Kapitel 06

2004-03-06

Secrets


VI. Freude und Schmerz


Das Erste, was bemerkte als ich wieder zu mir kam waren höllische Kopfschmerzen zu denen sich noch dutzende weitere Stellen meines Körpers meldeten denen, es ebenso ging. Meine Knochen konnte ich jedoch vorerst ignorieren. Mein Schädel hingegen machte mir wesentlich mehr Sorgen.

Er brummte fast noch schlimmer als nach einer ausgiebigen Party und dem anschließend dazugehörigem Kater. Wäre nicht dieses penetrante Ziehen in meinem Hinterkopf gewesen, wäre ich höchstwahrscheinlich auch bei diesem Schluß geblieben. (Obwohl ich genau wußte, das es unmöglich daran liegen konnte.)

Unter den gegebenen Umständen bewegte ich meinen Kopf allerdings erst einmal vorsichtig hin und her um herauszufinden auf welchen Punkt sich die Schmerzen konzentrierten. Durch die Bewegung wurde mir sofort schwindelig und eine warme Flüssigkeit floß meinen Nacken entlang. Diagnose: Platzwunde am Hinterkopf, höchstwahrscheinlich verursacht durch einen herabfallenden Stein. Nur warum ist dieser Tempel vorhin eigentlich so mir nichts dir nichts ohne jede Vorwarnung unter mir (oder viel mehr mit mir) in sich zusammengestürzt?

Da die Wunde fröhlich vor sich hinpochte versuchte ich sie zur Sicherheit vorsichtig abzutasten. Aber meine Hände stoppten, begleitet von einem leichten Klirren, mitten in der Bewegung. Ein langsamer Blick zur Seite (jede schnellere Bewegung führte unweigerlich zu Schwindelgefühl und Übelkeit) zeigte mir auch den Grund dafür.

Während meiner Ohnmacht hatte man meine Handgelenke in schwere Eisenfesseln gesteckt. Die Fesseln hielten meine Arme in einiger Entfernung von meinem Körper und als ich meinen Blick weiter umherstreifen ließ stellte ich fest, das man mich auch noch kniend an die Wand gekettet hatte. Nett! Das erklärt zumindest, warum meine Beine halbtaub sind.

Dank der Ketten es mir unmöglich eine bequemere Sitzposition zu finden. Wenn ich ehrlich war, dann war das auch unnötig. Mein Körper hatte es inzwischen nämlich erfolgreich geschafft mir mitzuteilen, dass es kaum noch einen Muskel oder Knochen gab, der mir nicht wehtat. Daran würde selbst eine andere Sitzhaltung nichts ändern.

Und das ich zu dem im Kerker von Kutou festsaß war eine solch offensichtliche Tatsache, das sie mich nicht einmal mehr interessierte. Im Gegenteil zu der Frage wer mich eigentlich hierher gebracht hatte.

Das Geräusch schwerer Stiefel, begleitet von dem typischen Klirren einer Rüstung brachte mir die Antwort wesentlich schneller als mir lieb war. Es dauerte nicht sonderlich lange und mir gegenüber stand ein Soldat Kutous, der mich grimmig musterte. Selbstverständlich nicht irgendein x-beliebiger Soldat, sondern mein ganz spezieller Freund, der mich schon seit unserer ersten Begegnung so unheimlich gut leiden konnte. Seinem Gesichtsausdruck zu urteilen hat sich an seinen Sympathien mir gegenüber seither nicht das Geringste geändert.

Mehr als Grund genug sich erst einmal schlafend zu stellen. Er hatte noch nicht bemerkt, daß ich wach war. Das Problem ihn auch weiterhin täuschen zu können bestand darin, daß er eine äußerst charmante Art hatte seine Gefangenen zu wecken beziehungsweise diese wieder zu Bewußtsein zu bringen. Dazu gehört nicht viel mehr als ein Eimer eiskaltes Wasser, den er mit viel Schwung über meinem Kopf entleerte.

Vor lauter Schreck brachte ich keinen einzigen Ton raus (dafür zitterte ich um so mehr). Was ihn dazu veranlaßte direkt noch einen weiteren Eimer über meinen Kopf zu entleeren. Der Inhalt wies dieselben sibirischen Temperaturen auf wie sein Vorgänger. Hustend und prustend gab ich ihm zu verstehen, das er es erfolgreich geschafft hatte mich zu wecken und das mich das nebenbei ganz und gar nicht freute.

“Eure Majestät! Er ist wach.“ Bitte nicht! Mein Körper begann noch mehr zu zittern. Dieses Mal allerdings nicht vor Kälte. Gemächlich durchschritt Shokitei die Tür zu meiner Zelle und musterte mich mit einem abwertenden Blick. In seinen Augen war deutlich zu sehen, daß ich für ihn nicht wesentlich mehr galt als Ungeziefer, das man mit einem einzigen Fußtritt zerquetschen konnte.

“Und das soll er sein? Dieser schwächliche Jüngling soll es geschafft haben fast alle meine Soldaten an der Nase herumzuführen?!“ Ich zwang mich dazu die Zähne zusammenzubeißen. Jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort um Shokitei wissen zu lassen, wie sehr ich ihn verabscheute. Ayuru wird Zeit brauchen um mich zu finden. Wenn ich mich jetzt mit Shokitei anlege kann das ziemlich üble Folgen haben. Vor allem für meine Gesundheit oder mein Leben. Je nach dem, wie weit ich gehe.

“Nach allem, was wir über ihn in Erfahrung bringen konnten handelt es sich hier tatsächlich um den schon seit Monaten gesuchten Rebellen Ayuru. Er war es auch, der euren Harem entführt hat.“ Bei dem letzten Satz verschluckte ich mich fast. Entführt?!

“Versuch es mal mit ‚befreit’, das kommt der Wahrheit näher.“ Im nächsten Moment spürte ich bereits seine Faust in meinem Magen. Die Luft entwich aus meinen Lungen und vor meinen Augen begannen Sterne zu tanzen.

“Du gibst es also zu?“ Shokitei schien höchstzufrieden mit sich und der Welt zu sein. Bei diesem Anblick begann es in mir zu brodeln.

“Dann wird es dir doch sicherlich nicht allzu viel ausmachen mir zu verraten wohin mein Eigentum verschwunden ist. Oder?“

“Befrag eine Kristallkugel, wenn du weißt wo du deine Sachen hingelegt hast. Ich kann dir nicht helfen.“ Ein kräftiger Schlag diesmal in Höhe meiner Rippen ließ einige davon schmerzlich protestieren, aber sie gaben zum Glück nicht nach. Wenigstens vorerst. Doch ich war mir nicht sicher, daß das auch so bleiben würde.

“Antworte dem Kaiser gefälligst respektvoll!“ Nachdem der Soldat seine Faust zurückgezogen hatte und ich endlich wieder halbwegs atmen konnte schaffte ich es ihm zu antworten.

“Dafür müßte erstmal einer vor mir stehen.“ Angesichts meiner völlig respektlosen Worte schnappte er hastig nach Luft während er Shokitei fragend ansah. Auf dessen Nicken hin zog er gelassen eine Peitsche hinter seinem Rücken hervor und sah triumphierend auf mich herunter.

“Wiederhol das!“ Seine Stimme klang zuckersüß und ich wusste, was folgen würde, wenn ich gehorchte, aber mein Hass auf Shokitei wurde von Minute zu Minute stärker und verbrannte beinahe all meine Vernunft zu Asche.

Er hatte Matuta, Ayuru und all den anderen Hin so dermaßen viel angetan, das ich bestimmt niemals, aber auch niemals in meinem Leben vor ihm klein beigegeben würde. Und es war vollkommen egal, was ich damit riskierte! Vor diesem feigen Mörder würde ich niemals kapitulieren!

“Gern!“ Honigsüß erwiderte ich sein Lächeln.

“Laß einen echten Kaiser zu mir kommen und ich werde respektvoll mit ihm sprechen. An diesen alten Mann, der noch niemals in seinem Leben so etwas wie Rückgrat bewiesen hat ist jegliche Ehrerbietung verschwendet. Er verdient keinerlei Respekt.“  Kaum hatte der letzte Satz meine Lippen verlassen konnte ich von Glück reden nicht das Bewusstsein verloren zu haben, als die Peitsche plötzlich unerbittlich über meinen Körper sauste. Als er endlich mit seinem Werk zufrieden war schmerzte mein Körper noch mehr als zuvor. Und meine Lippen waren an mindestens einer Stelle aufgeplatzt.

“Wie wäre es, wenn du meine Frage beantwortest?“ Ich stellte mich dumm und nach zwei weiteren ‚Lektionen’ mit der Peitsche kam Shokitei endlich zu dem Schluss, daß er auf diesem Weg nichts aus mir herausbekommen würde. Er gab dem Soldaten ein Zeichen. Mit einem eiskalten Lächeln beugte sich dieser über mich. Instinktiv wich ein zurück.

“Vielleicht bist du gesprächiger wenn du die Schmerzensschreie deines Freundes hörst.“ Für einen kurzen Moment glaubte ich ihm, aber dann fiel mir ein, das Lao und die Anderen entkommen mittlerweile garantiert in Sicherheit waren. Ich selbst hatte dafür gesorgt, daß ihre Flucht gelang.

“Kommt ganz darauf an, wen du meinst. Bei manchen wäre ich bestimmt nicht abgeneigt sie schreien zu hören.“ Mein Blick fiel verheißungsvoll auf Shokitei, was mir einen äußerst schmerzhaften Schlag auf die Wange einbrachte. In diesem Moment schmiss ich all meine bisherige Vorsicht oder besser, das was davon noch übrig war, über Bord und setzte alles auf eine Karte. Aufgebracht funkelte ich die Beiden an. Ayuru wird mich rechtzeitig finden. Er muß einfach!

“Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass einer meiner Männer so selten dämlich wäre sich jetzt noch von euch erwischen zu lassen.“

“Und wenn sie zu deiner Rettung unterwegs waren? Wäre das nicht sehr wahrscheinlich? Immerhin bist du ihr Anführer.“ Scheinbar gelangweilt spielte Shokitei mit seinem Fächer. Dabei ließ er mich allerdings nicht eine Sekunde lang aus den Augen. Dieser Mann hatte etwas von einer giftigen Natter. Sich solange unauffällig wie nötig um an die Beute heranzukommen und dann blitzschnell und tödlich zuschlagen.

“Nein. Keine Chance! Erst wird der Auftrag erledigt, dann die Verluste gezählt. Sie sind bereits in Sicherheit und eure Soldaten werden sie garantiert nicht finden. Von ihnen wird euch kein Einziger in die Hände fallen.“ Damit hatte ich mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und das wußte Shokitei ebenfalls. Falls er nicht bluffte saß ich ganz schön in der Klemme. Aber ich war mir sicher, daß jeder der Männer meinen Befehlen gefolgt war. Sie würden ihre Familien in Sicherheit bringen und Kutou für immer den Rücken zukehren.

“Zeigt mir doch einfach euren angeblichen Gefangenen und ich sage auch ob er zu uns gehört oder nicht.“ Damit hatte ich es erfolgreich geschafft sie aus dem Tritt zu bringen. Selbst der Soldat wich einen Schritt vor mir zurück. Wenn auch nicht für lange.

“Majestät?“ Unsicher sah er zu Shokitei hinüber, der mich immer noch abschätzig musterte. Ich hielt seinem Blick stand und hoffte inständig, daß er mich nicht erkannte.

“Mutig. Wirklich mutig von euch. Ihr bietet mir die Stirn obwohl ihr genau wisst, daß ihr nicht die geringste Chance habt.“ Er zwang mich mit seinem Fächer das Kinn zu heben.

“Manch anderer würde das allerdings auch Wahnsinn nennen.“ Sein Blick bohrte sich unnachgiebig in meinen Augen und was ich dort sah jagte kalte Schauer über meinen Rücken. Ich kannte diesen Blick. Ganz tief darin, noch gut verborgen vor allzu neugierigen Blicken flackerten Leidenschaft und Begehren für seine neue Beute. Diesen Blick hatte ich in den ersten Jahren von Ayurus Gefangenschaft zu oft gesehen. Ich wußte was er nach sich zog und bei diesem Gedanken drehte sich mir der Magen um. Bevor es soweit kommt werde ich ihm die Kehle durchschneiden. Soviel steht fest. Ich lasse nicht zu, daß er noch ein weiteres Leben zerstört!

“Nenn es wie du willst. Aber wer behauptet ich hätte keine Chance? Befrei mich von diesen Ketten und ich zeige dir wie chancenlos ich bin.“ Oh ja, ich weiß nur zu gut, wie dumm es ist ihn noch weiter zu reizen, aber ich kann nicht anders. Es gibt zu vieles das Ayuru durch ihn erleiden mußte. Ganz zu schweigen von all seinen anderen Opfern, die seinem Zugriff jahrelang nicht entgehen konnten.

Lachend gab er mit seinem Fächer einen Klaps auf die Wange und wies den Soldaten an mir eine weitere Lektion zu erteilen. In diesem Fall könnte man es schlicht und einfach mit versuchtem Ertränken vergleichen. Immer und immer wieder tauchte er meinen Kopf in ein Faß, das mit eiskaltem Wasser gefüllt war. Bis meine Lungen so sehr brannten, das ich glaubte jeder Atemzug könnte mein letzter sein.

“Das war erst der Anfang.“ Verächtlich ließ er mein Genick los und ich brach auf dem Boden zusammen. Mein Gesicht war so kalt, das meine Tränen flammende Spuren darauf hinterließen.

“Behalte dein Schweigen bei und du wirst lernen, was echter Schmerz ist.“ Höhnte Shokitei Echter Schmerz? Will er sich über mich lustig machen? Was will er mir noch antun? In den letzten Jahren hat er mir mehr Wunden zugefügt als es je ein Mensch zuvor vermocht hatte und ich habe gelernt mit den daraus resultierenden Narben zu leben. Es gibt nichts mehr, was er mir noch nehmen kann. Dafür ist zu viel geschehen.

“Ach. Und was soll das deiner Meinung nach sein?“ Triumphierend sah er auf mich herunter. Anscheinend hat er bereits mit dieser Antwort gerechnet.

“Oh, uns wird schon etwas Passendes einfallen.“ Sein Lächeln kam dem eines Buddhas gleich und das zufriedene Funkeln in den Augen des Soldaten ließ Böses ahnen. Freut euch lieber nicht zu früh.

“Schade nur, das es außer meinem Leben rein gar nichts mehr gibt, das ich verlieren könnte.“ In diesem Moment fiel bei dem Soldaten der Groschen. Brutal riß er mich an den Haaren zurück und warf einen prüfenden Blick in mein Gesicht. Es hatte wesentlich länger gedauert als ich erwartet hatte.

“Nicht zu fassen! Das ist vollkommen unmöglich.“ Kopfschüttelnd winkte er Shokitei näher zukommen.

“Seht euch das an euer Majestät.“ Dabei zog er dermaßen kräftig an meinen Haaren, das ich dachte meine Kopfhaut würde jeden Moment nachgeben während Shokiteis Augen sich ungläubig weiteten. Ich konnte in diesem Moment zwar nur raten, aber durch die unfreiwillige Badekur hatte sich höchstwahrscheinlich ein Teil Haarfärbemittels verflüchtigt. Was bedeutete, daß ich jetzt erst richtig in Schwierigkeiten steckte.

“Aber das ist unmöglich. Diese Farbe…“ Kopfschüttelnd trat Shokitei einen Schritt zurück und musterte mich eingehend. Sein Blick blieb an meinen Augen hängen.


“Sieh dir seine Augen an. Es ist unglaublich. Damit hätte ich niemals gerechnet.“ Verächtlich ließ der Soldat mich los und stellte sich neben Shokitei. Seine zärtliche Behandlung meines Hinterkopfes hatte zur Folge, daß die Wunde dort aufbrach und ein warmer Strom frischen Blutes meinen Nacken hinunter floß.

“Er ist ein Hin.“ Bar jeder Emotion traf Shokitei diese Aussage. Das Pochen meines Hinterkopfes verstärkte sich währenddessen mehr und mehr. Ich hatte sonst etwas für einen Coolpack oder einen Eisbeutel gegeben, aber das war ebenso unmöglich wie der Versuch, die Beiden davon zu überzeugen mich gehen zu lassen.

“Aber Hoheit, das ist unmöglich wir haben alle Hin-“

“Was?!“ Begehrte ich auf.

“Ausgerottet?! Getötet?! Vergewaltigt!? Gefoltert!? Was meint ihr, was ihr mit ihnen getan habt!?“ Meine Stimme war haßerfüllt und ich konnte ihnen an sehen, daß sie nicht mehr länger an meiner Herkunft zu zweifeln brauchten. Mit diesen Worten hatte ich ihnen genau den Beweis gelieferten, den sich brauchten um sich ganz sicher zu sein.

“Aus einem völlig unsinnigen Grund habt ihr ein ganzes Volk ausgelöscht!“ Ich mußte mich zusammenreißen um mich bei all den Erinnerungen an jenen Tag nicht in Tränen auszubrechen.

“Ihr habt nicht den geringsten Gedanken daran verschwendet was das für Folgen haben könnte!“ Mein Zorn drohte mich zu überwältigen und zum ersten Mal verfluchte ich die Ketten in denen ich hing. Nur zu gerne wäre ich auf Shokitei losgegangen und hätte ihm eine kleine Kostprobe von dem gegeben, was er den Hin angetan hatte.

Es sind so viele Unschuldige gestorben und das nur, weil ein einziger Mann befürchtete, das sie ihm eines Tages vielleicht gefährlich werden könnten. Dabei waren sie seine treusten Soldaten gewesen, auch wenn sie einen anderen Gott verehrten.

“Welche Folgen? Sie sind alle tot.“ Herausfordernd funkelte der Soldat mich an. Was zuviel war, war zuviel! Mit aller Kraft stemmte ich mich gegen meine Fesseln und versuchte ihn zu erreichen. Er schenkte mir ein schiefes Grinsen, das meinen Zorn nur noch weiter anfachte.

“Ich lebe!“ Lächelnd zog er sein Schwert aus der Scheide und trat einen Schritt auf mich zu.

“DAS läßt sich sehr leicht ändern.“ Im Geiste sah ich die Klinge bereits durch den Stoff meiner Kleidung gleiten und mein Herz treffen. Sollte denn alles umsonst gewesen sein? Bin ich nur in diese Welt gekommen um zu sterben? Ohne Ayuru ein einziges Mal gegenüberzustehen? Gewinnt Tenkou am Ende tatsächlich?

“Warte! Ich habe bessere Idee.“ Er stoppte mitten in der Bewegung und sah Shokitei fragend an während dieser sich genüsslich über die Lippen fuhr.

“Immerhin ist er für den Verlust meines Harems verantwortlich. Es ist nur recht und billig wenn er für Ersatz sorgt.“ Meine Nackenhaare sträubten sich wie die einer Katze.

“Niemals!“ Dieses Mal schaffte ich es mich aufzubäumen und halbwegs aufrecht zu stehen. Die Fesseln hielten mich zwar nach wie vor zurück, aber ich kniete nicht länger auf dem Boden. Im gespielten Erstaunen zog Shokitei die Brauen nach oben.

“Es mag dich vielleicht überraschen, aber du wirst in dieser Sache nicht gefragt.“ Grinsend legte er seinen Fächer unter mein Kinn und hob es Stückchen für Stückchen höher. Er ließ sich in keinster Weise von meinen tödlichen Blicken beeindrucken.

“In der Tat, du wirst ein hervorragender Ersatz sein.“ Oh nein! Nicht mit mir, du alter Sack!

“Nur zu! Befrei mich von diesen Fesseln.“ Mein gesamter Haß bündelte sich in meiner Stimme.

“Nimm mir die Ketten ab und ich schwöre dir, sobald wir allein in einen Raum sind wird ihn nur einer von uns ihn wieder lebend verlassen!“ Diese Drohung meinte ich mehr als nur ernst. Mein Innerstes war ein Flammenmeer. Es war reiner Hass, der mich zu überwältigen drohte. Nichts und niemand würde mich davon abhalten können Shokitei zu töten sobald sich mir die Chance dazu bieten würde.

Blutdurst, ein Gefühl, das ich bis zu diesem Moment noch nie verspürt hatte. Und Shokitei hatte sich jedes noch so kleine Stück davon verdient. Ich hatte es ihm schon vor langer Zeit geschworen. Sobald wir uns in seiner Welt gegenüberstehen würden, würde ich ihn töten. Egal, was danach mit mir geschah. Das war etwas, das ich mir selbst und auch Ayuru versprochen hatte. Dieser Kerl würde niemanden mehr etwas antun, der sich nicht wehren konnte. Es sind genug Schreie in der Nacht gewesen. Viel mehr wird es nicht geben. Bald hat das alles ein Ende.

“Verfluchter Bastard!“ Keine Ahnung wie lange der Soldat auf mich einprügelte, aber irgendwann muss ich das Bewusstsein verloren haben, denn ich machte erneut Bekanntschaft mit einem Eimer eiskaltem Wasser und hatte dennoch arge Probleme bei Bewußtsein zu bleiben.

Mir war beinahe alles egal. Außer vielleicht ein paar trocknen Kleidern und einem warmen Bad waren meine Gedanken wie leergefegt. Ich bis die Zähne zusammen als sie mit ihrer ‚Befragung’ wie sie es nannten fort fuhren. Vielleicht konnte man sogar von Glück sprechen, das Shokitei bereits verkündet hatte, das er noch eine andere Verwendung für mich hatte, denn ansonsten hätte mich der Soldat wohl ohne mit der Wimper zu zucken zu einem Klumpen Fleisch und Knochen geprügelt.

“Haltet ein!“ Mühsam hob ich den Blick und funkelte Shokitei an. Mein rechtes Auge war beinahe blind vor Blut.

„Bringt ihn in meine Gemächer.“ Er erwiderte meinen Blick, aber im Gegensatz zu mir hielt er nicht stand. Er schluckte kurz und dann wanderte sein Blick unauffällig zu der Wand hinter mir. Der Soldat hatte von all dem nichts bemerkt, da er genau hinter Shokitei stand und mich eisig musterte. Für ihn sah es so als würden wir uns nach wie vor mit Blicken messen. Nur wußte ich bereits, daß ich gewonnen hatte. Shokitei würde mich nicht anrühren. Wenigstens nicht solange er sich nicht sicher sein konnte, das ich für sein Leben keine Bedrohung darstellte.

“Euer Majestät?“ Räuspernd wandte sich Shokitei um.

“Ich habe es mir anders überlegt. Lasst ihn ein paar Tage darüber nachdenken, was besser für ihn wäre. Ich glaube nach ein, zwei Tagen hier im Kerker wird er sein heutiges Verhalten zutiefst bereuen.“ Um die Lippen des Soldaten legte sich ein äußerst zufriedenes Lächeln.

“Wir ihr wünscht euer Majestät.“ Man konnte ihm ansehen wie sehr es ihn freute, daß er mich noch eine ganze Weile in seiner Reichweite haben würde. Meine Begeisterung darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Die einzig mögliche Alternative, die sich in diesem Moment bot stand jedoch außerhalb jeglicher Fragen. Lieber verrottete ich in Ketten als Shokitei zu Willen zu sein. Tenkou reichte mir als Peiniger mehr als genug. Ich brauchte nicht noch jemanden, der sich an meinem Körper gütlich hielt.

“Gut. Überlassen wir ihn also sich selbst bis er zur Vernunft kommt. Ich bin mir sicher er wird bald nach mir schicken lassen.“ Ich zischte Shokitei einen Fluch zu, den zum Glück nur er hörte. Sein Gesicht verlor etwas von seiner ohnehin nicht sonderlich gesunden Gesichtsfarbe. Der Soldat bemerkte nichts davon und endlich verließen die Beiden die Zelle.

Kurz bevor er die Tür schloss, warf mir der Soldat einen unheilvollen Blick zu, der mich wissen lassen sollte, das es er mit mir noch lange nicht fertig war. Und das es für ihn eine Freude sein würde meinen Willen zu brechen. Als sie endlich außer Sicht- und Hörweite waren sackte ich in meinen Fesseln zusammen und lehnte mich an die Wand. Mir war eiskalt und ich zitterte am ganzen Körper. Was hauptsächlich an meinen klatschnassen Klamotten lag, aber zu einem geringen Teil an Shokiteis Besuch zurückzuführen.

Da ich an der Situation ohnehin nicht viel ändern konnte (es sei denn, ich würde plötzlich an die Schlüssel zu meinen Fesseln kommen) saß ich fest bis Ayuru die Nachricht erhalten würde welchen der Rebellen man gefangen genommen hatte. Bis dahin dürfte es eigentlich nicht mehr allzu lange dauern. Da nach einer guten halben Stunde immer noch niemand aufgetaucht war um nach mir zu sehen fand ich mich damit ab, daß man mich zitternd und frierend in einer Zelle zurückgelassen hatte und versuchte etwas zu schlafen. Das wurde irgendwann auch zu meiner Hauptbeschäftigung. Frieren, schlafen nur um dann vor lauter Hunger und Kälte erneut aufwachen und festzustellen, das sich an der Situation nicht das Geringste geändert hatte.

Dazu mußte ich auch noch auf der Hut sein, das keiner der Soldaten, die mich bewachten herausfand, das ihr Gefangener eigentlich eine Frau war. Das war meine letzte Rückversicherung damit mich niemand außer dem Kaiser anrührte. Shokitei hatte unter Androhung schwerster Strafen veranlaßt, daß jeglicher Kontakt zu mir, der nicht die Übergabe des Essens oder des Wassers beinhaltet, strengstens verboten war. Dennoch konnte ich bereits nach kurzer Zeit in einigen der Gesichter meiner Wachen so etwas wie versteckte Bewunderung erkennen. Ich weigerte mich standhaft auch nur einen einzigen Millimeter nachzugeben.

So oft man mich auch fragte ob ich den Kaiser sprechen wollte, ich verneinte jedes Mal. Schließlich gaben sie es auf und überließen mich mir selbst. Ich verlor bald darauf jegliches Zeitgefühl. Die Mahlzeiten wurden so unregelmäßig gebracht, daß es unmöglich war zu sagen zu welcher Tageszeit dies geschah. Und da meine Zelle in den unterirdischen Gewölben des Palastes lag konnte ich mich auch nicht am Stand der Sonne orientieren.

Das einzig Positive war, daß man mir inzwischen die Ketten abgenommen hatte. Aber auch nur, weil die Soldaten keine Gefahr in mir sahen. Halbverhungert und in mittlerweile deutlich zerschlissenen Klamotten machte ich auch keinen sonderlich bedrohlichen Eindruck mehr. Obwohl mich die meisten Männer bereits seitdem ersten Tag meiner Haft damit aufzogen, das ich für so eine halbe Portion ganz schön Mumm in den Knochen hatte.

Nach wie vor bestand meine einzige Hoffnung auf Rettung darin, das Ayuru mich fand und das im Idealfall bevor irgendeine der Wachen merkte, daß ich eine Frau war. Bisher hatte ich großes Glück gehabt es vor ihren Augen verbergen zu können. Doch je länger ich in dieser Zelle fest saß desto größer wurde das Risiko, das es sie es schon bald herausfinden würden.

Aber es war nur einer von mehreren Gründen warum Ayuru mich besser schnell finden sollte. Eine andere waren neben der immer größer werdenden Schwäche meines Körpers durch Wassermangel und Unternährung (wenn ich Glück hatte bekam ich pro Tag einen Becher Wasser und eine Scheibe Brot, die diese Bezeichnung beinahe schon nicht mehr verdiente) auch noch diese verfluchten Träume in denen mich Tenkou immer und immer wieder heimsuchte.

Da ich nicht länger wußte wann die Sonne am Himmel stand und mein Schlaf sicher war hatte ich schließlich aufgegeben mich gegen meine Müdigkeit zu wehren. Schlaf war das Einzige, was mich wenigsten für eine kurze Zeit aus meinem Gefängnis fliehen ließ. Allerdings nur um direkt in das nächste zu geraten.

Tenkou hielt sein Versprechen mich für den Versuch ihm zu entkommen leiden zu lassen. Nur ahnte ich das damals noch nicht. Als ich meinem Körper endlich den lang ersehnten Schlaf zukommen ließ, den er brauchte um sich zu Regenieren. Es würde nichts bringen ihn noch weiter an seine Grenzen zu treiben. Nicht, wenn ich mich auch weiterhin gegen den Willen von Shokitei behaupten wollte. Sobald ich zu schwach wäre um mich gegen ihn zu wehren würde er mich holen lassen. Das hatte ich wenigsten den Gesprächen der Wachen entnommen, aber ich war nicht bereit mich in dieses Schicksal zu fügen. Nicht Shokitei!

Was bedeutete, daß ich mich Tenkou überlassen mußte und diese nahm sich von mir rücksichtslos was auch immer er wollte. Dabei war es ihm egal ob ich mich gegen ihn wehrte oder nicht. Es machte ihm nicht das Geringste aus, wenn ich schrie oder vor lauter Verzweiflung weinte. Seiner Ansicht nach hatte ich mir das alles selbst zu zuschreiben und auch wenn ich wusste, daß jedes seiner Worte nur dazu diente mich endgültig zu brechen begann ich darüber nachzudenken. Doch nie für lange. Zu schnell waren die Bilder von Ayurus Kindheit und dem grausamen Überfall in meinem Bewusstsein. Nein, ich würde nicht aufgeben! Ich war schon so weit gekommen. Es war nur noch ein kleiner Schritt, bis wir endlich zusammen sein konnten. Ich durfte auf keinen Fall aufgeben! Nicht, wo ich schon so weit gekommen war! Tenkou nahm diesen Entschluß hämisch lachend zur Kenntnis und schwor mir, das ich es eines Tages bitterlich bereuen würde mich ihm immer noch nicht zu beugen.

Die Wunde an meinem Hinterkopf hörte mit der Zeit auf zu schmerzen und nach einigem vorsichtigen Abtasten stellte ich fest, daß sie bereits die ersten Anzeichen von Heilung aufwies. Das würde bedeuten, daß ich mindestens schon ein oder zwei Wochen in diesem Kerker eingesperrt war. Warum war Ayuru bisher noch nicht gekommen um mich zu retten? Inzwischen müßte er doch wissen, wo man mich gefangenhielt.

 

Sanft säuselte Tenkou in meinen Ohren irgend etwas von wegen warum Ayuru jemanden retten sollte, der ihm rein gar nichts bedeutete. Ich versuchte den Plagegeist abzuschütteln, aber er verblasste erst mit dem Morgengrauen. Wenigstens war ich zu dieser Überzeugung gelangt, da Tenkou sich bisher stets nur nachts in meinen Träumen behaupten konnte. Sobald die ersten Sonnenstrahlen die Erde berührten wurden seine Kräfte zu schwach um mich noch weiter gefangen zuhalten.

Dadurch wußte ich auch, daß es noch früher Morgen sein mußte als mich hektische Schritte auf dem Gang weckten. Meine Laune war dermaßen gesunken, das ich die Wache schon beinahe angefahren hätte, was ihnen denn bitte schön einfiel zu einer solch frühen Stunde einen derartigen Krach zu veranstalten. Aber sämtliche Worte blieben mir im Hals stecken als plötzlich drei Soldaten in voller Rüstung in meine Zelle stürmten.

Zwei von ihnen packten mich und schlossen die Eisenringe erneut um meine Handgelenke während der Dritte sich teilnahmslos umsah. Erst nachdem sie mich losließen begriff ich, was vor sich ging. Anscheinend war jemand äußerst wichtiges auf dem Weg zu mir. Ansonsten würde kaum ein halbes Dutzend Wachen vor meiner Zelle Spalier stehen. Keiner der Soldaten hielt es für nötig mir zu erklären, was das alles zu bedeuten hatte. Und ich hielt es für besser sie erst gar nicht danach zu fragen. Ich würde es ohnehin früh genug erfahren.

Als mir der unangenehme Geruch diverser Duftkräuter in die Nase stieg dämmerte mir wer mich besuchen kam. Diese Kräuter verbrannte Shokitei in seinen Gemächern bis er fast in ihren Dunstwolken erstickte. Eigentlich hätte ich es mir von Anfang an denken können, daß er niemals genug Geduld aufbringen würde um in seine Finger zu bekommen. Ich hatte mich wohl zu fest an den Gedanken geklammert, das Ayuru schnell genug finden würde und damit alles weitere verhinderte. Ein Irrtum, wie sich nun herausstellte.

Der süßliche Geruch nahm zu und wurde von einem Gewirr leiser Stimmen und dem Klang vereinzelter Glöckchen begleitet. Seufzend ergab ich mich in mein Schicksal. Es blieb mir ohnehin keine Wahl. Aus eigener Kraft würde ich dieser Zelle nicht mehr entkommen können. Die nächste halbe Stunde würde ich mich von Shokiteis Hofschranzen begaffen und beleidigen lassen müssen. Das war eine weitere seiner so liebenswürdigen Eigenschaften. Den bereits besiegten Feind noch einmal kräftig dahin zutreten wo es so richtig schmerzt.

Ich merkte kaum, wie ich die Mundwinkel verzog als das Räucherwerk in dünnen Bannen durch den Gang zog. Dafür aber meine Wachen, die mir einen kurzen, mitleidigen Blick zuwarfen. Irgendwie hatten wir es in der Zwischenzeit trotz aller Androhungen seitens Shokiteis geschafft füreinander so etwas wie gegenseitigen Respekt zu entwickeln.

Sicher, es waren längst nicht alle, aber mehr als genug von ihnen um mir ein klein wenig Mut zu machen. Einige hatten mich sogar, während sie mir das Essen brachten wissen lassen, daß sie nichts lieber sahen als einen leeren Harem in Shokiteis privatem Teil des Palastes. Es sah ganz danach aus als hätte er selbst vor den Frauen und Kindern seiner eigenen Soldaten nicht halt gemacht.

Selbstverständlich gab es unter ihnen aber auch noch die Fraktion, die das krasse Gegenteil darstellte. Eben jene Männer, die mir am Liebsten eher heute als morgen das Lebenslicht auspusten hätten müßten sie sich nicht an Shokiteis Anweisungen halten. Und je mehr Zeit verstrich desto mehr verrauchte ihr Blutdurst und ich wurde ihnen gleichgültig. Ihrer Meinung nach würde es ausreichen, wenn mich durch meine Sturheit selbst umbrachte. Sie mußten sich an mir nicht die Finger schmutzig machen um zu ihrem Ziel zu gelangen.

Auffordernd sah ich einen der Soldaten, die in meiner Nähe standen an und zerrte mit einem leichten Lächeln an meinen Fesseln. Er schütteltete bedauernd den Kopf. Enttäuscht ließ ich die Schultern hängen und wappnete mich für das, was nun kommen würde. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte war das, beinahe drohte das Bewußtsein zu verlieren als mich die erste Rauchwolke der verbrannten Kräuter traf. Was auch immer in diesen Töpfen steckte es hatte eine durchschlagende Wirkung.

Ich bewunderte die Soldaten aufrichtig dafür, daß sie sich nicht das Geringste anmerken ließen und nach wie vor stramm standen um Shokitei angemessen zu begrüßen. Nur die kleine Partie zwischen Ohr und Nacken verriet sie. Dort hatte sich ein dünner Schweißfilm gebildet, der allmählich ihren Nacken herunter lief. Die Luft war mittlerweile zum Schneiden dick.

Als Shokitei unter großem Tamtam in die Zelle eintrat verwandte ich den Rest meiner noch verbliebenen Kraft darauf mich dazu zuzwingen ruhig zu bleiben. Es würde nichts bringen sich gegen die schweren Eisenketten zu stemmen nur ihm erfolglos an die Kehle springen zu wollen. Es würde mich nur noch mehr schwächen.

Shokitei bedachte mich mit einem kurzen Blick bevor er seinen Höflingen lang und breit von den Heldentaten seiner Soldaten erzählte, die es nur unter den größten Schwierigkeiten geschafft hatten einen der gefährlichsten Kriminellen und Rebellen Kutous zu fangen. Selbstverständlich warf sich der Hauptmann, dem diese Heldentat gelungen war auch noch richtig in die Brust, da er damit prahlen konnte bereits drei Begegnungen mit mir überlebt zu haben. Er hörte sich so an als wäre ich gefährlicher Irrer, der nur darauf wartete einem unschuldigen Soldaten die Eingeweide aus dem Leib zu schneiden. Ich biß mir auf die Zunge um nicht versehentlich eine Bemerkung fallen zu lassen wie heldenhaft er in Wirklichkeit gewesen war. Stattdessen verdrehte ich die Augen und hoffte, daß sie bald wieder gehen würden. Der süße Rauch machte benommen und ich hatte immer mehr Mühe den Gesprächen um mich herum überhaupt folgen zu können.

Wahrscheinlich war ich bereits ohnehin viel zu schwach um überhaupt etwas von diesem Kraut vertragen zu können. Ich versuchte so gut es ging einen klaren Kopf zu behalten, was mäßig klappte. Die Umgebung um mich herum verschwamm allmählich und ihre Stimmen wurden zu einem dumpfen Flüstern das sich immer weiter von mir entfernte. Mein Geist hingegen war plötzlich merkwürdig leicht und ich vergaß fast all meine Schmerzen als ich mich eine Wolke des Wohlgefühls allmählich davon trug.

Erst der harte Klang schwerer Schritte auf dem Zellenboden brachte mich wieder so weit zu Bewusstsein, das ich meine Umgebung erneut wahrnahm. Vor mir ragte eine imposante Gestalt auf, deren Schatten bedrohlich über mich fiel. Angstvoll wich ich zurück als sich in seinen langen Haaren das Licht brach. Es konnte unmöglich sein, das er es bis hierher geschafft hatte! Draußen herrschte helllichter Tag und seine Kräfte reichen nicht aus um bei Tag zu bestehen! Ein rauhes Lachen drang an meine Ohren und ich drückte mich enger an die Wand als ich seine glühenden Augen in dem Schatten entdeckte. Panik erfasste mich und dennoch konnte ich den Blick nicht vor diesem Alptraum abwenden. Wie gebannt starrte ich auf die dunkle Gestalt, die mir etwas zu sagen schien, aber ich verstand ihre Worte nicht.

Die Angst hielt mich fest umklammert und ich merkte noch, wie die Anderen darüber lachten bevor eine kräftige Hand auf mich zu schoss und mich zwang den Blick zu heben. Verzweifelt versuchte ich mich aus dem Griff zu befreien oder zumindest die Augen geschlossen zu halten, aber beides ließ man nicht zu. Ich wurde mit eisig kaltem Wasser übergossen. Mit weit mehr davon in den Lungen und Augen als gut für mich war klärte sich mein Blick weit genug um zu erkennen, daß es nicht Tenkou war, der vor mir stand sondern Ayuru.

Er musterte mich mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte und wandte sich dann an Shokitei. Genau in diesem kleinen Moment in dem ich endlich begann Hoffnung zu schöpfen sah ich das Paar eiskalter Augen, die mich drohend aus Ayurus Schatten anfunkelten. Langsam erhoben sie sich daraus während unter ihnen Tenkous Körper allmählich Konturen gewann. Mit einem verzweifelten Schrei sackte ich in mich zusammen und verlor fast augenblicklich das Bewusstsein.

Noch nie in meinem Leben war ich für eine Ohnmacht so dankbar wie in jenem Moment. Sie befreite mich von allen Gedanken, die Tenkou und sein Auftauchen in der realen Welt betrafen und befreite mich auch von Shokiteis Anwesenheit. Als ich wieder zu mir kam war meine Zelle bis auf einen Becher Wein und etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Brötchen aufwies leer. Anscheinend war etwas passiert von dem ich nichts wusste und als ich eine der Wachen danach fragte (zum Glück einer der Soldaten, die mich leiden konnten) schüttelte er den Kopf und meinte es wäre besser für mich, wenn ich es nicht wüsste. Meinen kritischen Blick auf das Essen beantwortete er mit einem resignierten Seufzer und der Erklärung, daß zumindest ein kleiner Teil der Soldaten mir eine Freude machen wollte und sei sie noch so winzig. Ich wusste die Geste zu schätzen und bedankte mich aufrichtig bei ihm.

Danach ließ ich es mir nicht nehmen den Wein und das Brötchen, das doch wesentlich größer war als es auf den ersten Blick aussah, genüsslich zu verspeisen. Es war das Köstlichste, was ich in den letzten Wochen zu essen bekommen hatte und das ließ ich ihn auch wissen woraufhin er beschämt den Kopf abwandte. Was immer Shokitei auch beschlossen haben mochte die Männer schienen sich ernsthafte Sorgen um mich zu machen. Sie konnten nicht ahnen, daß Ayurus Auftauchen in meiner Zelle einige Dinge grundlegend geändert hatte. Und sei es nur die Tatsache, daß ich nun wußte, daß er mich retten würde. Er würde niemals zulassen, das Shokitei Hand an mich legte. Dessen war ich mir sicher.

Zum ersten Mal machte es mir nichts aus mich auf dem kalten Boden zusammenzurollen und zu schlafen. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis man mich aus dieser Zelle holen würde. Es war mir so gar egal, wohin man mich dann bringen würde. Aber vielleicht lag das auch an dem Wein, der meine Gedanken in weiche Watte hüllte während ich einschlief. Selbst Tenkous wiederholtes Drängen konnte mich nicht aus dieser angenehmen Lethargie herausholen und zum ersten Mal gab er auf. Er wendete sich von mir ab. Jedoch nicht ohne zu verkünden mich dafür beim nächsten Mal teuer bezahlen zu lassen. Ich lächelte ihn leicht an, bevor ich mich in meinen Träumen verlor, die ausnahmslos Erinnerungen an warme und freudige Sommertage waren. Es war die erste Nacht im Inneren des Palastes von Kutou, die ich ungestört verbrachte.

Leider war sie schlagartig vorbei als man mich brutal weckte und aus der Zelle zerrte. Ich hatte noch nicht einmal die Chance zu murren, da befand ich mich bereits mit einer ansehnlichen Eskorte unterwegs in den Gängen des Palastes. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte aber ich konnte mich auch nicht dagegen wehren. Zu lange hatte ich im Kerker gesessen und meine letzten Kräfte darauf verschwendet Tenkou zu trotzen. Genau betrachtet war ich nichts mehr als ein kümmerlicher Rest Mensch den einzig und allein noch sein Stolz aufrecht hielt.

Sobald die Soldaten mich abgeliefert hatten und sich nicht mehr in der Nähe befanden würde ich einfach zusammenbrechen. Der einzige Trost für mich bestand in der Tatsache, daß wir uns nicht auf den Weg zu Shokiteis Gemächern befanden. Die Wachen hatten merkwürdigerweise den Auftrag mich bei ihrem Shogun abzuliefern, der sich um meine doch recht fragwürdige Erziehung kümmern sollte. Er sollte mir dabei helfen zu verstehen, was es bedeutete sich Shokiteis Willen zu widersetzen. Soviel zumindest hatte ich in der Zwischenzeit aus meinen Bewachern herausgeholt.

Dennoch machte ich mir große Sorgen. Inzwischen hatte ich nämlich festgestellt, daß während meine Kraft mehr und mehr abnahm Tenkous zu wachsen begann. Er hatte mich bereits wissen lassen, das es nicht mehr allzulange dauern würde bis er stark genug war sich auch tagsüber in meinem Geist halten zu können. Deswegen hatte er sich auch in Ayurus Schatten gezeigt. Das war der Moment gewesen in dem ich erkannt hatte, daß ich egal, was ich auch tun oder versuchen würde irgendwann gegen ihn verlieren würde. Diese Erkenntnis hatte zu meiner Ohnmacht geführt und dafür gesorgt, daß ich immer öfter innerlich vor Angst zitterte. Was immer auch passierte soweit durfte es niemals kommen. Ich durfte nicht verlieren! Ich muß einen Weg finden Tenkou zu entkommen sonst können Ayuru und ich niemals glücklich werden.

“Mach daß du rein kommst!“ Unsanft schubsten mich die Soldaten voran. Wenn sie es nur bei anzüglichen Bemerkungen hätten bewenden lassen, wo sich in Zukunft mein Platz befand, dann wäre die Sache vielleicht noch ertragbar gewesen, aber sie mussten ja unbedingt ihre Hände zur Hilfe nehmen. Mit breitem Grinsen und etlichen obszönen Gesten ließen sie mich wissen, was mich bald erwartete. Wäre ich nicht so verdammt schwach gewesen, dann hätte ich vielleicht versucht mich gegen sie zu behaupten, aber so ließ ich ihren Spott einfach nur über mich ergehen.

Da ich nicht wie erhofft reagierte stießen sie mir schließlich ihre Stiefel in die Knie und in den Rücken. Ich ging augenblicklich zu Boden und schnappte nach Luft. Ich hatte den Aufprall nicht mehr abfangen können und war mit dem Oberkörper voran auf den harten Holzbohlen gelandet. Sie grinsten kurz als sie ein paar abfällige Bemerkungen über meine derzeitige Position auf dem Fußboden machten und würdigten mich danach keines Blickes mehr. Sichtlich amüsiert verließen den Raum während ich mich mühsam davon abhielt ihnen einen Schwall wüster Flüche hinterher zu schicken. Nur ein falsches Wort von mir würde sie dazu veranlassen mich sofort zu töten. Shokitei hatte es ihnen bereits gestattet sollte ich mich nicht fügen.

Keuchend kämpfte ich mich auf die Beine und zwang meinen Körper, der sich am Liebsten für mindestens eine Woche nicht mehr von der Stelle bewegt hätte, sich meinem Willen zu beugen. Jede noch so kleine Faser in mir schrie auf als ich mich an dem einladenden Bett vorbei in Richtung Garten vor kämpfte. Ich hatte nicht vor mich jetzt schon dem Unvermeidlichen zu ergeben. Stattdessen wollte ich die Zeit, die mir noch blieb in Ruhe genießen. Es blieb allerdings bei dem Vorsatz, denn als meine Füße weiches Gras unter sich spürten forderte mein Körper seinen Tribut für die plötzliche Anstrengung. Er hatte seine Grenzen erreicht und nun sackte in sich zusammen während mein Bewußtsein immer mehr schwand. Eine angenehme Dunkelheit umfaßte mich, die leise flüsternd an einen Ort trug, an dem nichts außer angenehmer Stille herrschte. In dieser sanften Schwärze lag das Versprechen endlich all meine Wunden heilen zu lassen.

Die Abendsonne dämmerte bereits hinter den Palastmauern als mein Bewußtsein zurückkehrte. Meine Ohnmacht hatte anscheinend sehr lang gedauert. Es war vormittag gewesen als die Soldaten mich in Ayurus Gemächer geschleift hatten. Plötzlich beugte sich ein Schatten über mich. Instinktiv riss ich die Arme hoch um ihn abzuwehren.

“Dankst du so etwa deinem Lebensretter?“ Verblüfft über die angenehm warme Stimme ließ ich meine Arme sinken. Ich hätte sie ohnehin nicht viel länger vor meinem Gesicht halten können. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne konnte ich ihn zwar nicht genau erkennen, aber diese Silhouette kam mir sehr vertraut vor.

“Tut mir leid. Ich habe dich wohl mit jemand anderem verwechselt.“ Ein unterdrücktes Lachen war die einzige Antwort, die ich erhielt bevor mich seine starken Arme hochhoben und zurück in das Innere. Ich schmiegte mich seine warme Brust und spürte, wie sich meine Glieder allmählich mit Blei füllten. Mein Körper war am Ende seiner Kräfte, aber mein Geist war wacher als jemals zuvor. Endlich waren wir zusammen! Sanft bettete er mich auf angenehm weiche Laken und endlich konnte ich einen Blick in das Gesicht verwerfen, das ich solange vermisst hatte.

“…Ayuru...“ Es war nicht mehr als ein leises Wispern, das meine Lippen verlies. Beinahe so, als hätte ich Angst davor einen Traum zu zerstören in dem ich seinen Namen laut aussprach. Ich wollte dieses Bild, wie er mich sanft ansah festhalten und nie wieder loslassen. Er saß vor mir während die Sonne ihn in ihr warmes Licht tauchte. Ebenso wie sie jeden Gegenstand, den sie berührte dazu brachte ein klein wenig zu leuchten erstrahlte auch er in diesem Licht. Ein blonder Engel, der einzig und allein für mich vom Himmel herabgestiegen, um mir mitzuteilen, daß nun alles gut werden würde. Das wir uns nie mehr trennen mußten.

“Du hast viel hinter dir. Ruh dich aus.“ Seine Stimme war sanft wie ein Windhauch und all seine Liebe lag darin. Ich konnte nicht verhindern, daß mir eine einzelne Träne über das Gesicht rann.

“Endlich habe ich dich gefunden.“ Zärtlich strich er über meine Wange und meinte, daß man das durchaus gelten lassen könnte. Ich nahm es jedoch nur noch am Rande wahr. Mein Körper verlangte nach Schlaf und begann sich allmählich gegen meinen Geist durchzusetzen. Mit letzter Kraft tastete ich nach dem Stoff seines Ärmels und hielt ihn fest.

“Laß mich nicht allein. Bleib bei mir.“ Langsam schüttelte er den Kopf.

“Das wäre nicht klug. Ich würde dich vielleicht verletzen.“ Ich grinste bis über beide Ohren.

“Das könntest du niemals.“ Niemals, niemals würde er mich verletzten, das wußte ich. Doch der Versuch mich bei diesen Worten aufzusetzen, um sie zu unterstreichen, belehrte mich. Mein Körper war schwächer als ich vermutet hatte und die hereinbrechende Dunkelheit erinnerte mich nur zu gut an einen der Gründe dafür. Ängstlich suchte ich seinen Blick. Seine Augen verengten sich als er als Zittern meines Körpers bemerkte.

“Bitte bleib hier.“ Es klang flehend und ich konnte ihm ansehen, daß er mich am Liebsten nach dem Grund dafür gefragt hätte. Einzig und allein aus Rücksicht über meinen Zustand ließ er mich gewähren. Seufzend gab er sich geschlagen und legte sich neben mir aufs Bett. Reflexartig kuschelte ich mich eng an ihn obwohl ich genau wusste, das mir seine Anwesenheit nicht allzu viel bringen würde, wenn es Tenkou erneut nach mir verlangte, aber das langsame Heben und Senken seines Brustkorbs beruhigte mich und meine Angst wich nach und nach einem angenehmen Gefühl der Mattigkeit.

“Dir ist hoffentlich bewusst, was du mir antust.“ Ich antwortete ihm nicht der Schlaf hatte mich bereits umfangen. Lediglich am Rande spürte ich noch, wie er liebevoll einen Arm um mich schlang und enger an sich zog. Danach versank ich endgültig in einen so tiefen Schlaf, daß es selbst Tenkou nicht mehr gelang mich zu finden.

Beim Aufwachen wunderte ich mich im ersten Moment darüber warum ich ausnahmsweise einmal nicht fror und das der Boden plötzlich weich wie ein Daunenbett war. Doch noch ehe ich mir darüber weitere Gedanken machen konnte stieg mir der angenehme Duft von warmen Tee und einem köstlichen Frühstück in die Nase. Für jemanden, der die letzten Wochen in einer Kerkerzelle verbracht hatte die Verheißungen des Paradieses.

Vorsichtig kroch ich aus dem Bett und nahm beiläufig wahr, daß man mich während ich schlief umgezogen hatte. Ich trug lediglich einen dünnen Yukata, der aus hell- und dunkelblauer Seide bestand. Eigentlich hätte ich mir darüber Gedanken machen müssen, aber der Duft nach frischem Essen ließ mich alles andere vergessen. Vorsichtig tapste ich vorwärts und entdeckte schließlich einen reich gedeckten Tisch, der in einem kleinen Übergang zwischen Wohnraum und Garten stand.

Mein Magen stieß bei diesem Anblick einen wilden Jubelschrei aus doch leider machten ihm die Beine dann einen Strich durch die Rechnung. So sehr ich mich auch anstrengte sie trugen mich keinen einzigen Meter weiter. Jedes Mal, wenn ich versuchte einen Schritt nach vorn zu machen wurden sie zu Pudding und begannen zu zittern. Der Tisch war für mich plötzlich so unerreichbar wie die Krone eines Baumes für eine Schildkröte. Ich verfluchte wütend alles und jeden, der mir in den Sinn kam und war

“Geschieht dir eigentlich ganz recht.“ Überrascht plötzlich eine sichtlich erheiterte Stimme hinter mir zu vernehmen drehte ich mich langsam um. Bei dem Anblick, der sich mir bot erstarrte ich allerdings mitten in der Bewegung und klammerte mich wie ein Ertrinkender an den nächst besten Holzbalken. Lediglich mit einem leichten Handtuch begleitet stand Ayuru vor mir.

Noch immer tropfte Wasser aus seinen langen, blonden Haaren und zog in kleinen Tropfen die Form seiner Muskeln nach. Ich kannte jeden Zoll seines Körpers und dennoch sorgte dieser Anblick dafür, daß mir das Blut in die Wangen schoß. Es war das erste Mal, daß ich ihm in einem solchen Moment nicht als Geist gegenüberstand. Ein angenehm warmes Prickeln breitete sich von meinem Bauch ausgehend allmählich über meinen gesamten Körper aus. Er deutete meinen überraschten Blick falsch und zuckte entschuldigend mit den Achseln als er nach einem kleineren Handtuch griff um seine Haare zu trocknen.

Dabei verrutschte das Tuch um seine Hüften unmerklich weiter nach unten. Fasziniert folgte ich den Falten der dünnen Stoffbahn bis diese bis diese nur noch mit einer Winzigkeit befestigt erneut Halt fand. Unzähligen Schmetterlinge erwachten plötzlich in meinem Inneren zum Leben und es grenzte schon fast an Sadismus wie sich sein Besitzer in aller Seelenruhe die Haare trocken rubbelte ohne etwas davon zu bemerken. Das Spiel seiner Muskeln und die durchtrainierte Bauchpartie schossen wie ein glühender Pfeil durch mich hindurch und ich konnte spüren, wie mein Blut sich immer mehr erhitzte. In diesem Moment wäre mir ein Eimer Eiswasser ausnahmsweise einmal wirklich willkommen gewesen.

Mit einer beinahe unnatürlichen Ruhe und Gleichmütigkeit ließ Ayuru schließlich das Handtuch mit dem er seine Haare getrocknet hatte fallen und kam auf mich zu. Mein Blick heftete sich auf seine Hüften und dem, was sich unter dem anderen Handtuch verbarg. Allein die Andeutung davon reichte aus um meinen Puls um ein vielfaches zu beschleunigen. Meine Beine drohten endgültig unter mir nachzugeben, aber er war schneller. Noch ehe es dazu kam zog er mich in seine Arme und trug mich zu dem reich gedeckten Tisch. Als er sich von mir löste glich mein Kopf einer Glühbirne kurz vorm Durchschmoren. Es war nur ein kurzer Moment gewesen, aber ich hatte seine Erregung deutlich genug spüren können.

“Du mußte halb am Verhungern sein. Iß etwas.“ Als er mich anlächelte bekamen die Schmetterlinge in meinem Bauch augenblicklich gehörigen Familienzuwachs mit dem sie sich sofort auf den Weg in den Vergnügungspark machten um dort alle Mann Achterbahn zu fahren. Ich brachte keinen Ton raus. Schlagartig fiel mir ein wie ich ausgesehen haben musste als man mich aus dem Kerker holte. (Wie der letzte Penner mit dazu passendem Duftwasser.) Doch nun roch meine Haut angenehm nach Rosenwasser und einem leichten Hauch von Zitrone. Hatte er mich etwa in der Zwischenzeit ausgezogen und gewaschen? Vorsichtig linste ich in seine Richtung und stieß auf äußerst breites Lächeln, das mich dazu veranlaßte einen Blick unter meinen Yukata zu werfen. Er hatte dort deutliche Spuren hinterlassen.

“Ich bin gleich zurück.“ Sofort rückte ich herum und auf einmal befand sich sein Gesicht keine zwei Millimeter mehr von meinem entfernt. Ich ertrank im warmen Blau seiner Augen.

“Warum? Warum willst du gehen?“ Sein Blick hielt mich fest umschlungen während er seine Lippen bewegte. Ich bekam nichts mit von dem, was er sagte und das merkte er auch. Seine Hand umfing zärtlich einen Teil meiner Haare und führte sie an seine Lippen. Er hauchte einen Kuss darauf bevor er auf mich zu schnellte und meine Lippen beinahe mit seinem Verlangen verbrannte. Es war Sehnsucht, Erwartung, Hunger und Erfüllung zu gleich. Ich erwiderte seinen Kuß heftig doch anstatt anzunehmen, was ich ihm bot löste er sich keuchend von mir und rang um seine Beherrschung.

“Nein, du bist noch zu schwach.“ Er zwang sich meinen flehenden Blick zu ignorieren und nachdem unser Schweigen andauerte begann ich zu merken, das er Recht hatte. Mein Körper war nicht in der Verfassung sich auf irgendetwas anderes als seine Genesung einzulassen. Allein dieser kurze Kuß hatte ausgereicht um meinem Kreislauf vorzugaukeln, das er soeben einen zehn Kilometer Marathonlauf mit abschließender Fechtstunde hinter sich gebracht hatte. Viel mehr würde er nicht durchstehen. Sehnsüchtig löste sich sein Blick langsam von mir und er stand auf.

“Ich sollte jetzt besser gehen.“ Meinen fragenden Blick beantwortete er mit einem unmutigen Knurren und als er mich ansah hatte ich das Gefühl schutzlos einem hungrigen Raubtier gegenüber zu stehen. Dadurch rückten allerdings auch unwillkürlich diverse Gedanken in den Vordergrund. Was hätte er mit mir nicht alles anstellen können, als er mich gebadet und umgezogen hatte? Doch er hatte sich zurückgehalten. Außer den drei deutlichen Spuren auf meinem Dekollete hatte er mich nicht angerührt. Aus Rücksicht? Oder hatte er nach wie vor Angst mich  zu verlieren?

Wie schafft er es nur seine Gefühle so dermaßen unter Kontrolle zu halten? Wäre mein Körper nicht so verdammt schwach, dann hätte ich ihn vorhin ohne zu Zögern mit mir zu Boden gerissen. Bei dem Gedanken was danach höchstwahrscheinlich noch alles so passiert wäre schoß mir das Blut erneut in Wangen. Ich wandte den Blick ab um ihn nicht noch mehr in Versuchung zu führen doch er war unnötig. Er hatte bereits einen halben Raum Abstand zwischen uns gebracht. Seine durchtrainierte Gestalt war gerade dabei in einem Yukata zu verschwinden, der genau dieselbe Farbe wie meiner besaß. Das Handtuch um seine Hüften war verschwunden und gab den Blick auf seinen sehnigen Muskeln preis. Ich schluckte und zwang mich nicht an das zu denken, an das ich gerade dachte.

Dadurch, daß er sich einen einfachen Yukata überzog erinnerte er mich daran, dass ich auch nicht wesentlich mehr Stoff am Leib trug und plötzlich kam ich mir beinahe nackt vor. Lediglich ein kurzes Ziehen an einer ganz bestimmten Stelle würde ausreichen um sämtliche Stoffbahnen vom Körper des Trägers zu lösen. Von Minute zu Minute wurde mir wärmer. Er hat Recht. Es ist besser wenn er geht solange wir uns beide noch unter Kontrolle haben. Mit einem kurzen Nicken verabschiedete er sich von mir und ließ eine unauslöschliche Sehnsucht nach seiner Nähe in meinem Herzen zurück.

Doch das Herz war eine Sache mein Magen hingegen eine ganz andere. Er nutzte die sich bietende Gelegenheit in der mein Geist nicht mehr völlig von Ayurus atemberaubender Erscheinung in Anspruch genommen war um mich lautstark wissen zu lassen, wie sehr er und seine Bedürfnisse in der letzten Zeit vernachlässigt wurden. Da es für mich ohnehin nicht viel anders zu tun gab tat ich ihm den Gefallen und schenkte ihm etwas Aufmerksamkeit. Allerdings achtete ich darauf nicht allzu schnell zu essen, da mein Körper den plötzlichen Überfluss an Nahrung wohl kaum positiv aufgenommen hätte. Beim Trinken hingegen war ich nicht ganz so vorsichtig und konnte bereits nach kurzer Zeit an den herrlichsten Bauchschmerzen erfreuen, die zum Glück nicht allzu lang anhielten. Dennoch war es Warnung genug. Von da an war ich wesentlich vorsichtiger mit dem, was ich zu mir nahm und in welchen Mengen.

Nachdem mein Magen zufrieden mit sich und der Welt mit seiner Verdauungsarbeit begann musste ich unwillkürlich gähnen. Schlaf ist immer noch die beste Medizin und da die Sonne gerade dabei war das Himmelszelt zu erobern bestand auch keinerlei Gefahr Tenkou zu begegnen. Entspannt schloss ich die Augen und schlief mit dem Sitzkissen unterm Kopf einfach an Ort und Stelle ein. Ich flüsterte meinem Körper noch zu, daß er sich schnell wieder erholen sollte, da seine Herrin ihn bräuchte, aber er klagte etwas von gut Ding will Weile haben vor sich hin.

Ich erwachte erst wieder als sich sowohl meine Blase als auch mein Magen meldeten. Ich beeilte mich ihren Wünschen nach zukommen und dankte im Stillen dem Herrn dafür, das ich gerade diesen Teil des Palastes so gut kannte. Nachdem ich meine Notdurft verrichtet hatte gab war mein Magen dran. Ich widmete ihm die Reste meines ‚Frühstücks'. Wobei ich direkt auch verwundert zur Kenntnis nahm, das anscheinend noch kein einziger Diener an diesem Tag in Ayurus Gemächern gewesen war. Hatte er das angeordnet? Aber ich war viel zu hungrig und durstig um mir darüber noch weiter Gedanken zu machen und als ich das Gefühl hatte endgültig zu platzen schleppte ich mich zurück ins Zimmer nur um direkt auf das weiche Bett zu fallen und in einem tiefen, traumlosen Schlaf zu sinken.

Das ging noch zwei weitere Tage so. Ayuru mästete mich so sehr, das ich fast das Gefühl hatte eine Weihnachtsgas zu sein, aber meinen wahren Hunger stillte er nie. Er gab sich große Mühe jedes Mal, wenn die Situation diese Richtung einschlug genügend Abstand zwischen uns zu bringen. Dennoch blieb er abends stets bei mir bis ich einschlief und hielt mich morgens, wenn ich erwachte fest umschlungen. Anscheinend wollte er mich ebenso wenig wieder verlieren wie ich ihn.

Am Morgen des dritten Tages ließ ich ihn ziemlich deutlich wissen, das ich mich meiner Meinung nach bereits mehr als genug erholt hatte. Er schob mich vorsichtig, aber energisch von sich und meinte, dass ich dafür erst einmal den Beweis antreten müßte. Das satanische Lächeln, das sich daraufhin auf meine Lippen schlich verging mir wieder als er deutlich machte, dass er damit nicht DAS meinte. Enttäuscht zog ich mich ein kleines Stück von ihm zurück. Allerdings nur soweit, das gerade Mal eine handbreit Abstand zwischen uns war. Er atmete dreimal tief durch und zwang sich seinen Blick von meinem Körper lösen bevor er mir darlegte, was mich erwartete sobald es mir tatsächlich besser gehen sollte. Als er fertig war sah ich ihn vollkommen fassungslos an.

“Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

“Doch, genau das ist es. Und dir wird keine andere Wahl bleiben als dich zu fügen.“ Er sah nicht so aus als wäre er zu Kompromissen bereit. Doch mich allein in die Schule seines alten Lehrmeisters zu begeben um dort ein paar Trainingstunden zu erhalten behagte mir gar nicht. Bisher gingen sämtliche Soldaten, Hofschranzen etc. davon aus, daß ich ein Mann war. Wenn ich bei dem Training auch einen winzigen Augenblick lang unvorsichtig war würde mein Geheimnis auffliegen. Und als Frau wäre ich ein nur noch leichteres Opfer für alle, die sich schon immer mal Shokitei Kaiser einschmeicheln wollten. Nein, das kann er unmöglich ernst meinen.

“Und wenn ich mich weigere?“ Die ganze Sache verursachte mir Bauchschmerzen, aber er vertrat die Ansicht, das ich sowohl in seinen Gemächern als auch in der Schule seines alten Lehrmeisters immer noch am sichersten aufgehoben war. Dort würde man mich beschützen solange er nicht in meiner Nähe sein konnte.

“Würde ich dich zwingen.“ Fassungslos starrte ich ihn an. Es war ihm todernst damit.

“Allerdings hoffe ich darauf, das du es nicht darauf ankommen läßt.“ Mit einem tiefen Seufzer gab auf. Es war deutlich genug zu sehen, das er sich ernsthafte Sorgen um mich machte und sein möglichstes tat um mich aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Stumm gab ich mein Einverständnis und schon in der nächsten Minute war er eifrig dabei meine Oberweite unter einer dichten Schicht Mullbinden zu verbergen. Erst nachdem er mich fest wie eine Mumie verschnürt hatte führte er mich zu einem kleinen Schrank in dem die sorgsam zusammengelegte einfache Straßenkleidung eines Soldaten lag.

Murrend nahm ich all seine Erklärungen zur Kenntnis und kaute nebenbei auf einer meiner Lieblingssüßigkeiten herum von denen ich bis heute nicht weiß, wie sie heißen. Es eine Spezialität aus Kutou, die es nirgendwo sonst auf der Welt gab. Er wußte, daß ich süchtig nach diesen kleinen gefüllten Klebeteilen war und hatte es eiskalt ausgenutzt um mich zu bestechen.

Nicht, das seine klaren, eindeutigen Argumente vernünftig genug gewesen wären, um mir das klar zu machen. Aber er meinte, es wäre besser auf Nummer sicher zu gehen. Das besserte meine Laune zwar auch nicht, da ich mir ziemlich ausgenutzt und durchschaubar vorkam, aber für meine Lieblingssüßspeise würde ich so manches stehen und liegen lassen. Sogar die Soldatenkluft sah plötzlich bei Weitem nicht mehr so schlimm aus wie vorher. Trotzdem war ich von seinem Plan immer noch nicht überzeugt.



2004-04-18
edit: 2007-03-23

Fortsetzung:
Kapitel 07 – Trainingslager




Erläuterungen

siehe „Secrets – Important things“




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