Kapitel 05

2003-09-15

Secrets


V. Der Kaiserpalast


Es war Mittag als wir auf einer Anhöhe Rast machten. Direkt unter uns breitete sich der Kaiserpalast von Kutou in seiner gesamten Pracht aus. Ich merkte schnell, wie einigen meiner Begleiter bei diesem Anblick mulmig wurde. Monatelang hatten wir auf dieses eine Ziel hingearbeitet um unbemerkt in das Innere des kaiserlichen Palastes zu gelangen. Doch der jetzige Anblick war etwas vollkommen anderes als die stümperhaften Zeichnungen mit denen wir gearbeitet hatten. Die mit blauen Schindeln bedeckten Gebäude hatten etwas Machtvolles an sich. Und wir hatten vor in diesen geheiligten Bezirk einzudringen um Dutzende von Frauen und Kindern zu befreien.

Unser Plan war gewagt, beinahe tollkühn und gerade deshalb würde er höchstwahrscheinlich auch funktionieren. Keiner der Soldaten Kutous dürfte damit rechnen, daß es jemand tatsächlich wagen würde direkt in den Palast hinzuspazieren. Es war brisant. Würde unsere Verkleidung die kaiserlichen Soldaten nicht überzeugen würde man uns alle hinrichten.

Jeder der Männer war sich dieses Risikos voll bewußt und bereit es einzugehen. Auch, das sie das Land in dem sie geboren waren nie wieder betreten dürften, wenn uns die Flucht gelang. Sie würden sich mit ihren Frauen und Kindern in alle Winde zerstreuen und in den anderen drei Königreichen Zuflucht suchen. Sie würden noch einmal ganz von vorn anfangen müssen. Doch das war ihnen egal solange es ihnen nur gelang Shokiteis grausamer Herrschaft zu entkommen.

Meine inzwischen dunkelblonden Haare hatten wir Mithilfe von diversen Pflanzensäften rabenschwarz gefärbt. So würde es niemanden auffallen, daß in meinen Adern zum Teil Blut der Hin floß. Ich hatte die Männer in den Glauben gelassen, das ich zum Volk der Hin gehörte, da sich auf diese Art und Weise viele ihrer Fragen von selbst beantworteten. Yuen-Lao war der einzige von ihnen, der inzwischen herausgefunden hatte, daß ich eine Frau war. Doch er hatte sein Wort gehalten und dieses Wissen tief in seinem Inneren begraben.

Während des Essens herrschte bedrücktes Schweigen, das nur ab und zu von Yuen-Laos Versuchen uns aufzumuntern unterbrochen wurde. Bis vor kurzem hatten wir noch alle gemeinsam gescherzt um den Ernst der Lage herunter spielen. Aber der Kaiserpalast war in greifbare Nähe gerückt und wir würden ihn noch heute erreichen. In ein paar Stunden würde sich entscheiden ob unser Plan funktionierte oder nicht. Seufzend erhob ich mich. Es hat keinen Zweck es noch länger hinauszuzögern. Jetzt können wir nur noch beten.

Ehe wir uns auf die Pferde schwangen sprachen ein letztes Mal alles ganz genau durch. Ich überrascht, wie gut sich alle den Grundrißplans des Palastes eingeprägt hatten. Jeder von ihnen kannte ihn inzwischen auswendig und wußte genau was seine Aufgaben waren. Trotzdem schickte ich zur Sicherheit noch ein letztes Stoßgebet zum Himmel. Es durfte einfach nichts schiefgehen.

“Also dann. Reiten wir los!“ Das Lächeln, das ich ihnen schenkte war nicht echt, aber sie bemerkten es nicht. Nervös erwiderten sie es und im Gegensatz zu mir meinten sie es ehrlich. Sie vertrauten mir völlig und waren sich sicher, daß solange weder Yuen-Lao noch ich uns etwas anmerken ließen einfach rein gar nichts schiefgehen konnte. Sie ahnten ja nicht, daß ich überhaupt nicht vorhatte gemeinsam mit ihnen zu fliehen. Der Stein in meinem Magen wurde von Minute zu Minute größer. Sie hatten mich ins Herz geschlossen und letzten Endes würde ich sie verraten.

Die Tore der Stadt stellten kein Hindernis für uns dar. Immerhin war es unser kleiner Wachtrupp gewesen, der es geschafft hatte den berüchtigten Yuen-Lao gefangen zu nehmen. Diese Kunde war auf geheimnisvollem Wege bereits zwei Tage vor unserer Ankunft in der Hauptstadt bekannt geworden und Grund genug uns einen beinahe bombastischen Empfang zu bereiten.

Die Bevölkerung Kutous feierte uns wie Helden und ich bereute meine Idee Yuen-Lao als Köder zu benutzen zu tiefst. Jeder dieser Leute würde sich sein Gesicht für den Rest seines Lebens einprägen und niemals vergessen. Wenn alles vorbei war würde er sich nie wieder einfach so in einer Menschenmenge verstecken können wie es bisher der Fall war. Man würde ihn sofort erkennen.

Da ich unserem Trupp voranritt gelang es mir nur ab und zu einen Blick auf ihn zu erhaschen. Er wirkte vollkommen gelassen und sah sich trotz der gefesselten Hände grinsend um. Es schien ihm rein gar nichts auszumachen, das er hinter unseren Pferden zu Fuß herlaufen und unseren Staub schlucken mußte. Damit stellten wir ihn nur noch mehr zur Schau. Doch es mußte sein um die Aufmerksamkeit von den nicht immer tadellos sitzenden Rüstungen meiner Männer abzulenken.

Yuen-Lao fing meinen Blick auf und zwinkerte mir aufmunternd zu. Ich verdrehte leicht die Augen und wandte mich wieder um. Wahrscheinlich ist er ebenso wahnsinnig wie ich. Alles auf eine Karte setzen und hoffen dass der Gegner den Bluff nicht bemerkt.

Unter einem Schauer von Blütenblättern erreichten wir den Hof der kaiserlichen Kasernen. Mein Magen hatte sich inzwischen in einen Eisblock verwandelt und ich zog vorsichtshalber das Tuch, das meine untere Gesichtshälfte unter dem Helm verbarg noch ein Stückchen höher als die Soldaten der Kaserne auf uns zu stürzten hatte. Meine Gedanken waren plötzlich wie leergefegt. Egal was von nun an auch passiert, bitte, bitte laß nichts schiefgehen!

Ein junger Kadett nahm mir die Zügel ab und half mir beim Absteigen. Bevor ich mich jedoch mit Yuen-Lao und zwei meiner Leute als Wachen ins Innere machte knurrte ich den Männern de Befehl zu sich ja vorschriftsmäßig zu benehmen. Was in der Übersetzung soviel hieß wie: Wartet bis die Luft rein ist und setzt dann den Plan in die Tat um.

Aus den Augenwinkeln konnte ich noch erkennen wie sie wie ein Mann abstiegen und ihre Pferde versorgten. Keiner der Soldaten schien zu bemerken, daß es sich bei ihnen eigentlich um ganz normale Bauern handelte. Ich atmete ein klein wenig auf. Der erste Schritt wäre geschafft.

Man führte uns in das Büro des Lagerkommandanten, der gerade den Shogun über unseren Erfolg unterrichtete. Bis zu seiner Rückkehr sollten wir uns bitte noch einen Moment gedulden. Ich entließ meine Begleiter mit einer wegwerfenden Handbewegung damit sie endlich etwas gegen ihre knurrenden Mägen unternehmen konnten. Unser Gefangener hätte schließlich keine Chance mehr zu entkommen. Yuen-Lao zog dabei ein Gesicht als hätte man ihn soeben tatsächlich zum Tode verurteilt. Jedoch verschwand die Verzweiflung aus seinen Zügen sobald die Türen des Raumes sich hinter den Soldaten geschlossen hatten. Triumphierend grinste er mich an.

“Es läuft alles ganz genau nach Plan.“ Ich lächelte ebenfalls obwohl man es durch den Mundschutz nicht sehen konnte. Bisher hatte ich noch nicht einmal den Helm abgenommen und das war auch gut so. Ich konnte es mir nicht leisten jetzt von irgendeiner der Wachen als angeblicher Hin entlarvt zu werden. Es war schon so schwierig genug gewesen meine blaugrünen Augen vor den Blicken der Soldaten zu verbergen. Der tiefsitzende Helm und der Mundschutz taten dabei verdammt gute Dienste.

“Sogar noch besser. Sie sind so sehr mit deiner Gefangennahme beschäftigt, daß sie alles andere fast komplett vergessen. Sie rechnen nicht mit einem Hinterhalt.“ Zufrieden nickte er und wendete mir dann den Rücken zu, damit ich ihn von seinen Fesseln befreien konnte. Mit einem kurzen Blick versicherte ich mich, daß wir auch wirklich allein waren und zerschnitt die Stricke, die sich eng um seine Haut spannten.

“Danke.“ Erleichtert massierte er sich seine Handgelenke.

“Die saßen verdammt fest.“ Ich sparte es mir ihn darauf hinzuweisen, das wenn sie auch nur etwas lockerer gewesen wären man unsere Tarnung sofort durchschaut hätte. Er wußte es ohnehin bereits. Ich hoffte inständig, daß er klug genug sein würde sich am Ende wie alle anderen an den Plan zu halten. Auch, wenn das hieß mich zurücklassen zu müssen.

Das war die Abmachung die wir mit allen, die uns begleiteten getroffen hatten. Jeder sollte sobald alles geklappt hatte so schnell wie möglich fliehen und sich dabei nicht ein einziges Mal umdrehen. Egal ob es seinen Hintermann erwischte oder nicht. Wichtig war nur zu entkommen. Es würde keine Rettungsaktion geben. Sobald sie erst einmal aus dem Palast raus waren würden sie Kutou für immer verlassen. Wer von den Soldaten gefangen genommen würde mußte sich selbst helfen. Das war das Risiko.

Der Klang der Kantinenglocke war das Startsignal für uns. Mit zwei geübten Griffen hob Yuen-Lao einige der Bodenplatten des Zimmers hoch. Dort ließen wir die Überreste seiner Fesseln und meine Rüstung verschwinden. Der Raum sah hinterher wieder aus wie zuvor und die Zeit drängte. Der Kommandant würde nicht ewig unterwegs sein.

Suchend tastete ich die Wände ab bis ich fand wonach ich suchte. Eine kleine Kerbe, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Ich folgte ihrem Verlauf und drückte mit einer Hand kurz auf den Holzbalken an dem sie endete. Augenblicklich öffnete sich die Wand und gab einen mäßig beleuchteten Gang frei. Hektisch winkte ich Yuen-Lao mir zu folgen statt nach einer Fackel zu suchen. Soviel Zeit blieb einfach nicht mehr. Eine kurze Drehung an einer weiteren Holzleiste schloß die Tür hinter uns. Es wurde fast stockdunkel und außer unserem regelmäßigen Atmen war nichts zu hören.

“Fast wie in einem schlechten Horrorfilm.“

“Einem was?“ Kopfschüttelnd gab ich ihm zu verstehen, das es nicht so wichtig war. Die Erklärung würde er ohnehin kaum verstehen oder verkraften. Es war schon schwierig genug jemanden in meiner Welt klarzumachen wie ein Bild von einem kleinen Stückchen Zellouid auf die Leinwand kommt. Bei einem Bewohner des alten Chinas es ein Ding der Unmöglichkeit.

Yuen-Laos Hand suchte in der Dunkelheit nach meiner und packte fest zu als er sie endlich fand. Ich ließ es zu, da wir es uns einfach nicht noch länger leisten konnten zu warten. Wahrscheinlich ein Fehler, aber die verbleibende Zeit war verdammt knapp bemessen. Es kam auf jede einzelne Minute an.

Meine Augen hatten sich zwar noch nicht vollständig an die Dunkelheit gewöhnt, aber die meisten dieser Schleichwege und Geheimpfade kannte ich ohnehin auswendig. Höchstwahrscheinlich würde ich mich hier sogar im Schlaf zu Recht finden. Ayuru und ich hatten in den letzten Jahren beinahe jeden Winkel des Palastes ausgiebig erkundet. Yuen-Lao war sichtlich beeindruckt von meinem Tempo und versuchte mit mir Schritt zu halten.

“Also, entweder besitzt ihr die Augen einer Katze oder ihr habt im Gegensatz zu mir unverschämtes Glück.“ Ich antwortete ihm nicht, da wir nicht mehr allzu weit von unserem Treffpunkt entfernt waren. Allerdings konnte ich mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen als er sich zum wiederholten Mal irgendwo gestoßen hatte und einen leisen Fluch murmelte.

Die Wand vor uns lief in eine Holzvertäfelung über, die ein Mosaik aus drei verschiedenen Holzsorten darstellte. Die Rückseite von Shokiteis Harem! Ich blieb stehen und schnappte wie Yuen-Lao leicht nach Luft. Wir waren bis hierher mehr gerannt als gegangen. Jetzt hieß es abwarten bis auch unsere Männer eintrafen. Die Stimmen der Konkubinen drangen dumpf zu uns bis sich leise knarrend eine Tür öffnete. Augenblicklich herrschte ängstliches Schweigen.

Yuen-Laos Gesichtsfarbe hatte sich in den letzten Minuten zu einem ungesunden kalkweiß gewechselt und ich nickte ihm aufmunternd zu. Es wird schon nichts schiefgehen. Durch das Licht im Harem war der Gang in dem wir uns befanden spärlich erleuchtet und ich konnte das Mosaik genau erkennen. Na dann mal los.

Ich holte tief Luft bevor ich fünf Mosaikstücke in einer bestimmten Reihenfolge drückte. Ein Fehler in der Abfolge und der Gang wird zu einer tödlichen Falle. Zum Glück ist der Code jedoch nicht veränderbar. Wer ihn einmal erfahren hat kann von da an zu jeder Tages- und Nachtzeit unbemerkt in den Harem gelangen.

Etwa einen knappen Meter über dem Boden öffnete sich eine kleine Tür. Vorsichtig krabbelte ich als erstes durch die Öffnung und verbarg mich hinter einem immenser Haufen Kissen und diversen Vorhänge ehe ich Yuen-Lao winkte mir zu folgen. Man würde uns nicht sonderlich schnell entdecken und die Männer waren bereits alle auf ihrem Posten. Das es im Harem plötzlich so ruhig geworden war lag ohne Zweifel an ihrer Anwesenheit. Gut und gerne zehn Wachen standen mit verschränkten Armen und eisigem Blick vor den Türen des Harems. Normalerweise ein untrügliches Zeichen dafür, das Shokitei in Kürze auftaucht um sich seine Gespielinnen auszusuchen. Allerdings nicht dieses Mal.

Vorsichtig umrundeten Yuen-Lao und ich einen Großteil des Raums. Die völlig entsetzten oder gleichgültigen Gesichter der Frauen und Kinder, die auf das Unausweichliche warteten drehten mir fast den Magen um. Nicht einer von ihnen war freiwillig hier und es würde das letzte Mal sein, das schwor ich mir. Ich wünsche keinem einzigen Menschen, das Schicksal, das Ayuru erleiden mußte.

Eine der jüngeren Frauen bemerkte uns. Ihr flehender Blick bat uns wieder zu verschwinden bevor wir von den Wachen entdeckt wurden. Als ich den Kopf schüttelte brach sie fast in Tränen aus. Beschwörend legte Yuen-Lao einen Finger auf seine Lippen damit sie nicht laut aufschluchzte. Eigentlich wäre das jedoch bereits egal gewesen, da sich der Harem bereits komplett in unserer Gewalt befand. Aber wie ich, so wollte auch er auf Nummer sicher gehen. Man konnte niemals vorsichtig genug sein.

Die Wachen begannen verschwörerisch zu grinsen als wir unsere Deckung verließen und direkt in ihr Sichtfeld traten. Dankbar nahm ich den Helm ab und verschwand mit einem Kleiderpaket hinter einem Vorhang während Yuen-Lao den völlig entgeisterten Haremsbewohnern erklärte was daß alles zu bedeuten hatte. So sorgfältig wie nur eben möglich schlüpfte ich in kürzester Zeit in Rüstung eines Feldmarschalls. Yuen-Lao zog sich ebenfalls um damit er als mein Sekundant in Erscheinung treten konnte. Allein für die militärischen Ränge, die wir uns heute unverdient aneigneten war uns die Todesstrafe sicher.

Der Unglauben der Haremsbewohner, das wir wirklich gekommen waren um sie zu retten verringerte sich immer mehr. Vor allem da keine der Wachen etwas gegen uns unternahm sondern uns statt dessen hilfreich unter die Arme griff. Das Eis brach ganz als Yuen-Lao und ich ihnen unsere Namen nannten. In ihren Augen glimmte ein kleines Fünkchen Hoffnung auf, das keine Macht der Welt jemals wieder löschen könnte.

Sogar im tiefsten Inneren des Palastes von Kutous, der eigentlich so gut wie komplett von der Außenwelt abgeschottet war, hatte man bereits von dem kleinen Rebellentrupp gehört, der von dem Schwertschmied Yuen-Lao und einem gewissen Ayuru angeführt wurde. Die Beiden uns ihre Männer machten den Truppen Kutous mehr als nur ein wenig Schwierigkeiten. Zufrieden grinsten Yuen-Lao und ich uns an. Wenn das mal kein Erfolg war.

So schnell wie möglich wurden die Sachen der Gefangenen (es war mir zuwider ein anderes Wort als dieses zu verwenden) zusammengepackt und in kleine Gruppen aufgeteilt. Nicht einer von ihnen wollte zurückbleiben obwohl sie alle das Risiko einer Flucht kannten. Wenn wir erwischt werden, dann würden wir alle sterben. Aber der Tod war immer noch besser als dieses Schicksal zu erleiden.

Ich bewunderte die Männer für ihre eisernen Mienen als wir mit den Gefangenen, die Gänge des Palastes durchquerten. Unter all den Menschen die uns begleiteten befanden sich ihre Familien und sie zeigten nicht die geringste Regung in ihren Gesichtern. Ebenso umgekehrt. Die Mienen der Frauen und Kinder wirkten dermaßen bedrückt, daß ich mich wiederholt fragte ob wir auch tatsächlich das richtige taten.

Keiner der Wachposten, die wir passierten schöpfte Verdacht. Immerhin trug der Befehl den ich ihnen auf ausdrückliches Verlangen unter die Nase hielt das Siegel des Kaisers und die Unterschrift des Shoguns. Eine bessere Eintrittskarte konnte es gar nicht geben. Nur wenn man ganz genau hinsah konnte man erkennen, das es sich um gutgemachte Fälschungen handelte. Obwohl ich stark anzweifelte das es irgend jemanden außer Shokitei und Ayuru auffallen würde.

Problemlos gelangten wir zu den Stallungen und da ich dort in meiner Funktion als Feldmarschall eine nicht angekündigte Truppeninspektion durchführte nutzten meine Männer die Gelegenheit um alle Gefangenen in die Ställe zu bringen. Sie würden ungefähr eine halbe Stunde brauchen um die Wagen anzuspannen und zu beladen.

Es machte mir einen Heidenspaß die Soldaten in einer Reihe von der einen Seite des Hofes zur anderen und zurück exerzieren zu lassen. Natürlich sparte ich nicht mit Beschimpfungen was für ein armseliger Haufen sie doch seien und so weiter. Zum Glück sah keiner von ihnen Yuen-Laos breites Grinsen. Er hatte wie zuvor ich einen Schal um die unter Hälfte seines Gesichtes gewickelt und einem mit riesigen Federn verzierten Helm auf.

Der metallene Klang eines Hammers auf einem Amboß war das Zeichen, das unsere Männer bereit waren. Laut bellte ich den Soldaten den Befehl zu als Strafe für ihre Unfähigkeit eine Runde um die gesamte Kaserne zu machen. Damit würden wir genügend Zeit haben um die Wagen zum Haupttor zu bringen und dieses zu öffnen.

Das Problem war nur, daß ich auf dem Weg dorthin erkannt wurde. Es war derselbe Soldat, dem wir die Nachricht für den Shogun Kutous mitgegeben hatten und er hatte uns kein bißchen verziehen, das es uns gelungen war ihn in die Falle zu locken. Und er stand genau zwischen mir und meinen Männern. Jetzt gab es nur noch eine einzige Möglichkeit den Plan erfolgreich durch zuführen. Ich müßte viel früher als geplant zurück bleiben und die Soldaten von den Anderen ablenken.

Glücklicherweise kannte ich innerhalb der Palastmauern wesentlich mehr Schleichwege als jeder andere Bewohner. Es sollte kein allzu großes Problem darstellen die Soldaten abzuhängen. Also rammte ich meinem Gegenüber ohne Vorwarnung die Faust in dem Magen und machte auf dem Absatz kehrt.

Selbstverständlich setzte ihn das nicht außer Gefecht und er schlug augenblicklich Alarm. Woraufhin sich über ein Dutzend Soldaten sofort an meinen Fersen heftete. Fluchend befreite ich mich von Helm und all den Teilen einer Rüstung, die bei einer Flucht sowieso hinderlich sind. Im Kasernenhof würde ich keine allzu große Chance haben ihnen zu entwischen. Also mußte ich es irgendwie schaffen auf die Mauer zu kommen. Leider wußten das meine Verfolger ebenfalls und schnitten mir den Weg ab. Gut, dann eben anders. Ich rannte zurück zu den Ställen nur um festzustellen, das man mich dort bereits ebenfalls erwartete. Verdammt!

“Ayuru! Hier lang!“ Im gestreckten Galopp ritt Yuen-Lao auf mich zu ohne darauf zu achten, daß es links und rechts um ihn herum inzwischen Pfeile regnete. Ich verwünschte den Tag an dem ich ihn kennengelernt hatte. Warum konnte er sich denn nicht an den Plan halten? Mal abgesehen davon, daß er seinen Hals für nichts und wieder nichts riskierte. Eine Fluchtmöglichkeit bestand nach wie vor. Auch, wenn sie mir wie ich zugeben muß erst verdammt spät einfiel.

Zu spät wenn man sich gerade Yuen-Laos heroischen Rettungsversuch ansah. Seufzend streckte ich ihm meine Hand entgegen und ließ mich aufs Pferd ziehen. Augenblicklich riß er kräftig an den Zügeln und wendete sein Pferd. Zu unserem Glück überrumpelte er so die Soldaten und ihre Pfeile sausten weit über uns hinweg.

“Dir ist schon klar, daß das hier nicht zum Plan gehört, oder?“ Er stieß ein verächtliches Zischen aus als er ein paar Soldaten ausweichen mußte.

“Als wenn ich euch einfach so zurücklassen würde.“ Ich reagierte nicht darauf sondern überzeugte mich statt dessen davon, daß unsere Leute bereits die Tore passiert hatten. Gut, wenigstens sie waren in Sicherheit. Die Soldaten waren so sehr auf uns fixiert, das sie gar nicht merkten was direkt in ihrem Rücken geschah. Mit einem Knuff in die Seite teilte ich das auch Yuen-Lao mit und ohne, das wir uns abgesprochen hätten wendete er das Pferd erneut und hetzte auf die Tore zu.

Trotz des zusätzlichen Gewichtes und der Behinderung durch mich (immerhin mußte ich mich ja an irgendetwas festhalten und das war nun mal sein Rücken) zog er sein Schwert mit einer Gewandtheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Mit zwei kurzen Schlägen durchtrennte er die Seile, des Fallgitters. Mit ohrenbetäubendem Lärm sauste es zu Boden. Niemand würde unseren Leuten jetzt noch folgen können. Allerdings war damit auch unser Fluchtweg versperrt.

Die Soldaten hinter uns brachen in wildes Jubelgeschrei aus. Sie waren sich sicher, daß wir ihnen nicht mehr entkommen konnten. Pech für sie, das ich es besser wußte. Bevor Yuen-Lao überhaupt registrierte was ich vorhatte griff ich an ihm vorbei in die Zügel und trieb das Pferd auf den Wall der Palastmauer. Beinahe wäre ich gemeinsam mit Yuen-Lao zu Boden gestürzt als das Tier tödlich getroffen zu Boden sackte. Im letzten Moment gelang es uns abzuspringen. Keuchend verfolgten wir den Fall des leblosen Körpers ehe ein erneuter Pfeilhagel über uns niederging. Wie von selbst zog auch ich mein Schwert und schnappte mir gleichzeitig Yuen-Laos Hemdsärmel.

“Was auch immer du tust weich bloß nicht von meiner Seite. Klar?“ Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, aber es war nicht der Zeitpunkt unnötigen Fragen zu stellen, das wußte er. Fieberhaft arbeitete ich an einer Lösung wie ich ihn hier heil wieder rausbringen konnte während wir über die einzelnen Dächer des Palastes flüchteten. Dicht gefolgt von den Soldaten des Kaisers, die wie Kletten an uns hingen. Unser einziger Vorteil bestand darin, das ich mich in klein wenig besser im Palast auskannte als sie.

Keuchend landete ich auf dem weichen Rasen eines kleinen Gartens, der sich kunstvoll zwischen drei Gebäudeteilen entlang schlängelte. Yuen-Lao schnappte neben mir nach Luft während ich ihn fest an die Wand drückte. Unter diesem kleinen Vordach dürften uns die Soldaten eigentlich nicht entdecken. Und richtig! Sie blieben auf dem Dach und stürmten an uns vorbei. Erleichtert sank ich in die Hocke. Für den Moment waren wir in Sicherheit.

“Das war ganz schön knapp.“ Mit einer Hand wischte ich mir einige lästige Haarsträhnen und etwas Schweiß aus dem Gesicht bevor ich den Zopf löste und sie neu zusammenband.

“Ihr seit vollkommen wahnsinnig. Wißt ihr das?“ Das wärme Lächeln in seinen Zügen strafte diese Worte lügen.

“Mag sein. Komm jetzt! Wir müssen uns beeilen.“ Ich hatte keine Lust mich auf irgendwelche Diskussionen mit ihm einzulassen. Die Soldaten würden nicht ewig auf der falschen Fährte bleiben. Er hielt mich Hand zurück.

“In meinem ganzen Leben bin ich noch nie einer Frau wie euch begegnet.“ Ich wich seinem Blick aus und setzte mich erneut in Bewegung. Er seufzte leicht und folgte mir dann. Verdammt! Ich komme mir richtig mies vor. Er weiß nichts von dem, was ich vorhabe. Ich hoffe nur er verzeiht mir.

Wie zwei Diebe schlichen wir uns durch diverse Dienstbotengänge und Gärten. Solange uns die Soldaten in der falschen Richtung vermuteten mußten wir uns noch nicht einmal viel Mühe geben unentdeckt zu bleiben. Es geschah ohnehin selten, daß sich überhaupt jemand in diesen Teil des Palastes verirrte. Hier lebten die von Shokitei verstoßenen Diener und Konkubinen und keiner, dem etwas an seiner Stellung lag würde sich freiwillig hierher begeben. Im Prinzip konnten diese armen Wesen einem nur noch Leid tun. Sie lebten eingesperrt in ihren Zimmern immer in der Hoffnung durch ein Wort oder eine Gestik Shokiteis endlich von ihrer Existenz erlöst zu werden.

Doch, wenn es überhaupt einmal soweit kam, dann endeten sie meist als Leichen im Fluß oder als Futter für die Hunde. Keiner von ihnen war zu beneiden, aber sie zu befreien hätte auch keinen Sinn gehabt. Ein Leben ohne Shokitei war für diese armen Kreaturen nicht mehr vorstellbar. Ihr Wille war derartig gebrochen, das sie sich niemals freiwillig von hier entfernen würden oder außerhalb des Palastes überleben könnten. So grausam es klingt, aber es war besser wenn sie blieben wo sie waren.

Das erklärte ich auch Yuen-Lao dessen Gesicht merklich an Farbe verlor. Seine Frage woher ich all dies wußte ließ ich unbeantwortet. Erst als ich ihn in einen engen, dunklen Gang schob hatte er anscheinend wieder genügend Puste um mir auf die Nerven zu gehen. Daß ich keine seiner Fragen beantwortete störte ihn dabei nicht im Geringsten. Als er nach fünf Minuten immer noch auf mich einredete riß mein Geduldsfaden. Was vielleicht auch an der kleinen Tatsache lag, das wir uns allmählich dem Ausgang näherten. Ab da würde es wieder gefährlich werden. Es waren die letzten Meter unserer Flucht und ich hatte nicht vor mich jetzt noch erwischen zu lassen. Aufgebracht drückte ich ihn gegen die Wand und hielt ihm mit einer Hand den Mund zu.

“Verdammt noch mal! Sei endlich still! Wir haben es fast geschafft.“ Das er im selben Moment seinen Arm fest um meine Hüfte schlang und mich fester an sich drückte brachte mich nur noch mehr in Rage. Ärgerlich riß ich mich von ihm los. Doch so leicht ließ er sich dieses Mal nicht abspeisen. Ehe ich mich versah hatte er nun mich an die Wand gedrückt und schob ein Knie zwischen meine Beine. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

“Lao laß den Quatsch! Wie müssen uns beeilen.“ Ich versuchte seinem Blick auszuweichen, aber er zwang mich ihn anzusehen. In seinen Augen loderte ein warmes Feuer, das mir allmählich Unbehagen bereitete. Anscheinend hatte er es viel zu lange in seinem Inneren verborgen.

“Ihr seit wirklich unglaublich.“ Erneut versuchte ich ihm auszuweichen, aber seiner Hand, die zärtlich an meiner Wange entlang striff konnte ich nicht entkommen. Ich startete einen halbherzigen Versuch ihm eine Ohrfeige zu verpassen, da ich ihn nicht noch mehr verletzen wollte als ich es bereits vorhatte. Er fing meine Hand lächelnd ab und hauchte einen sanften Kuß darauf.

“Lao nicht.“ Er schüttelte leicht den Kopf und dann berührten seine warmen Lippen behutsam die meinen. Ich biß die Zähne zusammen und versuchte die aufkeimende Panik in mir niederzukämpfen. Das hätte niemals passieren dürfen!

“ Es tut mir leid.“ Langsam löste er sich wieder von mir. Er sah betreten zu Boden. Ich schüttelte mich kurz um alles was mir im Moment durch den Kopf schoß wieder loszuwerden. Allein voran das Bild von Tenkou der triumphierend vor sich hinlachte.

“Komm jetzt.“ Er sah mich überrascht an sagte aber nichts. Wie sollte ich ihm auch erklären, daß ich kurz davor gestanden hatte ihm einfach mein Schwert durch den Leib zu stoßen? Dieser kurze Moment hatte ausgereicht um mir all das in Erinnerung zu rufen, was Tenkou mir in den zurückliegenden Nächten angetan hatte. Er hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Wenn schon eine so vorsichtige Annäherung eines Mannes ausreicht um mich zu solchen Gedanken zu verleiten. Einzig und allein das Wissen, das Yuen-Lao mich niemals verletzten würde und das seine Gefühle für mich echt waren hatte mich davon abgehalten. Ich würde jedoch niemals in der Lage sein würde diese zu erwidern. Er tat mir unendlich leid, aber ich würde nicht nur ihn sondern auch mich selbst betrügen wenn ich jetzt zusammen mit ihm floh.

Als wir den Gang verließen blendete uns das Sonnenlicht, das sich im Wasser unter uns brach für etwa zwei Sekunden. Erst danach begriff Yuen-Lao wo wir uns befanden. Wir waren am der Rückseite des Palastes angekommen, an den dessen äußerster Mauer ein Fluß grenzte. Genauer gesagt standen wir auf einem dünnen Sims und es gab nur zwei Möglichkeiten für uns weiterzukommen.

Erstens: Sich einfach knapp fünfzehn Meter in die Tiefe fallen zu lassen und zu hoffen, daß einen die Strömung weit genug vom Palast wegtreibt bevor man entdeckt wird.

Und Nummer zwei? Tja, das erfordert Körperkraft und etwas Kletterarbeit. Wenn man sich von hier bis nach oben kämpft kann man problemlos auf dem Dach der Palastmauer entlang laufen bis man ein dichtes Waldstück im Südwesten erreicht. Von dort aus ist es eigentlich fast unmöglich von den Wachen entdeckt zu werden. Der Wald wuchert schon seit Jahren vor sich hin und niemand kümmert sich darum. Immerhin soll es dort schließlich spuken. Wer wohl für dieses Gerücht verantwortlich ist?

Reiflich geschafft ließ ich mich von Yuen-Lao auf das Dach ziehen und holte erst einmal tief Luft. Noch knappe zehn Minuten und wir haben es endlich geschafft, dann sind wir in Sicherheit. Lächelnd wies ich mit einer Hand auf die hinter den Dächern aufblitzenden Baumkronen.

“Wer als erster da ist hat gewonnen.“ Kopfschüttelnd sah er mich an. Anscheinend ist er nicht sonderlich überzeugt, daß ich ein Wettrennen noch schaffen würde. Als wenn er besser aussieht. Fast vier Stunden sind wir jetzt schon vor den Wachen geflüchtet. Das schlaucht ganz schön. Aber jetzt haben wir es fast geschafft.

“Da sind sie!“ Oh shit! Das darf doch einfach nicht wahr sein! Warum müssen die uns denn ausgerechnet jetzt noch entdecken?!

“Lao! Lauf!“ Doch statt dieser doch recht deutlichen Anweisung nachzukommen blieb er wie versteinert stehen. Ärgerlich stieß ich ihm in den Rücken damit er sich endlich in Bewegung setzte aber auch das brachte rein gar nichts. Verdammt! Ich habe nicht vor mich ausgerechnet hier und jetzt erwischen zu lassen. Nicht so dicht vorm Ziel! Ein genervter Blick an ihm vorbei zeigte mir dann allerdings den Grund für seine Bewegungslosigkeit. Von der anderen Seite der Mauer näherten sich uns über ein Dutzend Soldaten, die sobald sie das Dach erreicht hätten uns den Fluchtweg abschneiden würden. Das wird verdammt knapp werden. Ich hoffe nur es funktioniert. Wenn nicht stecken wir ganz gewaltig in der Klemme.

Ohne jede Vorwarnung ließ ich mich zur Seite fallen und zog Yuen-Lao mit mir. Mit einem Affenzahn sausten wir auf die Kante des Daches zu und wären wohl beide elegant im Fluß gelandet, wenn wir nicht unseren Fall gerade noch rechtzeitig abgebremst hätten. So hingen wir mehr oder weniger zwischen Dach und sicherem Absturz fest. Wenigstens solange bis die Soldaten spitz kriegen, daß wir uns immer noch auf dem Dach befinden.

“Verratet mir nur eins. Was bringt uns das?“ Müde lächelte ich ihn an.

“Dir eine ganze Menge. Mir hingegen rein gar nichts.“ Er starrte mich an als hätte ich soeben meinen Verstand verloren.

“Sorry Lao.“ Mit einem Tritt sorgte ich dafür, daß er den Halt verlor und fiel. Den Blick seiner vollkommen überraschten Augen werde ich wohl niemals vergessen können. Es war der Blick eines Mannes, der einfach nicht begreifen konnte was da soeben mit ihm passiert und das er verraten worden war. Um das Geräusch seines Aufpralls im Wasser zu Überbrücken löste ich einige der Dachschindeln und warf sie wild um mich. Dadurch würde keine der Wachen vermuten, daß überhaupt irgend jemand in den Fluß gefallen war. Sie würden annehmen, daß es sich lediglich um ein Ablenkungsmanöver handelte. Wenigstens hoffte ich das.

Ein kurzer Blick verriet mir, das Yuen-Lao den Sturz unbeschadet überstanden hatte und bereits von der Strömung abgetrieben wurde. Er winkte mir hektisch zu, doch hatte nicht die Absicht ihm zu folgen. Es gab für mich nur einen einzigen Grund überhaupt in den Palast einzudringen und den würde ich jetzt suchen.

Entschlossen löste ich noch ein weiteres Dutzend Dachschindeln und ließ mich durch das entstandene Loch ins Innere der Mauer fallen. So stellte ich zumindest sicher, daß die Soldaten mir folgen würden. Eine deutlichere Spur über unseren Verbleib konnte es kaum geben. Selbstverständlich barg das Ganze ein nicht gerade kleines Risiko. Wenn nämlich plötzlich sämtliche Wachen, die vorher zwei Personen gejagt hatten nur noch hinter einer her waren, dann würden sie diese über kurz oder lang auch stellen. Es sei denn man ist schlauer als sie und kennt ein gutes Versteck.

Wie ein gehetztes Kaninchen rannte ich durch die Weiten des Palastes und hoffte einfach nur schnell genug zu sein. Es gab nur noch einen einzigen Ort an dem ich wenigstens für einen kurzen Moment sicher war. Und richtig! Da sind sie schon! Die großen Flügeltüren, die den hinteren Eingang zum Thronsaal bilden. Keine der Palastwachen würde diesen Raum ohne ausdrücklichen Befehl betreten. Aufatmend schloß ich die schwere Tür hinter mir und schob den Riegel davor. Geschafft!

Erleichtert lehnte ich mich gegen das warme Holz. Das ist ganz schön knapp gewesen. Ich wollte mich gerade wieder in Bewegung setzen als mich etwas stutzig machte. Dafür, daß der Thronsaal um diese Tageszeit normalerweise leer war herrschte ein doch recht reger Betrieb. Sämtliche Hofschranzen sowie einige Wachen hatten sich versammelt und selbstverständlich saß auch Shokitei über irgend etwas höchst erfreut auf seinem Thron. Glücklicherweise verbarg mich ein riesiges Holzmosaik vor den Augen all derjenigen, die sich im Saal befanden. Das Mosaik verbarg die Tür vollkommen und durch diesen kleinen Trick konnte Shokitei ziemlich pompöse und auch überraschende Auftritte durch Dutzende von Seidenvorhängen hinlegen und ebenso wieder verschwinden. Im Moment rettete mir diese kleine Einrichtung jedoch das Leben.

Es gelang mir mich unbemerkt bis fast genau hinter den Thron zu schleichen. Damit gewann ich gleichzeitig einen genauen Überblick über die Situation. Kann mir bitte einmal irgendjemand erklären was zum Geier Yui und Miaka hier machen? Ich denke die sind beide wieder sicher in unserer Welt zurückgekehrt.

“Dann bist du die Suzaku no Miko?!“ Allein der Klang dieser tiefen, dunklen Stimme ließ mein Herz schneller schlagen. Ich wußte nur zu gut wem sie gehörte. Vorsichtig linste ich ein klein wenig hinter meiner Deckung hervor. Und richtig, da stand er. In voller Rüstung, eine Schriftrolle in der Hand, blondes Haar in dem die Sonne spielt… Ayuru!

Endlich, endlich hatte ich ihn gefunden. Ich biß mir auf die Zunge als sich ein Seufzer der Erleichterung von meinen Lippen lösen wollte. Nicht jetzt! Im Moment darf mich niemand entdecken. Aber es tat unendlich gut ihn zu sehen. Er hatte sich kein bißchen verändert. Er strahlt immer noch diese sichere Ruhe aus, die ich so sehr an ihm liebe.

“Du mußt Konans Suzaku no Miko sein! Das habe ich von Anfang an geahnt...“ Oh, oh das hört sich allerdings gar nicht gut an. Das wird Schwierigkeiten geben.

“PACKT SIE!“ Shokiteis Befehl verpaßte mir fast einen Herzinfarkt. Augenblicklich waren Miaka und Yui von einem Dutzend Soldaten umzingelt, deren Waffen sie in Schach hielten. Super und was mache ich jetzt? Soll ich die Beiden hier lassen? Verdammt noch mal! Was wollen die zwei überhaupt hier? Kutou ist kein Ort für sie. Warum sind die nicht in Konan geblieben wo sie in Sicherheit waren? Oh nein! Sag mir jetzt bitte nicht, sie sind hier weil sie mich suchen. Bitte nicht!

Ein plötzlich herausstürmender Soldat lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit aller auf sich. Gleichzeitig war es auch meine Chance näher an Shokiteis Thron heranzukommen. Der war glücklicherweise ebenso abgelenkt wie alle anderen. Gelassen lehnte ich mich gegen die linke Seite des Throns und zog bedächtig mein Schwert aus der Scheide. Vergessen wir einfach daß mit dem unauffällig durch den Palast streifen und Ayuru finden. Das klappt ohnehin nicht mehr.

“Verzeiht, ein Verdächtiger hat das Tor durchbrochen und ist in das Schloß eingedrungen!!“ Hört, hört.

“Wir haben versucht ihn aufzuhalten, aber er ließ uns keine Chance!“ Mit einem leichten Grinsen preßte ich den kalten Stahl unter Shokiteis Kinn. Er schluckte kurz und noch bevor er den Mund aufmachen konnte raunte ich ihm eine Warnung ins Ohr.

“Ein Wort und du bist ein toter Mann.“ Um ehrlich zu sein fiel es mir in diesem Moment wahnsinnig schwer ihm nicht einfach an Ort und Stelle die Kehle durchzuschneiden. Nach allem, was er Ayuru angetan hatte, hatte er nichts anderes verdient. Aber dadurch wäre weder Miaka, Yui, Ayuru oder mir geholfen. So zwang ich mich den Blick von ihm abzuwenden um nicht doch noch in Versuchung zu geraten. Es hilft alles nichts. Zuerst muß ich die Mädchen hier rausbringen. Keisuke reißt mir den Kopf ab, wenn ich zulasse daß seiner kleinen Schwester etwas passiert.

“Wie wäre es, wenn jetzt alle Wachen ganz schnell ihre Waffen sinken lassen würden?“ Sämtliche Blicke lagen auf mir und mit purer Genugtuung drückte ich die Klinge noch ein klein wenig stärker an Shokiteis Kehle.

“Oder liegt euch etwa nichts am Leben eures Kaisers?“ Hilfesuchend sahen die Soldaten ihren Shogun an, doch Ayurus Miene war ausdruckslos. Mein plötzliches Auftauchen hatte ihn ebenso sehr aus der Fassung gebracht wie die Soldaten.

“Sempai? Bist das DU?!“ Diese Frage kam fast wie aus einem Mund. Grinsend winkte ich Miaka und Yui mit der freien Hand zu.

“Überraschung!“ Ihre Münder standen so weit offen, das man meinen könnte gleich würde sich ein Vogel dort einnisten oder ihr Kinn auf den Boden treffen. Es sah einfach zum schießen aus. Mühsam verbiß ich mir das Lachen.

“Die Waffen runter.“

“Aber Shogun...“

“SOFORT!“ Ayurus Befehl duldete keinerlei Widerspruch und so entfernten sich nach und nach die Speerspitzen von Miaka und Yui. Shokitei stöhnte neben mir auf. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen verringerte ich den Druck auf seine Kehle etwas. Ein ohnmächtiger Kaiser würde mir rein gar nichts bringen.

“Was willst du?“ Das wütende Aufblitzen in Ayurus klaren, blauen Augen brachte mich fast aus dem Konzept. Wie lange habe ich schon darauf gewartet ihm endlich gegenüberzustehen? Warum muß es ausgerechnet so eine Situation sein? Es hätte doch eigentlich ganz anders laufen sollen.

“Nicht viel. Wie wäre es für den Anfang mit freiem Abzug für mich und die Mädchen?“ Das leichte Grinsen, das um seine Lippen huschte ließ mich frösteln. Anscheinend ist ihm gerade ebenfalls klar geworden, daß es nicht sonderlich klug wäre hier und jetzt durchblicken zu lassen, daß wir uns kennen. Was bedeutet, daß ich mich von nun an nicht mit dem Ayuru rumschlagen muß den ich kenne sondern dem Shogun Kutous. Besser bekannt als Seiryuu Seishi Nakago. Ein Gegner, den man nicht unterschätzen sollte und gegen den ich im Ernstfall nicht die geringste Chance haben würde.

“Abgelehnt.“ Ich schluckte. Das sieht ganz und gar nicht gut aus. Und wenn ich das dunkle Funkeln in seinen Augen richtig deute wird er mich für das hier noch ziemlich leiden lassen.

“Los ihr zwei! Rennt endlich!“ Sie sahen mich an als käme ich von einem anderen Planeten.

“Verdammt noch mal macht, daß ihr wegkommt!“ Das löste ihre Erstarrung. So schnell es ging flohen sie aus dem Saal. Zumindest das wäre geschafft.

“Sehr mutig von dir ihnen die Flucht zu ermöglichen. Doch es wird euch nicht helfen.“ Vernichtend sah ich zu ihm herunter. Er badete in einer solchen Selbstsicherheit, daß es selbst mir auf die Nerven zu gehen begann. Dabei wußte ich nur zu genau, daß darin der Trick des Ganzen lag. Ruhig bleiben, den Gegner zur Weißglut treiben und sich niemals in die Karten sehen lassen. Im Prinzip wie beim Poker. Mal sehen wer von uns dieses Mal das bessere Blatt hat. Er kam einen Schritt näher.

“Bleibt wo ihr seit! Oder-“ Ich stöhnte auf als sich ein Griff wie pures Eisen um mein rechtes Handgelenk schloß. Auch meine Beine begannen unter mir nachzugeben. Stimmt! Das hatte ich fast vergessen. Er spielt nicht fair.

“Oder was?“ Triumphierend sah er mich an während auf seiner Stirn deutlich das Zeichen für Kokoro blau aufleuchtete. Fluchend ließ ich das Schwert fallen und zog meine Hand schützend an mich. Das ist so etwas von unfair! Wie soll man noch eine Chance haben, wenn er seine Seishi Kräfte einsetzt?

“Warte! Du kleiner Bastard!“ Erschrocken wich ich einen Schritt zurück als Shokitei wütend auf mich zu stürmte. Keine zwei Zentimeter vor meiner Nase sauste eine Dolchklinge vorbei. Während ich vollkommen damit beschäftigt war dem Kaiser auszuweichen gab Ayuru den Soldaten Befehle die entflohenen Mädchen wieder einzufangen. Aber warum ist er so scharf darauf, das Yui dabei nichts passiert?

Viel Zeit mir darüber Gedanken zu machen hatte ich allerdings nicht mehr, da ich plötzlich buchstäblich den Boden unter den Füßen verlor. Shokitei hatte es erfolgreich geschafft mich soweit zurück zu drängen, dass ich die Treppe, die zu seinem Thron hinaufführte herunterfiel. Warum konnte ich denn nicht auf das Relief in der Mitte fallen? Warum müssen es unbedingt die Stufen sein? Und vor allem warum muß ich auch noch jede einzelne davon treffen? Stöhnend blieb ich einen kleinen Moment am Boden liegen. Es gab keinen Punkt an meinem Körper mehr, der mir nicht wehtat.

“Ergreift ihn!“ Kalt wie Eis drang Ayurus Stimme zu mir. Ich wußte, daß mir nur eine einzige Chance blieb wenn ich den Soldaten jetzt noch entkommen wollte. So schnell es ging kämpfte ich mich auf die Beine und steuerte die nächstbeste Tür an. Keine Sekunde zu früh, denn die ersten Soldaten hatten mich schon beinahe erreicht. Mit einem Hechtsprung zur Seite gelang es mir gerade noch so eben ihnen zu entkommen. Mit einer Rolle vorwärts verhinderte ich, das ich erneut zu Boden ging und setzte meine Flucht fort.

Was auch immer Ayuru damit bezweckte seine Revanche für meinen kleinen Auftritt hatte er bereits erhalten. Fast sämtliche Wachen des Palastes waren hinter mir her und ich verwünschte den Tag an dem ein gewisser Herr den Posten als Shogun angenommen hatte. Was muß er seine Arbeit auch immer so verdammt gut und gründlich machen!

Nur Dank meines Wissens über die unzähligen Geheimgänge im Inneren des Palastes gelang es mir immer wieder zu entwischen, aber das war keine Dauerlösung. In keinem der Gänge würde ich mich lange genug verstecken können bis sie endlich aufgaben. Es war viel zu riskant dort plötzlich von einem Diener oder noch viel schlimmer von einem Soldaten entdeckt zu werden. Und da ich so ganz nebenbei auch noch die Flucht von Miaka und Yui decken wollte blieb mir nichts anderes übrig als noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Dumm nur, das sie meinen kleinen Trick von wegen über die Dächer des Palastes fliehen schon kannten. Beim ersten Mal sind sie noch überrascht gewesen, das jemand überhaupt auf diese Idee kommt. Aber jetzt sind sie vorbereitet. Was bedeutete, daß sie mir in regelmäßigen Abständen etliche Ausweichmöglichkeiten abschnitten. Ayuru hatte seine Männer wirklich verdammt gut im Griff. Während sie mich jagten suchte er mit einem wesentlich kleineren Trupp nach Miaka und Yui. Etwas, was mir ganz und gar nicht paßte aber ich auch nicht ändern konnte. Wenigstens nicht im Moment. Ich war vollkommen damit ausgelastet damit den Soldaten die hinter mir her waren zu entwischen. Die Beiden mußten es ohne mich schaffen. Ich hoffte nur, dass sie das auch packen. Ayuru ist kein einfacher Gegner, das hat mir unser gemeinsames Kampftraining mehr als nur einmal bewiesen. Seltsamerweise hat er es nach wie vor noch nicht ein einziges Mal geschafft mich zu besiegen. Wenigstens solange, er sein Kräfte nicht einsetzte.

“Da drüben ist er! Schneidet ihm den Weg ab!“ Oh shit! Wo kommen die den plötzlich alle her? Sind da überhaupt noch Soldaten im Palast oder turnen die mittlerweile alle auf den Dächern herum? Fluchend mußte ich feststellen, daß man mich bereits so gut wie eingekesselt hatte. Würde ich noch länger auf dem Dach bleiben erwischen sie mich innerhalb der nächsten zehn Minuten. Was bedeutet, daß ich schleunigst hier runter kommen sollte. Nur leider sind sie ebenfalls auf diese glorreiche Idee gekommen. In den überdachten Gängen wimmelte ebenfalls von ihnen und sie warteten nur darauf, daß ich das sichere Dach verließ. Verdammt! Sind die gut. Zu gut, wenn man mich fragt. Aber eine kleine Chance habe ich noch.

Mit einem ziemlich gewagten Sprung und ein wenig Anlauf (was ebenso gut hätte schiefgehen können) brachte ich den nötigen Abstand zwischen mich und meine Verfolger. Noch drei Dächer und ich würde eine Deckung haben in der sie mich ihr Lebtag nicht suchen würden. Ganz zu schweigen davon, das sie niemanden für so dermaßen schwachsinnig halten würden das zu probieren.

Als ich mein Ziel endlich erreicht hatte war ich fast vollkommen aus der Puste. Kein Wunder fast einen halben Tag lang, noch dazu ohne jegliche nennenswerte Pause quer durch den ganzen Palast Kutous zu fliehen zerrt an der Substanz. Zum Glück hatte ich die Soldaten soweit abgehängt, das ich mich momentan außerhalb ihrer Sichtweite befand. Genau das, was ich brauchte. Ich holte tief Luft und sprang dann mit viel Schwung in die in voller Blüte stehende Baumkrone einer Glyziene.

Nur ein vollkommener Idiot würde in einen Baum springen deren Geäst er nicht sehen kann, aber ich kannte diesen hier wie meine Westentasche. In all den Jahren war ich so oft mit Ayuru in den Ästen herumgeklettert, das es einem Sakrileg gleichkommen würde nicht zu wissen wie man nach solch einem Sprung sicher landete.

Allerdings hatte ich einen winzigen Punkt nicht bedacht. Nämlich, das wenn man mit soviel Schwung auf einem Ast landete dieser nachgibt beziehungsweise gelegentlich auch bricht, da sich das Körpergewicht vervielfältigt. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir einem anderen Ast zu erwischen und mein Gleichgewicht zu halten. Ansonsten wäre ich auf dem Boden gelandet. Aufatmend ließ ich mich gegen den dicken Stamm sinken.

Von dem einst toten Baum war kaum noch etwas zu sehen. Die Glyzinie hatte sich in den vergangenen Jahren so dicht um ihn gewickelt, daß man nun sie für den Baum hielt. Nur noch wenige konnten sich daran erinnern wie dieser Ort einst ausgesehen hatte als hier noch ein lebloser Baumstamm gestanden hatte. Die schweren Blüten der Glyzinie überdeckten den Tod, der sich unter ihnen verbarg.

Sanft ließ ich meine Finger über die rauhe Rinde wandern während meine Beine links und rechts von dem Ast herunter baumelten auf dem ich saß. Bis zum Abend würde ich hier sicher sein. Die in voller Blüte stehende Baumkrone schützte mich zuverlässig vor sämtlichen Blicken von außen und gibt mir gleichzeitig Gelegenheit unbemerkt durch das Wirrwarr von Blättern und Blüten zu verfolgen was außerhalb meines Verstecks so vor sich ging.

Nach Sonnenuntergang würde ich mich dann allerdings auf die Suche nach Miaka und Yui machen. Aber erstmal mußte ich wieder zu Kräften kommen. Die Flucht hatte mich doch ganz schön geschafft und da ich den ganzen Tag fast nichts gegessen und getrunken habe macht sich allmählich auch mein Magen bemerkbar. Ich ignorierte ihn und schaffte es sogar ein klein wenig zu schlafen. Das heißt bis mich ein wiederholtes Rascheln direkt unter mir weckte. Die können mich doch unmöglich gefunden haben!

Neugierig späte ich durch das Geäst in Richtung Boden, konnte allerdings nicht sonderlich viel erkennen, da inzwischen die Dämmerung hereinbrach. Ich hatte wesentlich länger geschlafen als ich gedacht hatte.

“Hey Kätzchen!“ Vor lauter Schreck wäre ich fast von dem Ast gefallen. Ayuru?!

“Wie wär's wenn du endlich wach wirst?“ Mein Herz machte einen Sprung als sein blonder Haarschopf für einen kurzen Moment durch das Geäst aufleuchtete. Mich vorsichtig nach allen Seiten absichernd ließ ich mich langsam von Ast zu Ast nach unten gleiten. Wobei mir wieder einmal klar wurde, daß die eigentliche Kunst beim Klettern auf Bäume nicht darin besteht wie man hoch, sondern viel eher darin wie man wieder runter kommt. Da ich mir außerdem nicht sicher war wie lange wir ungestört bleiben würden ließ ich mich schließlich einfach auf einem der unteren Zweige nieder.

“Für eine Katze bist du ganz schön mißtrauisch.“ Ich gab einen knurrenden Laut von mir und in der nächsten Sekunde versank ich in dem Blick seiner leuchtend blauen Augen. Ich schmolz dahin wie Butter in der Sonne.

“Aber bilde nicht ein, daß ich da rauf komme und dich hole.“ Ich grinste ihn an und machte eine Bewegung, die ihm zeigen sollte, daß er in diesem Fall die Bekanntschaft von ein paar scharfen Krallen machen würde.

“Ganz schön frech für eine so kleine Katze.“ Seufzend lehnte er sich gegen den Stamm. Ich verkniff mir mühsam das Lachen, da ich bereits ahnte, was als nächstes kommen würde. Aber ich wurde enttäuscht, er spielte dieses Spielchen nicht weiter. Plötzlich wurde er ernst.

“Du warst verdammt unvorsichtig. Das hätte leicht schiefgehen können.“ Ich lehnte mich ebenfalls gegen den Stamm.

“Das weiß ich, aber so war es am Einfachsten in den Palast zu kommen.“ Er gab ein verächtliches Schnauben von sich was in etwa so viel bedeutete, das ich doch wohl genügend Schleichwege kennen müßte um unbemerkt hier eindringen zu können. Er wechselte erneut das Thema.

“Wie lange bist du eigentlich schon hier?“

“Bitte?“

“Wenn du in Begleitung des meist gesuchten Kriminellen in den Palast von Kutou eindringst mußt du doch wohl schon eine ganze Weile hier sein. Oder willst du mir etwa erzählen, dass ihr euch rein zufällig kennengelernt habt?“ Fast glaubte ich an eine Sinnestäuschung. So wie er sich anhört ist er eifersüchtig. Auf Yuen-Lao? Oder ist er sauer auf mich weil ich mich nicht sofort auf den Weg zu ihm gemacht habe? Nein, das kann nicht sein! Wir hatten abgemacht, daß wenn ich in seine Welt gelangte so vorsichtig wie möglich war, damit Shokitei mich nicht mit ihm in Verbindung brachte. Gut, das mit dem vorsichtig hat nicht ganz geklappt, aber Shokitei bringt mich momentan eher mit Yuen-Lao in Verbindung als mit Ayuru. Trotzdem ist es merkwürdig. Normalerweise reagiert er in meiner Gegenwart selten so gereizt.

“Du hast Recht. Ich bin schon etwas länger hier. Warte drei oder vier Monate glaube ich.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte schweigend zu Boden. Na klasse, er ist wirklich sauer. Dabei habe ich mir doch rein gar nichts zu schulden kommen lassen. Verdammt! Das hier ist wesentlich schwieriger als all unsere bisherigen Begegnungen. Warum ist es dieses Mal nur so verdammt schwer mit ihm zu reden? Es fällt mir doch sonst immer ziemlich leicht ihm das zu sagen was ich fühle oder was mich bewegt. Warum klappt das jetzt nicht?

“Ich bin zuerst in Konan gelandet. Der Weg von dort bis hier war nicht gerade einfach.“ Er gab immer noch keinen Ton von sich. Na gut, dann eben zu dem Teil, der ihn wirklich interessiert.

“Yuen-Lao und die Anderen habe ich tatsächlich durch einen Zufall kennengelernt. Sie haben mich befreit als ein Trupp deiner Soldaten mich gefangengenommen hatte.“ Er hob langsam seinen Blick und ich konnte sehen wir der Zweifel allmählich aus seinen Augen verschwand.

“Und falls du der Ansicht sein solltest mir wäre dabei irgendetwas passiert. Kann ich dich beruhigen. Er und seine Männer glauben nach wie vor, daß ich ein Mann bin.“ Mühsam unterdrückte er ein leichtes Kichern woraufhin ich entrüstet nach unten sah und ihm einen kleinen Zweig auf den Kopf warf. Er beachtete es kaum. Stattdessen wirkte er plötzlich sichtlich zufrieden mit sich und der Welt. Wenigstens soweit ich das von meinem Posten aus beurteilen konnte.

“Du bist also wirklich hier. Sie alle können dich sehen und berühren.“ Seine Stimme drang sanft und zärtlich zu mir hinauf. Erneut versank ich in seinem Blick.

“Hast du jemals daran gezweifelt? Ich habe dir doch versprochen, daß ich einen Weg zu dir finden würde, egal was es kostet.“ Sein Gesicht schmolz zu einem Lächeln dahin. Einem Lächeln, das er einzig und allein mir zeigte. Ich spürte wie mir immer wärmer ums Herz wurde. Dieses Mal wird uns nichts und niemand mehr trennen können.

“Nicht einen einzigen Moment. Ich wußte immer, daß du mich finden würdest.“ Mit ein klein wenig hin- und herrutschen verlagerte ich mein Gewicht und baumelte schließlich kopfüber von dem Ast. Meine gekreuzten Beine verhinderten dabei, daß ich fiel. Seine Augen weiteten sich überrascht als mein Gesicht plötzlich nur noch knapp zwei Zentimeter von seinem entfernt war.

“Und worüber machst du dir dann noch Sorgen?“ Seine Hand striff zärtlich meine Wange entlang.

“Um dich. Meine Männer werden nicht eher Ruhe geben bis sie dich haben. Und dieses Mal werden ihre Waffen nicht einfach durch dich hindurchgleiten.“ Ich grinste ihn an.

“Ja, aber dafür müssen sie mich erstmal erwischen.“ Er stupste mit einem Finger gegen meine Stirn und ich geriet leicht ins Schwanken. Oh bitte nicht. Mir wird so anders.

“Du vergißt wer sie trainiert hat.“ Allmählich schoß mir das Blut in den Kopf. Lange würde ich so nicht mehr hängenbleiben können.

“Hmm... sollte der Shogun von Kutou seinen Soldaten etwa tatsächlich jeden einzelnen Geheimgang des Palastes und sämtliche Schleichwege durch die Gärten gezeigt haben?“ Er grinste mich an und umarmte mich dann so plötzlich, daß mir erstmal die Luft wegblieb. Meine Wange striff über das kalte Metall seiner Rüstung.

“Du solltest besser auf dich aufpassen. Meine Männer sind nicht ungefährlich.“ Mein Magen nutzte diesen äußerst günstigen Moment um ein deutliches Geräusch der Vernachlässigung von sich zu geben. Lachend ließ er mich los und griff hinter sich.

“Ich schätze, du hast Hunger.“ Er drückte mir zwei Lederriemen in die Hand. An dem einen befand sich ein Wasserbeutel am Anderen eine Provianttasche. Beide ziemlich gut gefüllt. Ich mußte aufpassen durch die plötzliche Schlagseite nicht den Halt zu verlieren.

“Danke.“ Mühsam verteilte ich das Gewicht auf beide Arme und fragte mich wie ich wieder auf den Baum raufkommen sollte, als ich Ayurus Hand im meinem Nacken spürte.

“Ich lasse dich nie wieder gehen.“ Sein Atem striff über meine Nase und im nächsten Moment spürte ich seine Lippen auf meinen. Augenblicklich sammelte sich noch mehr Blut in meinen Kopf. Allmählich wurde mir richtig schwummerig. Als er sich von mir löste verschwamm die Welt um mich herum in lauter bunten Punkten.

“Also dann.“ Mit einem Fingerschnippen beförderte er mich auf meinen ursprünglichen Sitzplatz hinauf und ging. Mir war dermaßen schwindelig, das ich mich erstmal nicht mehr rühren konnte. Mit jeder noch so kleinen Bewegung schwankte die Welt um mich herum. Und dabei war das lediglich ein Kuß. Oh… oh… WOW!

Nachdem mein Gleichgewichtssinn wieder soweit hergestellt war, das ich nicht länger befürchten mußte gleich wieder vom Baum zu fallen, öffnete ich eine der Taschen und ließ mir den Proviant schmecken. Alles Gerichte, die Ayuru schon seit seiner Kindheit liebte und eine Süßspeise, die ich schon immer einmal probieren wollte.

Rundum zufrieden genoß ich jeden einzelnen Bissen und merkte nebenbei wieviel Hunger ich eigentlich die ganze Zeit über gehabt hatte. Zwischendurch nippte ich an dem Wasserschlauch und war überrascht wie frisch das Wasser war. Woher hat er das nur? Doch bestimmt nicht von den allgemein zugänglichen Brunnen. Etwas spät merkte ich, daß sich in dem Wasser auch ein nicht unwesentlicher Anteil Alkohol befand. Glücklicherweise bin ich relativ trinkfest und so geschah nichts weiter außer das ich schläfrig wurde.

Erst als die Sterne bereits hoch am Himmel standen wurde ich wieder wach. Inzwischen war mir lausig kalt und da ich Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit davon ausging, das die Soldaten ihre Suche nach mir inzwischen aufgeben hatten war ich auch dementsprechend unvorsichtig. Das man mich bisher nicht entdeckt hatte verdankte ich einzig und allein der Tatsache, das die Glyzinie in einem Garten stand, der nur den mächtigsten Mitgliedern des Hofes zugänglich war. Man brauchte eine besondere Erlaubnis von Shokitei um sich in diesem Bereich aufhalten zu dürfen.

Deshalb war ich auch so überrascht, als in einem der Nebengänge ein Wachsoldat vor mir auftauchte. Der Typ war ebenso überrascht wie ich und nachdem wir uns ein paar Sekunden lang angestarrt hatten gab ich Fersengeld während er nach Verstärkung rief. So ein verdammter Mist!

Fluchend hangelte ich mich erneut auf die Dächer und setzte meine Flucht so gut es ging fort. Dieses Mal gab mir zum Glück die Dunkelheit genügend Deckung. Obwohl die Schreierei jedes Mal von vorne losging sobald ich an einem Wachfeuer vorbeikam beziehungsweise auf dem Dach darüber entdeckt wurde. Wenigstens war ich wieder einigermaßen bei Kräften. Dadurch war es nicht ganz so schwierig den Soldaten auszuweichen, da ich aber nicht vorhatte dieses Spielchen die ganze Nacht über zu betreiben (vor allem nicht, da es inzwischen angefangen hatte zu regnen und zu gewittern) ließ ich mich schließlich von dem Dach eines Tempels fallen. Natürlich nur auf den ersten Blick in Wahrheit war ich dabei verdammt vorsichtig.

Ich hielt mich an der Dachreling fest und tastete nach den Holzverzierungen darunter bevor ich mit einer beinahe akrobatischen Einlage darunter kletterte. Immerhin bot dieser ganze Zierat genügend Platz um sich darin zu verstecken. Zwar unheimlich unbequem, aber so werden mich die Soldaten wenigstens nicht finden. Ein Blitz erhellte die Nacht und ich hätte beinahe einen Schrei ausgestoßen als neben mir plötzlich der Kopf eines Drachens sichtbar wurde. Aber nur beinahe. Hier bin ich also gelandet. Der Tempel von Seiryuu. Grinsend tätschelte ich dem geschnitzten Drachen über die Schnauze.

“Na alter Junge. Paßt du auch gut auf mich auf?“ Als erneut ein Blitz die Dunkelheit erhellte glaubte ich ein Lächeln um sein Maul herum zu sehen. Aber das konnte ich mir ebenso gut eingebildet haben. Wie wäre es sonst zu erklären, das irgendwann kurz bevor ich davor stand einzudösen und mich zum x-ten Mal zu fragen wie es Miaka und Yui wohl ging, das Dach unter den ich saß plötzlich verdächtig knirschende Geräusche von sich gab?

Da ich etwas zu schnell hochschreckte um nach der Ursache zu suchen stieß ich mir natürlich prompt den Kopf. Allerdings hatte ich nicht mehr die Gelegenheit herauszufinden gegen was genau ich gestoßen war, da in diesem Moment auch schon das gesamte Gebäude unter mir nachgab. Das Einzige was ich noch bewußt wahrnahm war, das ich fiel und etwas verdammt Schweres sowohl meinen Kopf als auch meinen Rücken traf. Danach gingen bei mir sämtliche Lichter aus.

 

2003-12-26
edit: 2007-03-09

Fortsetzung:
Kapitel 06 - Freude und Schmerz




Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“





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