Kapitel 01

99-07-20

Secrets


I. Wie alles begann


Es war später Abend und es gelang mir gerade noch so mich überhaupt auf den Beinen zu halten. Ich war todmüde und vollkommen erledigt. Das Konzert an diesem Tag hatte uns alle ausgelaugt.

Kein Wunder. Hatten wir doch nebenbei noch an unserer neusten Platte gearbeitet und sind direkt im Anschluß zur Konzerthalle gefahren. Der Abschluß eines ohnehin schon anstrengenden Tages. Und einer der Gründe, warum wir uns alle so schnell wie möglich vom Acker machten, obwohl wir uns die After-Show-Partys sonst nie entgehen ließen. Einmal ist schließlich immer das erste Mal. Warum also nicht?

Zur Sicherheit stöpselte ich dieses Mal auch das Telefon aus und stellte die Haustürklingel ab. Wer auch immer versuchen würde mich in den nächsten 12 Stunden zu erreichen hätte eben Pech gehabt. Den Schlaf hatten wir uns redlich verdient und am nächsten Tag stand endlich einmal nach langer, langer Zeit kein einziger Termin an. Wir hatten frei und konnten den Tag in vollen Zügen genießen.

Kein Termindruck, kein aufgeschreckter Manager, kein endloses Autogramme schreiben oder sinnlose Interviews führen. Einfach nur frei! Es war fast zu schön um wahr zu sein!

Meine Jacke flog achtlos in irgendeine Ecke und ich ließ mich aufs Bett fallen. Eigentlich hatte ich ja fest vorgehabt noch zu duschen und mich umziehen, aber als die weichen Laken mein Gesicht berührten und sich leise raschelnd den Konturen meines Körpers anpaßten, war das Thema bereits erledigt. Ich schlief augenblicklich ein und es folgte einer der seltsamsten Träume, die ich bis zu diesem Zeitpunkt jemals gehabt hatte.

Hellwach und vollkommen irritiert fand ich mich in einem Raum voller Menschen wieder, die auf irgend etwas zu warten schienen. Hatte ich nicht vor fünf Minuten noch in meinem Bett gelegen?

Suchend sah ich mich um, doch alles hatte sich verändert. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf mein Zimmer. Der Raum war spärlich eingerichtet und die Kleidung der Leute erinnerte mich an etwas, das Chris mir vor einiger Zeit erklärt hatte.

Der Schnitt und die Muster gehörten unverkennbar in das historische China. Doch warum um alles in der Welt träumte ich ausgerechnet jetzt davon?! Es war Wochen her, das wir uns über die Modegeschichte der Welt unterhalten hatten um ein neues Bühnenoutfit für die Band zu entwickeln.

Und noch etwas war äußerst merkwürdig. Niemand schien meine Anwesenheit zu bemerken. Ich stand mitten unter ihnen und kein einziger von ihnen schien mich überhaupt bemerkt zu haben. Eigentlich müßten sie mich längst entdeckt haben...

Selbst als ein älterer Mann mich direkt ansah zeigte er nicht die geringste Reaktion. Er nahm mich nicht wahr obwohl ich jede Einzelheit seines Gesichts genau erkennen konnte.

Er hatte lange, ergraute Haare die wohl einst dunkelblond gewesen sind. Er trug sie streng zu einem Zopf im Nacken zusammengebunden. Lediglich zwei dünne Bänder, die sich aus einem sorgsamen Flechtwerk befreit hatten lockerten die Strenge seiner Erscheinung etwas auf.

Sein Gesicht war von Falten gezeichnet und das unregelmäßige Muster in der Haut um seinen Mundwinkel ließ darauf schließen, daß er unter anderen Umständen sehr gern lachte. Jetzt war sein gesamtes Gesicht jedoch von tiefer Sorge gezeichnet. Doch seine Augen büßten nicht eine einzige Minute etwas von ihrer Faszination ein. Sie erstrahlten in einem wunderschönen Smaragdgrün und von ihnen ging eine unerschütterliche Kraft aus obwohl sich ein leichter Schatten über sie gelegt hatte. Was war es nur, das diesem Mann so sehr zusetzte?

Weit und breit war mir nichts aufgefallen, was eine solch sorgenvolle Miene hätte hervorrufen können. Außer vielleicht der Tatsache, das ich nicht wußte wie ich in diesen Raum gekommen war, geschweige denn, was ich dort sollte.

Er runzelte die Stirn und seine sanft geschwungenen Augenbrauen verschmolzen beinahe mit den Falten auf seiner Stirn. Wieso bemerkt er mich nicht? Ich stehe doch genau vor ihm und erwidere seinen Blick. Normalerweise merken Menschen es doch sehr schnell, wenn man sie beobachtet…

Unsere Blicke kreuzten sich für einen kurzen Moment und ich hielt den Atem an. Doch es war als würde er geradewegs durch mich hindurchsehen. So als wäre ich gar nicht vorhanden! Aber ich stehe doch hier! Uns trennt nur eine knappe Armlänge! Wie kann er mich da nicht sehen?!

Und wieso stört mich das eigentlich? Ich weiß doch, daß das alles nur ein Traum ist und ich in Wahrheit zu Hause in meinem Bett liege während ich die Laken immer enger um mich ziehe um mich darin einzukuscheln. Oder etwa nicht? Was aber immer noch nicht erklärt, warum mich dieser Mann nicht bemerkt. Vielleicht ist er blind...

Ja, das würde es erklären…

Ein gellender Schrei riß mich aus meinen Gedanken. Dank der sich in Bewegung geratenen Menschen um mich herum wußte ich ebenfalls wohin ich mich wenden mußte. Vorsichtig versuchte ich näher an die Quelle des Schreis zu gelangen. Es war nicht ganz einfach sich durch die Ansammlung der Wartenden zu kämpfen, da ich immer darauf bedacht war niemanden anzustoßen damit man mir auch weiterhin keine Beachtung schenkte. Was hieß es denn schon, daß mich ein einziger alter Mann nicht sah? Immerhin hatte ich schon weitaus Seltsameres erlebt.

Es war unglaublich wie viele Leute sich in diesem kleinen Raum versammelt hatten. Erst glaubte ich es mit einer großen Familie zu tun zu haben doch bei näherem Hinsehen fiel mir auf, das niemand jünger als sechzehn oder siebzehn Jahre alt war. Wieso sind keine Kinder hier? Und warum hatten sich all diese Menschen versammelt?

Erst als ich mich durch die unzähligen Reihen nach vorn gekämpft hatte verstand ich es. Auf einem Bett, das alle Anwesenden umringten, lag eine junge Frau, die vielleicht gerade mal so alt war wie ich. Vielleicht ein Jahr jünger oder älter. Es war schwer zu sagen. Ihr Gesicht war von Schmerzen gezeichnet und ihr langes, blondes Haar war von ihrem Schweiß durchnäßt. Es klebte ihr wirr im Gesicht.

Sie schrie erneut auf und ihr Körper krampfte sich zusammen. Ich versuchte näher an das Bett kommen. Irgend jemand muß ihr doch helfen können. Warum tut keiner von ihnen etwas um ihren Schmerz zu lindern? Sehen sie etwa nicht, wie sehr sie leidet?

“Platz da!! Laßt mich durch!!!“ Noch bevor ich überhaupt reagieren konnte war eine alte Frau durch mich hindurch an das Bett getreten. Und das konnte man wörtlich nehmen! Sie hätte mich eigentlich umrennen müssen, aber sie war durch meinen Körper geschritten als wäre dieser rein gar nicht vorhanden!

Wie ist das möglich? Wie kann einfach so jemand durch mich hindurch laufen?! Ich bin doch kein Geist! Der Raum begann sich zu drehen als Panik von mir Besitz ergriff. Das kann nicht sein!

Am Liebsten hätte ich laut geschrieen. Es gelang mir gerade so den Aufschrei des Entsetzens zu unterdrücken und fieberhaft nach einer Erklärung zu suchen. Es ist nur ein Traum! Ein Traum! Nichts weiter!

Ihr Schrei riß mich aus meinen Gedanken. Es fraß sich durch mein Inneres wie eine Feuersbrunst und machte es unmöglich ihn zu ignorieren. Mein Blick haftete sich das Bett. Ich war unfähig mich von der Szene, die sich dort abspielte abzuwenden.

Die alte Frau redete beruhigend auf Kranke ein und wandte sich an den grünäugigen, alten Mann, der bisher regungslos neben ihr gestanden hatte. Sofort geriet Bewegung in seinen Körper. Er ergriff die Hand der jungen Frau und flüsterte ein leises Gebet während er in die Knie sank.

Nun gut, es ist mein Traum. Finden wir uns damit ab. Er ist reiflich merkwürdig, aber er muß irgendwo in meinem Unterbewußtsein auf mich gelauert haben. Vielleicht wollte ich ja schon immer einmal wissen wie es ist ein Geist zu sein. Es könnte sogar ganz interessant werden. Machen wir also das Beste draus. Antworten auf das wieso und warum kann ich schließlich auch noch später finden. Nach dem Aufwachen und einer großen Tasse starken, heißen Kaffees.

Langsam näherte ich mich dem Bett und stellte fest, daß mich auch weiterhin niemand bemerkte. Gut, ich war also ein Geist, damit konnte ich vorläufig leben. Im Moment ist es sogar recht praktisch. So kann mich niemand aufhalten. Schmunzelnd blieb ich neben dem Bett stehen und erkannte endlich den Grund warum niemand der jungen Frau half. Sie konnten es nicht. Niemand konnte ihr diese Schmerzen abnehmen... Sie bekam ein Kind.

Ihr Blick war verschwommen und sie klammerte sich an die Hand des alten Mannes. Er redete inzwischen beruhigend auf sie und fuhr ihr sanft mit einer Hand über die Stirn. Ein dankbares Lächeln legte ich über ihr Gesicht während sich die Alte Frau um alles weitere kümmerte. Sie wies die Umstehenden an heißes Wasser und frische, saubere Tücher zu besorgen. Es würde nicht mehr sonderlich lange dauern bis ein neues Leben das Licht der Welt erblickte.

Ihre Haare hatten sich stellenweise aus dem Knoten gelöst, zu dem sie zusammengefaßt waren. Immer wieder wischte sie aus dem Gesicht. Aber es war vergebliche Liebesmüh. Sie fielen jedes Mal direkt wieder zurück. Und sie war nervös. Ihre grauen Augen verrieten eine seltsame Anspannung, aber angesichts der Situation erschien mir das normal. Eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses barg weitaus mehr Risiken als es sonst der Fall war.

Ich wandte mich wieder der jungen Frau im Bett zu und bemerkte erstaunt, daß die Worte des alten Mannes sie tatsächlich ruhiger werden ließen. Er strich ihr sanft die Haare aus dem Gesicht und drückte ihre Hand fester, als sie sich erneut unter den Wehen krümmte.

Aus einigen der Wortfetzen, die ich aufschnappte entnahm ich, das der alte Mann ihr Großvater war. Wo war ihr Mann in einem solch wichtigen Moment? Sollte er nicht an ihrer Seite sein?

Aber darüber konnte ich mir nicht allzulange Gedanken machen. Zu schnell riß mich die Szene am Bett wieder in ihren Bann. Die nächste Wehe raubte ihr fast den Atmen. Sie öffnete die Augen, in denen man all ihren Schmerz und ihre Hoffnung erkennen konnte und sie sah mich an.

Zuerst glaubte ich an einen Zufall oder eine Sinnestäuschung, schließlich hatte ich mich gerade erst mit meiner Rolle als Geist abgefunden. Doch sie sah mich unverwandt an. Ihre Lippen formten eine Frage, doch eine erneute Wehe ließ sie verstummen. Ihre Hände verkrampften sich und ihr Atem ging nur noch stoßweise.

Die Alte begann nun hektisch alles auf die kurz bevorstehende Geburt vorzubereiten und redete beruhigend auf das Mädchen ein. Erneut bemerkte ich den Blick ihrer fragenden Augen. Diesmal erwiderte ich ihn und auf ihren Mund legte sich ein flüchtiges Lächeln, bevor sie erneut unter Schmerzen aufschrie.

Ihre strahlendblauen Augen waren weit geöffnet und sie versuchte mich nicht aus ihrem Blickwinkel verschwinden zu lassen. Obwohl sie wahrscheinlich durch all den Schweiß, der über ihr Gesicht rann und sich mit ihren Tränen vermischte, nicht mehr wahrnahm, als einen verschwommen Schatten.

Das monotone Gemurmel der Alten, die unruhigen Stimmen der anwesenden Menschen und ihre Schreie vermischten sich. Die Stimmung war der kurz vor einem unserer Konzerte erschreckend ähnlich.

„Ruhe! Verdammt noch mal, seid ruhig!“ Erstaunt sah ich sie an. Es war unglaublich, was für eine Kraft ihre Stimme besaß. Woher nahm sie nur diese Energie? Sie schien doch völlig erschöpft gewesen zu sein ...

In ihren tiefblauen Augen loderte der Zorn. Weshalb ist sie so aufgebracht? Es hat ihr doch niemand etwas getan. Was mich aber noch mehr verblüffte war die Tatsache, das ich sie genau verstanden hatte. Dabei sprach ich kein einziges Wort Chinesisch. Die Wirkung ihres Ausbruchs war erstaunlich. Es wurde fast augenblicklich ruhig.

Lediglich die alte Dame murmelte weiterhin irgend etwas, das ich nicht verstand und machte sich daran endlich das Kind auf die Welt zu holen. Die junge Frau wandte sich nun auch an sie und wollte ihr etwas sagen. Eine erneute Wehe ließ sie jedoch fast ohnmächtig werden. Ein seltsamer Geruch erfüllte plötzlich den Raum und setzte sich süßlich schwer in allem fest. Irgendwie kam er mir bekannt vor...

Blut! Das war der Geruch von Blut! Zuviel Blut! Viel zu viel! Mir drehte sich der Magen um als ein Schrei die angespannte Stille im Raum durchbrach. Es war der Schrei eines Neugeborenen, das seine Lungen zum ersten Mal mit Luft füllte.

Ein Raunen der Erleichterung ging von den Anwesenden aus und man begann über das freudige Ereignis zu diskutieren. Hauptsächlich natürlich ob es nun ein Junge oder ein Mädchen sei. Auch meine Übelkeit hatte sich in dem Moment verflüchtigt in dem der Säugling damit begonnen hatte leise vor sich hin zu brabbeln.

Die Alte durchtrennte mit einem gekonnten Griff die Nabelschnur, wickelte das Neugeborene fast gleichzeitig in ein sauberes Laken und beseitigte die Nachgeburt. Behutsam legte sie das winzige Bündel an die Brust des Mädchens und flüsterte (merkwürdigerweise hörte jeder im Raum ihre Worte kristallklar):

“Es ist ein Junge.“ Das Mädchen löste seine Hand aus der ihres Großvaters und nahm das lebhafte Bündel behutsam entgegen. Sanft strich sie ihrem Sohn über die Stirn und hauchte einen Kuß darauf. Sie flüsterte etwas, das niemand verstand doch man sah in ihrem Gesicht deutlich die Erleichterung und Freude darüber an, daß nun endlich alles vorbei war und sie ihr Kind im Arm halten konnte. Man kann die Gefühle die einem in diesem Moment durchströmen unmöglich in Worte fassen. Sie sind etwas, das man nur bei der Geburt eines Kindes erfährt.

Doch trotz der allgemeinen Erleichterung störte mich etwas. Wieso ist sie nach wie vor so blaß? Ihr Gesicht ist kalkweiß und ihre Hände zittern. Auch ihr Großvater bemerkte es und nackte Angst spiegelte sich in seinen Augen wieder. Noch wesentlich stärker als beim ersten Mal, wo ich sie bemerkt hatte. Er hatte Angst sie zu verlieren!

Um Gottes Willen, es kann doch unmöglich sein, das diese Geburt ihr Ende bedeutet! Kann ich denn gar nichts tun? Welchen Streich spielt mir meine Fantasie hier? Auf solche kranken Ideen komme ich ja noch nicht einmal wenn ich wach bin.

“NEIN!!!“ Verzweifelt schrie der alte Mann auf als sie die Augen schloß und sich nicht mehr bewegte. Beruhigend legte die Hebamme eine Hand auf seine Schultern und wies auf die Brust des Mädchens, die sich kaum merklich hob und senkte. Sie schlief, ihren Sohn schützend im Arm haltend. Erleichtert atmete ich auf.

Auf ihren Lippen lag das glückliche Lächeln einer neugeborenen Mutter und das schien den alten Mann zu beruhigen. Langsam erhob er sich und bat die Anwesenden zu gehen damit sich seine Enkelin in Ruhe von den Strapazen der Geburt erholen konnte. Wortlos wurde seiner Bitte folge geleistet.

Da ich mich nicht angesprochen fühlte, blieb ich wo ich war. Mich sieht schließlich ohnehin niemand. Außerdem möchte ich wissen, ob sie mich wirklich gesehen hat oder ob ich komplett an Wahnvorstellungen leide. Obwohl mit dieser Aussage sollte ich im Moment lieber vorsichtig sein. Immerhin ist das hier etwas, was sich mein Unterbewußtsein zusammengesponnen hat. Vielleicht bin ich überarbeitet?

Die beiden Alten tuschelten miteinander, wobei ich kein Wort verstand. Das änderte sich jedoch ziemlich schnell, als ich mich direkt neben sie stellte. Ein Geist zu sein hat auch seine praktischen Seiten.

“Wird sie es schaffen?“ Seine Stimme bebte ebenso wie sein gesamter Körper zitterte.

“Wir müssen die Nacht abwarten. Sie ist sehr schwach.“ Die Alte schüttelte unbewußt den Kopf, als könne sie so seinem sorgenvollen Blick entgehen. Der Schmerz und die Angst übermannten ihn und er verlor für einen kurzen Augenblick das Gleichgewicht fand es aber sofort wieder.

“Sie braucht Ruhe... komm.“ Sie nahm ihn wie ein kleines Kind an die Hand und führte ihn aus dem Raum. Leise schloß sie die Tür und ich war allein. Allein mit einer jungen Mutter und ihrem Neugeborenen. Tja, ich war noch nie für untätiges Rumstehen und ich wollte endlich auch etwas tun, also näherte ich mich dem Bett und kniete mich neben sie. In diesem Augenblick schlug sie die Augen auf.

Vor lauter Schreck hätte ich fast den Krug umgestoßen, direkt neben mir stand. Das heißt sofern ich nicht durch ihn hindurch geglitten wäre. So fand ich mich auf dem Boden liegend wieder wobei ich fasziniert auf meine Beine starrte. Der Krug ragte direkt durch meine Knie und die Hälfte meiner Unterschenkel. Unglaublich!

Langsam setzte ich mich auf und testete meine Fähigkeiten als Geist. Immer wieder probierte ich den Krug mit meinen Händen zu umfassen, aber sie glitten jedesmal durch ihn hindurch und trafen in der Mitte zusammen. Na super, meinen eigenen Körper konnte ich also berühren, nur die Umgebung nicht. Shit! Und was ist wenn ich Hunger bekommen sollte? Soll ich mich selber beißen?

Hmm... in diesen alten‚ Horror-Schinken haben die Geister meines Wissens nie mit solchen Problem zu kämpfen. Hey, es ist ja schließlich nur ein Traum. Weshalb sich Sorgen machen? Eine Diät ist bestimmt gar keine so schlechte Sache.

“Wer bist du?“ Erstaunt blickte ich in ihre fragenden Augen. Kann sie mich tatsächlich sehen? Ich war viel zu perplex, als das ich hätte antworten können. Irgend etwas an mir schien sie zu beunruhigen, denn sie zog ihren Sohn enger an sich und mir dämmerte der Grund dafür. Sie hatte Angst vor mir! Am liebsten hätte ich laut gelacht, aber der Gedanke, daß sie diese Nacht eventuell nicht überleben würde, ließ es in meiner Kehle ersticken.

“Wieso siehst du mich so an? Heißt... heißt das... das ich bald...“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende ihre Stimme versagte ihren Dienst und doch wußten wir beide was sie nicht aussprach. Ich antwortete nicht. Wie sollte ich ihr etwas erklären, das ich selbst nicht verstand? Noch mehr verwirrte mich allerdings, das sie durchaus sehr wohl wußte, weshalb man sich so sehr um sie sorgte. Weder der Alte Mann noch die Hebamme hatten in ihrer Gegenwart laut davon gesprochen.

“Du... du bist ein Geist... ein Dämon! Aber mich bekommst du nicht! Ich will leben!“ Die letzten Worte schrie sie fast und in ihren Augen erkannte ich ein entschlossenes Funkeln. Sie würde um jeden Preis um ihr Leben kämpfen. Dieses Mal lächelte ich. Mit dieser Einstellung würde sie die Nacht problemlos überstehen. Na ja und so ganz unrecht hat sie mit dieser Geist-Dämon Vermutung auch nicht. Aber wieso glaubt sie, daß ausgerechnet ich dazu ausersehen bin sie zu töten? Soweit ich mich entsinnen kann habe ich in meinem Leben noch nie einen Menschen getötet.

Ja gut, ein paar ungehobelte Fans (wenn man das so bezeichnen kann), die uns schon seit Wochen belästigten und weiß Gott was mit mir vorhatten, lagen für einige Zeit im Krankenhaus, aber ich habe sie nicht getötet. Sie wurden lediglich von oben bis unten einbandagiert. Mehr nicht.

Bei diesem Gedanken mußte ich lächeln. Sie hatten ernsthaft geglaubt, daß sie ein leichtes Spiel und sich ohne größere Probleme mit mir hätten amüsieren können. Ein Anderer würde so etwas schlicht und ergreifend Vergewaltigung nennen. Pech für sie, das ihre Rechnung nicht aufging. Sie bekamen einen Denkzettel verpaßt, den sie wohl nie wieder vergessen haben.

Das war vor allem dem Rest der Band zu verdanken, die auftauchten, um mich zu suchen. Ohne sie wäre die kleine Gedächtnisstütze wohl nicht ganz so hart ausgefallen. Und unser Manager (lassen wir ihn einfach in diesem Glauben) hatte das Material Arts Training immer als unnötige Zeitverschwendung beschimpft. Im Nachhinein ist er mehr als nur einmal froh darüber gewesen was für fleißige Schüler wir sein konnten, wenn wir wollten. Der Kampfsport erwies sich mehrfach als nützlich. Vor allem, wenn wir unsere Bodyguards erfolgreich abhängen wollten.

“Warum lächelst du?“ Ihr Blick ruhte auf mir und in ihre azurblauen Augen stand ein unerschütterlicher Wille, der nach einer Antwort verlangte, egal wie sie auch ausfallen würde. Dennoch konnte sie ihre Angst nur schwer verbergen.

“Eigentlich aus keinem besonderem Grund.“ Das schien sie zu überraschen. Nachdenklich musterte sie mich und schwieg. Was mir Zeit gab vom Boden aufzustehen. Auf die Idee mich an dem Tisch neben ihrem Bett abzustützen und dann schwungvoll aufzustehen hätte ich allerdings doch besser nicht kommen sollen. Ehe ich mich versah glitt meine Hand durch ihn hindurch und ich landete erneut ziemlich unsanft auf dem Boden.

“Shit! Warum muß ich auch dieses Geistsein vergessen?! Weshalb gibt eigentlich der Boden nicht nach, wenn es doch sonst alles tut?“ Entnervt und weiter vor mich hinfluchend stand ich erneut auf. Dieses Mal allerdings ohne technische Hilfe und vernahm ihr Lachen. Das gibt es doch nicht! Ihre ganze Furcht scheint schlagartig verschwunden zu sein. Okay, es war auch ein selten dämlicher Anblick.

“Warum lachst du?“ Ich hatte ganz bewußt eine ähnliche Frage wie sie benutzt und wartete auf ihre Reaktion. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder soweit unter Kontrolle hatte, daß sie antworten konnte.

“Es ist nur... du bist der erste Geist, den ich sehe, dem so etwas passiert.“ Ihr unterdrücktes Kichern hatte den Satz zwar etwas undeutlich werden lassen und verlängert, aber ich verstand sie. Nickend stimmte ich ihr zu. So wie ich mein Glück kenne bin ich garantiert der einzige Geist, dem so etwas passiert. Mal abgesehen davon, daß ich mit diesem halbaufgelösten Zustand absolutes Neuland betrat. Das sagte ich ihr auch, woraufhin sie nur noch mehr lachte und sich die Tränen aus den Augen wischen mußte. Es war unheimlich ansteckend und nach einiger Zeit lachten wir beide. Ich gewann als erste eine halbwegs ruhige Fassung wieder und fragte sie, weshalb sie der Meinung sei, das ich ein Dämon sei und sie töten wolle.

“Du bist doch nicht etwa wirklich ein Dämon?“ Hauchte sie kaum hörbar über ihre Lippen während ihre Gesichtszüge erstarrten. Ich schüttelte den Kopf. Wie kommt sie nur darauf? Sehe ich etwa dermaßen furchterregend aus? Zugegeben ich war ziemlich KO als ich nach Hause kam und hatte bestimmt dicke, fette Ringe unter den Augen, aber so schlimm kann es unmöglich gewesen sein.

“Weißt du, das liegt daran... ach, was! Das ist dummer Aberglaube.“ Sie winkte ab. Na super, Aberglaube. Wenn das so weitergeht sollte ich vielleicht wirklich erwägen zu einem Seelenklemptner zu gehen. Was kommt als nächstes? Das Ungeheuer von Loch Ness? Für diese Dinge habe ich absolut nichts übrig. Das ganze übersinnliche Zeug ist doch eh nur Humbug! Alles Lug und Trug um die Leute um ihr Geld zu bringen. Warum zum Henker kommt so etwas in meinem Traum vor?

“Erklär es mir bitte trotzdem.“ Irgendwo muß es doch eine Erklärung geben. Sie kämpfte mit sich.

“Ach, das ist nichts... nur, das man sagt, mein Stamm sei verflucht.“ Somit war es raus und ich kugelte mich bei ihrem Gesichtsausdruck der irgendwo zwischen vollkommen entnervt und am-Liebsten-nie-wieder-drüber-sprechen lag, beinahe vor Lachen.

“Oh man, ein Fluch?! Das ist es, was dich beunruhigt?“ Vor lauter Lachen konnte ich kaum sprechen. Das war einfach zu gut!

“Wenn es so etwas geben würde, dann hätte ich ein ernsthaftes Problem.“ Sie sah mich entsetzt an. In ihren Augen spiegelten sich Wut, Angst aber auch Belustigung und Neugier. Zaghaft fragte sie:

“Wieso hättest du dann ein äh... Problem?“ Dieses Mal war es an mir abzuwinken.

“Och, so oft, wie man mich schon verflucht hat ...“

“Dämon!“

Was?!“ Jetzt war ich baff. Ihre Stimme war zu einem gefährlichen Zischen geworden.

“Wie kommst du auf den Schwachsinn?! Oh man, das darf doch nicht war sein! Hör mal, rein zufällig bin ich auch ein ganz äh... normaler Mensch, auch wenn das momentan nicht danach aussieht.“ Ich mußte meinem Ärger einfach Luft machen und außerdem wollte ich endlich dieses Thema beenden. Meine Worte zeigten Wirkung, sie wurde nachdenklich.

“Aber wenn du wirklich ein Mensch bist, wie du behauptest. Wieso kannst du dann durch feste Gegenstände fassen, als wären sie nicht da?“

Um ehrlich zu sein. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Das ist erst seit kurzem so. Normalerweise kann ich das nicht.“ Ratlos hob ich die Schultern. Langsam begann mich die Sache zu nerven, so kamen wir nicht weiter. Nachdenklich begann ich auf und ab zu laufen.

“Kann... kann ich dich denn berühren?“ Ich hielt inne. Mir war nicht sofort klar, was sie damit meinte. Sie bemerkte mein Zögern und richtete sich auf.

“Ich meine, kann ich dich berühren, ohne das meine Hand durch dich hindurchgleitet? Geht das?“ Entgeistert sah ich sie an. Kann das sein? Wenn sie mich sehen kann, wird das eventuell auch klappen. Dieser Traum wird immer merkwürdiger. Wache ich eigentlich überhaupt noch mal auf?

“Gut. Probieren wir es aus.“ Ich bestätigte meine Worte mit einem kurzen Nicken und kniete mich neben sie, damit sie nicht aufstehen mußte.

“Oh! Du hast aber eine merkwürdige Haarfarbe.“ Ihr Blick haftete auf meinem Kopf.

“Was ist daran merkwürdig? Sie sind...“ Und da fiel es mir wieder ein. Wahrscheinlich trage ich nach wie vor die Kurzhaarperücke vom Konzert und das dazugehörige Outfit. Schließlich bin ich in dem Zeug eingeschlafen. Autsch! Chris wird mir den Kopf abreißen, wo er den Kram doch mit soviel Liebe entworfen hat. Er regt sich ohnehin laufend darüber auf, wie ich mit seinen Modellen umgehe. Das ist unser Lieblingsthema. Kein Wunder, das mein Gegenüber meine Haarfarbe als merkwürdig empfindet. Blau mit silbernen Strähnen ist schließlich alles andere als eine normale Haarfarbe.

“Hey! Warum hast du den Satz nicht beendet?“ Sie klang leicht beleidigt.

“Ach, mir ist nur gerade etwas eingefallen.“ Aargh! Die Schuhe habe ich bestimmt auch noch an. Die Bettlaken dürften damit hin sein. Shit! Die waren brandneu.

“Was siehst du eigentlich, wenn ich vor dir stehe?“ Lieber auf Nummer sicher gehen. Wer weiß schon wie sehr sich mein Erscheinungsbild verändert hat. Vielleicht bin ich ja so etwas wie ein rosa Krokodil? Erstaunt sah sie mich an. Etwas an meiner Frage schien sie zu irritieren. Sie antwortete nicht sofort und das verunsicherte mich etwas. Bitte, bitte laß es kein rosa Krokodil sein!

“Warum willst du das wissen?“ Lächelnd antwortete ich ihr.

"Weil ich keine Ahnung habe, wie ich momentan aussehe." Ich war ehrlich zu ihr und mehr als gespannt auf ihre Antwort.

“Das kann nicht dein Ernst sein. Du machst dich über mich lustig.“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören. An ihrer Stelle würde ich mir wohl auch verarscht vorkommen.

“Nein, ehrlich. Ich weiß es nicht. Hmm ... natürlich weiß ich eigentlich, wie ich aussehe, aber ich habe absolut keine Ahnung, ob du dasselbe siehst wie ich.“ Wenn es hier einen Spiegel gäbe hätte ich ihr diese Frage gar nicht gestellt, aber weit und breit gab es nicht den kleinsten Hinweis auf so ein Teil. Sie kicherte und langsam kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück.

“Du bist wirklich ein seltsamer Geist.“ Bevor ich etwas erwidern konnte fuhr sie fort.

“Du möchtest wissen, was ich sehe, wenn ich dich betrachte? Gut.“ Sie sah mich noch einmal prüfend an. Geduldig wartete ich ab bis sie antwortete. Ihr Sohn schlummerte immer noch friedlich in ihrem Arm und schien von alldem nichts bemerken.

“Also...“ Sofort wurde ich wieder hellhörig, das konnte was geben.

“Ich sehe eine junge Frau, die jünger ist als ich. Stimmst?“ Perplex starrte ich sie an. Belustigt zwinkerte sie mir zu und flüsterte ihrem Sohn etwas ins Ohr, das ich nicht verstand.

“Dann mußtest du mindestens zwanzig sein.“ Gab ich zurück. Viele Leute schätzten mich wesentlich jünger ein als ich tatsächlich war. Das war mir nur recht. So hatte man wenigstens halbwegs seine Ruhe vom Busineß. Abwesend antwortete sie.

“Ich werde bald neunzehn...“ Ihr Blick verschleierte sich und sie sah aus dem Fenster hinaus in die Nacht. WAS?! Sie ist genauso alt wie ich und hat schon ein Kind?! Ein Seufzer löste sich von ihren Lippen, bevor sie fortfuhr.

“Diese junge Frau hat äußerst seltsame Haare. Sie spiegeln das tiefe Blau eines Sees in dem silberne Fische spielen wieder und stehen von ihrem Kopf ab wie die erste Mähne eines jungen Löwen.“ Mein empörter Gesichtsausdruck schien sie nicht weiter zu stören, denn sie redete unbeirrt weiter.

“Es sieht allerdings sehr faszinierend zu ihren funkelnden blaugrünen Augen aus.“ Irre ich mich, oder macht sie das mit Absicht? Ihr Gesichtsausdruck war vollkommen neutral und ich wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte. Sie hatte mich völlig entwaffnet.

“Ihre Kleidung besteht aus einem Stoff, den ich bisher noch nie gesehen habe. Ein zerrissenes ähm... Oberteil, das statt geknöpft geknotet wurde und eine Mischung aus rot und weiß mit seltsamen Mustern darstellt. Verwunderlich ist nur, daß die Ärmel nach wie vor lang und unbeschädigt sind. Sie fallen in weiten Rüschen über ihre Hände. Das andere Kleidungsstück sollte wohl einmal eine Hose sein. Aber davon ist nur noch ein Fetzen loser, kaum zusammenhängender Stoffstücke übrig, an deren Ende die spitzen ebenso merkwürdiger Schuhe zu sehen sind. Allerdings paßt es irgendwie zu dem auffällig geschminkten Gesicht, das mich gerade vollkommen ungläubig ansieht.“ Lächelnd wandte sie sich zu ihrem Sohn und flüsterte, diesmal so laut, daß ich es auch hörte.

“Was meinst du mein kleiner Schatz? Sollen wir ihr wirklich glauben, das sie kein Dämon ist?“ Was muß ich eigentlich noch tun um sie davon zu überzeugen, daß ich ein ganz normaler Mensch bin? SO schwierig kann das doch nicht sein! Wieso glaubt sie mir nicht?! Nur weil ich durch ein paar Gegenstände gefallen, aus dem Nichts aufgetaucht bin und mich außer ihr niemand bemerkt hat hält sie mich für einen Dämon?! Ja, zugegeben, das sind zwar verdammt gute Argumente, aber noch lange kein Grund! Ihr Lachen riß mich aus meinen Gedanken.

“Du müßtest dein Gesicht sehen.“ In ihren Augen glitzerten die Lachtränen und sie wischte sie mit einer Hand weg. Na super, sie hat mich reingelegt. Ihre Reaktion zeigt deutlich, daß sie mir glaubt.

“Okay, nur um ganz sicher zugehen. Du glaubst mir?“ Sie nickte. Nun gut, jetzt kann es also weitergehen. Allerdings zog ich es vor mich erst einmal bequemer hinzusetzen. Mir ist gar nicht bewußt gewesen, das ich die ganze Zeit über gekniet habe. Langsam aber sicher tun mir die Knie weh. Ich nahm eine meiner Lieblingssitzhaltungen ein, im Schneidersitz, die Arme auf den Beinen liegend.

„Warum?“ Es war eine simple Frage, doch sie winkte ab, sie wollte es jetzt nicht erklären.

“Auch gut.“ Entgegnete ich ihrem Schweigen.

“Schätze es wird es allmählich Zeit sich einander vorstellen. Ich bin...“ In diesem Augenblick machte sich ihr Sohn lautstark bemerkbar und ich konnte meine Ansprache wohl vorerst vergessen.

“Shh ...“ Sie wiegte ihn beruhigend im Arm und lächelte ihn an. Dieser Anblick rührte mich zutiefst. Die ganze Liebe einer Mutter lag in ihren Augen.

“Du scheinst Hunger zu haben.“ Sie schob ihre Kleidung zur Seite und er begann gierig zu trinken, wobei er sich prompt verschluckte.

“Nicht so hastig mein Kleiner.“ Sanft klopfte sie auf seinen Rücken und legte ihn erneut an ihre Brust. Um ehrlich zu sein kam ich mir in diesem Augenblick mehr als Überflüssig vor. Aber ich blieb, da ich endlich mal ein paar Dinge wissen wollte. Und wo sollte ich sonst auch hingehen? Schließlich sah mich außer ihr niemand.

“Ein kleiner Gierschlund.“ Bemerkte ich als er sich wieder verschluckte und sie kicherte. Inzwischen war er eingeschlafen. Es war aber auch ein anstrengender Tag für das kleine Kerlchen gewesen. Langsam und bedächtig ordnete sie ihre Kleidung. Danach legte sie ihn in eine einfache Holzwiege, die mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen war.

Sie stand auf der anderen Seite des Bettes und war aus normalem Holz gezimmert. Keine Verzierung, keine Schnitzereien, einfach nur eine Wiege. Auf die weichen Kissen in ihrem Innern bettete sie ihren Sohn und deckt ihn vorsichtig mit einer handbestickten Decke zu. Das Motiv konnte ich nicht genau erkennen, nur die Farben. Blau in den Unterschiedlichsten Nuancen.

“Schlaf gut mein kleiner Schatz.“ Sie hauchte ihm einen Kuß auf die Wange und er brabbelte vergnügt vor sich hin. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder mir zuwandte. Sie wollte sicher gehen, daß er schlief und unsere Unterhaltung nicht mehr stören würde. Während sie ihn beobachtete sah ich mich um. Was nicht besonders viel brachte. Es gab nach wie vor nur wenig Licht in dem Raum, das zum Großteil aus einigen großzügig verteilten Lampen stammte.

“Ja, du hast recht. Es ist wirklich an der Zeit sich einander vorzustellen.“ Leise und mit sanfter Stimme durchbrach sie das Schweigen. Sie setzte sich wieder auf und sah zu mir herunter.

“Da du vorhin beginnen wolltest, aber unterbrochen wurdest, solltest du fortfahren.“ Wenn sie meint. Vorsichtig stand ich auf und sah nun auf sie herunter.

“Mein Name ist...“ Vorsichtig spähte ich in Richtung Wiege, nicht, das mir dieser kleine Racker wieder dazwischen funkte, und fuhr fort.

“Revolution.“ Sie starrte mich ungläubig an und schluckte.

“Du... du heißt Revolution? “ Die richtige, englische Betonung schien ihr nicht das geringste Problem zu bereiten.

„Das ist ein ziemlich seltsamer Name, um nicht zu sagen, mehr als ungewöhnlich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so heißt.“ Sie war sichtlich irritiert. Tja, und was nun? Ich kann nichts für den Namen! Okay, fast nichts. Das hatte sich vor einiger Zeit (schon ziemlich lange her) ergeben. Er stammte noch aus meiner Schulzeit und ich hatte ihn einfach beibehalten. Aber ihr das erklären? Würde sie es verstehen? Nein, ich glaube nicht, also winkte ich ab. Vielleicht würde ich es ihr später einmal erklären.

“Meine Freunde nennen mich Rei.“ Dieser Satz kam ganz beiläufig über meine Lippen und doch hatte ich das Gefühl ihn unbedingt noch loswerden zu müssen. Weiß der Geier warum. Das war zu dem auch mein richtiger Vorname den nur mein engster Freundeskreis benutzte. Alle anderen redeten mich mit meinem Nachnamen oder Revolution an.

“Hmm, also Rei. Der Name gefällt mir. Darf ich dich denn auch so nennen? Ich meine...“ Sie brach ab, als sie meinen verwunderten Blick bemerkte. Aufmunternd sah ich sie an.

“Warum solltest du das nicht können? Wer würde dich daran hindern? Hey, und außerdem sind wir doch mittlerweile schon fast so etwas wie Freunde, oder nicht?“ Ihr Blick hellte sich auf und sie strahlte regelrecht vor Freude.

“Irgendwie hast du recht mit dem, was du sagst. Obwohl wir uns erst seit kurzem kennen würde ich dir wohl ohne zu zögern mein Leben anvertrauen.“ Jetzt bin ich baff. Nicht wegen des von ihr Gesagtem, sondern weil mir genau dieselben Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Nur hatte ich sie aus Rücksicht auf sie nicht ausgesprochen. Außerdem wird mir die Sache immer suspekter. Mit den richtigen Zeichnen geschrieben bedeutet Rei unter anderem auch Geist oder Seele. Warum gewinne ich immer mehr den Eindruck, daß sie nur auf meine Ankunft gewartet hat.

“Mein Name ist Matuta.“ Immer noch strahlend hielt sie mir ihre Hand entgegen. Na, wenn das mal gut geht.

“Sehr erfreut dich kennenzulernen.“ Ich ergriff ihre Hand und war völlig verblüfft als ich auf Widerstand stieß. Vor Freude hätte ich weinen können, wenn ich nicht vor lauter Erleichterung gelacht hätte. Außerdem weinte ich mehr als selten, im Prinzip fast nie. Was manche Leute ja zu der Vermutung anregte, ich sei eiskalt und emotionslos. Oh, wie ich doch die Klatschpresse liebe.

“Es klappt!“ Entzückt sah sie auf unsere Hände, die sich immer noch festhielten. Es fiel uns beiden schwer sie zu lösen, aber irgendwann mußte es sein, denn ich wollte bestimmt nicht für alle Ewigkeiten so stehen bleiben. Schließlich ließen wir uns zeitgleich los und lächelten. Irgendwo muß es hier doch einen Stuhl geben. Nirgendwo auch nur das geringste Anzeichen für einen Stuhl. Verdammt noch mal dieses Schummerlicht ist ätzend.

Und was nun? Hmm... mir fällt ein, das ich mich ja wahrscheinlich eh nicht auf den Stuhl hätte setzen können, sonst würde dasselbe wie vorhin mit dem Tisch passieren. Aber der Boden ist mir definitiv zu kalt. Was bleibt dann noch übrig?

“Worüber denkst du nach?“ Fragend sahen mich ihre azurblauen‚ Augen an. Ich zuckte mit den Schultern.

“Über eine passende Sitzgelegenheit. Das Stehen ist auf Dauer ziemlich anstrengend. Nur gibt es hier nirgendwo einen Stuhl und der Boden ist verdammt kalt.“ Mißmutig sah ich ihn an.

“Würdest du durch den Stuhl nicht genauso hindurchgleiten wie durch den Tisch?`“ Das ist genau das, was ich selbst nicht weiß. Und auf noch so eine Erfahrung bin ich nicht scharf, das sagte ich ihr auch und sie begann erneut zu lachen.

“Dann setz dich doch aufs Bett.“ Immer noch lachend zog sie ihre Beine an und schaffte dadurch genügend Platz, so daß sich eine Person bequem setzen konnte. Gut, probieren wir es, wenn es nicht klappt lande ich eben wieder auf dem Boden.

Nur noch kurz Luft holen und setzen. Nichts passierte. Ich saß auf dem Bett. Begeistert strich ich über das Laken. Es hat geklappt! Es hat tatsächlich geklappt. Ich habe zwar keinen blassen Dunst warum, aber Hauptsache es hat geklappt. Entspannt setzte ich mich wieder in den Schneidersitz und konnte sie nun direkt ansehen. Wir lachten zeitgleich los. Doch ihr Lachen verwandelte sich bald darauf in ein Husten und Röcheln, wobei sie kalkweiß wurde.

Shit, das Ganze muß zuviel für sie gewesen sein. Wieso ist mir das denn nicht schon früher aufgefallen? Sie war immer noch geschwächt von der Geburt und mir wurde schlagartig bewußt, daß es vielleicht meine Schuld wäre, wenn sie diese Nacht nicht überstehen sollte. Ich krabbelte auf sie zu.

“Hey, Matuta mach jetzt keinen Unsinn.“ Besorgt hielt ich sie fest, während sich ihr Husten etwas legte.

“Ist schon in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Mein Gott, du machst ein Gesicht, als würde ich gleich sterben. Es geht schon wieder. Paß auf, ich habe mich nur verschluckt. Es ist wirklich alles in...“ Sie war ohnmächtig in sich zusammengesunken und in mir flammte augenblicklich Panik auf. Sie brauchte dringend Hilfe, doch wie sollte ich mich bemerkbar machen? Das ich ein Geist bin, wird nun echt zum Problem. Ich kann niemanden um Hilfe rufen, weil mich niemand außer ihr sieht.

Behutsam legte ich ihren Kopf auf das Kissen und bewegte mich so vorsichtig wie möglich vom Bett herunter. Suchend sah ich mich im Raum um. Es war nichts Hilfreiches greifbar. Moment mal, kann ich nicht ohnehin nichts anfassen? Aber wie soll sonst auf uns aufmerksam machen? Verdammt, sie braucht schnellst möglich Hilfe! Mein Blick ruhte auf dem im Bett liegenden erschlafften Körper, wobei ein Arm herunterhing, direkt über dem Krug. Das ist es! Wenn ich...

Nein, nicht lange denken, handeln. Ich flitzte zurück zum Bett, ergriff mit größter Vorsicht ihren erschlafften Arm und warf mit seiner Hilfe den Krug um, der laut scheppernd zu Bruch ging. Sofort begann ihr Sohn lauthals zu schreien und von draußen vernahm ich Schritte, die sich rasch der Tür näherten. Mit viel Schwung wurde sie aufgestoßen und die beiden Alten stürmten in den Raum.


99-08-19
edit: 06-10-27

Fortsetzung:
Kapitel 02 - Traum oder Wirklichkeit?



Erläuterungen

siehe „Secrets – Important things“



 

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