Kapitel 08

04-08-01

Secrets


VIII. Schatten der Nacht


“Wiederholt es!“ Wütend funkelte ich Shokitei an und genoß es die Angst in seinen Augen zu sehen. Wahrscheinlich spürte er das erste Mal die Schwertklinge eines Menschen an seiner Kehle, der bereit war ihn zu töten. Dieser Mann, der seine Umgebung jahrelang in Angst und Schrecken versetzt hatte zitterte wie Espenlaub. Das puschte mich unglaublich auf und es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich hätte ihm das Schwert einfach tief in den Körper gestoßen. Die Konsequenzen waren mir in diesem Augenblick vollkommen egal. Ich war mir ihnen noch nicht einmal bewußt. Mein Geist war berauscht von dem Gedanken, das eine kleine Bewegung meiner Hand ausreichen würde alles zu ändern beziehungsweise enden zu lassen. Doch dazu sollte es gar nicht erst kommen.

Wahrscheinlich war ich es sogar selbst schuld, das sich die Situation plötzlich gegen mich wendete. Immerhin hatte ich mehr als genug Zeit gehabt Shokiteis Leben zu beenden, doch statt dessen spielte ich ein gefährliches Spiel, das ich nur verlieren konnte. Es kostete Zeit, die ich mir in diesem Moment nicht leisten konnte. Nur war mir das damals, als ich allein auf dem Markplatz Kutous stand, die Soldaten mich umzingelt hatten und sich Shokiteis Kehle keine zwei Zentimeter entfernt vor der Klinge meines Schwertes befand vollkommen egal. Ich fühlte ich mich unglaublich sicher und dachte, das mir rein gar nichts passieren könnte. Ein Fehler, den ich später bitterlich bereuen sollte.

“DAS wird euch euer Leben kosten!“ Shokiteis Stimme klang gleichsam verzweifelt und haßerfüllt. Wahrscheinlich war ich die einzige Person der er bisher begegnet war, die es so unverhohlen wagte ihm Widerstand zu leisten. Selbst der Aufenthalt in seinem Kerker hatte meinen Haß auf diesen Mann nicht ersticken können. Ich verachtete ihn von ganzem Herzen und das ließ ich ihn auch deutlich spüren.

Es schien ihn zu tiefst zu verunsichern, daß er meinen Willen nicht hatte brechen können. Ich grinste ihn höhnisch an und zwang ihn mit der Schwertspitze sein Kinn ein klein wenig zu heben. Er funkelte mich eisig an. Wenn er gewußt hätte, wie wenig Wirkung das auf mich hatte, dann wäre er wohl auf eine andere Taktik verfallen um mich einzuschüchtern. Aber er ahnte nicht im Geringsten wie tief mein Zorn ging. Er sah in mir nur einen weiteren Rebellen, den man beiseitigen mußte.

“Meine Männer werden euch töten noch ehe der Morgen graut!“ Er versuchte mir zu drohen und wenn Ayurus und meine Vergangenheit nicht gewesen wäre, dann hätte er damit eventuell sogar Erfolg gehabt. Als er mein schiefes Grinsen bemerkte, das so ganz und gar nicht besorgt wirkte, schnappte der ansonsten mächtigste Mann in Kutou nach Luft und sah dabei aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Allmählich begann er zu begreifen wie ernst es mir damit war sein Leben zu beenden. Doch für seinen Verstand war es nach wie vor unbegreiflich warum ich immer noch so ruhig blieb. Immerhin würde ich mit dieser Tat gleichzeitig auch mein Leben beenden.

Es war kein sonderlich großes Geheimnis, das ich bereits komplett von Soldaten umzingelt war. Egal, was ich auch tun würde, entkommen konnte ich ihnen ohnehin nicht mehr. Sobald ich meine Klinge erneut gegen Shokitei richtete und diesen verletzte oder sogar tötete würden mich ihre Speere und Schwerter durchbohren. Dennoch hatte ich nicht vor auch nur einen einzigen Schritt zurück zuweichen. Es war mir alles egal. Mein Leben spielte keine Rolle. Endlich hatte ich Shokitei dort, wo ich ihn schon immer haben wollte und ich würde ihn niemals einfach so entkommen lassen. Auf diese Chance wartete ich schon seit über zehn Jahren. Sein Tod würde Ayuru endlich von seinen unsichtbaren Fesseln zu befreien und für dieses Ziel war mir beinahe jedes Mittel recht. Auch wenn das bedeutete, das mein Leben schon sehr bald vorbei sein würde. Ich hoffte nur er würde es verstehen und mir verzeihen.

Wahrscheinlich hielten mich sämtliche Anwesenden für vollkommen wahnsinnig. Aber was wußte sie schon? Was wußten sie davon, was Ayuru in den vergangenen Jahren wegen diesem Mann alles hatten erdulden müssen? Keiner von ihnen ahnte was Shokitei ihm angetan hatte. Sie hatten niemals die verzweifelten Schreie gehört, die nachts durch das Innere des Palasts halten. Sie hatten nie gesehen, wie ein einst fröhliches Kind an den Grausamkeiten eines einzelnen Mannes zerbrach, der seine Gier an ihm befriedigte. Sie wußten nicht, wie grausam Shokitei wirklich war.

“Mag sein, aber bevor es soweit ist schlitze ich euch die Kehle auf. Keiner eurer Soldaten wird schnell genug sein um das zu verhindern.“ Angesichts dieser Drohung wurde Shokitei leichenblaß. Es war nicht viel, aber dieser Anblick gab mir so etwas wie Genugtuung. Es war erleichternd Shokitei so zusehen. Hilflos.

“Solltet ihr das tun werdet ihr einen grauenvollen Tod sterben.“ Seine Stimme sollte drohend klingen, aber sie verfehlte ihr Ziel bei Weitem. Es gab nichts, aber auch rein gar nichts mit dem er mir drohen konnte. Nach allem, was er Ayuru angetan hatte war jedes seiner Worte mir gegenüber wirkungslos. In meinen Augen hätte er kein größeres Verbrechen begehen können als ein unschuldige Kind zu zerbrechen und ich würde ihn für all das, was er ihm angetan hatte bezahlen lassen. Das hatte ich mir und Ayuru geschworen. Sollte ich Shokitei jemals im wirklichen Leben begegnen, dann würde ich ihn töten.

“Glaubt ihr etwa nach all dem, was ihr uns angetan habt fürchte ich den Tod?“ Der Zorn, der sich schon viel zu lange in meinem Inneren angesammelt und den ich Ayuru niemals hatte zeigen dürfen, begann sich unaufhörlich seinen Weg an die Oberfläche zu bahnen. Die Spitze meines Schwertes begann kaum merklich zu zittern und ich verfluchte mich für diese Schwäche. Ich mußte durchhalten und es ein für alle Mal beenden.

“Hierfür werdet ihr teuer bezahlen!“ Shokiteis Stimme schwang vor Zorn und ich konnte nicht anders als zu lachen und die Spitze meines Schwertes noch ein kleines Stückchen weiter in seine Richtung zu bewegen. Die dünne Haut an seinem Hals bekam dünne Risse, aber es floß kein Blut.

“Ich habe euch bereits gefragt. Was glaubt ihr, was ihr mir noch antun könntet?“ Meine Stimme war eiskalt und zornerfüllt. Die Bilder aus Ayurus und meiner Vergangenheit standen mir viel zu deutlich vor Augen. Ebenso alles, was dieser Mann Ayuru in den Jahren seit der Vernichtung der Hin angetan hatte. Ich würde ihm niemals verzeihen! Er verdiente es nicht noch länger zu leben. Als ich bemerkte wie er versuchte vor mir zurück zuweichen machte ich einen schnellen Schritt nach vorn. Die Klinge schnitt sofort in seinem Hals und er erstarrte zur Salzsäule.

“Bewegt euch noch ein einziges Mal und ich beende euer Leben sofort!“ Wie ein Eishauch flüsterte ich diese Worte in Shokiteis Ohr. Er begann am ganzen Körper zu zittern. Zwar funkelte er mich dabei vernichtend an, aber ich war mir sicher daß er noch nie zuvor solche Angst verspürt hatte. Ich erwiderte seinen Blick furchtlos. Das schmerzhafte Pochen in meinem linken Arm, das sich immer weiter verstärkte, ignorierte ich dabei. Die Wunde war zwar auf keinen Fall zu unterschätzen, aber es gab wichtigeres als sich um diese Verletzung zu kümmern.

Ich hatte keinerlei Ahnung wie lange ich mich noch auf den Beinen halten konnte, aber ich war nicht bereit mein begonnenes Spiel vorschnell zu beenden. Ich wollte es Shokitei nicht zu einfach machen diese Welt für immer zu verlassen. Erst sollte er begreifen, was es hieß zu leiden. Es war eine einmalige Chance, die sich mir bot und ich würde sie kein zweites Mal erhalten. Also holte ich tief Luft und verlieh meiner Stimme einen festen Klang. Nur keine Schwäche zeigen. Halt durch! Halt durch bis er endlich frei ist!

“Ihr droht mir bereits seit meiner Gefangennahme mit dem Tod und dennoch lebe ich. Euer Wort ist also rein gar nichts wert und eure Drohungen machen mir keine Angst!“

“Ihr wißt nur zu genau warum ihr noch lebt.“ Ein hinterhältiges Grinsen legte sich über Shokiteis Gesicht bevor er sich genüßlich mit der Zunge über die Lippen fuhr. Angewidert wandte ich mich kurz ab. Ich wußte nur zu gut, was dieser Blick zu bedeuten hatte und was daraufhin folgte. Ich hatte es jahrelang miterlebt ohne irgend etwas dagegen tun zu können. Er bemerkte es und sah mich triumphierend an.

“Für einen Rebellen seid sehr weit gekommen, aber nun ist meine Geduld erschöpft. Ich werde euch keinerlei Gnade gewähren.“ Noch bevor er den Arm heben konnte, um seinen Männern das Zeichen zum Angriff zu geben, drückte ich den kalten Stahl meiner Klinge fest gegen seine Kehle. Ein kleiner Blutstropfen begann langsam daran hinunterzulaufen bis er lautlos zu Boden fiel. Sehr schnell wurde daraus ein Rinnsal, das die kleine rote Fläche auf dem Boden immer größer werden ließ.

“Glaubt ihr, nur weil ich verletzt bin würde es einfacher für euch? Macht euch nur keine falschen Hoffnungen! Um einen Bastard wie euch in die Hölle zu schicken reichen meine Kräfte noch aus.“ Er schluckte schwer als er wilde Entschlossenheit bemerkte und die Soldaten lockerten ihre angespannte Haltung etwas um ihn nicht noch weiter zu gefährden. Sie wußten genau, daß sie mich niemals schnell genug erreichen würden um zu verhindern, das ich Shokitei die Kehle durchschnitt. Trotzdem suchten sie nach wie vor nach einer Chance, um mir zuvor zu kommen. Es machte mich rasend, daß sie ihm selbst jetzt, in einer Situation, die besser nicht hätte sein können, die Treue hielten. Warum nur? Er hatte ihnen soviel Leid angetan! Warum hielten sie noch zu ihm?! Warum wandten sie sich nicht von ihm ab?!

“Was ist nur los mit euch?!“ Ohne die Klinge auch nur einen einzigen Zentimeter zu bewegen fuhr ich wütend herum und funkelte die Umherstehenden eisig an.

“Glaubt ihr ernsthaft er hätte den Thron verdient?!! Stille. Es regte sich rein gar nichts. Ich begriff nicht, wie ein Volk, das so sehr unter seinem Herrscher litt ausgerechnet in so einem Moment nicht die geringste Regung zeigte. Wollten sie ihn denn nicht loswerden? Hingen sie an diesem Menschen, der sie so brutal regierte?

“Dieser Mann, den ihr Kaiser nennt und der bisher nur Leid und Schmerz über sein Volk gebracht hat soll es wert sein, das ich ihn verschone?!“ Niemand antwortete mir und mein Zorn loderte nur noch stärker. Ich begriff nicht warum sich nicht eine einzige Stimme erhob, die sich mir anschloß. Warum blieben sie stumm, wenn sie doch bald von ihrem Peiniger befreit sein würden?

“Euer so genannter Kaiser hat diesen Thron und seinen Titel nicht im Geringsten verdient! Er konnte die Macht nur an sich reißen, weil sein Halbbruder einen tödlichen ‚Unfall’ erlitt.“ Das Wort Unfall hatte ich mit Absicht so betont, daß jeder der Umherstehenden genau begriff wie unwahrscheinlich das war. Es war etwas, das Ayuru und ich vor langer Zeit herausgefunden hatten. Wir hatten verzweifelt nach einem Weg gesucht wie Ayuru endlich aus Shokiteis Fängen entkommen könnte und stießen dabei zufällig auf eines seiner größten Geheimnisse.

Er war nur Kaiser geworden, weil er seinen älteren Halbbruder bei einem Jagdausflug von einigen ausgewählten Männern hatte ermorden lassen. Er hatte den armen Seelen eine beachtliche Belohnung versprochen. Doch statt Gold hatte sie kalter Stahl erwartet. Ihre Leichen wurden später in einem der zahlreichen Flüsse des Landes gefunden. Keiner von ihnen war mehr in der Lage Shokiteis Geheimnis zu verraten.

“Hört nicht auf ihn! Er lügt!“ Shokiteis Stimme ging im lauten Murmeln der Menge unter und ich fuhr unbeirrt fort. Wenn ich schon als Rebell galt, dann würde es auch nicht schaden, wenn ich ihnen nun die Augen öffnete.

“Aus Angst seine Macht zu verlieren ließ er alle vernichten, die ihm gefährlich werden konnten. Er schreckte noch nicht einmal davor zurück ein ganzes Volk, das ihm treu ergeben war auszulöschen.“ Das Grauen jenes Tages suchte mich immer noch heim. Wie hofft waren diese Bilder bereits durch mein Bewußtsein gehuscht seit Shokitei die Hin an nur einem einzigen hatte vernichten lassen? Und das alles nur um seine Macht zu sichern. Was für ein Narr dieser Mann doch war.

“Doch das war der größte Fehler, den er jemals begehen konnte. Er tötete ein Volk, das dem Kaiserhaus treu ergeben war. Wenigstens bis zu jenem Tag.“ Aus Shokiteis Gesicht wich sämtliche Farbe. Allmählich schien er zu begreifen, was ich vorhatte.

“Ganz recht euer Majestät.“ Der Hohn meiner Stimme war nicht zu überhören und ich fixierte ihn eisig.

“Die Hin waren dem Kaiserpalast treu ergeben und ihr habt sie vernichten lassen! Ein Volk, das euch bis in den Tod die Treue gehalten hätte!“ Mein kalter Blick und die mühsam unterdrückte Wut in meiner Stimme brachten ihn erneut zum Zittern. Doch ich verspürte keinerlei Mitleid mit ihm. Es war sein Befehl gewesen, der die Hin für immer aus den Geschichtsbüchern getilgt hatte. Er sollte spüren was hieß für eine solche Tat die Verantwortung zu übernehmen.

“Dabei hätte euch von Anfang an klar sein müssen was passieren würde, wenn auch nur ein einziger Hin dieses Blutbad überleben würde. Ein Überlebender, der weit ab von euch und euren Soldaten in Sicherheit aufwuchs. Das wäre der Schlüssel für euren sicheren Untergang.“ Ich packte den Griff der Klinge fester, damit sie nicht noch mehr zitterte. Mir lieb nicht mehr viel Zeit. Mein linker Arm war inzwischen fast vollkommen taub und der Blutverlust durch die Wunde ließ meine Umgebung immer stärker schwanken. Lange würde ich mich nicht mehr auf den Beinen halten können. Ich mußte mich beeilen.

“Ihr habt euer Schicksal selbst gewählt!“ Blitzschnell holte ich zum Schlag aus und schrie im nächsten Moment schmerzerfüllt auf. Mein linker Arm schien in Flammen zu stehen und auch rechter Arm gehorchte mir nicht länger. Er war wie gelähmt und obwohl ich mein Schwert nach wie vor festhielt hatte ich nicht mehr genügend Kraft um den Schlag auszuführen. Ein unglaublicher Druck auf meinen Oberkörper und meine Beine zwang mich in die Knie. Keuchend hob ich meinen Kopf, um nach der Ursache für meinen plötzlichen Schwächeanfall zu suchen. Ich entdeckte sie ungefähr zwanzig Meter von mir entfernt in der Gestalt von Ayuru auf dessen Stirn deutlich das Zeichen für Herz aufleuchtete. Warum? Warum hält er mich auf? Es wäre so einfach… ein Hieb und alles wäre für immer vorbei…

“Shogun!“ Die Erleichterung der Soldaten war nicht zu überhören. Es war unglaublich, aber allein Ayurus Auftauchen reichte aus, um das Blatt komplett zu wenden. Mit einem schiefen Grinsen kämpfte ich mich auf die Beine und schaffte es genau eine Minute lang gegen sein Ki zu bestehen. Danach begannen meine Knie erneut verdächtig zu wackeln.

“Nehmt diesen Verräter gefangen! Morgen wird er seine Strafe erhalten.“ Seit Ayurus Auftauchen fühlte sich Shokitei anscheinend wieder verdammt sicher. Mit einem Ruck befreite ich mich von Ayurus Ki (was ihn wahrscheinlich ebenso sehr überraschte wie mich) und richtete mein Schwert erneut auf Shokitei.

“Glaubt ihr wirklich ich würde mich so leicht aufhalten lassen?“ Vollkommen entsetzt warf Shokitei einen raschen Blick auf Ayuru, der sich uns mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen langsam näherte. Der Druck seines Kis verstärkte sich bei jedem seiner Schritte. Die Klinge in meiner Hand begann zu zittern doch ich wehrte mich mit aller Kraft gegen ihn. Er war stark, so unglaublich stark. Aber ich war nicht bereit mich einfach so geschlagen zu geben. Vor allem, wenn das Ziel meines Zornes so dicht vor mir stand! Auch, wenn ich diesen Kampf dadurch vielleicht verlor.

“Laß das Schwert fallen, dann verschone ich dich vielleicht.“ Seine Stimme drang leise und vollkommen ruhig zu mir. In seinem Gesicht zeigte sich nicht die geringste Reaktion. Beinahe hätte ich leises Kichern von mir gegeben. Wir spielten also immer noch unsere Rollen. Er, der von allen gefürchtete Shogun Kutous und ich der Rebell, der seine Niederlage niemals einsehen würde. Wir hatten uns die Masken, die wir trugen selbst ausgesucht. Keiner von uns beiden konnte riskieren, daß es nun zu einer Demaskierung kam. Niemand durfte hinter die Fassade sehen und uns miteinander in Verbindung bringen. Das war die einzige Chance, die wir hatten.

Sollte Shokitei herausfinden wie viel wir einander bedeuteten, dann würde er nicht zögern mich als Druckmittel gegen Ayuru einzusetzen oder ihn sogar für diesen angeblichen Verrat sogar töten. Es blieb uns gar keine andere Wahl als unsere Rollen weiterhin mit Leben zu erfüllen. Auch, wenn das bedeutete, daß ich damit mein Leben aufs Spiel setzte. Im Ernstfall würde ich gegen Ayuru nicht die geringste Chance haben. Dafür war er viel zu stark.

“Nagako, gut das du da bist. Befreie mich von diesem lästigen Insekt.“ Der Zorn durchfuhr mich wie eine Welle heißer Lava und ehe Shokitei sich versah schoß die Spitze meines Schwertes auf sein Herz zu. Keine zwei Sekunden später hätte ich das Gefühl, das irgend jemand meinen Körper in einen Schraubstock gesteckt hätte. Ich bekam fast keine Luft mehr und der Druck auf meine Arme war so stark, das ich die Waffe fallen lassen mußte. Ihr Gewicht war zu schwer für meine Hand geworden. Wie durch ein Wunder gelang es mir jedoch stehenzubleiben. Alles drehte sich.

“Majestät, ich hoffe ihr seit wohlauf.“ Obwohl ich es besser wußte versuchte ich mich aus meinen unsichtbaren Fesseln zu befreien. Aber mein Wille war nicht mehr stark genug um sich gegen Ayurus Ki zu behaupten. Wahrscheinlich hatte ich all meine Reserven verbraucht als ich mich zum ersten Mal gegen sein Ki stellte.

“Es geht mir gut. Aber für ihn werde ich mir etwas ganz Besonderes einfallen lassen.“ Ich zischte einen Fluch zwischen den Zähnen hindurch, der Shokiteis Gesicht erst leichenblaß und dann knallrot werden ließ.

“Nagako! Bring ihm bei, was es heißt sich mir zu widersetzen!“

“Sehr wohl euer Majestät.“ Schwungvoll drehte er sich in meine Richtung und seine Augen flehten mich an endlich klein beizugeben. Aber das konnte ich nicht. Ich würde niemals vor Shokitei kapitulieren. Dieser Mann hatte ihm und den Hin so dermaßen viel angetan. Ich würde ihm niemals verzeihen.

“Etwa noch so ein billiger Trick?“ Amüsiert schüttelte ich den Kopf obwohl mein Atem inzwischen nur noch stoßweise ging und mir jeder einzelne Knochen im Leib wehtat. Als Shokitei nach Luft schnappte und Ayuru zu zischte, das er sich nicht zurück zuhalten brauchte gelang es mir meinem Schützling mit einem leichten Seufzer wissen zu lassen, das ich es verstand. Ich würde ihm nicht vorwerfen was er jetzt tun mußte. Es war meine Schuld daß es überhaupt soweit gekommen war. Und es war einzig und allein meine Schuld, daß ich einfach nicht nachgeben konnte. Ich hoffte nur er würde mir verzeihen können. Ich brach unser Versprechen für immer an seiner Seite zu bleiben nur um mich Shokitei nicht beugen zu müssen. Ich hoffte so sehr er würde es verstehen.

“Du hättest besser auf den Kaiser gehört.“ Mit diesen Worten verstärkte sich der Druck seines Kis und ich schrie gepeinigt auf. Es fühlte sich an als wäre er dabei mir jeden einzelnen Knochen im Leib zu brechen. Mein Gleichgewicht schwand und es hätte nicht mehr viel gefehlt bevor ich vollkommen bewegungslos am Boden gelegen hätte. Vor meinen Augen tanzten bereits unzählige schwarze Punkte. Aber irgendwo tief in meinem Inneren ahnte ich bereits, das dies zu einfach sein würde. Shokitei würde mich niemals so schnell töten. Nicht nach allen, was ich mir ihm gegenüber erlaubt hatte. Er würde mich für jedes einzelne meiner Worte hundertfach büßen lassen.

Immerhin hatte ich die Frechheit besessen ihn zu bedrohen. Er würde an mir ein Exempel statuieren, das alle anderen Rebellen ein für alle mal davon abhalten sollte sich noch einmal gegen ihn zu erheben. Ich würde niemals so einfach davon kommen. Es war schon beinahe lachhaft. Ich war in diese Welt gekommen um Ayuru endlich aus Shokiteis Klauen zu befreien und nun war ich selbst darin gefangen. Aber was hätte ich auch anderes tun sollen? Hätte ich mich nicht den Rebellen angeschlossen, dann hätte ich Ayuru wahrscheinlich niemals so schnell gefunden. Im Vergleich dazu war das, was mich nun erwartete ein geringer Preis. Ayuru, bitte verzeih mir. Bitte verzeih mir… Ayuru…

“Shogun! Wartet bitte! SHOGUN!“ Mein Gesichtsfeld war vollkommen verschwommen. Mit dem letzten Rest der mir verbliebenden Willenskraft schaffte ich es gerade so mich auf den Beinen halten als der Druck um meinen Körper sich verringerte. Doch sobald Ayuru mir sein Ki noch einmal entgegenschleudern sollte würde ich mit Sicherheit zusammenbrechen. Mein Körper war vollkommen überstrapaziert. Es kam schon einem Wunder gleich, das ich überhaupt noch stand.

“Was willst du?“ Ayurus Stimme klang dermaßen verärgert, das jeder Andere unter Garantie den Ruckzug angetreten hätte, aber nicht einer seiner Soldaten. Nach einem kleinen Wortwechsel, von dem ich so gut wie nichts mit bekam, da Ayurus Ki plötzlich ganz verschwand und sich alles um mich drehte.

“Also gut.“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung beförderte er mich gegen eine Mauer und wandte sich dann Shokitei zu. Der Aufprall raubte mir beinahe das Bewußtsein. Als die Umgebung endlich nicht mehr dauernd vor meinen Augen schwankte und die Kopfschmerzen nachließen fiel mein Blick auf Xiao Zhuns leblosen Körper. Erneut brannte sich Zorn den Weg durch meinen Körper. Ich weiß bis heute nicht wie, aber irgendwie gelang es mir aufzustehen und ein Schwert in meinen Besitz zu bringen. Das war bevor die Soldaten merkten, daß ich noch bei Bewußtsein war. Als sie den ersten Schock über diese Tatsache überwunden hatten stürmten sie auf mich ein.

Es gelang mir vier von ihnen abzuwehren, aber das war auch schon alles. Das Schwert wurde mir aus der Hand geschlagen und es fiel irgendwo laut scheppernd zu Boden. Viel zu weit als das ich es jemals wieder erreichen könnte. Sie hielten mich mit fünf Mann am Boden fest, bis sie sich sicher waren, das ich mich nicht mehr weiter gegen sie behaupten konnte. Danach zogen sie mich unsanft auf die Füße und schleiften mich über den Platz vor Ayuru und Shokitei. Resigniert ließ ich den Kopf hängen. Es war vorbei. Das war es. Meine letzte Chance hatte ich verspielt. Es gab kein Entkommen mehr. Jetzt war ich Shokitei ausgeliefert.

“Für jemanden in dieser Verfassung ist er immer noch recht kampfesdurstig. Meint ihr nicht auch euer Majestät?“ Ayurus gefühllose Stimme holte mich aus der schleichenden Ohnmacht, die mich zu überfallen drohte zurück. Aufgebracht funkelte ich ihn an.

“Wenn ihr fair kämpfen würdet hätte ich gewonnen.“ Verblüfft zog er die Augenbrauen nach oben, bevor sich seine Lippen zu einem amüsierten Lächeln kräuselten.

“So, so der kleine Rebell glaubt ernsthaft mir entkommen zu können.“ Mit einer Hand hob er mein Kinn an und zwang mich damit den Blick zu heben. Ich könnte direkt in das klare Blau seiner Augen sehen.

“Aber ich kann dir versichern, daß du mir niemals entkommen wirst. Du gehörst mir!“ Ich erwiderte seinen Blick und für einen kurzen Moment, so das niemand außer mir es merken konnte waren seine Augen von purer Verzweiflung erfüllt. Er hatte nicht die geringste Chance mich vor Shokiteis Zorn zu retten und das wußten wir beide.

“Das sehe ich anders.“ Noch während dieser kleinen Respektlosigkeit warf ich ihm einen Blick zu, der ihn wissen lassen sollte, wie unendlich Leid mir das alles tat. Aber ich war einfach nicht länger dagegen angekommen. Mein Haß auf Shokitei war viel zu groß und im Gegenteil zu ihm hatte ich nie gelernt meine Gefühle unter einer perfekten Maske zu verstecken. Meine Maske hielt niemals lang genug um als solche erkannt zu werden.

“Euer Majestät?“ Shokitei nickte selbstzufrieden und im selben Moment spürte ich erneut einen stahlharten Griff um meinen Körper. Die Soldaten, die mich bis vor kurzem noch eng umzingelt hatten wichen angstvoll einen Schritt als ihr Shogun demonstrierte warum er von all seinen Gegnern gefürchtet wurde. Die Umgebung verblaßte vor meinen Augen und ich bekam kaum noch mit, was weiter geschah. Alles wurde zu einer breiigen Masse, aus der gedämpft Stimmen zu mir durchdrangen, die eifrig mit einander diskutierten. Ich verstand sie nicht mehr.

Mein Körper und mein Geist kämpften damit nicht einfach umzufallen und so sehr ich mich auch bemühte, das starke Zittern, das bereits vor geraumer Zeit Besitz von mir ergriffen hatte konnte ich nicht länger bekämpfen. Ich fror erbärmlich und hoffte eigentlich nur, daß alles schnell vorbei sein würde. Je länger ich vor Shokitei und seinen Soldaten stand und Ayuru seinen mentalen Griff um mich verstärkte, desto wahrscheinlicher wurde es, das ich irgendwann doch einfach vor seinen Füßen zusammenbrach. Komisch war nur, das ich obwohl mein linker Arm fast ausschließlich aus einer offenen Wunde bestand, keinerlei Schmerzen mehr verspürte. Lediglich ein dumpfes Pochen wies noch daraufhin, das er verletzt war. Als sich die Schemen um mich herum allmählich auflösten merkte ich, wie eine unheimliche Anspannung von mir abfiel. Im selben Moment versagten auch meine Beine ihren Dienst. Einzig und allein ein starker, warmer Gegenstand, der sich behutsam um mich schlang verhinderte, daß ich ganz zu Boden fiel.

“Alle Achtung Kleiner, du hast dich wacker geschlagen.“ Mühsam kniff ich die Augen zusammen, um die Gestalt vor mir besser erkennen zu können, aber sie blieb ein undeutlicher Schatten. Es würde ohnehin nicht mehr lange dauern bis ich das Bewußtsein ganz verlieren würde. Mein Körper war schwerverletzt und es war nur noch eine Frage der Zeit bis auch mein Geist nicht länger gegen diesen totalen Erschöpfungszustand ankam.

“Na, na du wirst doch jetzt nicht einfach ohnmächtig werden. Oder?“ Die dunkle, freundliche Stimme kam mir wage vertraut vor, aber noch bevor ich die Erinnerung daran greifen konnte entschwand sie wieder. Ich sank in eine Welt purer Schwärze in der ich alles vergessen konnte was in den letzten Wochen und Monaten geschehen war. Zum ersten Mal seit ich Ayurus Welt betreten hatte war ich vollkommen mit mir und der Welt um mich herum im Einklang. Es schien nichts mehr zu geben, was von größerer Bedeutung zu sein schien als diesen kleinen Moment des inneren Friedens zu genießen.

Pochender Schmerz in meinem linken Arm, der sich stetig wiederholte und immer stärker wurde zwang mich die Augen zu öffnen und die angenehme Schwärze zu verlassen. Ich wußte nicht wo ich war oder wie ich man mich an diesen Ort gebracht hatte. Mit Müh und Not gelang es mir mich daran zu erinnern, das ich bis vor kurzem noch auf dem Marktplatz von Kutou gestanden hatte.

“Na also, da bist du ja wieder.“ Verblüfft starrte ich in das bärtige Gesicht das mich anlächelte und das sich komischerweise direkt über mir befand. Was um alles in der Welt macht Ranui hier?

“Unser Kleiner hier hatte schon geglaubt, du wärst endgültig von uns gegangen.“ Er wies mit einer ausladenden Geste hinter sich wo Suboshi schmollend an einer Wand lehnte.

“Ranui!“ Er schien nicht sonderlich davon angetan zu sein, daß der Ältere ihn so vorführte. Ich mußte grinsen als ihm dabei auch noch das Blut in die Wangen schoß und Ranui ihn deswegen aufzog. Während die Beiden sich darum stritten wer von ihnen sich mehr Sorgen um mich gemacht hatte sah ich mich ein um. So wie es aussah befand ich mich erneut in den Kerkern des Kaiserpalastes und meine Zelle hatte einiges an Komfort eingebüßt.

Der Raum war zwar riesig, aber nur spärlich beleuchtet. Ein kleines, vergittertes Fenster stellte den einzigen hellen Fleck dar, der nach draußen führte. Aber es soweit oben an der Wand angebracht, das man es unmöglich war es ohne Hilfsmittel zu erreichen konnte. Und selbst dann wäre die Öffnung viel zu klein, als das sich ein erwachsener Mensch sich hätte hindurch zwängen können. Die anderen Lichtquellen stellten einige Laternen und Lampen dar, die man wahllos im Raum verteilt hatte. Außer ihnen und dem Strohhaufen auf dem ich lag schien es keine weiteren Einrichtungsgegenstände zu geben. Man hatte sich wirklich auf das Allernötigste beschränkt. Selbst die Tür war nicht wie in all den anderen Kerkerzellen durchgehend vergittert sondern stellte lediglich einen kleinen Spalt in einer Felswand dar in den man eine grob zusammengezimmerte Gitterwand eingelassen hatte.

Man hatte mich weit weg von all den anderen Gefangenen untergebracht und damit gleichzeitig dafür gesorgt, daß ich nicht noch mehr Kontakte knüpfen konnte. Anscheinend wollte Shokitei sicher gehen, das ich bis zu dem Tag meiner Verurteilung keine weiteren Verbündeten gewann. Es wunderte mich nur warum man dann ausgerechnet Suboshi und Ranui zu mir gelassen hatte. Aber irgendwie war ich mir sicher, das Ayuru etwas damit zu tun hatte.

Vorerst würde ich jedoch nicht aus dieser Zelle herauskommen und ich sollte das Beste aus der Situation machen. Wenigstens solange ich es noch konnte. Vorsichtig versuchte ich mich aufzusetzen, aber mein linker Arm war fast vollkommen unbrauchbar. Es half mir auch nicht gerade weiter, das der Rest meines Körpers der Meinung war, mir bei jeder noch so kleinen Bewegung zeigen zu müssen wo und wie schwer ich verwundet worden war. Irgendwie gelang es mir dennoch meinen Oberkörper halbwegs gerade aufzurichten. Zufrieden mit diesem Ergebnis versuchte ich aufzustehen, aber das erwies sich als absolut hoffnungsloses Unterfangen. Meine Muskeln verweigerten komplett ihren Dienst.

“Wage es ja nicht dich noch einen einzigen Millimeter zu bewegen.“ Erschrocken zuckte ich zusammen, als die kühle und klare Stimme direkt hinter mir aufklang. Vorsichtig wendete ich meinen Blick. Ich sank etwas zurück während ich die Gestalt, die sich aus dem Dunklen löste fassungslos anstarrte. Hatte Ayuru sie geschickt?

“Kaen?“ Seufzend ging sie neben mir in die Knie und kümmerte sich dabei herzlich wenig um die völlig entsetzten Gesichter von Ranui und Suboshi. Anscheinend waren sie von ihrer Anwesenheit ebenso überrascht wie ich.

“Was machst du hier?“ Kopfschüttelnd zog sie einen kleinen Beutel von ihren Schultern und begann den Inhalt sorgfältig auf dem Boden auszubreiten. Es war eine beachtliche Sammlung von kleinen Fläschchen und Kräutern, die sie nach und nach zum Vorschein brachte.

“Kaen, was machst du hier?“ Äffte sie mich nach und sortierte auch weiterhin seelenruhig den Inhalt ihres Beutels. Für sie schien es das Normalste auf der Welt zu sein, doch ich ahnte bereits, daß es weitaus mehr als nur das war. Neben Ayuru war sie die einzige Person, die meine Verbindung zu ihm kannte. Sie wußte, daß ich aus einer anderen Welt stammte.

“Tss.“ Tadelnd fiel ihr Blick auf meine blutüberströmte Kleidung. Inzwischen war es kalt geworden und hatte sich verhärtet. Ich konnte nicht einmal sagen wieviel davon eigentlich von mir stammte.

“Dabei sollte man meinen, daß du oft genug gewarnt worden wärst.“ Ich verstand die Welt nicht mehr. Was sollte das bedeuten? Solange wir uns kannten hatte sie mich nicht einziges Mal davor gewarnt in diese Welt zu kommen. Eher das Gegenteil. Sie konnte es kaum erwarten mich endlich kennenzulernen und mir in der Realität zu begegnen. Und dabei war ich ihre größte Konkurrentin was die Gunst von Ayuru anging. Es war wirklich bewundernswert wie sie mit dieser Situation fertig wurde.

“Ihr beiden da macht euch nützlich. Vor der Zellentür stehen ein großer Bottich und heißes Wasser. Bringt alles rein und dann helft mir.“ Herrschte sie Ranui und Suboshi an. Die beiden waren viel zu perplex als das sie gegen diese Anweisung protestiert hätten.

“So, und jetzt zeig mir endlich deinen Arm. Die Wunde muß versorgt werden.“ Zögernd gehorchte ich und war überrascht zu sehen, daß bereits irgend jemand meinen linken Arm mit einem provisorischen Verband versehen hatte. Den kunstvoll geknüpften Knoten nach zu urteilen hatte ich diese umsichtige Tatsache Ranui zu verdanken. Seufzend wickelte Kaen die dünnen Leinenbänder von meinem Arm und betrachtete stirnrunzelnd die lange Wunde, die sich einmal längs darüber zog.

Ich war erschrocken darüber, daß ich mit einer solchen Wunde überhaupt noch in der Lage gewesen war zu stehen. Mein Arm sah aus als hätte ein riesiges Tier seine Krallen darin versenkt. An einigen Stellen meinte ich sogar ein Stückchen Knochen zu sehen.

Kaum mit Luft in Berührung gekommen begann die riesige Wunde zu neuem Leben zu erwachen. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Obwohl ich den Arm nicht bewegte pochte und brannte es dermaßen, das man meinen könnte ich versuchte gerade Gewichte zu stemmen. Mitleidig sah Kaen mich an.

“Wahrscheinlich wird eine Narbe zurückbleiben.“ In diesem Moment kehrten Suboshi und Ranui zurück. Keuchend stellten sie ihr Gepäck nach Kaens Anweisungen auf und füllten den riesigen Bottich mit heißem Wasser. Während sie mich anfuhr ja bei Bewußtsein zu bleiben reichte Kaen ihnen nacheinander einige Flaschen und Beutel deren Inhalt vorsichtig in das dampfende Wasser fiel.

Ein angenehmer Duft nach Kräutern durchströmte die Zelle und ich spürte wie ich allmählich schläfrig wurde. Mit einem unsanften Ruck brachte Kaen mich in eine andere Sitzposition und machte sich an meiner Kleidung zu schaffen. Noch ehe ich es verhindern konnte hatte sich mich davon befreit.

“Was im Namen aller Götter?!“ Fassungslos starrten Suboshi und Ranui, das was bisher unter einer dicken Schicht Kleidung verborgen gewesen war. Ich wich ihren fragenden Blicken so gut es ging aus und fixierte einen unsichtbaren Punkt irgendwo auf der Wand während Kaen meine einbandagierten Brüste befreite. Vergeblich kämpfte Suboshi damit nicht andauernd meinen entblößten Körper zu starren. Ranui hingegen hatte gar keine Hemmungen. Er starrte mich an als wäre ich ein Geist. Am liebsten wäre ich vor Scham in einem dunklen Loch versunken, aber ich wußte, das Kaen das niemals zulassen würde.

Als ich nicht einen einzigen Faden Stoff am Körper trug wies sie Ranui an mich in den Bottich zu heben damit sie meinen Wunden endlich reinigen konnte. Ich schloß die Augen und hoffte nur, daß die Entdeckung meines wahren Geschlechts meine Freundschaft zu den beiden Männern nicht für immer zerstört hatte.

Das warme Wasser versetzte meinen Körper in einen merkwürdigen Zustand. Einerseits begann er beinahe überall zu brennen aber anderseits fühlte ich auf der gesamten Haut ein angenehmes Prickeln. Unter Dutzenden von Flüchen und Verwünschungen begann Kaen damit mich gründlich zu waschen. Das Wasser verfärbte sich zusehends.

Ich kämpfte darum bei Bewußtsein zu bleiben und so manches Mal war es nur ihre Stimme, die Suboshi und Ranui anherrschte sich entweder nützlich zu machen oder die Augen zu schließen, wenn der Anblick einer nackten Frau sie derartig aus der Fassung brachte. Am Ende faßte Ranui sich ein Herz und half ihr dabei mich aufrecht zu halten während sie die Farbe aus meinen Haaren wusch.

Zitternd, aber so sauber wie schon lange nicht mehr fand ich mich schließlich in ein dickes Laken gehüllt in seinen Armen wieder. Behutsam rubbelte Kaen mich trocken wobei sie immer wieder irgendeine heilsame Salbe auf Stellen auftrug die ihrer Meinung nach dringend einer Behandlung bedurften. Mein linker Arm hatte aufgehört zu schmerzen und machte eher den Eindruck als wäre er eingeschlafen. Ich spürte ihn kaum noch.

“Suboshi geh in meine Gemächer dort liegt saubere Kleidung bereit. Beeil dich und hol sie.“ Mit hochrotem Kopf nickte er und schoß davon.

“Du hast ein ganz schönes Chaos angerichtet.“ Tadelnd sah sie mich an.

“Ich werde mich jetzt um deinen Arm kümmern. Also halt still.“ Zögernd nickte ich und biß die Zähne zusammen. Obwohl das Badewasser die meisten meiner Wunden bereits gereinigt hatte widmete sie sich der Verletzung an meinem Arm separat. Wie sie mir erklärte war die Wunde einfach zu tief. Sie mußte sie mehr als nur gründlich säubern, wenn sie keine Entzündung riskieren wollte. Halbbetäubt sah ich zu, wie sie sich an die Arbeit machte. Dabei ließ sie sich durch meine gelegentlichen Zischlaute, wenn es wieder einmal besonders schmerzvoll wurde, nicht im Geringsten irritieren. Konzentriert ruhten ihre Augen auf meinem Arm.

“Soi-sama, was hat das alles zu bedeuten. Warum kümmert ihr euch so sehr um Ayu-chan?“ Es war Ranui deutlich ansehen wieviel Mut ihn diese Frage kostete. Er hielt mich immer noch fest als wollte er mich vor allem Leid dieser Welt schützen. Das ich eine Frau war, die sich als Mann ausgegeben hatte schien ihn nicht zu schwören. Aber vielleicht kam das noch?

“Jetzt nicht! Du siehst doch, daß ich beschäftigt bin!“ Fauchte sie ihn an und damit war jedes weitere Gespräch im Keim erstickt. Ranui wußte, das es besser für ihn war, wenn er nicht noch mehr Fragen stellte. Immerhin hatte er Kaens Temperament erst vor kurzem kennengelernt. Seine Hände strichen beruhigend über meinen Rücken während ich leise wimmerte als Kaen kleine Steine aus der Wunde entfernte.

“Suboshi eine Lampe! Ich brauche mehr Licht!“ Mir war vollkommen schleierhaft wie sie ihn so schnell hatte wahrnehmen können. Als sie ihm diese Anweisung entgegenschleuderte stand er immer noch in der Zellentür. Er ließ das Bündel in seinem Arm achtlos zu Boden fallen und machte auf dem Absatz kehrt. Es dauerte nicht allzu lange bis er sich mit einer Laterne in der Hand dicht an meiner Seite befand. Eins mußte ich Kaen lassen, sie hatte es innerhalb weniger Minuten geschafft meinen beiden Freunden nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

“So ist es gut. Noch etwas weiter hierher.“ Suboshi richtete sich genau nach ihren Anweisungen und schon bald wurde es um die Wunde an meinem Arm beinahe taghell.

“Es nützt nichts. Sie ist zu tief.“ Seufzend lehnte sie sich ein kleines Stück und sah mich bedauernd an.

“Ich muß sie nähen. Besser du trinkst das.“ Sie reichte mir eine Schale in der sich ein giftgrünes Gebräu befand an dem ich zögernd nippte. Es schmeckte derart widerlich, daß ich es am Liebsten auf der Stelle wieder ausgespuckt hätte, aber ihr strenger Blick hielt mich davon ab. Widerspruchslos trank ich die Schale bis auf den letzten Tropfen leer und hoffte, daß es die Sache wert war. Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen nahm sie mir die Schale wieder ab und musterte mich eingehend bevor sie nach Nadel und einem Faden suchte.

“Halt still.“ Ich kniff meine Augen leicht zusammen als ich den ersten Einstich verspürte. Doch es war bei Weitem nicht so schlimm, wie ich es erwartet hatte. Was auch immer sie mir da verabreicht hatte, es schien seine Wirkung nicht zu verfehlen. Ich bekam so gut wie nichts von ihrer Behandlung mit. Mein Geist fühlte sich an als hätte man ihn in Watte gepackt.

“Gut, das sollte reichen.“ Mit einem leichten Augenzwinkern klopfte sie leicht auf die frische Naht. Der Schmerz der daraufhin meinen Arm durchschoß war unbeschreiblich.

“Soll ich sie lieber wieder verbinden. Ja?“

“Alles was du willst. Solange du das nur nicht noch mal machst.“ Preßte ich mühsam zwischen den Zähnen hindurch während sie sich mühsam das Lachen verbiß.

“Na gut, dann laß endlich den Arm des armen Kerls hinter los damit ich dich ordentlich verarzten kann.“ Erst da merkte ich, daß ich sich meine rechte Hand fest in Ranuis Unterarm gekrallt hatte. Blutige Striemen zogen sich darüber doch er lächelte mich lediglich sanft an als ich mich von ihm löste.

Kaen hingegen war nicht ganz so rücksichtsvoll. Sie faßte mich nicht gerade mit Samthandschuhen an als sie meinen Arm in ein Kunstwerk aus Leinenbinden und Knoten verwandelte. Danach zurrte sie auch meine Brüste wieder unter einer dicken Schicht Stoff zusammen und half mir in die Kleidung, die Suboshi mitgebracht hatte. Es war Männerkleidung. Während sie mein Haar kämmte schaffte ich es endlich ihr die Frage zu stellen, die mir schon seit geraumer Zeit auf der Seele brannte.

“Meinst du, es war ein Fehler, daß ich hierhergekommen bin?“ Mir war klar, daß ich uns alle in Gefahr gebracht hatte. Wenn Shokitei jemals davon erfuhr welche Verbindung der Rebell Ayuru mit zwei der Seiryuu Seishis hatte, würde er nicht zögern uns alle drei töten zu lassen. Seufzend ließ sie die Bürste sinken und sah mich lange an.

“Nein, es war kein Fehler.“ Freundschaftlich strich sie über meine Haare.

„Aber wärst besser etwas vorsichtiger gewesen. Das nächste Mal sei bitte nicht ganz so ungestüm wenn du dich mit Soldaten anlegst.“ Dabei deutete sie auf den weißen Verband und wir beide mußten lachen. Es war erleichternd, daß sie mir nichts nachtrug.

Kaum hatte sie mein Haar fertig frisiert begann sie damit den Inhalt ihres Beutels zusammen zu packen. Ranui und Suboshi wies sie an sich um die Überrest meiner Kleidung und des Bades zu kümmern. Erst als die Zelle wieder so kahl aussah wie zuvor wandte sie sich zum Gehen.

“Ich werde später noch einmal nach dir sehen. Im Moment gibt es leider nichts mehr, was ich noch für dich tun könnte.“ Mit einem merkwürdigen Blick sah sie mich lange an bis sie sich schließlich abwandte und die Zelle verließ.

“Kaen.“ Rief ich ihr hinterher.

“Ja?“ Fragend drehte sie sich um. Bitte verzeih mir. Es tut mir so leid. Bitte, sag ihm das. Bitte! Doch keines dieser Worte verließ meine Lippen.

“Danke.“ Mehr konnte ich ihr nicht sagen. Ich hatte nicht den Mut ihr mein Herz zu öffnen. An dem milden Lächeln in ihrem Gesicht konnte ich ihr ansehen, das sie das ebenfalls wußte. Sie winkte ab und schloß die Zellentür beinahe lautlos hinter sich. Was auch immer sie dazu bewogen hatte mir zu helfen, sie war mir anscheinend nicht böse. Dabei war sie neben Ayuru wohl die einzige Person, die begriff, was ich mit meiner Handlungsweise eigentlich angerichtet hatte.

Ich hatte Ayuru versprochen ihn in seiner Welt zu finden und für immer mit ihm zusammen zu bleiben. Doch anstatt mich einfach mit der Suche nach ihm zufrieden zu geben hatte ich mich den Rebellen angeschlossen und Shokitei vor aller Augen bedroht. Nun saß ich in einer der sichersten Zellen des kaiserlichen Palastes von Kutou und wartete auf meine Verurteilung. Der Tod wäre dabei wahrscheinlich noch das mildeste Urteil, das ich erwarten konnte. Es grenzte schon an Grausamkeit wie sehr meine Absicht für immer an Ayurus Seite zu bleiben sich eine Katastrophe verwandelt hatte.

“Ayu-chan alles in Ordnung mit dir?“

“Schon gut. Es ist nichts.“ Verwirrt fuhr ich mir durch die Haare. Es dauerte einen kleinen Moment bis mir bewußt wurde, daß sich Ranui und Suboshi immer in meiner Nähe befanden und ich nicht allein war. Anscheinend merkte das auch Ranui denn er ruinierte meine komplette Frisur ehe er mir mit einem breiten Grinsen eine riesen Überraschung versprach. Ich müßte mich lediglich einen kleinen Moment gedulden.

Nachdenklich sah ich ihm hinterher und plötzlich wurde mir bewußt was er und Suboshi alles gesehen und erfahren hatten als Kaen mich behandelte. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Keiner der beiden hatte übersehen können, was da unter meiner Kleidung zum Vorschein gekommen war.

“Du bist also eine Frau.“ Suboshis Stimme und seine Präsenz waren derartig kalt das ich fast das Gefühl hatte mich in einem Eisschrank zu befinden.

“Ja.“ Es hatte keinen Zweck es zu leugnen. Der Beweis dafür war so offensichtlich, das Suboshi hätte blind sein müssen um ihn nicht zu sehen. Er seufzte hörbar und ich war mir nicht sicher wie er darauf reagieren würde, daß ich ihn solange im Unklaren gelassen hatte. Doch noch ehe ich mir darüber weiter Gedanken machen konnte brach seine Wut bereits komplett aus ihm heraus.

“Hast du dir eigentlich auch nur ein einziges Mal überlegt was passiert wäre, wenn die Anderen DAS herausgefunden hätten?!“ Seine Stimme bebte vor Zorn und zum ersten Mal merkte ich wie wichtig ihm unsere Freundschaft war und wie sehr es ihn verletzte, daß ich ihm nicht genug vertraut hatte um ihm dieses Geheimnis anzuvertrauen.

Er hielt mir eine Standpauke, die sich gewaschen hatte (immerhin stand auf das was ich getan hatte die Todesstrafe etc.) die erst endete als Ranui beladen mit drei Bechern und einer Menger Krüge sowie diversen prallgefüllten Lederschläuchen zurückkehrte. Anscheinend hatte er sich festgenommen uns heute noch alle Drei ins Delirium zu befördern. Der Inhalt seiner Mitbringsel, wie er sie breit lächelnd nannte, war jedenfalls hochprozentig. Noch schlimmer wurde es allerdings als er auch ein kleines Feuer entzündete und einen Topf gefüllt mit klarem Wasser aus dem Nichts hervorzauberte. Unsere fragenden Blicke beantwortend erklärte er, daß wir darin einen Großteil des Sakes aufwärmen würden.

“So Suboshi, jetzt laß Ayu-chan endlich in Ruhe und setz dich zu mir. Wird Zeit, das wir den Abend genießen.“ Mit einem nicht mißzuverstehenden Augenverdrehen ließ Suboshi sich neben ihn sinken und schnappte sich einen der Becher. Ranui füllte ihn beinahe augenblicklich bis zum Rand. Trotz aller Proteste befand sich auch in meiner Hand schon bald ein solches Gefäß und wir prosteten uns zu. Wahrscheinlich war es sogar besser den Abend in Gesellschaft zu verbringen als vollkommen allein vor sich hinzugrübeln. Außerdem sorgte der Alkohol dafür, daß ich die inzwischen zurückkehrenden Schmerzen nicht mehr ganz so stark spürte. Nachdem ich den dritten Becher Sake geleert hatte fand Ranui das ich lange nun genug geschwiegen hatte. Er löcherte mich solange mit Fragen bis ich schließlich nach und nach damit herausrückte was ich eigentlich mit Kaen zu tun und was mich überhaupt nach Kutou geführt hatte.

“Ihr kennt euch also tatsächlich von früher?“ Mißtrauisch sah Suboshi mich an. Es hatte den Anschein als würde er sich nicht so schnell mit irgendwelchen Halbwahrheiten abspeisen lassen wie Ranui. Er schien es förmlich zu riechen wenn ich ihm ausweichen wollte. Seufzend gab ich mich geschlagen. Wahrscheinlich war es sogar besser, wenn ich wenigstens ihm und Ranui einen Teil der Wahrheit erzählte. Vielleicht war es letzte Mal in meinem Leben, das ich die Chance dazubekommen würde mit ihnen zu sprechen. Und wir waren Freunde.

“Ja, aber das ist lange her. Ich hatte ihr versprochen vorsichtig zu sein, wenn ich nach Kutou komme. Aber irgendwie…“ Ich schwang meinen Becher leicht herum und machte damit deutlich was geschehen war.

“Aber was hat dich bewogen überhaupt in die Hauptstadt zu reisen? Du mußt doch gewußt haben, was passiert wenn man dich gefangennimmt.“ Vorwurfsvoll sahen mich Suboshis Augen an. Seiner Meinung nach wäre es für mich und alle Anderen wesentlich gesünder gewesen wenn ich mich auch weiterhin von Kutou ferngehalten hätte. Wie sollte er auch verstehen, daß ich nur in diese Welt gekommen war um genau hierhin (okay, vielleicht nicht ganz genau hierhin) zu gelangen um endlich Ayuru in der Realität gegenüberstehen zu können.

“Das war auch gar nicht geplant. Ich wollte Lao und den Anderen nur helfen und danach wieder verschwinden. Nur als ich Shokitei sah da…“ Meine Hand verkrampfte sich um den Tonbecher und ich hatte alle Mühe meinen Zorn zu zügeln. Warum hatte ich ihn nicht sofort getötet als ich die Chance bekam? Warum hatte ich gezögert? Und warum mußte ausgerechnet Xiao Zhun für diesen Fehler büßen?

“Weiß Nakago es?“ Einen kurzen Augenblick lang starrte ich ihn fassungslos an bis ich begriff was er meinte. Ein bitteres Lächeln legte sich auf meine Lippen. Stimmt ja, offiziell hielt man mich immer noch für einen Mann.

“Wenn du beinahe jede Nacht bei ihm verbracht hättest… meinst du, du hättest es vor ihm verheimlichen können?“ Betroffen wandte er den Blick ab. Ich nahm einen tiefen Schluck. Die klare Flüssigkeit brannte sich durch meine Eingeweide und mir wurde angenehm warm. Ich belog meine Freunde und das schmerzte, aber ich wußte, daß die Wahrheit für sie noch schlimmer sein würde. Außerdem wollte ich Ayuru nicht gefährden. Wenn herauskam wieviel wir uns gegenseitig bedeuteten würde Shokitei alles in seiner Macht stehende tun nur um ihn erneut leiden zu lassen.

“Und der Kaiser?“ Ich hob meinen Blick etwas und sah Ranui fest an.

“Er hat nicht die geringste Ahnung. Er glaubt nach wie vor den Rebellen Ayuru gefangen zu haben.“

“Und was machst du wenn die Wachen es herausfinden?“ Er klang äußerst besorgt, doch ich winkte ab.

“Was macht das jetzt noch für einen Unterschied? Morgen ist ohnehin alles vorbei.“ Selbst wenn Shokitei es herausfindet wird er mein Leben auf keinen Fall verschonen. Dafür hatte ich ihn vor seinem Volk zu sehr bloßgestellt. Wenn jetzt auch noch herauskam, daß der Rebell Ayuru in Wahrheit eine Frau war, dann würde das den Henker nur noch früher an sein Geld kommen lassen. Eine Frau, die den Kaiser und seine Soldaten an der Nase herumführte, das war eine Demütigung, die er keinesfalls ungestraft lassen würde. Wenn er sein Gesicht waren wollte, dann hatte Shokitei keine andere Wahl. Sollte er mich aus welchen Gründen auch immer verschonen würde er sich komplett lächerlich machen.

“Ayu-chan!“ Ranui starrte mich vollkommen entsetzt an und ich entfloh seinem Blick in dem ich die restliche Flüssigkeit in meinem Becher fixierte.

“Macht euch darüber keine Gedanken. Sie können mir nichts mehr antun.“ Ich spürte wie mir die Tränen in die Augen schossen und es fiel mir immer schwerer weiter zu sprechen.

“Wenn du einmal gesehen hast wie man dein gesamtes Dorf niederbrennt, alle Bewohner tötet und deine Mutter vergewaltigt wird, dann gibt es kaum noch etwas, was tun kann um dich verletzten.“

“Ayuru?“ Suboshi hatte sich besorgt zu mir gebeugt und wußte anscheinend nicht, was er sagen sollte. Es war rührend wie sehr sich die Beiden um mich sorgten, aber egal, was sie auch tun würden sie könnten mir nicht helfen. Was immer Shokitei sich auch als Bestrafung für mich ausgedacht haben mochte sobald die Sonne aufging würde ich dem nicht mehr entkommen können. Wahrscheinlich blieb mir nur noch diese Nacht.

So schmerzvoll es auch war, ich mußte mir eingestehen, das Tenkou recht behalten hatte. Meine Ankunft in dieser Welt bedeutete für Ayuru nur noch mehr Leid. Warum war ich nicht vorsichtiger gewesen? Ich hätte doch wissen müssen was eine Gefangennahme für ihn und mich bedeutet. Doch Xiao Zhuns Tod hatte eine Wunde hinterlassen, die sich so schnell nicht wieder schließen würde. Sie ist noch ein Kind gewesen. Ein Kind, das für mich gestorben war. Mühsam unterdrückte ich den Drang hemmungslos zu schluchzen. Es wäre besser, wenn ich mich zusammen riß. Immerhin waren Ranui und Suboshi hier um mich aufzuheitern und nicht um mich immer weiter in meinen Selbstvorwürfen versinken zu sehen.

“Schon gut, mir fehlt nichts.“ Mein gesamtes Inneres schrie zwar das Gegenteil, aber ich wollte meine beiden Freunde nicht noch weiter belasten. Es reichte, wenn ich für meine Fehler büßen mußte. Sie sollten da nicht auch noch mit reingezogen werden. Es war ohnehin alles zu spät. Der Sonnenaufgang würde alles entscheiden. Bis dahin blieb mir nichts anderes übrig als abzuwarten.

“Wann hast du aufgegeben?“ Irritiert sah ich Ranui an. Ich verstand nicht, was er meinte.

“Wann hast du aufgeben zu kämpfen?!“ Er funkelte mich aufgebracht an, aber ich hatte nicht mehr die Kraft ihm eine ebenso energische Antwort zu geben.

“Ich gebe niemals auf, aber ich weiß, wann es besser ist eine Pause einzulegen.“

“Ist das dein Ernst?“ Er schien mir nicht zu glauben. Ich seufzte leicht.

“Hätte ich aufgeben, dann wäre ich bestimmt nicht hier. Warum hätte ich all die Jahre überleben sollen, wenn ich am Ende doch aufgebe?“ Nachdenklich sah er mich an bevor er seinen Becher erneut füllte. Mißtrauisch musterte er mich bevor er trank.

“Nein, ich gebe nicht auf. Egal, was passiert ich werde auf keinen Fall aufgeben.“ Mit einem Ruck leerte ich den restlichen Inhalt meines Bechers und wartete geduldig bis Ranui ihn erneut gefüllt hatte. Ich würde vor Shokitei niemals kein beigeben. Um keinen Preis der Welt würde ich vor diesem Mann auf die Knie fallen und ihn um Gnade anflehen, komme was da wolle.

“Hey, hey nicht so hastig. Trink langsamer!“ Seufzend setzte ich den Becher ab und musterte meine beiden Freunde eingehend. Sie waren selbst keine sonderlich guten Vorbilder was das Trinken anging. Wobei Suboshi deutlich weniger vertrug als Ranui und dieser stets darauf achtete, daß der Jüngere sich nicht übernahm. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel ich bereits getrunken hatte aber nach den Gesichtsausdrücken meiner Freunde zu urteilen war es anscheinend wesentlich mehr als die vier von mir vermuteten Becher gewesen. Seltsamerweise merkte ich davon rein gar nichts. Mein Kopf war vollkommen klar und auch die Schmerzen in meinem linken Arm waren kaum noch vorhanden.

“Sie war erst dreizehn wißt ihr das eigentlich?“ Ich schwenkte meinen Becher ein klein wenig hin und her und beobachtete die Bewegungen der klaren Flüssigkeit, die mich entfernt an die leichten Wellen eines Sees erinnerten, die irgendwann auf ein Ufer trafen. Ein See, den Xiao Zhun niemals in ihrem Leben gesehen hatte und auch niemals mehr sehen würde.

“Sie war noch ein halbes Kind und sie ist nur meinetwegen gestorben!“ Ich schüttete die klare Flüssigkeit in mich hinein und spürte erneut das leichte Brennen während mir allmählich die Tränen übers Gesicht rannen. Es war so sinnlos! Warum hatte sie nur nach diesem Dolch gegriffen? Warum meinte sie mich beschützen zu müssen in dem sie sich selbst tötete?

“Ah, wie ich sehe ist dir in deinen letzten Stunden etwas Gesellschaft vergönnt.“ Die kalte Stimme riß mich urplötzlich aus meinen Gedanken und mit einem Blick purer Verzweiflung sah ich hinauf in das Gesicht von Ayuru.

“Hier, das wurde bei dem Mädchen gefunden.“ Er warf mir einen Brief zu, der zwischen mir und ihm zu Boden segelte. Auf dem Umschlag stand klar und deutlich mein Name. Ayuru.

“Es wäre doch schade, wenn sie den ganzen Weg umsonst gemacht hätte Wo sie sich so sehr bemüht hat dir diese Nachricht zu überbringen.“ Ohne sich weiter um mich zu kümmern drehte er sich um und verließ die Zelle. Ich starrte ihm nach als hätte ich soeben einen Geist gesehen. Erst als ich mir ganz sicher, daß er nicht zurückkehren würde griff ich zitternd nach dem Umschlag.

“Ist der Brief von ihr?“ Ohne meine Augen von dem Umschlag zu wenden antwortete ich Suboshi.

“Nein, sie konnte nicht schreiben. Xiao Zhun war seit ihrer Geburt blind.“ Vorsichtig brach ich das Siegel und hielt schließlich mehrere eng beschriebene Blätter in der Hand. Noch während ich las schossen mir erneut die Tränen in die Augen. Sie ließen sich einfach nicht mehr länger aufhalten. Wortlos reichte ich Ranui den Brief damit er mich nicht nach dessen Inhalt fragte. Während er und Suboshi den an mich gerichteten Brief lasen machte sich in meinem Inneren eine Welle der Verzweiflung breit, die sich noch weiter verstärkte als Ranui den Brief laut vorlas.

 

 

 

Mein lieber Rei,
oder sollte ich dich besser Ayuru nennen?

Ich hoffe es geht dir gut. Du wirst es nicht glauben, aber nachdem du meine Schenke verlassen hast überkam mich der Drang endlich wieder zu reisen. Mein Mann reiste in jungen Jahren gemeinsam mit mir stets durch alle Königreiche um sich über die neusten Speisen zu informieren. Erst Jahre später beschlossen wir uns in Konan niederzulassen und dort unsere eigene Schenke zu eröffnen. Leider haben unsere Kinder die Reiselust von uns geerbt und verließen uns sehr früh um ihr Glück zu finden. Sie leben verteilt in den Königreichen und ich habe sie schon sehr lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich mußte wirklich erst ein junger Mann auftauchen, der meinem Gatten wie aus dem Gesicht geschnitten war, damit ich mich daran erinnerte wie lange es eigentlich schon wirklich her ist, das ich meine Kinder und Enkelkinder das letzte Mal gesehen habe.

Nun, ich habe Konan verlassen und beim Besuch meiner ältesten Tochter in Kutou mußte ich doch tatsächlich erfahren, daß es dich ebenfalls in dieses Königreich verschlagen hat und dich Ayuru nennst. Also wirklich! Du hättest mir wirklich sagen können, daß du vorhast unerkannt durch die Königreiche zu reisen. Ich hätte dir nur zu gern bei den Vorbereitungen geholfen. Vielleicht hätte ich dich sogar begleitet, wenn du mich alte störrische Frau an deiner Seite geduldet hättest.

Doch genug davon. Wie man mir berichtet hat sollst du das Herz meiner Enkelin im Sturm erobert haben. Aber Xiao Zhun ist noch ein Kind!

Rei, wir kennen uns zwar erst kurze Zeit aber ich möchte dich dennoch bitten nichts zu überstürzen. Sie wird dich vielleicht bedrängen und ich weiß wie schwer so etwas manchmal für einen jungen Mann sein kann. Dennoch hoffe ich, daß du ihrem Charme nicht ganz erliegst. Irgend etwas in deinen Augen hat mir verraten, daß in deinem Herzen noch kein Platz für diese Liebe ist. Es sah so aus als würdest du verzweifelt nach etwas suchen von dem du zwar weißt, daß es existiert, aber du es noch nicht greifen kannst. Wahrscheinlich hast du dich deshalb auch allein auf diese Reise begeben.

Nur, wie du inzwischen bestimmt bemerkt hast, ließ sich Xiao Zhun nicht von ihrer Idee in die Hauptstadt zu gehen abbringen. Ich werde sie deiner Obhut anvertrauen, da ich mir sicher bin, das sie dich problemlos gefunden hat. Ich bitte dich paß gut auf sie auf und bring meine Enkelin heil nach Hause zurück.

Es bleibt mir nicht viel Zeit um diesen Brief zu beenden. Xiao Zhun würde am Liebsten sofort aufbrechen und wandert bereits unruhig im halben Haus hin und her. Dennoch werde ich mir noch etwas Zeit nehmen um dir zu erklären, daß sie von dem Inhalt dieses Briefes nichts ahnt. Ich werde ihr nur sagen, daß sie ihn dir überreichen soll sobald sie dich gefunden hat. Bitte erzähle ihr nichts von den dummen Sorgen, die sich eine alte Frau macht. Richte ihr lediglich meine Grüße aus.

Ich weiß, daß du alles in deiner Macht stehende tun wirst um sie sicher nach Hause zu bringen. Du bist meinem Mann viel zu ähnlich, als wenn das nicht so wäre. Dennoch erlaube mir bitte mich solange weiterhin um euch beide zu sorgen.

Solltest du finden wonach du gesucht hast und nach Konan zurückehren laß es mich wissen. In meiner Schenke ist für dich stets ein Schlafplatz reserviert und wie du weißt kann ich helfende Hand immer gebrauchen. In den nächsten Tagen werde ich ebenfalls nach Konan zurückkehren. Du wirst mich also dort antreffen. Bis es soweit ist werde ich jeden Tag zum roten Phönix beten und ihn bitten über dich zu wachen.

Mögen die Götter dich stets schützen.

Kara


“Ayu-chan?“ Ich war nicht in der Lage Ranui zu antworten. Die Verzweiflung überrollte mich wie eine Flutwelle. Sie war Karas Enkelin?! Was in aller Welt hatte ich getan?! Kara hatte sie mir anvertraut und ich hatte noch nicht einmal gewußt, daß sie überhaupt eine Enkelin hatte. Das Bild von Xiao Zhuns blutüberströmtem Körper trat wie von selbst vor meine Augen. Es war meine Schuld! Wäre ich nicht gewesen, dann könnte sie noch leben! Sie war nur meinetwegen gestorben!

Ich schlang die Arme eng um meinen Körper um mir mein Zittern nicht noch deutlicher anmerken zu lassen, aber es war wirkungslos. Mir wurde nicht mehr warm. Auch der Alkohol hinterließ nicht mehr das erhoffte Wärmegefühl. Da mir kälter und kälter wurde tastete ich nach etwas, das aussah wie eine Decke und mit dieser leichten Bewegung begann der Alkohol plötzlich Wirkung zu zeigen. Alles um mich herum schwankte und ehe ich mich versah wurde mir schwarz vor Augen.

°°°Ah, ich dachte schon es würde noch länger dauern.°°° Tenkou! Mir war immer noch schwindelig und ich konnte kaum etwas um mich herum erkennen, aber ich war mir ganz sicher, daß er sich bereits in meiner Nähe befand.

°°°Sieht so aus als hätte ich heute leichtes Spiel mit dir.°°° Wie lange war es her, das er mich zum Letzten Mal heimgesucht hatte? Was war der Grund, daß er mich solange mit seiner Abwesenheit gesegnet hatte? Warum kehrte er ausgerechnet jetzt zurück?

“Glaubst du, ja?“ Keuchend schaffte ich es mich halbwegs gerade hinzustellen und seine Gestalt auszumachen. Komischerweise schien diese sich immer wieder zu duplizieren. Keine Ahnung wieviel ich bis dahin getrunken hatte, aber es mußte etliches gewesen sein. Ich kam mir vor als würde ich mich mitten auf einem schwankenden Schiff befinden.

°°°Oh nein, ich weiß es.°°° Versicherte er mir bevor er eine Hand nach mir ausstreckte und höhnisch zu grinsen begann. Panikerfüllt wich ich vor ihm zurück und spürte bald eine Wand im Rücken. Er lächelte kalt und machte deutlich, daß es für mich keinerlei Entkommen geben würde. Seit ich diese Welt betreten hatte war ich ihm hilflos in meinen Träumen ausgeliefert und das ließ er mich stets aufs neue spüren.

Solange ich versuchte Ayuru vor ihm zu schützen würde er mich nicht einen einzigen Moment lang in Ruhe lassen. Sein Lachen drang wie Eis an meine Ohren als er nach meiner rechten Hand griff und mich fest an sich zog. Ich wehrte mich so gut ich konnte, doch wie immer hatte ich nicht die geringste Chance. Warum ist er nur so unglaublich stark? Warum kam ich nicht gegen ihn an?

°°°Hm… anscheinend habe ich es heute doch mit einer Wildkatze zu tun. Mal sehen wie lange noch.°°° Lachend schlang er seine Arme um mich und verhinderte damit, das weiter nach ihm schlagen konnte. Verdammt! Es muß doch irgend etwas geben mit dem man ihn aufhalten kann. Nur was?!

°°°Sieh genau hin.°°° Mit einer Hand zwang er mich den Kopf zu heben und eine Stelle in der Dunkelheit zu fixieren wo langsam ein heller Lichtkreis entstand.

“Laß mich los!“ Natürlich tat er genau das Gegenteil und verstärkte seinen Griff. Er gab mir nicht den kleinsten Raum um mich zu bewegen. Wenigstens nicht solange er es nicht wollte.

°°°Sieh hin! Das sollte dir bekannt vorkommen.°°° Zähneknirschend gehorchte ich. Es hätte ohnehin nichts gebracht, wenn ich versucht hätte mich zu weigern. Er würde mich zwingen sein grausames Schauspiel mit anzusehen. Egal, ob ich es wollte oder nicht. Er hatte sich fest vorgenommen mir das Leben zur Hölle zu machen und er war verdammt gut darin. Dennoch war ich nicht bereit ihm nachzugeben. Zulange hatte ich darauf gewartet Ayuru endlich als Wesen aus Fleisch und Blut gegenüberstehen zu können und nicht mehr länger nur ein Geist zu sein. Nicht einmal einem Dämon wie Tenkou würde es gelingen mich noch länger von ihm fernzuhalten. Aber er gab ebenso wenig auf wie ich. Tenkou versuchte alles um mich zu brechen und mehr als nur einmal stand er dicht davor genau das zu schaffen.

In Mitten des Lichtkreises spielte sich eine Szene ab, die abwechselnd meinen unbändigen Zorn und totale Hilflosigkeit zum Vorschein brachten. Gnadenlos ließ Tenkou mich noch einmal all das erleben, was an diesem Tag geschehen war. Dadurch, daß er alles auch noch vollkommen gelassen kommentierte wurde es nur noch schlimmer. Er ließ nichts, aber auch rein gar nichts aus.

Während vor unseren Augen noch ein Drama ablief, an dem keiner jemals würde etwas ändern können begannen seine Hände begehrlich über meinen Körper zu wandern. Er gab sich nicht einmal mehr Mühe seine Erregung zu verbergen.

Lautlos fielen meine Tränen unaufhaltsam zu Boden als seine Vision mir zeigte, wie die Soldaten Xiao Zhuns leblosen Körper fortschafften. Danach zeigte er mir Ayuru, der viel später allein in seinem Zimmer auf und abging als wäre er ein gefangenes Raubtier, das sich zum ersten Mal der Stäbe seines Käfigs bewußt wurde. Als er den Blick hob und ich die Verzweiflung in seinen Augen sah gelang es mir mich von Tenkou zu befreien und auf Ayuru zu stürzen. Ich wollte ihn umarmen und ihm sagen wie Leid es mir tat, daß es soweit gekommen war.

Doch er war nicht echt. Es war nur ein Trugbild, das Tenkou geschaffen hatte und so glitt ich durch ihn hindurch und landete unsanft auf dem Boden. Der Schmerz der durch meinem linken Arm fuhr ließ mich aufschreien. Ich hatte vollkommen vergessen, daß ich schwer verwundet war und daß es einem Wunder gleichkam, das ich überhaupt noch lebte.

°°°Tss! Dabei sollte man meinen, daß du es inzwischen gelernt hättest. Hör endlich auf dich zu wehren.!°°° Aufgebracht funkelte ich Tenkou an während ich den Stoff meiner verbliebenen Kleidung so gut es ging um mich schlang. Egal, was er mir in dieser Nacht noch antun würde, sobald die Sonne aufging wäre es vorbei. Shokitei hatte mich bereits zum Tode verurteilt und wahrscheinlich konnte nicht einmal Ayuru mir noch helfen. Es tat mir unendlich leid, daß meine Ankunft in seiner Welt nur von so kurzer Dauer gewesen war. Aber vielleicht war es am Ende sogar besser für uns beide. Wenn ich nicht mehr war, dann mußte er nicht mehr darauf achten, das man ihn als Verräter entlarvte. Ja, vielleicht war es wirklich besser. Doch bin ich stark genug um all das durchzustehen?

“Laß mich in Ruhe!“ Tenkou dachte jedoch gar nicht daran. Erbarmungslos schritt er auf mich zu und genoß es wie ich unter seinen Androhungen was er in dieser Nacht noch alles mit mir anstellen würde immer mehr in Panik geriet. Als er mich schließlich fast erreicht hatte waren meine Nerven derart gespannt, das ich ihn nur noch anflehen konnte mich wenigstens dieses eine Mal zu verschonen. Immerhin war dies wahrscheinlich die letzte Nacht meines Lebens. Warum konnte ich sie nicht in Frieden verbringen?

°°°Und was bekomme ich dafür? Welchen Preis wärst du bereit dafür zu zahlen?°°° Fassungslos starrte ich ihn an.

°°°Was? Hast du etwa geglaubt ich würde dich aus reiner Herzensgüte verschonen? Daraus wird nichts. Wenn du vor mir sicher sein willst, dann hättest du diese Welt niemals betreten dürfen. Also, was bietest du?°°° Höhnisch lächelnd sah er auf mich herunter doch ich konnte ihm nicht antworten. Ich wußte nur zu genau welchen Preis er fordern würde, wenn ich es wagte ihn danach zu fragen. Nur war ich nicht dazu bereit diesen zu zahlen.

Er merkte, daß ich seinem Blick auswich und zog mich brutal an sich. In diesem Moment gab, ich auf. Er hatte mich vollkommen in der Hand. Ich konnte mich weder gegen ihn wehren noch jemanden um Hilfe bitten. Er war zu mächtig und er nutzte die Gelegenheit meiner Schwäche um sich zu nehmen was er wollte. Doch das war längst nicht alles. Er wollte mich leiden lassen und das mehr als ich es mir in diesem Augenblick überhaupt vorstellen konnte.

Diese Nacht wurde zu der schlimmsten meines Lebens. Dafür, daß ich mich ihm solange widersetzt hatte und dies seiner Meinung nach immer wieder tun würde dachte er sich eine Grausamkeit nach der anderen aus. Bis ich mir nicht einmal mehr sicher war ob sich mein Körper aus eigenem Antrieb bewegte oder nur, weil er es mir erlaubte beziehungsweise befahl.

Als er endlich mit mir fertig war und einen dunklen Mantel um seinen Körper schlang ließ er erneut eine Vision entstehen. Dieses Mal war es ein Einblick in die Ereignisse des kommenden Tages, so wie er ihn sich ausmalte. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel daran, daß es genauso ablaufen würde. Doch inzwischen war ich sowohl körperlich als auch geistlich völlig erschöpft und mit dem Wissen, das am nächsten Tag alles enden würde lehnte ich mich ein letztes Mal gegen ihn auf.

“Glaubst du wirklich, du kannst mir damit noch Angst einjagen?“ Sein eiskalter Blick fiel auf mich und meinen vor Kälte und Kälte zitternden Körper.

°°°Habe ich da gerade so etwas wie Kampfgeist in deiner Stimme vernommen?°°° Grinsend drehte ich mich etwas zur Seite. Wahrscheinlich war diese Reaktion so etwas wie ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Todesstoß. Viel anders konnte ich es mir kaum erklären, daß ich es immer noch schaffte ihm die Stirn zu bieten. Eigentlich hätte ich schon lange das Bewußtsein verlieren müssen. Aber da wir uns in einer Art Traum befanden war das beinahe vollkommen unmöglich. Tenkou hatte schon vor langer Zeit dafür gesorgt, das mein Bewußtsein wach blieb solange er bei mir war.

“Ich werde morgen sterben. Sag mir, was mich noch erschrecken soll.“ Ein hinterhältiges Lächeln legte sich auf seine Lippen als er mit einer Handbewegung ein Fenster hinter sich öffnete und damit den Blick auf einen Kriegsschauplatz freigab.

°°°Wie wäre es hiermit? Sieh genau hin damit du erkennst, was dein Tod auslösen wird.°°° Unsanft zog er mich auf die Beine und tauchte an meiner Seite in die Illusion ein. An das, was er mir dort zeigte konnte ich mich sehr lange nicht erinnern und ich werde auch jetzt nicht darüber schreiben.

Es reicht, wenn meine Tochter erfährt, daß ich vollkommen panisch zu mir kam und meine Umgebung kaum noch erkannte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung wie lange Tenkou meinen Geist gefangengehalten hatte, aber es hatte ausgereicht um mich in ein zitterndes Nervenbündel zu verwandeln.

“Ayu-chan? AYU-CHAN!!!“ Der starke Griff an meiner rechten Schulter ließ mich aufschreien. Soweit es ging flüchtete ich vor der nach mir greifenden Hand bevor mich in die Wand in meinem Rücken nicht mehr weiterfliehen ließ. Vollkommen panisch starrte ich den dunklen Schatten an, der sich bedrohlich vor mir erhob. Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Warum muß er mich so quälen?

“Ayu-chan?“ Erneut schoß eine Hand aus dem Dunkel auf mich zu, doch sie gehörte nicht zu dem Schatten vor mir. Noch ehe sie mich erreichen konnte wich ich zur Seite aus und wußte im selben Augenblick, daß ich ihnen nicht entkommen konnte. Sie hatten mich in eine Ecke gedrängt. Eine Flucht war unmöglich. Ich machte mich so klein wie es nur eben ging und verbarg meinen Kopf zwischen den Knien und Armen. Laßt mich bitte in Ruhe! Warum geht ihr nicht einfach weg? Was habe ich euch getan, das ihr mir das antun müßt?

“Ayu-chan, geht es dir gut?“ Zärtlich strich eine Hand durch mein Haar. Ich zitterte noch mehr bevor eine andere Stimme versuchte mich leise zu beruhigen. Nur langsam merkte ich, daß es sich dabei um eine weibliche Stimme handelte. Sie wiederholte geduldig, daß alles gut werden würde und ich mich in Sicherheit befand. Niemand würde mir hier etwas tun. Sie wären alle meine Freunde. Es dauerte eine Weile bevor ich meinen Kopf hob und die Gesichter vor mir erkannte.

“Kaen?“ Erleichtert nickte sie. Direkt neben ihr kniete Suboshi, der mich ansah als wäre ich ein Geist und auf ihrer anderen Seite saß Ranui. Leicht öffnete er seine Arme während er mich verstehend ansah. Ohne zu zögern oder darüber nachzudenken griff ich nach vorn und fiel gegen seine Brust. Behutsam schlossen sich seine Arme um meinen Rücken als ich hemmungslos zu schluchzen begann. Er hielt mich einfach nur fest und keiner von ihnen sagte ein Wort. Sie waren für mich da als ich sie am Nötigsten brauchte und das werde ich ihnen nie vergessen.

Erst als mein Schluchzen allmählich abebbte fragte Ranui mich zögernd was so schrecklich gewesen war, das es mich bis in meine Träume verfolgte. Noch während ich ihm erklärte, das es nur eine alte Erinnerung gewesen sei und mich langsam aus seiner Umarmung löste hörte ich eine leises Rascheln und Knirschen, das immer lauter wurde. Ich kannte dieses Geräusch! Es hatte sich tief in mein Gedächtnis gebrannt als man Ayurus Dorf komplett zerstört hatte. Es war das Geräusch von brennendem Holz, das allmählich in sich zusammenfiel.

Erschrocken sah ich mich in der Zelle um, doch außer ein paar Fackeln war rein gar nichts zu entdecken, was es hätte verursachen können. Ein lautes Knacken und ein leiser Aufschrei, der irgendwo aus der Dunkelheit kam verursachten mir fast körperliche Schmerzen. Ich krümmte mich zusammen und flehte um Gnade. Nicht noch einmal! Oh bitte, bei allen Göttern laß mich das nicht noch einmal durchmachen!

Doch es war vergeblich, die Geräusche wurden immer lauter und inzwischen hatten sich auch das Klirren von Waffen und die schweren Schritte der Soldatenstiefeln zu ihnen gesellt. Beinahe meinte ich sehen zu können, was sie zeigen wollten. Doch ich weigerte mich diese Bilder erneut in meinem Bewußtsein zu lassen. War es denn noch nicht genug, das ich es hatte mit ansehen müssen? Warum verfolgt es mich gerade jetzt?

“Ayu-chan, was ist mit dir? Du bist leichenblaß.“ Ich konnte Ranui nicht antworten. All diese Geräusche und die mit ihnen verbundenen Erinnerungen schnürten mir die Kehle zu. Es wurde immer schlimmer.

…Schwere Stiefel, die über blutgetränkten Boden schritten…
…Schwerter, die verzweifelte Hilfeschreie im Keim erstickten…
…Feuer, das alles verbrannte…
…Haut, die solange von den Flammen versengt wurde bis sie schließlich in Fetzen riß…

“Bitte hör auf! Hör auf!“ Immer und immer wieder murmelte ich diese Worte während Tenkous Lachen in meinen Ohren widerhallte. Er würde keine Milde walten lassen.

“Bitte!“ Die Tränen rannen heiß über mein Gesicht doch konnte ich noch immer die Geräusche hören, die mir kalte Schauer über den Rücken jagten. Ich fühlte mich wie ein in die enge getriebenes Tier. Vergeblich versuchte ich meine Ohren vor dem zu verschließen, was mich immer und immer wieder zu überfallen drohte. Aber es war sinnlos. Selbst als ich meine Hände fest an die Ohren preßte konnte ich noch deutlich hören, wie ein Soldat die Tür eines Hauses aufbrach. Die Familie, die sich dort hinter verborgen hatte versuchte in wilder Panik zu fliehen als sein Schwert bereits in ihre Rücken sauste.

“Ayu-chan.“ Irgend jemand versuchte mich festzuhalten und mir Trost zu spenden, aber es war vergebens. Die Vision war so real geworden, daß ich das verbrannte Fleisch der Toten riechen konnte. Irgendwo in dem Dunkel, das außer mir niemand wahrzunehmen schien schälte sich eine dunkle Gestalt mit eiskalten Augen hervor, die mich hämisch angrinste.

°°°Hast du es nun endlich begriffen? Dein Leben gehört mir.°°° Ich schrie mein Entsetzen hinaus bis meine Lungen über keinerlei Luft mehr verfügten und ich in eine Ohnmacht sank, die mich weit weg von all dem führte, was dabei war meine Seele zu zerstören. Es war ein Ort voller Frieden und Harmonie an dem ich mich wiederfand.

Ein klarer Sternenhimmel spannte sich über mir bis hin zum Horizont und die Luft war erfüllt vom Duft des Frühlings. Dankbar sank ich in das weiche Blumenmeer, das mich weit weg von allen Schmerzen und Erinnerungen trug, die mir das Leben unmöglich erschienen ließen. Meine Schuldgefühle verblaßten und ich spürte einen Frieden, den ich noch nie gekannt hatte. Ich war rundherum mit mir und der Welt im Einklang. Ist es das, was man Seligkeit nennt?

“Rei?“ Überrascht eine Stimme in diesem seltsamen Meer der Ruhe zu hören richtete ich mich auf und sah nicht einmal zehn Meter von mir entfernt eine wunderschöne Frau in chinesischen Kleidern stehen. Ihre langen, blonden Haare wehten leicht im Wind. Sie schien von innen heraus zu leuchten.

“Was machst du hier?“ Langsam stand ich auf und ging auf sie zu bis uns nur noch ein kleiner Bachlauf trennte. Ich war ihr so nah, das ich das tiefe Blau ihrer Augen erkennen konnte.

“Matuta?“ Mein Kopf sagte mir zwar, daß das vollkommen unmöglich sei, daß sie es war. Sie vor Jahren gestorben war. Doch mein Herz wußte es mit Sicherheit. Sie war es! Und es war keine von Tenkous Täuschungen oder Visionen. Sie stand tatsächlich vor mir.

“Rei, was bei allen Göttern machst du hier?“ Sie war ebenso überrascht mich zu sehen wie ich sie. Ich hatte nicht die geringste Ahnung und zuckte lediglich kurz mit den Schultern was ihr ein leichtes Lachen entlockte. Ich grinste ebenfalls.

“Warte einen kleinen Moment. Ich kommen rüber.“ Entschlossen machte ich einen Schritt nach vorn und stapfte entschlossen durch den Bachlauf. Entsetzt ließ sie Blumen, die sie festhielt fallen.

“Rei! Bleib sofort stehen!“ Der schrille Ton in ihrer Stimme ließ mich erstarren. Was hatte sie nur? Sie war vollkommen panisch.

“Du darfst diesen Bach auf keinen Fall überqueren.“ Irritiert sah ich mich um.

“Warum? Es ist nur Wasser und es ist nicht tief. “ Um meine Worte zu unterstreichen spritzte ich etwas davon in ihre Richtung, doch sie reagierte nicht wie erhofft.

“Wenn du ihn überquerst wirst du sterben.“



05-03-18
edit: 07-05-13

Fortsetzung:
Kapitel 09 – Sonnenaufgang




Erläuterungen
siehe „Secrets – Important things“






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