Blue Wind - Part 05

Blue Wind

   Part 05

 

 

„Schneller! Schneller! Nein nicht so! Du machst schon wieder denselben Fehler!“ Ärgerlich verließ Koussai-Bai seinen Sitzplatz auf dem kleinen Mauervorsprung und ging auf die zierliche Gestalt zu, die gerade elegant zwei Schwerter auffing, die sie noch bis vor kurzem durch die Luft gewirbelt hatte.

„Bin ich wirklich so schlecht?“ Fragend sah die junge Frau zu Koussai-Bai hinüber, der aufgebracht den Kopf schüttelte und ihr nebenbei die Schwerter abnahm.

„Nein, du bist noch schlechter! Und für jemanden, der vor kurzem zwei Kindern das Leben geschenkt hat und kurz danach tödlich vergiftet wurde solltest du eigentlich gar nicht hier sein.“

„Ach komm schon Koussai-Bai, nur noch ein bisschen. Es geht mir doch gut.“ Der Angesprochene verdrehte leicht die Augen. Mit keiner anderen Antwort hatte er gerechnet. Dennoch gefiel es ihm nicht, das sich der blaue Wind kurz nach einem solchen Attentat wieder mit den täglichen Schwertübungen befasste. Es war zwar schon fast eine Woche her seitdem man sie vergiftet hatte, aber Koussai-Bai wusste nur zu genau wie sehr das Gift dieses Mal Karas Körper zu schaffen gemacht hatte. Wenn der Attentäter auch nur einen Tag früher zugeschlagen hätte, dann wäre sie unter Garantie an dem Gift gestorben. Sicher, der blaue Wind war zwar gegen die meisten Gifte immun, aber nach der anstrengenden Geburt ihrer Zwillinge waren Karas Körper dermaßen erschöpft gewesen, das jede gängige Gift sie ohne Probleme auf ewig zu den Göttern hätte befördern können.

„Also gut, aber gib dir mehr Mühe.“ Dankbar nahm Kara die Schwerter entgegen und stellte sich wieder in Anfangsposition, in der sie solange verharrte bis Koussai-Bai seinen Sitzplatz wieder eingenommen hatte und mit einer kleinen Trommel den Takt vorgab. Erst da bewegte sie sich mit fließenden Bewegungen über den Platz, die beides zeigten, höchste Eleganz und tödliche Präzision. Der Schwerttanz war für Krieger entwickelt worden und der Tänzer konnte sich dabei sehr leicht verletzten, wenn er mit scharfen Schwertern übte, aber Kara hatte seit ihrem zehnten Lebensjahr kein Holzschwert mehr in den Hand gehalten und seitdem trainierte sie immer wieder mit scharfen Waffen. Koussai-Bai hatte bereits mehr als einmal versucht ihr das auszureden, aber sein Schützling meinte jedes Mal, dass sie schließlich selbst schuld wäre, wenn sie die Übungen nach all den Jahren immer noch nicht perfekt beherrschen würde. Er hatte es schließlich aufgegeben gegen ihren Dickschädel ankommen zu wollen. Jetzt trug er nur noch Sorge dafür, dass sich Kara nicht in einem Anfall von Selbstüberschätzung verletzte. Auch wenn das nicht immer leicht war.

„Sagt bloß sie trainiert schon wieder.“ Der Kronprinz des Sinesis-Reiches hatte sich fast vollkommen unbemerkt neben Koussai-Bai gestellt und beobachtete nun interessiert die tanzende Gestalt deren Schwerter im Licht der Sonne immer wieder aufblitzten.

„Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie schon kurz nach Sonnenaufgang damit angefangen.“ Koussai-Bai hatte sich durch das plötzliche Auftauchen Aznadors nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lassen. Er führte den Takt auf der kleinen Trommel ungerührt fort.

„Sie ist ziemlich zäh.“ Aznador nahm seinen Blick nicht eine Minute lang von der tanzenden Gestalt deren lange, blaue Haare im Wind wehten als wären sie Meereswellen.

„Bis heute hat sie mir nicht verraten wer sie vergiften wollte.“ In der Stimme des sinesischen Kronprinzens schwang sowohl Anerkennung als auch Verärgerung über diese Tatsache mit.

„Es ist nicht ihre Art ihre Probleme von Anderen lösen zu lassen. Ihr solltet euch darüber nicht allzu viele Gedanken machen. Sie hat gesagt, das es nicht wieder passieren wird und es gibt keinen Grund an ihren Worten zu zweifeln.“

„Hat sie es euch gesagt?“ Misstrauisch sah Aznador den Mann neben sich an. Er wusste mittlerweile, dass dieser Mann der Sechme des blauen Windes war und das wurmte ihn irgendwie ganz gewaltig. Immerhin galten Sechme als Meister aller Kampfkünste und Aznador hätte sich nur zu gern mit einem von ihnen gemessen, aber Koussai-Bai hatte jedes Mal höflich aber bestimmt abgelehnt, wenn der Kronprinz des Sinesis-Reiches ihn herausfordern wollte. Immerhin war es seine Aufgabe als Sechme den blauen Wind unter Einsatz seines Lebens zu schützen und nicht irgendwelche kindischen Duelle auszutragen. Er würde sein Leben nicht für etwas riskieren, das in seinen Augen lediglich etwas wie eine Freizeit Beschäftigung darstellte.

„Nein. Kara du bist schon wieder aus dem Takt!“ Ärgerlich klopfte Koussai-Bai zweimal laut auf die kleine Trommel und sofort zuckte die tanzende Gestalt zusammen bevor sie sich mit einem eleganten Sprung in dem sie beide Schwerter auffing wieder in die richtige Position brachte.

„Wo habt ihr da einen Fehler gesehen? Es sah für mich vollkommen perfekt aus.“ Koussai-Bai schüttelte kurz den Kopf und konzentrierte sich dann wieder auf die tanzende Gestalt. Es verblüffte Aznador, welch scharfe Augen dieser Mensch neben ihm besaß und je länger dieser und der blaue Wind in seinem Palast waren desto mehr wollte Aznador über sie erfahren. Bisher waren allerdings all seine Bemühungen gescheitert. Was nicht zuletzt daran lag, das der blaue Wind von irgendjemanden vergiftet worden war und wäre Koussai-Bai nicht gewesen, dann hätte man den leblosen Körper direkt am nächsten Morgen beigesetzt, aber der Sechme hatte die leblose Hülle eisern verteidigt, bis Aznador ihm schließlich erlaubte in einer abgeschiedenen Ecke des Palastes neben dem Leichnam Wache zu halten und zu trauern. Niemals hätte der Prinz damit gerechnet, dass nach zwei Tagen ein Wunder geschehen und der blaue Wind wieder quicklebendig vor ihm stehen würde. Wenn auch noch recht schwach auf den Beinen.

„Ihr müsst genauer hinsehen. Sie zögert zu lange. Die Bewegungen müssten viel gleichmäßiger sein.“ Aznador folgte dem Rat und sah nun etwas genauer hin, aber er konnte immer noch nicht das Geringste entdecken während Koussai-Bai ununterbrochen nach Korrekturen verlangte. Wie lange musste man wohl den Umgang mit Waffen trainiert haben, um solche Feinheiten überhaupt sehen zu können?

„Das reicht! Kara Schluss für heute!“ Mit einem letzten lauten Schlag ließ Koussai-Bai die kleine Trommel verstummen und ging zu der völlig Verschwitzten hinüber, um ihr die Schwerter abzunehmen und ihr ein Tuch zu geben, um den gröbsten Schmutz und Schweiß zu entfernen.

„Können wir nicht noch ein bisschen weiter machen? Meine Muskeln sind gerade erst so richtig locker geworden.“ Kara strahlte ihn an und Koussai-Bai hatte alle Mühe diesem Lächeln nicht nachzugeben.

„Kommt nicht in Frage! Du hast heute ohnehin schon viel mehr trainiert als du eigentlich solltest. Dein Körper muss sich erst wieder erholen.“ Mit diesen strengen Worten schlang er das Schweißtuch um ihre Schultern und gab ihr einen kleinen  Schubs in den Rücken damit sie sich auf den Weg in eines der Bäder machte um ihren Körper auch von den letzten Spuren des Trainings zu befreien.

„Aber ich-“

„Keine Widerrede oder morgen wird gar nicht trainiert!“ Schmollend entschied sich Kara für einen vorläufigen Rückzug. In dieser Stimmung war mit Koussai-Bai nicht gut Kirschen essen. Es war besser, wenn sie wartete bis sich seine Laune wieder besserte. Vielleicht erlaubte er ihr dann sogar ein paar kleine Runden zu reiten, aber das war mehr als unwahrscheinlich. Seitdem man versucht hatte sie zu vergiften wachte Koussai-Bai mit Argusaugen über sie und sorgte dafür, dass sie ihrem Körper die nötige Ruhe gönnte. Ob sie nun wollte oder nicht.

„Sie bedeutet euch sehr viel oder?“ Die Frage war ganz beiläufig gestellt worden, aber Koussai-Bai wusste bereits was Aznador damit bezweckte.

„Sie ist wie eine kleine Schwester auf die man dauernd aufpassen muss, damit sie keinen Blödsinn anstellt.“ Insgeheim fragte sich Koussai-Bai wie oft er diese Antwort wohl noch geben musste bis Aznador ihm endlich glaubte. In all den Monaten in denen er und Kara sich jetzt schon im Palast des Sinesis-Reiches befanden war nicht ein einziger Tag vergangen an dem Aznador ihm diese Frage nicht gestellt hätte.

 

* * * * *

 

Der Übungsplatz der Soldaten war fast vollkommen überfüllt und das schon seit Stunden. Anscheinend ging dort irgendetwas vor sich, das jeden Soldaten sobald er seinen Dienst beendet hatte magisch anzuziehen schien.

„Der Nächste!“ Die Gestalt mit den verbundenen Augen wedelte ungeduldig mit ihrem Kampfstab hin und her und schien dabei völlig zu vergessen, dass sie auf einem Baumstamm stand, der quer über einem Wassergraben lag. Bisher war es noch keinem der Soldaten gelungen sie vom Stamm zu stoßen. Alle, die bisher gegen die zierliche Frau mit den hochgesteckten, braunen Haaren angetreten waren landeten spätestens nach drei oder vier Treffern im Wassergraben. Erst hatten sich die Soldaten köstlich amüsiert, als sie ausgerechnet von einer Frau herausgefordert worden waren, aber nachdem diese zehn von ihnen ohne größere Mühe vom Baumstamm direkt in das kühle Nass befördert hatte, und das Ganze noch dazu mit verbundenen Augen, packte sie doch ihr Ehrgeiz. Schon bald wollte jeder gegen diese geheimnisvolle Person antreten, die am frühen Morgen auf ihrem Übungsplatz aufgetaucht war und nur so zum Spaß einen kleinen Wettkampf vorgeschlagen hatte, als sich einer von ihnen ihr auf eine zu deutliche Art und Weise genähert hatte. Jetzt war es bereits Mittag und sie wirkte immer noch nicht im Geringsten erschöpft.

„Wartet! Lasst mich es versuchen.“ Verärgert sah der Soldat der soeben den Baumstamm erklimmen wollte hinter sich. Als er jedoch das Gesicht seines Kronprinzens erkannte räumte er bereitwillig seinen Platz.

„Was ist nun? Gebt ihr etwa schon auf?“ Erneut schwang die blinde Gestalt ihren Stock hin und her doch keiner der Männer rührte sich. Immerhin hatte soeben ihr Kronprinz des Sinesis-Reiches den Baumstamm betreten.

„Euer Gegner ist bereit.“ Misstrauisch verzog die junge Frau bei dem Klang der ihr ziemlich bekannt vorkommenden Stimme ihre Augenbrauen. Sie wusste das sie ihren Gegner irgendwoher kennen musste es fiel ihr nur nicht ein woher.

„Dann fangt an.“ In ihrer Stimme schwang eine nicht zu überhörende Erwartung mit und als die Kampfstäbe der Beiden das erste Mal aufeinander prallten sah man deutlich den Unterschied zu den bisherigen Kämpfen. Es bereitete Aznador nicht die geringste Mühe ihre Schläge abzufangen und er schaffte sogar den ein oder andern Ausfall, den seine Gegnerin gekonnt parierte. Es sah ganz so aus als stünden sich auf dem Baumstamm dieses Mal zwei ebenbürtige Gegner gegenüber. Dabei war der Kampfstab noch nicht einmal die Lieblingswaffe des Kronprinzens er hatte den Umgang damit nur gelernt, weil es zu seiner Ausbildung gehörte, aber allem Anschein nach war er doch wesentlich besser als er vermutet hatte.

„Hey, ihr seit verdammt gut.“ Das Erstaunen seiner Gegnerin war echt. Gar kein Zweifel. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet an einen ebenbürtigen Gegner zu geraten.

„Danke, aber dasselbe gilt für euch.“ Damit versetzte Aznador ihr einen schweren Schlag, der sie für einen kurzen Moment aus dem Gleichgewicht zu bringen schien, aber sie fing sich fast sofort wieder und startete nun ihrerseits einen Angriff. Aznador amüsierte sich köstlich bei diesem Kampf. Immerhin wusste er im Gegensatz zu seinen Männern um wen es sich bei dieser braunhaarigen Schönheit handelte.

Der blaue Wind war schon vor einiger Zeit dazu übergegangen seine doch recht auffällige Haarpracht unter einer Perücke zu verstecken und Aznador hatte all jenen, die wussten wer Kara wirklich war verboten dies auch nur mit einer einzigen Silbe zu erwähnen. Das er den blauen Wind in seiner Hand hatte sollte bis zu letzt ein Geheimnis bleiben und ihm den letzten Trumpf in diesem Krieg ermöglichen. Auch sein Vater war damit mehr als einverstanden gewesen und sehr zu Aznadors Verblüffung hatte dieser sich sogar schließlich in eine entfernt liegende Residenz zurück gezogen um den Verlauf des Krieges ganz und gar in die Hände seines Sohnes zulegen.

Es war auch nicht zu übersehen gewesen, das sich Parzia, die Geliebte des hedarischen Kronprinzens und der blaue Wind kannten und so wie Aznador Alder, den Kronprinzen des Hedar-Reiches einschätzte würde dieser keine der beiden Frauen über Gebühr gefährden. Auch wenn es Aznador nach wie vor brennend interessierte in welcher Verbindung der blaue Wind genau zum Hedar-Reich stand hatte er es aufgeben danach zu fragen. Es reichte ihm vorläufig zu wissen, dass das Magnolia-Reich den blauen Wind damit beauftragt seine Kronprinzessin zu befreien und das Parzia, den blauen Wind ebenfalls kannte. Für seine Pläne reichte das vollkommen und Aznador war sich sicher, das er das Rätsel um die Verbindung des Hedar-Reiches zum blauen Wind eines Tages auch noch lösen würde, aber zuerst einmal wollte er diesen Kampf gewinnen und sich damit für seine Niederlage im Schwertkampf revanchieren, die ihm Kara hatte als sie in seinen Palast eingedrungen war. Und tatsächlich gelang Aznador seine blinde Gegnerin schließlich von dem Baumstamm hinunter in den Wassergraben zu stoßen. Lachend und prustend tauchte diese wieder aus dem kühlen Nass auf.

„Wahnsinn! Ihr seid wirklich ein verdammt starker Gegner.“ Unbeholfen stand sie auf und begann an dem Knoten ihrer Augenbinde zu ziehen. Nur leider war das nicht halb so einfach wie sie sich das vorgestellt hatte. Durch das Wasser hatte sich der Stoff zusammengezogen und ließ sich nur äußerst widerstrebend dazu überreden endlich nachzugeben.

„Danke! Aber ich hatte nur Glück.“ Gelassen sprang Aznador von dem Baumstamm herunter und landete ungefähr einen halben Meter neben dem Wassergraben. Gelassen hob er seine immer noch blinde Gegnerin aus dem Wasser. Erschrocken gab Kara einen kurzen Aufschrei von sich plötzlich zwei starke Hände auf ihre Hüften legten und sie einfach so in die Luft beförderten bevor sie wieder auf festem Boden abgestellt wurde.

„Warte, ich helfe euch.“ Und noch bevor die klatschnasse Gestalt vor ihm irgendetwas erwidern konnte begann Aznador bereits die Augenbinde zu lösen.

„Danke.“ Erleichtert drehte sich Kara um, als die Binde endlich von ihren Augen verschwunden war. Sie war mehr als nur gespannt, welcher der Soldaten so dermaßen gut mit dem Kampfstab umgehen konnte, aber als die ihr Gegenüber erkannte stieß sie einen erstaunten Pfiff aus.

„Ihr?“ Aznador konnte nicht verhindern, das sich ein äußerst zufriedenes Lächeln auf seine Züge stahl. Anscheinend hatte sich wirklich nicht im Geringsten damit gerechnet ausgerechnet ihn zu sehen.

„Sagt bloß das habt ihr nicht gemerkt?“

„Nein, aber ich hätte es mir denken können. Immerhin kam mir eure Stimme gleich bekannt vor.“ Aznador grinste immer noch als Kara den Kopf schüttelte und leicht seufzte. Anscheinend war es ihm heute tatsächlich gelungen den blauen Wind zu überraschen. Er nutzte die Gelegenheit, die sich ihm hier bot gleich noch weiter aus. Noch ehe Kara protestieren konnte hob Aznador sie hoch und trug sie mit Stolzgeschwellter Brust und unter den neidvollen Blicken seiner Soldaten zurück in den Palast.

„Lasst mich auf der Stelle runter!“ Es hatte nicht allzu lange gedauert bis Kara ihre anfängliche Überraschung überwunden hatte und sich nun vehement gegen diese Art des Transportes wehrte. Lachend warf sich Aznador die Widerspenstige schließlich über die Schultern und nahm ihre leichten Schläge grinsend zu Kenntnis. Keine Frage, der blaue Wind war wirklich eine kleine Wildkatze.

„Aznador! Lasst mich endlich runter!“ Es gefiel Kara ganz und gar nicht so dermaßen hilflos über der Schulter des Kronprinzens zu hängen, aber egal was sie auch versuchte Aznador lockerte seinen Griff nicht eine einzige Sekunde lang. Es war einfach frustrierend.

„Meint ihr nicht, dass Koussai-Bai mir den Kopf abreißen würde, wenn ich euch jetzt einfach so fallen ließe?“ Es gelang Aznador gerade noch sich das Lachen zu verbeißen als Kara auf seine Frage einen leisen Fluch ausstieß. Anscheinend war sie immer noch der Meinung, das ihr Sechme seine Fürsorge mehr als nur übertrieb, aber die königlichen Ärzte hatten Aznador bestätigt, das es einzig und allein Koussai-Bais Hartnäckigkeit zu verdanken war, das Kara sich inzwischen dermaßen gut erholt hatte. Allerdings würde es nach wie vor Wochen dauern, bis diese wieder ganz gesund sein würde.

Sicher, rein äußerlich sah man ihr nicht das Geringste an, aber ihr Körper hatte sich bei Weitem noch längst nicht von allen Strapazen erholt. Eigentlich wusste Kara das selbst am Allerbesten immerhin fiel sie abends immer vollkommen geschafft aufs Bett und schlief wie ein Stein bis zum nächsten Morgen durch. Aber wie immer war sie der Meinung, dass alles was sich nicht umbrachte sie nur noch weiter abhärten würde. Deshalb Koussai-Bai alle Hände voll zu tun seinen Schützling an die vereinbarten Trainingszeiten zu erinnern. Wenn es nach Kara gehen würde, dann hätte diese bereits vor Tagen wieder mit ihrem normalen Training begonnen. Doch gemeinsam mit Aznadors Unterstützung, der komischerweise plötzlich ziemlich dick mit Koussai-Bai befreundet zu sein schien, war es dem Sechme schließlich gelungen Kara an einen Trainingsplan zu gewöhnen, der nur einem Minimum ihres normalen Pensums entsprach. Immerhin waren gerade mal drei Wochen vergangen seitdem irgendjemand versucht hatte den blauen Wind zu vergiften, da war es nicht sonderlich verwunderlich, das Koussai-Bai sehr genau darauf achtete was sein Schützling tat und was nicht.

„So, da wären wir und jetzt ruht ihr euch aus.“ Mit Schwung ließ Aznador den blauen Wind von seinen Schultern auf ein weiches Sofa gleiten und wurde eisig aus zwei tiefgrünen Augen angefunkelt.

„Jetzt seht mich nicht so an. Ihr seit schließlich selber schuld. Immerhin wart ihr es, die sich nicht an die Anweisungen gehalten hat.“ Grummelnd wandte Kara ihren Blick von Aznador in Richtung Garten ab. Das war einfach nicht fair! Es ging ihr doch gut. Warum konnte sie dann nicht wie gewohnt trainieren? Koussai-Bai war so etwas von uneinsichtig!

„Ich lasse euch etwas Tee bringen.“ Mit einer leichten Verbeugung zog sich Aznador zurück bevor Kara auf die Idee kommen konnte ihn in eine Diskussion zu verwickeln was ihm bitte schön einfiele sich mit Koussai-Bai gegen sie zu verbünden. Das war schon seit Wochen Karas Lieblingsthema und Aznador wusste nur zu genau, das diese Diskussionen zu nichts führten. Weder er, noch der blaue Wind waren bereit auch nur einen einzigen Millimeter von ihrer Meinung abzuweichen und er bewunderte es wirklich, wie Koussai-Bai immer wieder schaffte sich gegen den blauen Wind durchzusetzen. Sie schienen sich wirklich schon etliche Jahre zu kennen ansonsten würde ein solch ungestümer Geist wahrscheinlich niemals so einfach auf ihn hören.

 

* * * * *

 

„Was wollt ihr hier!“ Die Wache an den inneren Toren des sinesischen Palastes hatte sich bedrohlich vor der jungen Frau aufgebaut, die schon seit gut einer halben Stunde versuchte an ihm vorbei zukommen. Bisher hatte sie nicht ein einziges Wort von sich gegeben und langsam aber sicher neigte sich die Geduld des Soldaten ihrem Ende zu. Wenn die Fremde nicht bald machte, dass sie weiterkam würde er sie für eine Nacht in den Kerker werfen. Vielleicht löste das ja ihre Zunge.

„Zum letzten Mal, was wollt ihr hier!?“ Der Soldat packte die junge Frau brutal am Arm und erschrocken schrie diese auf, bevor sie ihn aus großen, angsterfüllten Augen ansah.

„Bitte lasst mich los.“

„AH! Ihr könnt also doch sprechen!“ Triumphierend zog der Soldat ihren Arm noch ein klein wenig höher und die Frau musste sich auf ihre Zehenspitzen stellen um nicht zu fallen. Ihre bernsteinfarbenen Augen füllten sich langsam mit Tränen als der Griff des Soldaten noch stärker wurde.

„Bitte, lasst los.“ Die Stimme klang flehend, aber der Soldat dachte nicht im Geringsten daran diese Person loszulassen. Erst würde sie ihm Rede und Antwort stehen und dann würde er sie vielleicht gehen lassen.

„Hey! Warum lässt du sie nicht einfach los?“ Ärgerlich drehte sich der Soldat um. Wer wagte es bei der Ausübung seiner Pflicht zu stören?

„Was willst du Kleiner?“ Er knurrte den Störenfried feindselig an. Was fiel dieser halben Portion ein sich hier einzumischen. Der Junge sah aus als hätte er noch niemals in seinem Leben gekämpft.

„Lass sie einfach los.“ Das leichte Lächeln auf den Lippen des Jungen verärgerte den Soldaten nur noch mehr. Der Blondschopf sollte sich ja in Acht nehmen. Immerhin legte sich niemand ungestraft mit einem der Wachsoldaten des Sinesis-Reiches an.

„Und was, wenn nicht?“ Die Stimme des Soldaten klang drohend und jeder Andere hätte an dieser Stelle gewusst, das es besser gewesen wäre sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen, aber der blonde Jüngling schien noch nie in seinem Leben davon gehört zu haben, das es äußerst gefährlich war einen der Soldaten des Sinesis-Reiches zu verärgern. Gelassen zog er sein Schwert und deute auf den Soldaten, der immer noch die junge Frau festhielt.

„Dann werde ich wohl mit euch kämpfen müssen.“ Inzwischen hatten sich eine Menge Schaulustiger versammelt und fragten sich wohl gerade ob der blonde Junge seinen Verstand verloren hatte. Gegen einen Soldaten würde er nicht die geringste Chance haben.

„Soll das ein Scherz sein?“ Verächtlich lachend versetzte der Soldat der jungen Frau einen Stoß und sie landete etwa zwei Meter entfernt von diesem äußerst unsanft auf dem Boden.

„So eine halbe Portion wie dich mache ich mit links fertig.“ Mit finsterem Blick hatte der Junge verfolgt wie der Soldat mit der jungen Frau umgegangen war und es sah nicht so aus als hätten ihn die letzten Worte sonderlich beeindruckt. Er war immer noch vollkommen ruhig.

„Was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Statt einer Antwort ging der Junge einen Schritt auf den Soldaten zu und beschrieb mit seinem Schwert eine kleine Kurve in der Luft. Er wollte sich also wirklich mit dem Wachsoldaten messen. Dieser ließ sich nicht zweimal bitten und stürzte ohne die geringste Rücksicht auf den blonden Jungen zu, der seinem Schlag elegant auswich und dann seinerseits einen kleinen Angriff startete. Es war überraschend zu sehen wie wenig Mühe es diesem zierlichen Jungen zu bereiten schien den Soldaten in seine Schranken zu weisen. Es dauerte nicht allzu lange bis auch dem letzten der Schaulustigen klar war, das der Soldat nicht die geringste Chance hatte gegen den Jungen zu gewinnen. Zwar merkte es dieser nicht direkt, aber der Junge schien nur mit ihm zu spielen. Er ließ den Soldaten angreifen oder abwehren wie es ihm beliebte und dieser glaubte nach wie vor, dass er mit diesem Jungen fertig werden würde.

„Hört auf der Stelle auf!“ Die eisige Stimme des Kronprinzens über den kleinen Platz und augenblicklich zuckten alle dort versammelten Personen zusammen.

„Was fällt euch eigentlich ein?!“ Ärgerlich schwang sich der Aznador über die kleine Brüstung und verpasste dem blonden Jungen einen unsanften Schlag in den Nacken.

„Ihr solltet doch im Palast bleiben und euch ausruhen!“ Das Vergnügte aufblitzen in den grünen Augen des Jungen zeigt deutlich, das ihn das nicht sonderlich viel kümmerte.

„Und du!“ Ärgerlich schritt Aznador auf den Wachsoldaten zu, der bei dem Anblick seines Kronprinzen leicht zu zittern begann und entriss diesem sein Schwert.

„Du solltest besseres zu tun haben, als dich mit einem halben Kind anzulegen.“ Ein verächtliches Schnauben entfloh den Lippen des blonden Jungen, aber Aznador überhörte es bewusst. Er würde später noch genügend Zeit haben um sich mit diesem Problem zu befassen.

„Und jetzt zurück auf deinen Posten.“ Hart ließ Aznador das Schwert des Soldaten zurück in dessen Scheide sausen und musste sich ernsthaft zusammenreißen, um diesem nicht auch noch einen Tritt in den Hintern zu geben. Es war doch nicht zu glauben. Da ließ seine Wachsamkeit für einen kurzen Moment nach und dann so etwas. Dabei hatte er alle seine Soldaten selbst ausgebildet und ging eigentlich davon aus, dass diese sich von solch einem Quatsch nicht würden beeindrucken lassen.

„Wir beide sprechen uns nachher noch.“ Eisig funkelte er den blonden Jungen an, der nur kurz mit den Schultern zuckte als wollte er sagen, das lässt sich wohl kaum vermeiden. Kopfschüttelnd verließ Aznador den kleinen Hof und kehrte in den Palast zurück. Wahrscheinlich sollte er sich den kleinen Störenfried wirklich einmal schnappen und diesem einfach einmal eine gehörige Tracht Prügel verpassen. Vielleicht half das ja.

„Ist mit euch alles in Ordnung?“ Besorgt war der blonde Junge auf die Frau zugetreten, die der Soldat so äußerst unsanft zu Boden befördert hatte und inzwischen wieder aufgestanden war. Sie hatte den Kampf ebenso gebannt wie alle anderen verfolgt.

„Ja, danke. Es geht mir gut.“ Verlegen klopfte sie sich den Staub aus ihren Kleidern und fragte sich was einen so jungen Menschen dazu veranlasst hatte ihr zu helfen. Immerhin waren die Bewohner des Sinesis-Reiches nicht gerade für ihre Hilfsbereitschaft bekannt.

„Nichts zu danken. Aber sag mal Maria, was machst du eigentlich hier?“ Verblüfft starrte die junge Frau ihr Gegenüber an. Woher kannte dieser Junge ihren Namen.

„Sag bloß, du erkennst mich nicht.“ Lachend tippte der Junge gegen seine kurzen blonden Haare und seine grünen Augen glitzerten voller Vorfreude. Diese Geste kam der jungen Frau unglaublich bekannt vor und ihre bernsteinfarbenen Augen weiteten sich vor Erstaunen als sie begriff.

„Kara?“ Sie starrte die Gestalt vor sich vollkommen ungläubig an.

„Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du das nicht so laut sagen würdest. Immerhin wissen hier die wenigsten, wer ich bin.“ Erschrocken schlug Maria ihre Hände über dem Mund zusammen und sah ihr Gegenüber entschuldigend an. Grinsend griff Kara nach der Hand ihrer alten Freundin und zog sie mit sich.

„Na los, komm schon. Du musst mir unbedingt erzählen, was dich hierher verschlagen hat.“ Und ehe sich Maria versah fand sie sich schon im Inneren des sinesischen Palastes wieder und wurde fürstlich mit Tee und Kuchen bewirtet. Allerdings konnte sie ihre Augen nicht von der Person lassen, die sie dorthin gebracht hatte. Kaum hatten sie diesen entlegenen Winkel des Palastes erreicht hatte Kara sich nämlich die blonde Kurzhaarperücke vom Kopf gerissen unter der sofort ihre blaue Lockenpracht zum Vorschein gekommen war. Maria konnte es einfach nicht fassen, das sie nun innerhalb des sinesischen Palastes saß, in ihrer Hand eine Tasse Tee festhielt und keinen Meter von ihr entfernt der blaue Wind stand, der so tat als wäre dies das Normalste auf der Welt.

„Was denn?“ Kara hatte den merkwürdigen Blick ihrer Freundin schon bemerkt als diese sie auf dem kleinen Vorhof erkannt hatte, aber bisher hatte sie sich nichts weiter dabei gedacht. Sie hatte es auf ihre Verkleidung geschoben, dass ihre Freundin sie so merkwürdig musterte, aber jetzt kam ihr die ganze Sache langsam aber sicher komisch vor. Warum freute sich Maria eigentlich so wenig sie zu sehen. Normalerweise wurde sie mindestens zehn Minuten lang von ihrer besten Freundin gedrückt, wenn sie sich nach langer Zeit endlich wieder einmal sahen, aber Maria hatte sie die ganze Zeit über nur angesehen als könnte sie es überhaupt nicht glauben, das sie sich wirklich hier befand.

„Maria, du siehst mich schon die ganze Zeit an als wäre ich ein Geist. Ist es so ungewöhnlich, das ich immer noch hier bin?“ Lachend ließ sich Kara in einen Korbsessel direkt gegenüber von ihrer Freundin sinken.

„Du kannst mir glauben, das war eigentlich gar nicht geplant, aber irgendjemand musste ja meine Pläne vereiteln.“ Dabei deutete sie lächelnd auf ihren flachen Bauch und war überrascht plötzlich Tränen in den Augen ihrer besten Freundin zu sehen.

„Du… du lebst. Du lebst.“ Es gelang Maria nicht länger ihr Schluchzen zu unterdrücken und ihre Tränen rannen heiß an ihren Wangen entlang.

„Selbstverständlich. Warte mal.“ Kara kam ein schrecklicher Verdacht.

„Maria, bist du etwa davon ausgegangen ich wäre tot?“ Das schwache Nicken ihrer Freundin reichte Kara als Antwort. Entsetzt lehnte sie sich in ihrem Sessel und starrte die Decke über sich an. Allerdings sah sie von dem beeindruckenden Deckengemälde nicht das Geringste. Ihre Gedanken waren weit weg.

„Und die Anderen?“ Mühsam unterdrückte Maria ihr Schluchzen und antwortete ihrer Freundin.

„Wir alle sind davon ausgegangen seit deine Lebensflamme im Tempel erloschen ist.“ Seufzend ließ sich Kara noch ein kleines Stückchen weiter in den Korbsessel sinken, bis ihr Kopf auf der Rückenlehne desselbigen lag.

„Wann war das?“ Das konnte doch einfach nicht wahr sein. All ihre Pläne drohten zu misslingen. Die ganze jahrelange Arbeit wäre völlig umsonst, wenn sich die Anderen nicht auch weiterhin an den Plan hielten.

„Vor knapp vier Monaten.“ Kara stöhnte auf. Das war wahrscheinlich an dem Tag gewesen, an dem man versucht hatte sie zu vergiften. Warum hatte sie nur nicht daran gedacht? Sie hätte sich sofort bei ihren Leuten melden müssen, als sie wieder zu sich gekommen war statt sich von Koussai-Bai und Aznador gängeln zu lassen. Aber wenn sie ehrlich war, dann hatten weder Koussai-Bai noch sie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass ihre Lebensflamme vielleicht erloschen sein könnte.

„Kara, kein Mensch weiß du das du noch lebst. Alle glauben du wärst tot.“ Maria sah ihre Freundin ernst an. Würde Kara nicht vor ihr sitzen, dann wäre sie ebenfalls noch dieser Ansicht. Sie begriff nur nicht warum ihre Freundin in all den vergangen Monaten nicht ein einziges Mal versucht hatte ihre Verbündeten zu erreichen. So vieles wäre leichter gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass der blaue Wind noch lebte.

„Genau das ist das Problem. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, das meine Lebensflamme erloschen würde nur, weil man versucht hat mich zu vergiften.“

„Man hat versucht dich zu töten?“ Entsetzt sah Maria ihre Freundin an.

„Es war nur halb so schlimm. Lediglich das Gift einer Tollkirsche in meiner Milch. Nichts worüber man sich Sorgen machen müsste.“ Maria wusste, dass ihre Freundin gegen dieses Gift immun war, aber dennoch schockierte es sie wie sorglos Kara mit einer solchen Tatsache umging. Wenn man einmal versucht hatte sie auf diese Art und Weise loszuwerden, dann würde man es bestimmt auch ein zweites Mal versuchen. Kara ahnte woran ihre Freundin dachte.

„Mach dir darüber mal keine Sorgen. Ich habe mit der betreffenden Person bereits gesprochen und es wird kein zweites Mal passieren.“

„Du hast WAS?“ Die Teetasse von Maria fiel klirrend zu Boden während sie ihre Freundin vollkommen ungläubig anstarrte.

„Ich habe mit der Person, die mich vergiften wollte gesprochen und sichergestellt, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Es war ohnehin nur ein Missverständnis.“ Kopfschüttelnd sammelte Maria die Scherben ihrer Tasse ein. Sie würde ihre Freundin wohl niemals verstehen. Wie konnte man bloß jemandem vertrauen, der versucht hatte einen umzubringen?

„Aber jetzt erzähl mir endlich, was dich hierher verschlagen hat. Ich kann mir kaum vorstellen, das Kadiak dich freiwillig hat gehen lassen.“ Die Geschwindigkeit mit der Kara das Thema ihrer Unterhaltung änderte war beängstigend, aber Maria hatte sich zumindest an das im Laufe der Jahre schon gewöhnt. Kara hielt sich nie länger bei einem Thema auf als nötig und während sich die Unterhaltung schon wieder um etwas völlig anderes drehte arbeitete der Geist des blauen Windes auf Hochtouren. Wenn alle Anderen an nichts anderes mehr als das neue Thema dachten entwickelte Kara vollkommen unbemerkt an eine Lösung für ein zuvor angesprochenes Problem. Damit hatte sie schon so manchen ihrer Gegner und Verbündeten verblüfft und es garantierte ihr, dass sie den Überraschungseffekt jedes Mal auf ihrer Seite hatte.

„Er weiß nicht dass ich hier bin. Er kümmert sich gerade um die Truppen.“ Kara verschluckte sich fast an ihrem Tee.

„WAS?“

„Als deine Lebensflamme erloschen ist hat sich der König des Magnolia-Reiches dazu entschlossen seine passive Haltung in diesem Krieg aufzugeben. Er hält sich zwar an unsere Pläne, aber wir liegen jetzt ungefähr anderthalb Monate vor dem eigentlichen Zeitplan. Immerhin mussten alle Anderen auch früher reagieren, damit alles funktioniert.“

„Bei allen Göttern!“ Seufzend stellte Kara ihre Teetasse ab, damit sie diese nicht versehentlich fallen ließ, wenn ihre Freundin mit noch weiteren Überraschungen aufwartete. Gut, es wäre kein Problem sich eine weitere Tasse zu beschaffen. Immerhin war dieser kleine Kaffeetisch für sechs Personen gedeckt worden und man konnte seine Tassen dementsprechend austauschen.

„Du sagst es. Wenn ich nicht ganz falsch liege, dann ist dieser Krieg innerhalb eines Monats beendet.“ Vorsichtig griff Maria nach der großen Kanne und goss sich etwas von dem köstlichen, heißen Getränk in eine neue Tasse.

„Viel früher als wir es geplant hatten…“ Karas Blicke folgte gebahnt den Bewegungen ihrer Freundin, während sie ihn ihrem Kopf sämtliche daraus resultierende Probleme durchging.

„Wäre das so schlimm?“ Fragend sah Maria ihre Freundin an und stellte die Kanne wieder sorgfältig auf den Tisch zurück.

„Nein, es ist gut, wenn dieser Krieg endlich ein Ende findet das Problem ist nur…“

„Wie kommen wir hier raus.“ Kara musste unwillkürlich grinsen als Maria ihren Satz beendete. Wahrscheinlich war das alles sogar nur halb so schlimm. Das größte Problem wäre nur die ganze Sache vor Aznador geheim zuhalten.

„Ja, das könnte schwierig werden.“ Nachdenklich sah Kara sich in dem kleinen Raum um, bis ihr Blick auf der kleinen Terrasse, die in den Garten führte hängen blieb. Wenn sie nicht ganz falsch lag, dann hielt sich Aznador zurzeit in den inneren Gärten auf eine gute Gelegenheit um mit ihm allein zusprechen.

„Kara es gibt da noch ein anderes Problem. Deshalb bin eigentlich auch hier.“ Irgendetwas an dem Ton in der Stimme ihrer Freundin begann Kara zu beunruhigen.

„Was ist passiert?“ Kara war sich sicher, das sie die Antwort auf diese Frage eigentlich gar nicht wissen wollte, aber sie würde nicht daran vorbei kommen.

„Deine Kinder... …sie sind kurz nach dem Erlöschen deiner Lebensflamme verschwunden.“ Es dauerte einen kleinen Moment bis Kara diesen Schock verdaut hatte, doch dann begriff sie.

„Du bist ihnen gefolgt?“

„Ja, ich habe sie nicht mehr einholen können, aber ihre Spur hat direkt zu diesem Palast geführt. Ich frage mich allerdings warum.“ Im Gegensatz zu ihrer Freundin kannte Kara die Antwort bereits und ohne sich weiter um Maria zu kümmern stürmte sie in Richtung der inneren Gärten davon. Sie wusste nur zu genau, was ihre Kinder vorhatten. Immerhin waren sie einige der Wenigen gewesen, die in sämtliche Pläne des blauen Windes eingeweiht worden waren und sie musste sich beeilen wenn sie schlimmeres verhindern wollte.

 

* * * * *

 

Etwas außer Atem erreichte Kara die inneren Gärten und machte sich auf die Suche nach Aznador. Doch es war gar nicht mal so einfach diesen in der riesigen Anlage zu finden. Schließlich hatte sie Glück und fand den Kronprinzen des Sinesis-Reiches friedlich schlafend unter einem riesigen Apfelbaum und das keine einzige Sekunde zu früh. In dem Laub über Aznador waren bereits deutlich die Bewegungen einiger Eindringlinge.

„Aznador! Passt auf!“ Verwirrt öffnete dieser seine Augen und konnte den Schatten, der auf ihn zu sauste nicht mehr abwehren. Schwungvoll wurde er zur Seite geschleudert und stieß sich seinen Kopf äußerst unsanft an dem Sockel einer Marmorsäule. An der Stelle, an der er bis vor kurzem noch gelegen hatte ragte der dünne Griff eines Dolches aus dem Gras.

„Was im Namen aller Götter soll das?“ Aufgebracht stand Aznador auf und klopfte sich das Gras von seiner Kleidung. Kara ließ sich davon allerdings nicht im Geringsten ablenken und stellte sich schützend vor ihn während sie den Ersten der kleinen Attentäter entwaffnete und dessen Schwert irgendwo in die Büsche hinter sich schleuderte. Fluchend stürzte Aznador an ihr vorbei und schnappte sich den zweiten Störenfried, der sich ebenfalls ohne Problem entwaffnen ließ.

„Lass mich los!“ Es war erstaunlich, dass die Beiden ungefähr zeitgleich diesen Ausruf starteten doch weder Kara noch Aznador ließen ihren Gegner los. Wobei der Kronprinz des Sinesis-Reiches sichtlich erstaunt darüber war, dass er einen etwa zehnjährigen Jungen festhielt während Karas Gesicht deutlich ärgerliche Züge annahm.

„Wie oft soll ich euch eigentlich noch sagen, das ihr Maria nicht immer weglaufen sollt?!“ Verdutzt hielten die beiden Jungen in ihren Bemühungen sich zu befreien inne und sahen sich fragend an. Kara blies sich entnervt eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war doch nicht zu glauben. Da waren ihre beiden Söhne doch tatsächlich der Meinung gewesen sie könnten einfach so ein Attentat auf den Kronprinzen des Sinesis-Reiches verüben.

„Kennt ihr die Beiden etwa?“ Aznador hielt seinen Fang ein klein wenig höher und es war schwer zu sagen ob er sich durch das Eindringen der beiden Jungen nun verärgert fühlte oder nicht.

„Das kann man wohl sagen. Diese beiden Rabauken sind meine Söhne.“ Vor lauter Schreck ließ Aznador den Jungen in seiner Hand los und starrte Kara vollkommen ungläubig an.

„Söhne? Ihr habt Söhne?“ Aznador konnte einfach nicht glauben, was er da hörte. Wie alt um mochte diese Frau nur sein, wenn sie schon zwei zehnjährige Söhne hatte?

„Zwei Söhne und eine Tochter, die sich bestimmt auch irgendwo hier rum treibt. Kari komm raus!“ Noch ehe der von Aznador fallen gelassene Junge die Flucht antreten konnte hatte Kara ihn bereits am Kragen erwischt und hielt ihn zusammen mit dem anderen Unruhestifter fest.

„Mama?“ Aus einem Gingsterbusch kam ein vollkommen verängstigtes Mädchen zum Vorschein, das über und über mit gelben Blüten bedeckt war.

„Ist schon gut Kari ich bin dir nicht böse.“ Ein kleiner Ruck mit ihren Händen ließ die beiden Jungen, die Kara nach wie vor an ihren Krägen festhielt, wissen, dass dies nicht automatisch auch für sie galt. Aznador starrte das blonde Mädchen an als hätte er soeben einen Geist gesehen. Er erinnerte sich dunkel an etwas, aber er konnte nicht genau sagen an was.

„MAMA!“ Tränenüberströmt rannte das kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter, die wohl oder übel ihre Söhne loslassen musste wenn sie ihre Tochter trösten wollte.

„Ist schon gut Kari, ich bin hier.“ Beruhigend strich Kara ihrer Tochter, die vor lauter Schluchzen fast keinen Ton mehr herausbekam, über den Rücken.

„Einen Moment!“ Noch bevor sich Karas Söhne in die Büsche schlagen konnte erwischte Aznador die beiden Zehnjährigen und war überrascht wie ähnlich sich die Zwei doch sahen. Sie waren eindeutig Zwillinge und sie kamen ziemlich genau nach ihrer Mutter. Beide besaßen dieselben grünen Augen, wenn auch nicht ganz so dunkel wie die ihrer Mutter und wenn Aznador nicht alles täuschte, dann mussten Karas Haare irgendwann einmal blond oder braun gewesen sein. Entweder das oder der Vater ihrer Kinder besaß diese Haarfarbe. Denn Karas Söhne besaßen beide dunkelblondes, volles Haar während das ihrer Schwester in einem warmen Sonnengelb erstrahlte.

Als sich ihre Tochter endlich beruhigt hatte und unter Karas ständigem Flüstern schließlich auch einschlief widmete sich diese ihren beiden Söhnen, die von Aznador nach wie vor festgehalten wurden. Seufzend sank Kara vor den beiden Zehnjährigen auf die Knie.

„Also?“ Sie erhielt keine Antwort. Es würde also wesentlich schwerer werden als sie erwartet hatte.

„Bitte lasst sie los.“

„Seid ihr sicher, dass das eine gute Idee ist? Immerhin haben sie versucht mich zu töten.“ Aznador gab sich große Mühe sichtlich bestürzt zu klingen, aber Kara konnte er nicht hinters Licht führen.

„Macht euch nur keine Sorgen so schnell werden sie es bestimmt nicht wieder versuchen.“ Seufzend ließ Aznador die beiden Jungen los und war überrascht, dass diese nicht sofort davon stürmten.

„Nun ihr zwei. Was haltet ihr davon mir einmal zu erklären, warum ihr euere kleine Schwester einer solchen Gefahr ausgesetzt habt. Ich habe euch doch deutlich genug gesagt, das gut auf sie aufpassen sollt.“

„Haben wir doch.“ Schmollend stieß der eine Zwilling einen kleinen Stein mit seiner Fußspitze an während sein Ebenbild krampfhaft versuchte nicht zu weinen.

„Shion.“ Sanft sah Kara ihren Sohn an, der ihren Blick immer noch nicht erwiderte.

„Jetzt kommt schon her ihr zwei.“ Und ehe die Beiden sich versahen wurden sie von ihrer Mutter fest umarmt und ihre gesamte Fassade begann zu bröckeln.

„Ich habe euch so sehr vermisst.“ Abwechselnd hauchte Kara Küsse auf die Köpfe ihrer Söhne, die mittlerweile begonnen hatten in ihren Armen zu schluchzen. Peinlich berührt wandte sich Aznador von dieser Szene ab und zog sich in einen anderen Winkel des Gartens zurück. Dieser Moment gehörte wohl nur einer Mutter und ihren Kindern. Er würde später noch genügend Zeit haben Kara einige Fragen zu stellen.

Als auch ihre Söhne schließlich weinend in ihren Armen eingeschlafen waren stand Kara vor einem ernsthaften Problem. Wie sollte sie es schaffen drei nicht mehr sonderlich kleine Kinder ohne diese zu wecken in den Palast zu bringen, damit diese sich in der Nacht nicht erkälteten? Außerdem musste sie langsam aber sicher auch zurück um die Zwillinge, die vor einigen Monaten das Licht der Welt erblickt hatten zu stillen.

„Kann ich euch helfen?“ Nachdem einige Stunden verstrichen waren hatte es Aznador doch keine Ruhe mehr gelassen mehr über den blauen Wind herauszufinden und er war noch einmal an die Stelle des Gartens zurückgekehrt an der er Kara und ihre Kinder zurückgelassen hatte. Es hatte ihn allerdings überrascht, dass diese sich nach wie vor dort befanden.

„Das wäre wirklich sehr hilfreich.“ Dankbar nahm Kara sein Angebot an half Aznador dabei sich die Zwillinge auf die Arme zu legen während sie selbst ihre Tochter trug.

„Ihr habt also insgesamt fünf Kinder.“ Stellte Aznador fest und Kara nickte leicht.

„Sie haben gedacht ich wäre tot und sind gekommen um mich zu rächen.“ Damit hatte sie eine der Fragen, die Aznador ihr stellen wollte bereits beantwortet.

 

* * * * *

 

Zum Glück für alle versammelten hatte Aznador den Palast bereits vor dem Morgengrauen verlassen und würde vor Einbruch der Dunkelheit nicht zurückkommen. Es waren bereits zwei Wochen vergangen seitdem Karas Kinder und Maria im Palast es Sinesis-Reiches angekommen waren und seitdem ähnelte Karas Zimmer jedes Mal, wenn Aznador seinen Palast verließ, einem Armeehauptquartier. Überall stapelten sich Landkarten und Dokumente, die über die neusten Truppenbewegungen informierten und zwischen all dem Wirrwarr mussten dann auch noch ihre eigenen Pläne berücksichtigt werden. Doch das würde nicht mehr allzu lange Dauern, der Ausgang des Krieges war nur noch eine Frage der Zeit. Aus diesem Grund hatten sich an diesem Tag so gut wie alle Beteiligten der kleinen Verschwörung in Karas Zimmers versammelt.

Lydia, die Geliebte des hedarischen Kronprinzens war durchaus einverstanden gewesen ihre Arbeit bei den verletzten Soldaten einen Tag lang ruhen zu lassen, wenn es darum ging den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Nebenbei ihr saß ihre Dienerin Cyrill, die gerade dabei war gemeinsam mit Koussai-Bai die neusten Nachrichten über die Versorgung der Truppen zu lesen, während Kara sich über einige Landkarten beugte und intensiv darüber nachdachte welche Truppenbewegungen wohl als nächstes Folgen würden. Bisher hatte sich noch keiner ihrer Kundschafter gemeldet und ohne genaue Informationen drohte ihr gesamtes Vorhaben zu scheitern.

Zu Karas Füßen hatte sich ein riesiger, schwarzer Panther zusammengerollt, den Kara den anderen als Smaragd vorgestellt hatte und der nichts weiter tat als in der Gegend herumzudösen. Nachdem die Anderen festgestellt hatten, dass dieses Tier harmlos war kümmerten sie sich nicht mehr weiter um die Raubkatze. Was ihnen aber nach wie vor Unbehagen bereitete war, das Kara auch Odilia, Aznadors erste Mätresse in ihre Pläne eingeweiht hatte und das diese genau in diesem Moment gemeinsam mit Maria, einer langjährigen Freundin Karas und Karas Kindern auf dem Markt außerhalb des Palastes unterwegs war, um sich mit ihren Informanten zu treffen. Keiner von ihnen traute dieser Frau über Gebühr, aber Kara war der festen Überzeugung, das Odilia sie nicht verraten würde. Warum sie sich da so sicher war behielt sie allerdings für sich.

Als Maria und Odilia endlich vom Markt zurück kamen hatten die Anderen ihre Arbeiten bereits alle erledigt und konnten die neuen Informationen sofort in ihre Vorhaben integrieren. Karas Kinder spielten dabei vollkommen unbekümmert in einem kleinen Nebenraum.

„Wie sieht es mit den Truppen des Magnolia-Reiches aus?“ Fragend sah Koussai-Bai Maria an. Die Schwarzhaarige wühlte kurz in ihrem Beutel und förderte ein reiflich verschlissenes Pergament zum Vorschein.

„Sie sind etwa eine halben Tagesmarsch von der Position entfernt, in der wir sie brauchen. Die Königin des Magnolia-Reiches führt sie höchstpersönlich an“

„Gut. Das Hedar-Reich wartet auch nur noch auf ein Zeichen, um zu zuschlagen. Es dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen.“ Zufrieden sah Koussai-Bai in die Runde. Die letzten schlaflosen Nächte hatten sich wirklich bezahlt gemacht. Innerhalb weniger Tage war es ihnen gelungen einen Plan zu entwickeln wie man diesen Krieg ohne größeres Blutvergießen beenden konnte. Wobei es eine wesentliche Rolle spielte, dass der blaue Wind entgegen aller Gerüchte, nach wie vor am Leben war.

„Wer führt eigentlich unsere Truppen?“ Neugierig sah Lydia in die Runde und seufzend antwortet ihr Koussai-Bai. Er wusste, dass sie es kaum noch erwarten konnte ihren Geliebten endlich wieder zu sehen.

„Prinz Alder führt sie gemeinsam mit seinem Bruder Siaferm an. Sie teilen sich das Kommando.“

„Siaferm.“ Karas verächtliche Stimme hallte durch den Raum. Es war kein Geheimnis, das sie mit dem Älteren der beiden hedarischen Prinzen kein sonderlich gutes Verhältnis hatte. Sie hatte ihn schon seit dem Tag ihrer ersten Begegnung nicht leiden können.

„Ja, er ist ein guter Stratege und der Kronprinz des hedarischen Reiches vertraut seinem Urteil.“ Entnervt pustete sich Kara eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war ihr deutlich anzusehen, dass es ihr ganz und gar nicht gefiel sich eventuell mit Siaferm auseinandersetzen zu müssen. Aber wie Koussai-Bai und Lydia den Anderen versichern konnten beruhte das auf absoluter Gegenseitigkeit und würde ihren Plan auf gar keinen Fall gefährden. Siaferm hatte zwar eine grundlegende Abneigung gegen die Winde, da diese immer nur dann auftauchten wenn sie es für nötig hielten, aber ließ sich dadurch in seinen Entscheidungen in keinster Weise beeinflussen. Beide hatte Kara schon am eigenen Leib erfahren müssen, als sie einmal im Hedar-Reich zu Besuch und wahrscheinlich lag der Grund für das schlechte Verhältnis der Beiden irgendwo in dieser ersten Begegnung begraben.

„Jetzt brauchen wir nur noch ein geeignetes Ablenkungsmanöver.“ Überrascht sahen alle Odilia an, die bis jetzt geschwiegen hatte.

„Aznador wird sich bestimmt nicht so leicht hinters Licht führen lassen.“

„Oh, ich habe da bereits genau die richtige Idee.“ Mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das einer Raubkatze alle Ehre machte sah Kara die Mätresse an und nicht nur Odilia wurde unter diesem Blick mulmig zumute. Kara sah aus wie eine Raubkatze, die soeben ihre Beute in die Enge getrieben hatte.

 

* * * * *

 

„Danke, das wird reichen.“ Mit einem unwiderstehlichen Lächeln nahm Kara dem Soldaten den letzten Sack Zucker ab und stellte ihn zu den anderen Beiden in der kleinen Küche, die sie heute ausnahmsweise benutzen durfte. Wobei klein eigentlich nicht wirklich der treffende Ausdruck war. Immerhin hatten in dieser Küche bereits über zehn Kinder bequem Platz gefunden. Nicht mitgezählt Odilia, Lydia, Cyrill und Maria, die sich dieses Ereignis um keinen Preis der Welt entgehen lassen wollten. Irgendwie war es Kara vor wenigen Tagen gelungen Aznador dazu zu überreden ihr eine der Palastküchen zur Verfügung zu stellen. Auf seine Frage wozu sie diese denn bräuchte hatte sie nur geheimnisvoll geantwortet, das er sich das schon selber ansehen müssten. Kopfschüttelnd hatte der Kronprinz des Sinesis-Reiches schließlich eingewilligt und eine der Küchen räumen lassen, damit Kara sich dort frei bewegen konnte.

„Wenn ihr später noch einmal Hilfe braucht stehe ich euch gerne zur Verfügung.“

„Danke, das ist wirklich liebenswürdig von euch.“ Bei dem Honig, der aus Karas Stimme tropf schaffte es Maria nicht mehr ein leises Kichern zu unterdrücken. Obwohl ihre Freundin ihre gesamte Haarpracht bereits unter einem kunstvoll geschlungenen Turban versteckt hatte und in einer riesigen Bäckerschürze steckte lagen ihr die Männer dennoch reihenweise zu Füßen. Aber für ihr Vorhaben war dieser Aufzug auch bitter nötig.

Nachdem alle Anderen ebenfalls in einem ähnlichen Aufzug wie sie selbst steckten verteilte Kara die Aufgaben, wobei die Wichtigste darin bestand, ja nichts anbrennen zu lassen. Also begannen die Kinder eifrig unter den wachsamen Augen der Frauen damit der Reihe nach die Zutaten in ihre kleinen Töpfe zu füllen und alleine dabei stellte sich schon heraus, warum Kara auf eine solche Maskerade bestanden hatte.

Da zerbrach ein Sahnekrug, der Honig wurde quer über den Tisch verteilt und die Butter sowie der Zucker klebten so ziemlich überall nur nicht in den Töpfen. Es dauerte fast eine Stunde bis alle Kinder die Zutaten soweit in ihrem Topf hatten, das Kara die letzte Zutat hinzufügen konnte. Vorsichtig rieb sie in jeden Topf einen beachtlichen Teil der Vanilleschoten, die sie eigens dafür aus dem Vorrat des Palastkoches stibitzt hatte. Erst danach durften die Kinder ihre Töpfe auf die vorbereiteten Feuerstellen heben und unter ständigen Umrühren beobachten wie sich all diese Zutaten im Laufe der Zeit zu einer einheitlichen glatten, braunen Masse veränderten. Zufrieden besah sich Kara das Ergebnis ihrer kleinen Schützlinge und amüsierte sich köstlich, wenn diese feststellten, dass ihre Kochlöffel an diesem Zeug kleben blieben. Dadurch war die nächste Schweinerei selbstverständlich direkt vorprogrammiert, aber Kara schob dem schnell einen Riegel vor. Immerhin war die braune Masse noch kochend heiß und die ersten Kinder hatten bereits gemerkt, das es äußerst schmerzhaft sein konnte, wenn diese ihre nackte Haut berührte. Deshalb sollten jetzt erst einmal alle ihre Töpfe ein klein wenig stehen lassen, damit die Masse etwas abkühlen konnte. Das gab natürlich eine Reihe Proteste aber Kara meinte mit einem geheimnisvollen Lächeln, das sie nachher noch genügend Spaß haben würden und ein riesiger Krug selbst gemachter Limonade überzeugte dann schließlich auch den letzten Quälgeist, das eine Pause vielleicht wirklich nicht so schlecht wäre.

„Puh! Ich hätte nicht gedacht, das es so anstrengenden sein würde.“ Lächelnd sahen die anderen Frauen Odilia an.

„Warte es nur ab. Sobald sie weitermachen dürfen wird es richtig lustig.“ Orakelte Maria geheimnisvoll und Odilia wusste nicht ob sie das nun beruhigte oder ihr Angst machte. Es dauerte eine ganze Weile bis Kara erklärte, sie konnten nun weitermachen, da die Masse nun kalt genug sei. Was aber für einen wahren Jubelschrei bei den Kindern sorgte war die Tatsache, das Kara schließlich mit beiden Händen in ihren Topf griff und die zähe braune Masse mit ihren Händen auseinander zog. Na ja, und die Erklärung, das die Kinder es genauso machen sollten. Entweder alleine oder zusammen mit einem Partner. Es dauerte nicht sonderlich lange und die gesamte Küche klebte an allen Ecken und Enden.

„Was im Namen aller Götter geht hier vor sich?“ Aznadors Blick glitt fassungslos durch die vollkommen verwüstete Küche in der fünf Frauen eifrig damit beschäftigt waren ein klein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Kinder hatten sich mit ihren fertigen Bonbons bereits in alle Himmelsrichtungen zerstreut, aber das war halb so schlimm. Sie hätten ohnehin mehr verwüstet als aufgeräumt.

„Oh Aznador.“

„Odilia?!“ Entgeistert starrte der Kronprinz des Magnolia-Reiches seine Geliebte an, die er unter ihrer Verkleidung und der klebrigen Zuckerschicht beinahe nicht erkannt hätte. Auch die anderen Frauen waren über und über mit Zucker und anderen klebrigen Substanzen bedeckt.

„Wir haben mit den Kindern Karamell gemacht.“ Das freudige Strahlen in den Augen seiner Geliebten verwirrte Aznador nur noch mehr. Seit wann stellte sich Odilia freiwillig in eine Küche und noch dazu mit Kindern?

„Hier. Vielleicht möchtet ihr auch etwas davon probieren.“ Lydia hielt dem immer noch sprachlosen Prinzen einen Teller mit verschieden großen, braunen Würfeln unter die Nase, die verführerisch dufteten.

„Danke.“ Zögernd nahm Aznador einen der Würfel in die Hand und schob ihn sich vorsichtig in den Mund, während er die vollkommen verwüstete Küche weiter betrat. Sein Koch würde ihn umbringen.

„Ihr solltet besser aufpassen. Es klebt an den Zähnen.“ Odilias Warnung kam bereits zu spät. Aznador hatte inzwischen schon festgestellt, das es wesentlich besser gewesen wäre diese Köstlichkeit auch weiterhin zu lutschen statt auf sie zu beißen. Sein gesamter Kiefer klebte zusammen. Er verzog angewidert das Gesicht, aber die klebrige Masse ließ sich keinesfalls einfach vertreiben. Sie erwies sich als äußerst hartnäckig.

„Es tut mir leid.“ Entschuldigend sah Odilia ihn an bevor sie aus Aznadors Blickfeld verschwand um etwas zu suchen. Vergeblich versuchte Aznador zwischen seinen zusammengeklebten Zähnen eine Antwort hervorzubringen, aber es war vergeblich. Er konnte seinen Kiefer nur minimal bewegen. Kara seufzte leicht.

„Sie hat nicht das Karamell gemeint.“ Und noch ehe Aznador reagieren konnte setzte ihn ein harter Schlag in den Nacken außer Gefecht. Odilia hatte ihren Geliebten soeben mit einem Nudelholz KO geschlagen. So schnell es ging fesselten die Frauen den Kronprinzen und versteckten ihn dann in einer der Vorratskammern, die zu dieser Küche gehörten und die so gut wie nie genutzt würden. Ehe man Aznador dort fand wäre es bereits zu spät.

„So, und jetzt zum Rest unseres Plans.“ Verschwörerisch grinste Kara die anderen Frauen, die es sich nicht nehmen ließen dieses Grinsen zu erwidern.

 

* * * * *

 

Als Aznador sein Bewusstsein endlich wieder erlangte schwor er sich nie wieder in seinem Leben auch nur einer einzigen Frau zu vertrauen. Er hatte sich wie ein Anfänger ausschalten lassen und das machte ihn unglaublich wütend. Es wunderte ihn allerdings, das ausgerechnet Odilia mit den anderen Frauen gemeinsame Sache zu machen schien. Grimmig versuchte er seine Fesseln zu lösen, aber er hatte damit keinen sonderlichen Erfolg. Wer auch immer diese Knoten gemacht hatte er verstand sein Handwerk. Es würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben als zu warten bis man ihn fand nur das konnte Stunden dauern. In dieser Zeit wären diejenigen, die ihm das angetan hatten bestimmt schon über alle Berge.

Wie sich herausstellte sollte der Kronprinz des Sinesis-Reiches mit dieser Vorahnung Recht behalten. Es war bereits Nacht als ihn einer seiner Soldaten fand und was Aznador als nächstes erwartete hätte sich dieser in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. In seinem Palast fand ein riesiges Fest statt, da der Krieg gegen das Hedar- und das Magnolia-Reich beendet war. Beide Reiche hatten sie verbündet um gegen Sinesis bestehen zu können, doch anstatt dieses Reich zu erobern hatten sie sich mit einer Kapitulation und einem hieb- und stichfesten Friedensvertrag vollkommen zufrieden gegeben.

Aznador brauchte gar nicht lange zu überlegen woher seine Unterschrift und sein Siegel auf diesem Vertrag gekommen waren. Der blaue Wind hatte wirklich für alles gesorgt. Dieser Vertrag band die drei Königreiche aneinander und jedes einzelne von ihnen profitierte von dieser Verbindung. Im Endeffekt überwiegten die Vorteile also beschloss Aznador diesen Vertrag nicht anzufechten oder den Krieg fortzuführen.

Es überraschte noch nicht einmal, dass sich außer Odilia keiner der Verschwörer mehr in seinem Palast befand. Doch er konnte seiner Geliebten nicht böse sein. Er wusste wie sehr sich diese immer wieder gewünscht hatte, dass er endlich Frieden mit den anderen Reichen halten würde und nicht mehr dauernd aufs Schlachtfeld hinaus zog. Dennoch interessierte es Aznador nach wie vor, wie es dem blauen Wind gelungen war seine Geliebte dazu zu überreden an einer solchen Verschwörung teilzunehmen, doch Odilia beantwortete ihm diese Frage nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.

 

Fortsetzung:
Epilog


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