Kapitel 02

99-08-27

Secrets


II. Traum oder Wirklichkeit?


Wie sich herausstellte rettete diese Aktion in einem gewissen Sinne Matutas Leben. Obwohl sie es wahrscheinlich auch so geschafft hätte. Sie besaß einen absolut eisernen Willen. Die Frage wäre nur gewesen, wie lange hätte es in diesem Fall gedauert, bis sie wieder aufgewacht wäre?

Da man sie so schnell fand lag sie lediglich für einige Tage in einer Art Dämmerzustand. Erst am zehnten Tag wachte sie endgültig auf. Ich wich in dieser Zeit beinahe nicht von ihrer Seite. Ebenso wie ihr Großvater, der Tag und Nacht an ihrem Bett wachte. Ihr Sohn schlief während dieser Zeit auch weiterhin in seiner Wiege direkt ihrem Bett. Es hatte mich ein klein wenig gewundert, das die Hebamme den Säugling nicht in ein anderes Zimmer hatte bringen lassen. Sie vertrat die Meinung, daß die Anwesenheit des Kindes die Heilung beschleunigen würde. Und ihre Worte waren mehr als wahr. Matuta reagierte selbst im bewußtlosen Zustand noch auf ihren Sohn. Das Band zwischen ihnen war unglaublich stark.

In den langsam verstreichenden Tagen fand ich heraus, daß die alte Frau so etwas wie die Heilerin des Dorfes war in dem Matuta lebte. Diese alte Frau kümmerte sich beinahe um alles und jeden ohne dabei einen Standesunterschied zu machen. Jeder im Dorf kannte sie und zollte ihr größten Respekt.

Müde spähte ich aus dem Fenster hinaus in den beginnenden Morgen. Die Sonne war erst vor wenigen Minuten aufgegangen und ihr Großvater endlich eingeschlafen. Sein Kopf lag auf den weichen Laken und er schnarchte leise. Die letzten Tage in denen seine Enkelin nicht bei Bewußtsein gewesen ist hatte ich genutzt, um meine Fähigkeiten als Geist zu testen. Dabei hatte ich auch festgestellt, das mich ihr Sohn so wie sie selbst sehen und berühren konnte.

Der Kleine war ein richtiges Goldkerlchen! Er freute sich immer wieder aufs Neue, wenn ich ihm etwas vorsang oder ihm am Bauch kitzelte. Fröhlich glucksend strahlte er mich mit seinen leuchtend blauen Augen und zerzaustem blonden Haarschopf an. Schon bald wurde es mir zur Gewohnheit ihn an Stelle seiner Mutter in den Schlaf zu singen. Solange sie ihr Bewußtsein nicht wiedererlangte vertrat ich sie so gut ich konnte. Und ihr Sohn glich im Schlaf noch wesentlich mehr einem Engel als es im wachen Zustand der Fall war. Vorsichtig kehrte ich zum Bett zurück und strich Matuta einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, als diese plötzlich die Augen aufschlug.

“Willkommen zurück!“ Erleichtert lächelte ich sie an. Beinahe hätte ich schon geglaubt, daß sie nie wieder zu Bewußtsein kommen würde. Irritiert sah sie mich an.

“Was ist denn passiert?“ Vorsichtig half ich ihr sich aufzurichten. Es erleichterte mich ungemein, daß sie wieder bei Bewußtsein war.

“Erinnerst du dich nicht? Du hast plötzlich das Bewußtsein verloren, das war vor zehn Tagen.“ Ihre Augen weiteten sich ungläubig bevor sie leise meine letzten Worte wiederholte.

“Vor zehn Tagen...“ Sie strich sich mit einer Hand durch ihre langen Haare und starrte die Bettdecke an bevor sie ihren Blick wieder auf mich richtete.

“Ich erinnere mich daran, das wir miteinander gesprochen haben und danach wurde alles dunkel.“ Nervös fuhr sie sich erneut durch die Haare. Allmählich schien sie zu begreifen, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte.

“Rei, das war doch dein Name oder?“ Sie zögerte leicht und ich nickte ihr aufmunternd zu. Es war gut, wenn sie sich bemühte in geraden Bahnen zu denken.

“Und du bist so eine Art Geist.“ Wieder nickte ich. Urplötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Züge begannen panisch zu werden.

“Mein Sohn! Wo ist mein Sohn?! Wie geht es ihm?“ Fast wäre sie aus dem Bett gesprungen. Es gelang mir gerade noch sie zurück zuhalten. Sanft drückte ich sie zurück.

“Bleib liegen! Du bist noch zu schwach um aufzustehen! Es geht ihm gut.“ Sie gab es auf gegen mich ankommen zu wollen und sank erschöpft zurück in die Laken. Dankbar lächelte sie mich an. Ihre Augenlider flackerten etwas, aber sie würde bei Bewußtsein bleiben.

“Rei-san, warum bist du immer noch hier?“ Etwas irritiert sah ich sie an. Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet.

“Warum sollte ich nicht? Es ist nicht meine Art vor Schwierigkeiten einfach so davon zu laufen und so wie es aussieht hast du eine Menge davon.“ Sie zog scharf die Luft ein.

“Was meinst du damit?“ Ich ging neben dem Bett in die Knie und überlegte wo ich anfangen sollte. Es waren immerhin zehn Tage vergangen und hier war einiges losgewesen.

“Dein Großvater. Während du geschlafen hast, hat er dir viel erzählt und sich andauernd für seinen Sohn entschuldigt. Was hat dein Vater eigentlich getan?“ Verblüfft sah sie mich an. Ich erwiderte ihren Blick mit einem leichten Grinsen. Auch ich wäre an ihrer Stelle irritiert gewesen. Da sitzt neben mir eine beinahe vollkommen fremde Person und weiß über Dinge bescheid, über die ich normalerweise mit nichts und niemanden spreche. Ganz schön unheimlich wenn man es genau nehmen will. Vor allem, da ich in dieser Person nach wie vor einen Geist oder Dämon vermute.

“Nichts weiter, er hat lediglich die Konsequenzen aus meinem Handeln gezogen. Er hatte keine andere Wahl.“ Behutsam zog sie eine Kette unter ihrem Yukata hervor und ließ sie in ihre Hand gleiten. Lächelnd sah sie zu, wie sich das Licht an den dünnen Silbergliedern brach.

“Siehst du? Diese blaue Perle, sie ist einer der Gründe für sein Handeln.“ Verwundert nahm ich die Kette entgegen betrachtete sie. Die Perle sah aus, wie ein Tropfen aus dem dunkelsten, klarsten See, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Das war vor Jahren irgendwo tief in den Bergen gewesen. Ein ehemaliger Vulkan, der sich mit Wasser gefüllt hatte und von dem niemand genau sagen konnte, wie tief er eigentlich war. Nur was soll ausgerechnet einer Kette so schlimm sein? Achselzuckend gab ich sie ihr zurück.

“Ich kann nichts Merkwürdiges daran feststellen.“ Lachend hängte sie sich die Kette wieder um den Hals. Dabei fiel ihr Blick auf ihren schlafenden Großvater, der immer noch neben dem Bett saß und Wache hielt.

“Ich danke dir Sana-san, …dafür das du immer noch zu mir hältst.“ Sanft hauchte sie ihm einen Kuß auf die Wange. Sie brauchte dazu noch nicht einmal aufzustehen, da sein Kopf direkt neben ihr Kopfkissen gesunken war.

“Rei-san, warum schläft er eigentlich immer noch? Ihn weckt sonst das kleinste Geräusch.“ Sanft strich sie ihm über die Haare. Er gab ein leises Brummen von sich, aber wachte nicht auf. Ich mochte diesen alten Mann. Irgendwie erinnerte er mich an meinen eigenen Großvater, der vor zwei Jahren gestorben war. Die Beerdigung hatte an einem Wintermorgen stattgefunden. Am nächsten Tag hatte der Schnee die Welt in pures Weiß getaucht. Ein letzter Gruß meines Großvaters, der den Winter stets mehr geliebt hat als alle anderen Jahreszeiten.

“Ich glaube, das ist meine Schuld. Er hat die ganze Zeit über an deinem Bett Wache gehalten ohne sich selbst auch nur die kleinste Ruhepause zu gönnen, da habe ich ihn wohl irgendwie eingeschläfert. Frag mich bloß nicht wie ich das hingekriegt habe, das weiß ich selber nicht. Meine Fähigkeiten als Geist überraschen mich selbst immer wieder aufs Neue.“ Sie lachte hell auf. Allerdings war ich mittlerweile ziemlich neugierig geworden, was es mit dieser Perle auf sich hatte und so drängte sie dazu mir mehr darüber zu erzählen.

“Weißt du in meinem Stamm gibt es eine Legende. Diese Perle ist etwas ganz Besonderes. Nur ein Mädchen, das von ganzem Herzen liebt, kann sie finden. Aber ich sollte von vorne anfangen. Hinter dem Dorf befindet sich ein See, er wird Ao no Mizuumi genannt und ist für unseren Stamm von größer Bedeutung.“ Ich nickte zustimmend. Den See hatte ich bei einem meiner Streifzüge vor ein paar Tagen entdeckt und dort war immer relativ viel los. In den Abendstunden trafen sich dort Unmengen von verliebten Pärchen, um ein paar ungestörte Augenblicke miteinander zu verbringen. Sie gingen im Allgemeinen nur spazieren und überlegten, wie sie ihre Zukunft am besten gestalten könnten. So etwas wäre in Tokyo beinahe undenkbar. Dort wäre jeder zweite Busch mit einem zutiefst beschäftigten Pärchen belegt.

“Mädchen, die die Liebe ihres Lebens gefunden haben finden im Wasser des Sees eine Muschel, die zwei Perlen enthält, die Seiran Perlen. Sie schenken ihrem Geliebten eine der Perlen, als Zeichen ihrer Liebe und die zweite tragen sie selbst. Es ist ein Versprechen einander immer treu zu sein und für viele noch bedeutungsvoller als die eigentliche Hochzeitszeromonie.“ Verträumt richtete sie ihren Blick aus dem Fenster. Wahrscheinlich dachte sie gerade an ihren Geliebten, dem sie ihre Perle geschenkt hatte. Ich unterließ es sie weiter danach zu fragen, um sie nicht noch trauriger zu stimmen.

“Das ist ein sehr schöner Brauch.“ Nachdenklich ließ ich mich gegen das Bett sinken. Inzwischen hatte ich es gelernt meine Gestalt so zu kontrollieren, daß ich nicht mehr durch sämtliche Gegenstände hindurch glitt. Im Prinzip war das Ganze lediglich eine Frage der Konzentration. Es hatte auch nur knapp fünfzig Versuche gebraucht bis ich dahintergekommen war.

“Ich möchte meinen Sohn sehen.“ Bittend sah sie mich an. Langsam stand ich auf und ging zur Wiege.

“Geht klar, warte einen Moment.“ Sanft hob ich den kleinen Racker aus der Wiege und er lachte mich freudig an. Wir hatten uns in den vergangen Tagen recht gut miteinander angefreundet und es schien ihm einen Heidenspaß zu machen, daß mich die Anderen nicht bemerkten. Natürlich konnte ich ihn nur aus der Wiege heben, wenn gerade niemand weiter in der Nähe war. Ansonsten hätte der Betreffende wahrscheinlich den Schock seines Lebens erlitten. Vorsichtig legte ich das zappelnde und glucksende Bündel in ihren Arm. Ihr Blick ruhte vollkommen perplex auf mir, als die kleinen Händchen mir zuwinkten.

“Er kann dich auch sehen?“ Statt zu antworten kraulte ich dem Kleinen über den Bauch und er nahm sofort meinen Finger in Beschlag. Ganz schön kräftig das Kerlchen. Vorerst würde ich den nicht wieder kriegen.

“Wirklich! Es ist unglaublich.“ Lächelnd wiegte sie ihren Sohn ihm Arm, bis er sich schließlich lauthals beschwerte, daß seine Mutter eines seiner dringendsten Bedürfnisse ignorierte. Er hatte Hunger und das nicht zu knapp. Wenigstens gab er schließlich Ruhe als er fröhlich schmatzend an Matutas Brust lag und gab auch meinen Finger wieder frei.

Erleichtert zog ich meine Hand zurück (das letzte Mal hatte es über zwei Stunden gedauert bis er meine Finger wieder freigegeben hatte) und zog Matuta die Laken zu Recht. Das große Kissen in ihrem Rücken unterzog ich auch einem kräftigem Aufschütteln. Allerdings achtete ich dabei darauf ihren Großvater nicht aufzuwecken. Er hatte sich die kleine Ruhepause mehr als nur verdient. Nur wie es mir gelungen war ihn einzuschläfern stellte mich nach wie vor ein Rätsel.

“Wie soll dein Sohn eigentlich heißen?“ Bisher hatte noch niemand dem kleinen Knirps einen Namen gegeben. Er hieß immer nur das Baby oder Matutas Sohn. Voller Liebe sah sie das Bündel in ihrem Arm an und strich sanft über das stoppelige, blonde Haar.

“Ayuru. Sein Name ist Ayuru.“ Der Kleine war eingeschlafen und stieß ein paar zufriedene Brummlaute aus. Wie ein kleiner Kuschelbär. Ich konnte nicht anderes als ihm ebenfalls über die Haare zu streichen. Er war so wunderschön, klein und zerbrechlich.

“Ich glaube der Name wird ihm gefallen.“ Ich setzte mich wieder an das Fußende ihres Bettes und ließ die friedliche Szene von Mutter und Sohn auf mich wirken. Es hatte beinahe etwas von einem Gemälde und erinnerte mich schmerzhaft an das Foto meiner Mutter auf meinem Nachttisch. Es war am Tag meiner Geburt aufgenommen worden und zeigte mich im Arm meiner Mutter während mein Vater schützend seinen Arm um ihre Schultern schlang. In ihren Gesichtern spiegelte sich das größte Glück der Welt wieder.

Mit einem leichten Husten wachte Matutas Großvater auf und holte mich aus meinen Gedanken zurück. Verwirrt sah er sich um und als sein Blick auf seine Enkelin fiel weiteten sich seine Augen vor Erstaunen. Er schien nicht glauben zu können, was er dort sah. Wissend lächelte ich meine Freundin an und legte verschwörerisch einen Finger auf den Mund. Sie zwinkerte mir kurz zu.

“Matuta? Du bist wieder bei Bewußtsein?! Den Göttern sei Dank!“ Freudig schloß er sie in die Arme, immer darauf bedacht ihren Sohn nicht zu zerdrücken. Dieser Augenblick gehörte einzig und allein den Beiden. Ich kam mir beinahe wie ein Störenfried vor und konnte mich dennoch nicht von der Stelle rühren. Als er sich von ihr löste, rollten Tränen der Erleichterung über seine Wangen und seine grünen Augen strahlten vor Freude. Matutas Blick zeigte dieselben Gefühle, doch er ruhte unbeirrt auf mir.

“Sana-san, sag mir was siehst du dort drüben?“ Ihre blasse Hand wies direkt auf mich und ich sah sie ebenso verwundert an wie ihr Großvater. Was bezweckte sie damit? Niemand außer ihr und ihrem Sohn war in der Lage mich zu sehen.

“Ach, du meinst den blauen Schmetterling? Er ist schon seit Tagen hier. Ich hatte überlegt ihn zu fangen und nach draußen zu bringen, aber dein Sohn scheint ihn zu mögen, deshalb habe ich ihn hier gelassen. Er stört ja niemanden. Es ist ohnehin ungewöhnlich. Ein Schmetterling um diese Jahreszeit...“ Schmetterling?! Ich denke mich sieht niemand außer ihr. Und jetzt bin ich plötzlich ein Schmetterling?! Die ganze Sache wird von Mal zu Mal merkwürdiger. Um Matutas Lippen legte sich ein weiches Lächeln.

“Weißt du Sana-san ich denke dieser Schmetterling ist ein gutes Zeichen. Er wird mich und Ayuru beschützen.“ Verblüfft sah er sie an, sagte aber nichts weiter. Verträumt sah sie zum Fenster hinaus. Na ja beschützen wohl nicht, aber Gesellschaft leisten und ein bißchen auf die beiden aufpassen. Das sollte schließlich kein Problem sein. Wer weiß schon, was da noch auf uns zu kommt?

“Du nennst ihn Ayuru? Nach deinem Bruder?“ Ich beobachtete die beiden weiterhin schweigend, obwohl mir unendlich viele Fragen auf der Seele brannten. Später wäre noch genügend Zeit mit ihr allein zu reden.

“Er ist der Einzige, der mich wirklich versteht, seit Mutter tot ist. Ich wünschte nur, er wäre hier und könnte seinen Neffen sehen.“ Ihre Worte klangen so, als wären sie sowohl an ihren Großvater als auch an mich gerichtet. Doch sicher war ich mir nicht.

“Aber er ist hier. Warte einen Moment.“ Er drückte kurz ihre Hände und verschwand aus dem Zimmer. Irritiert sah sie ihm nach.

“Mein Bruder ist hier?“ Fragend sah sie mich an. Ich überlegte kurz, welcher der zahlreichen Besucher der letzten Tage ihr Bruder gewesen sein könnte. Eigentlich kam dafür nur ein einziger in Frage. Ein stattlicher junger Mann mit sanften, blauen Augen, goldenem Haar und einer beeindruckenden Statur. Sollte der kleine Racker ihm auch nur ansatzweise ähneln, dann würde aus ihm früher oder später ein Frauenschwarm werden. Er würde sich vor Verehrerinnen kaum noch retten können. Als ich Matuta das sagte brach sie in schallendes Gelächter aus.

“Ja, das klingt eindeutig nach mein Bruder. Und wie mir scheint scheinst du ihm auch bereits verfallen zu sein.“ Auch, wenn sie damit beinahe vollkommen recht hatte wehrte ich mich vehement gegen die Unterstellung mich Hals über Kopf in ihren Bruder verliebt zu haben. Vielmehr war es so, daß er mich ungeheuer beeindruckt hatte. Seine Präsenz füllte augenblicklich jeden noch so kleinen Raum und er kümmerte sich mit einer Hingabe um seine kleine Schwester, die sämtliche anderen Frauen neidisch werden ließ. Ihm war es auch zu verdanken, das Matutas Sohn obwohl sie bewußtlos war auch weiterhin von ihr gestillt wurde und nicht von einer Amme. Außerdem hatte er mit einem unwiderstehlichen Lächeln und ruhiger, aber bestimmter Stimme dafür gesorgt, daß sich sämtliche Neugierigen von ihr fernhielten. Okay, ich gebe es zu ein ganz klein wenig habe ich mich auch ihn verguckt. Es wäre ein Wunder wenn nicht. Bei diesem Aussehen! Am Ende lachten wir beide darüber.

“Nee-chan! Den Göttern sei Dank! Du bist wieder wach.“ Es dauerte keine zwei Sekunden bis er die Entfernung zwischen der Tür und ihrem Bett überwunden hatte. Dennoch blieb er plötzlich verdutzt stehen und sah sich suchend um. Sein Blick glitt selbstverständlich an mir vorüber als wäre ich nicht vorhanden. Obwohl ich es besser wußte hatte ich gehofft, das auch in der Lage sein würde mich zu sehen. Seltsam nicht? Dabei wußte ich bereits seit Tagen, was er mich wie alle anderen ebenfalls nicht sehen konnte.

“Nee-chan, mit wem hast du gerade gesprochen?“ Oh, oh! Er hat uns gehört. Aber wie soll sie ihm erklären das sie mit einem Geist spricht ohne, das er direkt glaubt sie sei vollkommen übergeschnappt? Nachdenklich nagte ich an meiner Unterlippe und fing ihren spöttischen Blick auf. Anscheinend machte sie sich darüber weit weniger Sorgen als ich.

“Mit einer Freundin. Sie war die ganze Zeit über bei mir. Vom ersten Augenblick an, als die Wehen einsetzten und sie ist es jetzt immer noch. Ich glaube die Götter haben sie geschickt damit sie über uns wacht.“ Mir verschlug es die Sprache. Hatte sie nicht vor kurzem noch behauptet ich sei ein Dämon? Aber das Beste war er nahm ihre Erklärung einfach so hin.

“Du warst schon immer etwas Besonderes. Es wundert mich nicht, das dir die Götter ein solches Geschenk machen.“ Sanft strich er über ihre Haare.

“Aber jetzt solltest du dich ausruhen. Warte, ich lege den Kleinen für dich in die Wiege.“ Behutsam nahm er seinen Namensvetter in den Arm und deckte ihn lächelnd zu.

“Ich hoffe dir kleinem Knirps gefällt der Name, den deine Mutter für dich gewählt hat. Du solltest ihn stets in Ehren halten.“ So wie es aussah hatte ihr Großvater ihm bereits alles Wesentliche darüber mitgeteilt. Fast so als hätte er ihn genau verstanden öffnete der kleine kurz seinen Augen und strahlte ihn an bevor er sich mit einem fröhlichen Brabbeln zur Seite drehte und die Decke halb um sich herum wickelte. Lächelnd beugte sich sein Onkel über ihn und deckte ihn erneut zu.

“Ayuru? Was ist mit Vater? Hat er mir immer noch nicht verziehen?“ Matutas Stimme war kaum noch ein Flüstern. Man sah ihr an, daß sie bald in einen tiefen, erholsamen Schlaf sinken würde. Der Blick ihres Bruders verfinsterte sich, aber er gab sich große Mühe sich nichts weiter anmerken zu lassen.

“Ich rede mit ihm. Du solltest lieber schlafen und dir keine Sorgen darum machen. Werd nur wieder gesund.“ Was ist das denn für eine Antwort?! Ich zog meine Stirn kraus, da stimmt doch etwas nicht. Er hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und verließ langsam das Zimmer. Ihr dankbarer Blick folgte ihm, bis er fast aus dem Zimmer verschwunden war. Sie war bereits eingeschlafen noch ehe er zwei Schritte gegangen war. Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um. Seine Hand preßte sich fest auf das dunkle Holz.

“Warum mußtest du dich auch ausgerechnet in ihn verlieben?“ Was immer es gewesen war was er noch hatte sagen wollen die Worte blieben unausgesprochen als sein Blick über seine schlafende Schwester glitt auf deren Gesicht das Lächeln einer Mutter widerspiegelte. Kopfschüttelnd verließ er das Zimmer.

Es vergingen fast zwei Wochen, bis Matuta in der Lage war selbstständig aufzustehen und einige, wenige Schritte zu gehen. Doch von Tag zu Tag kehrte das Leben in ihre blassen Züge zurück. Man konnte deutlich sehen, wie sie wieder aufblühte. Bis schließlich der Tag kam an dem sie zu ihrem Vater bestellt wurde.

Während der gesamten Zeit ihrer Krankheit und ihrer Genesung hatte ich ihn nicht ein einziges Mal in ihrer Nähe gesehen. Doch sie meinte das läge daran, daß er als Anführer des Klans soviel zu tun hätte. Was meiner Meinung nach noch lange keinen ausreichenden Grund dafür darstellte seine Tochter solange nicht zu besuchen. Immerhin wäre sie beinahe gestorben.

Diese stumme Diskussion führten wir auch noch als sie bereits in einen großen Saal geleitet wurde um dort auf ihren Vater zu warten. Ich wich nicht eine einzige Sekunde von ihrer Seite. Da mich niemand wahrnahm konnte ich sie notfalls stützen, ohne daß es irgend jemanden weiter auffallen würde. Denn obwohl es ihr bereits wesentlich besser ging war sie nicht in der Lage sonderlich lange ohne fremde Hilfe zu gehen oder zu stehen.

Man ließ sie auf einem Stuhl in der Mitte des Saals Platz nehmen und wies sie an zu warten. Nervös bohrten sich ihre Finger in meinen Handrücken und ihr Blick huschte immer wieder über die rings um uns versammelten Menschen. Ihre Augen suchten verzweifelt nach ihrem Bruder und Großvater. Die beiden standen etwas abseits und nickten ihr aufmunternd zu.

Mißtrauisch zog ich die Augenbrauen zusammen. Das Ganze gefiel mir nicht. Alles sah viel zu sehr nach einer Gerichtsverhandlung aus, als nach einem klärendem Gespräch zwischen Vater und Tochter. Was zum Henker hat sie nur getan, das ihr Vater ihr nicht verzeihen kann? Und sind all die Leute hier?

Endlich betrat auch ihr Vater den Saal und nahm auf einem erhöhten Stuhl ihr gegenüber Platz. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinen Kindern war unübersehbar und dennoch strahlte er von dort oben eine eisige Kälte aus. Matuta stand nicht vor ihrem Vater sondern vor dem Anführer ihres Volkes, der über sie richten würden. Eine dumpfe Vorahnung ergriff Besitz von mir. Dieses Gespräch würde alles andere als erfreulich werden. Unbewußt verstärkte sich der Druck meiner Hand auf ihrer Schulter. Ein dankbares Lächeln huschte über ihr Gesicht bevor es sich wieder in eine regungslose Maske verwandelte.

“Dies wird deine letzte Chance sein deinen Fehler wieder gut zu machen.“ Seine Stimme klang kühl und ließ erkennen, daß er keinerlei Widerspruch dulden würde. Kühn erwiderte sie seinen Blick. Bewundernswert, wenn man daran denkt, das sie am frühen Morgen fast nicht in der Lage gewesen wäre alleine aufzustehen. Sie hatte nicht vor sich auch nur die kleinste Schwäche anmerken zu lassen.

“Ich weiß nicht, was ihr meint Vater.“ Sein Blick wurde noch dunkler und drohender. Zum Glück sah er meine Erwiderung dieses Blickes nicht. Ich mochte nicht wissen, was sie getan hatte, aber kein Vater sollte seine Tochter mit einem solch herzlosen Blick ansehen.

“Du weißt es sehr wohl. Dein Kind wurde geboren. Ich ließ dich gewähren, aber nun sorge dafür, das es das Dorf verläßt, damit dieser Schandfleck getilgt ist.“ Wie kann ein Vater nur so etwas von seiner Tochter verlangen?! Sie ist gerade erst dem Tod entronnen und nun soll sie ihr Kind aufgeben?! Was um alles in der Welt geht hier nur vor sich?!

“Niemals! Er ist mein Sohn. Ich werde nicht zu lassen, das ihr ihn mir wegnehmt!“ Ihre Stimme zeigt ihre gesamte Entschlossenheit, dennoch blieb sie völlig ruhig. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der allmählich seine Beherrschung verlor.

“Matuta, du bist meine einzige Tochter und noch dazu das jüngste meiner Kinder. Ich bin bereit dir zu verzeihen, aber du mußt deinen Teil dazu beitragen.“ Sie schüttelte den Kopf. Er sprang auf und fuhr sie wütend an.

“Bist du dir deiner Abstammung immer noch nicht bewußt?! Du bist eine Hin! Wir können uns keine Verräter leisten! Es wird nur Schwierigkeiten bringen ihn hierzubehalten! Unsere Feinde lauern nur auf eine Gelegenheit uns anzugreifen. Willst du sie ihnen etwa bieten?“ Ihre Hände verkrampften sich. Verflucht noch mal! Kann ich denn gar nichts tun um hier zu helfen? Bin ich dazu verdammt einfach hilflos daneben zustehen und mit anzusehen wie man ihr Leben zerstört?!

“Könnt ihr mir erklären, was genau mein Sohn damit zu tun hat?“ Ihre ruhige und beherrschte Stimme ihn nur noch weiter aus der Fassung. Anerkennend klopfte ich ihr auf die Schulter und sie quittierte es mit einem leichten Lächeln, das außer mir niemand bemerkte.

“Er ist ein Halbblut! Das weißt du ganz genau! Es war von Anfang an ein Fehler diesem Soldaten zu helfen! Er hat uns unsere Freundlichkeit nicht gedankt!“ Er gestikulierte wild mit den Armen und warf beinahe einen Kerzenständer um, der direkt neben ihm stand.

“Ihr irrt euch Vater. Er hat nichts Unehrenvolles getan.“ In ihren Augen funkelte leichter Zorn auf.

“Und woher stammt dann dein Sohn?“ Dieser Hieb saß, aber sie ging nicht weiter darauf ein. So ist das also. Sie hat sich in den falschen Mann verliebt. Deshalb das ganze Theater. Oh, ich würde diesem Kerl da oben wirklich gern sagen, was ich von seiner Einstellung halte, aber mir sind die Hände gebunden. Egal, was ich ihm auch an den Kopf werfen würde, er würde es ja ohnehin nicht hören.

“Ihr wißt, daß es nicht so war, wie ihr es gern glauben möchtet. Ich liebe ihn!“ Selbstverständlich war das genau der falsche Satz. Ihrem Vater platzte endgültig der Kragen.

“Da du auch weiterhin so stur bist bleibt mir keine andere Wahl. Ich will dich und deinen Bastard nicht länger in meinem Haus sehen! Mach daß du fortkommst und wage es nie wieder dieses Haus zu betreten! Von heute an habe ich keine Tochter mehr!“ Abrupt drehte er sich um und verließ den Saal. Entsetzt sahen ihm sämtliche Anwesenden hinterher. Ohne auf ihre Umgebung zu achten erhob sich Matuta und suchte mit zitternden Fingern nach meinen Arm. Gemeinsam schritten wir aus dem Saal. Sie hielt ihren Kopf aufrecht wie eine Königin und ließ sich keinerlei Schwäche anmerken. Hätte sie sich nicht auf mich gestützt, wäre selbst mir nicht aufgefallen, wie sehr die Worte ihres sie Vaters getroffen hatten.

“Der hat doch 'ne Vollmeise!“ Ich konnte meine Meinung nicht länger für mich behalten. Die Reaktion ihres Vaters war schlicht und ergreifend ungerecht! Ohne mich zu beachten begann sie zu packen.

“Selbst wenn du dich in den falschen Kerl verliebt hast muß er dich doch nicht so behandeln! An deiner Stelle hätte ich ihm was erzählt! Was kann denn der Kleine dafür?! Verdammt noch mal! Er ist dein Vater! Er sollte dir helfen und dich nicht bestrafen!“ Aufgebracht wanderte ich im Zimmer hin und her und stieß einen Fluch nach dem Anderen aus. Ich haßte es nicht mehr für sie tun zu können als einfach nur da zu sein.

“Ich bin seine einzige Tochter. Er liebt mich eben viel zu sehr als das er mir verzeihen könnte. Daß ich ihn so hintergangen habe hat ihn tief getroffen.“ Ich wirbelte herum. Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein! In ihren Augen standen Tränen, die sie vergeblich versuchte aufzuhalten.

“Ich wünschte nur, er würde es verstehen.“ Kopfschüttelnd half ich ihr dabei die restlichen Sachen zusammen zupacken während sie sich die Tränen abwischte. Ihr Sohn schlief immer noch friedlich in seiner Wiege als ihr Bruder und ihr Großvater auftauchten. Sie zum Bleiben zu bewegen, doch sie ließ sich nicht von ihnen aufhalten. Schließlich gaben sie sich geschlagen.

Ihr Großvater bot ihr an von nun an bei ihm in seinem Haus, am äußersten Rand des Dorfes zu leben. Dankbar nahm sie sein Angebot an. Ihr Bruder drückte sie fest an sich ehe er sich den Großteil ihres Gepäcks schnappte und losging. Er verlor keine großen Worte über die Sache und wurde mir von Mal zu Mal sympathischer. Er liebte seine kleine Schwester wirklich über alles.

Ihr Großvater folgte ihm mit dem Rest des Gepäcks während Matuta und ich ihnen langsam hinterher gingen. Schützend hielt sie ihren Sohn in einem Arm während sie sich mit dem anderen leicht auf mich stützte. Es gab nichts anderes, was ich für sie hätte tun können. Was mich insgeheim tierisch frustrierte, da ich gern mehr für getan hätte. Es dauerte einige Tage bis wir das Haus ihres Großvaters soweit eingerichtet hatten, das eine kleine Familie darin leben konnte. Während wir die einzelnen Räume nach und nach mit ihren persönlichen Sachen füllten erfuhr ich, warum ihr Vater so ein Aufhebens um ihren angeblichen Verrat gemacht hatte.

Sie gehörte zu den Hin, einem Volksstamm, der von der restlichen Bevölkerung Kutous (so hieß das Land in dem sie lebten) verachtet wurde, weil sie angeblich blutrünstig und grausam waren. Was für ein Schwachsinn! Sie waren so friedlich, wie jeder andere auch. Aber durch die Überzeugung der restlichen Bevölkerung waren sie andauernd der Gefahr ausgesetzt von ihnen angegriffen zu werden. Wahrscheinlich lag es auch daran, daß sie nicht den Gott des Landes Kutou, den blauen Drachen, Seiryuu, sondern einen Gott namens Tenkou verehrten. Was genau es damit auf sich hatte wußte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Deshalb hatte sich ihr Stamm in einen entlegen Teil des Reiches zurückgezogen, um dort in Frieden zu leben. Und Matuta hatte sich trotz aller Verbote und wieder besseren Wissens ausgerechnet in einen Soldaten Kutous verliebt. Dieser zählte selbstverständlich zu eben jenen Soldaten, die die Hin unter Kontrolle halten sollten. Die gesamte Geschichte erinnerte mich enorm stark an Romeo & Julia, nur mit einem etwas glimpflicheren Ende.

Die Zeit flog nur so dahin und ich merkte kaum wie lange ich bei Matuta und ihrem Sohn lebte. Mein altes Leben erschien mir immer mehr wie ein Traum. Es war fast so als wäre ich schon immer dort gewesen bis eines Tages...

“Rei-san!“ Matutas Stimme klang ungewöhnlich schrill und ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären warum. Ich war gerade dabei den Kleinen zu wickeln, der mich gnädigerweise direkt wieder einmal Vollpinkelte. Das war schon das x-te Mal und langsam aber sicher fragte ich mich ob er das nicht mit Absicht machte. Komischerweise blieben alle anderen Personen nämlich trocken, wenn sie ihn wickelten. Nur bei mir schien das seltsamerweise nie zu funktionieren. Aber wenigstens er scheint seinen Spaß daran zu haben. Die blauen Augen strahlten mich an während ihr Besitzer fröhlich vor sich hin gluckste.

“Was ist?“ So ein süßer kleiner Fratz! Wie kann man ihm nur böse sein, wenn er einen so ansieht? Seine blonden Haare waren dicht geworden und umrahmten sein Gesicht wie pures Gold während seine Augen einem wunderschönen dunklen Blau, das noch eine Nuance dunkler war als das von Matutas Augen funkelten. Als ich ihn endlich fertig verpackt hatte und nicht länger der Gefahr ausgesetzt war erneut naß zu werden kitzelte ich ihn gründlich am Bauch. Was ihn zu weiterem Glucksen anregte.

“Hey, Matuta! Was ist denn los?" Ich drehte mich um und bemerkte, daß sie mich mit schreckgeweiten Augen ansah. Was ist bloß los mit ihr?

“Deine Beine! Bei allen Göttern sieh dir deine Beine an!“ Sie schrie fast und ich senkte sofort meinen Blick. Augenblicklich erstarrte ich. Meine Beine waren halbdurchsichtig und so wie die Sache aussah lösten sie sich nach und nach auf.

“Matuta, ich verstehe das nicht!“ Verzweifelt sah ich sie an. Sie schluckte kurz und kam dann langsam auf mich zu. Es war deutlich zu erkennen, daß sie sich im Gegensatz zu mir bereits wieder halbwegs gefangen hatte. Nervös strich ich mit einer Hand durch mein Haar und schon flammte die Panik erneut in mir hoch. Meine Hand war ebenfalls dabei sich aufzulösen. Ich spürte wie sich Matutas Hand beruhigend auf meiner Schulter legte.

“Ich glaube du kehrst in deine Welt zurück.“ Irritiert sah ich sie an. Ihr Blick ließ keinen Zweifel an ihren Worten zu. Sie glaubte an das, was sie mir sagte. Es war bereits Monate her seitdem ich ihr alles darüber erzählt, wie ich in ihre Welt gelangt war. Sie hatte das Ganze erstaunlich gelassen aufgenommen und mir daraufhin die Geschichte der die Legende der Seiryuu no Miko erzählt, die etwas ähnliches beinhaltete und aus einer Schriftrolle stammte, die Universum der vier Götter genannt wurde.

Es ist eine alte Sage, das eines Tages ein Mädchen aus einer anderen Welt erscheinen wird und gemeinsam mit ihren sieben Seishis den Beschützer des Landes, Seiryuu rufen wird. Dieser wird ihr drei Wünsche gewähren um dem Land, das er beschützt zu neuem Wohlstand zu verhelfen. Danach kehrt sie in ihre eigene Welt zurück. Wohlwissend, das sie ihrem Volk einen großen Dienst erwiesen hat und dennoch niemals zurückkehren wird.

Allerdings unterscheiden dieses Mädchen und mich einige wesentliche Dinge. Zum einen ist sie, wenn sie erscheint tatsächlich in dieser Welt vorhanden. Jeder kann sie sehen und ihr Körper gleitet auch nicht durch beinahe sämtliche Gegenstände hindurch. Und zum anderen ist sie noch Jungfrau. Denn nur, wenn sie noch unberührt ist wird der Gott ihren Ruf hören. Wohingegen ich… nun ja sagen wir einfach mein Körper ist schon seit einigen Jahren nicht mehr unberührt. Wie soll das also alles zusammen passen?

“Rei-san, du wachst auf. Könnte das sein?“ Verblüfft sah ich sie an. Ich war schon so lange bei ihr, das ich daran gar nicht mehr gedacht hatte. Auch nicht, ob es überhaupt möglich wäre zurück zukehren. Meine Karriere wäre ohnehin vorbei. Wenn ich jetzt zurückkehrte würden eine Menge Erklärungen und eine Menge Arbeit fällig sein um überhaupt ein Comeback starten zu können. Etwas, zu dem ich ehrlich gesagt nicht die meiste Lust verspürte.

Stumm nickte ich. Wahrscheinlich hat sie recht. Auch, wenn es mir nicht gar gefällt sie jetzt allein zu lassen. Außerdem wußte ich auch nicht mit Sicherheit ob ich auch wirklich in meiner Welt aufwachen würde. Vielleicht löste sich meine Existenz auch einfach für immer in Nichts auf. Verzweifelt suchte ich ihren Blick. Vielleicht würde ich für immer in der Dunkelheit verschwinden. Aufmunternd sah sie mich an.

“Mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut werden.“ Ich nahm ihre Hand und drückte sie kurz. Die Panik in meinem Inneren flaute langsam ab. Schließlich ist das alles nur ein Traum, oder? Wie lange ist es her, das ich zum letzten Mal so gedacht habe? Ich kann mich nicht erinnern…

“Meinst du? Ich fühle mich nicht wohl dabei euch alleine zu lassen. Immerhin sind wir Freunde.“ Sie löste sich von mir und nahm den Kleinen auf den Arm.

“Das sind wir und gerade deshalb mußt du gehen. Es könnte gefährlich für dich sein, wenn du dich dagegen wehrst und versuchst noch länger zu bleiben.“ Sanft strich sie dem Kleinen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er strahlte sie an.

“Du hast wahrscheinlich recht. Trotzdem, es gefällt mir nicht.“ Sie kicherte leise in sich hinein.

“Du tust gerade so, als wäre ich ohne dich vollkommen hilflos. Dabei habe ich doch Sana-san und Ayuru wird auch bald wieder da sein. Mach dir also um uns keine Sorgen. Kehr in deine Welt zurück.“ Seufzend nickte ich. Sie hat ja recht, aber ich werde sie und den Kleinen vermissen. Vorsichtig umarmte ich sie und hauchte ihrem Sohn einen Kuß auf die Stirn. Sein Blick veränderte sich zu etwas, das man als fragend bezeichnen könnte. Er merkte anscheinend, daß etwas nicht stimmte.

“Paßt gut auf euch auf.“ Sie nickte und über ihre Wangen rollten. Auch mir gelang es nicht länger ankämpfen. Inzwischen war fast mein gesamter Körper durchsichtig, wie mir ein Blick in den Spiegel verriet. Es tat weh die Beiden zu verlassen, denn so sicher, daß dies alles nur Traum war, war ich mir nicht mehr.


„Ich werde zurück kommen.“ Auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll. Aber ich werde einen Weg finden.

“Ja, wir werden uns wiedersehen. Denk daran, du hast Ayuru versprochen ihm beizubringen wie man auf Bäume klettert sobald er alt genug dafür ist.“ Ich nickte und wollte noch etwas sagen, aber im nächsten Moment zog mich ein unglaublich stärker Wirbel von ihnen weg und alles um mich wurde dunkel.

Stöhnend fuhr ich mir über die Augen als die Schwärze nach und nach zu einem angenehmen Halbdunkel wich. Und nach ersten Orientierungsproblemen stellte ich fest, daß ich mich in meiner Wohnung befand und weinte.


Jetzt war sie wieder allein mit all ihren Problemen und niemand würde ihr beistehen können. Wütend boxte ich in die Kissen. Verdammt! Ist das nun ein Traum gewesen oder nicht? Nein, ein Traum wäre niemals so real gewesen. Außerdem hätte sich ein Traum niemals über Monate hinziehen können. Oh mein Gott! Wie lange bin ich bewußtlos gewesen?! Die Anderen müssen vor Sorge um mich völlig krank sein. Aber wieso bin ich dann zu Hause? Warum hat mich niemand ins Krankenhaus gebracht? Hatten die Ärzte mich bereits aufgegeben?

Mürrisch hieb ich weiter auf das Kissen in meinen Schoß ein bis ich mich dazu entschloß aufzustehen. Meine Knochen fühlten sich an als wären sie mit Blei gefühlt, aber ich lebte noch. Daran gab es keinen Zweifel. Völlig verknautscht und mit der düsteren Vorahnung was mein plötzliches Erwachen mit sich bringen konnte, schlich ich mich ins Bad.

Der Anblick meines Spiegelbilds versetzte mir einen Schock. Ich sah ja fürchterlich aus. Das gesamte Make up war verlaufen, die Perücke total verrutscht und über die Klamotten muß ich wohl keine weiteren Worte mehr verlieren. Kein Wunder, wenn man Monate im Tiefschlaf verbracht hatte. Nur warum in alles in der Welt trug ich dann immer noch dieselben Klamotten wie an dem Abend an dem ich eingeschlafen bin?

Das Bedürfnis nach einer wärmenden Dusche gewann schließlich die Oberhand über sämtliche drängenden Fragen. Wenn ich ohnehin so lange ohne Bewußtsein gewesen war kam es auf einen Augenblick mehr oder weniger schließlich auch nicht an. Wahrscheinlich erfahre ich ohnehin alles sobald ich mich im Plattenstudio melde.

Das angenehm prickelnde Wasser verhalf mir wieder zu einem halbwegs normalen Aussehen. Wenigstens bis ich die Perücke absetzte und den riesigen Haarknoten darunter fand. Mit wenig Begeisterung machte ich mich daran ihn zu entwirren und überlegte nebenbei zwanghaft was für eine Erklärung ich den anderen liefern sollte. Ich verstand ja selbst nicht, was mit mir geschehen war. Ob sie Überarbeitung als ausreichenden Grund für eine langanhaltende Bewußtlosigkeit akzeptieren würden?

Irgendwann scheuchte ich auch diesen Gedanken beiseite und packte einen Stapel dreckige Wäsche zusammen. Erst einmal das Wichtigste und dann der Rest. Mit einem gut gefüllten Seesack auf den Schultern machte ich mich auf den Weg in den nächsten Waschsalon. Zwar besaß meine Wohnung auch eine Waschmaschine, aber diese war bereits seit Monaten kaputt. Jedes Mal, wenn man sie benutzten wollte setzte sie die halbe Wohnung unter Wasser Eigentlich hatten die Handwerker auch sofort kommen wollen um den Schaden zu beheben, aber sie ließen sich damit sehr viel Zeit. Und so wie ich mein Glück kannte waren sie bestimmt dagewesen als ihnen niemand die Tür aufmachen konnte. Es würde also nur noch Monate dauern bis ich meine Wäsche wieder selbst waschen konnte. Shit!

Bevor ich die Wohnung endgültig verließ stöpselte ich die Klingel wieder ein und legte auch den Telefonhörer zurück auf die Gabel. Schon komisch, das immer noch alles so aussah wie an jenem Abend. Ach ja, der Anrufbeantworter. Mit einem leisen Piepsen meldete er sich zurück zum Dienst. Oh man, sie werden mich umbringen! Da bin ich monatelang nicht zu erreichen und plötzlich erscheine ich quasi aus dem Nichts. Na ja, erst mal das Wichtigste erledigen und dann der Streß.

Grinsend sprang ich durch das Treppenhaus und war überrascht draußen von purem Sonnenschein empfangen zu werden. Zum Glück hatte ich stets eine Sonnenbrille dabei. Eigentlich diente sie hauptsächlich als Schutz vor lästigen Fotografen, aber manchmal half sie auch einfach nur gegen die Sonne. Mitten in der Eingangstür sitzend schnallte ich die Inlineskates, die stets im Flur auf mich warteten an meine Füße und schwang den Seesack über meine Schulter. Es war ein beinahe wöchentliches Ritual das stets mit dem Griff an den MP3 Player in meiner rechten Jackentasche und einem schwungvollen Start endete.

Lächelnd genoß ich den kühlen Wind auf meinem Gesicht und wich geschickt sämtlichen Hindernissen aus, die mir auf meinem Weg begegneten. Es war erstaunlich wie wenig sich verändert hatte. Abgelenkt von der immer noch gleichen Reklametafel gegenüber des Waschsalons fuhr ich fast Keisuke über den Haufen. Mein Jugendfreund tauchte plötzlich scheinbar aus dem Nichts auf und stellte sich mir mit weitausgebreiteten Armen in den Weg. Auf den letzten Drücker gelang mir gerade noch so eine Vollbremsung. Uns trennten nur noch knappe fünf Zentimeter.

“Bist du wahnsinnig?! Wir hätten uns beide was brechen können!“ Er kümmerte sich nicht weiter um meinen Wutausbruch, sondern dirigierte mich zielsicher ins Innere des Salons. Wobei er es sich nicht verkneifen konnte mich darauf hinzuweisen, das ich wie immer viel zu spät dran war. Irritiert sah ich ihn an. Bei ihm klang das fast so als hätte er lediglich eine Stunde auf mich gewartet während bei mir im Hinterkopf immer noch irgend etwas von Monaten aufblinkte.

“Was ist denn los?“ Normalerweise war er nicht so aufdringlich und außerdem konnte ja schließlich niemand damit rechnen, daß er ausgerechnet heute auf mich warten würde. Immer noch sauer stopfte ich die Wäsche in eine der Maschinen und warf sie an. Und wie es der Zufall wollte blieb mein Blick danach wie gebahnt auf dem flimmernden Fernsehbildschirm des Salons hängen. Gerade wurde die Wetterkarte der nächsten Tage angezeigt und bei den Datumszahlen schnürte sich mir die Kehle zu. Es war lediglich der nächste Morgen! Wenn diese Zahlen stimmten bin ich überhaupt nicht weggewesen.

Okay, ganz ruhig. Tief durchatmen! Versuch gar nicht erst dir einen Reim darauf oder auf deine Träume zu machen, das hat schon früher nie funktioniert. Sieh es einfach positiv. Niemand ist vor Sorge um dich krank geworden und du mußt auch kein Comeback mehr starten. Hey, und das Beste nicht zu vergessen! Du hast den ganzen Tag frei! Gar nicht mal so schlecht. Oder?

“Hör zu Rei-chan, ich muß einen Aufsatz über eine Berühmtheit schreiben und da dachte ich mir...“ Mit einer Handbewegung unterbrach ich ihn. Soviel zum Thema gar nicht mal so schlecht. Sieht so aus als würde deine Freizeit gerade doch noch baden gehen.

“Das ich die ideale Person dafür wäre?" Er nickte kurz. Seufzend schloß ich kurz die Augen. Was tut man nicht alles für seine Freunde?

“Okay, was willst du wissen?“

“Eigentlich hatte ich mir gedacht, das ich doch direkt ein Interview mit der gesamten Band führen könnte. Damit wäre mir die Eins sicher." Kopfschüttelnd sah ich ihn an. Es gelang mir gerade noch so ein verräterisches Grinsen zu verbergen. Dieser Kerl ist und bleibt unmöglich. Wenn wir uns nicht schon so lange kennen würden hätte ich ihm jetzt etwas erzählt. Wie hat er es eigentlich nur bis ins College geschafft?

“Meinetwegen. Aber nur wenn es nicht so lange dauert.“ Drohend hob ich einen Finger.

“Eigentlich haben wir heute nämlich unseren freien Tag.“ Ein freudiges Lächeln sich augenblicklich über sein gesamtes Gesicht. Er wußte genau, daß ich ihm nur selten etwas abschlagen konnte. Zum Glück verhielt es sich umgekehrt genauso.

“Rei-chan, du bist ein Schatz!“ Er drückte mich kurz an sich und ließ mich dann knallrot wieder los, was mich zum Lachen brachte. Einfach zu komisch dieser Gesichtsausdruck!

“Hey, nicht so voreilig. Ich muß die Anderen erst noch fragen, ob sie überhaupt Zeit haben. Ach so, und eines ist dir hoffentlich klar.“ Mit Absicht senkte ich meine Stimme etwas.

“Du schuldest mir für diesen Gefallen ein Abendessen.“ Er grinste mich breit an und damit war die Sache besiegelt. Die restlichen Bandmitglieder hatten selbstverständlich Zeit und so saßen wir nachmittags gemeinsam im Park und standen Keisuke Rede und Antwort. Allerdings hatte er die Gunst der Stunde genutzt und prompt seinen besten Kumpel Tetsuya mitgeschleppt. Es machte jedoch keinen Unterschied. Wir kannten die beiden ohnehin schon seit Jahren. Allerdings hatten wir ziemliches Glück, das uns niemand erkannte.

Man stelle sich vor die Presse hätte Wind davon bekommen. Oh man, das hätte vielleicht Schlagzeilen gegeben. Vor allem, da sämtliche Bandmitglieder immer versuchten ihre Familien und Freunde aus dem Scheinwerferlicht herauszuhalten. Meistens war das sogar recht einfach. Aber nicht immer. Mit leichtem Grauen erinnerte ich mich an den Tag an dem wir an einer Schulveranstaltung teilgenommen hatten und erkannt worden waren. Es hatte über ein Dutzend Polizisten erfordert um uns unbehelligt aus den Menschenmassen zu schaffen.

Dieses Mal überraschte mich Keisuke damit, daß er seine Schulden bei mir direkt einlöste. Noch am selben Abend fand ich mich in der Wohnung seiner Familie wieder. Es war eine echte Premiere! Sonst brauchte er dafür mindestens zwei Wochen bis er sich überhaupt daran erinnerte, das er bei in der Kreide stand. Oder wesentlich länger.

Es war angenehm wieder in dieser Runde zu sitzen. Nachdem ich Matuta und ihrem Sohn solange Gesellschaft geleistet hatte erschien es mir beinahe unmöglich noch einmal ein Abendessen alleine einzunehmen. Auch wenn es in meinen Augen nicht richtig war, das sich Keisukes Mutter für uns so viele Umstände machte.

Uns, das beinhaltete in diesem Fall Keisuke; seine Mutter Yuuki-san; seine jüngere Schwester, Miaka; deren beste Freundin, Yui; Tetsuya und mich. Sobald es meine Zeit zuließ bemühte ich mich immer in dieser Rund zu erscheinen, aber es sind seltene Momenten geworden.

Aus diesem Grund hatte ich es mir auch angewöhnt Yuuki-san je nach Gelegenheit eine kleine Überraschung mitzubringen um meinen lange Abwesenheit zu entschuldigen. Dieses Mal war es eine Flasche ihres Lieblingsparfüms. Der Duft war wie für sie gemacht und sie benutzte es nur zu besonderen Gelegenheiten. Allerdings leistete sie sich nur selten eine kleine Flasche davon. Dementsprechend freute sie sich über die kleine Geste. Keisuke war zum Glück wieder einmal recht informativ in dieser Hinsicht gewesen.

Das Essen war wie immer spitze! Es tat gut endlich einmal wieder in diesem Kreis zusammen zu kommen. Das hatten wir schon eine halbe Ewigkeit lang nicht mehr gemacht und dabei kannte ich Keisuke schon seit der Grundschule.

Wir sind zusammen eingeschult worden und nach den ersten peinlichen Annäherungsversuchen lagen wir am Ende rauften Sandkasten und die Lehrer hatten ziemliche Mühe uns zu trennen. Dabei war der Grund für unsere anfängliche Feindseligkeit im Nachhinein gar nicht so schwer wiegend. Keisuke hatte lediglich wie sämtliche anderen Jungen der Klasse behauptet ich sei wegen meiner Abstammung ein Weichei. Immerhin war meine Mutter zur Hälfte Amerikanerin und ist erst nach über zwanzig Jahren endgültig nach Japan zurück gekehrt.

Trotzdem wurden wir später die dicksten Freunde. Es war mir schließlich überzeugend gelungen allen zu beweisen, daß ich alles andere als ein Weichei war. Meine Freundschaft zu Keisuke überstand die ansonsten so problemgeladene Pubertät ohne nennenswerte Probleme. Und das obwohl wir nicht demselben Geschlecht angehören. Wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum wir so locker miteinander umgehen konnten.

Der Abend verlief äußerst angenehm und ich konnte Miaka und Yui zu ihrem Entschluß das Eintrittsexamen für die Jonan Highschool zu absolvieren nur beglückwünschen. Wer es schaffte auf diese Schule zu kommen, der hatte es geschafft. Sie gehörte zu den besten Schulen des Landes und beinahe sämtliche renommierten Firmen suchten sich ihre zukünftigen Geschäftsführer. Gerade deshalb zählte auch die Aufnahmeprüfung zu einer der schwersten in ganz Japan.

Yuuki-san war in Bezug auf ihre Tochter jedoch alles andere als begeistert von dieser Idee. Dabei ist Miaka keineswegs dumm. Sie ist lediglich etwas sehr faul und wenn ich dann daran denke, was Keisuke in der Zeit als es um seine Aufnahmeprüfungen ging veranstaltet hat, dann war es eigentlich kein Wunder, das sich Yuuki-san ernsthafte Sorgen macht. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Keisuke der sich gerade mit Tetsuya um den letzten Rest des Nachtischs stritt. Ob die Pornosammlung wohl noch existiert?

Das Thema Highschool war jedoch bald wieder vom Tisch. Immerhin lauerten sämtliche Anwesenden auf die neuste Platte meiner Band und genossen es nach wie vor die Informationen aus erster Hand zu erfahren. Selbst Yuuki-san gefiel ein Großteil der Musik, die wir machten. Auch, wenn es sie leider nicht daran hinderte mir immer wieder vorzuhalten, das ich wegen diesem unsicheren Job meine Collegeausbildung habe sausen lassen. Dabei habe ich schon seit geraumer Zeit extra Abendkurse belegt um meinem Abschluß nachzuholen.

Die Musik ist nur etwas, das mir im Blut liegt. Sie ist mir wichtiger als alles andere und als sich mir die Chance bot diese Leidenschaft zu meinem Beruf zu machen griff ich zu ohne lange über die Konsequenzen nachzudenken. Meine Eltern hätten mich höchstwahrscheinlich bei diesem Entschluß unterstützt, wen sie noch bei uns wären.

Aber ich konnte Yuuki-san ihre Sorge auch nicht verübeln. Seit dem Tod meiner Eltern vor beinahe sieben Jahren fühlte sie sich verantwortlich für mich. Ich war gerade erst zwölf Jahre alt, als meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz über dem Äquator ums Leben kamen und war von da an auf mich allein gestellt. Meine Großeltern hatten zwar angeboten sich bei sich aufzunehmen, aber ich konnte mir ein Leben auf dem Land einfach nicht vorstellen. Außerdem wollte ich keinen meiner Freunde missen. Nicht, wo man mir schon die Menschen genommen hatten, die mir am Meisten auf der Welt bedeutet hatten.

Mein Entschluß stand fest. Ich wollte versuchen auf eigenen Beinen zu stehen. Die Wohnung gehörte uns sowieso und das Geld, aus der Lebensversicherung half mir meinem Lebensunterhalt solange allein zu bestreiten bis ich offiziell die ersten Nebenjobs annehmen durfte. In der ersten Zeit besuchten mich meine Großeltern recht häufig und auch meine Besuche bei Keisuke und seiner Familie schienen kein Ende nehmen zu wollen. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst allein zu sein.

Doch je mehr Zeit verging desto selbstständiger wurde ich. Um ehrlich zu sein es ging mir nie wirklich schlecht. Irgendwie war immer jemand da, der sich um mich kümmerte. Und als der erste Plattenvertrag kam änderte sich alles. Meine Leidenschaft für die Musik verlieh mir Flügel und stellte sämtliche Ängste und Bedenken weit in den Schatten. Es war als würde mein Leben noch einmal von vorn beginnen. Ohne den dunklen Schatten, der mich seit meinem zwölften Lebensjahr begleitet hatte. Er verschwand zwar nie völlig, aber er verblaßte im Licht der Scheinwerfer immer mehr. Ich wußte, daß meine Eltern stolz auf mich gewesen wären. Und mit dieser Gewißheit fiel es mir leicht den einmal gewählten Weg auch weiterhin zu beschreiten.

Als einziger Wermutstropfen blieb die immer kleiner werdende Freizeit. Die Tage, die ich unbeschwert mit meiner Familie und meinen Kindheitsfreunden wurden immer seltener. Dennoch freute sich jeder von ihnen und sie unterstützten mich in dem sie einfach nur für mich da waren. Ohne sie wäre es wohl kaum möglich gewesen den Druck der ersten Monate auszuhalten. Meine Band und ich hatten die Charts in absoluter Rekordzeit gestürmt.

Es war bereits weit nach Mitternacht als ich durch die Tür meiner Wohnung stolperte. Yuuki-san hatte mir zwar wie immer angeboten bei ihr zu übernachten, aber wie so oft wollte ich ihr keine zusätzliche Last sein. Für einen Reporter wäre es ein gefundenes Fressen, wenn er mich am nächsten Morgen vor ihrer Tür erwischt hätte. Seufzend hatte sie es schließlich aufgegeben mich überzeugen zu wollen und mir ein Taxi gerufen.

Auf der Fahrt zu meiner Wohnung dachte ich darüber nach, was ich meinen Freunden alles verschwiegen hatte. Oft war ich kurz davor gewesen ihnen einfach von meinem merkwürdigen Traum zu erzählen, aber dann ließ mich immer wieder irgend etwas zögern. Warum sollte ich ihnen davon erzählen? Es war nur ein Traum. Wie realistisch er auch gewesen sein mochte. Er würde vielleicht nie wiederkehren.

Seltsamerweise versetzte es mir einen Stich, wenn ich daran dachte, daß ich Matuta und ihren Sohn niemals wiedersehen würde. Ich hatte die beiden fest in mein Herz geschlossen und tief in meinem Inneren zweifelte ich nach wie vor daran, daß dies ein ganz normaler Traum gewesen sein sollte. Doch was war es dann? Was könnte es sonst gewesen sein?

Beinahe den ganzen Tag hatte ich kaum noch einen Gedanken daran verschwendet doch jetzt unter dem dunklen Nachthimmel fielen mir immer mehr Einzelheiten ein. Ich hätte meine Augen schließen können und dennoch wäre es mir gelungen einen genauen Plan ihres Dorfes zu zeichnen.

Seufzend ließ ich die Schlüssel auf ein kleines Sideboard fallen und schlüpfte aus meinem Mantel. Es hilft nichts. Ich werde ohnehin nicht schlafen können bevor ich nicht einige Antworten erhalten habe. Die Kaffeemaschine blubberte noch als bereits der Bildschirm meines PCs aufflackerte. Wenn es irgend etwas über diesen Ort zu finden gab, dann müßte es eigentlich im Internet zu finden sein.

Nach einigen Stunden ruhelosem Surfens und rund anderthalb Liter schwarzem Kaffe stand fest, daß es das Buch Universum der vier Götter tatsächlich gab. Es gab zwar keinen einzigen Hinweis darauf, wo es sich gerade befand, aber es unwiderlegbar, das ein Japaner es vor Jahren übersetzt hatte. Einosuke Oukuda. Er hatte das Buch Ende der Zwanzigerjahre von China mit nach Japan gebracht und es übersetzt. Leider waren die Informationen über ihn sehr bruchstückhaft. Vor allem die Tatsache, daß er angeblich seine über alles geliebte Tochter getötet haben sollte lag mir schwer im Magen. Was konnte einen Menschen nur zu einer solchen Tat verleiten?

Als mir beinahe die Augen zufielen nahm ich den letzten Rest meiner Willenskraft zusammen um zu Duschen und mich umzuziehen. Danach fiel ich im Pyjama aufs Bett und rollte mich unter der warmen Decke zusammen. Was für ein Tag!

“Rei-san!“ Völlig verdutzt fuhr ich in die Höhe als Matuta mir bereits um den Hals fiel. Ich hatte gerade noch Zeit mir darüber klar zu werden, daß ich mich im Haus ihres Großvaters befand als sie auch schon wie ein Wasserfall auf mich einredete.

Seit meinem Verschwinden waren in ihrer Welt mehr als fünf Monate vergangen. Ich konnte kaum fassen, was sie mir alles erzählte. Und noch viel weniger, das ich mir erneut bei ihr befand. Zum einen war ich unendlich erleichtert darüber das es ihr gut ging, aber zum anderen begann ich auch mir Gedanken darüber zu machen, warum mich mein Traum ausgerechnet in ihr Leben führte.

Meine Sorgen verflogen jedoch binnen Sekunden als sie mir stolz ihren Sohn zeigte, der einen enormen Schuß gemacht hatte. Er krabbelte bereits und schien nicht die geringste Scheu vor mir zu haben. Munter sah er zu mir hinauf und streckte mir seine kleinen Ärmchen entgegen. Lächelnd ging ich in die Knie und streichelte sanft über das blonde Haar, das ihm mittlerweile bis an die Schultern reichte.

“Na, mein Kleiner, erinnerst du dich noch an mich?“ Seine blauen Augen strahlten mich an.

“La... lame...“ Er griff nach mir und ich hob ihn hoch. Lachend fing er an nach meinen Haaren zu greifen und zog zufrieden an den einzelnen Strähnen. Zum Glück nicht allzu fest.

“Lame? Kleiner, wer soll das sein? Meinst du mich damit?“ Matuta konnte sich ein Lachen nicht länger verkneifen als ich mein Gesicht leicht verzog. Ihr Filius zog inzwischen nämlich um einiges stärker an meinen Harren. Vorsichtig bemühte ich mich sie ihm wieder abzunehmen.

“Er meint tatsächlich dich. Ich habe nur noch nicht herausgefunden ob er versucht dich Tante oder Rei-san zu nennen. Er erinnert sich scheinbar noch sehr gut an dich und er schien zu spüren, daß du bald zurückkommst. Deshalb übt er so fleißig.“ Lachend schüttelte ich den Kopf und wirbelte den Kleinen durch die Luft. Er wollte meinen Namen lernen!

“Mama. Sag Mama.“ Er strahlte mich an und brachte mit einem kleinen Glucksen das gewünschte Wort hervor bevor er sich wieder an Lame, Lame versuchte. Dieser kleine Racker! An dem werden wir garantiert noch unsere Freude haben! Schon jetzt steht fest, daß er irgendwann einmal ein Herzensbrecher sein wird.

Nachdem wir unser Widersehen ausgiebig gefeiert hatten verfrachtete Matuta ihren Sohn trotz aller Proteste ins Bett. Als sie sich sicher war, das er schlief setzten wir uns zusammen und redeten bis spät in die Nacht miteinander.

Ihr waren sowohl meine veränderte Kleidung als auch die neue Haarfarbe aufgefallen und sie war neugierig, was es damit auf sich hatte. Lachend erklärte ich es ihr und sie kam zu dem Schluß, daß mir meine langen, naturbraunen Haare noch besser standen, als die kurzen, silberblauen. Ich nahm es als Kompliment. Sie wußte schließlich nicht, was für einen Ärger mir meine hellen Haare während der Schulzeit bereitet hatten. Viele meiner Lehrer waren der Ansicht gewesen ich hätte sie mir gefärbt und erst wenn man ihnen ein Foto meiner Eltern zeigte dämmerte es ihnen. Auch die Maskenbildner unserer Band fluchten immer aufs Neue, wenn es darum ging die widerspenstige Pracht unter eine Perücke zu stopfen. Ihnen wäre es am Liebsten, wenn ich sofort auf sie gehört und meine Haare um etliches gekürzt hätten.

Wir sprachen über so ziemlich alles und jeden und die Zeit bei ihr verging wie im Flug. Zwar zogen wieder Monate ins Land ehe sich sie verlassen mußte, aber es kam mir lediglich wie ein Augenblick vor ehe ich wieder in meinem Bett erwachte.

Dieser Zustand hielt relativ lange an. Wobei in Matutas Welt Jahre verstrichen und in meiner hingegen nur wenige Wochen. Es war eine friedliche Zeit für sie und ihren Sohn. Nur einige Dinge hinterließen ihren dunklen Schatten auf ihr und ihrem Sohn. So starb ihr Bruder knapp ein Jahr nach der Geburt seines Neffen auf dem Schlachtfeld. Er war zu Ehren des Kaisers von Kutou ausgezogen und nie wieder nach Hause zurückgekehrt. Auch ihr Großvater, Sana-san starb noch ehe sein Enkel vier Jahre alt geworden war. Sie war als einzige in dem großen Haus zurückgeblieben und bis auf mich gab es niemanden mehr im Dorf, den sie hätte Freund nennen können oder dem sie so sehr vertraute.

Die Verluste zweier geliebter Menschen und meine immer wieder kehrende Abwesenheit nahmen den Kleinen sehr mit und so beschloß ich ihm eine besondere Freude zu machen. Es sollte etwas ganz besonderes sein, das ihn immer daran erinnerte daß ich, egal was auch passieren wird immer wieder zu ihm zurückkehren würde.

Ich hatte lange darüber nachgedacht und schließlich eine Spieluhr anfertigen lassen die einen unserer Songs spielte. Auf der Unterseite war in schönster Kalligraphie sein Name in das polierte Holz eingraviert. Auf die Idee, daß die Spieluhr vielleicht nie den Weg in seine Welt finden würde kam ich gar nicht erst. Es war wie immer. Ich schlief mit der Spieluhr in der Hand ein und als ich wieder aufwachte, war sie weg. Im Traum hatte ich sie bereits Ayuru überreicht.

Er hatte sich wahnsinnig darüber gefreut und er stürmte direkt los, um es seiner Freundin zu zeigen. Da Matuta sich nach wie vor Sorgen um ihm machte, wenn er allein durchs Dorf stürmte folgte ich ihm bis er das Haus von Tarias Eltern erreicht hatte. Sie war die Einzige, die ihm nicht direkt von Anfang an feindlich gesinnt war. Sie hatte ihn akzeptiert wie jeden anderen ihrer Spielkameraden. Im Gegensatz zu ihren Eltern, denen diese Freundschaft gar nicht gefiel. Die Beiden waren allerdings zu ihrem Leidwesen unzertrennlich.

Verschwörerisch blinzelte mir mein kleiner Schützling zu ehe er mit Taria in Richtung See verschwand. Er hatte schon sehr früh verstanden, das mich außer ihm und seiner Mutter niemand sehen konnte. Und obwohl er Taria sonst beinahe alles anvertraute verschwieg er ihr nach wie vor meine Existenz. Die einzigen, die von ihm etwas über mich erfahren hatten waren sein Urgroßvater und sein Onkel gewesen. Bei allen anderen schwieg er beharrlich, was seine Yume no Miko anging. Yume no Miko… diesen Namen hatte er mir eines Tages gegeben und obwohl ich nicht wußte, was ihn dazu bewogen hatte gefiel er mir. Auch wenn es nicht so ganz mit der Miko hinhaute.

Selbstverständlich hatten die beiden Erwachsenen seine Begeisterung über die Yume no Miko als lebhafte, kindliche Phantasie abgetan, aber sie nahmen ihn immerhin so ernst, das sie ihn beglückwünschen eine Miko zu haben, die einzig und allein über ihn wachte.

Ihre Meinung änderte sich jedoch schlagartig, als sie Matuta und mich mitten in einem Gespräch überraschten. Von diesem Augenblick an fingen sie erneut an sich Sorgen um sie zu machen. Obwohl sie das Thema nie weiterverfolgten war es ihnen jedoch deutlich anzusehen wie schwer es ihnen fiel. Sie befürchteten, das Matuta allmählich ihren Verstand einbüßte. Anfangs gelang es ihnen noch jedes aufkommende Gerücht in diese Richtung abzuwickeln doch schon bald teilte das halbe Dorf ihre Meinung. Zu viele hatten bereits gesehen wie Matuta zu Schmetterling sprach als wäre er ein Mensch. Kurzerhand erklärte man sie für verrückt und grenzte sie noch mehr aus.


Doch ihr war das herzlich egal. Sie bestritt ihr Leben auch weiterhin allein. Wobei ihr Sohn für sie das Wichtigste auf der Welt war und ich würde eine Teufel tun und die beiden einfach so im Stich lassen. Der Abschied fiel mir vom Mal zu Mal schwerer. Vor allem nachdem Ayuru älter geworden war und mich jedes Mal mit Tränen in den Augen darum bat zu bleiben. Er wollte einfach nicht wahrhaben, daß ich darauf keinen Einfluß hatte.

Bei jedem Abschied flossen mehr Tränen nur um dann von Tränen der Freude bei unserem Wiedersehen abgelöst zu werden. Und obwohl die Zeitspannen meines Erscheinens immer wieder variierten schien Ayuru instinktiv zu spüren wenn ich wieder in seine Welt trat. Stets erwartete er mich bereits ungeduldig noch lange bevor Matuta meine Anwesenheit wahrgenommen hatte.

Zur Entschädigung brachte ich ihm eine Menge bei. Seine Mutter war davon allerdings wenig begeistert, weil wir zusammen fast ebenso viel Blödsinn anstellten wie die restlichen Kinder des Dorfes (meist noch viel mehr). Allerdings verzieh Matuta uns unsere Streiche meist auf der Stelle, wenn wir sie synchron entwaffnend anlächelten. Dennoch ließ sie uns längst nicht alles durchgehen. So bestand sie zum Beispiel darauf, das Ayuru Lesen und Schreiben lernte. Tja, und da ich Chinesisch in dieser Form ebenfalls nicht beherrschte unterrichtete sie mich direkt mit.

Selbstverständlich war es nur eine Frage der Zeit bis Ayuru mir dabei haushoch überlegen war. Er lachte sich jedes Mal halbschlapp über meine Defizite. Dafür war ich ihm, was auf Bäume klettern, Schwimmen und Material Arts anging um Einiges voraus. Allerdings war auch dies nur noch eine Frage der Zeit. Er war ein aufmerksamer Schüler und lernte verdammt schnell.

Da es ihn aber jedes Mal zur Verzweiflung trieb wenn ich ihn in einem Übungskampf besiegte trafen wir schließlich eine Vereinbarung. Sollte er es irgendwann einmal schaffen mich beim Training oder einem Wettkampf zu besiegen, dann würde ich ihm einen Wünsch erfüllen. Sofern dies in meiner Macht lag. Zu meinem größten Erstaunen wußte er sofort, was er sich wünschen würde.

“Das du für immer bei uns bleibst und alle dich sehen können.“ Sprudelte es aus ihm heraus. Anfangs hatte ich es mit einem Lächeln abgetan, aber er hielt eisern daran fest. Matuta schüttelte angesichts seiner Sturheit ebenfalls den Kopf und meinte, das sich sein Wunsch schon noch ändern würde, wenn er erst älter wäre. Doch ihr Sohn blieb dabei. Für ihn würde es immer nur diesen einen Wunsch geben. Wir ließen dem kleinen Dickschädel schließlich seinen Willen und kehrten in den Alltag zurück.

Hier und da gab es immer wieder vereinzelte Schwierigkeiten und Probleme, die gelöst werden mußten. Vor allem wenn Ayuru auf die anderen Kinder des Dorfes traf. Überall wurde er als Ausgestoßener angesehen und dementsprechend behandelt. Selbst Matuta blieb davon nicht verschont. Besonders schlimm wurde es, als sie mit uns einen Ausflug machte und dabei in ein Dorf weit außerhalb der Grenze durchquerte. Die Menschen behandelten sie und Ayuru wie Aussätzige, nur weil sie Hin waren. Und wieder einmal konnte ich nur hilflos zusehen.

“Warum hassen die Leute uns?“ Verblüfft sah ich Ayuru an. Seine klaren Augen ruhten abwechselnd auf mir und seiner Mutter. Auch Matuta schien diese Frage zu überraschen. Wütend warf ich einen Blick zurück in das Dorf, das wir so eben verlassen hatten und ballte meine Hände zusammen. Obwohl ich solche Erfahrungen in meiner Kindheit ebenfalls hatte hinnehmen müssen fiel mir nichts ein, wie ich es ihm hätte erklären können. Ich verstand bis heute nicht, wie man einen Mensch lediglich aufgrund seines anderen Äußeren verurteilen konnte. Wie sollte ich es dann ihm erklären? Ratlos sah ich Matuta an, die ihren Blick traurig zu Boden gesenkt hatte. Sie kannte die Antwort ebenso wenig wie ich und dennoch irgendwie… irgendwie müssen wir es ihm doch erklären. Seufzend ging ich neben ihm in die Knie.

“Die meisten Menschen fürchten sich vor dem, was anders ist als das, was sie kennen und was sie nicht kennen oder verstehen. Nur leider schlägt ihre Angst sehr schnell in Ignoranz oder Haß um. Sie weigern sich einfach etwas Fremdes näher kennenzulernen und verharren auf ihren eigenen Ansichten. Es wäre vieles einfacher, wenn sie voneinander lernen würden anstatt sich hinter den Wällen ihrer eigenen Welt zu verstecken.“ Die Erinnerungen aus meiner Kindheit kamen wieder. Von Anfang an hatte man mich spüren lassen, daß ich nicht so war wie alle anderen. Doch meine Eltern hatten mich stets beschützt. Sie ließen nicht zu, daß man mir unnötig wehtat. Dennoch war es nicht einfach gewesen sich zu behaupten.

“Versprich mir, daß du dich niemals von so etwas beeinflussen lassen wirst. Niemand steht über dem Anderen. Viele glauben das, aber es ist falsch. Jeder hat das Recht sein eigenes Leben zu leben.“ Verwundert sah er mich an. Anfangs glaubte ich noch er hätte mich nicht richtig verstanden, aber er bewies mir schon bald das Gegenteil. Er war freundlich zu allen die ihm begegneten und nur, wenn sie provozierten änderte er sein Verhalten. Vor allem wenn jemand seine Mutter beleidigte war keine Spur von seiner Freundlichkeit mehr zu spüren. Es half ihm nicht sonderlich dabei neue Freunde zu finden, aber es verschaffte ihm Respekt. Und es kam mir sehr bekannt vor.

Matuta und ich waren trotz einiger Eskapaden unendlich stolz auf ihn. Er würde ein ebenso freundlicher und tapferer Mann wie sein Onkel und Namensvetter werden. Unser Leben blieb ruhig bis auf die Tatsache, daß schon seit geraumer Zeit einige Fremde um das Dorf herumschlichen, aber ich schenkte ihnen keine weitere Beachtung. Es gab zu diesem Zeitpunkt etwas viel Wichtigeres.

Mit der Vollendung seines zehnten Lebensjahrs sollte Ayuru an der Omedori Zeremonie teilnehmen. Im Laufe dieser Zeremonie würde ihm der Gott seines Volkes, Tenkou, ihm den Verlauf seines Schicksals zeigen. Er freute sich unheimlich darauf. Galt er doch hinterher als richtiger Mann! Selbst meine sarkastischen Kommentare konnten ihn nicht davon abbringen, daß er nach der Zeremonie vollkommen erwachsen sei.

Obwohl sie sich für ihren Sohn freute war Matuta dennoch ihre Sorge anzusehen. Sie machte sie jeden Tag erneut Gedanken darüber ob jemand versuchen würde ihrem Sohn etwas anzutun sobald er sich auf den Weg zu machte. Ich schlug ihr vor, daß ich doch einfach mitgehen könnte, aber sie wies diesen Vorschlag entsetzt von sich. Bis ihr einfiel, daß mich außer ihr und Ayuru ja ohnehin niemand sehen konnte.

Unser angehender Mann war nicht sonderlich angetan von dieser Idee. Immerhin durften bei dieser Zeremonie nur Männer anwesend sein, aber er gab schließlich doch noch klein bei. Er hatte sich ohnehin schon viel zu sehr daran gewöhnt, daß ich ihn beinahe ständig begleitete. Außer, wenn er ein dringendes Bedürfnis hatte, darauf bestand er.

Wir gingen gemeinsam in die Höhle in der Tenkou erscheinen sollte. Nach und nach entfernten sich sämtliche Priester und schließlich gab es im Innern nur noch uns beide und eine große Flamme, die wilde Schattenmuster auf die Wände zauberte. Angeblich sollte Tenkou schon bald vor unseren Augen erscheinen, aber ich glaubte nicht so recht daran.

In meiner Welt hatten sich solch wichtige Ereignisse schon viel zu oft als Humbug herausgestellt. Eine Täuschung, die dazu diente die Macht eines anderen zu lenken oder den Willen eines Volkes zu unterdrücken. Alles nichts weiter als Schall und Rauch. Raffiniert kombiniert und über ein Wirrwarr von Drähten und Rohren geleitet.

Gerade deshalb ging mir der eisige Wind, der plötzlich durch die Hölle fegte auch so sehr unter die Haut. In Anbetracht der riesigen Flamme direkt vor uns war es beinahe unmöglich einen arktischen Wind so deutlich spüren zu können. Beinahe meinte ich Schnee auf meiner Zunge zu schmecken.

Ayuru klammerte sich an meine Beine und drückte sich dichter an mich. Er würde nie offen zugeben daß er sich fürchtete, aber seine Körpersprache war deutlich genug. Beruhigend strich ich über seinen Kopf und versuchte hinter den Trick zu kommen, der hinter dem Ganzen steckte. Irgendwo mußte es eine versteckte Öffnung geben durch die der Wind zog. Aber das erklärte immer noch nicht die eisige Kälte.

“Hab keine Angst, ich bin bei dir.“ Aufmunternd lächelte ich ihn an. Entschlossen nickte er und stellte sich neben mich. Seine linke Hand umklammerte nach wie vor ein Stück meiner Kleidung. Kühn sah er sich in der Höhle um bis sein Blick schließlich auf der riesigen Flamme verharrte. Ich spürte das leichte Zittern, das seinen Körper durchlief und folgte seinem Blick und erstarrte. Inmitten der Flamme befanden sich zwei Augen, die uns eisig musterten. Ohne daß ich ihn zurückhalten konnte trat Ayuru einen Schritt vor.

“Tenkou?“ Seine Stimme war leise und klang doch fest. Er hatte sich erstaunlich gut unter Kontrolle. Im Gegensatz zu mir. Ich bekam bei diesem Anblick weiche Knie. So viel also zum Thema Humbug!

“So nennt mich dein Volk.“ Diese Stimme ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Irgend etwas sagte mir, das Ayuru von ihr eine schreckliche Gefahr drohte. Allein diese Ahnung reicht aus, um den Pudding in meinen Beinen verschwinden und mich wieder sicher auf dem Boden stehen zu lassen.

“Dein Name lautet Ayuru. Und du bist hier um von mir dein Schicksal zu erfragen?“ Mein Schützling zögerte kaum merklich, bevor er antwortete.

“Ja.“ Wieder war seine Stimme kaum zu hören, aber das schien den Gott nicht zu stören.

“Dann höre, was das Schicksal für dich bestimmt hat.“ Meine Neugier war ebenfalls geweckt, aber ich blieb trotzdem in einiger Entfernung hinter Ayuru stehen, damit mich Tenkou nicht eventuell doch noch bemerkte.

“Du wirst einer Miko begegnen und sie schützen...“ Auf Ayurus Gesicht legte sich ein zufriedenes Lächeln und er sah mich kurz an. Damit hatte er die Gewißheit, daß ich eines Tages in seiner Welt erscheinen würde. Aber so recht teilte ich seinen Optimismus noch nicht. Es wäre zu einfach, wenn Tenkou mich meinen würde. Mir war unbehaglich, das Tenkou über eine Miko sprach. Er flößte mir eine Heidenangst ein. Von ihm ging etwas ungeheuer Bedrohliches aus, das sich geschickt zu verbergen wußte. Trotzdem konnte ich es deutlich genug spüren.

“... aber deine Mutter wird sterben, ebenso dein Vater. Beide werden durch deine Hand den Tod finden. Du wirst derjenige sein, der sie tötet!“ Tenkou brach in schallendes Gelächter aus. Entsetzt wich Ayuru einen Schritt zurück. Daß er DAS nicht glauben konnte war mir mehr als klar. Er würde seiner Mutter niemals wehtun können, dafür liebt er sie viel zu sehr! Und seinen Vater kennt er noch nicht einmal. Wie soll er ihn da töten können?

“Nein! Du lügst!“ Er bekam ein weiteres Lachen zur Antwort. Schützend legte ich meine Hände auf seine Schultern.

“Warum sollte ich das tun? Ich sage dir nur die Wahrheit. Dein Volk wird ebenfalls sterben. Schon bald wirst der einzige Überlebende der Hin sein!“ Ayurus Körper war gelähmt vor Entsetzen und auch mir fiel es schwer das eben gehörte zu verarbeiten. Zum Glück hatte Ayuru mich gebeten nicht einzugreifen, egal was auch passieren würde und so riß ich mich zusammen. Nur wurde ich von Minute zu Minute auf diesen angeblichen Gott immer wütender. Wie kann er einem Kind nur so etwas Grausames erzählen?!

“Ist das nicht ein schönes Schicksal? Alle die du liebst oder die dich lieben werden sterben, während du überlebst und denjenigen zu Diensten sein wirst, die dafür verantwortlich waren!“ Er lachte erneut laut und das Geräusch verstärkte sich um ein vielfaches, da es von den Wänden widergeworfen wurde. Und so etwas will ein Gott sein?! Ayurus Blick lag hilfesuchend auf mir. Das einzige was mir einfiel war eine Geste, die in etwa bedeutete: Der Typ ist völlig durchgeknallt.

“Eines noch! Deine wahre Kraft ist noch nicht erwacht, aber bald wirst du erkennen, was du wirklich bist. Ein Seiryuu no Seishi!“ Mit diesen Worten würde der Ayurus Körper von einem blauen Licht umgehüllt und er sank bewußtlos zu Boden.

“Ayuru! Ayuru, was ist mit dir?!“ Vergeblich versuchte ich ihn wieder zu Bewußtsein zu bringen. Allerdings fiel mir auf, daß sich das blaue Licht auf seiner Stirn konzentrierte und dort immer intensiver wurde.

“Was machst du mit ihm?!“ Wütend schrie ich in die Flamme hinein. Während ich Ayuru hoch hob und erleichtert feststellte, das er regelmäßig atmete. Anscheinend war er nur in einen tiefen Schlaf gefallen.

“Nichts, worüber du dir Sorgen machen müßtest Yume no Miko.“ Fassungslos starrte ich in die Flammen und die immer noch glühenden Augen. Er wußte über mich Bescheid?

„Hast du wirklich gedacht, ich würde dich nicht bemerken? So naiv bist selbst du nicht!“ Die Adern meines Körpers begannen sich mit Eis zu füllen. Nackte Angst ergriff Besitz von mir.

„Eines sollte dir jedoch von nun an klar sein, egal was du auch tust, du wirst ihn nicht beschützen können!“ Instinktiv drückte Ayuru enger an mich. Niemals! Niemals werde ich zulassen, daß sich diese Prophezeiung erfüllt und dieser Dämon ihm etwas antut.

“Das glaubst du!“ Irgendwie war es mir gelungen die bleierne Furcht in meinen Gliedern zurück zu drängen. Tenkous Antwort war ein höhnisches Lachen.

“Nein, ich weiß es ganz genau! Du wirst es nicht verhindern können und letzt endlich wirst auch du zugrunde gehen!“ Jetzt war es an mir zu lachen. Ich hatte garantiert nicht vor mein Leben frühzeitig zu beenden.

“Das wüßte ich aber! So schnell gebe ich nicht auf! Er ist ein unschuldiges Kind und er sollte seine Zukunft selbst bestimmen können!“ Er räusperte sich kurz, was mir die Gelegenheit verschaffte Ayuru behutsam auf den Boden zu betten. Ich blieb neben ihm sitzen und fixierte wieder die Flamme. Es wird diesem Möchtegern Gott bestimmt nicht gelingen mich noch länger einzuschüchtern.

“Ja, das wirst du ihm auch sagen und trotzdem wird es nicht das Geringste ändern! Du weißt ja nicht einmal, wie du in diese Welt gekommen bist!“ Eine Welle puren Eises schlug mit entgegen und für einen kurzen Moment bekam ich keine Luft mehr. Erschrocken sah ich auf Ayurus Gesicht als ich wieder frei atmen konnte. Aus seinen Augen liefen ein paar vereinzelte Tränen. Vorsichtig wischte ich sie weg und ein flüchtiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Nein, ich werde ihn nicht allein lassen. Niemals! Und keiner, keiner hat das Recht ihm seine Zukunft zu rauben oder ihm Angst davor zu machen. Entschlossen wandte ich mich wieder an Tenkou.

“Ich weiß nicht, wer oder was du bist, aber du bist keinesfalls der Beschützer der Hin. Du bist ein Dämon! Man sollte sie vor dir warnen!“

“Vielleicht hast du recht. Aber es wird liegt nicht deiner Macht sie davon zu überzeugen. Deshalb habe ich auch nichts gegen dich unternommen. Du wirst seinen Leidensweg nur verschlimmern.“ Er klang immer noch völlig gleichgültig.

“Ach ja? So wie ich das sehe, hast du bis jetzt nur davon gesprochen, das alle Menschen, die er liebt sterben werden, aber ich gehöre nicht dazu.“ Für einen kurzen Augenblick hörte Tenkou auf zu lachen.

“Was meinst du damit?“ Endlich begann die überhebliche Fassade zu bröckeln. Wenigsten etwas.

“Ganz einfach. Ich bin kein Mensch, wenigstens nicht in dieser Welt und somit werde ich auch nicht sterben.“ Das Glühen in seinen Augen verschwand, dennoch blieb sein Blick eiskalt.

“Es stimmt was du sagst. Aber sei dir gewiß früher oder später wirst du sterben.“ Ich lachte erneut.

“Mag sein, aber vorher werde ich dir noch eine Menge Schwierigkeiten machen. Glaub ja nicht, das ich keinen Weg finden werde um Ayuru vor dir zu schützen.“ Ein kalter Windstoß warf mich fast um. Allmählich schien er wütend zu werden.

“Drohst du mir? Unterschätze mich nicht!“ Völlig unbeeindruckt suchte ich seinen Blick und erwiderte ihn. Er jagte mir zwar nach wie vor Angst ein, aber im Moment war mein Zorn stärker als das.

“Was auch immer passiert, ich werde ihn niemals im Stich lassen!“ Tenkous Augen weiteten sich etwas, bevor sie wieder zu zwei glühenden Punkten wurden.

“Meinetwegen. Ich werde dich jedoch noch dieses eine Mal warnen Yume no Miko. Dein Entschluß wird dich mehr leiden lassen als du es dir überhaupt vorstellen kannst. Es wäre einfacher für dich, wenn du ihn seinem Schicksal überlaßt.“ Entschieden schüttelte ich den Kopf. Meine Entscheidung war unwiderruflich. Nichts und niemand könnte daran noch etwas ändern.

“Nein! Es ist mir egal, was mit mir passiert, aber kann nicht zulassen, das er leidet!“ Lautes Lachen hallte von den Wänden wieder und jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Es war ohrenbetäubend.

“Das ist noch besser, als das was ich gesehen habe!“ Tenkou schien sich plötzlich köstlich zu amüsieren.

“Du wirst deine Entscheidung schon bald bereuen, Yume no Miko! Sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“ Schützend drückte ich Ayuru enger an mich, als sich Tenkous Lachen noch weiter steigerte und der eisige Wind erneut durch die Höhle streifte. Eiskristalle begannen sich auf unserer Kleidung abzusetzen ehe die Temperatur in der Höhle langsam wieder anstieg.

Besorgt sah ich mir Ayurus schlafenden Körper an. Sein Zustand hatte sich kaum verändert. Vielmehr hatte ich den Eindruck, daß er blasser geworden war. Ein Griff an seine Stirn bestätigte meine Vermutung, er glühte vor Fieber. Wenigstens war das blaue Licht verschwunden.

Zu meiner großen Erleichterung fanden die Priester uns kurz darauf und sie brachten Ayuru zurück nach Hause. Ich hätte nicht gewußt, wie ich ihn unbemerkt durch das Dorf hätte transportieren können. Er wäre für alle Augen sichtbar geschwebt und dann wären die Gerüchte niemals mehr verstummt.

Er schlief zwei ganze Tage lang ohne sich auch nur einen einzigen Millimeter zu bewegen. Matuta machte sich große Sorgen um ihn, doch ich beruhigt sie. Tenkous Pläne sahen keinesfalls seinen frühen Tod voraus. Das war das einzige, was ich ihr mit Sicherheit von der Prophezeiung in der Höhle erzählen konnte. Alles Andere was dieser Möchtegern Gott noch so von sich gegeben hatte verschwieg ich hier. Sie hätte es kaum verkraftet.

Als Ayuru wieder zu sich kam verhielt er sich ebenso. Er sagte zu mir, das er sie nicht mit noch mehr Sorgen belasten wollte als sie ohnehin schon hatte. Wir legten im stummen Einverständnis den Mantel des Schweigens über alles, was während der Zeremonie passiert war. Zwar wollte er nach wie vor von mir wissen, was passiert nachdem er das Bewußtsein verloren hatte doch ich schwieg beharrlich. Ich brachte es nicht fertig ihm auch nur eine einzige Silbe davon zu erzählen. Das ist eine Sache zwischen Tenkou und mir. Es reicht, wenn er mit seinem Teil der düsteren Prophezeiung leben muß.

Tenkou behielt jedoch mit vielem Recht. Ayurus Dorf wurde noch in derselben Woche von den Soldaten Kutous dem Erdboden gleichgemacht. In einem Akt purer Verzweiflung und Hilflosigkeit Ayuru seine Mutter, als diese von Soldaten vergewaltigt wurde. Er hatte es nicht beabsichtigt, aber seine plötzlich erwachten Kräfte als Seishi ließen sich nicht kontrollieren. Er wollte sie nur beschützen, doch das Ausmaß seiner Kräfte tötete jeden, der sich in seiner Reichweite befand. Egal, ob Freund oder Feind.

Vielleicht hätte ich es verhindern können wäre ich rechtzeitig genug zurückgewesen, aber ich brachte gerade Taria in Sicherheit, die Matuta vor den Flammen und den Soldaten gerettet hatte. Erst als die Soldaten sie fast eingeholt hatten stieß die halbbewußtlose Taria von sich direkt in meine Arme.

“Rei-san! Bring sie von hier weg!“ Ihre Stimme klang laut und deutlich durch das Waffengeklirr und die Flammen. Beide Kinder festhaltend rannte ich los. Aber es war hoffnungslos. Wir kamen einfach nicht schnell genug voran. Mit einem kurzen Blick fällten Ayuru und ich eine Entscheidung. Er verbarg sich in der hintersten Ecke eines Schuppens während ich mit Taria zum See hetzte. Ich verbarg sie im dichten Schilf das am Ufer wuchs. Ihr Gesicht war voller Ruß, doch sie war zum Glück nicht weiter verletzt. Ich beeilte mich so schnell wie möglich zurück zukommen. Ayurus Versteck war nicht sicher. Er könnte inzwischen entdeckt worden sein.

“Ayuru!“ Die kleine Gestalt bewegte sich wie ein Schlafwandler auf Sana-sans Haus zu. Kalte Panik ergriff mich als ich die Soldaten erkannte, die ihn immer mehr einkreisten. Ohne mich um die Gegenstände zu kümmern durch die ich hindurchglitt stürmte ich Vorwärts.

“Lauf! Lauf weg!“ Doch es war bereits zu spät weder mein noch Matutas Rufen schien ihn noch zu erreichen. Ich nur noch, wie sich ein Kranz aus blauem Licht um seinen Körper legte bevor dieser sich plötzlich ausweitete und alles sich in der Nähe befindliche zerstörte. Auch ich wurde von der Wucht zurückgeschleudert und landete bewegungsunfähig auf einem Wagen.

Hilflos mußte ich mit ansehen, wie Ayuru bewußtlos zu Boden sank und die Soldaten jubelnd gefangen nahmen. Er wie ein Gepäckstück über den Rücken eines Pferdes geworfen und schon nach kurzer Zeit setzte sich der Zug der Plünderer in Bewegung. Die Soldaten hatten wirklich gründlich gearbeitet. Außer Ayuru und Taria hatten sie jeden einzelnen Hin niedergemacht. Obwohl sich das Grauen durch meine Adern fraß verfluchte ich Tenkou dafür, daß er sein Volk einfach so im Stich gelassen hatte. Er hat zugelassen, daß an einem Tag eine gesamte Kultur ausgelöscht wurde. Wie kann er sich da Gott nennen?!

Der Wagen, auf dem ich lag hielt sich zum Glück immer recht nah von Ayuru, so daß ich ihn problemlos beobachten konnte. Langsam kehrte sein Bewußtsein zurück doch er schien nicht so recht zu begreifen, was geschehen war. Es gelang mit ein Lächeln zustande zu bringen, das ihm etwas von seiner Angst nehmen sollte, aber sein Blick war vollkommen leer. Er nahm nichts um sich herum mehr wahr.

Das änderte sich auch nicht, als wir die Hauptstadt von Kutou erreichten und er vor den Kaiser geführt wurde. Das einzig Positive war, daß ich mich mittlerweile wieder bewegen und ihm folgen konnte. So gut es ging versuchte ich ihn zu beruhigen, aber sein Blick war immer noch in weite Ferne gerichtet. Er stand unter Schock. Selbst mir fiel die verzweifelten Schreie aus meinem Kopf zu verbahnen. Aber ich mußte stark sein. Um Ayurus Willen mußte ich mich zusammenreißen.

Vorsichtig kniete ich mich neben ihn und legte schützend meine Arme um ihn. Sein Kopf sank langsam gegen meine Schulter. Sanft strich ich über sein Haar und flüsterte ihm einige beruhigende Worte zu, soweit sie mir einfielen. Wenigsten wußte er, daß ich noch da war und das schien ihn irgend zu erleichtern. Warum nur mußte sich Tenkous Prophezeiung so schnell erfüllen? War das der Preis dafür, daß ich ihn herausgefordert hatte?

Die Soldaten unterrichteten ihren Kaiser, Shokitei über das, was im Dorf der Hin geschehen war. Zufrieden strich dieser sich über den dunklen Bart und musterte Ayuru mit lüsternen Blicken. Feindseilig hob ich meinen Blick obwohl ich wußte, daß es zwecklos war. Er konnte mich nicht sehen. Ich drückte Ayuru enger an mich, aber selbst das konnte nicht verhindern, daß der kleine Körper erschauderte.

“Er ist also ein Seiryuu no Seishi hmm? Er ist schön. Sein Gesicht ist fast wie das eines Mädchens... Bringt ihn in meine Privatgemächer, wir werden uns seiner annehmen!“ Am Liebsten hätte ich laut geschrieen, aber es gab in diesem Moment einfach nichts, was ich hätte tun können. Willenlos, wie eine Marionette ließ sich Ayuru von den Soldaten wegführen. Normalerweise paßte es ihm ganz und gar nicht, wenn man ihn mit einem Mädchen verglich. Das hatte bisher immer zu allgemeinen Heiterkeitsausbrüchen von Matuta und mir geführt. Nur war das jetzt endgültig vorbei. Wir würden sie nie wieder sehen. Ich folgte ihnen und wich nicht einen Augenblick lang von Ayurus Seite.

In den Gemächern des Kaisers nahmen ihn Dienerinnen in Empfang, deren Aufgabenbereich ich mit nur zu gut vorstellen konnte. Und so, wie die Sache aussah, sollte Ayuru dasselbe Schicksal wie sie erleiden. Entschieden schüttelte ich den Kopf. Nein! Niemals! Das werde ich nicht!

Sie steckten ihn in eine riesige Badewanne (eher eine heiße Quelle, um die ein Bassin gebaut worden war) und wuschen ihn gründlich. Das war auch dringend nötig, da er immer noch voller Ruß und Blut war. Obwohl es mir zutiefst widerstrebte nutzte ich die Gelegenheit um mich ebenfalls von dem Brandgeruch zu befreien. Ayuru nahm jedoch kaum wahr, das ich es war, die ihm behutsam den zitternden Rücken wusch. Ich konnte den lüsternen Blick Shokiteis nicht vergessen und wrang wütend das Handtuch aus. Von einem möglichen Fluchtweg fehlte ebenfalls nach wie vor die geringste Spur. Es würde nicht einfach werden Ayuru hier rauszubringen.

Als die Mädchen fertig waren steckten sie ihn in einen blauen Yukata und trugen ihn zu einem riesigen Bett, das von dicken Vorhängen eingesäumt war. Leise entfernten sie sich und ließen uns allein. Erleichtert ließ ich mich neben ihn sinken wobei ich das Bett als Rückenlehne benutzte. Vorerst würden wir etwas Ruhe haben.

“Yume no Miko?“ Erstaunt sah ich zu ihm hoch. Ich hatte fest damit gerechnet, daß er schlafen würde. Seine blauen Augen sahen verzweifelt zu mir herunter. Lächelnd griff ich nach seiner Hand und drückte sie. Es fiel mir nicht leicht so zu tun, als wäre nichts weiter geschehen, aber ich mußte ihm irgendwie Mut machen. Einer von uns beiden mußte stark sein und anscheinend ist diese Rolle gerade auf mir zugefallen.

“Keine Sorge, ich bin da. Du weißt doch, ich verlasse dich nicht.“ Erleichtert atmete er auf.

“Hatte ich nicht allen Dienerinnen gesagt, daß sie den Raum verlassen sollen? Mit wem redest du?“ Völlig unbemerkt hatte Shokitei den Raum betreten. Sofort versteifte sich Ayurus gesamte Haltung. Ich warf dem Kaiser feindselige Blicke zu, als er begann um das Bett herumzuschleichen.

“Du bist sehr schön… fast wie ein Mädchen.“ Während er diese Worte sprach begann er damit Ayurus Yukata zu öffnen und über dessen Haut zu streicheln. Augenblicklich sprang ich auf. Mir war klar, was er vorhatte und Ayuru war weder in der Verfassung noch Lage sich dagegen zu wehren. In mir wallte heißer Zorn auf. Hatte er denn für einen Tag noch nicht genug gelitten?! Ich spürte, wie sich etwas um mich herum veränderte und noch ehe die Hand des Kaisers weiter an Ayurus Körper hinabwanderte fuhr ich ihn an.

“Wage es ja nicht ihn anzufassen!“ Völlig entsetzt ruhten die Blicke der Beiden auf mir. Shokitei rutschte ängstliche zurück und wäre fast aus dem Bett gefallen. Er kann mich also sehen. Gut, dann haben wir so etwas wie Chancengleichheit. Eisig lächelte ich ihn kalt an.

“Wer? Wer bist du?!“ Ich machte einen Schritt nach vorn und er verließ voller Panik das Bett. Er klammerte sich an einen der Bettpfosten, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren.

“Ich warne dich nur ein einziges Mal Kaiser von Kutou. Nein, Shokitei. Laß ihn in Ruhe oder ich werde dich töten!“ Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen sah er mich an, daß ich seinen Namen kannte schien ihn nur noch mehr zu schockieren. Seine Angst war beinahe körperlich spürbar. Und das war auch gut so. Es war der schnellste Weg für ihn um zu begreifen, wie sich Ayuru fühlte.

“Dämon!“ Seine Stimme zitterte so sehr, das ich beinahe laut gelacht hätte. Im letzten Augenblick riß ich mich zusammen und behielt mein nichtssagendes Lächeln bei. Er wich immer weiter zurück. Gelassen schnitt ich ihm den Weg zur Tür ab. So leicht wird er mir nicht davon kommen. Ich werde dafür sorgen, daß er nicht noch einmal auf die Idee kommt sich Ayuru auf solch eine Art und Weise zu nähern.

“Rei! Hör auf! Bitte.“ Verblüfft drehte ich mich um. Es kam selten vor, das er mich bei meinem richtigen Namen nannte. Meist beschränkte er sich auf Miko-chan oder Yume no Miko. Er war vollkommen aufgelöst und ich verstand nicht, warum er mich aufhalten wollte. Fast hätten wir es geschafft. Nur noch ein kleiner Augenblick und der Kaiser wird eher in einen Teich voller Blutegel springen als noch einmal Hand an Ayuru zu legen.

“Warum?“ Er schüttelte stumm den Kopf und sah mich flehend an. Ich verstand ihn auch ohne Worte. Ein Nicken war meine Antwort. Ich würde aufhören. Doch vorher wollte ich Shokitei noch eine Warnung mit auf den Weg geben, aber der Kaiser von Kutou war bereits verschwunden. Von draußen drang nur noch das Geräusch sich hastig entfernenden Schritte in den Raum. Er war geflohen, das heißt Ayuru ist vorerst in Sicherheit. Plötzlich bekam ich keine Luft mehr und sackte auf dem Boden zusammen. In meinem Inneren breiteten sich brennende Schmerzen aus.

Yume no Miko!“ Seine Stimme schwang vor Panik und er kniete sich neben mich.

“Mach dir keine Sorgen, es ist nur ein kleiner Schwächeanfall.“ So gut es ging ignorierte ich das Brennen in meinem Körper und lächelte ihn an. Vergeblich versuchte ich mich dabei aufzurichten. Es gab keinen Muskel, der nicht schmerzte. Resigniert gab ich es auf und blieb auf dem Boden liegen während sich unsichtbare Flammen durch meinen Körper fraßen.

“Miko-chan, geht es dir gut?“ Ich versuchte den Kopf zuheben, aber selbst das klappte nicht. Ich spürte, wie er meinen Kopf auf seine Knie legte und mir sanft durchs Haar striff.

“Vorerst sollten wir auf Klettertouren besser verzichten. Glaube ich.“ Er lachte leicht, aber es konnte nicht darüber hinwegtäuschen, das er immer noch furchtbar litt. Mein momentaner Zustand trug wohl auch nicht gerade dazu bei, daß sich das besserte.

“Was ist Kleiner? Warum hast du mich aufgehalten?“

“Ich wollte dich nicht auch noch verlieren.“ Ich lachte leicht und wollte ihm sagen, daß er dies nie geschehen würde, aber er legte mir einen Finger auf die Lippen.

“Psst, du mußt dich ausruhen.“ Erstaunlich, wie erwachsen er auf einmal klingt. Aber das ist schon immer so gewesen, wenn es um ernste Dinge ging.

“Tenkou hatte recht, fast hätte ich auch noch meine Miko verloren.“ Seine Stimme klang abwesend.

“Wie bitte?! Dieser dreimal verfluchte Gott wußte Bescheid?!“ Energisch versuchte ich meinen Körper vom Boden zu stemmen, aber er setzte seine gesamte Kraft ein, um mich daran zu hindern. Seufzend gab ich auf und ließ mich zurücksinken.

“Sprich nicht so von ihm. Er kann nur das sagen, was schon in den Sternen geschrieben steht.“ Das beeindruckt mich in keinster Weise und nebenbei erklärte ich ihm auch noch ziemlich Blütenreich, was ich davon und von Tenkou hielt.

“Du bist wirklich nicht aus dieser Welt, Miko-chan. Bitte versprich mir, daß du so etwas nicht noch einmal tun wirst.“ Irritiert versuchte ich ihn anzusehen, aber ich war immer noch zu schwach, um mich bewegen zu können.

“Soll ich etwa zulassen, das dich dieser Perversling anfaßt?!“ Allein der Gedanke daran brachte mein Blut zum Kochen. Niemals werde ich das zulassen! Matuta würde es mir nie verzeihen, wenn ich das zu lasse!

“Hast du es denn nicht bemerkt? Es hätte dich dein Leben kosten können und es hätte nichts geändert!“ Ich schüttelte den Kopf, was ich sofort bereute. Es kann doch nicht sein, das mir derart die Hände gebunden sind. Ich kann doch unmöglich zu lassen, daß man ihm so etwas antut.

“Du hast versucht mich zu beschützen und dabei vergessen, daß du in dieser Welt nicht wirklich existierst. Beinahe wäre es dir gelungen hierher zu kommen.“

“Wo liegt dann das Problem?“ Ich verstehe einfach nicht, warum er mich daran gehindert hat. Damit wären doch die gröbsten Probleme gelöst.

“Du wärst dabei gestorben! Verstehst du? Dein wirklicher Körper wäre im Schlaf gestorben und ich hätte dich für immer verloren!“ Er brach in lautes Schluchzen aus. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, das ist es gewesen, was Tenkou von Anfang an beabsichtigt hat und ich bin ihm auch fast noch in die Falle gegangen. Na warte, dir mache ich einen Strich durch die Rechnung. Vorsichtig tastet ich nach Ayurus Hand und drückte sie leicht.

“Keine Sorge, ich verspreche dir es nicht noch einmal zu tun.“ Er führte meine Hand zu seinem Gesicht. Deutlich konnte ich die Tränen spüren, die über seine Wangen liefen. Es zerriß mir das Herz ihn so leiden zu sehen.

“Du verläßt mich nicht. Nicht wahr?“ Seine Stimme zitterte kaum merklich. Der Aufruhr in seinem Inneren war nicht mehr zu leugnen.

“Du weißt doch, daß ich immer wieder zurück komme. Was soll die Frage?“ Er drückte meine Hand noch fester an seine Wange. Was kann ich bloß tun, um ihm zu helfen?

“Danke Miko-chan.“ Er lächelte leicht und plötzlich wußte ich, was ich tun mußte.

“Ayuru, ich verspreche dir noch etwas. Ich werde den Weg in deine Welt finden und dann werden wir gemeinsam von hier verschwinden.“ Verblüfft ließ er meine Hand los, die sofort kraftlos herunterfiel.

“Du meinst, das ist möglich?!“

“Hat dir deine Mutter nie davon erzählt? Seitdem ich das erste Mal bei euch war suche ich nach dem Weg, bis jetzt leider ohne Erfolg, aber ich gebe nicht auf.“ Vor allem jetzt nicht. So schnell es nur eben geht werde ich dem Universum der vier Götter suchen.

Yume no Miko...“ Er brach ab und bedeckte meinen Kopf mit seinem Körper. Ich spürte, wie seine Tränen in den Kragen meines Yukatas liefen.

“Meine Mutter, sie ist tot. Nicht wahr?“ Ich befreite mich von ihm und schaffte es irgendwie mich vor ihn zu knien. Das Brennen hatte etwas nachgelassen.

“Ja.“ Es fiel mir nicht leicht ihm zu antworten. Verzweifelt sah er mich an.

“Ich war es, oder?“ Ich zögerte kurz, bevor ich ihm antwortete, aber was sollte es? Früher oder später würde er es ohnehin erfahren. Die Wahrheit würde sich nicht vor ihm verbergen lassen.

“Ja, aber sie hätte ohnehin nicht weiterleben wollen.“ Entsetzt sah er mich an.

“Hast du nicht ihre Augen gesehen? Sie flehten förmlich darum, daß sie jemand tötet, bevor es die Soldaten tun. Ich wünschte nur, daß ich es gewesen wäre, der ihr diesen Wunsch erfüllt. Es wäre meine Aufgabe gewesen.“ Plötzlich umarmte er mich und drückte sich fest an mich.

“Bitte hör auf! Hör auf! Bitte hör auf! Du konntest nichts dafür! Du hast Taria in Sicherheit gebracht! Es ist alles nur meine Schuld!“ Er brach in lautes Schluchzen aus. Beruhigend strich ich ihm über den Rücken.

“Nein, es ist nicht deine Schuld! Egal, was dir andere sagen, es war nicht deine Schuld! Es war niemandes Schuld!“ Ich drückte ihn an mich und fuhr mit einer Hand durch sein Haar. Sein Schluchzen verebbte allmählich.

“Hörst du? Es war nicht deine Schuld. Deine Mutter hätte dich niemals alleine gelassen, wenn sie nicht genau gewußt hätte, das ich bei dir bleiben würde.“ Er vergrub seinen Kopf weiter an meiner Brust.

Miko-chan, bitte bleib bei mir, wenn er wieder kommt.“ Entsetzt sah ich auf ihn herunter, aber er drückte sich immer noch fest an mich und klammerte sich an dem Stoff meines Yukatas.

“Was hast du vor?“ Fast hätte ich diesen Satz nicht über die Lippen gebracht, da ich die Antwort bereits ahnte. Er wandte den Blick ab bevor er mir antwortete.

“Am Leben bleiben und für mein Volk kämpfen! Es gibt für mich keinen anderen Weg mehr!“ Sämtliche Kraft wich aus mir. Ich wußte, daß er recht hatte, aber mit dieser Tatsache fertig werden zu müssen war etwas vollkommen anderes.

“Willst du das wirklich tun?“ Meiner Stimme fehlte jegliche Kraft, der Schock war einfach zu groß. Fassungslos starrte ich auf die Holzdecke über uns.

“Ja, aber ich schaffe es nur, wenn du bei mir bleibst.“ Er hob den Blick und in seinen Augen konnte ich die Angst sehen, die er hatte. Angst vor dem, was nun nicht mehr zu verhindern war. Seufzend nickte ich. Egal, wie grausam es sich auch anhören mag. Ich wußte, daß es das Beste für ihn wäre, wenn ich es einfach geschehen lassen würde.

“Wenn ich es schon nicht verhindern kann, dann werde ich wenigstens bei dir bleiben.“ Wieder drückte er sich an mich und mein Herz verging fast vor Schmerz. Er ahnte nicht, wie schwer mir dieses Versprechen fiel.

“Ich danke dir Miko-chan.“ Ich hielt ihn fest und schaffte es nebenbei mich irgendwie zum Bett zu schleifen. Völlig erschöpft ließ ich mich dagegen sinken. Noch haben wir eine Galgenfrist. Doch wie lange wird es dauern, bis Shokitei zurückkehrt? Plötzlich fiel mir noch etwas ein.

“Ayuru, ich habe etwas für dich.“ Vorsichtig zog ich einen Beutel unter meinem Yukata hervor, den er mit fragendem Blick entgegen nahm und öffnete.

“Die Spieluhr! Du hast wirklich daran gedacht?“ Ich nickte und er strahlte mich an. Es tat gut in wieder fröhlich zu sehen, doch das würde nicht mehr lange so sein. Während ich ihm den Yukata wieder richtig anzog fiel mir die Kette an seinem Hals auf, an deren Ende eine dunkelblaue Perle schimmerte.

“Deine Mutter hat dir ihre Seiran Perle gegeben, das heißt sie wußte, daß sie nicht überleben würde.“ Ich kannte Matuta zu gut, um das zu wissen. Er nickte und umschloß die Perle mit einer Hand, während er mit der Anderen die Spieluhr öffnete. Die Melodie klang leise von den Wänden wieder und er kuschelte sich an mich. Vorsichtig zog ich die Decke vom Bett und hüllte uns darin ein.

“Schlaf jetzt. Du mußt dich ausruhen.“ Er hatte schon längst die Augen geschlossen und so hauchte ich ihm nur noch einen Kuß auf die Stirn. Er sah aus wie ein schlafender Engel. Ich lehnte mich zurück und schloß ebenfalls die Augen, doch Schlaf fand ich nicht. Mir graute vor dem, was als nächste Geschehen würde.

Aufgeregte Stimmen und ein Lichtstrahl, der mir genau in die Augen stach weckten mich schließlich aus dem Dämmerzustand, in dem ich mich seit Stunden befand. Zuerst hatte ich leichte Orientierungsschwierigkeiten, doch dann fiel mir alles wieder ein. Neben mir entdeckte ich Ayuru, der immer noch schlief. Vorsichtig legte ich ihn ins Bett, wo er sich sofort wie ein junges Kätzchen zusammenrollte. Immer noch hielt er die Spieluhr und die Perle fest umklammert. Sanft löste ich seine Hand von der Spieluhr und deckte ihn zu. Sorgfältig stellte ich sie auf einen Tisch und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. Er begann im Schlaf zu lächeln.

“Schlaf noch ein bißchen. Ich bin bald wieder da.“ Es kann unmöglich schaden, wenn ich mich in diesem Palast umsehe. Ein Glück, das ich durch Wände gehen kann, sonst hätte ich mich rettungslos verlaufen. Der Palast war riesig! Kaum zu glauben, das er nur für einen einzigen Kaiser erbaut worden war. Als ich mich auf den Rückweg machte entdeckte ich einen wunderschönen Garten, der direkt an Ayurus Zimmer grenzte. Er schlief nach wie vor und so öffnete ich leise die Türen nach draußen, damit er allmählich aufwachen konnte. Es dauerte noch ein Weilchen, aber dann regte er sich unter der Decke.

“Guten Morgen. Na, hast du gut geschlafen?“ Irritiert sah er mich an und wischte sich den letzten Rest Schlaf aus den Augen, doch dann hellte sich sein Blick auf und er nickte. Ich winkte ihm zu, das er mir nach draußen folgen sollte und er stürmte auf mich zu.

“Yume no Miko! Du bist noch da?“ Ich nickte und ließ mich auf den Rasen sinken. Er legte sich halb auf mich und sah mich fragend an.

“Natürlich. Ich bin doch erst vor kurzem angekommen. Willst du mich etwa loswerden?“ Ich hatte meiner Stimme mit Absicht einen mißtrauischen Unterton verliehen und er begann zu lachen.

“Niemals! Ich will immer mit dir zusammen sein!“ Inzwischen lag er ganz auf mir uns strahlte mich an. Für den Rest des Tages schoben wir die jüngsten Ereignisse beiseite und freuten uns, daß wir noch am Leben waren. Vor allem, nachdem ich ihm erzählte, das Taria den Überfall überlebt hatte und sich inzwischen in Sicherheit befinden müßte, stand seiner guten Laune nichts mehr im Wege. Niemand störte uns in diesem Garten und so genossen wir die Stunden die verstrichen. Doch als die Abenddämmerung hereinbrach verdüsterte sich auch unsere Stimmung zu sehends. Wir wußten beide, was in dieser Nacht geschehen würde und das wir es nicht verhindern konnten.

Einige Stunden nach Sonnenuntergang kehrten wir in das Zimmer zurück, in dem jemand verschiedene Kerzen und Feuer angezündet hatte, was ein angenehm warmes Licht erzeugte. Ein köstlicher Duft stieg uns in die Nase und auf einem Tisch stand ein Tablett mit dampfenden Speisen, über die sich Ayuru sofort mit Heißhunger hermachte. Kein Wunder, er hat seit fast zwei Tagen nichts mehr gegessen. Lächelnd sah ich ihm zu und er schob mir eine Schale mit Suppe entgegen, die ich dankend ablehnte. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf.

“Tut mir leid, ich hatte vergessen, das du nichts ißt.“ Ich lächelte ihn an. Er war seinem Onkel wirklich sehr ähnlich. Beide besaßen diese Eigenart sich am Kopf zu kratzen wenn sie sich einer etwas peinlicheren Situation befanden.

“Macht doch nichts. Na los, laß es dir schmecken.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen und er verputzte wirklich fast alles, was sich auf dem Tablett befunden hatte. Zufrieden ließ er sich zurück sinken und fiel in einen leichten Schlaf. Leider wurde er daraus geweckt, als sich die Türen des Raumes geräuschvoll öffneten und Shokitei eintrat, der sich vorsichtig um sah. Ayuru sah mich eindringlich an und ich nickte. Dieses Mal würde ich nicht eingreifen egal, was auch passieren mochte, aber es fiel mir alles andere als leicht. Am Liebsten hätte ich Shokitei einfach ein Schwert tief in den Körper gerammt.

Nachdem sich der Kaiser sicher war, das sich außer ihm und Ayuru weiter niemand im Zimmer befand trug er meinen Schützling ohne Vorwarnung zum Bett und riß ihm die Kleider vom Körper. Alles in mir schrie danach ihn für das, was er vorhatte auf der Stelle zu töten aber Ayurus flehender Blick hinderte mich daran. Ich hatte ihm versprochen nicht einzugreifen und jetzt mußte ich Wort halten. Auch wenn es mir noch so schwer fiel und meine Seele Narben davontrug, die nie mehr heilen würden.

Langsam befreite sich Shokitei auch von seiner Kleidung. Verzweifelt biß ich mir auf die Lippen um nicht zu schreien. Sie begannen innerhalb von Sekunden zu bluten. Hilflos lag Ayuru auf dem Bauch und hatte nicht die geringste Ahnung, was als Nächstes passieren würde. Im Gegensatz zu mir. Ich griff ich nach seiner Hand, als...


* * * * * * *

Nein! Nein! Ich kann nicht wiederholen, was in dieser Nacht geschah. Es ist zu grausam gewesen! Noch heute werde ich in meinen Träumen von diesen Szenen und von Ayurus verzweifelten Schreien verfolgt. Ich kann nicht darüber schreiben…

 

* * * * * * *

Tenkou behielt Recht. Ich bereute meine Entscheidung. Aber schon bald wurde mir klar, das Ayuru diese Nächte nur überstand weil er wußte, daß ich bei ihm war. Nach dieser ersten Nacht hat er allerdings nur noch selten gelacht und in Gegenwart Anderer zeigte er fast gar keine Gefühle mehr. Sie hatte ihn für immer verändert.

Es vergingen ungefähr drei Monate, die Ayuru als Bettspielzeug für den Kaiser verbrachte. Bis es Shokitei eines Tages zu bunt wurde und er Ayuru zwang seine Kräfte als Seiryuu no Seishi zu benutzen. Das war auch das letzte Mal, das Ayuru und ich Taria wieder sahen. Auch war es das letzte Mal, das Ayuru in der Öffentlichkeit überhaupt noch Gefühle zeigte. Nachdem einer der Soldaten Taria getötet hatte, tötete Ayuru daraufhin sämtliche Soldaten, die Schuld an ihrem Tod trugen. Auf seiner Stirn zeigte sich deutlich das Zeichen Kokoro und von da an ließ er sich von allen nur noch Nakago nennen.

Wir stritten deswegen unzählige Male, da ich mich strikt weigerte ihn so anzureden. Immerhin ist Ayuru der Name, den ihm seine Mutter gegeben hat. Matuta hatte diesen Namen sorgfältig ausgewählt und ich war der Ansicht, daß er diese Erinnerung in Ehren halten sollte. Auch, wenn sich sein gesamtes Leben geändert hatte seitdem wir in den Palast von Kutou gekommen waren, war er immer noch er selbst und niemand anderes.

Nach fast zwei Stunden endlosem Diskutierens gab ich mich geschlagen und willigte ihn ein ihn irgendwann einmal Nakago zu nennen, aber er mußt mir die Zeit geben, die ich dafür brauchte. Es war so etwas wie ein Kompromiß.

Es verging noch einmal ein Monat, bis ich in meine Welt zurückkehrte und von da an war nichts mehr so wie es einmal gewesen war. Mit mir war absolut nichts anzufangen, die jüngsten Ereignisse hatten mir meinen Schwung genommen. Ich verbrachte fast meine gesamte Freizeit damit das Universum der vier Götter aufzuspüren. Doch ich kam nur langsam voran und Ayuru wurde immer älter.

Er verlor nie ein Wort darüber, aber es nagte an mir und mit der Zeit stand ich kurz davor zu völlig verzweifeln. Ayuru verhinderte, das ich daran zerbrach. Er baute mich immer wieder auf, obwohl er selbst nicht gerade wenige Probleme hatte. In meiner Gegenwart taute er jedes Mal auf und auch sein herzliches Lachen stellte sich ab und zu wieder ein, doch sobald er bemerkte, daß uns jemand beobachtet schwieg er sofort.

Einmal hatte Shokitei versucht mich zu fangen. Durch irgendeine Droge gelang es ihm zwar mich zu sehen, aber nicht mich zu berühren. Der Hit war das Netz, das er benutzte und das wie alles andere einfach so mich hindurchglitt. Ayuru und ich lachten Beide über seine stümperhaften Versuche und ich schwor Shokitei das, wenn ich ihm eines Tages in der Wirklichkeit begegnen würde, dies seinen Tod bedeutet würde. Er lachte nur, da er das Ganze für einen Traum hielt. Ayuru wußte jedoch, as ich jedes einzelne Wort ernst meinte.

Inzwischen war er in die Armee Kutous eingetreten und dort recht erfolgreich. Trotzdem hatte er einen starken Widersacher, Eichuu. Beide waren in etwa gleich alt, aber Eichuu konnte es nicht verkraften, das Ayuru mehr Erfolg als er hatte. Obwohl sie eigentlich eher gleich gut waren.

Für Ayuru verging wieder ein Jahr, bis ich ihm erzählen konnte, daß ich dem Schlüssel zu seiner Welt näher gekommen war. Es die Nacht seines siebzehnten Geburtstages. Doch in dieser Nacht geschah noch etwas Anderes.

Das Verhältnis wischen uns veränderte sich zusehends. Anfangs wußte ich allerdings noch nicht wie. Sicher, seit einiger Zeit lief ich regelmäßig rot an, wenn er noch nicht ganz angezogen war oder halbnackt im Zimmer auf und ab spazierte um sich zum x-ten Mal über die Unfähigkeit einiger Soldaten auszulassen. Aber angesichts der Situation erschien es mir mehr als nur normal. Er war jetzt fast erwachsen und sah wahnsinnig gut aus. Er stand seinem Namensvetter in nichts nach und meiner Meinung nach sah er sogar noch ein klein wenig besser aus als sein Onkel.

Im Laufe der letzten Jahre hatte er es auch geschafft aus Shokiteis Bett zu entkommen, was ich persönlich als einen sehr großen Erfolg verbuchte. Er blieb lediglich ab und zu noch eine Nacht bei dem Kaiser damit dieser nicht an seiner Loyalität zweifelte, doch es wurde zusehends weniger. Ich erzählte ihm davon und er lachte darüber. Oh, wie ich es liebte, wenn er lachte. Es gab nichts, was mir mehr Freude bereitete. Diese Augenblicke waren so selten geworden, daß ich sie wie kleine Schätze hütete.

Nur, das er immer noch diesen Tenkou anbetete störte mich, aber wir hatten es aufgegeben darüber zu diskutieren. Wir beide besaßen denselben Dickschädel und waren nicht in dieser Sache nachzugeben. Tenkou wurde zu einem Thema, das stumm zwischen uns schwebte, daß aber niemand mehr ansprach.

Als wir eines Tages mit einigen Soldaten durch ein heruntergekommenes Dorf ritten rettete Ayuru ein junges Mädchen, mit Namen Kaen (sie war vielleicht gerade mal zwölf Jahre alt) vor einem Zuhälter Kaen bedankte sich bei ihm, doch er winkte ab. Es war für ihn einfach selbstverständlich gewesen ihr zu helfen. Ich allerdings platzte fast vor Stolz. Er konnte mir erzählen, was er wollte aber in seinem Herzen würde er immer Matutas Sohn bleiben, dort hatte er sich nicht verändert. Auch wenn er es sehr erfolgreich schaffte diese Tatsache vor allen Anderen zu verbergen.

Wie jeden Abend saßen wir anschließend ungestört unter den Glyzinien, die wir vor einigen Jahren gemeinsam gepflanzt hatten. Sie wuchsen um einen abgestorbenen Baum herum und hatten ihm neues Leben eingehaucht. Es war der Garten, den wir schon bei unserer Ankunft entdeckt hatten. Über uns funkelten die Sterne durch das dichte Blätterdach. Alles um uns herum war von der Stille der Nacht erfüllt. Dennoch hatte sich etwas zwischen uns spürbar verändert ohne daß ich es benennen konnte.

Yume no Miko?“ Verwundert sah ich ihn an. Er klang dieses Mal sehr ernst.

“Ja?“ Ich konnte sein Gesicht nur undeutlich, aber in seinen Augen funkelte so etwas wie Entschlossenheit. Bevor ich überhaupt wußte was passierte umarmte er mich fest und küßte mich leidenschaftlich. Vor lauter Überraschung bekam ich keinen Ton raus, als er sich von mir löste.

„Ich liebe dich.“ Sanft streichelte er über mein Haar. Es irritierte mich, das er sich mir in einer solchen Art uns Weise näherte. Mein Herz begann immer schneller zu klopfen während ich nach Luft schnappte.

“Das hast du immer.“ Das ist zwar nicht der intelligenteste Spruch in dieser Situation, aber es ist das Einzige, was mir einfiel. Verblüfft sah er mich an, doch dann wurde sein Blick wieder ernst.

“Du weißt, was ich meine.“ Ich schluckte. Ja, ich kann es mir denken und eigentlich hätte mir klar sein müssen, daß dieser Augenblick eines Tages kommen würde. Aber ich hatte es einfach nicht sehen wollen. Obwohl sich in meinem Inneren die Gefühle überschlugen wußte ich nicht, wie ich mich nun verhalten sollte. Bis jetzt sind wir immer wie so etwas wie Geschwister für einander gewesen. Doch in mir Inneren breitete sich immer stärker das unstillbare Verlangen aus seine sanften Lippen noch einmal auf meinen zu spüren.

“Vielleicht.“ Er gab sich nicht mit meiner Antwort zu frieden und küßte mich erneut. Ich versuchte mich dagegen zu wehren, aber mein eigenes Verlangen gewann bereits die Überhand. Mein Körper reagierte anders als erhofft. Ich erwiderte den Kuß heftig. Ja, ich weiß schon lange was er für mich empfindet und auch ich liebe ihn von ganzem Herzen. Sogar mehr, als mir in diesem Augenblick bewußt war.

Irgendwann spürte ich weiches Gras unter meinem Rücken und Ayuru begann damit mich nach und nach von meinem Yukata und dem dünnen Seidennachthemd. Ich spürte seine Lippen und Hände überall auf meinem Körper und wollte es ebenso sehr wie er, aber etwas in meinem Innern wehrte sich immer noch dagegen. Es war wie ein leiser, stetiger Zweifel, der mir sagte, daß ich ihn für immer verlieren würde wenn wir nicht aufhörten. Und je größer mein Verlangen würde, desto stärker würde dieses Gefühl, bis ich mir schließlich sicher war, das es sich um eine Warnung handelte, die ich nicht länger ignorieren durfte. Ich versuchte unter ihm wegzukommen, aber er hielt mich eisern fest. Verzweifelt wand ich mich in seinem Griff.

“Hör auf! Wir dürfen das nicht tun!“ Er hielt kurz inne und musterte mich. In seinen Augen konnte ich deutlich das Verlangen erkennen, das in ihm tobte. Auch mir fiel es immer schwerer mich dagegen zu behaupten, aber es ist falsch. Irgend etwas in mir ist sich da ganz sicher. Tief in meinem Inneren weiß ich, daß wir uns verlieren werden, wenn wir jetzt nicht aufhören! Alles in mir begann sich aufzulehnen.

“Warum? Ich spüre doch, das du es auch willst.“ Ich schüttelte hilflos den Kopf, aber er ließ mich nicht los. Vergeblich versuchte ich meine Hände zu befreien.

“Es geht nicht! Bitte! Nicht so!“ Er reagierte nicht weiter, sondern verschloß meinen Mund wieder mit seinen Lippen. Ich kam nicht gegen ihn an und bald würde ich mich endgültig in seiner Umarmung verlieren. Dann würde alles zu spät sein! Panik flammte in mir auf. Das Band, das uns verbindet wird vielleicht für immer zerstört! Das Risiko ist zu groß! Ich will ihn nicht allein lassen! Aber genau das wird passieren, wenn er nicht jetzt aufhören! Diesen Triumph werde ich Tenkou keinesfalls gönnen! Auch wenn es mir schwer fällt mein eigenes Verlangen zu zügeln. Es wird von Minute zu Minute schlimmer. Wo hat er nur gelernt so zu küssen?

Alles um mich herum verschwamm allmählich. Das war wohl auch der Grund, warum er plötzlich durch mich hindurch glitt und unsanft auf dem Boden landete. Völlig entgeistert starrte ich auf meine Hände, ich löste mich nicht auf und trotzdem glitt ich durch ihn hindurch?! Das ist vorher noch nie passiert! Ich suchte seinen Blick und auch er schien nicht zu begreifen, was soeben geschehen war. Ohne es zu wollen bahnten sich Tränen ihren Weg in meine Augen und ich weinte. Ich hatte nicht vorgehabt ihn verletzen, aber er hat mir keine andere Wahl gelassen. Meine eigenen Gefühle wirbelten wild durcheinander. Ich konnte einfach nicht anders als meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Das ist vielleicht die letzte Chance die wir noch haben. Wenn er mich jetzt wieder an sich zieht werde ich ihn für immer verlieren.

“Was ist mit dir?“ Ich schüttelte den Kopf, unfähig mich weiter zu bewegen. Mir war plötzlich klar geworden, wie leicht wir uns verlieren könnten. Besorgt sah er mich an und trug mich schließlich zurück in sein Zimmer. Behutsam setzte er mich auf dem Bett ab. Hilfesuchend sah ich ihn an. Ich verstand nichts mehr. Wieso kann er mich wieder berühren?

Meine Gefühle überrollten mich in Form einer mittleren Lawine. Ist das alles von Anfang an unvermeintlich gewesen? Matuta würde mir ganz schön die Leviten gelesen, wenn sie wüßte, daß ich mich in ihren Sohn verliebt habe. Oder hat sie es damals schon gewußt, als sie uns lächelnd beobachtete? Sorgfältig schloß er meinen Yukata und hüllte mich in eine Decke. Die Wärme beruhigte mich etwas. Ich fühlte mich wieder sicher. Dennoch, die Wärme die mein Körper bis vor kurzem noch ausgestrahlt hatte war noch immer vorhanden. Schützend zog ich die Decke enger um mich um meinem Körper so gut es ging vor ihm zu verbergen.

“Es tut mir leid, ich dachte du würdest dasselbe fühlen. Ich hatte nicht vor dir weh zu tun.“ Sein Blick ruhte sorgenvoll auf mir. Ich schüttelte den Kopf und er nahm mich sanft in den Arm. Seine Hände strichen beruhigend über mein Haar während ich seine Nähe einatmete. Meine Arme schmerzten noch etwas von seinem festen Griff, aber auch das würde bald vergehen. Was blieb war der stechende Schmerz in meinem Herzen, der nicht mehr verschwinden wollte. Ich zitterte immer noch am gesamten Körper. Fast hätte ich ihn für immer verloren.

“Was ist dann mit dir? Wir konnten uns doch immer alles sagen.“ Vergeblich versuchte ich meine Gefühle in Worte zu fassen, aber es gelang mir nicht. Zum Glück verstand er auch so, was ich ihm sagen wollte und drückte mich fester an sich.

“Du hast Angst, das könnte alles zerstören?“ Ich nickte und er zwang mich den Blick zu heben. Ich erkannte sein Gesicht nur verschwommen, da ich immer noch weinte.

“Das würde ich nie zulassen, aber du hast recht mit deiner Befürchtung. Ich habe vorhin etwas Ähnliches gespürt.“ Erleichtert sah ich ihn an und er wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Er hatte verstanden. Erleichtert atmete ich auf.

“Ich würde dich nie zu etwas zwingen, das weißt du.“ Ich schmiegte mich an ihn und er streichelte mir sanft über den Rücken. Ich wußte, das es schwer für ihn war, doch ich war ihm unendlich dankbar dafür. Kurz bevor ich einschlief spürte ich seinen Atem an meinem Ohr.

“Du bist die Einzige, die ich noch liebe.“ Ich murmelte ein aufrichtiges ich dich auch und sank in einen tiefen, erholsamen Schlaf, aus dem er mich an nächsten Morgen zärtlich weckte. Er spielte einfach solange mit meinen Haaren, bis ich es aufgab den Störenfried mit einer Hand zu verscheuchen und frustriert die Augen öffnete.

“Guten Morgen!“ Sein Gesicht befand sich kaum zwei Millimeter von meinem entfernt und er lächelte so, daß ich erst einmal knallrot anlief. Wir lagen im selben Bett, was schon seit einigen Jahren nicht mehr vorgekommen war und außerdem trug er nur eine locker sitzende Hose während mein Yukata sich in der Nacht fast vollständig aufgelöst hatte. Trotzdem war es nicht unangenehm. Ich liebte es die Wärme seines Körpers spüren zu können, wenn er mir so nah war und schmiegte mich eng an ihn. Wir schliefen seitdem immer zusammen und es passierte nichts weiter, als das er mich im Schlaf an sich drückte, so als wollte er verhindern, das ich mich erneut vor seinen Augen auflöste.

Es dauerte etwas, aber ich war mir sicher bald zu erfahren, wo sich das Universum der Vier Götter befand. Inzwischen war Ayuru bereits vierundzwanzig und gute zwei Köpfe größer als ich. Die Nachricht baute ihn auf, da ich schon in zwei Tagen bei ihm sein könnte. Was für ihn vielleicht ein Jahr oder anderthalb darstellte. Allerdings gab es da noch ein Problem. Inzwischen hatte sich eine Künstlergruppe im Palast eingenistet. Ihr Anführer nannte sich Ragun und entpuppte sich als Seiryuu no Seishi, Tomo. Außerdem schmiß er sich ziemlich deutlich an Ayuru ran, was nicht gerade dazu beitrug, das er zu einem meiner Sympathieträger wurde. Vor allem, nachdem er Ayuru durch seine Kräfte noch einmal alle Szenen aus dessen Vergangenheit zeigte. Angefangen bei der Zerstörung seines Dorfes.

Auf die Erinnerungen an mich hatte Tomo allerdings keinen Zugriff, ansonsten hätte er Ayuru wohl auch noch das unter die Nase gerieben. Hätte Ayuru mich nicht zurück gehalten, dann hätte ich diesem selbstgerechten Heini schon längst die nächst beste Vase über den Schädel gezogen. Doch durch die stille Zurechtweisung bemerkte ich jedoch, daß die Beiden beobachtet wurden und zwar von Kaen, die jetzt im Palast diente. Bevor die Beiden sie entdecken konnten zog sie sich zurück.

So weit ich das mitbekommen hatte war sie von Eichuu freigekauft worden und lebte jetzt mit ihm zusammen. Allerdings sah man ihr deutlich an, daß sie sich bis über beide Ohren in Ayuru verliebt war. Ich hoffte für sie, das Eichuu das noch nicht bemerkt hatte. Er fühlte sich durch Ayuru ohnehin schon ständig bedroht. Was mit daran liegen mochte, das er und Ayuru um die Position des Shoguns wetteiferten. Er mehr als Ayuru, da dieser sich ziemlich sicher war zu gewinnen. Da wirkten selbst all meine Sticheleien nicht mehr.

Endlich war Tomo verschwunden und das erste Mal seit Jahren sah ich wieder Tränen in Ayurus Augen schimmern. Wie damals hielt ich ihn schützend im Arm und verfluchte innerlich die, die ihm das angetan hatten. Auch wenn er nach außen hin inzwischen eiskalt wirkte, so war er in seinem Inneren doch immer noch verletzbar und Tomo hatte einen absolut wunden Punkt bei ihm getroffen. Mir war aufgefallen, wieviel Mühe es ihn gekostet hatte Tomo nicht einfach aus dem Zimmer zu befördern oder zu töten. Er hätte es ohne größere Probleme gekonnt, das wußte ich.

Beim nächsten Mal, als ich zurück kehrte erfuhr ich durch Kaen etwas Furchtbares. Es war ja noch nicht Schock genug die Beiden zusammen im Bett zu erwischen. (Nicht, das ich eifersüchtig gewesen wäre, dafür kannte ich Ayuru viel zu gut.) Er nutzte lediglich ihre Kräfte als Seishi, um seine Wunden zu heilen. Ja, es ist selbstsüchtig so zu denken und zu handeln, aber nach all den Ereignissen der letzten Jahre konnte ich ihm das unmöglich vorwerfen. Viel eher verstand ich warum er das tat. Er wußte, daß sie in ihn verliebt war und erlaubte ihr in seiner Nähe zu sein. Das sie später tatsächlich gemeinsam das Bett teilten war allein Kaens Hartnäckigkeit zu verdanken. Irgendwie gelang es ihr Wunden zu heilen wenn sie mit der betreffenden Person schlief. Eine Tatsache, die Ayuru mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Der andere Teil ihrer Kräfte bestand darin Gewitter und Blitze kontrollieren zu können.

Trotz alle dem war es mir mehr als peinlich gerade in einem solchen Augenblick ins Zimmer zu platzen. Vielleicht hätte ich auch einfach mal ausnahmsweise die Tür benutzten sollen, anstatt wie immer direkt durch die Wand zu gehen. Durch den Schock vergaß ich auch prompt mich zu konzentrieren und fiel direkt wieder halb durch die Wand zurück. Völlig verwirrt ließ Ayuru daraufhin Soi im Bett sitzen und half mir beim Aufstehen. Das er dabei nichts weiter anhatte half mir nicht sonderlich weiter. Mein Kopf lief knallrot an und ich versuchte krampfhaft ihn nicht direkt anzusehen während ich aufstand. Was mehr oder weniger gut gelang.

“Nakago-sama, was ist?“ Er speiste Soi mit einer ziemlich dürftigen Erklärung ab, aber an der Art und Weise wie er mit ihr sprach dämmerte mir, das er ihr schon vor einiger Zeit von mir erzählt haben mußte. Sie schüttelte den Kopf und meinte, daß sie nicht glauben könnte, was er da sagte. Er sah mich fragend an und ich nickte. Es wird das Einfachste sein, wenn sie mich selbst sieht. Hoffentlich klappt das auch.

Nachdem er sich endlich einen leichten Yukata übergestreift hatte unter dem sich ziemlich deutlich sein durchtrainierter Körper und auch noch etwas anderes abzeichnete, was bei mir einen weiteren tiefen Rotstich hervor rief, drückte er Soi kommentarlos die Spieluhr in die Hand. Gelassen ließ ich mich neben sie aufs Bett sinken. Mit meinen Händen umschloß ich das dunkle Holz und konzentrierte mich darauf für sie sichtbar zu werden. Ich hatte nicht die geringste Ahnung ob es wirklich funktionieren würde. Aber Soi war ein Seishi und stand Ayuru näher als jeder andere. Vielleicht klappte es. Wenn nicht würde ich eben irgendwelche Gegenstände durch die Gegend schweben lassen um sie von meiner Anwesenheit zu überzeugen. Ein leiser Aufschrei bestätigte den Erfolg meiner Bemühungen. Völlig entsetzt starrte Soi mich an. Zum Glück trug ich dieses Mal einen Pyjama und kein Nachthemd.

“Freut mich auch dich kennenzulernen. Ich bin Rei.“ Vor lauter Schreck hätte sie fast die Spieluhr fallen lassen. Vorsichtig nahm ich sie ihr ab und reichte sie Ayuru, der sie behutsam auf einen Tisch stellte ehe er ohne einen Ton von sich zu geben das Zimmer verließ. Soi brauchte einen kleinen Moment um sich wieder zu fangen, aber dann bestürmte sie mich Dutzenden von Fragen. Wir unterhielten uns sehr lange und wurden uns schnell einig, daß wir Tomo beide nicht leiden konnten.

Im Laufe dieses Gesprächs erfuhr ich auch, das Ayuru tatsächlich seinen eigenen Vater getötet hatte. Aber hatte schon ahnen können das ausgerechnet der Shogun Kutous sich mit einer Hin eingelassen hatte? Wie sehr es mich schockierte, das sich eine weitere von Tenkous Prophezeiungen erfüllt hatte ließ ich mich jedoch nicht anmerken. Später würde noch genügend Zeit sein mit Ayuru darüber zu sprechen.

Soi bestätigte ebenso sämtliche meiner Vermutungen, was ihre Gefühle für Ayuru angingen. Sie liebte ihn von ganzem Herzen, aber sie erklärte mir auch, das Ayuru ihr von Anfang an keine Hoffnungen gemacht hatte. Er hatte ihr gesagt, daß er sie nie lieben könne. Respektieren ja, aber nicht lieben. In seinem Leben gab es einzige und allein die Frau, die er Yume no Miko nannte. Lange hatte Soi es für eine Ausrede von ihm gehalten um nicht ehrlich mit sich selbst sein zu müssen, aber nun da ich direkt vor ihr saß verstand sie, was er gemeint hatte. Sie versprach mir feierlich unser Geheimnis auf ewig zu bewahren.

Es war erstaunlich, aber sie war in keinster Weise eifersüchtig. Ich hatte schon befürchtet, sie würde dieselbe Reaktion wie beim Thema Tomo an den Tag legen. Doch sie ahnte schon seit langem, das sie keine Chance gegen das hatte, was Ayuru und mich verband. Dennoch liebte sie ihn und wich nicht von seiner Seite. Ihre Haltung war einfach bewundernswert. Ich konnte verstehen, daß Ayurus Vater sie gebeten hatte sich auch weiterhin um seinen Sohn zu kümmern. Sie mag viel in ihrer Vergangenheit erduldet haben, aber sie hatte immer noch ein reines Herz.

Irgendwann verebbte unser Gespräch und Soi murmelte eine leise Entschuldigung als der Schlaf sie übermannte. Ich wartete bis sie fest schlief und machte mich dann auf die Sucher nach Ayuru.

Es gab viel, was ich Soi nicht anvertraut hatte. Dazu gehörte auch Ayurus wahrer Name. Mit Soi hatte ich immer nur von Nakago gesprochen von niemandem sonst. Auch von den Ereignissen, die geschehen waren bevor er in den Palast von Kutou gelangte erwähnte ich nichts. Dies waren Dinge, die einzig und allein Ayuru und mir gehörten. Sie gehörten zu einer Vergangenheit, die nur wir beide teilten und die zu schmerzvoll war um sie noch einmal aufleben zu lassen.

Ich fand meinen Schützling dösend im Garten unter den Glyzinen. Inzwischen war der Baum um etliches gewachsen und sie bildeten am Boden eine wunderschöne Lauge. Seine Augen öffneten sich langsam als er meine leisen Schritte vernahm. Es schien fast so als hätte er nur auf mich gewartet. Ich ließ mich direkt neben ihn sinken und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Lächelnd schlang er einen Arm um meine Schultern und drückte mich ein klein wenig enger an sich bevor er mir erzählte was in meiner Abwesenheit alles geschehen war.

Vieles hatte ich bereits von Soi erfahren doch einiges war mir auch vollkommen neu. Zum Beispiel, das er sie mehr als einmal gebeten hatte ihr eigenes Leben zu leben, bis die Seiryuu no Miko erscheinen würde, da sie an seiner Seite unmöglich glücklich werden konnte. Aber sie immer wieder zu ihm zurückgekehrt und irgendwann ließ sich auch nicht mehr dazu bewegen ihn zu verlassen.

Er begriff nicht, warum mich gerade das zum Lachen brachte und so erklärte ich es ihm. Soi war der erste Mensch, der hartnäckig genug war das er schließlich klein beigeben mußte. Er schmunzelte leicht, bevor er mir die Szene meiner Ankunft die Nase rieb. Dieser Hund hatte ganz genau gewußt, daß ich an diesem Tag erscheinen würde und war trotzdem mit Soi ins Bett gestiegen! Hätte er mich nicht festgehalten hätte ich versucht ihn mit irgend etwas zu schlagen.

Mein empörter Gesichtsausdruck brachte ihn zum Lachen und ich ließ mich resigniert gegen ihn sinken, bevor ich ihn nach seinem Vater fragte. Ich wußte, daß er nicht weinen würde, dafür hatte er ihn gekannt und seine Tränen waren seit Jahren versiegt, aber seine Trauer konnte ich deutlich spüren. Auf seiner Stirn glühte das Zeichen für Herz auf, was immer nur dann geschah, wenn seine Gefühle überhand nahmen oder er seine Kräfte einsetzte.

Ich wartete bis er sich wieder gefangen hatte bevor ich ihm sagte, daß ich das Universum der vier Götter ausfindig gemacht hatte. Unsere anfängliche Freude darüber wurde jedoch schnell getrübt. Was würde passieren, wenn ich nicht direkt in Kutou landete? In keinem der anderen Königreiche kannte ich mich aus. Außerdem würde es höchstwahrscheinlich sehr viel Staub aufwirbeln, das ich zwar aus einer anderen Welt kam, aber nicht das Amt einer Miko antreten konnte. Es fehlte eben einfach eine entscheidende Grundvoraussetzung dafür. Daran konnte niemand etwas ändern.

Trotzdem waren wir uns sicher, daß es klappen würde. Wir hatten solange auf diesen Moment gewartet. Warum sollte jetzt noch irgend etwas schiefgehen? Selbst wenn ich in einem der anderen Königreiche landete konnte es schließlich nicht allzu schwer sein nach Kutou zu gelangen. Schon gar nicht, wenn ich Ayuru eine Nachricht zukommen ließ.

Wir einigten uns darauf, das ich mich einfach auf die Suche nach einem Jungen namens Ayuru machen oder mich einfach als dieser ausgeben würde um mich unerkannt in den Palast schleichen zu können. Niemand außer uns Beiden kannte diesen Namen und wenn er Ayuru zu Ohren kam würde er wissen, das ich in seine Welt gelangt war und nach ihm suchte.

Ihm gefiel es zwar nicht sonderlich, das ich seinen Namen benutzen und mich als Junge ausgeben wollte, aber ich überzeugte ihn schließlich davon, daß dies die einfachste und schnellste Möglichkeit sei ans Ziel zu gelangen. Den Rest der Nacht verbrachten wir in stiller Vorfreude auf das, was nach meinem Besuch kommen würde. Auch Soi gesellte sich nach einer Weile zu uns, da der Schlaf sie nur kurz übermannt hatte. Sie konnte mich nach wie vor sehen und fragte mir regelrecht Löcher in den Bauch. Ayuru schmunzelte und sah uns beide warm an während sein Arm nach wie vor fest auf meinen Schultern lag. Keiner von uns ahnte an diesem Abend, wie sehr sich das Schicksal noch gegen uns wenden sollte.



00-08-16
edit: 06-11-20

Fortsetzung:
Kapitel 03 - Das Universum der vier Götter




Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“

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