Kapitel 07

04-04-23

Secrets


VII. Trainingslager


Allen Zweifeln und Protesten zum Trotz stand ich am Ende dennoch in kompletter Kadettenmontur vor ihm während sein Blick kritisch auf mir lag. Er unterzog mich einer genauen Inspektion in der er mich immer wieder daraufhin wies mich gerade zu halten und mein Kinn ja nicht zu senken. Seufzend pustete ich mir einige Haarsträhnen aus dem Gesicht während ich zu allem was er von mir verlangte Ja und Amen sagte. Obwohl ich nach wie vor skeptisch war was seinen Plan anging war mir bereits bewußt, daß wir im Endeffekt gar keine andere Wahl hatten. Wir mußten Shokitei um jeden Preis täuschen und der einfachste Weg war wenn ich weiterhin den aufmüpfigen Rebellen spielte, den Ayuru zähmen sollte.

Er schien sich köstlich über diesen Zustand zu amüsieren während ich mit den Zähnen knirschend alles über mich ergehen ließ. Als er mit meinem Anblick endlich zufrieden war schnappte er sich ein dünnes Band und zwang meine Mähne, wie er meine widerspenstigen Haare nannte, in einen Dutt. Seiner Meinung nach war das aber noch nicht genug. Mit geübten Griffen befestigte er ein weißes Stück Stoff darüber. Seinem Blick nach zu urteilen tat es ihm zwar in der Seele weh meine Haare derartig verstecken zu müssen, aber mit einer ‚typisch’ chinesischen Frisur würden meine inzwischen bereits wieder schwärt gefärbten Haare mich nicht allzu schnell als Frau verraten.

Daß sich meine Haarfarbe während der Sommermonate änderte hatte ihn ohnehin verblüfft. Es hatte etwas gedauert ihm das zu erklären. Meine Mutter war zur Hälfte Amerikanerin und hatte lange in den USA gelebt ehe sie meinem Vater zuliebe nach Japan zurückkehrte. Ihre Haare waren zwar rabenschwarz gewesen, aber in mir schlug das Erbe der amerikanischen Hälfte meiner Familie durch. Meinen Vater hatte es immer wieder aufs Neue amüsiert die Reaktionen unserer Nachbarn zu beobachten, wenn sie mich sahen. Weder meine Haar- noch meine Augenfarbe paßten in die japanische Gesellschaft. Vor allem im Sommer, wenn meine Haare sich derartig aufhellten, das meine Lehrer immer wieder der Meinung waren ich würde sie blond färben.

Mit einem resignierten Seufzer hatte sich Ayuru damit abgefunden, daß ich wohl doch noch die eine oder andere Überraschung für ihn in Petto hatte. Etwas, was mich zum Lachen brachte. Obwohl wir uns schon so lange kannten war es ihm unbegreiflich wie wenig er letztendlich über mich wußte. Dasselbe galt jedoch auch für mich. Wir hatten soviel Zeit miteinander verbracht und waren trotzdem immer wieder für Jahre getrennt gewesen. Ich sagte ihm, daß er alles über mich erfahren würde, was er wissen wollte solange er mir dasselbe versprach. Dieses Lächeln, das er mir in jenem Moment schenkte werde ich wohl niemals vergessen. Es brachte mein Herz zum Schmelzen.

Bevor es endgültig losging wies ich ihn zum wiederholten Mal daraufhin, das ich das Ganze nach wie vor für keine sonderlich gute Idee hielt, aber das kümmerte ihn kaum. Warum auch? Er ist der Shogun Kutous und somit kann er sich etliche Freiheiten erlauben, die sich ein einfacher Soldat niemals herausnehmen dürfte. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, daß die meisten Soldaten enormen Respekt beziehungsweise eine Heidenangst vor ihm hatten. Entweder sie fürchten oder respektieren ihn. Dazwischen gab es kaum eine Abstufung. Er hatte es geschafft zu einer Person zu werden, der Hunderte von Menschen blind folgten, weil sie sich sicher sein konnten das er ihnen den Sieg brachte und ihre Verluste minimal sein würden.

Als er mir jetzt letzte Anweisungen fiel es auch mir immer schwerer mich ihm zu entziehen. Ich gab auch den letzten Rest Widerstand auf und folgte ihm mit einem reiflich flauen Gefühl im Magen durch die Gänge des Kaiserpalastes. Es war erstaunlich wie viel ich mir von seinem Vortrag merken konnte und was davon für mich schon beinahe selbstverständlich war. Während seiner Grundausbildung bin ich kaum von seiner Seite gewichen und wußte von daher was auf mich zukam. Außerdem hatte ich nicht vor irgend jemanden herausfinden zu lassen, das ich eine Frau war.

Wir erreichten die Kasernen wesentlich schneller als mir lieb war. Hier unterrichtete Ayurus alter Lehrmeister nach wie vor die Rekruten die später Ayurus Kommando unterstehen sollten. Es war quasi die Elite der Armee von Kutou und in genau dieses Nest wollte Ayuru mich nun stecken. Seiner Meinung nach gab im gesamten Palast keinen besseren Ort um mich vor Shokitei zu schützen. Die Männer in den Kasernen waren auf den Kaiser nicht sonderlich gut zu sprechen und dienten meist nur in der Armee um unter Ayurus Kommando zu stehen. Wenn man so wollte hatte jeder einzelne von ihnen dem Shogun Treue geschworen und nicht dem Kaiser. Außerdem kam Shokitei so gut wie nie in die Kasernen. Dort war es ihm zu staubig und auch der Geruch schien ihn irgendwie zu stören.

Wieso Ayuru jetzt aber ausgerechnet einen Gefangenen, der zu dem Shokitei auf das Höchste beleidigt und verärgert hatte zum Training in die Kasernen brachte würde etliche Fragen aufwerfen. Immerhin war Shokiteis Anweisung deutlich gewesen. Er sollte alles in seiner Macht stehende tun, um meinen Willen zu brechen. Und statt dessen schickt er mich zum Kampftraining? Irgend etwas paßte da doch nicht. Aber Ayuru hatte schon immer eine recht merkwürdige Art gehabt Befehlen nachzukommen. Es würde also niemanden wundern wenn diese Behandlung wieder einmal eine seiner ungewöhnlichen Methoden waren um einen Gefangenen in Sicherheit zu wiegen.

Da er zuerst einmal allein mit seinem Lehrmeister sprechen wollte fand ich mich schließlich mutterseelenallein in einer der zahlreichen Trainingshallen wieder. Sehnsüchtig sah ich Ayuru hinterher als er in Richtung der Gemächer seines alten Lehrmeisters verschwand. Am Liebsten wäre ich ihm nicht mehr von der Seite gewichen, aber gleichzeitig wollte ich auch in einem dunklen Loch verschwinden.

Sein Vorhaben behagte mir nach wie vor nicht. Aber ich hatte ihm versprochen nichts zu unternehmen, was unnötige Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte. Auch wenn mir das verdammt noch mal schwer fiel. Glücklicherweise wußte er das ebenfalls. Wir hatten solange darüber diskutierte, daß es schon beinahe lächerlich war überhaupt noch einen Gedanken an die Sache zu verschwenden. Wir beide wußten ganz genau, daß es niemals funktionieren würde, wenn wir gemeinsam aus Kutou geflohen. Für Shokitei wären wir eine viel zu leichte Beute. Außerdem würde dieser niemals zögern uns gegeneinander auszuspielen. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen um uns wieder zufinden und er würde uns für unseren Fluchtversuch ein Leben lang leiden lassen. Ich schüttelte das Bild von Ayuru der blutüberströmt in Ketten hing ab und wanderte ziellos in der Halle auf und ab. Es brachte nichts sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Ayuru war kein Dummkopf er wußte genau, was er tun konnte ohne Shokiteis Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Und trotzdem… irgendwo tief in meinem Inneren konnte ich dieses Gefühl der Furcht einfach nicht abschalten. Sie wurde mein ständiger Begleiter. Beinahe ebenso wie Tenkou, der mich seitdem ich Ayuru gefunden hatte zum Glück nicht länger in meinen Träumen belästigte. Mit graute jedoch vor dem Tag an dem er mich erneut fand. Bisher hatte ich Ayuru noch kein einziges Wort darüber verraten. Die Frage war nur wie lange konnte ich es vor ihm verheimlichen, das Tenkou mich Nacht um Nacht mißbraucht und seinem Willen unterworfen hatte?

Um mich von diesen Gedanken abzulenken und um die Zeit totzuschlagen sah ich mir die Halle genauer an. Dabei mußte ich unwillkürlich grinsen. Ob es Zufall ist, das er gerade diese Halle ausgesucht hat?

Nachdenklich ließ ich meine Hand über das Holz eines Trainingsbaums streichen und spürte wie sich das Material im Laufe der Jahre verändert hatte und dennoch dasselbe war. Fast so wie bei Ayuru und mir. Seit unserer ersten Begegnung sind inzwischen gut und gerne fünfundzwanzig Jahre vergangen, aber unsere Beziehung ist fast immer noch dieselbe. Sicher hier und da hat es ein paar kleine Risse und Verbrauchsspuren gegeben, aber im Kern war sie dieselbe geblieben.

Früher hatten wir gemeinsam oft bis mitten in die Nacht in dieser Halle trainiert. Damals konnte ich nur staunen wie schnell er Fortschritte machte, aber bei seinem Trainingspensum war das kein Wunder. Er trainierte wie ein Besessener nur um immer noch besser zu werden als er es ohnehin schon war. Allerdings war das bei Weitem nicht der einzige Grund Das endloses Training war für ihn die einzige Möglichkeit gewesen all seine Verzweiflung und Aggressionen angesichts der Hilflosigkeit gegenüber den Wünschen Shokiteis loszuwerden. Außer mir wußte fast niemand davon und er hatte immer wieder die Zähne zusammengebissen. Je nachdem wie schlimm eine Nacht in Shokiteis Bett gewesen war trainierte er am nächsten Tag bis zum Umfallen. Es sei denn sein Meister rief ihn zur Vernunft. Das ist alles schon so lange her… er ist erwachsen geworden…

Lächelnd gab ich dem hervorstehenden Holzstück einen Stoß und wehrte den Schlag ab, der daraufhin von der Seite auf mich zu sauste. Diese kleine Maschine hatte es in sich. Man musste gleichzeitig die einzelnen Hölzer abwehren, Schläge austeilen und nebenbei aufpassen, das die Holzstangen, die sich knapp über dem Boden befanden einem nicht die Beine unter dem Körper weg hauten. An für sich ein ziemlich gutes Nahkampftraining, aber auf Dauer auch ein wenig eintönig. Es fehlte die Flexibilität des wirklichen Gegners und deshalb hatte ich, wann immer Ayuru dazu verdonnert wurde an diesem Ding zu trainieren, den Part seines Gegners übernommen. Da die Übungen in diesem Fall meistens ohnehin als Strafe gedacht waren fanden sie sehr häufig nachts oder früh morgens statt. Eine Zeit, zu der uns unmöglich jemand beobachten konnte.

Zum Aufwärmen war dieses Ding jedoch ideal. Ehe ich mich versah begann ich meine Muskeln zu spüren und ich war heilfroh zu merken, daß sie die Gefangenschaft nicht halb so sehr mitgenommen hatte wie ich zuerst befürchtet hatte. Mit ein, zwei Wochen Training sollte ich meine alte Form bald zurück haben. Wer weiß, vielleicht lerne ich ja noch was dazu.

“Sehr schön, ihr seid gut trainiert.“ Ich erstarrte mitten in der Bewegung und schaffte es gerade noch so den Holzpflock abzufangen ehe er mein Gesicht treffen konnte. Das Holz knirschte protestierend unter meinem Griff.

“Verratet mir, wer euch trainiert hat. Euer Lehrmeister muß ein hervorragender Mann gewesen sein.“ Den Pflock nach wie vor fest in der Hand haltend drehte ich mich langsam um. Am anderen Ende der Halle stand Ayurus Lehrmeister der mich aufmerksam musterte. Ich hielt seinem Blick stand zwang mich aber nicht weiter zu reagieren. Er war ein Meister seines Fachs und wenn ich nicht aufpaßte, würde er in meinen Bewegungen schon sehr bald den Stil seiner Schule erkennen. Und da er sich an das Gesicht eines jeden Soldaten, den er unterrichtet hatte genau erinnern konnte würden sich damit auch eine Menge unangenehmer Fragen ergeben.

“Eher der schweigsame Typ. Hm?“ Ich ließ seine Frage unbeantwortet und suchte die Umgebung nach Ayuru ab. Aber er war weit und breit nicht zu entdecken. Ich unterdrückte einen leisen Fluch.

“Wenn ihr den Shogun sucht.“ Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht als meine Hände leicht zu zittern begannen.

“Er läßt euch ausrichten, das er euch am Abend abholen wird.“ Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ohne ein weiteres Wort ließ er mich mit einem Haufen Männer allein von denen mir wahrscheinlich gut und gerne die Hälfte am Liebsten auf der Stelle den Hals umdrehen würde. Immerhin war ich ein gesuchter Rebell und hatte in dieser Funktion etliche Soldaten Kutous zum Narren gehalten. Das konnte wirklich heiter werden. Meine Stimmung sackte auf einen absoluten Nullpunkt.

“Nakago hat wirklich nicht übertrieben als er meinte, das ihr lieber schweigt als mit einem von uns zu reden.“ Der Blick seiner dunklen, wachen Augen lag mit einem leichten Glitzern auf mir. Ein deutliches Zeichen das es besser war ihn nicht noch länger zu ignorieren. Er würde mit allen Mitteln versuchen mich aus der Reserve zu locken. Also tat ich ihm den Gefallen und ging auf sein Spielchen ein. An ihm würde ich ohnehin nicht vorbeikommen. Es war besser wenigsten ein klein wenig beizugeben als seinen unnachgiebigen Blick Tag für Tag zwischen den Schulterblättern zu spüren.

“Er scheint euch ja bereits bestens über meine Eigenheiten unterrichtet. Warum sagt ihr mir nicht einfach, was ihr von mir wollt?“ Mein Tonfall war ebenso unhöflich wie meine Worte und ich wußte daß er die Doppeldeutigkeit darin genau verstehen würde.

„Ich weiß zwar nicht, was ihr meint. Aber ja, er sagte mir, das ihr ziemlich stur und eigensinnig seit.“ Er amüsierte sich köstlich. Genervt pustete ich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Ich muß verdammt vorsichtig sein. Er tut zwar so als sei er ein harmloser alter Mann, aber in seinem Inneren ist er ein gerissener Fuchs. Er reimt sich aus Kleinigkeiten, denen man selbst kaum Beachtung schenkt ein eigenes Bild zusammen und kommt damit meistens und sehr schnell äußerst dicht an die Wahrheit heran. Das war ein unglaubliches Risiko.

“Und was genau soll ich nach Ansicht des Shoguns tun?“ Mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck, den ich nur zu gut kannte, bat er mich ihm zu folgen. Wenn er jemanden so anlächelte konnte sich der Betreffende darauf gefaßt machen, das er in der nächsten Zeit eines seiner berühmt, berüchtigten Spezialtrainings hinter sich bringen mußte. Und dieses Mal war das Los eindeutig auf mich gefallen. Für einen Moment überlegte ich noch ob so etwas wie eine Entschuldigung murmeln sollte, aber auch das würde nichts helfen. Es hieß Augen zu und durch.

Im Innenhof der Kaserne trainierten bereits zahlreiche Soldaten und wieder einmal erstaunte es mich, wie wenig sich im Grunde während meiner Abwesenheit verändert hatte. Die einzig sichtbaren Veränderungen waren die stellenweise anderen Holzsorten, die ihn den Geländern und Gebäuden verarbeitet worden waren. Ohne auf meinen Begleiter zu achten ließ ich meine Hand über das rot gestrichene Geländer streifen und konnte meinen Blick einfach nicht vom Trainingsplatz abwenden. Es war als hätte man die Zeit zurück gedreht. Es sah beinahe so aus wie früher.

Fast hoffte ich sogar, das aus einem der Ställe ein über und über mit Stroh bedeckter Ayuru auftauchen würde, der wieder einmal versucht hatte ein Pferd zu reiten, das für ihn viel zu groß und zu wild war. Ich konnte nicht verhindern, daß sich bei diesem Gedanken ein Lächeln auf meine Lippen stahl. Wie oft hatte er danach noch versucht eben genau dieses Pferd zu reiten bis es ihm am Ende tatsächlich gelungen war den Hengst zu zähmen? Seine Hartnäckigkeit hatte sich bezahlt gemacht und mit stolz geschwellter Brust ritt er über den Vorhof. Ein zwölfjähriger auf einem Pferd dem sich selbst erwachsener Männer nur widerstrebend näherten. Er hatte ihnen allen gezeigt, daß man ihn niemals unterschätzen sollte. Er besaß einen eisernen Willen und ließ sich so leicht von nichts und niemanden von seinem Ziel abbringen.

Jener strahlend weiße Hengst war im Laufe der Jahre in einer der zahlreichen Schlachten, die Kutou mit seinen Grenznachbarn ausfocht gefallen. Seine Nachkommen aber lebten nach wie vor in diesen Ställen. Sie waren die Basis von Kutous Reiterstreitmacht. Mit ihnen wurde nach wie vor erfolgreich gezüchtet und jede Generation schien stärker und ausdauernder zu sein als die vorherige.

Und wieder war es ein weißer Hengst, der in allem hervorstach und sich einzig und allein von Ayuru reiten ließ. Er begonnen dieses wunderschöne Tier zuzureiten als ich das letzte Mal seine Welt betreten hatte. Mein leiser Spott als ich sicher auf dem Zaun saß während Ayuru darum kämpfte im Sattel zu bleiben hatte ihm lediglich ein hinterhältiges Lächeln und eine Herausforderung entlockt. Sollte ich ganz in seine Welt gelangen würde es mir selbstverständlich frei stehen es einmal selbst zu probieren mich auf dem Rücken dieses Satans zu halten. Grinsend hatte ich erwidert, daß es wohl kaum so schwer sein konnte.

Sanft tätschelte ich über den Hals des prachtvollen Tieres. Unbewußt war ich zu den Ställen hinübergewandert und stand vor den unzähligen Boxen aus denen sich dutzende neugierige Hälse in meine Richtung reckten. Die Box von Ayurus Hengst hatte ich mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit gefunden.

“Na du kleines Biest. Kennst du mich noch?“ Interessiert musterten mich die klugen braunen Augen. Er gab ein leichtes Schnauben von sich bevor er sich mit Feuereifer daran machte meine Manteltaschen zu erkunden. Anscheinend glaubte er daß ich ihm wie immer eine kleine Leckerei mitgebracht hatte. Doch nicht dieses Mal. Dieses Mal war ich nicht frei.

“Erstaunlich. Dieses Pferd läßt sonst so gut wie niemanden so nah an sich heran.“ Erschrocken drehte ich mich um während ich versuchte die neugierige Pferdschnauze aus meinen Manteltaschen zu bekommen. Ich hatte vollkommen vergessen, dass ich nicht allein war.

“Pferde mochten mich schon immer.“ Die dunklen Augen des Meisters musterten mich misstrauisch.

“Wie ihr meint.“ Irritiert blinzelte ich. Er läßt es einfach so bewenden? Was um alles in der Welt hat Ayuru nur erzählt?

“Aber ihr tätet besser daran den Shogun nicht zu reizen.“ Wem sagt er das eigentlich? Es ist kein sonderlich großes Geheimnis wie streng Ayuru mit seinen Gefangenen umgeht. Er ist so fair, wie er es unter Shokiteis Blick nur sein, aber griff auch hart durch. Regeln waren Regeln. Verstieß einer der Gefangenen gegen diese hatte derjenige die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Das übrigens genau der Moment in dem mir aufging, das Ayuru und ich zwar eine unendlich Menge an Dingen die zu beachten waren besprochen hatten, aber nicht, an welche Regeln ich mich zu halten hatte. Diesen Part hatte er irgendwie gekonnt vergessen.

“Kommt jetzt. Es wird Zeit für euer Training.“ Ich starrte ihn ungläubig an.

“Training? Ich?!“ Das war kein Scherz? Ayuru hatte das wirklich ernst gemeint?! Er wollte daß sein Meister mich trainierte, damit ich mich im Notfall selbst gegen die besten seiner Männer verteidigen konnte. Aber ich hätte nie vermutet, daß der Meister sich darauf einläßt.

“Ja. Oder seht ihr hier noch irgendjemanden, der ohne etwas Sinnvolles zu tun in der Gegend herumsteht?“ Hätte ich in diesem Moment auf ihn gedeutet, dann hätte das unwillkürlich einen Marathonlauf oder eine ähnliche Bestrafung zur Folge gehabt. Soviel hatte ich im Laufe der letzten Jahre gelernt. Es war besser ihn nicht zu reizen. Ergo zuckte ich lediglich kurz mit den Schultern und folgte ihm zum Hauptkampfplatz. Dort waren gut und gerne zwanzig Soldaten dabei zu trainieren. Allein der Anblick ihrer ausgeglichenen und kraftvollen Bewegungen reichte aus um meine Knie weich werden zu lassen. Jeder von ihnen nahm sein Training bitterernst und sie gehören zu Kutous Elite. Wenn sie wollen konnten sie mir die Hölle auf Erden bereiten.

“Hier nehmt das. Ihr werdet es brauchen.“ Ehe ich mich versah drückte er mir ein Schwert in die Hand und schob mich nach vorn. Plötzlich stand ich mutterseelenallein auf dem Kampfplatz. Die anderen Männer hatten sich an den Seiten versammelt und musterten mich neugierig. In meinem Hinterkopf begann es wieder zu hämmern und je länger sie mich musterten desto stärker wurde der Gedanke an Flucht. Ich konnte einfach nichts dagegen tun.

“Hey, Meister! Ist er das?“ Es war nicht auszumachen wer die Frage als erster stellte aber sie huschte wie ein Läuferfeuer durch die Reihen der Männer. Was hatte Ayuru mir immer und immer wieder eingebleut? Versuch keine unnötige Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen. So wie es aussah hatte ich in dieser Hinsicht bereits komplett versagt.

“Ja. Das ist der Rebell Ayuru.“ Ein Raunen ging durch die Reihen und ich spürte wie sich die Blicke nun erst recht in meinen Rücken bohrten. Meine Dankbarkeit über diese kurze, knappe Vorstellung hielt sich extrem in Grenzen und ich hatte erhebliche Mühe damit sämtliche Flüche und Verwünschung, die über meine Lippen wollten hinunterzuschlucken. Noch viel schlimmer war jedoch die Gewissheit, daß ich ihnen nicht entwischen konnte. Sollte ich eine Fluchtversuch unternehmen würden sich mich innerhalb weniger Minuten einholen und in Ketten vor Shokitei führen.

“Suboshi! Zeig dem Neuen wie man hier kämpft! Mal sehen was er kann.“ Bei dieser Anweisung des Meisters zuckte ich zusammen. Gerade eben hatte er einen der sieben Seiryuu Seishis zu meinem Gegner bestimmt. Dank Ayuru wußte ich bereits, das sich der Großteil der Seishis bereits im Palast befand. Neben Suboshi gab es da unter anderem noch dessen Zwillingsbruder Amiboshi, der im Nahkampf allerdings nur halb so gefährlich war.

Suboshi benutzte ein Ryuuseisui. Eine Waffe, die aus zwei Bällen an einer Schnur bestand, die er frei nach seinem Willen manipulieren konnte. Einen gefährlicheren Gegner hätte man kaum aussuchen können um mir eine Lektion zu erteilen. Ich würde keinerlei Chancen haben. Schon gar nicht mit lediglich einem Schwert als Waffe. Warum kann es denn keine andere Waffe sein. Warum ausgerechnet ein Schwert?

“Wie ihr wünscht Meister.“ Gemächlich betrat Suboshi von der anderen Seite den Kampfplatz und gab mir damit genügend Zeit ihn zu studieren. Er wirkte wie ein schmächtiger Junge von und das Ryuuseisui baumelte in seinem Rücken als wäre es nichts weiter als ein harmloser Schmuckgegenstand. Doch ich wußte daß dieser Eindruck eine tödliche Täuschung war. Suboshi war obwohl er erst fünfzehn Jahre alt war ein Meister seiner Waffe und seine gesamte Haltung verriet deutlich, daß er in mir keinen ernstzunehmenden Gegner sah. Etwas, daß er mich auch spüren lassen würde. Das Versprach mir sein eisiger Blick.

Da ich keine Ahnung hatte, wie er seinen ersten Angriff starten würde ging ich erstmal einen Schritt zurück und wog das Schwert prüfend in der Hand. Es war nicht viel schwerer als die Waffen mit denen ich bisher trainiert hatte. Es sollte also kein Problem sein sie zu führen. Durch mein Training mit Ayuru war ich zwar im Schwertkampf nicht sonderlich schlecht, aber um gegen einen Seishi eine Chance zu haben reichte es keinesfalls. Ich würde mich auf Ausweichmanöver und Glückstreffer verlassen müssen, wenn ich das hier heil überstehen wollte.

Leider durchschaute Suboshi meine Taktik beinahe sofort und wurde wütend. Es dauerte nicht lange bis mir die Puste ausging und die Soldaten mich zum Ziel ihres Spotts machten. Aber das war mir egal. Ich durfte auf gar keinen Fall mein Leben aufs Spiel setzten. Ich hatte Ayuru versprochen ihn nie wieder zu verlassen und ich dachte gar nicht daran mein Wort zu brechen.

“Bleib gefälligst stehen!“ Mit einem Hechtsprung wich ich zur Seite aus und bekam gerade noch mit wie sich einer der Stoffbälle des Ryuuseisui hinter mir in den Boden grub. Mit einer Hand packte ich mein Schwert fester und nutzte die Lücke, die soeben in Suboshis Deckung entstanden war um einen Gegenangriff zu starten. Er war zum Glück dermaßen überrascht, das ich ziemlich nah an ihn rankam. Ich hoffte nur, daß es reichen würde.

“Wenn du fair kämpfst können wir mal darüber reden.“ Er war zu schnell! Ich musste den Angriff abbrechen als der zweite Ball auf mich zusauste.

“WAS?“ Ich hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Gut. Das gibt mir eine neue Chance. Und dieses Mal schaffte ich es sogar ihm einen leichten Kratzer am Arm zu verpassen. Wobei Kratzer eine Übertreibung war. Lediglich der Stoff seiner Kleidung war ein klein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden.

“Vergiß deine Seishi Kräfte und kämpf fair.“ Für zwei Sekunden starrte er mich vollkommen fassungslos an und ließ dann eine Angriffswelle auf mich niedersausen, die mich in eine komplett andere Ecke des Trainingsplatzes beförderte. Anscheinend ist er jetzt richtig sauer. Ich hätte ihn vielleicht besser nicht reizen sollen. Aber es war zu spät. Jetzt war er wütend und wenn ich nicht aufpaßte, dann würde er mich ernsthaft verletzten. Oder sogar töten. In dieser Hinsicht war Suboshi leider ziemlich impulsiv und ich hoffte nur, daß der Meister ihn im Griff hatte. Ansonsten würde ich mir wahrscheinlich schon sehr bald unter einer dicken Schicht Erde und Moos wiederfinden.

“Wer bist du? Und…“ Die Bälle sausten auf mich zu und mit einem Salto schaffte ich es gerade so ihnen zu entkommen. Leider büßte ich dabei mein Schwert ein und stand Suboshi somit völlig waffen- und chancenlos gegenüber.

“Woher weißt du, daß ich ein Seishi bin?“ Keuchend antwortete ich ihm.

“Als wenn ein normaler Mensch in der Lage wäre ein Ryuuseisui so zu manipulieren. Was solltest du denn sonst sein?“ Meine Form war grauenvoll. Meine Muskeln schmerzten wie sie es noch niemals zu vor getan hatten und jeder einzelne Atemzug entfachte in meiner Lunge ein kleines Feuer. Wenn dieser Kampf noch länger dauerte würde ich irgendwann einfach umfallen.

“Was weißt du schon!“ Er startete einen neuen Angriff und ich tat das einzig Sinnvolle, was mir noch einfiel. Ich gab Fersengeld. Jedenfalls solange bis er mich eingeholt hatte und ich plötzlich in einem Holzhaufen landete, der unter meinem Gewicht sofort nachgab. Wenn das so weiterging konnte die bisherige Heilung meines Körpers vergessen. Dieser Kampf hatte bereits wesentlich mehr Wunden hinterlassen als ich eigentlich geplant hatte und er war noch nicht vorbei.

Fluchend kämpfte ich mich wieder auf die Beine und war überrascht in meiner rechten Hand einen Gegenstand zu spüren. Anscheinend hatte ich beim Fallen instinktiv nach einem Halt gesucht und dabei einen der Kampfstäbe, die an der Wand gelehnt hatten erwischt. Damit sah die Sache doch direkt ganz anders aus. Mit dieser Waffe konnte ich umgehen wie kein Zweiter. Darin hatte ich es sogar schon zur Meisterschaft gebracht. Wie die Urkunden im Büro unseres Managers noch heute eindrucksvoll bewiesen.

“Das war es dann wohl.“ Triumphierend kam Suboshi auf mich zu, bereit mir den Gnadenstoß zu verpassen. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen wirbelte ich den Stab über meinem Kopf und ging in Angriffsposition.

“An deiner Stelle wäre ich mit dieser Aussage vorsichtig.“ Meine Chancen waren vielleicht nach wie vor nicht die Besten, aber jetzt hatte ich zumindest eine kleine.

“Es ist erst vorbei, wenn der Gegner aufgibt.“

“Elender Narr!“ Er kam auf mich zu wie eine Naturgewalt und bis heute weiß ich nicht, wie ich es schaffte diesen Angriff abzuwehren. Aber irgendwie haute es hin und wir jagten uns danach quer über das gesamte Trainingsgelände, bis er einen Fehler beging und seine Deckung länger als nötig offen ließ. Diese Chance nutzte ich und verpasste ihm mit dem Stab einen Schlag in die Magengegend. Er fiel augenblicklich nach hinten und wäre fast in einem Haufen Waffen gelandet, wenn ich ihn nicht ihm letzten Augenblick das Ryuuseisui erwischt hätte um ihn festzuhalten.

“Hey, schön vorsichtig! Da geht es verdammt tief runter. Dein Bruder wäre traurig, wenn dir etwas passiert.“ Erschrocken sah er mich an und sah von einer erneuten Attacke ab. Erleichtert zog ich ihn auf das Vordach und sah noch einmal hinunter. Das hätte wirklich böse ausgehen können. Dort unten lagerten die Speere der Wachen und er wäre genau hineingefallen. Keine sonderlich angenehme Vorstellung.

“Verdammt noch mal! Wieso weißt du so viel über mich? Ich habe dich nie hier gesehen.“ Da er keinerlei Anstalten machte weiterzukämpfen lockerte ich den Griff um den Kampfstab etwas und entspannte mich.

“Es ist immer besser, wenn man seine Gegner kennt. Das hilft einem zu überleben.“ Er starrte mich perplex an.

“Was?“ Ich konnte nicht verhindern, daß ich zu grinsen begann.

“Hast du wirklich geglaubt ich würde in den Palast einbrechen ohne zu wissen, was mich dort erwartet?“

“Aber die Rebellen sollen nur aus vollkommen ungebildeten Bauern bestehen. Sie sollen nur Glück gehabt haben, da sie den Soldaten bisher entkommen konnten.“ Bei diesen Worten verbiß ich mir mühsam das Lachen. Das erklärte so vieles. Yuen-Lao und ich hatten uns schon gewundert warum niemand die Rebellen ernstnahm obwohl sie den kaiserlichen Soldaten immer mehr zusetzten.

“Wenn man euch das erzählt hat, dann ist es kein Wunder, das so einfach war hier einzudringen.“

“HEY! Wenn der Kampf vorbei ist, dann kehrt gefälligst auf den Kampfplatz zurück!“ Ich beachtete, den Soldaten, der uns so freundlich darauf hinwies nicht weiter, aber Suboshi hielt es für klüger den Meister nicht unnötig zu verärgern. Gemächlich folgte ich ihm. Wobei ich schon bald sichtliche Mühe hatte den Anschluß nicht zu verlieren. Suboshi machte ganz schön Tempo. Anscheinend hat ihn dieser Kampf nicht halb so erschöpft wie mich.

“AH, wie ich sehe ist der Kampf entschieden.“ Der Meister grinste uns an und ich verbiss mir zum x-ten Mal einen derben Kommentar. Die Männer wollten selbstverständlich wissen, wer denn nun gewonnen hatte, aber noch ehe Suboshi etwas sagen konnte legte ich ihm eine Hand auf die Schulter.

“Unentschieden.“ Ein Raunen ging durch die Reihen und die Augen des Meisters zogen sich misstrauisch zusammen.

“Sicher?“ Er klang nicht so, als würde er mir das einfach so abkaufen. Nun gut, dann eben deutlicher.

“Ja, wir mußten den Kampf abbrechen als beinahe einer von uns draufgegangen wäre. Ich hoffe ihr hattet nichts dagegen.“ Suboshi schnappte neben mir nach Luft als er diese Antwort hörte. Anscheinend hatte er gelernt dem Meister nur ehrenvoll zu begegnen.

“Tatsächlich schätze ich es nicht, wenn meine Schüler sich über Gebühr verletzten. Das kommt im Krieg früh genug.“ Seine Stimme war eisig und ich verstand den Wink. Er würde mir noch lange nachtragen, daß ich ihm unterstellte seine Schüler über Gebühr zu gefährden. Immerhin hatte ich damit seine Ehre verletzt. Mehr als jeder andere war er um das Wohl derer, die ihm unterstanden besorgt. Auch, wenn man das nicht immer merkte. Und ich hatte ihn mit meinen Worten soeben deutlich verärgert. Es sah nicht so aus als würden wir in nächster Zeit Freunde werden.

“Meister, ich-“ Mit einem leichten Knuff in die Seite brachte ich Suboshi zum Schweigen. Wenn er jetzt erzählt, daß es mir gelungen ist ihn zu besiegen, dann kann ich einpacken. Shokitei wird mich niemals in Frieden lassen, wenn er glaubt ich sei eine Gefahr für ihn. Nur solange es so aussah als könnten mich seine Männer in Schach halten würde ich relativ unbehelligt bleiben.

“Laß gut sein Suboshi. Ihr beiden habt einen hervorragenden Kampf geliefert. Für heute ist es genug.“ Erleichtert ließ ich den Kampfstab los und sackte keuchend zusammen. Dieser Kampf hatte mich beinahe alle meine Reserven gekostet.

“Hey! Alles in Ordnung mit dir?“ Besorgt sah mich Suboshi an und ging neben mir in die Knie.

“Es ist nichts. Ich bin nur ein klein wenig aus der Puste.“ Ein klein wenig war zwar eine glatte Untertreibung, aber das mußte er ja nicht unbedingt wissen. Der Aufenthalt im Kerker hatte meine Kondition ganz schön angekratzt. Es würde Wochen dauern ehe ich wieder annährend meine alte Form zurück hatte. Vielleicht war das der Grund warum Ayuru mich hierher gebracht hatte. Damit ich begriff wie sehr sich mein Körper noch erholen mußte.

“Wenn das so ist.“ Mit einer schwungvollen Bewegung warf mir der Meister ein Schwert zu, das ich gekonnt auffing. Es war dieselbe Waffe, die er mir schon im Kampf gegen Suboshi gegeben hatte.

“Steht auf und zeigt mir, was ihr könnt.“ Ungläubig starrte ich erst das Schwert und dann ihn an. Soll das heißen er will gegen mich kämpfen? Jetzt?!

“Was ist? Habt ihr etwa doch keine Kraft mehr?“ Das reichte. Er hatte meinen Ehrgeiz angestachelt und obwohl Suboshi mir davon abriet stand ich auf. Mein Körper protestierte ausgiebig gegen diesen Wahnsinn, aber ich wollte nicht aufgeben.

“Wie ihr wollt alter Mann.“ Er kniff seine Augen leicht zusammen, aber zeigte ansonsten keine Reaktion. Mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung ließ er sich sein Schwert bringen und wies mich an den Kampfplatz erneut zu betreten. Die Soldaten drängelten sich dicht an dicht an den Zaun um ja nichts zu verpassen. Er will mir also vor ihren Augen eine Lektion erteilen. Auf was lasse ich mich da eigentlich ein? Warum falle ich nicht einfach um und gönne mir eine Pause?

“Mal sehen ob hier hiernach immer noch so frech seit.“ Er nahm seine typische Angriffsposition ein und ich tat es ihm gleich. Allerdings nicht ohne das Gewicht der Klinge in meiner Hand erneut zu prüfen. Das war etwas, was ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt hatte. Man ging niemals in einen Kampf, wenn man seine Waffe nicht wirklich einschätzen konnte. Dieses Schwert war zwar nicht einmal halb so gut wie jenes, das ich von Yuen-Lao besessen hatte, aber es würde seinen Zweck erfüllen. Besonders praktisch war, daß diese Klinge beinahe ebenso lang war wie das Schwert das ich monatelang an meiner Hüfte getragen hatte. Also würde ich zumindest mit dem Angriffsradius keinerlei Probleme haben.

“Ich bin wirklich sehr gespannt, was ihr könnt.“ Mit einem Kopfnicken forderte er mich auf ihn anzugreifen und ich tat es. Gut, ich hatte nicht damit gerechnet direkt mit meinem ersten Angriff einen Treffer zu landen, aber das er mich so dermaßen leicht abwehrte schockierte mich dann schon. Anscheinend war ich wesentlich mehr aus der Übung als gedacht.

“War das etwa alles?“ Zusammen mit dieser Frage ging er seinerseits zum Angriff über und ich hatte alle Hände voll damit zu tun ihn abzuwehren. Selber anzugreifen blieb dabei erst einmal ein Wunschtraum, da ich mir keinen noch so kleinen Fehler in meiner Deckung leisten konnte. Er war trotz seines Alters immer noch viel zu gut. Ein wahrer Meister des Schwertes.

Je länger der Kampf dauerte desto stärker merkte ich, wie meine Muskeln trotz aller Müdigkeit nach und nach beinahe von allein reagierten. Obwohl fast jede Bewegung schmerzte wurden sie immer flüssiger. Mein Körper begann sich nach und nach an all das jahrelange Training zu erinnern und die Klinge wurde zu einer natürlichen Verlängerung meines Armes.

Das merkte auch mein Gegner der sich plötzlich mehr auf den Kampf konzentrierte als am Anfang. Auch seine Zwischenkommentare von wegen meine Deckung wäre lausig oder ich würde das Schwert halten wie ein Mädchen verringerten sich zusehends. Er begann mich als Gegner ernst zunehmen und so sehr es mich auch freute ihn beeindruckt zu haben, die Sache hatte leider einen gewaltigen Nachteil. Jetzt schlug er nämlich nicht mehr länger mit halber Kraft zu. Seine Angriffe erfolgten kurz, präzise und mit vollem Einsatz. Ich hatte Mühe mir meine Kräfte so einzuteilen, daß ich dieses Tempo durchhalten konnte. Ein vollkommen aussichtloses Unterfangen, da er im Gegensatz zu mir erholt in den Kampf gegangen war. Aber ich war nicht bereit ihm die Sache deshalb leichter zu machen. Ich gab mein Bestes und als er mir das Schwert aus der Hand schlug konnte ich mit ruhigem Gewissen sagen, das es ein guter Kampf gewesen war. Am Ende hat es mir sogar richtig Spaß gemacht gegen einen solch begabten Schwertkämpfer antreten zu dürfen.

“Du bist besiegt.“ Er setzte mir seine Schwertspitze auf die Brust und lächelte mich warm an. Ich erwiderte sein Lächeln.

“Nur in diesem Kampf. Beim nächsten Mal werden wir sehen wer von uns beiden besser ist.“ Er begann bei dieser offensichtlichen Unverfrorenheit laut zu lachen.

“Ihr habt Mumm und ich nehme diese Herausforderung gern an.“ Immer noch lachend gab er den Männern Anweisung uns Handtücher zu bringen und hob mein Schwert auf.

“Eure Technik ist wirklich beeindruckend. Ich frage mich wie lange ihr gebraucht habt um sie zu lernen.“ Dabei betrachtete er die Klinge vor sich ganz genau und gab schließlich beide Schwerter in die Hände eines herbei geeilten Soldaten.

“Wenn ich es nicht besser wüsste, dann könnte ich schwören, daß ihr das Meiste davon hier gelernt habt.“ Ich vermied es ihm in die Augen zu sehen und überlegte wie ich mich am besten aus der Affäre ziehen und ihm eine halbwegs sinnvolle Erklärung für das liefern konnte, was er im Kampf mit mir gesehen hatte. Als Meister seines Fachs wäre es ein Wunder, wenn ihm nicht aufgefallen wäre, daß mein Kampfstil zum Großteil dem seiner Schule entsprach.

“Aber das ist so gut wie unmöglich. Meint ihr nicht auch?“ Er lächelte mich zwar immer noch warm an, aber seine Augen sagten etwas ganz anderes. Er hatte mich bereits durchschaut war aber bereite die Sache vorerst auf sich beruhen zu lassen. Ich würde in Zukunft aufpassen müssen, daß er nicht noch mehr herausfand. Aber wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern bis er eins und eins zusammenzählte. Ich wünschte nur ich wüßte, was Ayuru ihm über mich erzählt hatte.

“Ja, das ist es.“ Ich verließ den Kampfplatz in der Hoffnung etwas Ruhe zu finden ehe Ayuru mich abholen würde, aber ich hatte die anwesenden Soldaten vergessen. Sie umringten mich freudestrahlend und bestürmten mich mit Dutzenden von Frage. Beinahe so als hätten sie noch niemals jemanden mit einem Schwert kämpfen sehen. Kopfschüttelnd versuchte ich ihnen zu entkommen, aber erst als mich jemand festentschlossen am Ärmel packte und hinter sich herzog gelang es mir mich von ihnen zu befreien. Als wir die Menschenmasse endlich hinter uns gelassen hatten erkannte ich auch endlich wem ich meine Rettung zu verdanken hatte. Zielstrebig zog mich Suboshi auf die Unterkünfte der Soldaten zu. Sein Gesichtsausdruck war dabei zwar alles andere als begeistert, aber er machte dennoch keine Anstalten den Druck seiner Hand zu verringern oder mir zu erklären was das Ganze sollte.

Das war gleichzeitig auch das Höchstmaß unserer Kommunikation in den folgenden Tagen. Erst brachte ich mein Training hinter mich, dann umringten mich die Soldaten und keine zwei Minuten später tauchte Suboshi scheinbar aus dem Nichts auf und schleifte mich in eine andere Ecke des Geländes bis sich die erste Aufregung legte. Entweder das oder Ayuru kam um mich abzuholen. Was nicht minder viel Aufsehen erregte. Mehr als einmal fragte ich ihn danach ob er Suboshi darum gebeten hatte sich um mich zu kümmern. Aber er verneinte es jedes Mal. Allerdings war er der Ansicht, daß ich diesen Sonderservice seinem alten Lehrmeister zu verdanken hatte, der anscheinend verhindern wollte, daß sich die Männer zu sehr für mich interessierten.

So verstrichen meine Tage mehr oder weniger ereignislos. Nun ja, bis auf die Tatsache, daß ich immer fitter wurde und abends viel zu müde war um mich Ayuru auf die ein oder andere Art und Weise zu nähern. Meistens fiel ich einfach nur todmüde aufs Bett und schaffte es gerade mal so eben die Stiefel abzustreifen. Das ich jeden Morgen in einem Nachthemd und nicht in Soldatenklamotten aufwachte hatte ich wahrscheinlich Ayuru zu verdanken, den es nicht im Geringsten zu stören schien, das ich abends fast prompt einschlief. Eher im Gegenteil er wirkte irgendwie erleichtert. Aber ich war viel zu geschafft um mir darüber Gedanken zu machen. Ich bekam meistens gar nicht mehr mit wie er sich zu mir ins Bett legte und morgens war häufig schon fort, bevor ich überhaupt aufstand. Nur die sanfte, warme Umarmung, die ich jede Nacht spürte gab mir die Sicherheit, daß er bei mir gewesen war. Allmählich keimte in mir der Verdacht auf, daß er mir mit Absicht aus dem Weg ging. Aber das konnte nur Einbildung sein. Warum sollte er so etwas tun?

Aber auch über diese Frage grübelte ich viel zu selten nach. Der Alltag nahm mich voll und ganz in Anspruch. Nach dem sich meine Form immer weiter steigerte änderte der Meister meinen Trainingsplan jedes Mal genau dann, wenn ich dachte ich würde endlich Fortschritte machen. Dachte ich in einem Moment ihn endlich beeindruckt zu haben zog er im nächsten bereits eine neue Überraschung aus dem Ärmel und ich kam mir wieder vor wie ein blutiger Anfänger. Es war erstaunlich wie viele Übungen dieser Mann kannte um jeden einzelnen von seinen Männern in Topform zu bringen. Durch seine harte Schule wurde ich so sehr abgelenkt, daß ich kaum noch etwas anderes wahrnahm als Ayurus Gemächer und das Trainingsgelände. Und mein Ehrgeiz auf keinen Fall klein beizugeben brachte mir nebenbei es mir einen Heidenrespekt bei den Soldaten ein. Besonders dann, wenn ich endlich wieder einmal eine Runde gegen den Meister bestand ohne, daß dieser mich völlig zu Klump verarbeitet hatte.

Auch hatte ich es aufgegeben in Gegenwart des Meisters vorsichtig zu sein. Er verlangte von uns alles und auch, wenn man sich noch so große Mühe gab, er durchschaute es jedes Mal, wenn man versuchte ihn hinters Licht zu führen. Und man konnte sich sicher sein, daß wenn man es versuchte er im nächsten Moment mit einer Übung aufwartete die einen Zwang genau den Teil seiner Technik zu offenbaren, die man eigentlich vor ihm hatte verheimlichen wollen.

Um so überraschter war ich, als es mir eines Tages gelang ein Unentschieden gegen ihn zu erzielen. Ich starrte mein Schwert an, als wäre es nicht wirklich ich gewesen, die das soeben vollbracht hatte sondern jemand anders, während er mir freundschaftlich auf die Schulter klopfte und meinte aus mir würde noch ein ordentlicher Krieger werden. Auch, wenn ich nur eine halbe Portion war.

Da ich immer noch nicht fassen konnte, was da eigentlich geschehen war merkte ich auch nicht, wie sich eine Traube dicht gedrängter Leiber um mich schloß. Und wieder mal war es Suboshi, der mich aus der Menge herausholte bevor diese mich in stundenlange Diskussionen verwickeln konnte. Nach wie vor hatte ich nicht die geringste Ahnung warum er sich zu meinem Wachhund berufen fühlte, aber wie die vorherigen Male war ich ihm dankbar für die Rettung und ließ ich mich bereitwillig von ihm mitschleifen. Allerdings merkte ich dieses Mal sehr schnell warum er es so eilig hatte vom Kampfplatz wegzukommen.

Eine Hand auf meiner Schulter, die ungefähr so groß war wie das Blatt einer Schaufel und mich leicht zurückzog ließ mich frösteln. Und als ich mich umdrehte um ihrem weiteren Druck zu entgehen ragte vor mir ein Krieger auf, der selbst dem erfahrensten Kämpfer Respekt eingeflößt hätte. Er war bestimmt gut und gerne zwei Meter groß und es gab nicht eine einzige Stelle an seinem Körper, die nicht von Muskeln oder Haaren bedeckt war. Seine Arme waren dicht behaart und machten den Eindruck von einem Paar Baumstämme. In seinem Gesicht versperrte ein dicker, schwarzer Bart die Sicht auf das Meiste davon. Die buschigen Augenbrauen und die aufblitzenden dunklen Augen trugen auch ebenfalls nicht dazu bei, daß sich meine aufsteigende Panik legte. Vor allem nachdem ich entdeckte, das dieser Riese eine Streitaxt als Waffe mit sich führte.

“Hey Suboshi! Ist das der Bursche, der unserem Shogun so viel Ärger bereitet?“ Die tiefe, dunkle Stimme dröhnte weithin hörbar über das Gelände und sämtliche Blicke schienen plötzlich auf uns zu ruhen. Ich merkte, wie die Panik immer mehr von mir Besitz ergriff.

“Ja.“ Suboshis Antwort war zwar kaum zu hören, aber die Augen des Riesen leuchteten fast zeitgleich damit auf und unter seinem Bart kam eine Reihe perlweißer Zähne zum Vorschein. Wahrscheinlich grinste er in diesem Augenblick. Ich konnte spüren, wie meine Knie bei zu Butter wurden. Es fehlte wirklich nicht mehr viel und würde damit beginnen am ganzen Körper zu zittern. Aber statt der von mir befürchteten Herausforderung schlug der Riese mir freundschaftlich mit seiner Pranke auf die Schulter und drückte diese kameradschaftlich.

“Für eine halbe Portion bist du verdammt mutig. Danke!“ Mit einem weiteren Klaps verabschiedete er sich grinsend von uns und machte sich auf den Weg zurück zum Kampfplatz. Ich starrte ihm nach als wäre mir soeben ein Dämon begegnet. Tenkou hatte sich zwar schon seit geraumer Zeit nicht mehr blicken lassen. Aber was zum Geier hatte das hier bitte zu bedeuten?

“Typisch Ranui. Der Kerl denkt einfach nicht daran, das allein sein Aussehen ausreicht um anderen Angst einzujagen.“ Suboshi wirkte immer noch nicht sonderlich begeistert, aber er konnte ein leichtes Lächeln nicht länger verbergen.

“Ranui?“ Ich versuchte mich an diesen Namen zu erinnern, aber es war vergeblich. Die Soldaten Kutous wechselten viel zu oft. Als Kriegernation warben sie viele Söldner aus anderen Ländern an, die in einem Jahr für Shokitei kämpften und im nächsten gegen ihn. Geld war eben alles. Wenn das Gebot hoch genug war wechselten sie ohne mit der Wimper zu zucken die Seiten. Lediglich die Soldaten, die Ayuru unterstanden blieben über einen längeren Zeitraum. Die gängige Meinung unter ihnen war, daß er der beste Feldherr war, den sie bisher kennengelernt hatten. Es war sicherlich übertrieben, da es mit Sicherheit irgendwo jemanden gab der besser war als er. Gleichzeitig zeigte es ihren großen Respekt vor dem kaiserlichen Shogun und Ayuru ließ sich nicht nehmen ihnen diese Treue zu danken. Wann immer es ging ließ er sich etwas einfallen um ihre Moral zu stärken.

“Seine kleine Schwester war unter den Frauen die ihr befreit habt. Schätze, du hast bei ihm was gut.“ Ich starrte Suboshi fassungslos an.

“Seine Schwester?! Warum dient er dann ausgerechnet Kutou?“ Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, dann hätte ich mich einem anderen Königreich angeschlossen, das Kutou feindlich gesinnt war und alles in meiner Macht stehende getan um meine Schwester zu retten.

“Woher soll ich das wissen?“ Er zuckte mit den Schultern.

“Vielleicht haben sie ihn erpreßt.“ Es sah nicht so aus als würde er scherzen und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, das Shokitei zu solchen Mitteln griff um sich den Gehorsam seiner Krieger zu sichern. Dieser Mann war kein Kaiser und erst Recht kein Soldat, er war schlicht und ergreifend ein Feigling, den man mit zuviel Macht ausgestattet hatte.

“Und das hat der Shogun gewußt?“ Ich ballte meine Hand zur Faust um mir die Wut nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Ayuru, das kannst du nicht zugelassen haben! Oder?

“Auch unser Shogun weiß nicht alles, was in diesem Palast vor sich geht.“ Das hört sich übel an.

“Soll das heißen du wußtest bescheid und hast ihm nichts gesagt?“ Es gelang mir immer weniger meinen Zorn unter Kontrolle zu halten. Wie kann man so etwas nur zulassen? Warum müssen unter Shokitei immer Unschuldige leiden? Warum erhebt sich niemand gegen ihn?

“Ranui wollte nicht, das es irgendjemand erfährt und außerdem mag er unseren Shogun. Er würde hier sogar dienen, wenn der Kaiser seine Mutter töten ließe. Es geht ihm nur um Nakago um niemanden sonst. Die meisten Männer sind deswegen hier und nicht weil sie unseren Kaiser so sehr schätzen.“ Seine Worte waren bitter aber wahr. Ich wußte das und konnte diese Tatsache nicht verleugnen. Ayurus Ruf eilte ihm in allen Königreichen voraus und meistens gewann er einen Kampf sogar ehe dieser überhaupt begonnen hatte. Sein Name allein reichte aus um die Gegner zur Kapitulation zu bewegen.

“Gilt das auch für dich und deinen Bruder?“ Bisher hatte ich es vermieden ihn danach zu fragen wie er in den Palast gekommen war, aber nun konnte ich meine Neugier nicht länger zügeln.

“Nein!“ Das war deutlich. Mehr als diese eine Frage würde er nicht beantworten. Da ich ihn inzwischen einigermaßen gut kannte verkniff ich es mir, dieses Thema noch einmal anzuschneiden. Aber es brachte mich zum Nachdenken. Shokiteis Position war längst nicht so sicher wie dieser glaubte. Wenn sich die Soldaten zusammenschließen würden wäre es bestimmt ein Leichtes ihn zu stürzen. Das war etwas, das ich unbedingt mit Ayuru besprechen mußte. Mit ihm als Anführer könnte dabei kaum etwas schiefgehen. Leider ergab sich jedoch erst einmal nicht keine Gelegenheit dazu. Irgendjemand war mißtrauisch geworden was seine Beziehung zu mir anging und so schränkte er seine Besuche auf ein absolutes Minimum ein. Auch holte er mich abends auch nicht mehr regelmäßig ab. Er überließ es mir zu entscheiden ob ich abends in seine Gemächer zurückkehrte oder in den Soldatenunterkünften blieb. Als ob ich eine Wahl gehabt hätte, wenn ich weiterhin als Mann durchgehen wollte.

Die einzigen Ausnahmen von dieser neuen Regelung bildeten die Abende an denen er mir eine Nachricht übermitteln ließ in der er mich unmißverständlich mitteilte, daß er mich in seinen Gemächern zu sehen wünschte. Keiner der anderen Soldaten beneidete mich um mein Los, aber es war nicht an ihnen etwas dagegen zu unternehmen. Würden sie einschreiten, dann würde Shokitei sie dafür foltern oder töten lassen. Und Ayuru würde es nicht verhindern können. Sie konnten schließlich nicht ahnen, daß mir Ayurus Gegenwart tausend Mal lieber war als die von Shokitei.

Dennoch blieb ich, wenn auch selten, abends immer länger in den Kasernen um den Schein des aufmüpfigen Rebellen zuwahren. Und auch nur solange ich mir sicher sein konnte, das Suboshi in meiner Nähe sein würde. Es gab keine Macht der Welt, die mich dazu bewegt hätte meine sorgfältig gehütete Tarnung aufzugeben oder nachts freiwillig irgendwo anders zu schlafen außer in Ayurus Armen. Dort war ich vor allem sicher, sogar vor Tenkou. Dennoch mußte ich aufpassen, das keiner der Männer Verdacht schöpfte und so gaben wir tagsüber ein Theaterstück zum Besten, das Ayuru als siegreichen Shogun zeigte und mich als Rebellen, der seine Niederlage selbst dann nicht einsah, wenn nicht mehr die geringste Aussicht auf Sieg bestand. Erst, wenn wir allein und in seinen Gemächern waren ließen wir unsere Masken fallen und genossen die gemeinsame Zeit. Auch wenn Ayuru nie mehr zu ließ als mich liebvoll zu umarmen und zu küssen. Auf der einen Seite war es frustrierend aber auf der anderen auch notwendig. Sollten wir diese eine Grenze überschreiten würde es noch schwerer werden unsere Maskerade aufrecht zu halten.

Nach wenigen Wochen kam es dann allerdings zu einem vollkommen überraschenden Besuch, der meinen Alltag auf Dauer durcheinander bringen sollte. Eine der höheren Dienerinnen des Palastes kam vorbei um einige Leibwächter für sich zu suchen. Die Auserwählten sollten sie zum Markt und abends zu einem Fest begleiten. Unnötig zu erwähnen, das sie sich vor Freiwilligen kaum retten konnte. Doch keiner der Männer hielt ihrem kritischen Blick stand. Niemand von ihnen schien dem zu entsprechen, was sie suchte. Da ich nicht davon ausging, daß man mich niemals mit einer solchen Aufgabe betreuen würde (immerhin war ich nach wie vor ein Gefangner der seine erste Chance auf Flucht nützen würde) hatte ich mich zusammen mit Suboshi und Ranui in eine schattige Ecke verzogen. Dort so hofften wir würde uns niemand so schnell entdecken.

Während die Anderen in der Sonne schwitzten konzentrierten wir uns voll und ganz auf unser Mikadospiel, das wir schon geraumer Zeit angefangen hatten. Zur allgemeinen Überraschung war es ausgerechnet Ranui, der führte. Trotz seiner riesigen Hände besaß er unglaubliches Geschick die dünnen Stäbchen ohne den geringsten Wackler auseinander zu ziehen. Suboshi und ich hatten in etwa Gleichstand, aber nach laut Suboshi war der Tag noch lange nicht vorbei und er würde uns schon noch zeigen was eine Harke war.

Nachdem es mir endlich geglückt war ein doch recht wackeliges Stäbchen zu befreien war Suboshi an der Reihe und auch für ihn sah es wirklich gut aus. Wenigstens solange bis plötzlich ein dunkler Schatten über uns fiel und eine herrische Stimme eine Erklärung verlangte, was in drei Teufelsnamen wir da bitte schon tun würden. Vor lauter Schreck fiel Suboshi in die noch verbliebenen Stäbchen und beendete somit die Runde. Ich bekam bei seinem völlig entgeisterten Gesichtsausdruck einen Lachanfall. Soeben hatte er Ranuis und meinen Küchendienst übernommen. Irgendwie schaffte ich es trotz Lachen noch ihn damit aufziehen, das er wohl noch etwas üben müßte er eine Revanche starten könnte. Und während er mir dafür eine Kopfnuß verpaßt erklärte Ranui der vor Empörung nach Luft schnappenden Dienerin das wir höchst konzentriert Mikado spielten und dabei doch bitte nicht gestört werden wollten.

Es war eigentlich sonnenklar klar, daß sie daran oder an den von uns festgelegten Regeln eigentlich gar kein Interesse hatte. Viel eher wollte sie wissen warum wir uns nicht als Leibwächter angeboten hatten. Ranui erklärte es ihr mit wenigen Worten in dem er der Reihe nach auf jeden von uns zeigte.

“Die halbe Portion dort ist ein gesuchter Rebell und muß rund um die Uhr bewacht werden.“ Ich zog eine Grimasse bevor sein Finger auf Suboshi umschwenkte.

“Der da ist ein Seishi, ein Hitzkopf und Jungspund dazu. Ich würde euch nicht empfehlen ihm euer Leben anzuvertrauen.“

“Ranui!“ Gerade noch rechtzeitig bekam ich Suboshis zu fassen um ihn am Aufspringen zu hindern.

“Seht ihr?“ Fragte Ranui sie ehe er auf sich selbst deutet.

“Tja, und ich bin leider nur ein ungehobelter Riese, der jede feine Lady mit seinen Manieren zu Tode erschrecken würde. Ihre seht also, das keiner von uns als Leibwächter für euch in Frage kommt.“ Angesichts dieser Unverschämtheit plusterte sich die Frau auf wie eine Henne, die zum Angriff übergeht. Suboshi und ich verbissen uns bei diesem Anblick und Ranuis vollkommen unschuldigem Blick krampfhaft das Lachen um die Situation nicht noch schlimmer zu machen. Nachdem sie sich endlich wieder halbwegs im Griff hatte und die roten Flecken allmählich aus ihrem Gesicht verschwanden drehte sie sich triumphierend zum Meister um und winkte ihn in unsere Richtung. Innerlich stöhnte ich leise auf. Ich ahnte bereits was nun folgen würde. Wir hatten sie zu sehr gereizt.

“Diese Drei hier!“ Ihre Stimme hallte über den gesamten Platz und ich sah meine beiden Freunde zweifelnd an.

“Ich verlange, das mich diese Drei begleiten.“

“Meint sie das tatsächlich ernst?“ Sie hatte mich gehört uns segnete mich mit einem eisigen Blick.

“Rebell oder nicht, ihr werdet meine Eskorte bilden. Es wird schon einen Weg geben euch an der Flucht zu hindern.“ Der Meister seufzte resigniert. Also kam der Befehl von ganz oben.

“Rüstet sie aus. Sie sollen heute Nachmittag am Haupttor sein und mich erwarten!“ Damit rauschte sie davon und ließ einen völlig ratlosen Meister sowie drei angehende Leibwächter zurück, die immer noch stark daran zweifelten, daß man sie wirklich gehen lassen würde. Umso überraschter waren wir, als wir nur wenige Stunden später tatsächlich geschniegelt und gestriegelte vor dem Haupttor des Palastes standen und warteten. Auf was auch immer da auf uns kam.

Wenigstens hatte Suboshi Glück gehabt. Im letzten Moment war er zu einer strenggeheimen Mission gerufen worden, die ihm diesen Job ersparte. Ranui und ich bekamen selbstverständlich keinen Ersatzmann zur Seite gestellt. Aber was mich noch viel mehr wurmte war die Tatsache, daß man Ranui dafür verantwortlich machte, das ich keinen Fluchtversuch unternahm. Es war ganz einfach sollte ich versuchen zu fliehen hatte er die Erlaubnis mich notfalls sofort zu töten. Allerdings nur als allerletzte Lösung. Er sollte mich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufhalten. Unter der Berücksichtigung, das Shokitei eines Tages noch seine ganz persönliche Rache an mir üben wollte. Glücklicherweise überließ dieser es Ayuru die Entscheidung zu fällen, wann dieser Tag sein würde. Offiziell war man also immer noch dabei mich zu zähmen und leider war es bisher nur teilweise gelungen meinen Willen zu brechen. Inoffiziell war ich so fit wie noch nie zuvor in meinem Leben. Sämtliche überflüssigen Pfunde waren verschwunden und hatten sich in Muskeln verwandelt.

Aber zurück zu dem Versuch mich an einer Flucht zu hindern. Sollte es mir wieder Erwarten gelingen Ranui und den anderen Soldaten zu entkommen würde Ranuis Kopf an meiner Stelle rollen. Diese Klausel hatten wir unserem Meister zu verdanken, der nur zu gut wußte, daß er damit den wohl wirkungsvollsten Riegel vor die halbgeöffnete Tür geschoben hatte. Er wußte, daß ich das Leben eines Freundes niemals unnötig aufs Spiel setzen würde.

Gut und gerne eine halbe Stunde lang standen wir uns die Beine in den Bauch ehe endlich die Dienerin mit einem schadenfrohen Grinsen im Gesicht und einer Sänfte im Schlepptau auftauchte. Ein Blick ins Innere des Gefährts war unmöglich, da dieses komplett mit Tüchern und dünnen Bambusmatten verhangen war. Wir bekamen die deutliche Anweisung der hohen Dame, die wir nun begleiten würden jeden einzelnen Wunsch zu erfüllen und ihr Leben um jeden Preis zu schützen. Als wir nach ihrem Vortrag mehr oder weniger begeistert schworen alles zu tun was in unserer Macht stand um diese Bedingungen zu erfüllen wurden wir mit einem kurzen Nicken entlassen. Die Träger setzten sich im geübten Gleichschritt in Bewegung und wir nahmen die Plätze rechts und links neben der Sänfte ein.

Ich beneidete keinen der Träger. Es war brüllend heiß und ich war heilfroh, das ich mich von Ranui nicht zu einer dieser monströsen Rüstungen, die er so gern trug, hatte überreden lassen. In diesen Dingern konnte ich mich so gut wie gar nicht bewegen. Allein das Gewicht war schon beinahe zu viel. Nach mehreren Versuchen mir ein leichteres Model anzupassen hatte schließlich auch der Meister aufgegeben und mir seufzend einen leichten Brustpanzer umgeschnallt, auf die Schulter geklopft und viel Glück gewünscht. Auch wenn er nicht sonderlich überzeugt davon war, das ich im Ernstfall mit einer solch schwachen Rüstung lange überleben würde. Allerdings war ich mir sicher, daß ich mein Leben wesentlich besser schützen konnte, wenn ich in der Lage war mich zu bewegen und nicht wie eine Schildkröte in einem Panzer feststeckte. Eine schwere Rüstung hätte mich nur unnötig behindert und meine Bewegungen verlangsamt. Während des Trainings hatte ich herausgefunden, das mein einziger Vorteil gegenüber den Männern meine Schnelligkeit und Wendigkeit waren.

Wie Ranui es bei dieser Hitze in seiner massiven Eisenrüstung aushielt war mir ein absolutes Rätsel. Er schien nicht einmal zu schwitzen und trug das Ding als würde es nichts wiegen. Dabei konnte ich seinen Helm gerade mal so eben mit zwei Händen halten. Das Gewicht von dem Rest des Teils wollte ich lieber gar nicht erst erfahren.

“Jetzt rechts. Haltet in der nächsten Gasse an.“ Die Stimme drang gedämpft und undeutlich durch die Vorhänge. Gehorsam hielten die Träger an und setzten die Sänfte trotz Ranuis und meiner Bedenken in einer dunklen Seitengasse ab. Eine reichgeschmückte Sänfte in einer nicht sonderlich vertrauenerweckenden Umgebung. Wie lange würde es wohl dauern bis die ersten Gauner auf und aufmerksam wurden? Man ignorierte uns schlicht und ergreifend. Was wußten wir denn bitte schön über die Gefahren, die einer reichen Frau in den Gassen von Kutou drohte? Man hatte uns schließlich nur zum Spaß als Leibwächter engagiert. Und Lakaien hatten ohnehin nicht sonderlich viel zu melden.

“Laßt uns folgendes klarstellen:“ Beinahe so als hätte sie unsere Gedanken gelesen flogen die Vorhänge der Sänfte zur Seite und eine in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt trat auf die Straße.

“Ihr beide seit nur hier, weil der Kaiser der Ansicht ist ich bräuchte Leibwächter und nicht, weil es nötig wäre. Himmel, ich hätte ihm niemals sagen dürfen, das ich vor habe in die Stadt zu gehen.“ Genervt streifte sie sich die Kapuze vom Kopf und ich brauchte eine Sekunde um diesen Anblick zu verarbeiten. Dabei war ich eigentlich schon bei dem Klang der mir doch recht vertrauten Stimme mißtrauisch gewesen. Sie plötzlich vor mir zu sehen war dennoch ein kleiner Schock.

“Kaen?“ Ich konnte es nicht fassen. Ausgerechnet sie war diejenige, die wir beschützen sollten? Das konnte doch nur ein Scherz sein. Sie war garantiert der letzte Mensch auf diesem Planeten, der Hilfe von zwei Leibwächtern brauchte. Als Seiryuu Seishi war sie mit Kräften ausgestattet, die jeden normalen Angreifer wie einen blutigen Amateur aussehen ließen.

“Kennen wir uns?“ Sie drehte sich nicht einmal um. Anscheinend war sie der Meinung, daß unnütze Diener für sie nicht zählten.

“Kaen?! Bist du dir sicher Ayu-chan? Im Palast gibt es keine Adlige mit diesem Namen die mir geläufig wäre.“ Wissend grinste ich ihn an. Es kam selten vor, das ich etwas mehr über die Palastbewohner wußte als er.

“Kannst du auch nicht. Sie ist ein Seiryuu Seishi. Soi um genau zu sein.“

“DER Seiryuu Seishi Soi?!“ Ranui starrte sie vollkommen ungläubig an. Was ich durchaus verstehen konnte. Die Seishis waren etwas ganz Besonders und die normalen Soldaten bekamen sie eigentlich so gut wie nie zu Gesicht.

“Ayu-chan, hm. Wie kommt es, das ein kleiner Soldat so viel über mich weiß?“ Ich biß mir auf die Zunge um nicht zu lachen als sie sich umdrehte und sie mich erkannte. Außer einem dümmlichen Grinsen fiel mir nichts weiter ein, was die Situation erklärt hätte.

“Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Wenn jetzt herauskam in welcher Beziehung ich zu ihr und Ayuru stand war alles vorbei. Ich steckte ganz schön in der Klemme. Aber Kaen war kein Dummkopf. Meine Anwesenheit überraschte sie zwar, aber sie war immer noch in der Lage ein Geheimnis zu bewahren.

“Was im Namen aller Götter machst du hier?!“ Ayuru hatte ihr also noch nicht gesagt, das ich mich in dieser Welt befinde. Das konnte heiter werden.

“Die Kurzfassung?“ Entgeistert brachte sie ein Nicken zustande. Wahrscheinlich war sie im Geiste gerade dabei Ayuru zu zerfleischen, das er ihr kein einziges Wort über meine Anwesenheit verraten hatte. Etwas, was ich sehr gut nachvollziehen konnte.

“Die kaiserlichen Soldaten haben mich vor einiger Zeit haben in der Annahme gefangen genommen, das ich ein gesuchter Rebell sei.“ Sie holte kurz Luft und bevor Ranui etwas sagen konnte fuhr sie mich an, was mir denn bitte schön einfallen würde auf die selten schwachsinnige Idee zu kommen, mich den Rebellen anzuschließen, den Harem des Kaisers zu befreien und mich dabei auch noch erwischen zu lassen. Ganz zu schweigen davon auch das dies auch noch Seite an Seite mit Yuen-Lao geschah, der im gesamten Königreich gesucht wurde und auf dessen Kopf eine astronomische Summe ausgesetzt war.

Bis auf die kleine Tatsache, daß ich schon mehrere Monate bei den Rebellen verbracht hatte bevor wir unseren kleinen Plan in die Tat umsetzten war sie erstaunlich gut informiert. Das und die Tatsache, daß sich hinter dem Rebellen Ayuru eine Person verbarg, die sie bisher nur als Geist kannte waren ihr bisher verborgen geblieben. Allerdings erklärte meine Anwesenheit so manches, wie sie mich wissen ließ.

“Ayu-chan, ihr kennt euch?“ Ranui war immer noch vollkommen verwirrt und ehe ich ihm antworten konnte kam mir Kaen zu vor.

“So könnte man das auch nennen.“ Strafend sah sie mich an.

“Es wäre auf jeden Fall besser für euch, wenn ihr von jetzt verdammt vorsichtig seit solange ihr euch in der Stadt bewegt. Wenn man R-“ Flehend sah ich sie an und sie korrigierte sich hustend.

“Wenn man Ayuru erkennt könnte das übel ausgehen.“ Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und hätte uns beinahe stehen lassen.

“Wartet! Was hat das zu bedeuten?“ Rief Ranui ihr hinterher.

“Das wir uns hier in drei Stunden wieder treffen. Macht’s gut!“ Damit war sie verschwunden. Bis heute bin ich ihr unendlich dankbar dafür, daß sie mich in diesem Moment nicht verraten hat. Hätte ich jedoch geahnt, was als Nächstes passieren würde, dann wäre es wahrscheinlich besser für uns alle gewesen, wenn sie es doch getan hätte. Nur konnte in jenem Moment noch niemand ahnen, daß ein Tag, der so gut begonnen hatte ein solch schreckliches Ende nehmen würde.

Nachdem ich Ranui Rede und Antwort gestanden hatte woher zum Teufel ich denn bitte schön einen der Seiryuu Seishis und noch dazu eine so scharfe Braut wie Soi kannte machten wir uns schließlich auf den Weg um die Gelegenheit zu nutzen uns zu amüsieren. Zum Glück hatte Ranui genügend Geld dabei. Er ließ es sich nicht nehmen uns wie er es nannte, groß auszuführen.

Es war herrlich durch die Straßen Kutous zu streifen ohne, daß man großartig beachtet wurde. Ranuis Anblick reichte aus um uns in jeder noch so überfüllten Straße eine freie Gasse zu schaffen und nahezu sämtliche Blicke ruhten auf ihm und nicht auf mir. Sogar auf dem Marktplatz konnten wir ungestört einkaufen. Mir schwatzte er trotz aller Proteste einen Dolch auf, den ich unter meiner Kleidung verbergen sollte bis ihm ein besseres Versteck dafür einfiel. Ich gab mich grinsend geschlagen und schob die kurze Klinge unter seinem anerkennenden Nicken in den Schaft meines rechten Stiefels. Danach gingen wir auf Schlemmertour. Wobei ich an nahezu jedem Imbißstand irgend etwas probieren mußte damit ich laut Ranui endlich etwas Fleisch auf die Rippen bekam. Allein von dem Kantinenessen konnte aus mir ja schließlich kein ganzer Kerl werden. Ohne gesunde und vor allem ausreichende Ernährung keine gesunden Muskeln, war sein Wahlspruch.

Als wir den Marktplatz endlich vollkommen bepackt verließen rückte er auch endlich mit der Sprache für seinen Masseneinkauf raus. Er hatte das ganze Zeug für ein Waisenhaus am hintersten Ende der Stadt besorgt, das ab und an auch mal einigen Flüchtlingen Zuflucht bot. Dies allerdings nur sehr, sehr vorsichtig und äußerst selten, da es sehr gefährlich war. Aber bisher hatte jeder der Soldaten, der das Gebäude im Auge behalten sollte großzügig darüber hinweggesehen, da ihre Aktivitäten wesentlich mehr halfen als zu schaden. Immerhin dämmte dieses Waisenhaus die Jugendkriminalität ein. Was machte es da schon, das sie hier und da mal einem Rebellen oder Flüchtling Unterschlupf gewährten? Meistens wurden diese ohnehin bald darauf von den Wachen erwischt und so kam eigentlich niemand zu Schaden. Das war die eine Seite, aber auf der anderen wurde dieses Haus dermaßen gut überwacht, das es einem Flüchtling oder Rebellen nur selten gelang Kutou als freier Mann zu verlassen, wenn man ihn einmal dort gesehen hatte.

Mir war mulmig zu mute als wir das Waisenhaus wieder verließen. Sicher, den Kindern konnte es nirgendwo besser gehen als dort. Aber es war erschreckend zu sehen unter welchen Umständen sie dort lebten und einige der zahlreichen Augen hatten nach wie vor deutlich das Grauen widergespiegelt das ihnen widerfahren war. Sie waren größtenteils Kriegswaisen und keiner von ihnen würde diese Erfahrung jemals wieder vergessen. Wie Ayuru und ich.

“Hey, Ayu-chan du bist so ruhig. Stimmt was nicht?“ Besorgt sah Ranui mich an. Wann werde ich mich wohl daran gewöhnt haben, daß man mich so nennt? Eigentlich hatte ich Ayurus Namen nur angenommen, damit er erfuhr, daß ich mich in seiner Welt befand und nach ihm suchte. Doch inzwischen nannte man mich fast nur noch so. Seitdem ich Kutou betreten hatte sich dieser Name untrennbar mit mir und meinen Taten verbunden. Ich würde ihn erst dann wieder ablegen können, wenn die Wahrheit über mich ans Licht kam und das würde erst der Fall sein, wenn Shokitei nicht mehr am Leben war. Viel zu viel hing mittlerweile davon ab, daß meine wahre Herkunft unentdeckt blieb.

“Es ist nichts. Nur ein paar alte Erinnerungen. Mehr nicht.“ Ja, nur Erinnerungen. Bruchstücke, die sich langsam zu einem glücklichen Kinderlächeln formten, das der Krieg für immer zerstört hatte. Und ich hatte es nicht verhindern können. Ich konnte ihm diesen Schmerz nicht ersparen. Ich konnte lediglich an seiner Seite stehen und hilflos mit ansehen wie er immer und immer wieder durch die Hölle ging.

“Erinnerungen… hm…“ Nachdenklich blickte er zurück auf das Waisenhaus. Ich beeilte mich in meinen Manju zu beißen um ihm nicht antworten zu müssen.

“Es mag zwar nicht danach aussehen, aber den Kindern geht es dort gut. Es ist besser für sie als allein auf dem Schlachtfeld zu sein.“ Ich starrte den Teigkloß in meiner Hand an und versuchte nicht an das Feuer und die Schreie in jener Nacht zu denken als sich Ayurus und mein Leben für immer veränderte.

“Es wäre besser für sie, wenn sie den Krieg niemals kennen gelernt hätten. Kein Kind sollte zu sehen müssen wie seine Eltern sterben.“ Es war so grausam. All die Menschen, die starben, die verzweifelten Hilferufe, das Leid in ihren Augen. Wie kann man so etwas jemals vergessen? Es brennt sich in deine Seele und läßt sich nie wieder auslöschen.

“Vielleicht hast du recht… aber wie viele Familien würden verhungern, wenn ihre Männer nicht in den Krieg ziehen würden?“ Ich antwortete ihm nicht sondern zerquetschte den Manju in meiner Hand. Die Füllung tropfte langsam zu Boden und hinterließ dort dunkle Flecken. Wieso zogen sie überhaupt in den Krieg? Warum blieben sie nicht einfach zu Hause bei ihren Familien wo sie gebraucht wurden? Achtlos ließ ich die Überreste meines Imbisses fallen und setzte mich in Bewegung. Was ist so ehrenvoll daran sein Leben aufs Spiel zu setzen für einen Herrscher, der das Wort Dankbarkeit noch nicht einmal kennt?

“Habe ich was Falsches gesagt? Hey Ayu-chan!“ Er wollte mich an der Schulter zurückziehen, aber ich schlug seine Hand weg.

“Warum? Warum?! Nenn mir einen Grund, der einem das Recht gibt Leben auszulöschen! Warum müssen so viele sterben nur damit ein einziger Mann seine Gier befriedigen kann? Was ist ehrenvoll daran?!“ Er sah mich entsetzt an und ich merkte wie mir Tränen in die Augen schossen. Ich wollte nicht, daß er mich weinen sah und machte, daß ich wegkam. Es war falsch ihn so etwas zu fragen, das wußte ich. Er war mit Leib und Seele Söldner, aber ich würde nie verstehen wie man Gefallen daran finden konnte ein Menschenleben innerhalb von Sekunden einfach so auszulöschen. Krieg war etwas Schreckliches!

Nachdem ich eine ganze Weile beinahe blind vor Tränen durch die Straßen gerannt war tat ich das Einzig sinnvolle, was mir noch einfiel. Ich begab mich zurück zum Treffpunkt und hoffte mich bis zu Kaens Rückkehr wieder soweit im Griff zu haben das man mir diesen kleinen Ausbruch nicht ansah. Sie würde mir unter Garantie den Kopf waschen, wenn sie mich dabei erwischte wie sehr ich mich gehen ließ. Immerhin war sie inzwischen wie Ayuru um einiges älter und reifer geworden.

Gut, genaugenommen waren wir derzeitig gleich alt, aber sie hatte in ihrem Leben nie die Zeit gehabt Kind zu sein. Sie war gezwungen wesentlich schneller erwachsen zu werden als gut für sie war. Umso erstaunlicher war es, daß sie sich ihr freundliches Herz bewahrt hatte, auch wenn sie das nur selten zeigte. Nach außen hin war sie eine kühle, unnahbare Schönheit. Ein Seiryuu Seishi, der einem den Tod bringen konnte, wenn man nicht aufpasste. Wenn sie mich in diesem Zustand vorfand würde sie mir das bestimmt die nächsten drei Tage vorhalten. Doch soweit sollte es gar nicht erst kommen.

Keine hundert Meter von unserem Treffpunkt entfernt schlang sich plötzlich ein Arm um meine Taille. Man hielt mir Mund zu während man mich in eine dunkle Gasse zog. Da Schreien nicht funktionierte und ich nebenbei fast keine Luft mehr bekam versuchte ich mich Freizustrampeln, was erst klappte als es mir gelang einen meiner Arme befreien und ihn in etwas Weiches zu stoßen. Der Griff lockerte sich augenblicklich und ich machte einen Satz nach vorn um aus der Reichweite meines Angreifers zu kommen.

“Alle Achtung. Ihr schlagt immer noch ganz schön kräftig zu.“ Entgeistert starrte ich mein Gegenüber an.

“Lao?!“ Zufrieden grinste er mich an.

“Schön, das ihr euch noch an mich erinnert.“ Ich war dermaßen perplex ihn zu sehen, daß ich keinen Ton rausbrachte. Was zum Geier machte er mitten in Kutou?! Und noch dazu vollkommen allein? Es war viel zu gefährlich für ihn. Was, wenn irgend jemand ihn erkannte? Nur ein einziger Bewohner oder Soldat mußte ihn melden und schon würde man ihn umzingeln. Er wird keine Chance haben ihnen zu entkommen. Sie würden ihn verhaften oder sogar töten.

“Ah, ihr macht euch Sorgen um mich.“ Er tippte mir kurz gegen die Stirn.

“Warum habt ihr dann so fest zugeschlagen? Mein armer Magen.“ Mit einem theatralischen verzogenen Gesicht rieb er sich über den Bauch und sah mich strafend an.

“Das tut weh wißt ihr?“ Ich blieb stumm wie ein Fisch. Zuviel huschte mir in diesem Moment im Kopf herum. Warum war zurückgekommen? War den Anderen etwas passiert? Hatte man sie eingeholt? Nein, unser Plan ist narrensicher gewesen. Sie könnten sie nicht erwischt haben.

“Wirklich, ich dachte ihr mir wärt ein klein wenig dankbarer. Immerhin versuche ich gerade euch zu retten.“ Wovor? Wovor wollte dieser Riesenidiot mich bitte schön retten? Ich stand unter dem persönlichen Schutz des Shoguns von Kutou. Mir konnte nichts passieren! Jetzt nicht mehr.

“Nun seht mich bitte nicht so fassungslos an. Habt ihr etwa allen ernstes geglaubt, das wir euch nach allem, was ihr für uns getan habt, einfach so zurücklassen würden?“ Genau das hatte ich geglaubt du Narr. Ich war mir sicher, daß du und die Anderen in Sicherheit seid. Das ich mir keine Sorgen um euch machen muß. Ihr solltet alle gemeinsam mit euren Familien schon längst an einem Ort weit weg von Kutou sein. Nichts anderes ist von uns geplant gewesen. Warum also bist du hier? Warum bist du zurückgekommen?

“Ihr sollte mich langsam besser kennen.“ Er machte einen Schritt auf mich zu. Reflexartig wich ich zurück. Seine Stimme klang zu ernst und er wirkte fest entschlossen. Er würde Kutou nicht ohne mich zu verlassen. Bitte geh! Du verstehst es nicht! Bring dich in Sicherheit ehe sie dich erwischen!

“Warum zögert ihr? Jeder andere wäre dankbar für eine Rettung.“ Nachdenklich sah er mich an.

“Wieso weicht ihr vor mir zurück? Was haben sie euch angetan?“ Behutsam streckte er mir eine Hand entgegen und noch während er das tat verrutschte der Umhang über seinen Schultern und gab den Blick auf den Rest seines Körpers frei. Seine Kleidung hing nur noch lose daran und auch sein Gürtel saß bei Weitem nicht mehr so fest, wie er eigentlich sollte. Er sah ziemlich verwahrlost aus und ich fragte mich wie lange es wohl her sein mochte als er zum letzten Mal etwas Ordentliches gegessen hatte. Endlich fand ich meine Stimme wieder.

“Du bist dünn geworden.“ Er lächelte mich schief an als ich das sagte. Die Ringe unter seinen Augen waren zwar kaum zu erkennen aber er hatte dennoch mit Sicherheit tagelang nicht geschlafen. Wieso tust du das? Ich bin es nicht wert, das du meinetwegen dein Leben aufs Spiel setzt. Ich habe euch nur ausgenutzt.

“Ehrlich? Sieht man es so deutlich? Ich dachte ein paar Pfund weniger könnten nicht schaden. Gefällt es euch?“ Er lachte leicht, aber ich fand das Ganze gar nicht komisch. Immerhin konnten Ranui und Kaen jeden Moment auftauchen und wenn sie ihn fanden, dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis man ihn in Ketten legte und vor Shokitei brachte.

“Lao hör zu. Hier ist es zu gefährlich für dich. Du mußt sofort verschwinden.“ Seine Hand schnellte nach vorn und erwischte meinen linken Unterarm.

“Nicht ohne euch! Ich verlasse diese Stadt nicht ohne euch.“ Verzweifelt versuchte ich mich aus seinem Griff zu befreien, aber es nützte nichts. Mein Arm schien in einer Stahlklemme festzustecken.

“Laß los! Lao, bitte laß los! Du verstehst das nicht. Ich kann hier nicht weg!“ Nicht, nachdem ich endlich den Weg in diese Welt gefunden hatte und Ayuru begegnet war. Ich konnte ihn nicht verlassen!

“Nein! Die Anderen würden es mir nie verzeihen, wenn euch hier ließe.“ Ich wurde leichenblass als ich die Bedeutung dieser Worte begriff.

“Die Anderen? Soll das heißen, du bist nicht allein hier?!“ Panisch sah ich mich um. Wenn sie alle hier waren schwebten sie in höchster Gefahr. Auf jeden einzelnen ihrer Köpfe war eine Höhe Belohnung ausgesetzt.

“Bitte beruhigt euch wieder!“ Er drückte mich eng an sich und für einen kurzen Moment bekam ich keine Luft mehr. Allerdings lockerte er seinen Griff schnell wieder, so daß es nun den Eindruck machte als würde er seine Liebste umarmen. Bitte Lao geh! Es ist zu gefährlich für dich hier! Du setzt dein Leben unnötig aufs Spiel!

“ Ihr seit ja vollkommen panisch. Macht euch keine Sorgen. Ich bin allein gekommen.“ Ich versuchte ihn von mir wegzudrücken, aber er ließ mich nicht los.

“Die Anderen warten außerhalb der Stadtmauern auf uns. Sie halten Pferde und Proviant bereit. Wir können jederzeit aufbrechen.“ Seine Stimme bat mich flehend darum, daß ich einwilligte aber so sehr ich es auch bereuen mochte, ich konnte ihn nicht begleiten. Ich war zu weit gekommen, als das ich jetzt noch umkehren könnte. Der Pfad meines Schicksals hatte mich zu Ayuru geführt und ich würde ihn erst wieder verlassen, wenn Ayuru mich nicht länger brauchte. Doch das würde niemals passieren. Nicht solange einer von uns beiden noch lebte. Unsere Herzen waren untrennbar miteinander verbunden.

“Lao es tut mir leid, aber ich kann Kutou nicht verlassen. Ich muß hier bleiben.“ Er löste sich ein kleines Stück von mir und seine tiefbraunen Augen sahen mich verzweifelt an.

“Warum? Warum sagt ihr das? Nach allem was ihr erdulden mußtet wollt ihr freiwillig hier bleiben und ein Opfer des Kaisers werden?“ Ich schüttelte langsam den Kopf.

“Ich werde kein Opfer sein. Aber ich muß ein Versprechen erfülle, das ich vor langer Zeit gab. Bitte versuch es zu verstehen ich muß bleiben. Es geht nicht anders.“

“Nein! Das werde ich nicht zulassen! Ich lasse nicht zu, das ihr euer Leben so leichtfertig wegwerft!“ Erschrocken sah ich ihn an. Er meinte das wirklich ernst. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Aber wie wollte er das anstellen? Wollte er mich zwingen ihn zu begleiten?

“Lao i-“ Ein langer Kuß verschloß meine Lippen und er löste sich nur langsam von mir.

“Ich werde niemals zu lassen, das der Kaiser Hand an euch legt.“ Fassungslos berührte ich mit den Fingerspitzen meine Lippen, die von dem plötzlichen Druck immer noch leicht schmerzten. Als ich den Blick hob drohte ich in dem sanften Braun seiner Augen zu ertrinken. Liebte er mich so sehr? Warum war er bereit sein Leben für mich zu riskieren obwohl er wußte, daß ich seine Gefühle nicht erwiderte?

“Kommt! Es wird Zeit.“ Er griff nach meiner Hand und begann mich mit sich zu ziehen noch ehe ich überhaupt registriert hatte, daß wir uns bewegten.

“NEIN! Lao laß los! Ich kann nicht mit dir gehen.“ Ich wehrte mich verzweifelt gegen seinen Griff. Doch wie schon zu vor kam ich nicht frei. Er war fest entschlossen mich mitzunehmen. Warum versteht er es denn nicht? Warum begreift er nicht, daß ich bleiben muß?

“AYU-CHAN!“ Ranuis Stimme halte durch die Gasse und noch im selben Augenblick hörte ich ein leichtes Sirren über meinem Kopf. Reflexartig wirbelte Yuen-Lao herum und riss dabei sein Schwert nach oben und endlich ließ er meine Hand. Es gelang mir zur Seite zu hechten ehe Ranuis Axt genau zwischen uns in den Boden einschlug.

“Ich weiß zwar nicht wer ihr seid, aber Ayu-chan wird nirgendwo hingehen.“ Ranui funkelte sein Gegenüber wild an.

“Ayu-chan?“ Amüsiert kräuselten sich Yuen-Laos Lippen während er sich kampfbereit machte.

“Es tut mir leid euch das sagen zu müssen, aber er wird mich begleiten.“ Ranui stieß ein lautes Gebrüll aus und stürmte auf Yuen-Lao zu, den dieser Angriff dermaßen hart traf, daß es ihn bis an die nächste Wand schleuderte. Benommen richtete er sich wieder auf. Aber es war deutlich zu sehen, daß er einen zweiten Angriff nicht heil überstehen würde.

“Nicht schlecht. Aber ist das alles, was ihr drauf habt?“ Er machte zwar nicht den Eindruck, aber ich wußte, daß ihn dieser Schlag schwer getroffen hatte. Als Ranui erneut auf ihn losstürmen wollte klammerte ich mich an dessen Waffenarm fest.

“Ranui! Bitte nicht! Laß ihn!“ Es dauerte einen Moment bis er das Gewicht an seinem Arm registrierte und so wurde ich halb nach vorne geschleudert ehe er sich meiner gewahr war.

“Ayu-chan?!“

“Bitte! Bitte laß ihn!“ Er ist nur meinetwegen hier! Ich drehte mich zu Yuen-Lao um und versuchte zu verhindern, daß sich meine Tränen ihren Weg bahnten.

“Lao bitte geh! Verlass Kutou und kehr nicht zurück! Du kannst hier nichts tun.“ Er starrte mich fassungslos an.

“Ich verstehe euch nicht! Warum nur? Warum wollt ihr unbedingt hier bleiben?“ Ranuis Arm senkte sich ein klein wenig und meine Füßen standen nicht mehr länger auf Zehenspitzen.

“Ayu-chan ist er wirklich deinetwegen hier? Will er dich retten?“ Mühsam schluckte ich und nickte.

“Dann geh. Es ist besser für dich. Du solltest nicht bleiben.“ Seine Hand fuhr zärtlich durch mein Haar.

“Ranui…“ Er sah mich nicht an sondern fixierte über meinen Kopf hinweg Yuen-Lao.

“Könnt ihr mir garantieren, daß ihr ihn sicher aus der Stadt schafft und daß euch die Soldaten nicht mehr finden werden.“

“Ja, ich werde nicht zulassen, daß ihm etwas geschieht.“ Zufrieden nickte Ranui und löste dann behutsam meine Hände von seinem Arm.

“Dann geht. In Namen aller Götter geht bevor euch noch jemand entdeckt.“ Damit stieß er mich fest in Yuen-Laos Richtung und ich wäre unter Garantie gestolpert wären nicht Yuen-Laos Arme gewesen, die mich auffingen.

“Ranui! Was ist mit dir? Sie werden dich töten wenn ich fliehe.“ Wie kannst du das zulassen? Verzweiflung ergriff Besitz von mir. Beide wollten sie nur mein Bestes und doch taten sie genau das Gegenteil davon. Es würde niemanden helfen, wenn ich Kutou verließ.

“Mach dir um mich mal keine Sorgen. So schnell sterbe ich nun auch wieder nicht.“ Heiß strömten Tränen meine Wangen entlang. Warum nur? Warum versteht ihr nicht, daß ich ihn nicht verlassen kann? Wenn ich jetzt fliehe zerbricht er.

“Stimmt!“ Noch ehe einer von uns die Quelle dieser Stimme ausmachen konnte sauste ein Blitz keinen Meter von mir und Yuen-Lao entfernt in den Boden. Kaen!

“Und das liegt daran, daß dieser Rebell Kutou nicht verlassen wird.“

“Soi!“ Yuen-Laos Feststellung zeigte keinerlei Emotion. Ihr grimmiger Gesichtsausdruck verhieß jedoch nichts Gutes.

“Yuen-Lao ich empfehle euch dringend diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen, wenn ihr nicht wollt, daß die Wachen euch gefangen nehmen.“ Er stieß ein verächtliches Schnauben aus und machte einen Schritt rückwärts wobei er fest an dem Stoff meines Mantels zog.

“Ich fühle mich geehrt, das ein Seiryuu Seishi meinen Namen kennt.“ Er verbeugte sich kurz vor Kaen. Sie ließ dadurch in keinster Weise beeindrucken. Mit unglaublicher Präzision ließ sie einen weiteren Blitz genau zwischen uns einschlagen. Der Stoff meines Ärmels überlebte diese Begegnung allerdings nicht und Yuen-Lao war gezwungen mich freizugeben, wenn er sich keine gefährlichen Verbrennungen einfangen wollte. Feindlich funkelte er Kaen an.

“Ich werde ihn nicht hier lassen!“ Eisig erwiderte sie seinen Blick.

“Und ich werde nicht zulassen, daß er Kutou verläßt. Also entscheidet euch schnell.“ Sie ließ eine beeindruckende Gewitterwolke über sich entstehen.

“Was ist euch wichtiger euer Leben oder seines?“ Noch ehe Yuen-Lao ihr antworten konnte stellte ich mich zwischen die Beiden.

“Kaen! NEIN!“ Für einen kurzen Moment hielt sie inne, bis sie mich anknurrte.

“Geh aus dem Weg!“

“Nein! Laß ihn fliehen! Er hat nichts damit zu tun!“ Sie brach in schallendes Gelächter aus.

“Ich soll einen Rebellen fliehen lassen? Für wen hältst du dich?“ Ich mußte lediglich ihrem Blick standhalten. Wir beide kannten die Antwort auf ihre Frage bereits. Und ich wusste, daß sie nichts tun würde, was mein Leben gefährdete.

“Lao bitte geh! Verlass Kutou und bring dich in Sicherheit!“ Flehend sah ich ihn an und allmählich schlich sich etwas in seinen Blick, das mir Angst machte. Es war fast so als hätte er sich soeben zu etwas entschlossen. Etwas, von dem ihn nichts und niemanden mehr würde abbringen können.

“Ich verstehe.“ Sein Blick lag fest auf mir.

“Aber ich werde wieder kommen! Vergeßt das nie! Ich werde euch finden wo auch immer ihr seid!“ Danach war er nur noch ein dunkler Schatten, der über die Dächer huschte und schon bald im Licht der untergehenden Sonne verschwand. Ich sank erleichtert zu Boden und ließ meinen Tränen freien Lauf. Es tut mir leid Lao! Es tut mir so unendlich leid!

“Was für ein schlechtes Schauspiel.“ Brutal griff Kaen in meine Haare und zwang mich sie anzusehen.

“Sieh dir nur diese Tränen an. Und wofür? Für einen Fluchtversuch, der niemals gelungen wäre. Reiß dich zusammen, du bist erwachsen.“ Verächtlich ließ sie meine Haare los und funkelte dann Ranui an.

“Und du hättest ihm bei diesem Schwachsinn auch noch geholfen. Eine Schande, das man euch Leibwächter nennt.“ Aufgebracht hüllte sie sich wieder in ihren schwarzen Umhang und öffnete eine Seite der der Sänfte.

“Versteht mich nicht falsch. Es hätte mir nicht das Geringste ausgemacht, wenn er geflohen wäre. Nur dieses Mal hätte ich ebenfalls Ärger bekommen. Das nächste Mal unternehmt einen Fluchtversuch, wenn ich nicht dabei bin. Dann könntet ihr vielleicht Glück haben.“ Ich nickte stumm und versuchte meine Tränen mit dem verblieben Rest meines Ärmels zu trocknen.

“Nun mach schon und hilf ihm wieder auf die Beine!“ Ihre Stimme klang immer noch wütend als sie Ranui anfauchte, aber ich hatte bereits bemerkt, daß es nur noch Theater war. Sie machte sich ernsthafte Gedanken über das, was passiert war. Und was geschehen würde, wenn ich tatsächlich aus Kutou fliehen sollte. Ebenso wie ich wußte sie, daß Ayuru in diesem Fall nichts unversucht lassen würde um mich zu finden und zurück nach Kutou zu bringen. Er würde dabei auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Weder auf mich noch auf andere. Und am Allerwenigsten auf Yuen-Lao, der bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich sterben würde.

“Die Träger kommen bald zurück. Ich möchte noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück im Palast sein.“ Schwungvoll riß sie die Vorhänge zu und war nun nicht mehr als eine dunkle Kontur hinter hellen Stoffbahnen.

“Sehr wohl Soi-sama.“ Ranui bückte sich und bot mir seine Hand an. Dankbar nahm ich an und merkte erst als er mir aufhalf wie sehr ich zitterte. Die Begegnung mit Yuen-Lao hatte mich wesentlich mehr mitgenommen als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Seltsamerweise gelang es Ranui innerhalb weniger Minuten wieder einen halbwegs ansehnlichen Soldaten aus mir zu machen und das keine Sekunde zu früh. Die Träger waren außergewöhnlich pünktlich und so befanden wir uns schon bald auf den Rückweg zum Palast.

Wovon ich allerdings herzlich wenig mitbekam. Dafür waren meine Gedanken nach wie vor viel zu sehr mit Yuen-Lao und seinen letzten Worten beschäftigt. Er hatte mir genau dasselbe versprochen wie ich es vor Jahren bei Ayuru getan hatte und inzwischen kannte ich Yuen-Lao gut genug um zu wissen, das er es mit diesem Versprechen genauso ernst meinte wie ich einst.

“Hier! Ihr solltet etwas essen.“ Ich schüttelte beim Anblick des Pfirsichs unter meiner Nase den Kopf, aber Ranui wäre nicht er selbst, wenn er sich von so etwas beeindrucken ließe. Also hielt ich die Frucht letztendlich doch in der Hand und biß nach einem strafenden Blick von ihm und einem scharfen Kommentar von Kaen brav hinein. Eigentlich mochte ich Pfirsiche, gerade, wenn sie so süß waren wie dieser hier, aber durch die Begegnung mit Yuen-Lao hatte er einen merkwürdig schweren Beigeschmack. Mein schlechtes Gewissen gegenüber ihm und den Anderen machte sich immer mehr bemerkbar und ich hoffte nur, das sie klug genug waren Kutou für Weile zu meiden und mich zu vergessen. Das wäre für uns alle das Beste.

“NICHT!“ Sofort waren alle meine Sinne vollkommen angespannt. Was war das? Es klang als würde jemand Hilfe brauchen. Fragend sah ich Ranui an, doch er schüttelte den Kopf. Hatte er es nicht gehört?

“Nein! Laßt mich los!“ Schon wieder! Ich beeilte mich vor die Sänfte zu kommen um besser sehen zu können, aber außer einem Menschauflauf war nichts zu erkennen. Kein Wunder wir befanden uns immer noch mitten auf dem Marktplatz. Hier war es niemals leer.

“Was ist da los?“ Kaens mürrische Stimme drang dumpf durch die Vorhänge der Sänfte doch ich kümmerte mich nicht darum. Irgendwo aus der Mitte dieses Menschengewühls klang ein schwaches Wimmern auf, das von einem hämischen Lachen begleitet wurde. Was ging da vor sich?

“Nichts besonders Soi-sama. Wahrscheinlich nur ein kleines Handgemenge. Mehr nicht.“ So ganz glaubt Ranui wohl selber nicht an das, was er da sagte, denn sein Gesicht hatte einiges an Farbe eingebüßt.

“Wenn ihr gestattet werde ich kurz nachsehen was diesen Auflauf verursacht.“ Ich wartete nicht auf ihre Antwort sondern verbeugte mich kurz und stürmte davon. Was immer auch diesen Menschenauflauf versucht hatte es war deutlich genug, das irgendjemand dringend Hilfe brauchte.

“Nein! Ayu-chan bleib hier!“ Ranuis Ruf kam zu spät. Ich befand mich schon mitten in der Menschenmenge und war heilfroh, daß meine Rüstung, so klein sie auch war, den Bewohnern Kutous einen solchen Respekt einflößte, das sie mir bereitwillig Platz machten. Schon bald war ich im Zentrum des Geschehens und was ich dort sah ließ mir fast das Blut in den Adern gefrieren.

Ein halbes Dutzend Soldaten bedrängte ein Mädchen, das vielleicht gerade mal dreizehn Jahre alt war. Immer wenn sie glaubte einem von ihnen entkommen zu sein wurde sie dem Nächsten in die Arme geworfen. Es war ein grausames Spiel und es würde sicherlich nicht mehr allzu lange dauern, bis diese Soldaten sich das Mädchen schnappen würden um sich mit ihr anderweitig zu vergnügen.

Ich biß die Zähne zusammen und zwang mich ihnen weiter zu zusehen. Ich durfte nicht eingreifen. Nicht, wenn ich nicht wollte, das man mir unnötig Aufmerksamkeit schenkte. Aber es war unglaublich schwer einfach nur daneben zu stehen und rein gar nichts gegen dieses grausame Spiel zu unternehmen. Warum griff niemand ein? Aber die Antwort darauf kannte ich ebenfalls. Die Soldaten flößten den Bewohnern Kutous nach wie vor viel zu viel Angst ein. Keiner von ihnen würde das Risiko eingehen sich gegen sie zu stellen und dabei eventuell ihre Freiheit oder ihr Leben zu verlieren.

“Ah! Ein Neuer!“ Einer der Soldaten hatte mich in der Menge erspäht und winkte mir freudestrahlend zu.

“Hier Kleiner! Nimm sie! Vielleicht lernst du noch was!“ Strauchelnd fiel das Mädchen in meine Arme. Ich fing ihren drohenden Sturz ab indem ich einen Arm um ihre Hüfte schlang.

“NEIN!“ Panikerfüllt stieß sie mich weg und hätte dabei fast ihr Gleichgewicht verloren. Es gelang mir gerade noch sie festzuhalten.

“Ganz ruhig. Ich tue euch nichts.“ Sie glaubte mir kein einziges Wort. Mit einem spitzen Aufschrei versuchte sie sich aus meinen Griff zu befreien was ihr schließlich auch gelang. Allerdings kam sie vom Regen in die Traufe, da der nächste Soldat sie bereitwillig auffing.

“Na meine Süße dir gefällt unser Neuer wohl nicht. Du magst wohl nur echte Männer.“ Unter dem Johlen der Menge hob er ihr Kinn an und hätte sie wahrscheinlich auch geküsst, wenn ich sie nicht in letzte Minute hinter mich gezogen hätte.

“Rühr sie nicht an!“ Meine Stimme klang eisig und er musterte mich eher amüsiert als verärgert.

“Was soll das? Du bist neu hier, aber das ist kein Grund, daß du uns den Spaß verdirbst. Die Kleine ist für alle da.“ Bei diesen Worten gab das Mädchen ein leises Wimmern vor sich und begann hinter meinem Rücken zu zittern. Ein kleiner Schritt reichte aus um sie komplett vor den Blicken der Soldaten abzuschirmen.

“Laßt sie in Ruhe! Sie ist noch ein Kind!“ Sie brachen in grölendes Gelächter aus.

“Hört euch den an. Der Grünschnabel ist der Ansicht er könnte sich ungestraft mit uns anlegen.“ Jeder Einzelne von ihnen grinste mich mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen an. Ich steckte bis zum Hals in Schwierigkeiten.

“Wir sollten ihm eine kleine Lektion erteilen. Meint ihr nicht auch?“ Der Größte von ihnen stand schwungvoll auf und kam lächelnd auf mich zu.

“Komm Kleiner, sei ein braver Junge und gib uns das Mädchen zurück. Dann passiert dir auch nichts.“

“Nein!“ Ich stieß sie ein kleines Stück zurück um mehr Platz zu haben und zog mein Schwert.

“Ihr werdet sie nicht anrühren!“ Er amüsierte sich köstlich und gab den Anderen ein Zeichen damit sie mich umstellten. Wirklich ich hätte mir keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können um in Schwierigkeiten zu geraten. Gerade war Wachwechsel auf den Mauern der Stadt gewesen und so standen nun wesentlich mehr Soldaten als üblich um uns herum und da der Marktplatz um diese Uhrzeit immer sehr gut besucht war hatten sich auch genügen Schaulustige eingefunden. Ayurus Ermahnung bezüglich keine unnötige Aufmerksamkeit erregen leuchtet wie eine Neonreklame in meinem Hinterkopf auf. Ärgerlich drehte ich ihr den Strom ab. Es hatte ohnehin keinen Sinn mehr.

“Wie du willst Kleiner.“ Sein Angriff kam so plötzlich wie ein Windstoß, aber es gelang mir ihn abzuwehren. Wenn auch nicht für lange. Sie griffen alle gemeinsam an und ich hatte alle Hände voll zu tun sie zurück zuschlagen. Meinen Schützling verlor ich dabei jedoch leider aus den Augen bzw. war der Ansicht gewesen sie hätte die Gelegenheit genutzt und sich in Sicherheit gebracht. Als jedoch ihr spitzer Schrei über den Platz hallte wirbelte ich herum und mit mehr Glück als Verstand verfehlte mich in diesem Augenblick das Schwert meines Gegners. Fluchend setzte er zu einem neuen Angriff an während ein Anderer das Mädchen auf einen Tisch hob und sich an ihren Kleidern zu schaffen machte. Allein dieser Anblick reichte aus um längst vergangene Ereignisse in meinem Bewußtsein zu neuem Leben zu erwecken. Matutas Schreie hatten damals genauso geklungen wie des Mädchens und die Soldaten hatten keinerlei Mitleid mit ihr gezeigt. Sie hatten sich schamlos an ihr gütlich gehalten. Doch nicht dieses Mal! Dieses Mal würde ich das nicht zu lassen!

Tief in meinem Inneren schien sich plötzlich etwas zu befreien, das wahrscheinlich schon seit Jahren dort geschlummert hatte. So gut verborgen, daß selbst ich bis zu jenem Moment nichts von ihrer Existenz ahnte bahnte sich eiskalte, tödliche Wut ihren Weg durch meinen Körper, bis die Spitze meines Schwertes. Das Blut meines Gegners sprudelte warm über die kalte Klinge und noch ehe er sich versah hatte ich den anderen Mann bereits von dem Mädchen gezerrt und ihm den kalten Stahl tief in den Körper gerahmt. Achtlos ließ ich seinen zuckenden Körper los und half dem Mädchen sich aufzurichten. Die entsetzte Menschenmenge um mich herum nahm ich nur am Rande wahr. Es gab jetzt Wichtigeres. Ich mußte sie so schnell wie möglich von hier wegbringen.

“Bist du unverletzt?“

“Ja.“ Sie sah an mir vorbei und da bemerkte ich zum ersten Mal, das ihre Augen die Welt um sich herum nicht wahrnahmen. Sie war blind.

“Du elender Verrä-“ Ohne mich umzudrehen hatte ich meine Klinge gehoben und sie in der Kehle meines Angreifers versenkt. Noch während er stürzte zog ich sie zurück und war überrascht als ihre Hände plötzlich über mein Gesicht tasteten.

“Ayuru-sama?“ Ich war viel zu geschockt, das sie meinen Namen kannte, als das ich mich in diesem Augenblick noch weiter hätte bewegen können.

“Ayuru-sama! Ihr seid es wirklich!“ Freudestrahlend fiel sie mir um den Hals. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, was die Nennung meines Namens bewirkte. Sämtliche Soldaten hielten plötzlich ihre Waffen in der Hand und funkelten mich feindselig an. Es wurde höchste Zeit zu verschwinden.

“Schon wieder dieses Bastard! Ich dachte der Shogun hätte ihn unter Kontrolle! Was macht er überhaupt hier draußen?!“ Diese Stimme ging mir durch Mark und Bein. Da war er wieder mein ganz spezieller Freund unter den Soldaten, der nichts lieber tun würde als mich in ein einsames Zimmer zu sperren um mich langsam und qualvoll zu Tode foltern. Quinjun, der Anführer eines kleinen Trupps Soldaten, die damit beauftragt worden war Yuen-Lao zu fangen und dabei auf mich gestoßen war. Er konnte mich nach wie vor nicht leiden und würde mich am Liebsten eher heute als morgen tot sehen.

“Ergebt euch und vielleicht werden wir dann ihr Leben schonen!“ Ich schob das Mädchen erneut hinter mich und hoffte nur, das es mir gelingen würde sie hier heil raus zubringen. Quinjun hatte mitbekommen, das sie mich kannte und auch wenn er ihr Leben schonen wollte, es gab weitaus schlimmeres, was er ihr im Gegenzug antun konnte.

“Nein!“ Feindselig funkelte ich ihn an. Er war nicht im Mindestens beeindruckt. Warum sollte er auch. Er hatte definitiv die besseren Karten, das war nicht zu leugnen.

“Wie ihr wollt. Der Shogun und der Kaiser werden euren Tod zwar mit Sicherheit bedauern, aber ihr laßt mir keine andere Wahl.“ Mit einem kurzen Nicken sorgte er dafür, daß seine Männer uns umstellten. Einer gegen knapp zwanzig. Genau betrachtet hatte ich nicht die geringste Chance.

“Ayuru-sama.“ Sie klammerte sich fest an meinen Arm und ich könnte nicht anders als ihr beruhigend über den Kopf zu streicheln. Aber ich durfte nicht aufgeben. Ich hatte diesen Kampf begonnen und ich musste ihn auch beenden. Vor allem, wenn ich nicht wollte, das ihr etwas passierte.

“Nur keine Sorge, dir passiert nichts.“ Ihr Blick hob sich und ein dankbares Lächeln huschte über ihre Lippen und in diesem Augenblick wußte ich, daß ich sie kannte. Ich war ihr auf meinem Weg nach Kutou begegnet. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Bauernhof und hatten mich trotz aller anfänglichen Bedenken bei sich übernachten lassen. Erst hatten sie mich weggeschickt und auf der Suche nach einem Schlafplatz hatte ich ihre Tochter mit einem verwundeten Knöcheln im Wald gefunden. Seufzend hatte ich sie zurück zum Haus ihrer Eltern getragen und diesen dann auch noch bei der Reparatur des Daches geholfen. Danach hatte sich das Thema von wegen es wäre gefährlich einen Fremden bei sich aufzunehmen etc. schnell erledigt und ich genoss eine kostenlose Unterkunft. Wobei ihre Tochter einen regelrechten Narren an mir gefressen hatte. Es hätte nicht mehr sonderlich viel gefehlt und ich wäre verlobt gewesen. Zum Glück war es mir gelungen sie zu verlassen ehe es soweit kommen konnte.

“Was im Namen aller Götter machst du in Kutou, Xiao Zhun? Solltest du deinen Eltern nicht bei der Reisernte helfen?“ Ihre Antwort ging in dem beginnenden Kampf unter. Ich konnte nicht mehr darauf warten. Dafür kamen die Angriffe viel zu schnell. Leider war von Anfang an klar, daß ich nicht die geringste Chance gegen diese Übermacht hatte. Schon nach knappen zehn Minuten war ich dermaßen aus der Puste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war bis ich ihnen komplett unterlag. Wäre ich allein gewesen, dann wäre es mir eventuell gelungen eine Bresche zu schlagen und zu entkommen. Aber ich konnte nicht riskieren, das Xiao Zhun ebenfalls verletzt wurde und so hatte ich doppelt so viel zu tun wie in einem normalen Kampf.

Ich versuchte sie zu beschützen und gleichzeitig mit meinen Gegnern fertig zu werden. Ein hoffnungsloses Unterfangen, aber ich hatte nicht vor aufzugeben. Doch Quinjun nutzte einen kleinen Moment in dem meinen Aufmerksamkeit nachließ um sowohl Xiao Zhun als auch mich zu treffen. Mit absoluter Gelassenheit schleuderte er einen Dolch in ihre Richtung, der sich tief in ihren Körper grub.

“Xiao Zhun!“ Ich ließ mein Schwert fallen und fing ihren Körper auf noch ehe er völlig zusammengesackt war. Sie atmete schwer.

“Ayuru-sama.“ Trotz aller Schmerzen lächelte sie mich an und ich beeilte mich den Dolch zu entfernen und die Wunde provisorisch zu verbinden. Zum Glück war er nur in ihr Fleisch eingedrungen. Er hatte weder ein Organ noch eine Hauptschlagader getroffen. Sie hatte verdammtes Glück gehabt.

“Nehmt sie gefangen und bringt sie vor den Kaiser.“ Fluchend zog ich die Stoffbahn fest, die ich um ihren Körper geschlungen hatte. Quinjun verlor wirklich keine Zeit.

“Kannst du stehen?“ Mühsam versuchte sie sich aufzusetzen aber es war deutlich, daß sie sich ohne Hilfe nicht auf den Beinen halten konnte.

“Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“ Langsam stand ich auf und funkelte meine Gegner an. Hoffnungslos oder nicht, ich würde sie hier herausbringen.

“Was soll das werden? Du hast nicht die geringste Chance.“ Als wenn ich das selbst nicht am Besten wüsste, aber ich konnte einfach nicht anders. Sollte ich zulassen, das Shokitei erneut Hand an ein unschuldiges Mädchen legte?

“Ayuru-sama.“ Ich drehte mich nicht um. Irgendwie, irgendwie musste er mir gelingen sie von hier wegzubringen. Die Frage war nur wie. Eine Lücke, eine kleine Lücke in ihren Reihen würde vollkommen ausreichen. Ich war mir sicher, wenn es mir gelang sie hinter die Soldaten zu bringen würde die Menschen sie verschwinden lassen. Besonders in den Augen der umstehenden Frauen spiegelte sich ein solch deutliches Mitleid, das ich keinen Zweifel daran hegte, das sich sie um Xiao Zhun kümmern würden sobald diese sich außerhalb der Reichweite der Soldaten befand.

“Nur keine Sorge. Ich bringe dich in Sicherheit.“ Ihr Blick flackerte etwas. Um sie zu beruhigen griff ich nach ihrer Hand. Ich würde nicht zu lassen, daß sie Shokitei in die Hände fiel. Niemals würde ich das zulassen! Vorsichtig zog ich sie auf die Beine und hielt sie mit einem Arm fest. Meine Verteidigungsmöglichkeiten waren dadurch zwar äußerst eingeschränkt, aber es war besser für sie, wenn sie in meiner Nähe blieb. Irgendwie gelang es mir sogar wieder an ein Schwert zu kommen. Aber es war schnell klar, das ich auf diese Art und Weise nach wie vor den Kürzeren ziehen würde. Etwas, das auch Quinjun nur zu genau wußte.

Er amüsierte sich königlich über meine verzweifelten Versuche seinen Männern zu entkommen. Als er der Ansicht war, das wir lange genug herumgealbert hätten griff er selbst in den Kampf ein. Mit eiskalter Gelassenheit ließ er sein Schwert in meinen linken Arm sausen, der Xiao Zhun festhielt und zog es langsam herunter. Ich schrie auf als sich die Klinge ihren Weg durch mein Fleisch grub. Schmerz bahnte sich den Weg durch meinen Körper und als Xiao Zhuns Gewicht sich erneut gegen meinen Arm lehnte gelang es mir nicht länger sie fest zuhalten. Sie hatte zum Glück früh genug gemerkt, das sich mein Griff lockerte und versuchte aus eigener Kraft zu stehen. Verächtlich stieß Quinjun stieß sie zu Boden. Ein spitzer Schrei entrang sich ihrer Kehle.

“Sieh es endlich ein! Du kannst nicht gewinnen solange du sie beschützst! Sie ist dir nur ein Klotz am Bein. Keine Frau ist es wert, das man ihretwegen sein Leben riskiert.“ Er hob sein Schwert um Xiao Zhuns Leben zu beenden. Meine Klinge glitt im letzten Moment dazwischen. Zitternd hielt ich meine Waffe fest während meine Knie unter dem Druck seiner Waffe allmählich nachgaben. Trotz des schmerzhaften Pochens in meinem linken Arm hielt ich mein Schwert eisern mit beiden Händen fest und bot ihm Paroli.

“Du irrst dich! Jeder Mensch ist es wert gerettet zu werden.“ Mein linker Arm war inzwischen fast vollkommen taub. Das Blut tropfte zwar nur noch langsam daran herunter, aber es war nur eine Frage der Zeit bis die Wunde erneut aufriß und mich der Blutverlust das Bewusstsein verlieren lassen würde. Wahrscheinlich hielt mich einzig und allein mein Zorn noch aufrecht. Inzwischen hatten meine Beine so sehr unter mir nachgegeben, daß ich fast auf dem Boden kniete.

“Ayuru-sama?“ Ich hielt dem Druck von Quinjuns Klinge immer noch stand und konnte mich deshalb nicht umdrehen. Ein kleiner Moment der Ablenkung und er würde uns beide töten.

“Wir schaffen es schon, Xiao Zhun. Mach dir keine Sorgen“ Noch während ich das sagte merkte ich wie ihre Hand sich an mein Bein klammerte und den Dolch aus meinem Stiefel zog.

“Es tut mir leid Ayuru-sama.“ Nur mühsam gelang es mir mich zu erheben und Quinjun zurück zudrängen. Doch es war bereits zu spät.

„Ich wollte euch nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Xiao Zhun hielt den Dolch fest umklammert während das Blut aus ihrer Brust den Stoff ihrer Kleidung allmählich rot färbte. Sie hatte ihn sich mitten in ihr Herz gerammt.

“XIAO ZHUN!“ Verzweifelte sackte ich neben ihr zusammen und versuchte irgendetwas zu tun um ihr zu helfen. Auch wenn ich bereits wußte, daß es zu spät war tat ich alles um die Blutung zu stillen. Es war ein vollkommen aussichtsloser Kampf. Sie verlor immer mehr Blut und ich konnte nichts tun. Rein gar nichts.

“Ayuru-sama…“ Ihre blutverschmierte Hand hob sich langsam zu meinem Gesicht und strich sanft über meine Wange. Sie lächelte.

“…ich bin so froh, dass ihr da seid.“ Ich fing ihre Hand auf und drückte sie fest während meine Tränen sich heiß ihren Weg bahnten.

“Xiao Zhun…“

“Ich liebe euch Ayuru-sama.“ Sie lächelte jenes sanfte Lächeln zu dem nur wahrhaft Verliebte fähig waren ehe sich ihre Augen für immer schlossen. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, daß ich schrie, aber ich muß es wohl getan haben. Wenigstens war es das, was mir Ranui und Soi hinterher erzählten.

Mein Verstand schien sich in dem Augenblick wo Xiao Zhun diese Welt verlassen hatte abgeschalten. Wie besessen setzte ich meinen aussichtslosen Kampf gegen Soldaten fort. Getrieben von Wut und Trauer hätte es wahrscheinlich sogar geschafft als Sieger daraus hervorzugehen wäre nicht irgendwann Shokitei begleitet von seiner Leibgarde und Ayuru aufgetaucht.

Undeutlich nahm ich durch einen Schleier Blut wahr, daß man mir wiederholt befahl mich zu ergeben doch mein Zorn machte mich Taub gegenüber ihren Worten. Erst als mich ein direkter Schlag von Quinjun fast das Bewußtsein verlieren ließ kam ich wieder soweit zu Verstand, daß ich meine Angriffe einstellte. Ich hielt zwar nach wie vor mein Schwert fest, aber keiner der Soldaten nahm an, dass ich mich noch ernsthaft wehren würde. Mein Blick glitt über die Menschenmenge, die für mich Gesichtslos geworden war; über Ayurus Gesicht dessen Augen mir eine stumme Warnung zuriefen; über die Soldaten, die mich fassungslos musterten; über das selbstzufriedene Grinsen Shokiteis bis hin zu Xiao Zhuns leblosem Körper. Fluchend schlug ich mit meiner Hand gegen eine Wand. Sie ist noch ein Kind gewesen! Ein Kind! Verdammt noch mal!

“Werft diesen Körper den Hunden vor und stellt den Kopf als Warnung für alle, die sich mit Rebellen einlassen vor dem Stadttor auf.“ Die Worte trafen mich wie ein Peitschenhieb und wahrscheinlich hatte Shokitei genau das beabsichtigt. Er grinste mich vollkommen zufrieden an und ergötzte sich an meiner Fassungslosigkeit. Erneut brach eine Welle kalten Zorns über mich herein und meine Reaktion überraschte Shokitei noch mehr als alle anderen. Mit zitternder Hand hielt ich ihm mein Schwert unter die Kehle. Die Klinge war beinahe komplett mit Blut bedeckt.

“Wiederholt das!“ Meine Stimme war nur noch ein Eishauch und höchstwahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben begann Shokitei zu begreifen was es bedeutete Angst um sein Leben zu haben.


04-08-01
edit: 07-05-12

Fortsetzung:
Kapitel 08 – Schatten der Nacht




Oh man, oh man die Änderungen in diesem Kapitel haben mich beinahe in den Wahnsinn getrieben. Es hat Monate gedauert bis ich mit dem Ergebnis endlich zufrieden war. Hoffentlich hat sich der Aufwand gelohnt und es hat euch ebenfalls gefallen.


Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“



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