kennen. Unruhig rutschte er auf dem Sofa hin und her und das penetrante, unterdrückte Lachen seines Gegenübers trug nicht gerade dazu bei, das er sich wohler fühlte. Was wollte dieser Fremde hier in seinen Gemächern und woher kannte er ihn?

„Dafür, dass du den ganzen Tag gefeiert hast bist du ziemlich nervös.“ Der Fremde taxierte den Prinzen mit glitzerndem Blick, der von der Kapuze seines Umhangs halb verdeckt wurde. Der Kronprinz des Magnolia-Reiches wurde nur noch unruhiger. Gelassen beugte sich der Fremde ein kleines Stück vor und griff nach einer Weinkaraffe, die auf einem kleinen Tisch neben dem Sessel stand und mit einer dunklen, cremigen Flüssigkeit gefüllt war. Mit derselben Ruhe griff er nach zwei Gläsern aus Bleikristall und füllte diese mit der cremigen Flüssigkeit, die im Licht des Kaminfeuers leicht rötlich schimmerte. Lächelnd hielt er dem Prinzen eines der Gläser entgegen. Mit zitternder Hand nahm Isidor das Glas entgegen und nahm einen kräftigen Schluck. Die Flüssigkeit brannte sich wie Feuer durch seine Eingeweide und hustend musste der Kronprinz des Magnolia-Reiches feststellen, das es besser gewesen wäre, wenn er während der Feierlichkeiten etwas mehr gegessen hätte. Auf nüchternden Magen wirkte der Alkohol mehr als doppelt. Wenn er nicht aufpasste würde er bereits nach diesem einen Glas betrunken sein.

„Oh man, sag mir bloß nicht, dass du immer noch nichts verträgst.“ Lachend sank der Fremde in den Sessel zurück und schlug die Beine übereinander während er sein Glas mit einem Zug bis zur Hälfte leerte. Diese Gestik kam Isidor derart vertraut vor, das dieser ungläubig blinzelte.

„Isidor, Isidor was hast du in den letzten zehn Jahren eigentlich gemacht? Ich dachte wenigstens das Trinken würdest du lernen.“ Der Fremde amüsierte sich nach wie vor köstlich und der spöttische Tonfall erinnerte den Prinzen an etwas.

„Kail?!“

„Wer denn sonst?“ Die dunkle Stimme klang halbbeleidigt und halb vorwurfsvoll. Vollkommen perplex starrte Isidor sein Gegenüber an. Das eben war eine typische Kail-Reaktion gewesen. Kein anderer Mensch, den der Kronprinz des Magnolia-Reiches kannte wagte es derart unverschämt mit ihm zu sprechen.

„Bist du das wirklich?“ Isidor konnte es immer noch nicht glauben, das es sein Langvermisster Bruder sein sollte, der dort vor ihm saß. Er nahm noch einmal einen großen Schluck aus dem Glas und stellte es dann auf den Tisch zurück bevor der Alkohol sein Gehirn komplett vernebeln würde.

„Meine Güte, du tust gerade so als wäre ich ein Geist. Hier, das hilft.“ Dankbar nahm Isidor das Brot an, das ihm der Fremde anbot. Er war immer noch misstrauisch, das es sich bei dieser Person wirklich um seinen verschollenen Bruder handeln sollte. Seufzend schob dieser schließlich die Kapuze, die sein Gesicht bis vor kurzem fast völlig verdeckt hatte ein Stück zurück und schnippte leicht mit den Fingern. Augenblicklich flammten die unzähligen Lichter der im Raum verteilten Kerzen und Öllampen auf. Es war nun fast taghell und der Kronprinz des Magnolia-Reiches ließ vor lauter Überraschung das Brot fallen, das er bis vor kurzem noch in seiner Hand gehalten hatte. Er starrte sein Gegenüber vollkommen fassungslos an.

„Kail!“ Der Angesprochene grinste nur noch breiter.

„Wie er leibt und lebt.“ Es war nicht zu übersehen, dass es ihm nicht das Geringste auszumachen schien nach über zehn Jahren einfach so wieder im Palast des Magnolia-Reiches aufzutauchen, als wäre nie etwas geschehen. Isidor hingegen musste erst zweimal hinsehen bis er seinen Bruder tatsächlich erkannte. Die ihm einst so vertrauten Züge hatten sich im Laufe der Jahre verändert. Kail war nun ebenfalls fünfundzwanzig und seine Züge, die schon immer von der Sonne und dem Wind geprägt worden waren, aber nie so sehr wie jetzt, ließen ihn nur noch draufgängerischer wirken als er es in ihrer Kindheit bereits gewesen war. Seine Augen funkelten in einem dunklen Grün, das durch die Bräune der Haut unglaublich intensiv wirkte. Allerdings waren die Ringe unter seinen Augen ein deutliches Zeichen dafür, das Kail schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr geschlafen haben musste. Wenn man es genau nahm machte er eher den Eindruck als würde er jeden Moment zusammenbrechen und dennoch war sein gesamter Körper angespannt wie der einer Raubkatze. Ein Verhalten, das Isidor bei seinem Bruder bisher noch nie gesehen hatte. Aber all das wurde nebensächlich, als die kleine Tatsache, das sein Bruder nach über zehn Jahren, in denen es nicht den kleinsten Hinweis auf dessen Verbleib oder auch nur eine einzige Nachricht von diesem gegeben hatte, zurückgekehrt war, in Isidors Bewusstsein sank.

„Wo zum Henker bist du die letzten zehn Jahre nur gewesen?!“ Eigentlich hatte Isidor vor aufzuspringen und sein Gegenüber fest am Kragen zu packen und durchzuschütteln aber die bisherigen Anstrengungen des Tages sowie der Alkohol forderten ihren Tribut. Er war viel zu schwach, um jetzt noch aufzustehen. Er konnte froh sein, wenn er es noch bis in sein Bett schaffte.

„Könnten wir das auf später verschieben? Ich muss dich etwas Wichtiges fragen.“ Isidor schnappte nach Luft und sah dabei aus wie ein Fisch auf dem Trockenem. Was bildete sich dieser Kerl nur ein?! Das er nach über zehn Jahren wieder einfach so auf der Bildfläche auftauchen konnte, als wäre nichts gewesen?! Kail nutzte die Gelegenheit, das sein Bruder sprachlos war, um die Frage zu stellen, die ihn überhaupt erst wieder in den Palast des Magnolia-Reiches zurück geführt hatte, denn er wusste, das er sobald Isidor sich von seinem kleinen Schock erholt hätte er nie wieder die Gelegenheit dazu bekommen würde. Jedenfalls nicht innerhalb der nächsten zwei Stunden und soviel Zeit hatte er nicht mehr. Er musste diese Sache unbedingt klären, bevor die Wachen auf ihrem letzten Rundgang noch einmal die Räume des Kronprinzens kontrollierten.

„Nach all dem, was geschehen ist, vertraust du mir immer noch?“ Zögernd nickte Isidor. Es waren zwar mehr als zehn Jahre vergangen, aber er hatte bisher nie den geringsten Anlass gehabt seinem Bruder zu misstrauen. Außerdem hatte er das überhaupt nicht vor. Sicher, er würde im Moment nichts lieber tun als Kail eine Standpauke zu halten was dieser sich einbildete nach all den Jahren aus dem Nichts aufzutauchen und ihm jetzt nicht einmal erlaubte Fragen zu stellen. Aber das war etwas anderes. Er vertraute Kail nach wie vor und er wusste, wann immer sein Leben auch in Gefahr sein würde, dann wäre es Kail, der ihn retten würde.

„Und du würdest mir helfen, egal um was es auch ginge, oder?“ Jetzt wurde Isidor misstrauisch. Irgendetwas in dem Tonfall seines Bruders ließ ihn aufhorchen. Er kannte diesen Unterton nur zu gut. Darin verbarg sich immer wieder der kleine Hinweis, dass sein Bruder es wieder einmal erfolgreich geschafft hatte sich in Schwierigkeiten zu bringen und nun nicht mehr wusste, wie er diesen ohne Hilfe entkommen sollte. Allerdings waren lediglich Isidor und dessen Mutter in der Lage diesen leisen Unterton in der ansonsten ruhigen Stimme richtig zu deuten.

„Ja?“ Kail musste grinsen, als er den fragenden Gesichtsausdruck seines Bruders bemerkte. In all den vergangen Jahren hatte er nichts mehr bereut, als das er seinem Bruder nichts über seinen Verbleib hatte sagen können. Aber er hatte sein Wort gegeben, das er die strengen Regeln nicht brechen würde und bisher hatte er sein Wort niemals gebrochen. Das er nun dennoch in dem Palast in dem er aufgewachsen war direkt gegenüber von seinem Bruder und wohl ältesten Freund saß, war auf einige unglückliche Umstände zurück zuführen an die er lieber erst gar nicht dachte. Er würde noch früh genug mit den Konsequenzen leben müssen und er war mehr als nur dankbar dafür, dass sein alter Freund ihm helfen würde.

„Dann komm mit. Im Moment brauche ich deine Hilfe mehr als jemals zuvor.“ Isidor hatte nicht die geringste Ahnung was das merkwürdige Verhalten seines Bruders zu bedeuten hatte, aber der Ernst in dessen Stimme beunruhigte ihn. Früher hatte Kail seine Hilfe immer halb im Scherz eingefordert und meistens wäre sie noch nicht einmal vonnöten gewesen, aber es war eben schöner, wenn man nicht allein Ärger bekam sondern auch der eigene Bruder seinen Kopf mal hinhalten musste. Eigentlich hatte es so gut wie nie eine Gelegenheit gegeben, wo einer von ihnen alleine bestraft worden wäre.

Der Versuch des Kronprinzens sich aus dem Sofa zu erheben scheiterte erst einmal an einem nicht mehr vorhandenen Gleichgewichtssinn. Wie ein Schatten schoss Kail nach vorn und stütze seinen Bruder ein klein wenig bis dessen Knie aufhörten zu zittern. Erst danach führte er diesen zu der Tür, hinter der er vorher seinen Begleiter schlafen gelegt hatte und öffnete diese leise. Mit einem leichten Fingerschnippen sorgte Kail dafür, dass sich auf einem Kerzenhalter neben dem Bett rund ein Dutzend Kerzen entzündeten und somit der Raum spärlich erhellt wurde. Isidor verfolgte das Schauspiel gebannt und war überrascht, das sein Bruder sein damals schon vorhandene magische Talent so dermaßen weit entwickelt hatte. Er selbst hatte mehr als nur Mühe damit auch nur drei Kerzen zu entzünden oder einen Luftzug zu erzeugen, aber für Kail schien das nicht das geringste Problem darzustellen.

Vorsichtig zog Kail seinen Freund mit sich und achtete darauf, dass ihre Schritte von dem weichen Teppich auf dem Boden gedämpft wurden und sie nicht versehentlich auf eine der dunklen Holzbohlen traten, denn diese hätte unter Garantie geknarrt. Das würde sich selbst in hundert Jahren nicht ändern. Das Verhalten seines Bruders kam Isidor zwar nach wie vor merkwürdig vor, aber er wusste das sobald Kail damit herausgerückt hatte, warum dieser seine Hilfe so dringend brauchte, auch er endlich Antworten auf seine Fragen erhalten würde. Und er würde seinen Bruder nicht eher gehen lassen, bis dieser nicht mindestens die Hälfte davon beantwortet hätte.

„Was siehst du dort?“ Mit bewegungsloser Miene deutete Kail auf das Bett, in dem ohne Zweifel irgendjemand zu schlafen schien. Isidor machte zaghaft einen Schritt nach vorne und schob den dunklen Brokatvorhang, der das Bett an den Seiten umgab aus dem Weg, um besser sehen zu können. Die Gestalt in dem Bett trug denselben dunklen Mantel wie Kail und hatte sich tief in die Decken gewühlt. Lediglich die dunkle Kapuze ragte noch aus ihnen hervor und verhüllte das darunter liegende Gesicht. Fragend sah Isidor seinen Bruder an bis dieser leicht nickte. So behutsam wie es nur eben ging, um die schlafende Person nicht zu wecken, zog Isidor leicht an der Kapuze bis diese nach hinten in die Kissen glitt und den Blick auf ein Gesicht freigab, das Isidor den Atem verschlug. Er hatte zwar bereits unzählige Bilder gesehen die ähnliche Züge trugen, aber das er eine solche Person jemals mit seinen eigenen Augen sehen würde hätte er sich nie träumen lassen.

Unter der Kapuze war ein ebenmäßiges Gesicht, dessen Haut fest genauso hell war wie das weiß des feinsten Porzellans, verziert mit wunderschönen, vollen Lippen, die in einem leichten Rubinrot aufleuchteten, als sich die Flammen der Kerzen ein klein wenig bewegten, eingerahmt von kunstvoll geflochtenen blonden Locken, zum Vorschein gekommen. Und seltsamerweise schien diese Gesicht sogar von innen heraus zu leuchten.

„Bei allen Göttern!“ Entfuhr es Isidor leise.

„Was hat das zu bedeuten?!“ Ohne es zu merken hatte Isidor seine Stimme angehoben und das wundersame Gesicht verzog sich ein klein wenig, als es sich der Störung bewusst wurde. Ebenso wie kurz zu vor bewegte sich Kail erneut wie ein Schatten und lotste dabei seinen Bruder aus dem Raum. Erst, als er die Tür wieder fest hinter sich geschlossen hatte atmete Kails leicht auf.

„Lass sie schlafen. Es war eine lange Reise bis hierher.“ Kail hatte nicht fragen müssen was sein Bruder gesehen hatte als er die Gestalt in dem Bett betrachtete. Dessen Reaktion war deutlich genug in seiner Körperhaltung abzulesen gewesen.

„Sag mir, das das nicht wahr ist Kail. Das kann unmöglich sein.“ Kopfschüttelnd ließ sich der Kronprinz des Magnolia-Reiches in einen Sessel sinken und starrte seinen Bruder, der sich immer noch keinen Millimeter von der Tür wegbewegt hatte, an.

„Glaub es ruhig. Es ist wahr. Sie ist eine von ihnen.“ Fassungslos fuhr sich Isidor mit der Hand über das Gesicht bevor er nach seinem immer noch halbgefüllten Weinglas griff und diesen in einem Zug leerte. Eine Seeheilige! Alkohol hin oder her auf diesen Schreck brauchte er einfach etwas zu trinken.

„Hast du auch nur die geringste Vorstellung davon, was du getan hast?“ Seufzend löste sich Kail von der Tür und ließ sich gegenüber von seinem Bruder ebenfalls in einen Sessel sinken. Dabei striff er die Kapuze von seinem Kopf und gab den Blick auf seine unglaubliche Haarpacht preis, die im Licht der Lampen dunkelblau aufleuchtete.

„Ja, ich weiß es nur zu genau.“ Dieser Anblick war das letzte was das Bewusstsein des Prinzen des Magnolia-Reiches noch wahrnahm. Hatte der Schock den Kail ihm damit versetzte war einfach zu viel gewesen. Isidor wurde von einer sanften Ohnmacht umfangen aus der er äußerst unsanft wieder geweckt wurde. Kail hatte nicht lange gezögert und die nächstbeste Vase zu Hand genommen und deren Inhalt über seinem besten Freund gegossen. Pudelnass und über und über mit unzähligen Blumen verziert schreckte Isidor aus seiner Ohnmacht hoch und funkelte seinen Freund unheilvoll an.

„DAS wirst du bereuen!“ Keine zwei Sekunden später brachen sie beide in schallendes Gelächter aus.

 

* * * * *

 

„Keine Sorge, er kommt bestimmt zurück.“ Behutsam legte Isidor eine Hand auf die zitternde Schulter vor ihm. Es war nicht das erste Mal, das Amira mitten in der Nacht auf einem der obersten Türme des Palastes Ausschau nach etwas hielt, das wahrscheinlich nur sie zu sehen vermochte. Es war jetzt bereits über sechs Jahre her, das Isidors Bruder Kail die geheimnisvolle. Blonde Schönheit in seinen Palast gebracht hatte. Das war am Tag von Isidors Krönung zum König des Magnolia-Reiches gewesen und wäre es nicht Kail gewesen, der ihn um diesen Gefallen bat, dann Isidor wohl auf jeden Fall abgelehnt ein Mitglied der Seeheiligen zu seiner Mätresse zu machen.

Die Seeheiligen lebten normalerweise sehr zurückgezogen von den anderen Völkern und es geschah nur selten, dass sie ihren Tempel verließen. Ihr gesamtes Leben hatten sie Naida, dem Gott des Wassers und Lebens geweiht und viele von ihnen verfügten über magische Fähigkeiten, die sie aber nur äußerst selten einsetzten. Das ausgerechnet ein Mitglied dieses so zurückgezogen lebenden Priesterordens zur Mätresse eines Königs wurde war äußerst ungewöhnlich. Dennoch äußerte sich niemand gegen diese Verbindung. Für die Untertanen des betreffenden Königs war es ein Glücksfall und die Seeheiligen konnten nichts vorbringen, was gegen eine solche Verbindung sprach. Es war nicht gegen ihre Regeln oder irgendein Gesetz der Götter, wenn sich eine von ihnen dafür entschied ihr Leben in den Dienst eines Königreiches zu stellen. Dennoch war es ein großer Verlust für den Orden gewesen, denn Amira war eine der Begabtesten Priesterinnen, die ihr Tempel seit langer Zeit hervorgebracht hatte. Die Lücke, die sie hinterließ war nur schwer wieder zu füllen.

„Ich weiß, aber ich mache mir dennoch Sorgen um ihn.“ Wie immer war ihre Stimme sanft wie das Flüstern des Windes und melodisch wie das Plätschern eines Gebirgsbachs im Frühling. Es war kein Wunder, das sich Kail Hals über Kopf in sie verliebt hatte.

„Wenn ihr noch länger hier draußen bleibt werdet ihr euch noch erkälten. Bitte folgt mir ins Innere.“ Isidor bot ihr lächelnd seine Hand an, doch sie sah an ihm vorbei auf das weite Blau des Himmels.

„Es wird bald regnen.“ Danach schritt sie an ihm vorbei, als hätte sie gar nicht bemerkt, dass er ihr immer noch abwartend seine Hand entgegenhielt. Seufzend folgte Isidor ihr ins Innere und sah zu wie seine Mutter die halbdurchgefrorene freudig umarmte und mit Fürsorge geradezu überschüttet. Kein Wunder. Immerhin war Amira bereits im neunten Monat schwanger und bis zur Geburt ihres vierten Kindes würde es nicht mehr allzu lange dauern.

Obwohl sie und Kail sich nur sehr selten sahen, da dieser mit seinen Pflichten als Wind mehr als genug zu tun hatte und seine Verbindung zum Königshaus des Magnolia-Reiches niemals bekannt werden durfte, hatte Amira ihm bereits drei Söhne geboren. Der Älteste von ihnen, Kilian war noch im selben Jahr auf die Welt gekommen als Amira in den Palast des Magnolia-Reiches gebracht worden war. Er war bereits sechs Jahre alt und keine fünf Monate nach Amiras Ankunft im Palast auf die Welt gekommen. Er glich seinem Vater Kail bis aufs Haar und die ehemalige Königin des Magnolia-Reiches, Hedera konnte gar nicht genug von ihrem Enkel bekommen. Immerhin war der die jüngere Version ihres Sohnes und so überschüttete sie Kilian manchmal sehr zu Amiras Entsetzen mit Süßigkeiten und allem was sich ein Kinderherz nur wünschen konnte. Jedoch schwieg Hedera darüber, das Amira bereits schwanger gewesen sein musste als Kail sie in den Palast seiner Kindheit gebracht hatte. Er hatte gewusst, dass dies der einzige Ort sein würde an dem sie und seine Kinder in Sicherheit sein wären.

Einer Seeheiligen war es nach ihrer Weihe nicht mehr erlaubt sich ohne Einwilligung ihres Ordensoberhauptes mit einem Mann einzulassen. Erst, wenn man das Orakel befragt hatte und der Gott keinerlei Einwände gegen diese Verbindung erhob konnte sich ein Mitglied der Seeheiligen der körperlichen Liebe hingeben. Jeder noch so kleine Verstoß gegen diese Regel wurde streng bestraft. Die einzige Ausnahme in diesen Fällen bildete der Dienst in einem Königshaus. In diesem Fall wurde auf den Urteilsspruch des Orakels verzichtet, da ein Seeheiliger niemals aus eigenem Antrieb einem Königreich Schaden zu fügen würde. Das verstieß gegen ihren Treueschwur gegenüber Naida.

Das Amira sich trotz alledem mit Kail eingelassen hatte war ein solcher Verstoß gegen die Regeln und Ritten des Tempels, das es wahrscheinlich sogar für eine Todesstrafe oder schlimmeres gereicht hätte. Aus diesem Grund hatte Kail sie bei Nacht und Nebel aus ihrem Tempel entführt und in den Palast des Magnolia-Reiches gebracht, den er seit über zehn Jahren nicht mehr betreten hatte. Kail war sich sicher gewesen, das sein Bruder ihm helfen würde und Isidor hatte ihn nicht im Geringsten enttäuscht. Obwohl er seinen Bruder eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte, hatte er ohne zu Zögern eingewilligt diesem zu helfen. Selbstverständlich erst, nachdem Kail ihm erzählt hatte was er in all den bereits vergangenen Jahren gemacht hatte. Wenigstens soweit es dieser weitergeben durfte.

Seitdem Isidor die veränderte Haarfarbe seines Bruders gesehen hatte wusste er bereits, dass dieser sein Ziel erreicht und zu einem Mitglied der Winde geworden war. Wie ihm das gelungen war würde wohl für immer sein Geheimnis bleiben, aber Isidor war erleichtert darüber, das es seinem Bruder gut ging und er ihn von nun wahrscheinlich wesentlich häufiger sehen würde.

Isidor würde auch niemals vergessen wie seine Mutter reagiert hatte, als sich Kail ihr in der nächsten Nacht gezeigt hatte. Die Königin des Magnolia-Reiches hatte ihren lang vermissten Sohn lange in ihre Arme geschlossen und ihren Tränen freien Lauf gelassen. Das war das erste Mal, das Isidor bemerkte wie sehr seiner Mutter Kail gefehlt haben musste. In all den Jahren, die verstrichen waren hatte sie sich nicht ein einziges Mal eine solche Schwäche anmerken lassen, wie in diesem Moment. Wahrscheinlich hätte sie Kail noch die ganze Nacht über so festgehalten, wenn nicht irgendwann vollkommen verlegen Amira die Gemächer der Königin betreten hätte. Nachdem Kail seiner Mutter mit hochrotem Kopf erklärt hatte, um wen es sich bei Amira handelte wurde diese mit einer ebenso großen Herzlichkeit begrüßt wie schon zuvor Kail. Selbst Isidor konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, als seine Mutter über die vollkommen unvorbereitete Seeheilige herfiel und diese mit sich zog. Immerhin hatte ihm Kail kurz zuvor anvertraut, das Amira die Sprache ihres Landes noch nicht richtig verstand, aber davon würde sich ihre Mutter nicht stören lassen. Wenn sie erst einmal jemanden in ihr Herz geschlossen hatte, dann war es vollkommen egal um wen es sich dabei handelte und ob dieser jemand derselben Sprache wie sie mächtig war oder nicht. Und Amira war nun einmal die Braut ihres lang verloren geglaubten Sohnes, da war es kaum verwunderlich, das sie so gut wie alles über diese Wissen wollte.

„Ist Mama hier?“ Neugierig tauchte ein dunkelblonder Haarschopf hinter der Tür des Turmgemachs auf.

„Sie ist dort drüben. Kommt schon rein ihr zwei.“ Lachend sah Isidor zu wie sich die Lippen des blonden Jungen verärgert nach unten verzogen und keine zwei Sekunden später tauchte hinter einer Sessellehne genau derselbe Haarschopf auf. Die Beiden versuchten doch jedes Mal ihn zum Narren zu halten und es war ihnen bisher noch nicht ein einziges Mal gelungen.

„Du bist gemein Onkel Isidor!“ Schmollend stapfte einer der Blondschöpfe in die Ecke in die Isidor gewiesen hatte während ihn der andere feindselig musterte.

„Was ist es dieses Mal Kadiak?“ Freundlich lächelte Isidor den Vierjährigen an, den das nicht im Geringsten zu kümmern schien.

„Nichts!“ Ohne sich weiter um seinen Onkel zu kümmern folgte er seinem Bruder und hüpfte schließlich neben seiner Mutter aufs Sofa und legte schwungvoll eine Hand auf deren Bauch, was ihm einen äußerst missbilligenden Blick seiner Großmutter einbrachte, den er geflissentlich ignorierte.

„Es hat sich bewegt!“ Freudestrahlend griff Kadiak nach der Hand seines Zwillingsbruders und legte diese ebenfalls auf den Bauch seiner Mutter. Erschrocken zog der Jüngere seine Hand wieder zurück als ein kräftiger Stoß aus der Bauchhöhle dagegen prallte. Lächelnd sah Amira ihren Sohn an.

„Nur keine Angst Khat. Es tut nicht weh.“ Misstrauisch sah dieser seine Mutter an und machte nicht die geringsten Anstalten dem Beispiel seines Bruders zu folgen und seinen Kopf auf den dicken Bauch zu legen. Irgendwie war es ihm nicht ganz geheuer, das aus diesem immensen Bauch neues Leben entstehen sollte. Vor allem irritierte es ihn, dass dieses noch unsichtbare Wesen immer genau dann zutrat, wenn ausgerechnet er seine Hand auf die straff gespannte Bauchdecke seiner Mutter legte.

„Sagt bloß, er traut sich immer noch nicht.“ Die spöttische Stimme, die aus Richtung einer der Fenster erklang veranlasste sämtliche Anwesenden sich umzudrehen. Ohne sich darum zu kümmern, dass sowohl seine Mutter als auch Großmutter leichenblass wurden hing Kilians Gesicht kopfüber im Fensterrahmen. Doch bevor seine Großmutter einen Tobsuchtsanfall bekommen konnte hatte sich Isidor den Sechsjährigen schon geschnappt und ihn ins Innere des Zimmers befördert.

„Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass du ein Zimmer nicht auf diese Art und Weise betreten sollst?“ Der Angesprochene zuckte lediglich kurz mit den Schultern und ging dann schnurstracks auf seine Mutter zu, der er einen leichten Kuss auf die Stirn hauchte ehe er sich zu deren Füßen niederließ.

„Kilian!“ Hederas ärgerliche Stimme verhieß nichts sonderlich Gutes, aber ihr Enkel ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. Er sah sie lediglich aus großen, unschuldigen, grünen Augen an. Doch dieses Mal rettete ihn das nicht. Seine Großmutter, die normalerweise genau unter diesem Blick dahin schmolz wie Schnee in der Sonne schnappte ihn sich und verpasste ihm eine ordentliche Tracht Prügel.

„Was habe ich den getan?“ Mit ärgerlich verzogenem Gesicht rieb sich Kilian über sein schmerzendes Hinterteil und sah seine Großmutter vorwurfsvoll an. Diese seufzte nur und schickte ein stummes Gebet zu den Göttern, das Kilian bitte nicht in allen Dingen nach seinem Vater kommen würde. Ihr reichten die momentanen Abenteuerausflüge ihres Enkels eigentlich vollkommen. Amira hatte das Ganze nur milde lächelnd beobachtet. Anfangs hatte sie starke Bedenken gehabt, als Kail sie in diesen Palast gebracht hatte, aber die hatten sich bereits nach kurzer Zeit komplett zerstreut. Sowohl Kails Mutter als auch sein Bruder hatten sich sofort äußerst liebevoll um sie gekümmert und das obwohl sie von Kail seit über zehn Jahren nicht das geringste Lebenszeichen erhalten hatten. Es war erstaunlich, das sie seine Rückkehr ebenso einfach zur Kenntnisnahmen wie ihre Anwesenheit. Wahrscheinlich war sie wirklich nirgendwo sicherer als hier im Magnolia-Reich, denn obwohl Isidor sie noch am nächsten Morgen nach ihrer Ankunft zu seiner Mätresse erklärt hatte war er ihr niemals zu nahe gekommen. Er hatte es bedingungslos akzeptiert, dass sein Bruder ihm die Person anvertraute, die diesem am Meisten auf der Welt bedeutete. Er wäre wahrscheinlich noch nicht einmal im Traum darauf gekommen sein Wort zu brechen und sie tatsächlich zu seiner Mätresse zu machen.

Amira war Isidor unendlich dankbar dafür, dass er ihr und ihren Kindern einen solchen Schutz gewährte. Sie konnte und wollte sich einfach nicht vorstellen was mit ihr und Kail geschehen wäre, wenn Isidor dessen Bitte sie in seinem Palast aufzunehmen abgelehnt hätte. Im Palast des Magnolia-Reiches fehlte es ihnen an rein gar nichts und es gab nicht ein einziges anderes Königreich, das so friedlich war wie dieses. Sie konnte den Göttern wirklich nur danken, das sie es so gut mit ihr meinten gerade jetzt, wo die Geburt ihres nächsten Kindes kurz bevor stand. Zärtlich strich Amira über ihren Bauch und spürte wie sich das junge Leben darin bewegte. Sie hoffte nur, das Kail rechtzeitig zur Geburt zurück sein würde. Bisher war es ihm immer irgendwie gelungen die Geburt seiner Kinder mitzuerleben, aber dieses Mal gab es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er kommen würde. Wahrscheinlich war er viel zu weit weg um es noch rechtzeitig zu schaffen, aber dann würde wahrscheinlich in der Woche nach der Geburt auftauchen. Seltsamerweise versetzte Amira dieser Gedanke einen kleinen Stich und sie verzog leicht das Gesicht.

„Hast du was Mama?“ Besorgt stützte sich Kilian auf den Bauch seiner Mutter und versuchte deren Blick aufzufangen. Das leise Grummeln seiner Großmutter ignorierte er dabei.

„Ist schon gut Kilian. Es ist nichts.“ Doch keine zwei Sekunden später wurde Amira eines Besseren belehrt. Die Wehen setzten mit einer unglaublichen Härte ein und wäre Isidor nicht gewesen, dann wäre sie wahrscheinlich vom Sofa gefallen. Nur mit Mühe gelang es Isidor die Hochschwangere auf die Füße zu ziehen und sie mit Hilfe seiner Mutter zurück in deren Gemächer zu bringen. Danach wurden sowohl Amiras Söhne als auch Isidor aus dem Raum geworfen, da alles, was darin nun vor sich ging lediglich die Frauen etwas anging. Seufzend fügte sich Isidor in sein Schicksal und schnappte sich die bereits nach einem geeigneten Schleichweg in den Raum suchenden Jungs, um sie unter lauten Protesten mit in seine Gemächer zu nehmen. Es gab jetzt rein gar nichts mehr, was er oder die Kindern noch tun konnten außer abzuwarten. Amira musste jetzt alleine kämpfen und sie hatte bereits zweimal bewissen, das sie es konnte. Es bestand nicht der Geringste Anlass zur Sorge und dennoch ertappte sich Isidor dabei wie er unruhig von einer Ecke des Zimmers in die nächste lief.

„Mach dir keinen Sorgen Onkel. Vater wird sie nicht allein lassen.“ Perplex sah Isidor Khat, der es sich gelangweilt in einem Sessel bequem gemacht hatte, an. Woher wusste sein Neffe woran er gerade eben gedacht hatte?

„Stimmt! Aber wenn Oma das herausfindet bekommt er bestimmt auch eine Tracht Prügel.“ Kilian rieb sich immer noch sein Hinterteil und verzichtete großmütig darauf sich hinzusetzten. Er hätte nicht gedacht, dass eine alte Frau dermaßen viel Kraft in ihren Armen hatte.

„Aber nur, weil seine Maskerade dieses Mal wirklich mehr als schlecht ist.“ Mit ernster Miene griff Kadiak nach einem Glas Wasser auf dem Tisch vor sich.

„Stimmt. Dieses Mal habe sogar ich ihn sofort erkannt.“ Stolz reckte Khat sein Kinn nach vorne und bekam ein anerkennendes Nicken seiner Brüder als Antwort.

„Von was im Namen aller Götter redetet ihr bitte?“ Isidor konnte der Unterhaltung seiner Neffen nicht im Geringsten folgen. Was sollte das heißen Kail wäre schon längst da?

„Sag bloß, du hast das vorhin nicht gemerkt Onkel.“ Das Grinsen auf Kilians Gesicht wurde noch breiter als sich der vollkommen ratlose Gesichtsausdruck seines Onkels weiter steigerte.

„Die dicke Dienerin, die vorhin so schnell an uns vorbei schoss und dich dabei fast zu Tode gequetscht hätte, das war Vater.“ Khat war sichtlich stolz darauf, dass es ihm dieses Mal gelungen war seinen Vater ebenfalls direkt zu erkennen und das er seinen Onkel belehren konnte. Normalerweise mussten ihm seine Brüder immer erklären hinter welcher Maske sich ihr Vater nun schon wieder verbarg.

„DAS soll Kail gewesen sein?!“ Fassungslos sank Isidor in einen Sessel und starrte seine drei Neffen an, die allesamt nickten. Dennoch konnte er es immer noch nicht so recht glauben. Sicher, die Dienerin war etwas beleibter gewesen und hatte ihn wirklich zwischen sich und der Wand eingequetscht, aber ihr Gesicht war so unglaublich schön gewesen und das sollte Kail gewesen sein? Langsam aber sicher begann Isidor die Verkleidungskünste seines Bruders zu fürchten. Immerhin hätte Kail dieses Mal selbst ihn an der Nase herumgeführt, wenn seine drei Neffen nicht gewesen wären. Dankbar sah er die Drei an und da keiner von ihnen wusste, was sie nun sollten begann Isidor ihnen die verschiedensten Kartenspiele beizubringen. Wobei sich schon nach wenigen Runden herausstellte, dass jeder der Drei ein Naturtalent zu sein schien. Isidor hatte große Mühe auch weiterhin zu gewinnen. Durch die dauernden Spiele verstrichen die Stunden allmählich und irgendwann wurde die Tür zu Isidors Gemächern leise aufgeschoben und eine dickliche Dienerin trat ein.

„Es wird nicht mehr lange dauern.“ Die tiefe, dunkle Stimme wollte so gar nicht zu den weiblichen Formen passen und es dauerte nicht allzu lange, bis drei völlig aus dem Häuschen geratene Jungs um die Dienerin herum sprangen, bis diese sie der Reihe nach auf den Arm nahm und jedem von ihnen einen Kuss auf die Stirn hauchte. Erst danach trat die Dienerin auf Isidor zu, der sich bereits von seinem Sitzplatz erhoben hatte und nun breit grinste.

„Wer hat dir denn das blaue Auge verpasst?“

„Du glaubst ja gar nicht wie gut Mutter zielen kann.“ Lachend zog sich Kail die Perücke vom Kopf und umarmte seinen Bruder stürmisch.

„Sie hat sich also erwischt.“ Freudig sah Isidor seinen Bruder an, dessen linkes Auge ein dickes Veilchen zierte.

„Ja, und ich kann dir sagen ich kann von Glück reden, das es hierbei geblieben ist. Eigentlich hatte sie vor mir einen Holzschüssel an den Kopf zu werfen.“ Lachend begleitete Isidor seinen Bruder zu einer kleinen Sitzgruppe, auf der auch die drei Jungs genügend Platz hatten und ließ sich von diesem alles ganz genau erzählen. Da Kail nicht bei seinen Abenteuern als verkleidete Dienerin aufhörte sondern auch einige Anekdoten seiner letzten Reisen zum Besten gab verstrich die Zeit wie im Fluge und so ging die Sonne vollkommen unbemerkt auf. Wenigstens war das in den Gemächern des Königs der Fall.

In Amiras Zimmer hingegen bemerkte man die aufgehende Sonne sehr wohl, denn genau in dem Augenblick wo die ersten Strahlen des hellen Gestirns am Horizont auftauchten erblickte in diesem Zimmer ein wunderschönes Mädchen das Licht der Welt und als die Hebamme es in die Arme seiner Mutter legte hüllte das Licht der Sonne dieses kleine Wesen fast vollkommen ein. Es schien fast so als würden die Götter selbst dieses Kind segnen.

Lächelnd sah Amira auf ihre kleine Tochter hinunter, deren blonder Haarflaum im Licht der Sonne nur noch mehr zu leuchten schien. Sie wusste schon jetzt wie sie dieses Kind sehen würde, Kara. Diesen Namen hatte einst ihre Großmutter getragen und auch sie war an einem Morgen im gleißenden Sonnenlicht geboren worden und sie hatte in ihrem Leben mehr erreicht als es sich irgendjemand zu träumen wagte.

 

Fortsetzung:
Part 04

 

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Chapter 14
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