Blue Wind - Part 04

Blue Wind

   Part 04

 

„Kara? KARA!“ Die ungeduldige Stimme des Oberpriesters hallte weit über den beinahe menschenleeren Hof des Palastes, aber er erhielt keine Antwort. Irgendwie hatte es dieser kleine Satansbraten wieder einmal geschafft sich unsichtbar zu machen. Mit einem tiefen Seufzer gab der Priester seine Suche schließlich auf und kehrte unverrichteter Dinge zurück in den Tempel. Es war eine Schande, das ein Kind, das es solches Talent zur W-La Priesterin zeigte einen solch unstetigen Charakter hatte. Es war nicht das erste Mal, das sich Kara mitten in den Übungen davonschlich und wie schon die unzähligen Male zuvor war es der Siebenjährigen gelungen sich quasi in Luft aufzulösen.

Kaum hatte der Priester den Hof verlassen kletterte ein fröhlich vor sich hinglucksendes, blondes Mädchen aus einem riesigen Magnolienbaum und rannte ohne sich noch einmal umzusehen hinunter zu den großen Weiden. Kara wusste, das sich ihre Brüder um diese Tageszeit genau dort aufhalten würden und obwohl ihre Lehrmeister immer wieder der Meinung waren, sie wäre noch viel zu klein dafür, brachten die Drei ihrer Schwester schon seit geraumer Zeit das Reiten bei. Immerhin hatte Kara fest vor ihren Vater das nächste Mal erneut auf einer seiner Reisen zu begleiten und dann wollte sie auf einem eigenen Pferd oder Pony reiten und nicht schon wieder auf irgendeinem fremden Sattel festsitzen.

„Oh seht mal, da ist Kara. Sie ist Chalan bestimmt schon wieder entwischt.“ Lachend brachte Kilian sein Pferd zum stehen und wies mit einer Hand auf die kleine Gestalt mit den wehenden blonden Haaren, die ohne abzubremsen den Hügel zur Koppel hinunter rannte. Fast konnte einem der alte W-La Priester sogar etwas Leid tun. Kara machte es ihm nicht gerade einfach sie in den Fertigkeiten einer Priesterin auszubilden. Vor allem, da sie viel lieber mit ihren Brüdern tobte als Rituale zu lernen.

„Ob der Alte es jemals lernt? Wenn er sie noch länger in diese komischen Gewänder steckt wird sie sich noch irgendwann den Hals brechen.“ Kopfschüttelnd beobachtete Kadiak wie seine Schwester kurz ihr Gleichgewicht verlor und den Rest des Hügels hinunter rollte.

„Statt hier rum zustehen und zu diskutieren sollten wir ihr besser helfen.“ Ärgerlich über das Verhalten seiner Brüder wendete Khat sein Pferd und ritt auf das Ende des Hügels zu, wo Kara gerade eifrig damit beschäftigt war sich aus den unzähligen Schichten orangefarbener und roter Seide zu befreien in der sie sich verfangen hatte. Wobei davon selbstverständlich eine Menge zu Bruch ging, aber das kümmerte sie herzlich wenig. Sie hatte ohnehin nie verstanden warum sie so ein komisches Ding tragen musste wenn sie im Tempel lernen sollte, während sich ihre Brüder bei ihren Studien in weitaus bequemerer Kleidung bewegen durften.

„Warte ich helfe dir.“ Lächelnd nahm Khat seiner Schwester eine Bahn roten Stoffs ab bevor Kara diese ebenfalls zerreißen konnte und begann damit seine Schwester nach und nach auszuwickeln. Nachdem nun endlich auch der letzte Rest Seide von ihrem Körper verschwunden war sprang Kara lediglich noch mit einem Lendenschurz begleitet auf und stürmte auf die Koppel zu. Sie konnte es kaum noch abwarten endlich wieder auf dem Rücken eines dieser großartigen Geschöpfe zu sitzen.

„Na, willst du etwa wieder versuchen Serapion zu reiten?“ Kilian war es gerade noch gelungen eine Zipfel von Karas Lendenschurz zu erwischen bevor diese über den Zaun klettern konnte.

„Lass los!“ Wütend funkelte sie den Vierzehnjährigen an. Ihr ältester Bruder machte sich einen Heidenspaß daraus sie zu ärgern und es war nicht das erste Mal, das er sie an ihrem Vorhaben, den eisgrauen Hengst zu reiten hinderte.

„Kommt nicht in Frage. Mutter zieht uns allen die Ohren lang wenn dir irgendetwas passiert.“ Entschlossen zog Kilian seine Schwester zu sich aufs Pferd und ritt trotz all ihrer Proteste mit ihr ein ganzes Stück von der Koppel weg. Es war nicht so, das er seiner Schwester nicht zutraute mit einem ausgewachsenen Pferd fertig zu werden. Immerhin war Kara, wenn es um das Reiten ging, ein wahres Naturtalent, aber Serapion war alles andere als ein normales Pferd. Seitdem Tag seiner Geburt hatte sich der eisgraue Hengst von nichts und niemanden zähmen oder gegen seinen Willen anfassen lassen. Selbst die Stallwärter hatten höchsten Respekt vor diesem Tier, das mit seinen vier Jahren noch nicht einmal zugeritten war. Und ausgerechnet Kara hatte es sich in ihren hübschen Kopf gesetzt unbedingt auf diesem Tier reiten zu wollen.

„So und jetzt erklär uns mal, wie du so schnell mit deinen Aufgaben fertig werden konntest.“ Schwungvoll war Kilian abgestiegen und hatte die immer noch schmollende Kara ebenfalls vom Pferd gehoben.

„Tue ich nicht!“ Mit grimmiger Miene verschränkte Kara ihre Arme vor der Brust und funkelte ihren ältesten Bruder herausfordern an.

„Aber Kara, wir werden alle Ärger bekommen, wenn du schon wieder deinen Unterricht schwänzt.“ Khat versuchte vergeblich den kleinen Dickschädel zum Einlenken zu überreden.

„Lasst sie doch. Es macht eben wesentlich mehr Spaß mit uns herumzutoben als sich die trocknen Monologe dieses alten Priesters anzuhören.“ Dankbar strahlte Kara ihren Bruder an.

„Kadiak!“ Es passte Khat überhaupt nicht, das ihm sein Zwillingsbruder ausgerechnet jetzt in den Rücken fiel und wenn er das Leuchten in Karas grünen Augen sah, dann wusste er, dass er bereits verloren hatte. Keiner von ihnen hatte es bisher geschafft ihrer kleinen Schwester auch nur einen einzigen Wunsch abzuschlagen. Sie war eben ihr kleiner Sonnenschein.

„Meinetwegen kann sie bleiben aber nur, wenn sie sich von Serapion fernhält.“ Kilian ging vollkommen in seiner Rolle als älterer Bruder auf und Kara wusste, das ihn nichts und niemand dazu bewegen würde seine Meinung zu ändern. Er war ein ebenso großer Dickschädel wie sie selbst.

„Wenn du mich dafür auf Whis reiten lässt…“ Hinterhältig grinste Kara ihren Bruder an während sich die Zwillinge mühsam das Lachen verbissen. Whis hatte Kilian vor über einem Jahr von seinem Vater geschenkt worden und seitdem war die rotbraune Stute sein ein und alles. Er ließ nur äußerst ungern jemand anderen auf ihr reiten und Kara wusste das. Ihre grünen Augen glänzten verräterisch in der Sonne. Immerhin wusste sie schon jetzt, dass Kilian einwilligen würde. Ansonsten hätte er sie nämlich den ganzen Tag davon abhalten müssen auf Serapions Koppel zu stürmen.

„Also gut. Du darfst auf ihr reiten.“ Seufzend gab sich Kilian geschlagen und hob seine Schwester in den Sattel. Freudig griff Kara in die Mähne des Tieres und beugte sich weit vor um dessen Hals zu tätscheln. Mit einem vernichtenden Blick brachte Kilian seine beiden Brüder zum Schweigen, die sich angesichts einer triumphierenden Kara auf dem Pferd und einem resigniertem Kilian daneben vor lauter Lachen kaum noch halten konnten. Es fehlte Kilian gerade noch, dass jetzt auch die beiden elfjährigen anfangen würden ihm auf der Nase herumzutanzen. Aber als er noch einmal nachsah ob Kara auch wirklich sicher im Sattel saß konnte er nicht anders als schmunzeln. Dieser kleine blonde Engel hatte es Faustdick hinter den Ohren. Die einzige, diesem Charme nicht dauernd erlag war ihre Mutter. Dabei war Kara ihr genaues Ebenbild, wenn auch mit grünen Augen statt mit dunkelblauen.

Den Rest des Tages verbrachten die vier Geschwister relativ ungestört auf den Weiden der königlichen Pferde oder am nahe gelegenen See. Als sie dann aber zum Abendessen in den Palast kamen gab es ein Donnerwetter, das seinesgleichen suchte. Und das nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von ihrem Onkel, ihrer Großmutter und ihrer Tante, die seit ungefähr zwei Jahren ebenfalls im Palast des Magnolia-Reiches lebte. Ihr Onkel hatte die fremde Prinzessin eines Tages mitgebracht und erklärt, dass er diese Frau heiraten würde. Nach eingehender Überprüfung kamen die Kinder zu dem Schluss, dass die Fremde gar kein so übler Kerl war, auch wenn sie recht wenig Spaß verstand. Wirklich, sie nur weil sie ihren Tee ein klein wenig mit Essig verfeinert hatten direkt den ganzen Tag zu Strafarbeiten im W-La Tempel zu verdonnern, war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

 

* * * * *

 

„Mama! Mama! Ich bin wieder da!“ Freudestrahlend hüpfte Kara auf das Bett ihrer immer noch schlafenden Mutter, die große Mühe damit hatte überhaupt wach zu werden. Immerhin war es noch mitten in der Nacht.

„Kara?“ Verschlafen rieb Amira sich über die Augen. In ihrem Gemach war es immer noch stockfinster und nur das schwache Glimmen der Glut im Kamin sorgte für ein klein wenig Licht.

„Mama jetzt steh schon auf! Papa wartet auf dich und ich will dir auch noch eine Menge erzählen.“ Die Achtjährige war kaum noch zu bändigen und unter Murren von wegen es wäre noch viel zu früh am Tag und ihr Mann könnte sich endlich einmal eine menschliche Uhrzeit angewöhnen um nach Hause zu kommen erhob sich Amira langsam. Wobei sie direkt feststellte, das es gar nicht mal so einfach im Dunklen die Zündhölzer für die Öllampen zu finden. Kara war bereits von dem Bett geglitten und beobachtete ihre Mutter aufmerksam. Im Gegensatz zu ihrer Mutter besaß Kara fast die Augen einer Raubkatze und war durchaus in der Lage sich auch bei noch so geringen Lichtverhältnissen in einem Raum problemlos zu orientieren. Deshalb verstand sie auch nicht, warum ihre Mutter solange brauchte.

„Wo sind die verdammten Dinger nur hin?“ Halbblind tastete Amira über ihren Nachttisch, aber sie konnte die Zündhölzer einfach nicht finden. Seufzend nahm Kara zur Kenntnis, das ihre Mutter sich wohl nicht eher aus ihren Gemächern bewegen würde, bis nicht wenigstens eine Kerze brannte also schnippte sie kurz mit den Fingern und schon brannte jede noch so kleine Lampe in Amiras Schlafzimmer. Verblüfft sah diese ihre Tochter an.

„Wann hast du das denn gelernt?“ Kara zuckte kurz mit den Schultern und drängte ihre Mutter nun immer mehr sich endlich zu beeilen. Immerhin wartete ihr Vater schon seit gut einer halben Stunde im Westturm. Das war schon seit Jahren der geheime Treffpunkt von Amira und Kail. Niemand außer Isidor, dem König des Magnolia-Reiches und dessen Mutter wusste was dort oben geschah, wenn sich Amira hin und wieder in ihre dortigen Gemächer zurückzog. Immerhin war es eine merkwürdige Angewohnheit der Seeheiligen sich ab und zu für Meditationen zurück zuziehen. Und da für diese Art der Meditation höchste Ruhe von Nöten war durfte sich in dieser Zeit auch niemand dem Westturm nähern. Es denn er wurde dazu aufgefordert.

„Ist sie immer noch nicht fertig?“ Die ungeduldige Stimme ihres ältesten Sohnes trieb Amira das Blut in die Wangen. Was hatte das nur alles zu bedeuten? Seit wann holte Kilian sie ebenfalls ab? Hastig warf sie sich einen Morgenrock über und merkte erst da, dass ihre Tochter schon wieder in Jungenkleidung herumlief. Kara trug ein wasserblaues Wams, das von einem roten Band an ihrer Hüfte zusammengehalten wurde. Darunter befand sich eine dunkelbraune Lederhose über die sich ein Paar brauner Stiefel spannte, dass kurz vor Karas Knien endete. Doch das nicht das erste Mal, das Kara sich in solch einem Aufzuge bewegte. Immerhin hatte es Amira schließlich vor langer Zeit aufgegeben ihre Tochter in Kleider stecken zu wollen. So oft wie Kara mit ihren Brüdern herumtobte überlebte kein Kleid länger als zwei Tage, was auf Dauer ein ziemlich teures Vergnügen darstellte. Also hatte Amira ihre Tochter schließlich die abgetragenen Sachen ihrer Brüder tragen lassen, was diese ohnehin schon die ganze Zeit getan hatte, wenn gerade niemand weiter in der Nähe war, der sie daran hindern konnte. Doch dieses Mal war etwas Entscheidendes anders.

„Was bei allen Göttern hast du mit deinen Haaren gemacht?“ Entsetzt stürzte Amira auf ihre Tochter zu, deren einstige Lockenpracht komplett verschwunden zu sein schien. Karas blonde Haare sahen nun aus als würden sie zu einem Jungen gehören und nicht zu einem Mädchen.

„Nicht!“ Kara duckte sich als ihre Mutter nach ihrem Kopf greifen wollte und schützte diesen mit ihren Händen und Armen.

„Nicht Mama! Es ist alles in Ordnung sie sind nur hochgesteckt.“ Mit einem Seufzer der Erleichterung sank Amira in die Knie.

„Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein, ja?“ Kopfschüttelnd sah Kara ihre Mutter an. Warum machte sie nur immer wieder so einen Aufstand wegen ihrer Haare? Im Prinzip waren die doch einfach nur lang und unpraktisch aber komischerweise hatten alle außer Kara einen riesigen Narren an der goldenen Pracht gefressen. Wenn es nach Kara gegangen wäre, dann hätte sie ihre Haare schon längst bis auf Kinnlänge abgeschnitten und zu einem kleinen Zopf im Nacken zusammengebunden. Ganz so wie ihr Bruder Kadiak es machte, aber sie musste allen versprechen ihre Haare so lang zu lassen wie sie waren. Nun ja, das hätte Kara eigentlich auch nicht wirklich daran gehindert ihre blonden Locken der Schere zu opfern, aber als ihr Vater eines Tages meinte, das sie ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sähe war das Grund genug sich zusammenzureißen und mit diesem leidigen Problem zu leben. Immerhin sah Kara ihren Vater viel zu selten und wenn er dann da war musste sie ihn auch noch mit dem Rest ihrer Familie teilen, da war es nur recht und billig, das sie jedes Mal ein Lob für ihre goldene Haarpracht einheimsen konnte. Wenigstens in diesem Punkt konnte sie sich sicher sein die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Vaters zu haben. Vor allem wenn dieser abends mit seiner Familie vor dem Kamin saß und ihre Haare kämmte und flocht. Eigentlich war das keine Beschäftigung für einen Mann, aber ihr Vater hatte es sich niemals nehmen lassen die neuen Spangen und Bänder die er von seinen Reisen mitbrachte selbst in das Haar seiner Tochter zu flechten.

„Ist gut, aber jetzt komm endlich!“ Hastig griff Kara nach der Hand ihrer Mutter und zog sie hinter sich her aus dem Raum. Amüsiert stellte Amira fest das ihre Tochter immer mehr nach ihrem Vater schlug. Sie hatte wie er dieses unstete Wesen, das es unmöglich machte lange an einem Ort stillzusitzen. Das war auch der Grund gewesen warum Amira eingewilligt hatte, das Kara ihren Vater auf dessen Reisen begleiten durfte, das heißt selbstverständlich nur, wenn es sich um eine sichere Reise handelte. Karas Brüder waren darüber zwar nicht sonderlich begeistert gewesen. Immerhin war Kara gerade einmal drei Jahre alt gewesen als sie den Palast des Magnolia-Reiches zum ersten Mal verließ, aber sie wussten nur zu gut was in ihrer kleinen Schwester vorging. Immerhin hatten sie ebenfalls sehr früh darauf gedrängt ihren Vater begleiten zu dürfen. Mittlerweile waren sie alt genug um die Königreiche auf eigene Faust erkunden und sie gönnten es Kara von Herzen, das sie ihrem Alltagstrott auf diese Weise hin und wieder entkommen konnte. Im Gegensatz zu Kara wussten ihre Brüder nämlich, das es nicht ewig so weitergehen würde.

Ihre Schwester besaß eine unglaubliche magische Begabung und die W-La Priester hatten ihre Mutter schon vor langer Zeit darum gebeten sie in ihren Orden aufnehmen zu dürfen. Nach ihrer Mündigkeit sollte Kara zur W-La Priesterin geweiht werden und danach würde sie nie wieder einfach so in den Königreichen umherstreifen können wie es jetzt der Fall war. All das hatte man Kara zwar bereits schon vor geraumer Zeit gesagt, aber sie hatte nicht den geringsten Gedanken daran verschwendet, das ihre Zukunft eines Tages tatsächlich so aussehen würde. Immerhin waren es bis zu ihrer Mündigkeit noch gut und gerne vier Jahre und bis dahin würde noch sehr viel Wasser in die großen Flüsse fließen.

„Das hat ja ewig gedauert.“ Tadelnd sah Kilian seine Mutter und Kara als diese endlich aus dem Zimmer stürzten. Mit einer kleinen Fackel in der Hand ging er voran. Wenn sie sich nicht beeilten würden sie noch zu spät kommen. Amira wunderte sich immer noch über das merkwürdige Verhalten ihrer Kinder, aber sie folgte ihnen voll freudiger Erwartung immerhin waren bereits zwei Monate verstrichen seitdem sie ihren Geliebten das letzte Mal gesehen hatte. Als die Drei das oberste Gemach im Westturm erreichten war es dort stockdunkel und selbst nachdem Kara alle Lampen entzündet hatte war weit und breit niemand zu entdecken. Amira war wütend. Wenn das ein Scherz sein sollte, dann war er kläglich misslungen. Da zerrten ihre Kinder sie mitten in der Nacht aus dem Bett und dann war Kail bereits wieder verschwunden noch ehe sie die Chance gehabt hatte ihn zu begrüßen sagen. Hatte sie wirklich solange gebraucht um in den Westturm zu gelangen? Oder hatte ein plötzlicher Notfall ihren Mann zu einem hastigen Aufbruch veranlasst? Grübelnd sank Amira auf ein Sofa und starrte die Wand an. Was auch immer passiert sein mochte, es musste etwas Wichtiges gewesen sein sonst wäre Kail niemals verschwunden ohne sich von ihr zu verabschieden.

„Glaubst du sie ahnt etwas?“ Kara hatte sich flüsternd zu ihrem Bruder gebeugt, der gerade dabei war so vorsichtig wie möglich einen ganz besonders kostbaren Wein aus einer Karaffe in ein Weinglas zu füllen.

„Bestimmt nicht, aber ich hoffe sie beeilen sich. Lange wird sie bestimmt nicht mehr bleiben.“ Aus den Augenwinkeln schielten sie beide hinüber zu ihrer Mutter, die nachdenklich mit den Fransen ihres Morgenmantels spielte. Kilian hatte mit Sicherheit Recht. Wenn ihr Vater sich nicht bald zeigte, dann würde ihre Mutter bestimmt wieder in ihre Gemächer zurückkehren. Sie hatte noch nie sonderlich lange gewartet, wenn sie sich sicher war, das sich ihr Mann nicht mehr im Palast des Magnolia-Reiches befand. Es war fast so als hätte ihre Mutter einen siebten Sinn dafür entwickelt ob sich ihr Mann in ihrer Nähe aufhielt oder nicht.

„Hier bitte schön.“ Lächelnd hielt Kilian seiner Mutter ein halbgefüllte Weinglas entgegen während er ein zweites in seiner anderen Hand zurückhielt. Die dunkelrote Flüssigkeit leuchtete im Schatten der Flammen auf wie flüssiges Blut.

„Danke.“ Zögernd nahm ihm Amira das Glas aus der Hand und verkniff sich die Bemerkung, dass er ihrer Meinung noch viel zu jung war für unverdünnten Wein. Vorsichtig roch sie an dem Wein und hob überrascht ihre Augenbrauen als sie das Bouquet erkannte.

„Wo hast du den her?“ Geheimnisvoll lächelnd setzte Kilian sein Weinglas ab und sah seine Schwester an, die vollkommen unschuldig aus dem Fenster guckte als ginge sie all das rein gar nichts an.

„Kara?“ Nicht der geringste Muskel bewegte sich in Karas Gesicht, als diese sich zu ihrer Mutter umdrehte. Dabei wusste Kilian wie schwer es seiner Schwester fiel sich nicht durch ein Grinsen zu verraten.

„Woher stammt dieser Wein?“ Misstrauisch beobachtete Amira ihre Tochter, die sich nicht das Geringste anmerken ließ, als sie ihrer Mutter vollkommen glaubhaft irgendetwas von einer größeren Kiste Wein erzählte, die sie auf dem Markt erstanden hatte. Es war nicht weiter verwunderlich, dass sich in eine solche Kiste auch manchmal ein kostbarer Wein wie dieser verirrte. Deshalb wurde Amira auch nicht misstrauisch. Genüsslich nippte sie an der dunklen Flüssigkeit und genoss das fruchtige Aroma, das sich auf ihrer Zunge verteilte, ehe sich ein kleines warmes Feuer von ihrem Rachen bis hinunter in ihren Magen erstreckte. Es war Jahre her, das sie einen solch köstlichen Wein getrunken hatte und dementsprechend genoss Amira jeden einzelnen noch so kleinen Schluck. Das war der Wein ihrer Heimat und wenn sie die Augen schloss, dann konnte sie die kleine Insel im See wieder sehen, die für so viele Jahre ihr zu Hause gewesen war. Dort hatte sie seit ihrer Jugend im Tempel des Naiad verdient und auch immer wieder beim Keltern der Weine geholfen. Es war schon lange her…

„Mama? Ist alles in Ordnung?“ Besorgt beugte sich Kara über ihre Mutter in deren Augenwinkeln sich vereinzelte Tränen gesammelt hatten.

„Ja, es ist nichts. Ich habe mich nur plötzlich an etwas erinnert.“ Amira beeilte sich ihre Tochter zu beruhigen. Es war selten, das sie sich so gehen ließ, aber sie hatte auch schon lange nicht mehr so intensiv an ihre Heimat gedacht. Kara gab ihren Bruder unauffällig ein Zeichen während sie ihre Mutter aufmerksam beobachtete. Sie wusste, wie ihr Vater ihrer Mutter kennen gelernt hatte und warum diese nun im Palast des Magnolia-Reiches lebte, aber es war merkwürdig zu sehen das ihre Mutter plötzlich nur wegen einem Wein zu weinen begann. Hatte sie etwa nach all der Zeit Heimweh?

Kilian hatte das Zeichen seiner Schwester bemerkt und vorsichtig an einer gut verborgenen Schnur gezogen. Keine zwei Minuten später öffnete sich eine Geheimtür und sowohl sein Vater, als auch seine Brüder, sein Onkel, seine Tante und seine Großmutter stürmten in den Raum während sie allesamt laut >Alles Gute zum Geburtstag< schrieen. Vor lauter Schreck hätte Amira fast den Rest ihres Weines über das Polster des Sofas verteilt.

„Was bei allen Göttern?!“ Sie musterten die Anwesenden vollkommen ungläubig. Geburtstag? Aber ihr Geburtstag war doch erst morgen. Breit grinsend trat Kail auf seine Frau zu und umfasste deren Gesicht sanft mit seinen Händen.

„Mitternacht ist bereits vorbei. Alles Gute zum Geburtstag Liebling.“ Noch ehe Amira etwas erwidern konnte verschloss Kail ihren Mund mit einem sehnsüchtigen Kuss, den sie hungrig erwiderte. Verlegen begann der Rest der Versammelten zu hüsteln, aber sie schienen nicht mehr zu existieren und bevor die Kinder etwas zu sehen bekamen für das sie noch nicht alt genug waren scheuchte ihre Großmutter sie zurück in den Geheimgang wo sie schon von Isidor und dessen Frau breit grinsend erwartet wurden.

„Habt ihr wirklich geglaubt noch in dieser Nacht feiern zu können?“ Die Angesprochenen schüttelten nach kurzem Überlegen allesamt den Kopf und brachen kurz darauf in schallendes Gelächter aus. Die einstige Königin des Magnolia-Reiches sah sanft lächelnd auf ihre Kinder und Enkelkinder und dankte mit einem stillen Gebet den Göttern, das ihr eine solche Familie vergönnt war.

 

* * * * *

 

„Bleib sofort stehen!“ Der keinen Widerspruch duldende Ruf der Wache hallte durch die Gänge des Palastes doch niemand schien sich weiter darum zu kümmern bis ein blonder Haarschopf am anderen Ende des Korridors auftauchte dessen Besitzerin dem Soldaten keck die Zunge rausstreckte.

„Na warte du Biest!“ Aufgebracht stürzte die Wache dem kleinen Übeltäter hinterher während sich dieser mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und der Hilfe eines Wandteppichs ein Stockwerk höher hangelte. So lahm wie dieser Soldat war würde er sie niemals erwischen. Lachend ließ sich Kara über die Brüstung gleiten und wollte gerade ihre Flucht fortsetzen als sie unsanft jemand an ihrem langen, blonden Zopf zurückzog.

„AUH!“ Protestierend schrie Kara kurz auf, aber derjenige, der sie fest hielt ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken.

„Bist du etwa schon wieder entwischt.“ Grummelnd drehte sich Kara um und sah direkt in das missbilligende Gesicht ihres Ältesten Bruder der sich aufgrund seiner neunzehn Jahre einbildete erwachsen zu sein.

„Und wenn schon.“ Seufzend betrachtete Kilian seine Schwester, die mit leicht vorgeschobener Unterlippe schmollte. In den letzten Jahren war sie zu einer wunderschönen kleinen Lady herangewachsen, auch wenn sie sich selten wie eine benahm. Immerhin steckte sie selbst jetzt wieder in Jungenkleidung und schien ihren Lehrern erneut entwischt zu sein.

„Komm schon Kilian lass mich los.“

„Warum sollte ich? Die Priester suchen dich bestimmt schon verzweifelt.“ Kara stieß ein verächtliches Schnauben aus, was ihn etwa so viel hieß wie, das kann mir doch egal sein. Seit dem Tod ihrer Mutter vor knapp drei Jahren war Kara nur noch selten im W-La Tempel gewesen und Kilian verstand seine Schwester gut. Immerhin hatte diese während der langen Krankheit ihrer Mutter fast jede freie Minute im Tempel verbracht und für ihre Mutter gebetet. Vergeblich. Amira starb vier Monate später an ihrer Krankheit und niemand konnte sich erklären warum die Götter ihr nicht geholfen hatten. Es hatte sie alle vollkommen unerwartet getroffen und besonders die damals neunjährige Kara hatte sehr unter dem Verlust gelitten. Sie begriff einfach nicht warum die Göttin des Feuers ihre Gebete nicht erhört hatte und sie ihre Mutter trotz aller Schwüre dennoch verloren hatte. Seitdem hatte Kara ihren Glauben an die Götter verloren. Wenn W-La nicht einmal dazu in der Lage war ihre Mutter zu retten warum verehrte man sie dann?

„Kara, du weißt doch genau, das in ein paar Tagen zur W-La Priesterin geweiht werden sollst. Warum benimmst du dich nicht endlich.“ Aufgebracht riss sich Kara von ihrem Bruder los und funkelte diesen eisig an.

„Ich werde niemals eine Priesterin! Ich werde mit Papa gehen!“ Und noch ehe Kilian sie aufhalten konnte stürmte sie davon. Nachdenklich sah dieser seiner Schwester nach. Es war nicht neu, das sie so derart feindselig reagierte, wenn es um das Thema W-La Priesterin ging, aber es war verblüffend zu sehen, das sie immer noch daran festhielt von nun an ihren Vater zu begleiten. Vor über einer Woche war seine zwölfjährige Schwester für Mündig erklärt worden und seit diesem Tag lag sie ihrem Onkel und ihren Brüder in den Ohren, das sie den Palast des Magnolia-Reiches verlassen wollte um ihren Vater zu begleiten. Bisher hatte sich ihr Onkel standhaft geweigert sie gehen zu lassen, da Kara seiner Meinung nach viel zu jung war um sich in ein solch gefahrvolles Leben, wie ihr Vater es führte, zu stürzen. Das war aber nur einer der Gründe. Ein anderer war, das Kara wirkliche eine unglaubliche Begabung zur Priesterin besaß. Ihre magischen Fähigkeiten überstiegen schon jetzt die des Oberpriesters der W-La bei Weitem und Karas Kräfte waren immer noch nicht voll ausgebildet. Ihre Kräfte würden sich bis zu ihrem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Geburtstag noch weiterentwickeln und niemand konnte sagen wie groß ihr Talent bis dahin sein würde. Jemand mit einer solch hohen magischen Begabung kam nur einmal alle hundert Jahre in den Königreichen vor und jeder Tempel wäre heilfroh ein solches Talent in seinen Reihen wissen zu können.

„Ist unser kleiner Wildfang etwa schon wieder auf der Flucht?“ Kilian bekam fast einen Herzinfarkt als er so plötzlich von hinten angesprochen wurde. Irgendwie hatte es Khat geschafft sich dieses Mal vollkommen unbemerkt an seinen älteren Bruder anzuschleichen und dessen erschrockenes Zusammenzucken veranlasste ihn zu einem leichten Lachen.

„Was denn Kilian? Hast du so sehr nachgelassen?“ Feindselig funkelte Kilian seinen jüngeren Bruder an.

„Ach lass mich doch in Ruhe!“ Grinsend sah Khat seinem Bruder hinterher, der in derselben Richtung verschwand wie Kara. Wahrscheinlich würde er Kilian suchen gehen. Wenn es um Kara ging vergaß sein großer Bruder fast alles um sich herum. Man konnte sagen was man wollte, aber es war nicht zu übersehen, dass Kilian mit Argusaugen über seine Schwester wachte. Sicherlich nach außen hin verhielten sich die Beiden wie Hund und Katze, aber merkwürdigerweise war Kilian immer dann zur Stelle, wenn Kara wieder einmal in Schwierigkeiten steckte. Es war äußerst erheiternd zu sehen wie dieser immer so tat als wäre ihm seine kleine Schwester lästig und sie dabei am Liebsten vor der ganzen Welt verstecken würde, damit er sie mit niemandem mehr teilen musste. Immer noch breit grinsend machte sich Khat auf die Suche nach seinem Zwillingsbruder, den er schon seit dem frühen Morgen nicht mehr gesehen hatte. Aber es war nicht sonderlich schwer herauszufinden wo sich der sechzehnjährige befand. Er war bestimmt wieder an den Koppeln und bewies der weiblichen Dienerschaft seine Reitkünste und ganz besonders einem der Mädchen. Khat musste schmunzeln wenn er daran dachte wie trottelig sich sein älterer Zwillingsbruder verhielt wenn es um Mädchen ging und in dieses eine musste sich Kadiak ernsthaft verliebt haben. Immerhin bekam er nicht mehr einen zusammenhängenden Satz raus wenn sie in der Nähe war.

 

* * * * *

 

„Wer ist das?“ Aufgeregt wiesen die Mädchen am Rand der Koppel den blonden Reiter, der aufrecht stehend auf einem eisgrauen Hengst balancierte.

„Bei allen Göttern! KARA!“ So schnell es ging wendete Kadiak sein Pferd und ritt auf die Koppel zu in der seine Schwester gerade ihr Leben riskierte. Warum hatten er und seine Brüder ihr eigentlich seit Jahren eingetrichtert, dass sie sich von Serapion fernhalten solle?! Dieser Hengst war gefährlich und jetzt balancierte sie auf dessen Rücken?!

„Kara! KARA!“ Kaum hatte diese den ihr geltenden Ruf vernommen ließ sie sich auch schon mit einer eleganten Bewegung auf den Rücken des eisgrauen Hengstes sinken und tippte diesem kurz mit ihren Fersen in die Flanken. Keine Zwei Sekunden später stürmten die Beiden in gestrecktem Galopp davon und verschwanden in einem kleinen Hain in voller Blüte stehenden Magnolienbäume. Fluchend brachte Kadiak sein Pferd zum Stehen und sah grimmig auf die Stelle wo seine Schwester in der schützenden Blütenpracht verschwunden war. Selbst wenn er ihr jetzt hinterher ritt würde es Stunden dauern sie zu finden. Grummelnd wendete er sein Pferd und ritt ohne die ihn vollkommen ungläubig anstarrenden Mädchen zu beachten zurück zu den Stallungen. Er musste so schnell es ging seine Brüder finden, damit sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester machen konnten. Wer wusste, was dieser kleine Wildfang anstellen würde, wenn sie ihn nicht bald fanden. Außerdem würde es ihn unheimlich interessieren wann es seiner Schwester gelungen war den eisgrauen Hengst zu zähmen.

Es war bereits dunkel als die drei Brüder zum Palast zurück kehrten aber von ihrer Schwester fehlte nach wie vor jede Spur. Wie auch immer Kara es dieses Mal geschafft haben mochte, aber sie schien sich wesentlich weiter vom Palast entfernt zu haben als die Drei vermutet hatten. Sie hatten jedes erdenkliche Versteck ihrer Schwester durchsucht, aber sie war nirgends zu finden gewesen. Dementsprechend ruhig waren die Drei auch, als sie nach einer kurzen Katzenwäsche beim Abendessen saßen. Ihr Onkel, der König des Magnolia-Reiches verkniff es sich die drei jungen Männer nach dem Grund für ihre Schweigsamkeit zu fragen. Der leere Platz an der reichgedeckten Tafel sagte mehr als tausend Worte. Es sah ganz so aus als würde seine Nichte dieses Mal verdammt ernst meinen.

Normalerweise kehrte die kleine Ausreißerin spätestens zum Abendessen zurück aber an diesem Tag war das nicht der Fall. Die Stunden vergingen und Kara kam und kam nicht wieder. Ihre Brüder hatten in der Zwischenzeit beschlossen sich erst einmal gründlich auszuruhen und am frühen Morgen ihre Suche fortzusetzen. Sie kannten ihre Schwester und waren sich sicher, dass diese sich bereits einen Unterschlupf für die Nacht gesucht haben würde. Sobald die Sonne aufging würden sie sich aufteilen und weiter nach ihr suchen. Wahrscheinlich würden sie ihre Schwester dann noch vor den Abendstunden finden. Immerhin war Karas Gesicht im gesamten Magnolia-Reich bekannt, da sie seit ihrer frühsten Kindheit immer wieder dem Palast entwischt war, um sich auf den unzähligen Märkten und Festen des Reiches herumzutreiben. Wobei sie es so manches Mal auch schon bis an die Grenzen des Magnolia-Reiches geschafft hatte, wenn sie sich in einem Wagen der fahrenden Händler versteckte. Der König hoffte nur, dass seine Nichte nicht auf die Idee gekommen war auf diese Art die Grenze des Magnolia-Reiches zu überqueren, um sich auf die Suche nach ihrem Vater zu machen. Das und der Gedanke was Kail mit ihm machen würde, wenn er erfuhr, dass ihm seine Tochter entwischt war ließen Isidor in dieser Nacht nicht zur Ruhe kommen.

Seine Frau hatte es schon lange aufgegeben ihren Mann dazu überreden zu wollen sich endlich zu ihr ins Bett zu legen. Immerhin wusste sie wie wichtig diesem die Kinder seines Bruders waren. Also hatte sie ihren Mann schließlich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer geworfen, damit wenigstens sie die noch verbleibenden Stunden der Nacht nutzen konnte um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie sich nämlich sicher, dass dieser blonde Wildfang viel schneller wieder auftauchen würde, als alle glaubten. Seit sie von Karas Verschwinden in Kenntnis gesetzt worden war hatte die Königin des Magnolia-Reiches mit Hilfe ihrer Schwiegermutter sämtliche Wachposten an den Grenzen des Reiches davon in Kenntnis gesetzt, das sie niemanden passieren lassen sollten auf den Karas Beschreibung auch nur annähernd zutraf. Sie sollten die betreffende Person gefangen nehmen und dann sofort eine Nachricht an den königlichen Palast zu senden. Wobei es eine unglaubliche Hilfe war, das Kara mit diesem eisgrauen Hengst unterwegs war. Das Tier war wahrscheinlich ebenso auffällig wie seine Reiterin. Da aber weder Karas Brüder noch ihr eigener Mann Anstalten machten ihr zu zuhören hatte die Königin des Magnolia-Reiches schließlich darauf verzichtet sie in diese kleine Tatsache einzuweihen. Sie würden es ohnehin noch früh genug merken. Bis dahin könnten sie sich ruhig noch ein paar Sorgen machen.

Als sich jedoch noch in derselben Nacht ein schwerer Sturm über das Magnolia-Reich legte verließ auch die Königin ihr Bett. Besorgt schloss sie die schweren Fensterläden ihres Schlafgemachs und begab sich dann in den angrenzenden Raum wo Isidor bereits nervös auf und ab schritt. Seufzend ließ sie sich in einen großen Ohrensessel sinken und zog die Beine unter ihren Körper. Es war bereits über sieben Jahre her, das sie ihren Mann geheiratet hatte und sie war immer wieder überrascht wie wichtig ihm die Kinder seines Bruders waren. Erst war es ihr komisch vorgekommen, dass die Kinder einer Mätresse nicht als Kronprinzen und –prinzessinen galten, aber nach und nach hatte sie die Wahrheit herausgefunden. Oder besser gesagt Amira hatte der jungen Königin eines Tages anvertraut, was sie in den Palast des Magnolia-Reiches geführt hatte.

Das war an dem Tag gewesen wo sich die Königin zum ersten Mal mit ihrem Mann gestritten hatte. Der Grund war dessen unglaubliche Nachsichtigkeit mit Amiras vier Kindern gewesen, denn obwohl sie es immer wieder versuchten waren bisher alle Versuche des Königs und der Königin ein eigenes Kind zu bekommen gescheitert. Das nagte schwer an der jungen Königin und sie verstand einfach nicht warum ihr Gemahl soviel Zeit mit seiner Mätresse und deren Kindern verbrachte, wenn sie doch nie seinen Thron erben würden. Amira war es, die die damals neunzehnjährige Königin von ihren Sorgen befreit hatte. Immerhin war diese noch jung und Kinder würde sie früher oder später auch bekommen in der Zwischenzeit sollte sie ihr Leben einfach genießen. Doch es waren nicht diese freundlichen Worte, die die Königin des Magnolia-Reiches so sehr beruhigten sondern viel eher, die Geschichte, die Amira mit diesen verbunden hatte. Seitdem die Königin wusste in welcher Beziehung Amira zu ihrem Mann stand war sie wesentlich ruhiger geworden und zwischen den beiden Frauen hatte sich eine tiefe Freundschaft entwickelt. Amiras Tod hatte die junge Königin hart getroffen und sie verstand durchaus, warum Amiras Tochter sich so sehr gegen das Leben einer Priesterin sträubte. Auch sie hätte damals beinahe ihren Glauben an die Götter verloren.

„Wo ist sie nur?“ Nervös fuhr sich der König des Magnolia-Reiches durch die vollkommen durcheinander geratenen braunen Haare wodurch nur noch mehr von seinem Kopf abstanden. Alles in allem sah der ansonsten ruhige Isidor in dieser Nacht so gar nicht nach einem König aus. Das dicke, braune Haar stand in alle nur erdenkliche Richtungen von seinem Kopf ab, sein Morgenmantel hing schief über seinen Schultern und war nur halb geschlossen und sein Nachthemd, das darunter zum Vorschein kam war vollkommen verknautscht. Alles in allem hatte er in dieser Nacht wesentlich mehr Ähnlichkeit mit einem übernervösen Vater als mit einem König. Normalerweise schaffte Isidor es nämlich immer korrekt gekleidet zu all seinen Terminen zu erscheinen und auch wenn sich eine noch so große Katastrophe anbahnte versteckte er seine wahren Gefühle unter einer Maske der Gelassenheit. Die Königin des Magnolia-Reiches musste leicht lachen als ihr Mann sich beinahe sein Schienbein an einem der kleinen Tische stieß.

„Sacha!“ Tadelnd sah Isidor seine Frau an, die unter seinem Blick kurz zusammenzuckte dann aber nur den Kopf schüttelte. Seufzend stoppte Isidor seine kleine Wanderung und ließ sich auf einem Sofa ihr direkt gegenüber nieder.

„Du hast Recht. Es bringt nichts. Wir können nur warten.“ Lächelnd stand Sacha auf und nahm ihren Mann fest in die Arme. Sie verstand nur zu gut, was in ihrem Geliebten vorging, aber im Gegensatz zu ihm stammte sie aus einem Kriegervolk und dort verließen die Kinder ihre Eltern meist direkt nach ihrer Mündigkeitszeromonie, um sich ihren Fähigkeiten entsprechend auf den Weg in die Königreiche zu machen und ihr Handwerk zu vervollkommnen. Aber egal, wohin sie auch gingen sie kehrten sobald sie ihre Lehre beendet hatten immer wieder in ihre Heimatstadt zurück, um von ihren Reisen und Erlebnissen zu berichten. In ihrem Volk hatte man es aufgegeben sich darüber Sorgen zu machen, ob die Kinder zurückkehren würden oder nicht. Man hatte ihnen schließlich alles beigebracht, was sie wissen mussten und im Gegensatz zu den Kindern aller anderen Völker waren die Kinder aus ihrem Volk bereits begnadete Reiter und konnten mit mehren Waffen schon fast perfekt umgehen, wenn sie ihr Elternhaus verließen. Daher war es kaum verwunderlich, das gerade Sachas Volk berühmt für seine Krieger war. Dabei spielte es auch nicht die geringste Rolle, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Sie alle wurden gleich behandelt und die Frauen standen den Männer was den Umgang mit Waffen oder Pferden in nichts nach.

„Manchmal wünschte ich mir, sie würde nicht ganz so sehr nach ihrem Vater kommen.“ Isidor hatte die Umarmung seiner Frau sanft erwidert und jetzt lagen sie beide eng zusammengekuschelt auf einem viel zu kleinen Sofa und warteten darauf, dass sowohl die Nacht als auch der Sturm endlich vorbeizogen.

„Ist sie ihm wirklich so ähnlich?“ Sacha hatte den Bruder ihres Mannes bisher nur selten gesehen und nie mehr als drei oder vier Sätze mit diesem gewechselt. Sicher, es war nicht zu übersehen, das er ein ganz ausgezeichneter Kämpfer sein musste. Sein gesamter Körper wies nicht ein Gramm Fett auf und die grünen Augen sowie sie langen, dunklen Haare verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Aber viel mehr als das hatte Sacha bisher nicht in Erfahrung bringen können. Über den Charakter dieses Mannes wusste sie so gut wie gar nichts.

„Oh ja, Kail war in seiner Kindheit ganz genauso. Keine Abenteuer war ihm zu gefährlich und kein Pferd zu wild. Er konnte es niemals erwarten eine Reise zu beginnen oder etwas Neues zu entdecken. Die ganze Zeit über striff er im ganzen Königreich umher und das manchmal sogar tagelang ohne, das irgendjemand wusste wo er steckte. Wenn er dann nach einigen Tagen vollkommen verdreckt aber bis über beide Ohren strahlend wiederkam verpasste ihm Mutter zwar regelmäßig eine Tracht Prügel, aber man konnte sich sicher sein, das er keine zwei Tage später schon wieder den nächsten Unsinn ausheckte.“

„Ah ha, es ist doch schön zu wissen, das man geschätzt wird.“ Erschrocken fuhr Isidor von seinem Sitzplatz auf wobei seine Frau wahrscheinlich äußerst unsanft auf dem Boden gelandet wäre, wenn sie nicht zeitgleich mit ihm aufgesprungen wäre. Direkt neben dem Kamin stand eine von Kopf bis Fuß triefende Gestalt, auf deren Armen eine friedlich schlummernde Kara lag.

„Kail?“ Vollkommen ungläubig starrte Isidor die durchnässte Gestalt an.

„Gleich. Lass mich nur kurz etwas erledigen.“ Ohne auf die fassungslosen Gesichter seines Bruders und dessen Gemahlin zu achten legte Kail seine schlafende Tochter auf ein großes, weiches Sofa, das nicht allzu weit vom Kamin entfernt stand. Sie war wie er ebenfalls von Kopf bis durchnässt aber er wollte sie noch nicht aufwecken. Das Feuer des Kamins würde sie fürs erste warm genug halten. Ein protestierendes Miauen erinnerte Kail daran, das er sich nicht nur um seine Tochter kümmern musste. Lächelnd griff er in eine Tasche seines Umhangs und hielt schließlich ein immer noch miauendes, schwarzes Kätzchen in der Hand, das er trotz aller Proteste vorsichtig auf den Bauch seiner Tochter setzte. Vorwurfsvoll funkelte die kleine Katze Kail an, als wollte sie ihm deutlich machen, das sie es rein gar nicht schätzte schon wieder auf etwas Nassem zu sitzen. Kail tätschelte der kleinen Katze kurz über den Kopf und musste höllisch aufpassen, das diese ihm nicht die Finger zerkratze, doch dann rollte sich das kleine Wesen knurrend auf Karas Bauch zusammen und machte damit deutlich, das es besser wäre sie und die Person, auf der sie schlief nicht mehr zu stören. Es sei denn man wollte eine blutige Hand riskieren.

„Ganz schön frech für so ein kleines Kätzchen.“ Sacha hatte sich neben die Schlafende gekniet und versuchte nun vorsichtig die kleine Katze hinter den Ohren zu kraulen wurde aber jedes Mal von einem feindseligen Knurren davon abgehalten.

„Vorsichtig, sie ist mindestens so bissig wie ihre Besitzerin.“ Grinsend schlug Kail die Kapuze seines Umhangs zurück und stellte sich zum Aufwärmen vor den Kamin. Ein spitzer Aufschrei zeigte den Triumph des Kätzchens über den menschlichen Störenfried. Geschlagen zog sich Sacha in einen Sessel zurück und betrachtete die Kratzer an ihrer Hand. Diese Katze war wirklich ein Biest.

„Immerhin hatte er dich gewarnt.“ Grinsend erwiderte Isidor den eisigen Blick seiner Frau, die sich daraufhin beleidigt abwandte und schmollte.

„Isidor, es wäre mir lieber, wenn du dich auch setzt.“ Kail sah seinen Bruder ernst an und wie aus einem Reflex kam dieser der Bitte nach. Es war selten, das Kail in seiner Gegenwart so ernst wurde.

„Ich habe sie kurz vor der letzten Grenzstadt gefunden.“ Dabei deutete Kail auf seine Tochter, die immer noch vollkommen friedlich auf dem Sofa schlief.

„Sie hat mir erzählt, was sie vorhat und ich habe mir in den letzten Stunden ernsthafte Gedanken um ihre Zukunft gemacht.“ Kail verstummte kurz und sah seinen Bruder lange an.

„Ich werde sie mitnehmen. Sie wäre als Priesterin niemals glücklich.“

„NEIN!“ Isidor schoss in die Höhe und sah Kail an als hätte dieser soeben seinen Verstand verloren.

„Du kannst sie auf gar keinen Fall mitnehmen! Sie ist noch viel zu jung!“

„Isidor bitte. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Aber es ist für Kara das Beste, wenn sie mit mir kommt. Sie ist nicht für das Leben als Priesterin geschaffen.“ Es fiel Kail bei weitem nicht leicht sich das einzugestehen, aber seine Tochter ähnelte ihm wesentlich mehr als seine drei Söhne und er wusste, dass es ein Leben als Priesterin sie nur zerstören würde. Kara war einfach nicht dafür geschaffen den ganzen Tag in einem Tempel zu sitzen und eine Göttin zu verehren. Das Wesen seiner Tochter verlangte nach Reisen in ferne Länder und nicht nach Gebetsbüchern. Sie wäre niemals glücklich, wenn man sie nicht reisen lassen würde. Und noch etwas wusste Kail ganz genau. Wenn er sie jetzt hier zurückließ, dann würde es kein Jahr dauern und seine Tochter würde genau dasselbe tun, wie er in seiner Jugend als ihm die Mauern des Palastes zu eng wurden. Sie würde mitten in der Nacht ihre Sachen packen und sich auf die Suche nach etwas begeben, das nur sie finden konnte. Was auch immer das sein mochte.

„Glaubst du ernsthaft ich lasse zu, dass du deiner Tochter ein solches Leben zumutest?“ Der Ärger in Isidors Stimme war deutlich zu hören.

„Von Ort zu Ort ziehen ohne das sie jemand sehen darf. Immer wieder der Gefahr ausgesetzt in einer dunklen Gasse getötet zu werden. Bei allen Göttern Kail, sie ist ein junges Mädchen, das ist kein Leben für sie.“ Inzwischen schrie Isidor fast.

„Du unterschätzt sie. Kara ist durchaus in der Lage auf sich aufzupassen, aber du siehst in ihr immer nur den kleinen, blonden Engel, den du sehen willst, aber sie ist viel mehr als das.“ Lächelnd sah Kail kurz zu seiner schlafenden Tochter hinüber.

„Ja, sie ist viel mehr als das.“ Die Königin des Magnolia-Reiches war Kails Blicken gefolgt und ihr war nicht entgangen wie viel Stolz in dessen Stimme enthalten war, als er diesen Satz aussprach. Sie wusste, dass Kail Recht hatte. Kara war nicht zur Priesterin geboren. Sie würde im Tempel all ihren Lebensmut verlieren, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst wäre oder vor all dem flüchtete. Es wäre grausam ein so lebenslustiges Mädchen zu einem Leben zu zwingen, das dieses so sehr verabscheute.

„Du solltest sie gehen lassen.“ Sachas Stimme klang ganz leise durch den Raum, aber Isidor hatte das Gefühl, das seine Frau ihm in diesem Augenblick einen Dolch durch das Herz rammte.

„Stehst du etwa auf seiner Seite?“ Vorwurfsvoll wies er auf seinen Bruder, der betroffen den Kopf senkte. Er hatte nicht gewollte, das sich sein Bruder nun auch mit seiner Frau stritt.

„Nein, dafür kenne ich ihn nicht gut genug.“ Sacha schüttelte kurz ihre dunkle Lockenpracht.

„Aber ich kenne Kara und ein Leben im Tempel würde sie zerstören.“ Entschlossen wandte sie sich erst ihrem Mann und dann dessen Bruder zu.

„Darin stimme ich mit ihm überein. Es ist besser, wenn Kara den Palast für eine Weile verlässt um herauszufinden was in ihrem Leben wirklich wichtig ist.“ Fassungslos starrte Isidor seine Frau an und sank dann kraftlos auf einen Sessel.

„Was in ihrem Leben wichtig ist? Warum sollte sie das nicht hier herausfinden können?“ Er fuhr sich mit einer Hand über die Augen als ihm klar wurde, dass er bereit war nachzugeben. Dabei erschreckte ihn selbst diese Tatsache zutiefst. Immerhin hatte er Amira geschworen sich um ihre Kinder zu kümmern und diese so gut es ging vor Schaden zu bewahren, aber hieß das nicht auch sie gehen zu lassen?

„Weil sie es hier nicht finden würde. Sie weiß ja noch nicht einmal wonach sie sucht.“ Zärtlich sah Sacha zu der Schlafenden hinüber, die von der gesamten Unterhaltung nicht das Geringste mitbekommen zu schien. Wahrscheinlich hatte sie ihre Reise zur Grenze vollkommen erschöpft. Es war ohnehin erstaunlich, dass sie es innerhalb eines halben Tages soweit geschafft hatte. Sie musste die gesamte Strecke ohne die kleinste Rast zurückgelegt haben. Bemerkenswert für jemanden, der noch so jung war.

„Ihr habt euch beide gegen mich verschwören.“ Mit einem resignierten Seufzer sah Isidor die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben an.

„Mutter wird es gar nicht gefallen, wenn sie davon erfährt.“ Jetzt grinste Kail seinen Bruder hinterhältig an.

„Mach dir darüber keine Sorgen. Ich werde es ihr nachher sagen und auch mit den Konsequenzen leben.“ Dabei blitzten seine grünen Augen derart amüsiert auf, das man fast meinen könnte er würde sich darauf freuen seiner Mutter einen Herzinfarkt zu verpassen.

„Nein, ich werde es ihr selber sagen.“ Erschrocken sahen die Drei zu dem Sofa hinüber auf dem Kara eigentlich noch bis vor wenigen Minuten geschlafen hatte.

„Seit wann bist du schon wach?“ Es war deutlich zu hören, dass es Kail ganz und gar nicht gefiel, das ihn seine Tochter zum Narren gehalten hatte.

„Ungefähr seit dem Zeitpunkt wo du mir diesen kleinen Racker auf den Bauch gesetzt hat. Er hat ziemlich scharfe Krallen.“ Lächelnd streichelte Kara über den Kopf des kleinen Kätzchens, das augenblicklich zufrieden vor sich hinschnurrte. Verächtlich sah die Königin des Magnolia-Reiches auf das schwarze Fellbündel, das ihr so übel mitgespielt hatte und nun die Sanftheit in Person darstellte.

„Dann hast du ja alles gehört.“ Gähnend stand Kail auf und tätschelte seiner Tochter kurz den Kopf bevor die Tür zu einem kleinen Geheimgang öffnete.

„Warte! Wohin willst du?“ Es war Isidor ganz und gar nicht geheuer, das sein Bruder sich plötzlich so schnell verabschiedete, als wäre nichts gewesen. Er befürchtete ernsthaft, dass dieser sich nun sofort auf den Weg in die Gemächer seiner Mutter machen würde, um sie von den neusten Entwicklungen in Kenntnis zu setzen.

„Ein Bad nehmen und dann noch ein oder zwei Stunden schlafen ehe ich unserer Mutter von diesem Gespräch hier berichte. Immerhin möchte ich halbwegs ausgeruht sein und die Chance zur Flucht haben wenn sie mich in die Mangel nimmt.“

„Meinst du ernsthaft, sie lässt dich entwischen?“ Grinsend sah Isidor seinen Bruder an.

„Eher nicht.“ Kail verzog sein Gesicht theatralisch als sei ihm gerade zum ersten Mal in seinem Leben bewusst geworden, dass er sich mit diesem Vorhaben in Lebensgefahr begab.

„Dann pass bloß gut auf deine Kehrseite auf.“

„Keine Sorge, das mache ich. Immerhin muss ich morgen noch reiten.“ Mit einem leichten Lachen verschwand Kail in dem Geheimgang und wurde schon bald von der darin herrschenden Dunkelheit verschluckt.

„Meinst du wirklich, dass Oma ihm den Hintern versohlt?“ Kara starrte ihren Onkel vollkommen ungläubig an.

„Oh ja, das wird sie.“ Und aus einem unkontrollierten Drang heraus begann Isidor lauthals zu lachen. Es war schon unglaublich, dass er und Kail selbst in ihrem jetzigen Alter immer noch einen Heidenrespekt vor ihrer Mutter hatten. Irritiert über das merkwürdige Verhalten ihres Onkels verabschiedete sich Kara von ihrer Tante und winkte ihrem Onkel, der immer noch lauthals lachte kurz zu, ehe sie ebenfalls in dem Geheimgang verschwand. Es war kaum zu glauben, aber ihr größter Traum würde wahr werden! Sie durfte ihren Vater begleiten und das nicht nur für eine Reise, sondern für immer! Mit einem Freudenjauchzer auf den Lippen sprang sie die Stufen des Geheimgangs hinunter und konnte es kaum noch erwarten, dass endlich der Morgen graute.

 

* * * * *

 

„Hätte ich das doch bloß nie zugelassen.“ Stöhnend fuhr sich der König des Magnolia-Reiches über das Gesicht und sah danach auf den weißen Stein vor sich. Amiras Antlitz lächelte ihn wie in all den vergangenen Jahren sanft an als würde sie ihm sagen wollen, das dies alles nach dem Willen der Götter geschehen sei und das niemand hatte voraussehen können, was seine damalige Entscheidung Kara gehen zu lassen für Folgen haben würde.

Es hatte ungefähr drei Jahre gedauert bis Kara gemeinsam mit ihren Brüdern in den Palast des Magnolia-Reiches zurückkehrte und die gravierenden Änderungen, die dem Mädchen, das Isidor einst hatte gehen lassen widerfahren waren, waren nicht zu übersehen. Kara war eine junge Dame geworden und eine wahre Schönheit obendrein. Wären ihre Brüder nicht gewesen, dann hätte ihr wohl jeder heiratsfähige Mann im gesamten Königreich den Hof gemacht, doch ihre Brüder ließen sie nicht einen einzigen Augenblick lang aus den Augen und wenn es auch nur ein einzelner Mann wagte ihrer Schwester zu Nahe zukommen wurde dieser sehr schnell vertrieben. Immerhin folgten nicht nur ihre Brüder Kara Schritt für Schritt sondern auch ein ausgewachsener schwarzer Panther, der nicht im Geringsten harmlos wirkte.

Das kleine schwarze Kätzchen von einst hatte sich zu einer riesigen Raubkatze entwickelt, die in keinster Weise den Eindruck erweckte als sei sie harmlos. Und wer sich dennoch traute sich der blonden Schönheit zu nähern musste immer noch deren Brüder überwinden. Meistens reichte es schon wenn die Drei den armen Tropf eisig musterten, damit er das Weite suchte, aber manche von Karas Verehren waren mutiger und wurden dann mit dementsprechender Gewaltanwendung eines besseren belehrt. Normalerweise hätte Isidor seinen drei Neffen für ein solches Verhalten gehörig den Kopf gewaschen, aber seitdem er den Grund für die Rückkehr der vier Geschwister kannte war unheimlich nachsichtig mit ihnen. Was nicht zuletzt an der Tatsache lag, das Kara bereits hochschwanger war als sie in den Palast zurückkehrte. Allerdings wusste sie diese Tatsache gut zu kaschieren. Es hatte drei Wochen gedauert ehe überhaupt einmal jemand merkte, dass etwas mit Kara nicht stimmte. Seltsamerweise blieb ihr Bauch nämlich während der gesamten Schwangerschaft fast vollkommen flach.

Ihre drei Brüder zuckten als man sie mit dieser kleinen Tatsache konfrontierte lediglich kurz mit den Achseln und meinten, dass ihre Schwester schon wüsste was sie tat. Damit gaben sie aber gleichzeitig auch zu verstehen, das sie selbst nicht wussten wem Kara diesen Zustand zu verdanken hatte und das sämtliche Fragen in diese Richtung vollkommen überflüssig wären. Anscheinend hatte sich Kara in dieser Hinsicht bereits ausgeschwiegen seitdem ihre Schwangerschaft bekannt geworden war.

Das änderte sich auch nicht als Kara ihre Kinder zur Welt gebracht hatte. Sie schwieg auch weiterhin beharrlich wenn es darum ging wer der Vater ihrer beiden Söhne war bis schließlich alle Fragesteller aufgaben. Es war vollkommen unmöglich gegen diesen Dickschädel anzukommen. Erst als Kara ihrem Onkel und ihrem Brüdern nach knapp einem halben Jahr eröffnete das sie erneut aufbrechen würde, um sich ihrem Vater anzuschließen gab es einen riesigen Streit, aus dem Kara schließlich als Siegerin hervorging. Sie vertraute ihre Söhne der Frau ihres Bruders Kadiak an und begab sich dann auf die Suche nach ihrem Vater. Selbstverständlich nicht ohne, das sie ihre Brüder und ihre Raubkatze begleitet hätten.

Isidor würde niemals die Nacht vergessen in der Kara schließlich nach knapp einem Jahr zurückkehrte. Wenn er geahnt hätte, was in diesem einen Jahr alles geschehen würde, dann hätte er seine Nichte niemals so einfach gehen lassen, aber wie schon so oft waren die Wege der Götter für einen einfachen Menschen nicht nachvollziehbar.

Es war im Spätsommer in einer Nacht in der leichte Sommergewitter für ein klein wenig Abkühlung sorgten, als sich eine dunkel gekleidete Gestalt auf einem eisgrauen Hengst dem Palast des Magnolia-Reiches näherte und diesen durch einen gut versteckten Eingang im Mauerwerk betrat. Ohne, das sie jemand bemerkte schlich sich die Gestalt ins Innere des Palastes und begab sich ohne Umwege und mit Hilfe der unzähligen Geheimgänge, die niemand außer der Königsfamilie kannte auf direktem Weg in die Gemächer des Herrscherpaares.

Das leise Knirschen der Geheimtür weckte den König des Magnolia-Reiches und ohne seine Frau oder seine zweijährige Tochter zu stören schlich er sich in den angrenzenden Raum. Es gab nur eine einzige Person, die diesen Geheimgang um eine solche Uhrzeit benutzen würde und aufmerksam sah sich Isidor nach der ihm wohlbekannten Gestalt seines Bruders in dem spärlich erleuchteten Raum um.

„Ich bin hier drüben Onkel.“ Hinter einem Wandschirm klang schwach die Stimme seiner Nichte auf und es überraschte Isidor, das sie allein zu sein schien.

„Kara?“ Er erhielt ein leises Schluchzen als Antwort.

„Ist alles in Ordnung?“ Besorgt trat er auf den Wandschirm zu und beugte sich zu der zusammengekauerten Gestalt hinunter. Wegen dem mangelnden Licht konnte er gerade so eben die ebenmäßigen Züge des Gesichtes seiner Nichte ausmachen, das vollkommen tränenüberströmt war. Sanft fuhr er mit einer Hand ihre Wange entlang und verstärkte dadurch nur noch das Schluchzen.

„Kara was ist passiert?“ Sie reagierte äußerst langsam, aber als ihre Augen ihn endlich ansahen flehten sie ihn förmlich an ihr zu sagen, dass das alles nur ein Traum sei und sie gleich aufwachen würde. Dabei wusste er noch nicht einmal was passiert war.

„Wo sind Kail und deine Brüder?“ Besorgt sah sich Isidor in dem Raum um, aber es sah ganz so aus als wäre Kara wirklich allein gekommen. Bei der Erwähnung des Namens ihres Vaters war Kara kaum merklich zusammengezuckt und beobachtete ihren Onkel jetzt dabei wie er versuchte in der Dunkelheit eine weitere Person ausfindig zu machen, doch er würde niemanden finden. Sie war allein gekommen weil… weil…

„Papa ist tot!“ Noch ehe Isidor die Bedeutung dieser Worte richtig verstanden hatte lag Kara bereits in seinen Armen und weinte bitterlich. Sie hatte alles, aber auch wirklich alles getan um ihren Vater zu retten, aber es hatte nicht das Geringste genützt. Er war gestorben während sie an seinem Bett noch um sein Leben gekämpft hatte. Noch nie war sie sich so hilflos vorgekommen wie in diesem Moment, doch man hatte ihr keine Zeit zum Trauern gelassen. Erst musste sich um Wichtigeres gekümmert werden und dann hatten sich die Ereignisse so sehr überschlagen, dass ihr nichts anderes übrig geblieben war, zu tun was getan werden musste. Erst danach hatte sie sich auf Serapions Rücken geschwungen und war blind vor Tränen einfach davon geritten. Sie hatte sich dabei vollkommen ihrem Pferd anvertraut, das sie seltsamerweise genau vor die Tore des Palastes ihrer Kindheit gebracht hatte. Aus einem Impuls heraus war sie trotz aller Zweifel abgestiegen und hatte sich auf den Weg zu ihrem Onkel gemacht. Sie wusste selber nicht warum, aber seitdem er sie in seinen Armen festhielt wurde der unaussprechliche Schmerz in ihrem Herzen weniger.

Isidor streichelte abwesend über den Kopf seiner Nichte während sich die Tränen nach und nach ihren Weg über sein Gesicht bahnten. Kail war tot, sein Bruder war tot. Er konnte es immer noch nicht glauben, aber Karas leise Schluchzer waren der Beweis dafür, das es sie ihm die Wahrheit gesagt hatte. Verdammt! Warum traf ihn diese Tatsache nur so plötzlich? Seitdem sein Bruder zu einem Mitglied der Winde geworden war hatte Isidor bei jedem Abschied damit gerechnet das es ein Lebwohl für immer sein könnte, aber jetzt, wo es soweit war hatte er das Gefühl, das ihm jemand mit einem Eisenhammer in den Bauch geschlagen hätte. Es tat furchtbar weh und gleichzeitig betäubte es einen so sehr das man nicht mehr wusste ob man jemals wieder etwas fühlen würde oder das wollte.

„Isidor?“ Die leise Stimme seiner Frau veranlasste den König des Magnolia-Reiches den Knoten, der sich in seinem Hals gebildet hatte herunterzuschlucken.

„Hier drüben.“ Er schaffte es kaum noch seine Stimme am Zittern zu hindern, aber das war egal. Das hier waren seine Gemächer hier würde ihn niemand außer seiner Familie weinen sehen. Er machte sich nur Sorgen um Kara. Es war nicht zu übersehen, dass der Tod ihres Vaters sie vollkommen aus der Bahn geworfen hatte.

„Ist etwas passiert? Du hörst dich so merkwürdig an.“ Vorsichtig trat Sacha mit einem Kerzenhalter in der Hand auf den Wandschirm zu.

„Bei allen Göttern!“ Als sie die beiden zusammengekauerten Gestalten auf dem Boden sah hätte sie vor Schreck fast die Kerzen fallengelassen. Im letzten Moment gelang es ihr ihn festzuhalten. Und im Licht der kleinen Flammen wurde noch etwas deutlich. Karas Haarfarbe hatte sich komplett verändert. Ihre einstigen blonden Locken erstrahlten nun in einem warmen Wasserblau. Entsetzt starrten sowohl der König als auch die Königin des Magnolia-Reiches auf den blauen Haarschopf.

„Was im Namen aller Götter hat sie getan?“ Die Frage hatte Isidor zwar eigentlich mehr an sich selbst gerichtet, aber seine Frau antwortet ihm dennoch.

„Sie hat das Erbe ihres Vaters angetreten.“ Vorsichtig striff Sacha über die blauen Strähnen und war überrascht, dass ihre Nichte nicht im Geringsten reagierte.

„Weck sie nicht. Sie wird ihre Kraft noch brauchen.“ Mit diesen Worten stand Isidor auf und trug seine schlafende Nichte zu einem großen Sofa, wo er sie vorsichtig niederlegte. Kara verzog leicht die Mundwinkel, als man sie von ihrem dunklen Umhang befreite und sie stattdessen in eine warmen Decke hüllte, das und die vereinzelten Tränen, die aus ihren Augen rannen blieben die einzige Reaktion, die sie von sich gab. Der König des Magnolia-Reiches betrachtet die schlafende Gestalt noch eine ganze Weile bevor er sich schluchzend gegen die Schulter seiner Frau lehnte und von dieser aus dem Raum gezogen wurde. Das nächste was Isidor noch bewusst wahrnahm war, das er weinend auf dem riesigen Bett zusammenbrach und seine Frau ihm zärtlich über den Rücken strich.

 

* * * * *

 

„Euer Hoheit! Euer Hoheit!“ Das penetrante Rufen riss den König des Magnolia-Reiches aus seinen Erinnerungen. Er schaffte es gerade noch sich die vereinzelten Tränen, die sich in seinen Augenwinkeln gesammelt hatten mit dem Ärmel seines Mantels abzutupfen bevor auch schon ein vollkommen aufgelöster Diener des W-La Tempels auf ihn zu stürmte. Das heißt, eigentlich stürmte dieser eher auf den dicht bewachsenen Hügel zu auf dem sich der König momentan aufhielt, da es unmöglich war diesen durch die dichte Blütenpracht der Magnolienbäume zu sehen. Gelassen verließ Isidor seinen Rückzugsort und ging dem Diener ein kleines Stückchen entgegen. Als dieser die Gestalt seines Königs erkannte schlich sich ein erleichtertes Lächeln über sein gesamtes Gesicht. Endlich hatte er ihn gefunden.

„Euer Hoheit! Euer Hoheit! Bitte kommt schnell.“ Aufgeregt winkte der Diener seinem Herrscher zu, damit dieser sich ein klein wenig mehr beeilte, aber dieser sah gar nicht ein seine Schritte zu beschleunigen solange er nicht wusste was eigentlich los war.

„Was gibt es denn so dringendes?“ Es gelang Isidor sogar seine Stimme ein klein wenig amüsiert klingen zu lassen, aber der Diener ließ sich davon in keinster Weise beeindrucken. Er winkte immer noch hektisch und hüpfte nervös von einem Bein aufs andere.

„Bitte euer Hoheit! Beeilt euch! Die Flamme, die Flamme…“ Es machte nicht den geringsten Sinn was dieser Diener da vor sich hinbrabbelte, aber anscheinend war im W-La Tempel irgendetwas nicht in Ordnung.

„Immer mit der Ruhe. Was ist denn mit der Flamme passiert?“ Isidor konnte sich beim besten Willen nicht erklären was die der Flamme im W-La Tempel geschehen sein sollte. Das Ding war so riesig es würde unter Garantie noch in hundert Jahren brennen.

„Die Flamme…“ Der Diener schnappte mühsam nach Luft. Immerhin hatte er die letzte Stunde damit verbracht seinen König zu suchen, um diesem die wichtige Nachricht persönlich zu überbringen.

„Die Flamme, die Chalan bewacht.“ Jetzt hoben sich die Augenbrauen des Königs etwas und der Diener holte erneut Luft während er seinen letzten Rest Mut zusammen zusuchen schien.

„Die Flamme, sie ist erloschen.“ Jetzt war es raus und man konnte sehen wie die Farbe aus dem Gesicht des Königs wich.

„Sie ist WAS?“ Isidor packte den vollkommen überraschten Diener an den Schultern und schüttelte ihn leicht.

„Sie ist erloschen euere Majestät.“ Der Diener schaffte es gerade noch soeben ihm diese Antwort zu geben als Isidor auch schon in Richtung des W-La Tempels davon stürmte. Man den Diener zwar vorgewarnt, was das Erlöschen der kleinen Flamme in einem der Seitenflügel des W-La Tempels bei seinem König auslösen würde aber, dass die Reaktion so derart heftig sein würde hatte er nicht erwartet. So wie sich sein König verhielt könnte man meinen, es sei jemand gestorben.

„Chelan? CHELAN!“ Aufgebracht stürmte der König des Magnolia-Reiches in die Haupthalle des W-La Tempels und seine Stimme hallte von den unzähligen hohen Säulen wieder.

„Ich bin hier euere Majestät.“ Aus einem Seitenflügel trat die hagere Gestalt eines etwa neunzigjährigen Priesters in rotgoldener Robe.

„Ah Chelan!“ Ohne auf eine Antwort zu warten stürmte Isidor auf den Oberpriester des Tempels zu und überschüttet diesen mit einem guten dutzend Fragen. Abwehrend hob Chelan seine Hände und versuchte den aufgebrachten König zu beruhigen. Er hatte allerdings nicht sonderlich viel Erfolg damit.

„Bitte euer Majestät. Ihr seid noch genauso ungeduldig wie damals, als ihr noch ein kleiner Junge wart.“ Der König des Magnolia-Reiches überhörte bewusst den tadelnden Unterton.

„Chelan, was ist mit der Flamme? Euer Diener meinte sie sei erloschen.“ Seufzend sah der oberste Priester des W-La Tempels seinen König an. Es war nur zu verständlich das ihn diese Nachricht vollkommen aus dem Konzept gebracht hatte. Immerhin handelte es sich bei dieser einen kleinen Flamme um kein gewöhnliches Feuer, sondern um eine Lebensflamme, die nur erlosch wenn die Person mit der sie verbunden war für immer ihren Weg zu den Göttern angetreten hatte.

„Folgt mir bitte euere Majestät.“ Mit einer dezenten Handbewegung wies der Priester an sich vorbei in Richtung Westflügel des Tempels. Doch anstatt Chelan zu folgen stürmte Isidor an diesem vorbei und blieb vollkommen außer Atem vor einer kunstvoll verzierten Feuerschale stehen, deren Flamme erst vor kurzem erloschen sein konnte, da die Glut im Innern der Schale immer noch warm war.

„Bitte ihr Götter, das kann doch nicht wahr sein.“ Geschockt stützte Isidor sich an den Rändern der Schale ab, die bereits erkaltet waren und sah in die dunkle Asche.

„Bitte nicht.“ Flehend sah er in die Schale, doch es war nicht einmal mehr ein kleines Aufglimmen der Glut zu sehen. Der Besitzer dieser Lebensflamme hatte seinen Weg zu den Göttern bereits angetreten.

„Es tut mir Leid euerer Majestät.“ Die Stimme des Priesters drang kaum noch an seine Ohren dafür überrollte Isidor der Schmerz viel zu sehr. Diese Flamme hatte ununterbrochen seit beinahe fünfundzwanzig Jahren im Tempel der W-La gebrannt und jetzt sollte sie einfach so erloschen sein? Der König des Magnolia-Reiches weigerte sich das zu glauben, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er es glauben musste. Die Tochter seines Bruders war tot. Irgendetwas oder irgendjemand  hatte ihren kleinen Sonnenschein getötet und er würde nicht eher ruhen bis er wusste welche Person die Verantwortung dafür trug. Entschlossen riss Isidor sich von der Schale los und verließ den Tempel. Das Erlöschen von Karas Lebensflamme änderte alles, er würde nicht mehr länger warten. Er würde handeln.

Besorgt sah Chelan seinem König nach als dieser aus dem Tempel stürmte und seinen Soldaten laute Befehle zurief. Er wusste nur zu genau was es mit dieser Flamme auf sich gehabt hatte. Immerhin war es gewesen, der sie einst entzündet hatte, als in diesem Palast ein Mädchen mit einer unglaublichen Begabung zur W-La Priesterin zur Welt gekommen war, um immer zu wissen wann dieses sich in Gefahr befand oder nicht. Doch im Laufe der Jahre hatte sich vieles verändert. Sein einstiger sich vom Tempel der W-La abgewandt und ein Leben als Reisende geführt bis sie schließlich die Nachfolge ihres Vaters angetreten und damit nie wieder in irgendeinen Tempel zurückkehren würde. Diese kleine Flamme war die einzige Versicherung für den König des Magnolia-Reiches gewesen um zu wissen, ob seine Nichte noch lebte oder nicht. Dennoch hofften die Mitglieder des Tempels immer wieder, dass jenes Mädchen eines Tages zurückkehren würde, um ihren Platz in den Reihen der Priesterinnen einzunehmen. Doch nichts von dem geschah und auch wenn Chelan im Gegensatz zu allen anderen Priestern in die genauen Umstände von Karas Verschwinden eingeweiht worden war, so konnte er dieses Geheimnis doch mit niemandem teilen ohne das Leben dieses Mädchens zu gefährden. Immerhin war diese ein Mitglied der Winde geworden und die Winde lebten so sehr im Verborgenen, das es eigentlich so gut wie unmöglich war ihnen zu begegnen oder ihre wahre Identität zu kennen.

Es war für Kara jedes Mal mit unglaublichen Risiken verbunden wenn sie sich in den Palast ihrer Kindheit begab und dennoch hatte sie es recht häufig getan. Ihre drei Kinder waren alle hier unter dem Schutz der Göttin W-La zur Welt gekommen und sie wuchsen zum Großteil auch im Schutze der Mauern dieses Palastes auf. Wenigstens solange sie noch zu klein waren um ihre Mutter zu begleiten. Doch all das war jetzt vorbei. Kara würde niemals wieder in diesen Palast zurückkehren. Irgendwo zwischen dem Palast des Magnolia-Reiches und dem Palast des Sinesis-Reiches war ihr junges Leben auf ewig verloschen.

 

Fortsetzung:
Part 05


UPDATE Kurenai no Tenshi
 

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Chapter 14
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Love of an angel
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