Kapitel 04

2002-04-08

Secrets


IV. Drei Monde


Nach knapp einer guten Woche, die ich hauptsächlich mit Zelten am Straßenrand verbracht hatte, wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein heißes Bad und ein weiches Bett. Doch bis Kutou war es immer noch ein weiter Weg und wenn ich keine Zeit verlieren wollte mußte ich wohl oder übel mit dem Leben was die Umgebung so hergab. Eine Unterkunft zu suchen und dort womöglich erst einmal zu bleiben würde mich nur unnötig aufhalten. Außerdem spuckte mir immer noch Taiitsu-kuns Warnung im Kopf herum.

Sie hatte mir zu verstehen gegeben, das mein Weg zwar von den Göttern gesegnet sei, aber das es einzig und allein an mir läge ob ich diesen auch bewältigen konnte. Was auch immer sie gemeint hatte es ließ mich nicht mehr los. Und noch etwas war ihr zu verdanken. Die Tatsache, daß ich als Mann verkleidet herumreiste.

Dabei wäre ich auch von alleine darauf gekommen mich nicht als Frau zu erkennen zu geben. Ich war mit Ayuru lange genug herumgereist um zu wissen was allein reisende Frauen alles geschehen konnte. Meinen Erfahrungsschatz in dieser Hinsicht zu erweitern stand überhaupt nicht zur Debatte. Zwar hatte ich dank des regelmäßigen Material-Arts Trainings im Notfall eine reelle Chance um Banditen oder sonstigen Wegelagerern zu entkommen, aber man mußte sie nicht noch zusätzlich in Versuchung führen.

Wenigstens sparte ich auf diese Art und Weise eine Menge Geld. Von dem Münzvorrat, den Tamahome mir bis zu letzt wieder abknöpfen wollte (wirklich etwas derartig geldgieriges wie dieser Kerl ist noch nie untergekommen) war fast nichts verbraucht und ich achtete sorgfältig darauf, daß das auch so blieb. Um in den kaiserlichen Palast von Kutou zu kommen würde ich bestimmt den ein oder anderen Soldaten oder Beamten bestechen müssen.

Der kaiserliche Palast...

Wenn ich es dorthin schaffte würde ich Ayuru endlich wiedersehen und in die Arme schließen können. Nur was, wenn ich es nicht schaffte? Was, wenn Tenkou seine Drohung wahr macht und alles in seiner Macht stehende tut, um mich daran zu hindern? Schon jetzt gibt er sich verdammt große Mühe damit, das ich mein Ziel aus den Augen verliere…

Ärgerlich schütteltete die Gedanken an diesen Mistkerl ab. Egal, was er sich noch ausdenken würde, ich hatte nicht vor aufzugeben. Nicht jetzt, wo ich so kurz davor stand mein Versprechen einzulösen. Entschlossen reckte ich mein Kinn nach vorn. Nein, ganz sicher nicht. Dieser Kerl wird mich nicht kleinkriegen!

Nur hatte ich im Moment auch etwas andere Sorgen als einen Möchtegern Gott, der versuchte mein Leben zu zerstören. Seit etwa einer Stunde hatte ich das unbestimmte Gefühl im Kreis umher zu irren. Und das alles nur, weil ich einer Horde wildgewordener Bauern ausweichen mußte um Schwierigkeiten zu vermeiden.

Nachdem ich schließlich zum dritten Mal an ein und demselben kleinen Bachlauf vorbeikam reichte es mir. Seufzend zügelte ich den Tatendrang meiner Stute. Eine Pause würde uns beiden gut tun. Damit sie sich ebenfalls frei bewegen konnte sattelte ich sie ab und gab ihr einen Klaps auf die Flanke. Wiehernd lief sie in Richtung Bach davon während ich mir ein schattiges Plätzchen suchte. Entspannt streckte ich mich in den weichen Grashalmen aus und schaffte es sogar leicht einzunicken. Diese kleine Lichtung war unglaublich friedlich. Nun ja, zumindest so lange bis ein Trupp Soldaten am anderen Bachufer auftauchte.

Wer auch immer ihnen beigebracht hatte sich unauffällig zu verhalten er hatte dabei komplett versagt. Sie veranstalteten derartigen Krach, daß sie selbst ein Tauber bemerkt hätte. Kritisch beobachtete ich die Gruppe aus den Augenwinkeln und hoffte, daß sie bald weiter reiten würden. Von ihrem Standpunkt aus konnten sie mich unmöglich entdecken, da ich mich unter etliches Buschwerk zurückgezogen hatte. Sie hätten schon den Bachlauf überqueren müssen um zu sehen, daß jemand auf der anderen Seite unter den Büschen schlief.

Da sich der Lautstärkepegel immer noch nicht senkte gab ich nach drei erfolglosen Versuchen wieder einzuschlafen auf und beschränkte mich aufs Dösen. Solange sie mich nicht bemerkten bestand kein Grund zur Sorge. Ich mußte nichts weiter tun als dort zu bleiben wo ich war. Da ich ohnehin vorhatte etwas Schlaf nachzuholen gar kein allzu schlechtes Dilemma.

Nur leider war meine Stute nicht halb so intelligent und spazierte schnurstracks durch den Fluß auf die Pferde der Soldaten zu. Fluchend änderte ich meine Position ein klein wenig um besser sehen zu können. Sicher, Pferde sind Herdentiere und suchen sich gerne Gesellschaft nur muß das ausgerechnet jetzt sein?!

Die Soldaten entdeckten mein Pferd selbstverständlich sofort und begannen sich systematisch in der Umgebung umzusehen. Die Arbeit mir ein neues und vor allem sicheres Versteck zu suchen konnte ich mir getrost sparen. Gut die Hälfte von ihnen hatte bereits den Fluß überquert und mein Gepäck entdeckt. Der einzige Vorteil den ich noch besaß war, daß sie mich noch nicht wußten wo genau ich mich befand und das mein Schwert griffbereit in seiner Scheide direkt neben mir lag. Ich beschloß alles auf eine Karte zu setzen und verließ meine Deckung. Angriff ist die beste Verteidigung.

“Hey! Ihr dient dem Kaiser von Kutou, oder?“ Ein Hüne in schwarzer Rüstung trat nach vorn und musterte mich eisig.

“Wer will das wissen?“ Mit einem kurzen Kopfnicken wies er mich an näher zu kommen. Zögernd leistete ich dem stummen Befehl folge während seine Männer mir den Fluchtweg abschnitten.

“Niemand besonderes. Ich bin ein Reisender, der sich verirrt hat.“ So gelassen wie es nur eben ging wandte ich mich meiner Stute zu und strich ihr beruhigend über die Nüstern. Das gefährliche Glitzern in den Augen der Soldaten ignorierte ich. Der Hüne war mir gefolgt und sein finsterer Blick verhieß nichts Gutes. Ein winziger Fehler würde reichen und ich könnte mich von dieser Welt verabschieden.

“Ein Reisender?“ Mißtrauisch zog er eine Augenbraue nach oben. Er machte nicht den Eindruck als würde er mir das glauben. Es sah eher so aus als würde er darüber nachdenken ob ich mich als nächste Hauptmahlzeit eignen würde oder nicht. Zwischen uns lag nur noch knapp ein Meter Abstand.

“Ja. Leider reite ich seit geraumer Zeit im Kreis. Ich dachte mir ihr könntet mir vielleicht helfen.“ Zaghaft lächelte ich ihn an und versuchte so unschuldig wie möglich dabei auszusehen. Etwas anderes war mir auf die Schnelle nicht eingefallen und ich hoffte inständig, daß er mir die Geschichte abnahm. Es war meine einzige Chance ihm und seinen Männern zu entwischen. Er horchte mich noch circa fünf Minuten nach dies und jenem aus, aber anscheinend hatte ich ihn überzeugt. Seine Züge entspannten sich und er lud mich zum Essen ein. Dankbar nahm ich an und bemerkte leider zu spät, daß man mich bereits komplett umzingelt hatte. Ein fester Griff hinderte mich daran mein Schwert zu ziehen.

“Verratet mir nur eins. Wozu braucht ein einfachere Reisender ein Schwert, das von einem der besten Schwertschmiede in Konan stammt?“ Etwas überrascht davon, daß er sich ausgerechnet damit auskannte stammelte ich etwas von Wegelagerern und einem befreundeten Schmied, der es mir gegeben hätte. Der Griff um meinen Arm verstärkte sich schmerzhaft.

“Wie hieß dieser Schmied? Doch nicht etwa Yuen-Lao?“ Woher um alles in der Welt soll ich das wissen?! Ich höre zum ersten Mal von diesem Kerl! Da ich jedoch merkte, das von meinen Antworten wesentlich mehr abhing als nur mein Gesundheitszustand nickte ich zögernd. Er stieß einen verächtlichen Fluch aus. Anscheinend war dieser Yuen-Lao kein Freund von ihm.

“Wo ist er?“ Seine Stimme war eiskalt. Shit! Shit! Shit!

“Ich... ...ich weiß nicht.“ Brutal schleuderte er mich zu Boden. Keuchend schnappte ich nach Luft.

“Rede!“ Sein Schwert ruhte auf meiner Kehle. Ich schluckte. Verdammt Rei! In was hast du dich da schon wieder reingeritten?! Von dieser Antwort hängt dein Leben ab und du weißt noch nicht einmal wer dieser Yuen-Lao ist für den du gleich stirbst.

“Also?“ Schon gut, schon gut. Denk einfach nach. Du hast dich da hineinmanövriert also solltest du auch in der Lage sein dich da wieder herauszuholen. Eine weitere Lüge mehr oder weniger schadet ohnehin nicht mehr.

“Er wollte schnell weiterziehen, das ist alles was ich weiß.“ Mit einem unterdrückten Fluch zog mich der Hüne auf die Beine. Doch ich hatte das Gefühl dort statt Knochen Pudding zu spüren. Wer um alles in der Welt ist dieser Kerl?! Das letzte Mal als ich in Ayurus Welt war gehörte er noch nicht zu den kaiserlichen Soldaten.

“Wann war das?“

“Vor etwa fünf Tagen.“ Der Stoff meiner Kleidung zog sich schmerzhaft um meinen Hals zusammen. Es schnürte mir allmählich die Luft ab.

“Wo?“

“In einem kleinen Dorf... irgendwo an der Grenze.“ Das schien ihm endlich zu reichen. Mit ein paar knappen Befehlen sorgte er dafür, daß seine Männer sich in Bewegung setzten. Um mich kümmerte er sich jedoch höchstpersönlich. Mit einer Routine, die ich nicht erwartet hatte fesselte er mich und zwang mich aufzusitzen. Meine Stute war gesattelt und mein Gepäck ordentlich verstaut. Doch das war nur ein schwacher Trost. Jetzt saß ich richtig in der Tinte. Wenn die Kerle herausfanden, das ich eine Frau war… gute Nacht.

“So kann doch kein Mensch reiten!“ Protestierend zog ich an dem Strick, der meine Hände an den Sattelknauf fesselte. Das brachte mir einen Schlag in die Magengegend ein. Keuchend sackte ich nach vorne. Vielleicht wäre es sinnvoller den Mund zu halten.

“Verhalt dich ruhig, oder du wirst es bereuen.“ Wütend funkelte ich ihn an.

“Den Teufel werd ich!“ Seine Augen wurden zu dünnen Schlitzen. Trotzig hielt ich seinem Blick stand. Er soll nur nicht glauben, daß er es schafft mir Angst einzujagen. Das Einzige was ich im Moment wirklich fürchte ist die Nacht. Wenn der Horizont nur noch von dem Licht des Mondes und dem der Sterne erhellt wird bin ich Tenkou wieder hilflos ausgeliefert. Merkwürdigerweise taucht er jedoch nur nach Sonnenuntergang in meinem Träumen auf. Deshalb hatte ich es mir inzwischen angewöhnt hatte am frühen Nachmittag zu schlafen um in der Nacht wach zu sein. Es klappte mal mehr, mal weniger gut. Und Tenkou ließ mich jede einzelne Minute in der ich ihm entkam doppelt und dreifach büßen. Dennoch behielt ich diese Methode bei. Vielleicht würde es mir irgendwann sogar gelingen die ganze Nacht ohne Schlaf zu überstehen. Dann wäre ich zumindest für eine kurze Weile von ihm befreit.

“Sei froh, das ich den Befehl habe alle, die mit Yuen-Lao zu tun haben lebend vor den Kaiser zu bringen.“ Der gefährliche Unterton ließ mich schaudern. Das war mehr als deutlich. Ohne diesen Befehl hätte er mich schon längst getötet. Trotzdem konnte ich mir eine weitere Frage nicht verkneifen.

“Was hat dir Lao eigentlich getan?“ Der Schlag der daraufhin folgte warf mich fast aus dem Sattel. Anscheinend zuviel um darüber zu reden.

“Aufsitzen, wir reiten zurück!“ Er brüllte den Befehl so laut, das ihn wahrscheinlich sogar die Bauern auf den Feldern außerhalb des Waldes vernommen hatte. Ich kämpfte eine zeitlang mit dem richtigen Gleichgewicht schaffte es aber dann mich halbwegs vernünftig im Sattel zu halten. Wer auch immer dieser Yuen-Lao war und was immer er auch getan hatte es war anscheinend wichtig genug, um mich auf direktem Weg nach Kutou bringen würden. Von dieser Seite aus betrachtet hätte mir eigentlich gar nichts Besseres passieren können.

Die Chance, daß sich kaiserlichen Soldaten auf diesem Weg verirrten war gleich Null. Das Problem ist nur, das ich jetzt ihr Gefangener bin. Sobald wir die Hauptstadt erreichen muß mir etwas einfallen ehe sie mich vor Shokitei schleppen. Vielleicht habe ich Glück und Ayuru fordert von ihnen zu erst einen ausführlichen Bericht. Wenn er mich bei ihnen entdeckt, dann ist die Chance Shokitei zu begegnen ungefähr gen Null. Es wird sich zeigen.

Da ich bald festgestellt hatte, daß es für mein körperliches Wohlergehen wesentlich besser war, wenn ich den Mund hielt, schwieg ich. Der Gedanke als Gefangener nach Kutou zu gelangen behagte mir zwar nicht sonderlich, aber es hatte sich auch noch keine Gelegenheit zu einer gefahrlosen Flucht geboten. Im Endeffekt war es der einfachste und schnellste Weg ans Ziel zu gelangen. Wenn auch einer der gefährlichsten. Sie dürfen unter gar keinen Umständen bemerken, daß ich eine Frau bin. Soviel stand fest.

Nach etwa zwei Stunden erreichten wir eine Waldlichtung von der aus ein schmaler Pfad durch eine Schlucht ins Gebirge führte. Der ideale Platz für einen Hinterhalt und wie es schien war ich nicht die Einzige, die so dachte. Schon seit geraumer Zeit hatte ich das Gefühl das man uns aufmerksam beobachtete. Ab und zu konnte ich sogar ein paar undeutliche Schemen im Unterholz erkennen. Es sah ganz so aus als würde ich die Gesellschaft der Soldaten nicht noch länger genießen dürfen. Keiner von ihnen schien zu bemerken, daß man uns verfolgte. Der plötzliche Angriff überrumpelte sie völlig. Sie waren derart unkoordiniert, daß sie sich eher gegenseitig im Weg herumstanden als geschlossen gegen den Gegner vor zugehen. Wer um alles in der Welt hat diesen Haufen nur ausgebildet? Ayuru kann es wohl kaum gewesen sein. Seine Männer hatten den Feind schon nach den ersten Minuten bemerkt und unschädlich gemacht.

Ich nutzte meine Chance um in dem allgemeinen unauffällig zu verschwinden. Leider blieb es bei dem Versuch. Der Anführer Soldaten (mein ganz spezieller Freund in der schwarzen Rüstung) bemerkte mein Vorhaben und hetzte zwei seiner Männer hinter mir her. Es gelang mit einen von ihnen zwischen ein paar Felsen und Sträuchern abhängen. Der Andere blieb hartnäckig. Egal, was ich auch probierte er klebte an mir wie eine Klette und holte auf, bis er schließlich sogar beinahe die Zügel meiner Stute zu fassen bekam. Instinktiv riß ich sie herum und schlug die Gegenrichtung ein.

Wie durch ein Wunder kam ich so an meinem Verfolger vorbei und fand mich mitten im Kampfgetümmel wieder. Das Klirren der Waffen und der aufkommenden Blutgeruch machten meine Stute nervös und als dann noch eine kleine Geröll-Lawine keine zwei Meter von uns entfernt zu Boden sauste war es vorbei. Sie scheute und ich hatte alle Mühe mich im Sattel zu halten. Es durfte fast alles passieren nur nicht, das ich runterfiel. Mit gefesselten Händen würde sie mich zu Tode schleifen, wenn ich aus dem Sattel fiel. Ich hätte keine Chance in den Sattel zurück zu gelangen. Sich in diesem zu halten wurde jedoch von Minute zu Minute schwieriger. Sie galoppierte, stoppte plötzlich, buckelte und schlug aus, wie ich es bisher nur von Rodeos kannte. Irgendwann klammerte ich mich einfach nur am Sattel fest und hoffte inständig, daß sie müde wurde ehe es ihr gelang mich aus dem Sattel zu schleudern.

“Hey! Whoah! Ganz ruhig meine Kleine! Ruhig. So ist brav. Ganz ruhig. Keiner will dir was tun meine Hübsche.“ Tatsächlich schienen diese Worte genau das zu sein was sie brauchte. Meine Stute tänzelte zwar immer noch etwas hin und her, aber bei Weitem nicht mehr so schlimm wie noch vor ein paar Minuten. Erleichtert atmete ich auf als sie schließlich ganz stehenblieb und tief schnaubte.

“So ist brav. War doch gar nicht so schlimm.“ Die Stimme war angenehm und tief. Allerdings zitterte ich immer noch viel zu sehr als das ich mir die Mühe machen konnte nach ihrem Besitzer zu forschen.

“Ist mit euch auch alles in Ordnung?“ Neben mir tauchte ein Mann mittleren Alters auf, der mich besorgt aus zwei tiefbraunen Augen musterte.

“Ich denke schon...“ Das klang keinesfalls überzeugend und wenn man es genau betrachtet, dann hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre einfach aus dem Sattel gekippt. Routiniert zog er einen Dolch hinter seinem Rücken hervor und befreite mich von meinen Fesseln.

“Alle Achtung.“ Er half mir abzusteigen.

“Ich hätte nicht gedacht, daß ihr euch solange da oben halten würdet.“

“Da sind wir schon zu zweit.“ Der Versuch eines Lächelns scheiterte, da meine Beine unter mir nachgaben und ich schließlich zitternd auf dem Boden saß. Das war ganz schön knapp. Keine Ahnung, wie lange ich mich noch hätte halten können, wenn er nicht aufgetaucht wäre.

“Ihr braucht dringend einen Verband. Wartet hier.“ Als wenn ich in diesem Zustand weglaufen könnte. Meine Knie waren Pudding und so schnell würde ich mich von diesem kleinen Schock wohl kaum erholen.

“Hier! Wartet, ich helfe euch.“ Ehe ich protestieren konnte verband er bereits meine Hände sowie meine Handgelenke. Ich nutzte die Gelegenheit um mir meinen Retter näher anzusehen. Er war Mitte bis Ende dreißig und trug die für diese Gegend typische Bauernkleidung. Trotzdem wollte das nicht so recht zusammenpassen. Seine gesamte Haltung verriet deutlich, daß unter diesem unscheinbaren Äußern ein Kämpfer und Diplomat steckte. Auch wenn er sich sehr große Mühe gab das zu verbergen. Das fiel besonders durch den Dud aus weißem Stoff auf, der den Großteil seiner fast schwarzen Haare verbarg.

Etwas ratlos sah ich ihn an. Ich hatte keine Ahnung wie es nun weitergehen sollte. Der Überfall hatte alle meine Pläne durcheinander gebracht. Ich wußte noch nicht einmal wer diese Leute waren oder was sie damit bezweckten wenn sie Kutous Soldaten überfielen. Meine Gedanken müssen ziemlich offensichtlich gewesen sein, denn er begann leicht zu schmunzeln.

“Nur keine Sorge euch geschieht nichts. Wir hatten es eigentlich nur auf diesen Wachtrupp abgesehen. Das sie einen Gefangenen dabei hatten kam etwas überraschend.“ Ich versuchte so etwas wie ein Lächeln zu stande zu bekommen. Nur, wenn man plötzlich von circa dreißig ziemlich finster dreinblickenden Männern umzingelt erstirbt einem das im Normal sofort wieder auf den Lippen. Vorsichtig half er mir aufzustehen und bat mich darum einen kleinen Moment Geduld zu haben während er mit den Anderen sprach.

Zwischen ihm und seinen Freunden begann die große Diskussion ob sie mich ohne Gefahr gehen lassen konnten oder nicht. Ich nutzte diese Gelegenheit um mich nach einem möglichen Fluchtweg umzusehen, aber meine Chancen standen ziemlich schlecht. Im Gegensatz zu mir kannten diese Männer die Gegend bestimmt wie ihre Westentasche und würden mich einholen noch ehe ich den Bergkamm erreiche. Mal abgesehen davon, das ich nicht die geringste Ahnung habe wo ich mich eigentlich befinde. Es ist hoffnungslos. Ich werde mich ihnen vorerst anschließen müssen. Wenigstens solange bis ich den Weg nach Kutou wieder gefunden habe.

“Ihr seht nicht sonderlich glücklich aus.“ Statt einer Antwort seufzte ich leicht. Ich hatte keine Ahnung in wie weit ich diesen Leuten trauen konnte, aber er hat anscheinend einen Narren an mir gefressen. Jedenfalls wich er mir nicht mehr von der Seite als wir aufbrachen. Ich ging zu Fuß und führte meine Stute am Zügel locker hinter mir, da ich beim besten Willen nicht mehr in der Lage dazu war im Sattel zu sitzen und zu reiten.

“Wie seit ihr eigentlich an dieses Schwert gekommen?“ Neugierig wies er auf den Schwertgriff, der aus meinen Satteltaschen lugte. Da es sich inzwischen herausgestellt hatte, daß er alle seine Fragen äußerst hartnäckig verfolgte antwortete ich ihm.

“Es war ein Geschenk. Von einem Freund.“

“Ah, ein Freund.“ Behutsam zog die Waffe aus ihrer Scheide und wendete die silberne klinge im Sonnelicht leicht hin und her.

“Es muß ein sehr guter Freund gewesen sein. Diese Schwerter wurden eigens für die Palastwache des Kaisers von Konan geschmiedet.“ Ich bedachte ihn mit einem bedeutungsvollen °Ach so° und hüllte mich erneut in Schweigen. Die langsam fortschreitende Dämmerung sorgte nicht gerade dafür, daß ich mich wohler füllte. Es war klar, daß wir in Kürze ein Lage aufschlagen würden und es graute mir davor mich schlafen zu legen. Es würde sie nur nicht vermeiden lassen wenn sie nicht mißtrauisch werden sollten. Erstaunlicherweise hielten wir erst als die Sonne bereits lange hinter dem Horizont versunken war und die ersten Sterne am Himmelszelt funkelten. Die Anderen entzündeten ein großes Lagerfeuer während mein Retter die Verbände an meinen Händen wechselte.

“Ist das nicht sehr riskant?“

“Was?“ Irritiert sah er mich an.

“Ich meine das Lagerfeuer. Habt ihr keine Angst von den Soldaten entdeckt zu werden?“ Achselzuckend sah er sich um.

“Nicht hier. Sie würden sich niemals hierher wagen. Diese Gegend gilt als verflucht.“ Ich sparte es mir nach dem Grund zu fragen und beobachtete fasziniert wie er erst die alten Verbände von meinen Händen entfernte und dann vorsichtig die Neuen anlegte. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch zum ersten Mal warum diese Prozedur überhaupt nötig war. Die Fesseln hatten meine Handgelenke vollkommen wundgescheuert. An einigen Stellen sogar so sehr, daß tiefe Wunden zurück geblieben waren und meine Handflächen sahen kaum besser aus. Es würde ziemlich lange dauern bis das alles wieder einigermaßen verheilt war.

Vorsichtig bewegte ich meine Finger als er sein Werk vollendet hatte. Sofort durchzog ein scharfer Schmerz meine Hände und einen Teil des Unterarms. Ein Schwert würde ich so nicht halten können. Wortlos reichte mir einer der Männer einen Teller Suppe mit einem Stück Brot. Dankbar nahm ich ihn entgegen. Es war Stunden her seitdem ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Vorsichtig probierte ich den ersten Happen und hielt mich danach kaum noch zurück. Mein gesamter Körper schrie nach Nahrung. Mein Retter verfolgte das Schauspiel amüsiert.

“Ihr seid ganz schön hart im Nehmen.“ Seufzend ließ ich den Löffel sinken und musterte ihn. Was will er eigentlich von mir? Warum geht er keinem der Anderen auf die Nerven und läßt mich einfach in Ruhe Essen?

“Kann schon sein.“ Er hatte sich daran gewöhnt das meine Antworten ziemlich knapp ausfielen. Er nahm es mir Humor und ging mir einfach weiter auf den Geist.

“Kann schon sein? Ihr untertreibt. Seht euch doch einmal an. Ihr wart in der Gewalt von Soldaten, seit um ein Haar fast von einem scheuendem Pferd gefallen, eure Hände müssen schmerzen wie die Hölle und ihr sitzt hier mit uns zusammen und eßt Suppe als wäre rein gar nichts geschehen.“ Da mein Teller inzwischen leer war konzentrierte ich mich darauf das Brot langsam zu essen und jeden Bissen davon zu genießen. Zwischen einigen Bissen brachte ich meine Antwort unter.

“Vielleicht weil es Dinge gibt die weitaus schmerzvoller sind als das.“ Er stieß einen leisen Pfiff aus und ließ mich endlich in Ruhe. Der Himmel über uns war ein einziges Sternenmeer und ich wünschte mir nichts sehnlicher als an Ayurus Seite zu stehen und dieses Schauspiel gemeinsam mit ihm betrachten zu können. Es war schwer sich weiterhin in Geduld zu üben wenn das Ziel bereits in solch greifbare Nähe gerückt war. Die Zeit verging nur schleppend aber nach und nach legten sich die Männer schlafen. Etwas, das für mich überhaupt nicht in Frage kam. Ich würde erst schlafen wenn die Sonne wieder am Himmel stand nicht eine Minute vorher.

“Nennt mir euren Namen.“ Tss, er gibt einfach nicht auf.

“Warum sagst du mir nicht erst mal deinen?“

“Yuen-Lao.“ Ich erstickte fast an dem letzten Stück Brot in meinem Mund.

“Der Typ hinter dem die her sind?!“

“Kann schon sein.“ Er grinste mich breit an. Na super! Fassen wir das Ganze also mal zusammen: Ich hocke hier mitten im Nirgendwo zusammen mit einem Trupp Rebellen und dem in ganz Kutou gesuchten Schmied Yuen-Lao. Ayuru wird mich umbringen wenn er das herausfindet!

“Und? Wie ist nun euer Name?“ Da ich immer noch keine Ahnung hatte was er eigentlich von mir wollte sparte ich mir eine Antwort. Er war noch nicht einmal überrascht.

“Ihr traut mir nicht, oder?“ Von mir aus kann er denken was er will. Zur Zeit habe ich ein viel größeres Problem. Nämlich eine verdammt lange Nacht, die ich alleine im Wachzustand verbringen werde und im ganzen Lager gibt es nicht eine einzige Wache. Sie fühlten sich unheimlich sicher. Vielleicht sollte ich es doch auf einen Fluchtversuch ankommen lassen.

Als mein Blick auf Yuen-Lao fiel verwarf ich diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Dieser Typ hatte es sich anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht mein persönlicher Quälgeist zu sein. Zwar hatte er es sich bereits ebenfalls für die Nacht bequem gemacht, aber sein abwartender Blick ruhte nach wie vor auf mir. Das Lager direkt neben mir schien für mich bestimmt zu sein.

Wäre Tenkou nicht gewesen, dann hätte mich mein gesunder Menschenverstand daran gehindert in dieser Nacht zu schlafen. Statt mich weiter um ihn zu kümmern blieb ich am Lagerfeuer sitzen und starrte in die hellen Flammen. Da ich weder auf seine leisen Fragen antwortete noch in irgendeiner anderen Art und Weise reagierte rollte er sich schließlich brummelnd zusammen und überließ mich mir selbst.

Es war schwer der Versuchung zu widerstehen sich im Schutz der Dunkelheit einfach auf den Rücken meiner Stute zu schwingen und sich auf und davon zu machen während alle anderen schliefen. Doch was würde das nützen? Ich wußte weder wo ich mich befand, noch wie och von hier nach Kutou kommen sollte. Außerdem würden sie mich bald eingeholt haben. Daß sie keine Wachen aufstellten zeigte nur zu deutlich, wie sicher sie sich in dieser Gegend fühlten. Nein, eine Flucht würde nichts bringen. Ich mußte abwarten und sehen ob sich eine Chance bot meinen Weg fortzusetzen.

Ich nutzte die Stille der Nacht um mir Gedanken darüber zu machen wie ich am Einfachsten in den kaiserlichen Palast gelangen konnte. Doch keiner davon war sonderlich erfolgsversprechend (immerhin wollte ich lebend und unverletzt dort eindringen). Schließlich zog ich ein Stück Pergament und etwas Schreibzeug aus meinen Satteltaschen. Anscheinend ist es doch keine schlechte Idee gewesen es mitzunehmen.

Mit ein einigen schnellen Pinselstrichen entstand der grobe Umriß von Shokiteis Palast, den ich nach und nach um etliche Gänge und Räume ergänzte. Dabei vergaß ich auch die geheimen Zugangswege nicht, die ich im Laufe der Jahre zusammen mit Ayuru entdeckt hatte. Ohne, daß ich es großartig bemerkt hätte brach die Morgendämmerung herein. Die Sonne schickte ihre ersten, wärmenden Strahlen aus. Inzwischen war ich so müde, das meine Zeichnung vor meinen Augen verschwamm. Doch erst nachdem ich mir ganz sicher war, das die Tinte nicht mehr verwischen konnte verstaute ich ihn in den Satteltaschen und legte ich mich schlafen. Erleichtert sank ich in eine angenehme, dunkle Stille hinab, die niemals von einem Traum oder Tenkou berührt werden wurde.

Selbstverständlich gelang es mir auf diese Art und Weise nie sonderlich lange zu schlafen, da der Rest des Trupps mich jedes Mal weckte wenn es weitergehen sollte. Aber es war wesentlich besser als Tenkou ausgeliefert zu sein und es reichte um sich halbwegs von den Strapazen der Reise zu erholen. Es vergingen zwei oder drei Wochen in denen ich meinen Begleitern kaum ein anderes Verhalten an den Tag legte als bei unserer ersten Begegnung. Ich schlief wenig und redete noch weniger.

Sie fanden sich damit ab, daß ich ihnen so gut wie nichts über mich oder meine Herkunft verriet. Irgendwann nannten sie mich nur noch Schweigsamer Drache, da sie meinen Namen immer noch nicht kannten. Höchstwahrscheinlich hatte ich diese Ehre dem Umstand zu verdanken, daß sie mich überredeten an ihrem Schwerttraining teilzunehmen und dabei merkten, daß ich alles andere als in harmloser Gegner war.

Bis auf Yuen-Lao hatten sie es alle aufgeben mein Schweigen brechen zu wollen. Nur er blieb hartnäckig und fing jeden Abend ein Gespräch mit mir an von dem er den Großteil bestritt. Weiß der Geier warum er solch einen Narren an mir gefressen hatte, aber auf diese Weise erfuhr ich sehr viel über ihn und seine Männer und was sie vorhatten.

Vor ungefähr anderthalb Monaten hatten Kutous Soldaten ihr Dorf überfallen und es komplett dem Erdboden gleichgemacht. Die Dorfbewohner hatten sich zur Wehr gesetzt statt dem Kaiser wie befohlen sämtliche jungen, schönen Frauen auszuliefern. Hätten sie einfach gehorcht, dann wäre ihnen wahrscheinlich wesentlich mehr geblieben als nur die Kleidung, die sie am Körper trugen.

Die Soldaten hatten nicht gezögert ihren Befehl dennoch auszuführen und kurzer Hand alle Frauen sowie ihre Kinder entführt. Diejenigen von ihnen, die kämpften wurden entweder getötet oder schwer verletzt. Yuen-Lao und seine Männer hatten das Glück gehabt zu diesem Zeitpunkt einem benachbarten Dorf beim Anlegen von einigen neuen Reisfeldern zu helfen. So hatte keiner der kaiserlichen Soldaten auf sie geachtet als sie heimkehrten. Doch als die Männer die Zerstörung in ihrem Dorf sahen schworen sie Männer blutige Rache.

Sie bargen die Überlebenden und zogen sich in die Wälder zurück. Erst als sie sich ganz sicher waren, das keiner der Soldaten sie verfolgte begannen sie in unregelmäßigen Abständen die Wachtruppen dieser Ebene zu überfallen. Wenigstens solange bis ihnen einfiel wie sie ihre Frauen und Kinder am Besten retten konnten.

Abend für Abend hörte ich mir ihre Pläne einem nach dem anderen immer und immer wieder an. Aber egal welchen von ihnen sie letztendlich auch ausführen würden spätestens wenn sie Ayuru gegenüberstanden wären sie zum Scheitern verurteilt. Um unerkannt in Skokiteis Palast zu gelangen gab es nur zwei Möglichkeiten entweder als Soldat oder Gefangener. Sie waren weder das eine noch wollten sie das andere jemals werden und das war der Grund warum sie zum Scheitern verurteilt waren.

Nach dem sie sich stundenlang den Mund fusselig geredet hatten und doch wieder einmal zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen waren legten sie sich endlich schlafen. Kaum waren ihre Atemzüge ruhig und gleichmäßig stand ich vorsichtig auf. Wie beinahe in fast jeder Nacht zeichnete ich entweder weiter an meinem Plan oder erkundete die Umgebung des Lagers auf einen Hinweis an dem ich mich orientieren konnte. Bisher hatte ich nicht den geringsten Anhaltspunkt für unseren momentanen Aufenthaltsort gefunden, aber seitdem wir heute morgen durch eine gräserne Ebene geritten waren hatte ich das Gefühl die Gegend zu kennen.

Vorsichtig tastete ich mich Schritt für Schritt weiter. Da eine Fackel viel zu auffällig gewesen wäre orientierte ich mich am Licht des Mondes und an dem Schein des Lagerfeuers, das ich so gut wie nie aus den Augen verlor. Ein leichter Windhauch streifte meine Wange und ich glaubte in ihm etwas derartiges Vertrautes zu spüren das ich mich umwandte. Im selben Augenblick verlor ich buchstäblich den Boden unter den Füßen.

Als die Kugelei endlich aufhörte fand ich mich in einem heillosen Pflanzenwirrwarr wieder. Über mir prangte spöttisch eine kahle Erdkuppe, die deutlich zeigte wieviel Glück ich gehabt hatte, das sie sich nicht noch höher befand. Leise vor mich hinfluchend stand ich auf und noch während ich meine Klamotten abklopfte, um sie von der Erde zu befreien erstarrte ich.

Vor mir erstreckte sich ein riesiger See in dem sich die Sterne des Himmels spiegelten. Ein Anblick wie ich ihn niemals in meinem Leben vergessen werde. Ich würde immer wissen wann und wo ich diesen Anblick zum ersten Mal gesehen hatte. Das Ufer des Ao no Mizuumi, dem See der direkt an das Dorf der Hin grenzte. Jenem Dorf in dem Ayuru aufgewachsen war und ich zum ersten Mal seine Welt betreten hatte. Es war eine Nacht voller Sternschnuppen gewesen als ich zum ersten Mal an seinem Ufer entlang spazierte…

Aber das würde bedeuten, daß der Zufluchtsort von Yuen-Lao und seinen Männer, das zerstörte Dorf der Hin ist…

Fassungslos starrte ich über die sich im Wind leicht kräuselnde Wasseroberfläche zur anderen Seite des Sees. Ein halber Tagesritt und wir sind am Ziel hatten sie gesagt. Ein halber Tagesritt würde ausreichen um an das andere Ufer zu erreichen. Den Ort, der in Ayurus und meinem Leben eine solch wichtige Rolle gespielt hatte. Er war voller Erinnerungen…

Meine Füße verselbständigten sich und ich wanderte ziellos am Ufer entlang. Tief versunken in eine Zeit in der sich anderen Ufer die Lichter eines Dorfes im Wasser spiegelten und junge Mädchen sich nachts davonstahlen in der Hoffnung eine Muschel zu finden, die zwei blaue Perlen enthielt.

“Wann schlaft ihr eigentlich?“ Ich weiß bis heute nicht wie lange er mich schon beobachtet hatte, aber seine Haltung verriet deutlich, daß er meine nächtlichen Ausflüge nicht zum ersten Mal verfolgte.

“Yuen-Lao?“ Obwohl ich bereits sicher war, das es sich um ihn handelte sah ich ihn fragend an. Der Vollmond tauchte seine Gestalt in ein Spiel aus Licht und Schatten. Es war unmöglich die Züge seines Gesichtes zu erkennen. Er nickte und kam langsam auf mich. Sein Blick war ernst und schien mich zu durchbohren. Seine Kleidung sah aus als hätte er noch bis vor kurzem tief und fest geschlafen. Ich wich einen Schritt zurück und spürte das Wasser des Sees unter meinen Stiefeln.

“Kommt. Dies ist kein Ort um nachts allein zu sein.“ Er hielt mir seine Hand entgegen, doch ich schüttelte den Kopf. Seufzend ließ er sie sinken.

“Ich wünschte ihr hättet mehr Vertrauen in mich.“ Er verschwand ebenso schnell und lautlos wie er gekommen war. Die Stille der Nacht hüllte mich erneut ein und von irgendwoher meinte ich Matutas leises Lachen zu vernehmen, das mich willkommen hieß. In diesem Moment wußte ich, das ich mich nicht geirrt hatte. Tränen schossen mir in die Augen. Wir hatten unser Lager tatsächlich an den Ufern des Ao no Mizuumi aufgeschlagen. Von hier würde ich den Weg nach Kutou problemlos finden. Die Frage ist nur werde ich dabei allein sein oder in Begleitung?

Schweren Herzens kehrte ich bei Sonnenaufgang ins Lager zurück und nahm meinen angestammten Schlafplatz neben Yuen-Lao ein. Da es nun nicht mehr sonderlich weit war hatten es die Männer mit ihren Aufbruch nicht eilig und ließen mich schlafen. Erst weit nach Mittag ritten wir los. Wir erreichten die Überreste des einst so blühenden Dorfes kurz vor dem Einbruch der Dämmerung. Der Anblick rief mehr schmerzhafte Erinnerungen hervor als es mir lieb war. Ich hätte nicht gedacht, daß es nach all der Zeit noch so weh tun würde all dies noch einmal zu sehen.

Die Männer wurden von ihresgleichen freudig begrüßt während man mich eisig musterte. Erst als Yuen-Lao mich entschieden hinter sich herzog und mich damit als seinen persönlichen Gast zu erkennen gab glätteten sich die Gesichter um mich herum zu einem Lächeln. Die Heimkehr des kleinen Trupps wurde ausgiebig gefeiert und eigentlich hätte ich problemlos die ganze Nacht mit ihnen feiern können, wenn ich nicht plötzlich diese bleierne Müdigkeit überfallen hätte. Ich konnte spüren wie der Becher in meiner Hand immer schwerer wurde bis er schließlich mit einem leisen Klong auf dem Boden landete.

Obwohl um mich herum nach wie vor lautstark gefeiert wurde fielen mir nach und nach die Augen zu. All meine Versuche dagegen anzukämpfen scheiterten, aber ich durfte nicht einschlafen. Nicht während der Nacht! Nicht wenn Tenkou auf mich lauerte! Hilfesuchend striff mein Blick über die feiernden Männer, aber keiner von ihnen schien etwas zu bemerken. Wahrscheinlich weil sie sich selbst kaum noch auf den Beinen halten konnten.

“Ihr seht müde aus. Wartet, ich helfe euch.“ Es gelang mir nicht zu protestieren als Yuen-Lao mich in die Höhe zog und aus dem Saal führte. Das ich dabei halb über seiner Schulter lag und er mich quasi schon tragen mußte damit wir überhaupt vorwärtskamen schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Mit einer Sicherheit und Kraft die ich ihm niemals zugetraut hätte hievte er mich auf ein Pferd und wir ritten aus dem Dorf heraus. Es gelang mir kaum noch mich im Sattel zu halten, doch all meine Proteste nützten mir nichts.

Er hielt die Zügel fest in der Hand und meine Stute folgte ihm wie ein treuer Hund seinem Herrn. Vielleicht wäre mir früher klar gewesen wohin er mich brachte wenn ich nicht so gottverdammt müde gewesen wäre. Aber so hielt ich seine Zufluchtsstätte erst für eine Höhle wie jede andere. Bis ich einschlief und Tenkous grausames Lachen erneut in meinen Ohren dröhnte.

Ich wehrte mich mit allem was ich hatte, aber ich kam gegen ihn nicht an. Die Energie, die ich den letzten Wochen angesammelt hatte und das Triumphgefühl eine Möglichkeit gefunden zu haben ihm zu entkommen zu sein verpufften in dem Moment, in dem er mir deutlich machte, das ich für ihn nur ein Spielzeug war, das er nach Belieben benutzten oder zerbrechen konnte wie er es wollte. Höhnisch lachend lobte er meinen kleinen Trick ihm während der Nacht zu entkommen, aber was hatte mir das schon gebracht?

Für jedes Mal das ich ihn hinterging oder versuchte ihn zu überlisten würde er mich tausendfach dafür zahlen lassen. Ich hatte keinen Grund an seinen Worten zu zweifeln. Obwohl er nur in meinen Träumen Gestalt annehmen konnte war er unglaublich mächtig. Er schuf Illusionen, die so realistisch waren, daß mein Körper manchmal am nächsten Morgen noch Spuren davon zeigte.

Es war ein gefährliches Spiel ihn herauszufordern und wenn nicht bald ein Wunder geschah würde ich es verlieren. Mein Geist würde ihm nicht ewig standhalten. Doch noch gab ich nicht auf. Mein Ziel Ayuru in seiner Welt zu sehen war in greifbare Nähe gerückt und das würde mir niemand nehmen. Niemand!

Erstaunt über meine plötzliche, heftige Gegenwehr ließ er kurz von mir ab nur um mich dann erneut zu Boden zu werfen. Er liebte es mir zu beweisen, daß es vor ihm kein Entkommen gab. Sein heißer Atem striff über meinen Körper während er jeden Zoll davon in Besitz nahm. Ich schrie und schrie bis meine Stimme versagte, aber ich wachte immer noch nicht auf. Ich war gefangen in einem Alptraum aus dem es kein Entrinnen gab.

Als Tenkou in dieser Nacht endlich von mir abließ war ich nur noch ein wimmerndes Etwas, das zwar an Flucht dachte, aber genau wußte, daß diese zwecklos sein würde. Egal wohin ich auch fliehen oder mich verstecken würde. Er würde mich immer finden. Vor ihm wäre ich nirgendwo in dieser Welt sicher. Seine kalten Augen sahen auf mich hinunter während er lachend das Dorf der Hin neu entstehen ließ.

Er zeigte mir den Tag an de, Ayuru und Tiara das erste Mal gemeinsam schwimmen gegangenen waren. Das glückliche Lachen der beiden Kinder war Balsam für mein verletztes Herz. Doch schon bald zogen dunkle Wolken am Horizont herauf, die alles und jeden im Dorf verschlangen. Die Kinder hatten keine Chance ihnen zu entkommen. Als die Dunkelheit sie einhüllte war die Luft erfüllt vom Geruch nach Blut, Feuer und Tod, während ihre qualvollen Schreie darin widerhallten.

“NEEEEEEIIIIIIIN!!!!“ Schweißüberströmt wachte ich auf während Tenkous mir höhnische eine Schreckensvision nach der anderen bescherte. Taumelnd kämpfte ich mich auf die Beine. In meinem Rücken spürte ich kalten Stein. Stein, der ebenso kalt war wie das Lachen, das in meinen Ohren hallte. Mit unvorstellbarer Grausamkeit zeigte mir Tenkou nach einander was er dem Dorf der Hin und Ayuru in all den zurückliegenden Jahren angetan hatte. Ihre Verzweiflung und Angst klangen in mir nach wie ein Echo, das immer und immer wieder reflektiert wurde. Begleitet von Tenkous Triumphgelächter.

“Nicht! Hör auf!“ Schützend hielt ich drückte ich meine Hände über die Ohren und versuchte ihn auszusperren. Aber es brachte nichts. Die Geräusche drangen aus einer Welt zu mir, die nicht real war. Sie existierte nur in meinem Innern und zielte direkt auf meine Seele. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg Tenkou zu entkommen und fand ihn schließlich am Eingang der Höhle. Die Öffnung war bereits hell von der Morgensonne erleuchtet. Was bedeutete, daß er bald keiner Macht mehr über mich haben würde.

°°°Oh nein. Nicht dieses Mal.°°° Ich schrie auf als sich sein unnachgiebiger Griff noch einmal verstärkte und mir eine neue Schreckensvision bescherte.

°°°Ich werde dich nicht gehen lassen.°°° Ich fand mich im Palast von Kutou wieder. Zu einer Zeit in der ich Ayuru allein lassen mußte um ihn meine Welt zurück zu kehren. Tenkou zeigte mir schonungslos was in meiner Abwesenheit alles mit Ayuru geschehen war. Er war damals noch ein Kind gewesen und Shokitei hatte keine Zeit verschwendet. Nachdem er sich sicher fühlte litt Ayuru jede einzelne Nacht unter ihm. Ich konnte nur noch bewegungslos daneben stehen und hilflos mit ansehen wie mein Schützling Nacht für Nacht mißbraucht wurde. Meine Gliedmaßen füllten sich nach und nach mit Blei während meine Verzweiflung ins Unermeßliche wuchs.

Ich hatte keine Ahnung! Er hat mir niemals erzählt was während meiner Abwesenheit mit ihm passiert ist! Ich hätte ihn niemals allein lassen dürfen! Auch wenn es mein Leben gekostet hätte, ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen! Ich merkte kaum, wie sich meine Tränen ihren Weg bahnten.

Das Schlimmste sollte erst noch kommen. Tenkou beschwor eine Vision herauf in der er den erwachsenen Ayuru tötete und dann zu seinem willenlosen Sklaven machte, der sich gegen mich wandte. Entsetzt schrie ich auf als sich der blutüberströmte Ayuru auf stürzte und floh hinaus ins Licht.

Tenkous grausames Lachen traf mich härter als es je ein Schlag vermocht hätte. Immer noch sah ich Ayurus blutüberströmten Körper in seinen Armen während er ihm langsam das Blut aussaugte und seinem Willen unterwarf.

Ich rannte und rannte doch ich konnte ihm nicht entkommen. Alles um mich versank in Dunkelheit in der ich stolperte und in einem Meer aus Blut versank, daß mir die Luft aus den Lungen preßte. Verzweifelt schrie ich auf als die roten Wellen erneut über mir zusammenbrachen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor bis ich endlich die Oberfläche erreichte und Luft meine Lungen füllte.

Mühsam schleppte ich mich ans Ufer und fiel im seichten Wasser auf die Knie. Heiß rannen mir die Tränen übers Gesicht bevor sie auf mein Spiegelbild im klaren Blau des Wassers trafen. Er würde gewinnen. Irgendwann würde er gewinnen. Ich konnte nicht ewig gegen diese Visionen durchhalten und sollte es soweit sein wird das Ayuru vernichten. Tenkou wird recht behalten. Meinetwegen wird Ayuru noch viel mehr leiden. Ich krümmte mich zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen.

In diesem Zustand fand mich schließlich Yuen-Lao. Ohne ein einziges Wort hob er mich hoch und trug mich in eine Hütte, die etwas abseits des Dorfes lag. Der die dunklen Balken waren einst mit kunstvollen Schnitzereien verziert gewesen. Sana-sans Haus…

Ich drückte mich zitternd enger an den warmen Körper, der mich festhielt. ihn. Die Erinnerungen an all die glückliche Zeit die ich hier mit Matuta und ihrer Familie verbracht flossen durch mich hindurch wie ein unaufhaltsamer Strom. Meine Wangen waren tränennaß und dennoch schien es noch unendlich viele von ihnen zu geben. Behutsam setzte Yuen-Lao mich auf einen Stuhl ab und strich mir zärtlich die nassen Haare aus dem Gesicht.

“Warum habt ihr denn nichts gesagt?“ Seine Hand striff über meine Wange.

“Ich hätte euch doch niemals hierher gebracht, wenn ich gewußt hätte...“ Er hob mein Kinn leicht an. Seine tiefbraunen Augen zeigten deutlich wie viele Sorgen er um mich machte.

“Die Farbe euerer Augen... ich hätte es viel früher merken müssen...“ Ich versuchte seinem Blick auszuweichen, doch es gelang mir nicht. Seine Augen hielten mich gefangen und ich konnte nichts weiter tun als ihn anzusehen. Seine Hände umfaßten mein Gesicht während er sich noch ein Stückchen weiter vorbeugte. Sein warmer Atem striff über meine Wange.

“Wieso habt ihr kein Vertrauen in mich?“ Ich schloß die Augen um seinem Blick nicht noch länger standhalten zu müssen. Die gesamte Situation hätte mich warnen sollen, aber ich war viel zu erschöpft um zu merken was er mir eigentlich sagen wollte.

“Das ist es nicht...“ Ich zögerte kurz als seine Lippen sanft meinen Hals berührten.

“Lao, du würdest es nicht verstehen.“ Ich schob ihn ein Stück von mir weg und stand auf. Vorsichtig lehnte ich mich neben eines der Fenster und ließ meinen Blick hinaus wandern. Dort hinten lag Matutas Garten. Jetzt ist von ihm kaum noch etwas zu erkennen. Keines ihrer so sehr geliebten Blumenbeete hat den Überfall der Soldaten überstanden. Sie hatten alles dem Erdboden gleichgemacht. Keine der zarten Pflanzen würde noch einmal aus der verbrannten Erde das Licht der Sonne erblicken. Zitternd schlang ich die Arme um meinen Körper. Mir war kalt. Viel kälter als mir eigentlich sein dürfte...

“Du würdest es niemals verstehen.“ Zögernd umarmte er mich.

“Vielleicht doch.“ Seine Körperwärme verstärkte mein Zittern, aber ich war zu schwach um mich dagegen zu wehren. Eigentlich wollte ich in diesem Moment nur noch eines. Schlafen und alles vergessen, was so schwer auf meiner Seele lastete. Tiefer und traumloser Schlaf. Das war alles, was ich mir wünschte.

“Kommt. Ihr müßt euch umziehen ansonsten werdet ihr euch erkälten.“ Ich sah seine ausgestreckte Hand und das Bett, das hinter ihm stand. Keine Macht der Welt hätte mich dazu gebracht auch nur das kleinste Stückchen meiner Kleidung abzulegen. Entschieden schüttelte ich den Kopf und sah wieder aus dem Fenster. Wie ist es Tenkou gelungen solange in meinem Geist zu bleiben? Normalerweise verschwindet er mit dem Sonnenaufgang, doch dieses Mal ist er eindeutig länger geblieben. Ich betete darum, daß es nur ein dummer Zufall war und daß es nie wieder passieren würde.

“Ihr nennt mich zwar inzwischen Lao, aber ihr vertraut mir nicht.“ Erschrocken zuckte ich zusammen als sich seine Hand auf meine Schulter legte. Ich hatte vollkommen vergessen daß ich nicht allein war. Er merkte es und begann zu lächeln.

“Es ist ganz schön unvorsichtig von euch zu vergessen, daß ich noch in eurer Nähe bin.“ Ich antwortete ihm nicht sondern beobachtete den Wind der im Grün der Bäume spielte. Wie lange ist es her seit ich zum letzten Mal an diesem Fenster gestanden habe? Warum kann man die Zeit nicht einfach zurück drehen? Warum ist die Zeit für uns alle verloren?

Ich würde sonst etwas darum geben jetzt sehen zu können wie Ayuru und sein Großvater mit einem breiten Grinsen im Gesicht vom Angeln wiederkommen und Matuta stolz ihren Fang zu präsentieren. Sie würde wieder schimpfen, daß sie ihr das ganze Haus mit ihren nassen Schuhen und Eimern schmutzig machten und zum Abendessen würde es dennoch Fisch geben. Das Haus wäre erfüllt von ihrem Lachen und von nirgendwo würde ihnen Gefahr drohen.

Stöhnend rieb ich mir die Stirn als sich dahinter ein leichtes aber schmerzhaftes Pochen einstellte. Was immer Tenkou auch mit mir angestellt hatte, die Nachwirkungen konnten sich sehen lassen. Am Liebsten wäre ich auf der Stelle in Schlaf gesunken.

“Hey, geht es euch nicht gut?“ Ich brachte keine Antwort mehr zustande. Meine Beine gaben einfach unter mir nach und alles wurde schwarz. Erst ein penetrantes Zupfen und Rütteln an meinem Körper brachte mich wieder halbwegs zu Bewußtsein. Ich konnte nicht allzu lange ohnmächtig gewesen sein, aber es hatte ausgereicht mich in das Bett zu verfrachten. Yuen-Lao kniete über mir und kämpfte damit mich aus meinen komplett durchnäßten Klamotten zu befreien.

Der Mantel hing bereits über einem Stuhl. Unter ihm hatte sich bereits eine Wasserlache gebildet. Nicht mehr lange und mein Hemd würde ihm folgen. Als mir bewußt wurde was das bedeutete war es fast schon zu spät. Im letzten Moment konnte ich nach dem Hemdkragen greifen. Eisern hielt ich ihn geschlossen. Yuen-Lao seufzte leicht und machte sich entschlossen daran sein Werk fortzusetzen. Ich konnte ihm nichts entgegensetzen. Mein Körper war viel zu schwach um zu reagieren. Bestimmt hatte ich Fieber. Er stieß einen Pfiff aus als meine einbandagierten Brüste zum Vorschein kamen.

“Das überrascht mich jetzt allerdings wirklich.“ Behutsam befreite er mich auch noch von meiner Hose ehe er sich daran machte die Bandagen zu lösen. Am Liebsten wäre ich geflohen aber mein Körper war wie gelähmt und mir wurde immer kälter. Egal was er vor hatte ich könnte mich nicht wehren. Verdammt! Ayuru, es tut mir so leid. Ich hätte dich so gerne vorher gefunden. Tränen schossen mir in die Augen, die zärtlich von einer Hand weggewischt wurden.

“Nach all der Zeit die wir gemeinsam verbracht haben traut ihr mir wirklich zu euch so etwas anzutun?“ Der Kloß in meinem Hals war zu groß um ihm antworten zu können und mein Kopf stand kurz davor zu explodieren. Seine Hand fuhr zärtlich meinem Hals entlang auf den er sanft und fordernd zu gleich einen Kuß hauchte.

“…Nicht… bitte nicht…“ Alles in mir begann zu zittern. Bitte du nicht auch noch. Lao, bitte tu mir das nicht an. Milde lächelnd sah er auf mich herunter ehe er mich vorsichtig in eine warme Decke hüllte.

“Macht euch keine Sorgen. Vor mir habt ihr nichts zu befürchten. Euer Geheimnis ist bei mir sicher.“ Ich entspannte mich jedoch erst als er auf einem Stuhl mir gegenüber Platz nahm.

“Ihr solltet etwas schlafen. Ich werde aufpassen, daß uns niemand entdeckt.“ Mit einem kurzen Blick aus dem Fenster versicherte ich mich, das es erst kurz nach Mittag war. Von Tenkou würde im Moment keinerlei Bedrohung ausgehen. Erleichtert schloß ich die Augen und versank in der angenehmen Umarmung dringend benötigten Schlafes.

Meine Erinnerungen an die glückliche Zeit mit Matuta und Ayuru begleiteten mich und ich konnte endlich aufatmen während ich träumte. Diese Erinnerungen würde mir selbst Tenkou nicht nehmen können. Sie gehörten mir und nur mir allein. Kleine Schätze die nach all der Zeit wieder aus meinem Unterbewußtsein auftauchten und mich daran erinnerten, warum ich Tenkou die Stirn bieten mußte. Sie zeigten mir auch weshalb ich Ayuru so schnell wie möglich finden mußte. Ich wollte niemals mehr ohne dieses Lächeln, das er nur mir zeigte, sein.

Yuen-Lao kümmerte sich rührend um mich. Wie sich herausstellte hatte ich weit mehr als nur eine einfache Erkältung getragen. Wenn mich meine medizinischen Kenntnisse nicht ganz verlassen hatten war ich knapp an einer handfesten Lungenentzündung vorbei geschrappt. Es dauerte fast zwei Wochen bis ich wieder einigermaßen genesen war. In all der Zeit war Yuen-Lao nicht von meiner Seite gewichen.

Ich war mir mittlerweile sicher, daß er sich in mich verliebt hatte, auch wenn er das nie aussprach. Ich wußte nicht, ob ich während meiner Fieberanfälle im Schlaf gesprochen hatte, aber sein Verhalten legte die Vermutung nahe, das er wußte das bereits jemanden gab, dem mein Herz gehörte. Auch sonst hatte sich sein Verhalten mir gegenüber etwas geändert. Er fragte mich zum Beispiel gar nichts mehr. Schon seltsam. Wochenlang hat er ununterbrochen auf mich eingeredet und auf Antworten gewartet oder gehofft und nun findet er sich einfach mit meinem Schweigen ab?

Die Gründe dafür fand ich jedoch relativ schnell heraus. Meine Augenfarbe hatte mich verraten. Kaum jemand außer dem Volk der Hin oder denen, die von ihnen abstammten besaß in dieser Welt blaue Augen. Auch das allmähliche ausbleichen meiner Haare war nicht unbemerkt geblieben. Sie waren mittlerweile um einiges heller als zu Beginn meiner Reise. Auch, wenn sie noch lange nicht Ayurus Blond erreicht hatten. Es reichte aus um den Verdacht nahezulegen, das ich eine Hin war. Ich ließ Yuen-Lao in diesem Glauben und fragte mich insgeheim wie viele Hin den Angriff damals eigentlich überlebt hatten. Mit viel Glück vielleicht eine Handvoll?


Viel Zeit mir darüber Gedanken zu machen hatte ich allerdings nicht. Einer der Männer hatte meinen sorgsam versteckten Lageplan entdeckt und die daraus resultierenden Fragen konnte niemand ignorieren. Zu meinem Glück meinte Yuen-Lao zu wissen was ich vorhatte. Nämlich mich an Shokitei für die Zerstörung meines Dorfes und die Vernichtung meines Volkes zu rächen. Es entsprach vielleicht nicht ganz der Wahrheit, aber ich würde mich hüten diesen Irrtum aufzuklären. Das ich angeblich eine Hin war sorgte schon für genügend Probleme.

Es dauerte beinahe zwei Wochen bis die Männer davon überzeugt waren, das ich keine Gefahr für sie darstellte. Höchstwahrscheinlich waren sie auch deshalb so schnell überzeugt, weil ich ihnen einen fast narrensicheren Plan liefern konnte wie sie in den Palast gelangen und ihre Familien befreien konnten. Um ihn ausführen zu können müßten wir lediglich an zwanzig bis fünfundzwanzig Uniformen der kaiserlichen Soldaten kommen. Kein Problem wenn man sich mit Gelegenheitsüberfällen auf Wachtrupps über Wasser hielt.

Bei einem dieser Überfälle begegnete ich auch meinem speziellen Freund wieder. Ich konnte einfach nicht anders. Mit den Anderen zusammen inszenierte ich ihm zu Ehren ein kleines Schauspiel das sich sehen lassen konnte. Als er zitternd wieder auf seinem Pferd saß reichte ich ihm ein kleines Päckchen von dessen Übergabe angeblich sein Leben abhing. Er hatte nicht die geringste Ahnung was sich im Inneren befand, aber er würde es seinem Shogun übergeben. Unsere Warnung, was ihn bei einem Scheitern erwartete war deutlich genug gewesen. Dieses Mal zitterte er vor Angst vor uns nicht umgekehrt.

Keine Woche später erhielten wir den Bericht eines unserer Spione in der Hauptstadt. Die Botschaft war zugestellt worden. Alles verlief nach Plan. Yuen-Lao hatte mich ein einziges Mal nach dem Inhalt des Päckchens gefragt, aber ich hatte ihm nicht geantwortet. Allerdings war ich mir sicher, daß er das Fehlen meines Anhängers bemerkt hatte auch wenn er kein Wort darüber verlor. Ihm zu erklären, was dieser Anhänger, der abgebrochener Zweig einer blühenden Glyzinie und die Nachricht °Ich werde dich finden° bei dem Shogun Kutous auslösen würden wäre wohl auch ein bißchen zuviel des Guten gewesen. Ayuru hingegen würde die wahre Bedeutung dieser Nachricht sofort erkennen.

Dank Yuen-Laos Umsicht konnte ich nun auch endlich in Ruhe schlafen. Tagsüber sorgte er dafür das mich niemand störte und auch nachts, wenn wir die Fortschritte unseres Plans besprachen wich er nicht von meiner Seite. Ich war ihm dankbar dafür, aber jedesmal wenn er sich mehr erhoffte stieß er auf eine Wand, die er nicht durchdringen konnte. Vielleicht hätte ich ein schlechtes Gewissen haben müssen weil ich seine Gefühle mehr als nur einmal zu meinen Gunsten ausnutzte. Aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel.

Während wir noch auf die restlichen Uniformen warteten unterwiesen Yuen-Lao und ich die Männer gemeinsam in den unterschiedlichsten Kampfkünsten. Wenn wir wirklich unerkannt nach Kutou gelangen wollten mußte einfach alles stimmen. Wir durften uns nicht dem geringsten Fehler erlauben. Nur ein kleiner Fehler und keiner von uns würde lebend zurückkehren.

Ich konnte es nicht verhindern. Obwohl ich mir sicher war, das wir es schaffen würden wurde ich mit jedem Tag an dem unser Aufbruch näher rückte nervöser. Mittlerweile lag das Kommando über die gesamte Truppe in meinen Händen und damit auch das Schicksal von über dreißig Männern. Daß alles einzig und allein von meinen Entscheidungen abhing verursachte mir Bauchschmerzen. Vor allem da ich genau wußte, das ich sie lediglich ausnutzte.

Sicher, wenn alles glattging würden sie wieder mit ihren Familien vereint sein. Aber was würden sie tun wenn ich bei ihrer Rückkehr fehlte? Ich hoffte inständig, daß sie clever genug wären mich einfach zu vergessen und in ihre Dörfer zurückkehrten.

Zwei Tage bevor es losgehen sollte war ich dermaßen nervös, das ich jede Schnalle, jedes Schwert, jeden Knoten bis zu zwanzig Mal prüfte und fest zerrte. Selbst Yuen-Lao trieb ich damit beinahe in den Wahnsinn trieb. Energisch schnappte er sich mich schließlich und sperrte mich solange in eine Hütte ein, bis ich mein kindisches Verhalten einsah. Wir hatten wochenlang geübt und geübt. Wenn jetzt noch etwas schiefging, dann wäre es einfach nicht mehr zu verhindern. Trotzdem konnte man auch den Anderen ebenfalls ansehen, daß sie allmählich nervös wurden.

Am entscheidenden Tag saß ich ein letztes Mal am Ufer des Ao no Mizuumis und beobachtet die aufgehende Sonne dabei, wie sie das Wasser allmählich golden färbte. Ich schwor mir eines Tages mit Ayuru zu diesem Ort zurückzukehren und diesen Anblick mit ihm gemeinsam zu genießen.

Erst nachdem die Sonne klar am Himmel stand und sich der morgendliche Dunstschleier, der über dem See lag sich fast aufgelöst hatte, erhob ich mich. Behutsam legte ich die Rüstung an, die mich als Hauptmann auswies, ehe ich die restlichen Männer weckte. Es dauerte nicht einmal eine halbe Stunde bevor sie Aufbruchs bereit waren.

Wir verabschiedeten uns von den Männern die im Dorf zurückblieben um sich um eventuelle weitere Flüchtlinge zu kümmern und machten uns auf den Weg nach Kutou. Nach vier Tagen im Sattel erstreckte sie endlich die Hauptstadt unter uns in deren Innern sich deutlich der Umriß des Kaiserpalastes abzeichnete.

Ich schluckte kurz und ließ meinen Blick noch einmal über die entschlossenen Mienen meiner Männer streifen. Keiner von ihnen (außer Yuen-Lao) wußte das ich eine Frau war und sie vertrauten mir. Ich hoffte nur, daß ich mich dieses Vertrauens auch als würdig erweisen würde. Mit einem leichten Schenkeldruck setzte ich meine Stute in Bewegung und lenkte sie von dem kleinen Waldpfad direkt auf die Hauptstraße Kutous.



2003-08-06
edit: 2007-02-11

Fortsetzung:
Kapitel 05 - Der Kaiserpalast




Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“





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