Part 02

00-05-21

 

Love of an angel

         Part 02

 

 

Trouble

 

Endlich hielt der Fahrer vor dem Hotel in dem sich mein Apartment befand und ich kochte vor Wut. Wie konnte er so etwas nur tun? Ohne es zu wollen schlug ich die Tür so hart zu, das man das Echo noch eine ganze Weile hörte.

"Hey!" Oh man jetzt nicht auch noch du! Wenn ich mich jetzt auf ihn einlasse stampfe ich ihn in den Boden. Mit dem letzten Rest Anstand riß ich mich noch einmal zusammen.

"Sorry! Hier für sie." Ich drückte ihm ein Bündel tausend Yen Scheine in die Hand und ging ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen direkt in die Lobby. Das Geld war natürlich überflüssig gewesen, aber anders konnte ich mich momentan nicht bei ihm entschuldigen. Er würde es garantiert versaufen. Scheiße! Das nächste Mal mache ich 'ne Spende für die Gewerkschaft, das ist wenigstens sinnvoll! Entnervt drückte ich auf den Knopf am Aufzug. Warum kommt dieses Mistding denn nicht? Verflucht noch mal! Wütend kickte ich mit der Schuhspitze an die immer noch geschlossen Türen. Großer Fehler! So ein Mist, jetzt habe ich mir in diesen Schuhen auch noch Blasen gelaufen! Ist ja logisch, es muß ja unbedingt alles auf einmal kommen. Das wird noch jemand bereuen!

"Deshon-san! Deshon-san warten sie bitte einen Moment!" Was ist denn?! Ohne ein Wort zu verlieren drehte ich mich um und segnete den Störenfried mit einem Gletschereisblick. Sofort zuckte er zusammen.

"Deshon-san, Verzeihung bitte. Wir wissen einfach nicht mehr wohin mit all den Blumen." Jetzt erkannte ich ihn, das ist Ryu der neue Portier und nebenbei einer von Grannys Enkeln.

"Sorry Ryu, ich hatte 'nen echt beschissen Tag." Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf.

"Das macht doch nichts. Granny hat mir schon gesagt, das sie manchmal echt miese Laune haben. Sie meinte man könne es ihnen aber nicht übel nehmen, da sie ständig unter Druck stehen. Normalerweise sind sie der umgänglichste Mensch, den sie kennt. Ich glaube, sie hat recht." Super! Vielen Dank Granny, du ruinierst hier gerade meinen Ruf! Was passiert wohl, wenn einer dieser Presseheinis erfährt, das ich auch nett sein kann? Reiß dich zusammen, der Kleine kann nichts dafür, er hat andere Probleme.

"Du hattest Blumen erwähnt. Was ist damit?" Ich war schon lange dazu übergangen alle Menschen, die mir begegneten zu duzen mit einer Ausnahme, Presseheinis!

"Es ist unglaublich seit heute Nachmittag kommen dutzende von Blumenbouquets für sie. Fast die gesamte Lobby steht voll." Er gestikulierte wild mit seinen Armen und wies laufend auf die Lobby. Der Anblick war atemberaubend. Ein Meer aus Blumen und ich hatte es beim Reinkommen gar nicht bemerkt. Da der Aufzug immer noch nicht kam, ging ich mir einige der Bouques näher ansehen. Aus dem erst Besten zog ich eine Karte heraus. Ach sieh mal einer an Sony Records. Ich steckte die Karte wieder zurück. Sollte mich vielleicht mal wieder bei denen melden. Ein ziemlich dezent gehaltener Strauß, der fast ausschließlich aus Kirschblüten- und Glyzienenzweigen bestand wirkte auch sehr interessant. Ich konnte mir schon denken, von wem der stammte. Ein Blick auf die Karte bestätigte die Vermutung, Yoshiki. Alle anderen stammten wahrscheinlich hauptsächlich von namenhaften Plattenfirmen und diversen Promis. Halt, was ist das denn für eine gelbe Orchidee? Es dauerte einen Augenblick, bis ich die Karte fand. Wer klebt sie denn schon unter den Topf? Endlich hatte ich das Ding in der Hand und mußte lächeln. Diese Handschrift kannte ich. Sanft geschwungen stand dort:

 

Wir gratulieren zum Erfolg der neuen Singel.

 

Sara und Setsuna Mudou

Die Beiden sind wirklich lieb. Kaum zu glauben, das ich sie erst vor drei Monaten kennengelernt habe. Das war in einem Einkaufszentrum gewesen, wo ich eigentlich nur meine so genannte Freizeit verbrachte, um mich mal neu einzudecken. Die Vorräte hatten doch ganz bedrohlich abgenommen und Einkaufen mache ich immer noch selbst. Tja, und wie in jedem schlechten Film, wo jemand vollgepackt aus einem Supermarkt kommt erging es auch mir. Man rannte mich über den Haufen. Nachdem ich meinen ersten Wutanfall überwunden hatte bekam ich auch mal mit, wer mich da eigentlich umgerannt hatte. Es war Sara gewesen, die auch noch ziemlich verheult aus sah. Natürlich bedauerte ich mein anfängliches Verhalten zutiefst und lud sie erstmal zu einem Kaffee ein. Dadurch lernte ich auch ihren Bruder Setsuna kennen und als ich den Beiden sagte, wer ich bin wollten sie es nicht glauben. Echt unglaublich! Dabei sind die Beiden seit Jahren Fans von uns! Das muß man sich mal vorstellen! Erst als die anderen Bandmitglieder aufkreuzten, glaubten sie mir. Irgend wann habe ich durch Zufall auch mal ihre Mutter kennengelernt. Eine ziemlich merkwürdige Person, wenn man mich fragt. Hält Setsuna für geistesgestört und Sara für ihr armes, hilfloses Mädchen. Ehrlich gesagt tun die Beiden mir leid. Selbst ein Blinder könnte merken, das Setsuna bis über beide Ohren in seine Schwester verknallt ist und ihr geht es genauso, auch wenn sie das noch nicht begriffen hat. Oder liegt das daran, das ich schon zu lange lebe um so etwas zu übersehen?

"Deshon-san, kommen sie! Sie müssen sich das hier mal ansehen!" Ryu stand auf einmal hinter mir und fast hätte ich ihm einen scharfen Verweis verpaßt, weil er mich in meinem Gedankengang gestört hatte, aber ich verkniff es mir. Ruhig Blut, warte bis du oben bist und es den Richtigen trifft. Ich nickte kurz und folgte ihm.

"Hier sehen sie? Das ist doch unglaublich!" Am liebsten hätte ich laut geschrien. Dort stand ein fast zwei Meter hoher Strauß, der anscheinend eine Pyramide darstellen sollte und er bestand ausschließlich aus blauem Rittersporn. Seit ich das Siegel trage flößen diese Blumen mir Angst ein und ich will gar nicht erst wissen warum.

"Schaff sie weg! Schaff sie alle weg!" Entsetzt sah er mich an.

"Deshon-san? Ganz sicher?" Mir wurde mulmig. Verdammt schaff endlich die Blumen weg! Nimm dich zusammen! Es sind nur Blumen, sie können dir nichts tun.

"Ja, es ist mir egal wie, aber schaff sie weg!" Ich zwang mich den Blick zu wenden und sah, das der Aufzug inzwischen angekommen war. Schnell ging ich darauf zu, allerdings nicht ohne mir vorher die Orchidee zu schnappen. Die würde ich auf jeden Fall behalten. Endlich im Aufzug atmete ich tief durch und dann fiel mir noch etwas ein.

"Ryu, bring den Strauß von Yoshiki zu Granny, sie wird sich sicher darüber freuen. Mit dem Rest kannst du machen, was du willst. Nur diese Pyramide will ich hier nicht mehr sehen!" Die Türen schlossen sich beinahe lautlos und ich befand mich auf dem Weg nach oben. Mein Ton war scharfer gewesen, als erforderlich, aber das ist eindeutig zuviel für heute gewesen. Warum blauer Rittersporn? Es weiß doch eigentlich jeder, das ich diese Pflanzen nicht ausstehen kann. Es macht keinen Sinn sich jetzt darüber Gedanken zu machen es würde meine Wut nur noch steigern. Ein leises Piepen kündigte das Öffnen der Türen an. Erleichtert verließ ich den Aufzug. Endlich zu Hause! Seufzend stellte ich die Orchidee auf eine Kommode und zog endlich die Schuhe aus. Wird Zeit, das ich ins Bad komme. Eine kalte Dusche dämpft vielleicht auch meine üble Laune, bevor Katan hier wieder aufkreuzt. Da kein Licht brannte, als ich aus dem Aufzug kam steht fest, das er nicht da sein kann. Im Gegensatz zu mir findet er es notwendig das Licht brennen zu lassen, wenn er sich abends in der Wohnung befindet. Ich für meinen Teil kann gut und gerne darauf verzichten, es denn ich will etwas lesen oder ähnliches. So auch heute, ohne die Lichtschalter auch nur zu beachten ging ich ins Bad und schälte mich aus den Kleid. Gar nicht so einfach, da sich der Reißverschluß auf dem Rücken befand. Anschließend drehte ich das Wasser auf, entledigte mich auch noch den letzten Kleidungsstücken und stellte mich unter den warmen Strahl. Ah ist das angenehm! Nach einiger Zeit stellte ich sie wieder ab, rubbelte mich trocken und suchte mir aus dem Schrank frische Unterwäsche heraus. Mist! Ich habe wieder vergessen die BH's einzuräumen, dann eben nicht. Jetzt erst mal was Erfrischendes zu trinken. In meinen Lieblingsbademantel, eines dieser nur knapp knielänge erreichenden, ausschließlich aus Seide bestehenden Teile, gehüllt verließ ich das Bad und ging in die Küche. Mit einer Dose Cola in der Hand ließ ich mich wahllos in einen der Sessel im Wohnzimmer fallen. Noch bevor ich den ersten Schluck trank irritierte mich irgend etwas. Hier ist jemand! Ach Quatsch, völlig unmöglich, wer sollte das sein? Das Gefühl verschwand nicht. Vorsichtig sah ich mich um und dann sah ich ihn. Er saß schräg neben mir auf dem Sofa und schien mich schon eine ganze Weile zu beobachten. Ganz sicher war ich mir da allerdings nicht, da es dafür einfach zu dunkel war. Seine langen Haare glänzten geheimnisvoll in der Dunkelheit. So schnell es ging sprang ich auf und schlug auf den nächstbesten Lichtschalter. Sofort flammten die verschieden Lampen auf, die überall großzügig verteilt herum standen und das Zimmer in ein angenehmes Schummerlicht hüllten. Shit, falscher Schalter! Der Halogenleuchter wäre mir wesentlich lieber gewesen, aber so geht es auch. Er lächelte mich an und dieses Gesicht kommt mir so gottverdammt bekannt vor. Wenn ich nur drauf kommen würde...

Ach ja klar, er sieht aus wie Setsuna. Das ist es, Setsuna! Erleichtert atmete ich auf. Aber warum hat er denn auf einmal lange Haare? Eine neue Idee von Maria?

"Oh man Setsuna, du hast mich ganz schön erschreckt." Er zuckte leicht mit den Schultern und lächelte weiterhin. Hier stimmt was nicht! Schnauze Hirn! Es ist alles okay. Er ist wahrscheinlich nur wieder zu Hause rausgeflogen und hat keine Unterkunft für heute Nacht. Vielleicht sollte ich ihm langsam mal Miete berechnen.

"Hat Maria dir die Perücke verpaßt?" Sein Blick verfinsterte sich. Bilde ich mir das ein oder sehen seine Augen in diesem Licht leicht golden aus? In meinem Hinterkopf fingen allmählich die Alarmsirenen an zu schrillen. Irgend etwas ist hier faul, wenn ich nur wüßte was. Das Stehen nervte mich trotzdem und so ließ ich mich wieder in den Sessel sinken.

"Hey, gesprächig bist du heute ja nicht. Ist was passiert?" Er antwortete mir immer noch nicht. Na gut, wenn er nicht will. Wenigstens ist die Cola noch kalt. Halbwegs entspannt lehnte ich mich zurück und warf einen Blick auf die Uhr im Videorecorder. Schon fast halb zwölf. Katan wo bleibst du?

Ein leises Rascheln ließ mich den Blick wenden. Ah ha, er ist aufgestanden. Falls er hier übernachten will weiß er ja, wo sich das Gästezimmer befindet. Ist ja nicht das erste Mal. Ich wollte gerade wieder nach der Dose greifen, als sich seine Hand um mein Handgelenk spannte. Wütend funkelte ich ihn an. Es ist verdammt unklug mich heute abend noch zu reizen!

"Wer bist du?" Das ist nicht Setsuna! Schoß es mir blitzschnell durch den Kopf. Auf gar keinen Fall, seine Stimme klingt ganz anders, nicht so kühl und tief. Ich sah im fest in die Augen und hatte auch schon einen passenden Kommentar auf den Lippen, doch ich erstarrte. Goldene Augen! Kalte goldene Augen! Wer zum Henker ist das und warum fange ich an zu zittern? Entgeistert starrte ich ihn an, völlig unfähig mich irgendwie zu bewegen. Nein, das konnte einfach nicht sein! Doch je länger er mich festhielt und mich ansah, desto mehr verstärkte sich dieses Gefühl, das ich schon seit Jahren nicht mehr bemerkt hatte und das in meinem Inneren einen tiefen Abgrund herauf beschwor. Trotzdem weigerte ich mich auch weiterhin diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen und doch, es war die einzig logische Erklärung. Der Verdacht erhärtete sich immer weiter und ohne es zu wollen begannen sich Worte auf meinen Lippen zu formen.

"Nein... nein..." Nervös fuhr ich mir mit der freien Hand durch die Haare.

"Völlig unmöglich... du kannst kein Engel sein." Was fasel ich da eigentlich, der Typ ist kein Engel! Sein Griff wurde zu einer Stahlklammer uns als ich den Blick hob sah ich Zorn in seinen Augen aufblitzen. Was denn? Hab ich was Falsches gesagt? Er zwang mich aufzustehen und ihn direkt anzusehen. Ich hatte ihn für größer gehalten, aber er überragte mich gerade mal so eben. Würde ich Absätze tragen wären wir in etwa gleich groß. Mein Unbehagen wuchs immer weiter. Bald würde meine gleichgültige Fassade anfangen zu bröckeln.

"Du erkennst es wirklich nicht?" Man, das klingt ja fast nach einem Vorwurf. Was will der Kerl denn bloß von mir? Ich versuchte mein Handgelenk aus seinem Griff zu befreien, leider vergeblich. Er lachte kurz auf und irgend etwas an diesem Lachen veranlaßte mich ihn wieder anzusehen. Auf seinem Rücken befanden sich nun drei schneeweiße Schwingen und ohne es zu wollen löste sich ein leiser Schrei des Entsetzens aus meiner Kehle. Um seine Lippen leckte sich ein zufriedenes Lächeln und instinktiv machte ich einen Schritt zurück, doch er zog mich sofort wieder an sich.

"Ist das Beweis genug?" Seine Stimme zeigte keinerlei Regung und ich nahm inzwischen seine gesamt Aura war. Er ist stark, verdammt stark. Ich würde nicht die geringste Chance haben, es denn...

Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Nein, soweit durfte es einfach nicht kommen. Ich würde ihm keinen Beweis für seine Vermutung liefern. Anders kann er mich gar nicht gefunden haben! Doch die Panik in meinem Innern wollte nicht abflauen. Sie haben mich gefunden! Etwas mit dem ich im Traum nicht mehr gerechnet hatte. Was würde erst geschehen wenn sie Katan bei mir entdecken würden? Immer noch zu jeglicher Bewegung unfähig blieb mir nur die Möglichkeit so zu tun als sei nichts weiter und ein Pokerface aufzusetzen, obwohl ich vor Angst verging. Wie lange würde ich das durchhalten? Meine Gedanken waren die eines gehetzten Tieres und es gelang mir nicht sie in logische Bahnen zu lenken. Ihm schien die Sache hingegen sehr zu gefallen. Er begann leicht zu lachen.

"Du bist für einen Menschen sehr schön. Weißt du das eigentlich?" Häh? Was soll das denn jetzt bedeuten?! Im nächsten Augenblick preßten sich seine Lippen auf meine und ich spürte seine Zunge in meinem Mund. Nein! Nein nicht das! Jede Faser meines Selbst schrie auf und ich verkrampfte mich. Es war nicht nur seine Zunge da war noch etwas anders. Er versuchte mich dazu bringen etwas zu schlucken. Nein!

Ich biß zu. Wütend schleuderte er mich durch das halbe Zimmer.

"Miststück!" Seine Lippen bluteten. Na wenigstens etwas, aber ich ersticke gleich. Nach einem Hustenanfall hatte ich denn Grund dafür auch in der Hand. Eine Kapsel, die eigentlich wie jede normale, handelsübliche Tablette aussah. Will der mich unter Drogen setzen? Ah, langsam werde ich sauer. Meine Furcht wich mehr und mehr. Klasse endlich kann ich wieder halbwegs logisch denken! Engelchen nimm dich in acht! Mit dir werde ich auch so fertig. Er stand immer noch an der selben Stelle, doch sein Blick war wutverzerrt. Hat er etwa noch nie Gegenwehr erlebt? Vorsichtig und nicht zu schnell, da er mich nicht einen Augenblick lang aus den Augen ließ tastete ich mich in Richtung Schrank vor. Was auch immer in dieser Pille gewesen sein mag, es war verdammt stark und wirkte selbst jetzt. Ich konnte mich nur kriechend vorwärts bewegen. Möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich das Ding geschluckt hätte. Ah, da ist ja die Schublade. Blitzschnell zog ich sie auf und hielt ihm die 45er entgegen, die ich dort für Notfälle aufbewahrte.

"Keine Bewegung!" Verblüfft starrte er erst die Waffe und dann mich an. Tja Junge, so etwas nennt man weise Voraussicht und glaub ja nicht, das ich damit nicht umgehen kann. Aufatmend stellte ich mich wieder hin. Jetzt sind die Chancen wenigsten fair verteilt. Ich fixierte ihn, doch er zeigte immer noch keine Regung. Ganz im Gegenteil die Sache schien ihn zu amüsieren.

"Noch mal von vorne. Wer bist du?" Er antwortete nicht sondern beobachtete mich lächelnd. Seine Aura verstärkte sich auf einmal. Shit, gleich würde er angreifen und meine Chance auf Deckung ist gleich Null. Ich muß ihn unbedingt vorher treffen. Mein Finger begann sich langsam um den Abzug zu krümmen.

"Aufhören!" Das ist doch...

Noch ehe ich den Gedanken zu Ende geführt hatte stand Katan zwischen uns und damit genau in meiner Schußlinie. Seufzend ließ ich die Waffe etwas sinken und nahm den Finger vom Abzug.

"Rociel-sama, was tust du?" Huh, Rociel? Muß mir der Name was sagen? Irritiert linste ich über seine Schulter. Sein Gegenüber schien über die Einmischung nicht sonderlich erfreut zu sein. Mir war sie nur recht, damit hatte sich das Problem vorerst erledigt. Nur eine Erklärung wäre mal nicht übel.

"Misch dich nicht ein, Katan!" Holla, was ist denn das für ein Ton. Seit wann ist Katan ein Schoßtierchen, das man herumschubsen kann? Ein kaum merkliches Zittern ging durch Katans gesamten Körper. Er hat Angst vor ihm! Das brachte mein Blut erst so richtig zum Kochen. Ich veränderte meine Position etwas und stand dadurch schräg hinter Katan mit freiem Blick auf R- wie auch immer. Wütend fuhr ich ihn an.

"Was bildest du dir ein wer du bist, das du hier einen solchen Ton anschlägst? Das hier ist meine Wohnung und du bist hier ohne zu fragen eingedrungen! Ich bin diejenige, die ein Recht darauf hat sich aufzuregen!" Er brach in schallendes Gelächter aus.

"Wer ich bin?! Ich bin Rociel, höchster Engel der Himmel! Sei lieber froh, das du noch lebst! Normalerweise töte ich Menschen, wenn sie mir im Weg stehen!" Das ist doch die Höhe! Dem Kerl muß man mal gehörig einen Dämpfer verpassen. Engel oder nicht, das geht eindeutig zu weit! Doch bevor ich dazu kam mich näher mit ihm zu befassen mischte sich Katan ein.

"Rociel-sama ich bitte dich verschone sie. Sie hat nichts mit all dem zu tun!" Seine Stimme klang regelrecht flehend. Rociel schüttelte entschieden den Kopf und machte mit einer Handbewegung deutlich, daß Katan ihm aus dem Weg gehen sollte. Gleich gehe ich hier durch die Decke! Das hier ist immer noch mein Leben und das werde ich bestimmt nicht so leicht aufgeben. Schließlich bin ich nicht das, was man wehrlos nennt! Dieser eingebildete Pinsel wird sich noch wundern! Ein leichtes Kratzen an meinen Beinen lenkte mich ab und ich senkte den Blick zu Boden. Ranken? Im nächsten Augenblick verspürte ich ein Brennen, als wenn jemand meine Beine mit Säure übergießen würde und verlor jeglichen Halt.

"Katan!" Meine Stimme schwankte durch die plötzlich auftreteten Schmerzen. Er wirbelte herum und erstarrte. Der Druck auf meinen Beinen wurde stärker und das Brennen breitete sich immer weiter aus.

"Rociel-sama! Hör auf damit!" In seinen Augen begannen Tränen zu schimmern. Verdammt noch mal tu was! Mein Blick glitt nach oben und ich sah in ein ziemlich zufriedenes Gesicht. Toll, der wird mir garantiert nicht helfen. Die Schmerzen waren inzwischen fast unerträglich. Trotzdem gelang es mir mich umzudrehen und die Quelle dieser Ranken aus zumachen. Die Kapsel! Das ist es also, was dieses Ding bewirkt. Zerstörung von Innen und wenn das nicht klappt Zerstörung von Außen. Ich schrie auf, als sich einige der Ranken um meinen Brustkorb legten.

"Rociel-sama!"

"Was ist mit dir Katan? Sie ist doch nur ein Mensch." Ich zischte einen Fluch zwischen den Zähnen hindurch. Der Kerl regt mich auf! Vorsichtig versuchte ich mich aus den Ranken zu befreien, aber es schien als ahnten sie meine Bewegungen voraus und jedesmal waren sie woanders.

"Ne-chan!" Katan kniete inzwischen neben mir und versuchte nun ebenfalls die Ranken zu entfernen mit dem Ergebnis, das sie nun auch ihn attackierten.

"Ne-chan?" Täusch ich mich oder ist der Knabe irritiert? Hey, vielleicht meine Chance diese Dinger loszuwerden. Doch er belehrte mich schnell eines Besseren.

"Katan mach dich nicht lächerlich! Sie ist ein Mensch wie jeder andere!" Katan segnete ihn mit einem vernichteten Blick und versuchte noch mals eine der Ranken von meinem Körper zu entfernen.

"Laß es sein! Sie werden dich ebenfalls töten!" Ach so ist das! Ich darf hier das Zeitliche segnen aber Katan nicht wie?

"Paß mal auf du-" Eine erneute Schmerzenswelle ließ mich verstummen. Trotz allem hat er recht. Es ist zu gefährlich für Katan.

"Ist schon okay. Ich komm schon klar." Er starrte mich völlig ungläubig an, als ich ihm die Ranken aus der Hand nahm und aus der unmittelbaren Gefahrenzone stieß.

"NE-CHAN!" Ist ja gut! Ich habe nicht vor hier drauf zu gehen! Die Ranken hatten inzwischen schon meinen Hals erreicht und begannen sich langsam zusammen zuziehen. Bald würde mir die Luft ausgehen. Das Zeug muß mit 'ner Python gekreuzt worden sein!

"Sehr vernünftig. Sei ein gutes Mädchen und stirb!" Der Kerl braucht dringend ein Hobby! Es klingt so, als würde das hier das normalste auf der Welt sein. Für mich ist es das keinesfalls und ich bemühte mich weiterhin das Zeug wieder loszuwerden.

"Du darfst sie nicht töten!" Ich hatte keine Zeit mehr mich um die Beiden zu kümmern. Aus den Augenwinkeln erkannte ich dennoch, das Katan unterbrochen auf ihn einredete. Langsam verdunkelte sich die gesamte Umgebung. Shit, die Luft wird knapp! Zum Glück hatten meine Arme noch ihre Bewegungsfreiheit. Ich habe nur diesen einen Versuch...

"Ach, und wieso nicht?" Die Stimme klingt ja richtig fordernd. Katans Argumente schienen nicht gefruchtet zu haben. Wenn er will werde ich ihm gleich den Grund nennen. Ich drückte ab. Der Schuß verhallte noch im Raum, als die Ranken schon in sich zusammen fielen. Nach Luft schnappend kniete ich mich hin. Puh, das ist verdammt knapp gewesen. Mit beiden Händen begann ich mir den Hals und die Schultern zu massieren. Zufrieden besah ich mir die Überbleibsel der Kapsel. Nur noch Staub.

"So und jetzt will ich verdammt noch mal eine Erklärung!" Beide zuckten zusammen, als ich aufstand und auf sie zukam. Fast wäre ich auch noch zusammengeklappt, aber Katan stand plötzlich an meiner Seite und stützte mich. Vorsichtig brachte er mich zum Sofa und zwang mich dort Platz zunehmen. Ohne sich weiter um den Störenfried zu kümmern.

"Katan!" Ich warf ihm einen giftigen Blick zu. Der soll sich lieber vorsehen!

"Nein Rociel-sama! Ich werde nicht zulassen, das du sie tötest!" Entschlossen hatte er den Blick gewendet und sein Gegenüber fixiert. Völlig ungläubig starrte dieser ihn an.

"Das würdest du nicht wagen." Kleines Verständnis Problem? Soweit ich das mitbekommen habe läßt Katans Aussage keinerlei Widerspruch zu. Die Spannung zwischen den Beiden wuchs. Beide ließen sich keinen Augenblick lang aus den Augen und Katan hatte sich schützend vor mich gestellt.

"Hört mal Jungs, könnten wir uns auf eine normale Unterhaltung beschränken? Ich hatte einen echt anstrengenden Tag." Ich ließ mich zurückfallen und wartete darauf, wie sie reagieren würden. Auf einen Machtkampf zwischen zwei Engeln kann ich gut und gerne verzichten. Das wird meine Wohnung auch nicht überleben...

Nebenbei bin ich mir sicher, das Katan im Ernstfall nicht die geringste Chance haben würde. Die Spannung löste sich allmählich und Rociel ließ sich in den Sessel sinken, wo er bis vor kurzem noch ich gesessen hatte. Trotzdem ruhte sein finsterer Blick weiterhin auf mir. Demonstrativ setzte Katan sich so neben mich, das er im Ernstfall sofort zwischen uns stehen würde. Ein kurzer Blick in seinen Augen verriet mir seine Entschlossenheit. Er würde nicht zu lassen, das man dieser Kerl etwas antut. Beruhigt angelte ich mir die Dose Cola und genoß die in ihr immer noch vorhandene Kälte, die sich langsam in meinem Inneren ausbreitete.

"Du bist ein Narr, wenn du glaubst ich würde sie jetzt noch am Leben lassen!" Fast hätte ich mich an der Cola verschluckt.

"Wie war das gerade?" Fauchte ich zurück und haute wütend die Dose auf den Tisch. Er war dadurch in keinster Weise beeindruckt und Katan legte seinen Arm auf meine Schulter um mich am Aufspringen zu hindern. Langsam entspannte ich mich wieder.

"Nein, das wirst du nicht tun!" Völlig ruhig fixierte Katan ihn. Jetzt war Rociel an der Reihe aufzuspringen.

"Was für ein Narr bist du eigentlich? Sie hat gesehen, das ich ein Engel bin! Das Risiko ist viel zu hoch!" Ah, sie mal einer an. Du bist wütend, aber Katan willst du trotzdem nicht zur Rechenschaft ziehen. Lachend sank ich zurück.

"Das ist der Grund? Deswegen der ganze Streß? Meine Güte und ich dachte du hättest was persönliches gegen mich." Völlig perplex sahen die Beiden mich an. Sofort wurde ich wieder ernst.

"Glaubst du ernsthaft, ich wüßte nicht, das Katan ein Engel ist?"

"WAS?!" Er wäre mir fast an die Kehle gesprungen. Ich wich auf die äußerste Ecke des Sofas zurück. Katan stellte sich zwischen uns und versperrte ihm den Weg.

"Rociel-sama ich bitte dich hör auf damit." Ich konnte die Reaktion nicht sehen, aber dafür entdeckte ich rote Striemen auf meinen Beinen. Verdammter Mist und morgen geht der Videodreh los. Bei näherer Betrachtung fand ich diese Striemen in schönen regelmäßigen Abständen verteilt über meinen gesamten Körper. Super, und der Bademantel ist auch noch hin, überall Risse. Hoffentlich sind die morgen verschwunden. Was würde bloß Maria dazu sagen? Sie wird mir den Kopf abreißen, garantiert.

"... versuch nicht mich daran zu hindern. Du bist zwar mein Sohn, aber das berechtigt dich noch lange nicht dazu MIR Befehle zu erteilen!" Sohn?! Habe ich mich gerade verhört oder was? Ich bin zulange in meinen Gedanken versunken gewesen und hatte so die Hälfte nicht mitbekommen.

"Äh, Moment mal. Katan soll das etwa heißen ER ist dein Vater?!" Mein Finger wies auf Rociel. Er nickte kurz, während mich Rociel immer noch giftig anstarrte. Ich rappelte mich auf.

"Warum zum Henker hast du mir das nicht gesagt? Verdammt noch mal ich denke du vertraust mir!" Entschuldigend sah er mich an. So nicht, das zieht heute nicht mehr! Ein kurzer Seitblick verriet mir, das Rociel sich wieder in den Sessel hatte fallen lassen. Gut, der bleibt erstmal außen vor. Darum kann ich mich auch später noch kümmern.

"Das ist dann ja wohl auch der Grund, warum du heute abend nicht aufgekreuzt bist! Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, wie ätzend dieser Tag gewesen ist?! Ich habe mich darauf verlassen, das du mich raushaust.! Stattdessen mußte ich mir zwei Stunden lang dieses totlangweilige Gelaber anhören!"

"Ne-chan!" Er hob abwehrend die Hände. Aber nicht mit mir! Ich komme gerade erst richtig in Fahrt.

"Nichts da! Ich bin stinksauer! Du schuldest mir was und das weißt du!" Ich tippte ihm auf die Brust.

"Verdammt Ne-chan! Nimm endlich die Pistole runter!" Huh? Damit hatte er mich aus dem Konzept gebracht. Verwundert stellte ich fest, das ich ihm die Waffe an die Brust hielt.

"Sorry, gar nicht gemerkt." Ich nahm sie wieder runter. Erleichtert atmete er auf.

"Gib sie mir." Entschieden schüttelte ich den Kopf.

"Vergiß es! Nicht solange die Fronten geklärt sind." Ich warf Rociel einen mißtrauischen Blick zu, den dieser feindselig erwiderte. So ist es wirklich sicherer.

"Hör zu, ich weiß, das es nicht einfach zu verstehen ist, aber er ist mein Vater." Vorsichtig linste ich wieder zu Rociel rüber.

"Stimmt das?" Er deutete ein Nicken an, was mich schon wieder auf die Palme brachte. Ist der nicht in der Lage normal zu antworten?

"Er wird eine Weile hierbleiben." Jetzt wäre ich ihm fast ins Gesicht gesprungen.

"Kommt überhaupt nicht in Frage! Dieser Typ in meiner Wohnung?!"

"Ach, und wer will mich daran hindern? Du?" Das war der Tropfen, der das Faß endgültig zum Überlaufen brachte. Wütend fuhr ich in an.

"Ja, ganz genau! Das hier ist immer noch meine Wohnung!" Plötzlich hatte ich das Gefühl ein Ring aus Eisen lege sich um meinen Hals. Verzweifelt versuchte ich Luft zu schnappen. Der Druck nahm weiter zu und ich sank keuchend in die Knie.

"Rociel-sama!" Katan war zu ihm gestürzt und hielt seine Arme fest. Sofort ließ der Druck etwas nach. Verdammt, wenn das so weitergeht bin ich morgen früh 'ne Leiche!

"Laß mich los!" Seine Stimme war zu einem drohenden Zischen geworden.

"Nicht solange du nicht versprichst sie in Ruhe zu lassen." Fast sofort verschwand der noch verbliebene Druck. Trotzdem blieb ich vorerst auf dem Boden sitzen und massierte mir den schmerzenden Hals.

"Ich warne dich Katan, das wird-" Das Klingeln des Telefons unterbrach ihn. Abwesend griff er nach dem Hörer und ließ Rociel dabei nicht aus den Augen.

"Deshon." Er klang verblüffend ruhig. Bei Rociel leuchtete so etwas wie ein Fragezeichen auf und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Wir sind schon vor einiger Zeit dazu übergegangen, das wir uns mit demselben Namen am Telefon melden und da er keinen Nachnamen hat (jedenfalls nicht, das ich wüßte) einigten wir uns auf meinen.

"Sekunde." Er reichte mir den Hörer.

"Frag nicht. Es klingt wichtig." Ich zuckte mit den Schultern und nahm den Hörer in Empfang.

"Ja?" Ein leises Schluchzen vom anderen Ende und danach Stille. Seufzend stand ich auf und beobachtete nebenbei Katan, wie er schon wieder auf Rociel einredete. Bin mal gespannt wie lange er braucht um ihn zu überzeugen, das mein Leben kostbar ist.

"Shao-san... es ist furchtbar." Vor lauter Schluchzen war ich mir nicht so ganz sicher, um wenn es sich handelte.

"Sara? Sara-chan?"

"Ja. Shao-san es ist etwas ganz furchtbares passiert!" Ich verdrehte die Augen. So schlimm wie sie tut konnte es gar nicht sein. Trotzdem versuchte ich ruhig und interessiert zu wirken.

"Was ist passiert Sara-chan?"

"Setsuna, er... er... er hat mich geküßt!" Na endlich, das wurde langsam ja auch mal Zeit. Lang genug gebraucht hat er allemal.

"Das ist ja klasse!" Ich hörte wie sie scharf die Luft einsog.

"Ist es nicht! Shao-san unsere Mutter hat es gesehen." Verdammt, das ist tatsächlich ein Problem. Ihre Mutter ist so gottverdammt konservativ.

"Wie hat sie reagiert?" Nervös lief ich hin und her.

"Sie hat ihn rausgeworfen. Shao-san ich habe Angst um ihn. Er ist bis jetzt noch nicht zurück gekommen und ich weiß nicht, wo er steckt." Sie klang absolut verzweifelt. Aber meine Rolle dabei ist mir immer noch nicht ganz klar.

"Shao-san, du hast mir einmal gesagt, wenn ich Hilfe bräuchte könnte ich auf dich zählen." Sie machte wieder eine Pause. Ich wußte worauf sie hinaus wollte. Sofort machte ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer und kramte meinen Lederoverall aus dem Schrank. Die Pistole schmiß ich achtlos aufs Bett.

"Würdest du ihn suchen gehen? Ich würde es selber probieren, aber meine Mutter hat mich eingeschlossen." Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wie kann man sich nur so aufführen?

"Geht klar Sara-chan." Endlich hatte ich den Overall in der Hand und machte mich nun auf die Suche nach den Stiefeln. Ich fand sie nicht, dafür aber die Handschuhe. Wie sind die bloß in die Kommode gekommen?

"Hast du 'ne Idee wo ich ihn finde oder abliefern könnte?" Sie lachte leicht. Indessen schlüpfte ich aus dem Bademantel und zwängte mich in den Overall.

"Ich danke dir. Warte... ich schätze Kira wäre eine Möglichkeit." Der Hörer klemmte zwischen meiner Schulter und dem Ohr, während ich meinen rechten Arm in einen Ärmel zwängte.

"Für das Erste oder Zweite?" Zwischenzeitlich wechselte der Hörer die Seiten und ich bekam auch meinen linken Arm durch die Öffnung.

"Das Zweite. Tut mir leid Shao-san ich muß Schluß machen. Meine Mutter kommt." Ich war gerade dabei den Reißverschluß zu schließen und stoppte mitten in der Bewegung.

"OK. Mach dir keine Sorgen ich finde ihn."

"Danke." Danach war sie weg. Ich schmiß das Telefon neben die Pistole und machte mich auf die Suche nach dem Helm. Diese Mutter ist wirklich das Letzte! Wo habe ich dieses Ding nur hingepackt?

"Katan! Ich muß weg! Wo ist der Helm?" Ich lag schon halb unter dem Bett und hatte dort auch schon die Stiefel gefunden, als ich seine Füße in der Tür erkannte.

"Oben links im Schrank. Was ist eigentlich passiert?" Scheiße! Beim Zurückkriechen hätte ich mir den Kopf gestoßen. Fluchend kam ich unter dem Bett hervor und machte den Schrank auf.

"Setsuna ist zu Hause rausgeflogen und Sara macht sich Sorgen um ihn." Klasse, da liegt er ja. Sein tiefes Schwarz glänzte matt in der Dunkelheit und direkt daneben lag Katans Helm, der dunkelblau schimmerte. Schnell schlüpfte ich in die Stiefel und Handschuhe, bevor ich ihm die Sache weiter erklärte.

"Rat mal, wenn ich suchen gehe." Ich schnappte mir beide Helme und rauschte an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

"Ne-chan warte!" Entnervt drehte ich mich um. Mit einer flachen Handbewegung warf er mir ein Schlüsselbund zu.

"Thanks, fast vergessen. " Amüsiert schüttelte er den Kopf.

"Ach so, und wenn ich zurückkomme werden wir diese Sache hier klären! Glaub nicht, daß ich das vergesse!" Sein Lächeln verschwand, aber er nickte. Ich legte einen Zahn zu und war schon fast am Aufzug, als ich Rociel bemerkte, der breit grinsend zwischen mir und dem Aufzug stand.

"Willst du wirklich so gehen?" Das er seine Arme dabei um mich legte paßte mir ganz und gar nicht. Wütend schüttelte ich sie ab.

"Allerdings!" Sein Grinsen verstärkte sich noch weiter und ehe ich es verhindern konnte küßte er mich und seine Hände lagen unter meinem Overall. Mit aller Kraft stieß ich ihn weg.

"Was zum Teufel soll das?" Vorsichtshalber zog ich mich zur gegenüberliegenden Wand zurück. Der Kerl macht mich entschieden zu nervös.

"Ich schätze, ich weiß jetzt, was ich mit dir anfangen werde." Sein Lächeln wirkte sehr eindeutig und ich wußte sofort, was er meinte. Ich machte, das ich an ihm vorbei kam und drückte auf den Knopf.

"Niemals!" Ich zog den Reißverschluß zu und verschwand im Aufzug. Aufatmend lehnte ich mich gegen die Rückwand, als die Türen sich geschlossen hatten. Was für ein Tag und er ist noch lange nicht vorbei. Mit einem leisen Zischen öffneten sich die Fahrstuhltüren. Ich knipste das Licht in der Garage an und machte mich auf den Weg zur Harley. Der Chrom blitzte geheimnisvoll im Schatten auf. Ein Glück, das Toshi immer dafür sorgt, das der Tank voll ist. Seufzend setzte ich den Helm auf. Was bin ich froh, das die Hochsteckfrisur immer noch hält. Maria ist echt ein Schatz. Den anderen Helm deponierte ich unter dem Sitz und warf die Maschine an. Der Motor schnurrte wie ein ausgewachsener Tiger, aber es gibt keine Maschine die harmonischer läuft. Mit leuchtenden Scheinwerfern fuhr ich aus der Garage in die Richtung, wo die Wohnung von Sara und Setsuna lag. Den ganzen Weg über grübelte ich darüber nach wie ich es schaffen sollte Setsuna in dieser riesen Stadt zu finden. Doch ich hatte Glück er saß kaum einen Häuserblock von seiner Wohnung entfernt auf dem Bordstein unter einer Straßenlaterne. Die Knie angezogen, die Arme darüber verschränkt und den Kopf dazwischen verborgen. Mit leicht quietschenden Bremsen hielt ich genau neben ihm.

"Setsuna?" Er hob noch nicht mal den Blick. Na gut, dann eben anders. Ich stellte den Motor ab und ließ die Harley am Bordstein stehen. Vorsichtig ging ich auf ihn zu. Mit einer Hand schob ich das Visier hoch.

"Hey, Setsuna! Ich bin hier um dich einzusammeln." Irritiert hob er den Blick und sah mich an. Er hat geweint, das kann man deutlich sehen. Vorsichtig kniete ich mich neben ihn.

"Sara hat mich angerufen und mir alles erzählt. Komm, ich fahr dich zu Kira." Ohne auf seine Reaktion zu warten klopfte ich ihm kurz auf die Schulter und stand wieder auf.

"Shao-san glaubst du, das ich verflucht bin?" Häh, wie kommt er denn jetzt darauf. Ich nahm den Helm ab und richtete meinen Blick in die Ferne.

"Ich meine könnte Gott wollen, das ich leide?" Die Bitterkeit seiner Stimme war nicht zu überhören.

"Nein, ganz sicher nicht. Erinnerst du dich daran, das habe ich dir schon mal gesagt." Ein bitteres Lachen löste sich aus seiner Kehle. Ich legte den Helm über den Lenker und kehrte wieder zu ihm zurück.

"Warum habe ich dann solche Schmerzen?" Der Junge ist wirklich verzweifelt. Seufzend ließ ich mich neben ihn sinken.

"Weil du verliebt bist. Das ist alles." Er sah mich an, als hätte ich gerade meinen Verstand verloren.

"Hör zu, ich will jetzt nicht hören was irgend jemand anderes dazu meint. Es ist egal, wichtig ist nur, das ihr euch liebt. Weißt du irgendwo steht geschrieben, einen Menschen zu lieben bedeutet das Antlitz Gottes sehen." Mit einer Hand fuhr ich mir durch die Haare. Wieso erzähle ich ihm das? Er lehnte seinen Kopf an meine Schulter und schloß die Augen.

"Ich danke dir Shao-san. Für alles, was du für uns getan hast." Sanft legte ich meine Arme um ihn und hielte ihn so einen Augenblick lang fest. Ein stilles Einverständnis zwischen uns, das wir für den Anderen einstehen würden, egal was auch passiert.

"Ist schon okay. Mach ich doch gern." Ich hauchte einen Kuß auf seine Stirn und stand langsam auf. Er kann einem wirklich leid tun. Der einzige Fehler, den er gemacht hat war sich in die falsche Person zu verlieben. Wenn das überhaupt ein Fehler ist. Wann bin ich eigentlich das letzte Mal verliebt gewesen? Ist das schon so lange her, das ich mich nicht mal mehr daran erinnern kann?

"Komm, es ist schon spät und ich habe keine Lust Kira aus dem Bett zu klingeln." Aber der Gedanke an Kira in einem Pyjama brachte mich unwillkürlich zum Lächeln. Mit etwas Protest erhob er sich und wischte sich noch einmal über die Augen. In ein paar Minuten würden jegliche Spüren seiner Tränen nicht mehr zu sehen sein. Ich schmiß ihm Katans Helm rüber und er setzte ihn folgsam auf, während ich die Maschine anwarf und ebenfalls unter meinem Helm verschwand. Shit, er hat noch nicht mal eine Jacke an. Das wird für ihn verdammt kalt werden, aber daran kann ich nichts ändern. Kaum saß er hinter mir und hielt sich fest fuhr ich auch schon an. Die Fahrt verlief ohne weiter Probleme und in Kiras Haus brannte sogar noch Licht. Ich parkte die Harley in der Einfahrt und verstaute beide Helm unter dem Sitz bevor ich Setsuna zur Haustür folgte. Er grinste mich breit an und drückte auf den Klingelknopf. Keine Spur davon, das er friert oder ihm sonst wie kalt ist. Warum mache ich mir überhaupt Sorgen um den Kerl? Er überrascht mich doch immer wieder. Es dauerte etwas bis die Haustür aufging und uns ein etwas zerwuselter Kira völlig fassungslos anstarrte. Er trug zwar keinen Pyjama, aber es sah trotzdem so aus, als hätten wir ihn geweckt. Sein helles Shirt war völlig zerknittert und seine Haare sahen auch nicht gerade besser aus.

"Was macht ihr denn hier? Wißt ihr wie spät es ist?" Ich nickte kurz und schob Setsuna an ihm vorbei in den Hausflur. Perplex blieb er in der Tür stehen bevor ihm einfiel, das er diese vielleicht wieder schließen sollte. Setsuna ließ sich auf die Treppe fallen und ich lehnte mich gegen die nächstbeste Wand.

"Es muß was ernstes passiert sein. Kommt mit in die Küche ich mach uns einen Tee. Ihr habt echt Glück, das mein Vater gerade nicht da ist." Damit habe ich fest gerechnet. Sein Vater ist ein richtiger Workaholic und in den seltensten Fällen zu einer normalen Uhrzeit zu Hause. Folgsam trotteten wir hinter im her und nahmen um den Küchentisch herum Platz. Ich drehte meinen Stuhl um und setzte mich rittlings auf ihn. Was mir einen nicht mißzuverstehenden Blick von Kira einbrachte. Setsuna schien es gar nicht zu bemerken er hing seinen eigenen Gedanken nach.

"Kira, wenn es dir nichts ausmacht hätte ich lieber ein Gin Tonic. Mehr Gin als Tonic bitte." Verblüfft sah er mich an und unterbrach für einen Moment das Herumhantieren. Auch Setsuna hatte den Blick gehoben.

"Guckt nicht so, ich hatte einen verdammt beschissenen Tag!" Kira pfiff leicht durch die Zähne, aber er stellte mir den Drink ohne weitere Fragen vor die Nase. Mit einen Zug kippte ich das halbe Glas hinunter. Das Zeug brannte sich durch sämtliche Eingeweide, aber es tat gut. Kira hatte sich inzwischen neben uns gesetzt. Die Teetassen dampften auf dem Tisch.

"Raus mit der Sprache, was ist passiert?" Fragend sah er mich an. Ich stieß Setsuna an.

"Ich äh... weißt du..." Er brach ab. Verdammt noch mal Junge ich will heute noch nach Hause. Er reagierte nicht weiter sondern nippte an seinem Tee, bis er ihn schließlich fast in einem Zug austrank. Kira wirkte völlig neutral und wartet darauf, das Setsuna fort fuhr. Mit einem Seufzen trank ich den letzten Rest des Gin Tonics und fixierte Setsuna, der auf einmal schwankte, bevor er auf den Boden sackte. Irritiert sah ich Kira an.

"Es ist nur Schlafpulver. Es ist besser für ihn wenn er schläft. Warte einen Augenblick ich bring ihn ins Bett." Bevor ich noch etwas erwidern konnte hatte er Setsuna hoch gehoben und war verschwunden. Der Knabe ist doch gerissener als ich dachte. Packt einfach was in Setsunas Tee und ich habe es noch nicht mal bemerkt. Vorsichtshalber rührte ich meine Tasse nicht an. Kurze Zeit später hörte ich seine Schritte auf dem Flur, kurz bevor er wieder in der Küche auftauchte.

"Ist der Tee nicht in Ordnung?" Ich warf ihm einen Blick zu, der sagte, was ich dachte und er wurde leicht verlegen.

"Mißtrauisch hmm? Keine Sorge unsere Tassen sind sauber."

"Du verstehst, das ich trotzdem auf Nummer sicher gehe und nichts davon trinke." Lächelnd sah ich ihn an und er nickte.

"Du mußt wirklich einen anstrengenden Tag gehabt haben, wenn du meinst ich hätte es nötig zu solchen Mittel zu greifen, um dich-"

"Vergiß es! Ich bin momentan einfach nicht in der Stimmung für solche Scherze." Sein Blick wirkte leicht enttäuscht. Was mich zum Lächeln brachte. Er ist doch unverbesserlich.

"Wir sind gute Freunde. Lassen wir es dabei." Seufzend verschränkte ich die Arme über der Stuhllehne und ließ mein Kinn darauf sinken. Warum muß das auch alles unbedingt heute passieren? Normalerweise hätte ich sein Angebot mit anderen Augen betrachtet, aber momentan geht mir einfach alles gegen den Strich.

"Also, was ist passiert?" Entspannt lehnte er sich gegen den Tisch und steckte sich eine Zigarette an. Aus reiner Gewohnheit nahm ich ihm die Schachtel aus der Hand und zog ebenfalls ein Stäbchen heraus. Er hob eine Augenbraue leicht an, als ich die Zigarette anzündete und den Rauch in Kringeln wieder ausatmete. Stimmt ja, er sieht mich zum ersten Mal rauchen. Ich nahm noch einen Zug und genoß das leichte Prickeln im Hals, bevor ich ihm antwortete.

"Er hat Sara geküßt und seine Mutter kam natürlich genau in diesem Augenblick rein. Sie hat ihn rausgeworfen und Sara bat mich ihn zu suchen." Kiras Blick glitt in Richtung Treppe. Sein Blick verriet so etwas wie tiefe Besorgnis.

"Ich dachte mir schon so etwas. Aber eigentlich wollte ich wissen, was dir passiert ist." Verwundert sah ich ihn an. Sein Blick fixierte mich aufmerksam und ich wußte, das jegliche Ausflüchte sinnlos waren. Er besitzt denselben Dickschädel wie ich. (Was übrigens auch einer der Gründe ist, warum wir uns so gut verstehen.)

"Vertrau mir, das willst du gar nicht wissen. Es ist ohnehin total absurd." Ich widmete mich wieder der Zigarette. Leicht lachend drückte er seine Zigarette aus und ging neben meinem Stuhl in die Hocke. Seine Hand fuhr zärtlich durch meine Haare und zwang mich dennoch ihn anzusehen.

"Warum habe ich erwartet, das du mir auch nur ein einziges Mal eine klare Antwort geben würdest?" Sein Blick verriet wie tief unserer Freundschaft war und das er meine Antwort akzeptierte, auch wenn es ihm nicht paßte. Ich nahm noch einen letzten Zug und schnippte die Zigarette in die Spüle. Langsam stand ich auf, wobei seine Hand langsam aus meinen Haaren glitt.

"Jeder von uns hat sein kleines Geheimnis und das ist gut so." Mein Blick lag nun auf der Treppe. Irgendwo dort oben schläft Setsuna jetzt den Schlaf des Gerechten und sammelt seine Kräfte für den nächsten Tag. Was wird er wohl für ihn bringen? Ich beneide ihn. Sobald ich nach Hause komme muß ich mich wieder mit diesem Engelsproblem rumschlagen. Allein der Gedanke verursacht bei mir ein Stimmungstief. Ich spürte zwei Hände auf meinen Schultern und drehte mich überrascht um.

"Mach dir keinen Sorgen. Ich werde auf ihn aufpassen." In seiner Stimme schwang so etwas wie Melancholie mit, aber ich verkniff es mir ihn danach zu fragen. Auch er hat sein kleines Geheimnis, das ist deutlich in seinen Augen zu sehen. Er bemerkte meinen Blick und lächelte sanft.

"Du weißt, auch ich werde nichts sagen." Ich nickte und er fuhr fort.

"Eines Tages vielleicht können wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen. Doch noch ist es zu früh." Sein Blick wurde total abwesend und ich begann mich zu fragen woran er dabei dachte. Sanft legte ich eine Hand auf seine.

"Ja, vielleicht... eines Tages..." Er griff nach meiner Hand und drückte sie. Was ist das, was ich da spüre? Der Anflug eines schlechten Gewissens? Klar, ich weiß, das ich gelogen habe. Mein Geheimnis wird er nie erfahren, aber seit wann fange ich an das zu bereuen? Ich löste mich von ihm.

"Sorry, aber ich muß los!" Etwas irritiert sah er mich an, doch dann lächelt er wieder.

"Was ist los Kira-chan?" Jetzt brach er in schallendes Gelächter aus. Perplex sah ich ihn an.

"Genau das hat gefehlt! Deshalb wußte ich auch, das etwas nicht stimmen konnte." Ach, jetzt fällt bei mir der Groschen. Seit unserer Ankunft hatte ich ihn nicht mit Kira-chan angeredet. Dabei ist das zumindest einmal Pflicht. Kein Wunder, das er mißtrauisch wurde.

"Erwischt." Auch ich lachte und ging zur Haustür. Meine Hand lag schon auf der Klinge, als er mich zurückhielt.

"Was auch immer passiert, wir bleiben Freunde oder?" Ich versteifte mich. Ahnt er etwas oder meint er damit sein Geheimnis? Ich begegnete einem Blick, der mich irritierte. Warum ist er auf einmal so ernst? Eine dunkle Vorahnung?

"Ja, wir bleiben Freunde, egal was passiert." Mir war nicht wohl dabei, als ich durch die Tür hinaus in die Dunkelheit trat. Etwas sagte mir, das von irgendwoher Gefahr drohte. Aus reiner Gewohnheit drehte ich mich noch einmal um. Kira stand immer noch in der geöffneten Tür und das Licht, das im Inneren brannte hüllte ihn ein wie ein Mantel. Langsam ging ich weiter und spürte seinen Blick auf meinem Rücken. Ja, gar kein Zweifel er merkte es also auch. Mechanisch griff ich nach dem Helm und warf ich die Maschine an. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich aus der Einfahrt fuhr. Los geht's auf zum Nächstem. Beim Vorbeifahren winkte ich Kira noch mal zu und bog um die nächste Ecke. Jetzt in der Stille der Nacht verstärkte sich das Gefühl noch weiter. Irgend etwas ist ganz und gar nicht in Ordnung. Etwas ist in Bewegung geraten und Rociels Auftauchen hängt damit zusammen. Verdammt und er ist mit Katan allein! Ich zog die Maschine hoch und hoffte nur, das mir nicht ausgerechnet jetzt eine Streife begegnen würde. Mein Gefühl sagt mir, das ich so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren muß. Die Gefahr ist fast greifbar und dennoch hielt sie sich verborgen. Nur weshalb jetzt? Warum habe ich gerade jetzt diese dunkle Ahnung? Endlich tauchten die Lichter des Hotels vor mir auf. Erleichtert fuhr ich in die Tiefgarage und stellte die Maschine ab. Gleich werde ich in mein Bett fallen und für ein paar Stunden würden mich keine Gedanken an Engel mehr stören. Katan wartet bestimmt schon auf mich und Cee wird außer sich sein vor Freude. Cee! Scheiße, ich habe ihn den ganzen Abend noch nicht gesehen! Verdammt, warum ist mir das nicht gleich aufgefallen? Ich hatte doch extra Toshi darum gebeten ihn abzuholen. Mist! So schnell ich konnte rannte ich zum Aufzug. Die Fahrt nach oben schien ewig zu dauern. Hoffentlich ist Cee nichts passiert. Endlich gingen die Türen auf und ich trat in das warme Licht meiner Wohnung. Katan ist also noch wach. Doch wo ist Rociel? Nervös sah ich mich um. Nichts! Absolut nichts!

"Katan?" So leise wie möglich legte ich den Helm auf der Kommode neben der Orchidee ab. Immer noch keine Antwort. Langsam ging ich durch die Wohnung und fand ihn schließlich tief in Gedanken versunken am Fenster des Wohnzimmers gelehnt. Sein Blick richtete sich auf irgend etwas in der Ferne. Vorsichtig legte ich eine Hand auf seine Schulter und er zuckte zusammen.

"Ach, du bist es." In seinem Blick ist Furcht gewesen. Besorgt sah ich ihn an.

"Warum bist du so nervös?" Er schüttelte den Kopf.

"Dann werde ich es dir sagen, es liegt an ihm!" Beschwörend legte er einen Finger an die Lippen, doch ich dachte gar nicht daran leise zu sein.

"Verdammt noch mal, er macht dir Angst!" Sein Blick flackerte kurz, aber er reagierte nicht weiter. Seufzend fügte ich mich. Er wird sich vorerst nicht zu diesem Thema äußern und mir geht es ohnehin auf die Nerven.

"Gut, dann eben nicht. Weißt du eigentlich wo Cee steckt?"

"Ich habe ihn ins Gästezimmer gesperrt."

"Du hast WAS?!" Das ist ja wohl der Gipfel! Nicht genug damit, das er hier einen Engel anschleppt, nein er sperrt auch noch Cee ein. Hat er denn überhaupt keine Ahnung was alles hätte passieren können? Cee hat genau dieselbe Abneigung gegen das Eingesperrtsein wie ich. Wütend machte ich mich auf den Weg zum Gästezimmer und hörte schon vom Weitem aufgeregtes Kläffen.

"Ganz ruhig mein Kleiner. Ich bin ja wieder da." Das Kläffen verstummte und ich öffnete die Tür. Sofort stürmte ein kleines Fellknäuel auf mich zu und hüpfte freudig um meine Beine herum. Lachend hob ich ihn hoch.

"Na, hast du mich vermißt?" Ein freudiges Bellen kam zur Antwort und im nächsten Moment schleckte er meine Wange ab.

"Das reicht als Antwort. Jetzt aber los! Tob dich aus! Ich muß noch ein Wörtchen mit Katan reden." Ich setzte ihn wieder auf dem Boden ab und sofort stürmte er auf Katan zu. Langsam folgte ich ihm. Schon erstaunlich, das er Katan nicht mißtraut. Von Anfang an haben die Beiden sich verstanden. Ob er damals schon wußte, das Katan ein Engel ist? Ich werde es wohl nie erfahren...

Die Beiden hatten es sich auf dem Sofa bequem gemacht und Cee schien ihm absolut nichts nachzutragen. Ich ließ mich neben sie fallen.

"Okay, was war der Grund?" Wieder wich er meinem Blick aus. Es ist doch zum Verzweifeln.

"Rociel?" Bei der Erwähnung dieses Namens sträubten sich Cees Nackenhaare. Verdutzt sah ich Katan an. Redet er jetzt doch?

"Cee hat versucht ihn anzugreifen." Ich brach in schallendes Gelächter aus.

"Das hast du gut gemacht mein Kleiner!" Sanft kraulte ich ihn hinter den Ohren. Er gab ein zufriedenes Brummen von sich und hüpfte auf meinen Schoß.

"Das hat er nicht! Rociel hätte ihn getötet, wenn ich nicht schneller gewesen wäre!" Seine Stimme schwang vor Zorn und Hilflosigkeit. Gelassen legte ich die Füße auf den Tisch und verschränkte meine Arme hinter dem Kopf. Selbst Rociel würde Cee nicht töten können. Er ist ein Wesen der Unterwelt und aus irgend einem Grund unsterblich. Allerdings kann er Schmerz empfinden und diejenigen, die ihn verletzen überleben es in den seltensten Fällen.

"Ach, jetzt verstehe ich."

"Ne-chan, versprich mir in seiner Gegenwart vorsichtig zu sein. Er hat mir zwar versprochen dir nichts zu tun, aber er ist unberechenbar." Irritiert löste ich mich aus meiner Position. Täusche ich mich oder weint er?

"Mach dir um mich keine Sorgen. Für ein paar Tage wird es schon gehen. Morgen bin ich ohnehin nicht da. Wir fangen ja mit dem Dreh an. Hey, Cee und du läßt Rociel in Ruhe!" Er bellte, als wollte er sagen, das er mich verstanden hatte. Erleichtert nickte Katan und vermied es weiterhin mich direkt anzusehen.

"So, und jetzt schlafe ich 'ne Runde. Morgen früh sieht die Sache schon anders aus." Meine plötzliche gute Laune schien ihn zu irritieren. Dabei bin ich nur froh, das Rociel nicht zu meinen Verfolgern zählt. Es sollte kein Problem darstellen ihm eine Weile lang aus dem Weg zu gehen.

"Ich danke dir Ne-chan." Aufmunternd klopfte ich ihm auf die Schulter und visierte das Schlafzimmer an. Ohne Licht zu machen schlüpfte ich aus dem Overall und unter die Decken. Was für ein Tag...

Eine Hand fuhr zärtlich an meinem Rücken entlang und sofort saß ich wieder aufrecht im Bett. Das kann doch unmöglich sein! Ein kurzes Handeklatschen und schon war der Raum in ein angenehmes, bläuliches Licht gehüllt. Entsetzt stellte ich fest, das neben mir Rociel lag, der auch nicht gerade weiter begleitet als ich war. Ohne ein Geräusch zu verursachen schlich ich zum Schrank, streifte eines meiner seidenen Nachthemden über und zog mich mit einer dicken Wolldecke zurück ins Wohnzimmer. Das Licht verlosch noch bevor ich die Tür geschlossen hatte. Dieser Kerl ist unmöglich!

"Ich hätte es dir sagen sollen." Seine Stimme klang unsicher. Energisch schüttelte ich den Kopf.

"Daran ist jetzt ohnehin nichts mehr zu ändern. Das Sofa ist auch bequem. Komm Cee." Der Kleine war völlig aus dem Häuschen und rollte sich zu meinen Füßen zusammen. Es kommt nicht mehr oft vor, das wir zusammen in einem Bett übernachteten. (Schließlich ist er ein ordentlich erzogener Hund.) Kaum hatte ich die Augen geschlossen spürte ich eine Hand auf meiner Stirn.

"Paß auf dich auf."

"Nur keine Sorge. Mir passiert schon nichts. Schließlich habe ich zwei starke Beschützer." Ob er noch etwas sagte konnte ich nicht mehr verstehen. Der Schlaf übermannte mich und ich sank hinab in die Dunkelheit.

 

Es war dunkel, doch das Dunkel war nicht schwarz, sondern blutrot. Ängstlich schaue ich mich um. Sie jagen mich...

 

Ohne auf den Boden zu achten renne ich immer weiter. Ihre Stimmen sind ein unheilvolles Wispern, das meinen Herzschlag noch beschleunigt.

 

Vor meinen Füßen erscheint ein Abgrund. Ich sitze in der Falle.

 

Meine Verfolger haben mich eingeholt. Ich spüre ihren Atem in meinem Nacken, doch ich sehe sie nicht.

 

Sie umkreisen mich. Verzweifelt suche ich nach einem Fluchtweg. Eingekesselt!

 

Sie haben mich!

 

Unsichtbare Hände greifen nach mir. Vergeblich versuche ich sie ab zu wehren. Sie zerreißen meine Kleidung und werfen mich zu Boden.

 

Plötzlich sind sie überall auf meinem Körper. Ich höre ihr Lachen und versuche immer noch zu entkommen, doch sie halten mich eisern fest.

 

Ihre Hände wandern auf meinem schutzlosen Beinen hin und her.

 

Ein Schrei des Entsetzens hallt durch das Tal...

Zitternd sitze ich aufrecht auf dem Sofa. Der Schrei gellt immer noch in meinen Ohren nach. Was ist das gewesen? Ein Einblick in meine Vergangenheit? Verwirrt wische ich mir die Haare aus dem Gesicht. Verdammt ich bin total durchgeschwitzt. Zwei klare Augen fixieren mich in der Dunkelheit und sie beruhigen mich. Es ist nur ein Traum gewesen...

Plötzlich legen sich zwei Arme um mich. Ich schreie auf.

"Pst! Ne-chan du hast wieder im Schlaf geschrien. Was hast du?" Völlig aufgelöst erkannte ich Katans Gesicht im Halbdunkel.

"Es war wieder einer dieser Träume nicht wahr?" Meine Stimme versagte ihren Dienst, so das ich nur nicken konnte. Beruhigend strich er mir über den Kopf.

"Beruhige dich. Ich bin ja bei dir." Ich ließ mich an seine Brust sinken und atmete seine Nähe ein. Ohne es zu wollen brach ich in Tränen aus.

"Ist es dieses Mal so schlimm gewesen?" Seine Stimme war ganz sanft und beruhigte mich langsam wieder.

"Ja, es geht wieder los." Nervös krampfte ich meine Hände zusammen. Seine Hände umschlossen sie ohne mich loszulassen.

"Mach dir keine Sorgen. Es geht wieder vorbei. Ist es denn schon wieder soweit?" Seine Frage hatte ihre Berechtigung. Normaler weise fangen diese Träume erst zu einer bestimmten Jahreszeit an und bis dahin sind es immerhin noch zwei Monate. Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, aber etwas stimmt nicht. Es ist, als könnte ich eine dunkle Bedrohung spüren ohne sie fassen zu können." Er hatte mir ruhig zugehört und mich sanft hin und her bewegt. Deshalb kostete es mich wohl so viel Überwindung weiterzusprechen. Doch ich weiß, das ich ihm vertrauen kann. Er wird schweigen.

"Ich habe Angst. Schreckliche Angst!" Flehend sah ich ihn an. Für einen kurzen Moment stutzte er, doch dann lächelte er mich an.

"Egal, was auch passiert. Ich werde dich beschützen." Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ ich mich wieder gegen seine Brust sinken. Es tut so gut zu wissen, das man nicht mehr allein ist.

"Versprich mir, das du mich nicht verläßt. Ich könnte die Einsamkeit nicht mehr ertragen." Er antwortete nicht, sondern drückte mich nur fester an sich. Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen...

Ein angenehmer Duft von Frühling und Kaffee weckte mich. Etwas erstaunt darüber, das ich auf dem Sofa lag stand ich dennoch auf. Oh man, wie spät ist es eigentlich? Suchend sah ich mich nach Cee und Katan um, aber von Beiden fehlte jegliche Spur. Wie jeden Morgen warf ich als aller Erstes die Stereoanlage an und schon hallten die Klänge eines Gitarrensolos durch die Wohnung. Also dann, machen wir ein bißchen Frühsport! Fröhlich vor mich hinsummend ließ ich meine Bewegungen den Rhythmus der Musik übernehmen.

"...all I wanted was the peace of the night... ....it's a city of shadows it's a city of crime..." Klang es aus den Boxen und summte oder sang den Text ganz nach Lust und Laune zum Großteil mit. Nach zwei weiteren Songs hielt ich meine Pflicht für getan. Immer noch summend schlenderte ich ins Bad. Durch die Tür schlug mir eine Dampfwolke entgegen.

"Katan?" Keine Antwort. In diesem Nebel erkannte ich fast gar nichts, aber was macht das schon? Lächelnd ließ ich das Nachthemd und den Slip herunter gleiten und stellte mich unter die Dusche. Langsam zog ich die Nadeln aus der immer noch vorhanden Frisur und ließ danach das Wasser durch die gelösten Haare laufen. Durch das warme Wasser verstärkte sich der Dunst nur noch mehr, aber meine Laune konnte das nicht mehr mindern. Das Frühstück ist garantiert schon fertig. Ausgelassen fing ich an zu singen. Unter der Dusche sind mir bisher immer noch die besten Ideen für unsere Songs gekommen.

"Can't say I love you... ...can't you understand?... hmm... I'm a wild rose..."

Hey, das ist gut! Darüber muß ich unbedingt mit Shion reden. Er hat doch bestimmt noch ein paar Noten, die Text brauchen oder ihm fällt was passendes dazu ein. Nach einiger Zeit drehte ich das Wasser wieder ab und hüllte mich in ein Handtuch. Möchte wissen, ob ich an meine Klamotten ran komme. Nachdem ich meine Haare unter einen Handtuchturban verstaut hatte machte ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer. Super, keiner da! Völlig gelassen suchte ich mir die passende Unterwäsche für den Tag heraus und griff ich nach meinen Lieblingsklamotten, die aus einer zerrissenen Jeans und einer leicht fallenden Seidenbluse bestehen. Durch die immer noch nassen Haare wird die Bluse zwar leicht durchsichtig, aber was macht das schon? Gut gelaunt schwang ich die Küchentür auf.

"GUTEN MORGEN!" Mit einem lauten Klirren fiel ein Tablett auf den Boden und ich starrte einen völlig entgeisterten Katan an.

"Kann es sein, das du ein klein wenig schreckhaft bist?" Lächelnd half ich ihm die Scherben aufzuheben. Ein Glück, das die Kaffeekanne nicht dabei war.

"Ist mit dir alles in Ordnung?" Er nickte kurz und schmiß die letzten Scherben in den Mülleimer.

"Weißt du wo Rociel steckt?" Irritiert schüttelte ich den Kopf.

"Nope! Seit gestern Nacht nicht mehr gesehen." Er wirkte irgendwie erleichtert.

"Hey, mach dir nicht so viele Sorgen. Mit ihm werde ich schon fertig!" Verblüfft starrte er mich an und brach dann in schallendes Gelächter aus.

"Was ist daran bitte so lustig?"

"Nichts, nichts." Er lachte immer noch. Insgeheim freute ich mich, das er wieder lachte. Fast tat es mir leid, das Thema zu wechseln. Aber es ließ sich einfach nicht vermeiden.

"Wieviele Menschen sind gestern Nacht eigentlich gestorben?" Er erstarrte mitten in der Bewegung. Fassungslos ruhte sein Blick auf mir.

"Sagst du es mir oder muß ich aus der Zeitung erfahren?" Langsam näherte er sich dem Tisch und hob die Zeitung hoch.

"Nein, das mußt du nicht, aber ich wünschte, du hättest mich nicht gefragt." Er litt darunter, das konnte man deutlich sehen.

"Wieviele?" Nervös drehte er die Zeitung zusammen.

"Ich weiß es nicht. Es lief alles ganz anders als geplant." Völlig verstört ließ ich mich auf einen Stuhl fallen.

"Was soll das heißen, es lief anders als geplant?" Er vermied den Blickkontakt mit mir.

"Die Opfer sollten minimal bleiben, aber irgend etwas ist schiefgegangen." Mein Blick fiel auf die Schlagzeile des Tages, die allerdings nur zur Hälfte sichtbar war:

 

'Erdbeben versetzt Stadt in Panik... 1.000 Tote...'

Mir verschlug es den Atem. So viele also...

"Verdammt, ich wünschte, du hättest nie etwas davon erfahren!" Wütend ließ er die Zeitung auf die Tischplatte sausen. Aus einer Ecke drang ein unzufriedenes Knurren zu mir herüber.

"Cee! Oh, tut mir leid mein Schatz, ich habe dich noch gar nicht begrüßt." Sofort stand ich auf und holte die Schachtel mit den Hundekuchen aus dem Schrank. Fast augenblicklich hüpfte ein völlig aus dem Häuschen geratener Hund um meine Füße herum. Ich ließ fünf Stück in meine Hand fallen und stellte die Schachtel wieder zurück.

"Ist ja gut. Hier hast du sie." Lachend sah ich zu, wie er sie fröhlich mit dem Schwanz wedelnd verspeiste.

"Es waren an die 1.500 Opfer."

"WAS?!" Schlagartig stand ich und versuchte meine Fassung wiederzugewinnen. Flehend sah er mich an.

"Wie konntest du nur?! Wie konntest du nur so viele Unschuldige opfern?" Noch dazu für einen Engel, aber das sagte ich ihm nicht. Ich wußte, das es ohnehin schon schwer genug für ihn war mir überhaupt etwas darüber zu erzählen.

"Ich habe versucht das Risiko so gering wie möglich zu halten, aber..." Er brach ab und sah aus dem Fenster.

"Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, das jemand die Aktion sabotiert hat." Wie bitte?! Verblüfft folgte ich seinem Blick, der sich 'gen Himmel richtete.

"Wie hoch wäre die Zahl gewesen, wenn alles nach Plan gelaufen wäre?" Er seufzte und drehte sich wieder um. Derweil hatte ich schon längst einen Topf mit Wasser auf den Herd gesetzt und die Platte angemacht.

"Vielleicht zehn oder fünfzehn." Ich warf Cee einen Aha-Blick zu und begann im Kühlschrank zu kramen.

"Ne-chan, es tut mir leid! Es wäre besser gewesen, wenn wir uns nie kennengelernt hätten." Ohne mit der Wühlerei aufzuhören antwortete ich ihm. Wo ist eigentlich die Paprika abgeblieben?

"Vergiß es, vorbei ist vorbei. Du kannst es nicht mehr ungeschehen machen. Außerdem würde mir etwas fehlen, wenn du nicht mehr da wärst." Vollgepackt mit Gemüse, einigen Eiern und dem letzten Rest Tiefkühllachs schlug ich die Kühlschranktür wieder zu.

"So, und jetzt mach ich uns ein gescheites Frühstück!" Sein Blick brachte mich wieder zum Lachen.

"Sieh mich nicht so ungläubig an. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, auch wenn sie erst ein paar Stunden her ist. Das Leben geht weiter und ich habe nicht vor mir es durch irgend etwas vermiesen zu lassen."

"Sie hat recht mit dem was sie sagt!" Völlig unbemerkt war Rociel in der Küche aufgetaucht.

"Anmerkung zum letzten Satz: Ausnahmen bestätigen die Regel." Ich segnete ihn mit einem eisigen Blick und machte mich daran das Gemüse klein zu schneiden. Auf eine weitere Auseinandersetzung mit diesem arroganten Engel kann ich gut und gerne verzichten. Möchte mal wissen, woher er die Klamotten hat. Soweit ich mich entsinne gehören enganliegende Lackhosen und weite Hemden nicht unbedingt zu der Auswahl unserer Kleiderschränke.

"Rociel-sama!" Das hört sich ja fast so an, als hätte er ihn vermißt. Cee stieß ein feindseliges Knurren aus und näherte sich Rociel.

"Was ist das denn?" Er gab sich größe Mühe mehr als nur beleidigend zu klingen.

"Ein Hund! An deiner Stelle würde ich ihn nicht reizen. Laß gut sein Cee." Knurrend zog er sich unter meinen Stuhl zurück und beobachtete Rociel weiterhin. Ich konzentrierte mich wieder auf das Gemüse. Die Vorstellung, hier keine Gurke kleinzuschnippeln, sondern etwas anderes sorgte bei mir für einen Heiterkeitsausbruch.

"Ich verstehe einfach nicht, das man morgens so gute Laune haben kann. Selbst ins Bad ist sie singend gekommen." Fast wäre mir das Messer ausgerutscht, aber ich beherrschte mich gerade noch.

"Soll das etwa heißen, das du mich beim Duschen beobachtet hast?" Ich zwang mich ruhig zubleiben und hackte weiter das Gemüse klein. Allerdings bekam das Brett merklich tiefere Furchen.

"Was kann ich dafür, das du ins Bad kommst und mich nicht bemerkst?" Jetzt reichst! Ich rammte das Messer mit Schwung in das Brett und funkelte ihn an.

"Du hättest dich ja auch bemerkbar machen können!" Er warf mir ein zufriedenes Lächeln zu.

"Wieso? Mir hat der Ausblick gefallen." Ruhig Blut, der will dich nur provozieren. Laß dich einfach nicht darauf ein. Vorsichtig ließ ich das klein geschnittene Gemüse in das inzwischen kochende Wasser gleiten und würzte das Ganze.

"Sieh an, heute ist die Dame sprachlos." Okay, das reicht endgültig. Wenn er es unbedingt so haben will, dann bitte sehr. Schließlich habe ich ihn nicht darum gebeten hier zu bleiben.

"Das liegt einzig an der Tatsache, das ich mir nicht diesen wunderschönen Tag vermiesen lassen will." Sorgfältig befreite ich den Lachs von seinen Gräten und legte ihn in eine Pfanne, die mit Öl getränkt war. Nach circa zwei Minuten begann das Ganze zu bruzeln. Im Hintergrund hörte ich, wie Katan den Tisch deckte. Seltsam, wieso verhält sich Rociel so ruhig? Allerdings brauchte ich meine gesamte Aufmerksamkeit für die Kocherei und so war es mir letztendlich egal. So, und jetzt noch ein Ei darüber. Perfekt! Mit etwas Schwung wendete ich den Inhalt der Pfanne in der Luft und fing ihn elegant wieder auf. Tja, Übung macht eben den Meister!

"Frühstück ist fertig!" Lachend drehte ich mich um und verteilte die Portionen auf den Tellern.

"DAS kann man Essen?" Jetzt werd hier mal nicht kleinlich! So schlecht koche ich ja auch nicht. Katans besorgten Blick quittierte ich mit einem Augenzwinkern. Heute werde ich mir durch nichts den Tag vermiesen lassen.

"Wenn du etwas anderes wünscht Rociel-sama." Katan war schon fast aufgestanden, als ich ihm an Ärmel zurück hielt.

"Das wäre ja noch schöner! Bleib gefälligst sitzen! Wenn ihm das Essen nicht paßt, dann soll er sich selbst etwas machen!" Außer einem drohenden Blick gab es allerdings keine weitere Reaktion und so machte ich mich mit Heißhunger über meine Portion her. Der Kaffee ist wie immer klasse. Zufrieden lehnte ich mich zurück bis ein Blick auf die Uhr mich hochfahren ließ. Verdammt, es ist schon zehn und wir wollen doch gegen zwölf mit dem Dreh anfangen! Ich ließ alles stehen und liegen und stürmte aus der Küche. So schnell es ging raffte ich die Kostüme zusammen warf sie dann doch noch einmal über das Sofa, weil mir noch etwas eingefallen war.

"Katan, ich bringe Cee gleich zu Granny. Du mußt ihn nicht abholen, das mache ich, wenn ich wiederkomme!" Etwas irritiert kam er aus der Küche, dicht gefolgt von Cee.

"Du mußt schon weg?"

"Klar, was denkst du denn? Wir fangen um zwölf an." Ich flitzte zum Schrank und holte meine Jeansjacke heraus.

"Dann bringe ich Cee eben rüber. See you later!" Bevor ich reagieren konnte war er auch schon verschwunden. Meinetwegen.

"Wie es aussieht sind wir beide allein." Augenblicklich zuckte ich zusammen. Shit, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Er hatte mein Zögern bemerkt und lächelte vor sich hin.

"Keine Sorge, ich habe Katan versprochen dir nichts zu tun, aber eines wollen wir doch mal klar stellen. Ich könnte dich ohne weitere Probleme töten." Mit diesen Worten ließ er hinter mir eines der Kristallgläser zerbrechen. Meint er wirklich, das beeindruckt mich? Kalt lächelnd erwiderte ich seinen herausfordernden Blick.

"Nicht schlecht, aber das kann ich auch." Mißtrauisch hob er die Augenbrauen an.

"Wirklich?" Ein leichtes Lachen konnte ich mir nicht verkneifen.

"Paß auf!" Ohne große Mühe stimmte ich eine Tonleiter an, die auf einem hohen C endete. Ich hielt den letzten Ton eine ganze Weile und hörte das übrige Kristall zerbrechen. Jetzt muß ich mir zwar neue Gläser kaufen, aber das ist die Sache wert gewesen. Rociel war vollkommen sprachlos und bevor er seine Fassung wieder gewann, schnappte ich mir die Kleidersäcke und war auch schon auf dem Weg zum Studio. Ah, das hat gut getan! Der Tag ist gerettet!

Selbst der anstrengende Dreh konnte meine gute Laune nicht mindern. Gegen Ende des Tages waren wir allerdings alle reiflich fertig, aber wir mußten unbedingt noch einige Außenaufnahmen in den Kasten bekommen, also fuhren wir mit der gesamten Crew zum nächstbesten Park, den wir teilweise absperrten. Natürlich sorgte das für einiges an Aufmerksamkeit, aber mir fiel auf, das mich jemand mit einem besonders aufmerksamen Blick beobachtet. Allerdings konnte ich mich nicht weiter darum kümmern, da ich noch einen Job hatte. Endlich waren wir fertig und konnten zusammenpacken. In zwei Tagen würden mit den Einstellungen der Fechtszenen beginnen, bis dahin hatten wir Atempause. Gut gelaunt machte ich mich auf den Weg nach Hause. Was für ein Tag! Ausnahmsweise läuft mal alles glatt! Zufrieden drückte ich auf die Klingel von Grannys Apartment. Hoffentlich ist sie da. Ein leises Summen kündigte an, das ich die Tür öffnen konnte.

"Hi Granny ich bin's!" Vom Balkon wehte ein lauer Luftzug bis zu mir herüber, zusammen mit dem fröhlichen Bellen von Cee. Ich machte mich auf den Weg dorthin und fand Granny eingekuschelt in ihren Lieblingskimono auf der Terrasse sitzend.

"Shao-chan, wie schon." Ihre wachen Augen musterten mich fröhlich. Sie ist einer der wenigen Menschen, die mich mit -chan anreden. Die meisten Anderen verzichten darauf, oder kommen gar nicht erst auf diese Idee.

"Ich hoffe der Kleine hat dir auch noch etwas Ruhe gelassen." Sanft hauchte ich ihr einen Kuß auf die Wange und setzte mich auf einen Hocker, der ihr Gegenüber stand.

"Aber ja doch. Er war wie immer ganz lieb." Lächelnd beugte sie sich herunter um Cee an den Ohren zu kraulen, aber er sprang ihr direkt auf den Schoß und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Sie brach in schallendes Gelächter aus.

"Siehst du? Das macht er schon den ganzen Tag mit mir." Sanft strich sie über sein Fell.

"Die Blumen, die du mir geschickt hast sind übrigens wunderschön. Vielen Dank." Ich winkte ab.

"Keine Ursache, du hättest mal die Lobby sehen sollen."

"Ich weiß, Ryu hat mir davon erzählt." Zufrieden nickte sie vor sich hin. Man kann ihr ansehen wie stolz sie auf ihren Enkel war. Ich ließ dieses friedliche Bild auf mich wirken. Es ist einfach angenehm mit ihr zusammen zu sitzen, selbst wenn man schweigt.

"Du wirst doch auch auf ihn aufpassen Shao-chan?" Ihre Stimme klang etwas unsicher, aber ihr Blick war wie eh und je fest und klar. Kaum zu glauben, das sie bald neunzig werden sollte.

"Das weißt du doch. Oder kennen wir uns erst seit gestern?" Sie lachte hell auf.

"Nein, das ganz sicher nicht. Aber sieh dir doch den Unterschied an. Inzwischen bin ich eine alte Frau und du siehst immer noch genauso aus wie damals, als mein Großvater dich als eine meiner Tanten vorstellte." Ich zuckte kurz mit den Schultern. Wir kannten uns wirklich schon eine halbe Ewigkeit. Damals hatte mich Kazuhiro darum gebeten seiner Enkelin zu helfen, so gut es ging. Sie wollte unbedingt Malerin werden, aber ihre Eltern hatten da ganz andere Pläne. Für mich war es selbstverständlich alles zu tun, damit sie ihren Traum verwirklichen konnte. Daraus hat sich dann eine feste Freundschaft entwickelt und nachdem zehn Jahre vergangen waren, sagten wir ihr die Wahrheit, warum ich nicht alterte. Na ja, fast. Es war die Version, die auch schon Kazuhiro zu hören bekommen hatte. Das war an ihrem siebzehnten Geburtstag gewesen. Gott, ist das schon lange her! Sie schien zu wissen an was ich dachte und kicherte leise.

"Wie alt bist du eigentlich Shao-san?" Das ist eine verdammt gute Frage.

"Granny, ich habe absolut keine Ahnung." Ihr klares Lachen perlte mir entgegen. Sie genoß das Leben wie immer in vollen Zügen und ich könnte schwören, das sie immer noch zwei bis drei Liebhaber hat. Geheiratet hatte sie nach dem Tod ihrer großen Jugendliebe nie, aber das heißt ja nicht, das man damit auf alles andere verzichten muß. Sie wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

"Wirklich, du bist einfach erstaunlich. Hast du dich das nie gefragt?" Ich schüttelte den Kopf.

"Um ehrlich zu sein habe ich einfach aufgehört zu zählen. Das ist auf Dauer nämlich ganz schön mühselig." Wieder lachte sie.

"Vielleicht sollte ich das auch machen." Jetzt mußte auch ich lachen. Mit ihrer Konstitution wird sie garantiert 120.

"Jetzt aber mal etwas anderes. Gestern Nacht habe ich Schüsse aus deinem Apartment gehört. Ist alles bei euch in Ordnung?" Meine Stimmung verdüsterte sich wieder. Es gibt da ja noch diesen unerwünschten Mitbewohner.

"Ja, es war nur ein Zufall. Beim Säubern der Waffe hat sich ein Schuß gelöst." Erleichtert atmete sie auf.

"Da bin ich aber froh! Katan sah so bedrückt aus. Ich dachte es wäre etwas schlimmes passiert." Eine mittlere Katastrophe um genau zu sein, aber das sagte ich ihr nicht.

"Sorry, Granny aber ich muß los. Wir drehen unser neues Video und ich muß noch für ein paar Szenen proben." Ich stand auf und machte Cee ein Zeichen mir zu folgen.

"Das macht doch nichts. Ich kann kaum erwarten es zu sehen. Die Singel ist auf alle Fälle spitze." Lachend hinderte ich sie am Aufstehen.

"Du bist wie immer unser treuster Fan. Selbstverständlich wirst du es noch vor der offiziellen Veröffentlichung zu sehen bekommen." Sie gab mir einen Klaps auf den Rücken und ich verabschiedetet mich endgültig von ihr. Dicht gefolgt von Cee schlenderte ich zu meinem eigenen Apartment. Die Tür fiel mit einem leichten Knall hinter uns ins Schloß.

"So, da wären wir wieder mein Kleiner. Hast du Hunger? Also ich schon. Seit dem Frühstück ist noch nicht sonderlich viel in meinem Magen gelandet." Er bellte zustimmend, aber ich bin mir sicher, das Granny ihn nach Strich und Faden verwöhnt hat. Ein Glück, das sie nichts davon ahnt, das er immer noch derselbe Hund wie damals ist. Das wäre wirklich ein bißchen zu viel des Guten. Seine schwarzen Knopfaugen fixierten mich fragend.

"Ist ja schon gut. Ich mache dir kleinem Vielfraß auch was." Sofort rannte er fröhlich vor sich hin bellend in die Küche. Wirklich unglaublich, wie verfressen er manchmal sein kann. Obwohl in Anbetracht der momentanen Situation irgendwo verständlich. Man muß sich ja mit etwas ablenken. Mal sehen, was der Kühlschrank hergibt. Na toll, wer hat das Ding geplündert? Dann eben Tiefkühlkost. Gelassen schob ich eine Pizza in den Backofen und öffnete schon mal eine Dose Hundefutter für Cee. Allerdings verschmähte er vorerst sein Essen und setzte sich demonstrativ neben den Backofen.

"Okay, dann essen wir zusammen. Na los komm schon, die Pizza braucht noch was." Er flitzte durch die offene Tür und wartet auf mich im Wohnzimmer. Nachdem ich seinen Wassernapf aufgefüllt und mir eine Dose Cola geschnappt hatte folgte ich ihm. Die Türen zum Balkon standen sperrangelweit offen und ich trat hinaus. Der Sonnenuntergang würde garantiert nicht mehr lange auf sich warten lassen. Verwundert stellte ich fest, das Cee mir nicht gefolgt war. Noch bevor ich ihn rufen konnte, stellte ich den Grund dafür fest. Den Blick weit in die Ferne gerichtet stand am anderen Ende des Balkons Rociel. Er trug noch immer die Sachen von heute morgen. Das weite Hemd wehte im Wind. Noch hatte er mich nicht bemerkt und ich konnte ihn ungestört beobachten. Seltsam, er wirkt jetzt ganz anders. Es sieht fast so aus, als würde er leiden. Fragend betrachtete ich die Cola Dose in meiner Hand. Ach, was solls? Langsam näherte ich mich ihm.

"Rociel-chan, was ist los?" Er wirbelte herum und sein Blick wirkte nicht eben gerade freundlich. Noch bevor ich die Chance hatte zu reagieren hatte er mich halb über die Brüstung befördert.

"Hey, bist du wahnsinnig?!" Brachte ich keuchend hervor, da seine Hand meine Kehle umschloß. Etwas in seinem Blick änderte sich und er zog mich wieder zurück.

"Puh, fast hättest du mir Angst gemacht. Weißt du eigentlich, wie tief es da runter geht?" Er brach in schallendes Gelächter aus.

"Katan hat recht, du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mensch." Na, das will ich auch meinen. Endlich sieht er es ein. Zufrieden lächelte ich ihn an.

"Hast du was Anderes erwartet?" Er schüttelte belustigt den Kopf.

"Vielleicht. Ich sehe ein, das du es wert sein könntest uns nach Yetzirah zu begleiten." Davon träumst du!

"In die Hochburg der Engel?! Vergiß es! Für nichts auf der Welt würde ich freiwillig einen Fuß dort hinein setzen!" Völlig verblüfft starrte er mich an.

"Seltsam... eigentlich träumen doch alle Menschen davon wenigstens einmal und sei es nur ein noch so kurzer Blick, etwas davon zu sehen."

"Das mag sein, aber ich zähle nicht dazu! Die Chance, das ich den Himmel komme ist auch ohne deine Hilfe gleich Null! Es hat für mich keinerlei Reiz!"

"Du wirst uns dennoch begleiten." Seine Stimme wurde langsam drohend.

"Niemals! Nur über meine Leiche und selbst dann nicht!" Sein Blick verfinsterte sich zusehends, aber das kratzte mich herzlich wenig. Auf gar keinen Fall werde ich meine Meinung diesbezüglich ändern. Sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben? So verrückt bin selbst ich nicht.

"Ich schwöre, daß du uns begleiten wirst!" Ich konnte mir ein müdes Lächeln nicht mehr verkneifen.

"Man wird mich dort nicht haben wollen und ich lege absolut keinen Wert auf noch mehr Engel in meiner Umgebung!" Ohne weiter auf ihn zu achten trat ich den Rückweg in die Küche an. Klasse, die Pizza ist schon fertig. Zufrieden verspeiste ich sie und auch Cee machte sich über sein Futter her. Ehrlich, wie kommt der nur darauf, das ich ihn nach Yetzirah begleiten würde? Der Rest des Tages verlief mehr oder weniger in geordneten Bannen und auch der Rest der Woche verlief ohne nennenswerte Störung. Mal abgesehen davon, das Setsuna mit Sara durchgebrannt ist. Davon habe ich auch nur etwas erfahren, da der Vater von Kira mich anrief und mir mitteilte, das sein Sohn wegen Mordes im Gefängnis saß. Natürlich machte ich mich sofort auf den Weg dorthin, aber länger als fünf Minuten ließ man mich nicht mit ihm sprechen. Es reichte allerdings aus, um mich über die Flucht der Beiden zu informieren. Die Beamten ließen sich auch nicht dazu herab Kira auf Kaution freizulassen und so mußte ich wohl oder übel das Feld räumen. Die werden sich noch wundern! Der Polizeipräsident schuldet mir noch einen Gefallen. Auf dem Rückweg fing mich dann auch noch Mike ab und schleppte mich in ziemlich altes Theater mit der Erklärung, das wir dort unser nächstes Konzert geben würden und ich doch bitte mal die Akustik überprüfen sollte. So stand ich dann also völlig allein auf der Bühne. Es wäre auch zuviel verlangt irgend wem zu erklären, wie ich die Akustik prüfe, also sorgt Mike immer dafür, das ich völlig ungestört bin. Nicht eine Menschenseele befand sich mehr im Theater. Zufrieden ließ ich meine Stimme ohne Zurückhaltung in den Saal gleiten. Die einzigen Gelegenheiten, wo ich das tun kann, ohne Gefahr zu laufen, das meine Verfolger aufmerksam werden. Die Akustik ist einfach perfekt! Die Erbauer müssen sich das Ganze als Opernhaus gedacht haben. Nach fünf Minuten ließ ich mich wieder Draußen blicken und gab Mike mein Okay. Prompt erklärte er, das unser Konzert in einer Woche stattfinden würde. Ganz toll! Völlig frustriert kam ich wieder nach Hause und wäre am liebsten Rückwärts wieder zu Tür rausgegangen. Nicht genug damit, das ich überdeutlich die Aura eines weiteren Engels spüre. Nein, Rociel knutscht auch noch damit rum. Mit einem lauten Rumms ließ ich meinen Rucksack auf den Boden fallen und marschierte ohne den Beiden noch einen weiteren Blick zu schenken in die Küche. Ein Glück, das Cee für die nächsten Tage bei Granny untergebracht ist. Ihre Urenkel besuchten sie und die sind ebenfalls in ihn vernarrt. Also hatten wir uns darauf geeinigt, das er vorerst bei ihr bleiben würde, jedenfalls solange die lieben Kleinen da sind. Katan war schon dabei sich um das Abendessen zu kümmern. Seufzend ließ ich mich auf einen Stuhl sinken.

"Wieviele Engel fallen hier eigentlich noch ein?" Er hielt inne und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

"Habe ich eigentlich ein Schild an meine Tür gehängt 'Engel zur Untermiete gesucht'?" Er ließ das Messer sinken und antwortete mir.

"Nein, aber ich konnte es nicht verhindern. Es war Rociel-samas Wunsch, das sie hier ist." Bei dem Gedanken sah er allerdings nicht allzu glücklich aus. Gut, es ist also der Wunsch von unserem Oberengel, daran kann man nichts ändern. In der letzten Zeit habe ich festgestellt, daß man mit ihm wesentlich besser auskommt, wenn man auf solche Sachen gar nicht reagiert. Allerdings wird sich diese andere Engelchen den hier herrschenden Regeln anpassen müssen, aber vorher wird Katan aufgeheitert. Seit Tagen läuft er nur noch deprimiert durch die Gegend. Vorsichtig näherte ich mich der Einkaufstüte und zog eines der gefroren Baguettes heraus.

"Hey, das brauch ich noch!" Lächelnd sah ich ihn an.

"Das weiß ich!" Er versuchte es mir abzunehmen, aber ich wich ihm jedesmal aus. Frustriert zog er ein anderes Baguette aus der Tüte.

"En gardé!" Herausfordernd sah ich ihn an und hielt ihm mein Baguette unter die Nase. Sein Gesichtsausdruck hellte sich auf und er stellte sich ebenfalls in Position.

"Wie du willst. En gardé." Unser kleiner Fechtkampf weitete sich immer mehr aus und als uns die Küche zu klein wurde, stürmten wir ins Wohnzimmer.

"Bleib hier, du hast sowieso keine Chance." Ich wich einem weiteren Stoß von ihm aus und parierte.

"Ach ja? Hast du schon vergessen, das ich fleißig geübt habe?" Inzwischen standen wir auf dem Wohnzimmertisch und wichen je nach Bedarf auf die Sessel oder das Sofa aus. Wobei ich fast über jemanden gefallen wäre. Ohne mich weiter darum zu kümmern drängte ich Katan immer weiter zurück. Etwas zu spät bemerkte ich, das es nur eine Finte von ihm gewesen war. Plötzlich attackierte er mich mit voller Wucht und ich mußte in die Defensive gehen und verlor dabei fast völlig die Orientierung. Das Parieren seiner Stöße nahm mich voll und ganz in Anspruch.

"Verdammt, du bist gut!" Er lachte leicht.

"Danke! Du hast dich aber auch gemacht." Inzwischen stand uns beiden schon der Schweiß auf der Stirn, aber es steht immer noch unentschieden. Plötzlich verlor ich das Gleichgewicht und landete längs auf einem Bett. Sofort war er über mir und hielt mir triumphierend sein Baguette an die Kehle. Shit, gar nicht gemerkt, das wir uns im Schlafzimmer befinden.

"Das war's!"

"Noch nicht ganz!" Mit einem leichten Sidekick in seine Kniekehlen brachte ich ihn zu Fall und kniete mich über ihn. Mein Baguette lag quer über seiner Kehle.

"Ich würde sagen, diese Runde geht an mich." Lachend gab er auf und ich zog ihn wieder hoch.

"Erstaunlich, wie gut du seit dem Training geworden bist." Zufrieden drückte ich ihm mein Baguette in die Hand. Das Teil ist mittlerweile halb aufgetaut und ziemlich labberig.

"Übung macht den Meister!" Lächelnd schüttelte er den Kopf und ging wieder in Richtung Küche. Zufrieden ließ ich mich über das Bett fallen und schloß die Augen. Ja, das Training hat einiges gebracht, aber ich bin besser, als du denkst. Im Ernstfall hättest du keine Chance...

Ein Geräusch ließ mich hochfahren. In der Tür stand Rociel.

"Was willst du schon wieder?" Er ignorierte meinen genervten Tonfall.

"Dich warnen. Bald wird meine Schwester erwachen. Du solltest mit uns kommen." Das erzählt er mir schon seit Tagen. Anfangs habe ich ja gedacht er bleibt nur hier um mir auf den Keks zu gehen, aber es stellte sich heraus, das er darauf wartete, das seine Schwester wieder erwachte, deren Seele in einem Menschen wiedergeboren wurde, da sie gegen Gott und die anderen Engel rebelliert hat. In dieser Beziehung kann ich sie nur allzu gut verstehen, auch das sie es nicht fertig gebracht hat ihren Bruder zu töten, was ihr letztendlich zum Verhängnis wurde oder noch werden sollte. Mich wunderte nur, wie hartnäckig mich Rociel mit dieser Frage verfolgt, wo meine Antwort doch immer dieselbe bleibt.

"Niemals! Wie oft muß ich dir das eigentlich noch sagen? Eher schneit es in der Hölle, als das ich einen Fuß in einen der Himmel setze!" Ich stand auf und wollte an ihm vorbei gehen, doch er hielt mich an der Schulter zurück.

"Überleg es dir gut. Es könnte deine einzige Chance sein zu überleben." Wütend funkelte ich ihn an.

"Eher sterbe ich!" Mit einem Ruck befreite ich mich und ging in Richtung Küche. Man sollte doch meinen, das er es irgendwann begreift. Oder ist mein Standpunkt nicht deutlich genug?

"Weißt du eigentlich, wer die Wiedergeburt meiner Schwester ist?" Damit hat er mich. Jetzt bin ich neugierig. Gelassen drehte ich mich um.

"Nein, aber du wirst es mir sicherlich gleich sagen."

"Setsuna Mudou!" Klang eine helle Stimme hinter mir auf. Irritiert drehte ich mich um. Dort stand der weibliche Engel, den ich schon beim Reinkommen gesehen hatte. Fast könnte man sie für einen normalen Teenager von etwa fünfzehn halten.

"Sie hat recht." Rociel hatte sich unbemerkt neben mich gestellt. Völlig fassungslos schüttelte ich den Kopf. Setsuna soll ein Engel sein?! Der ist gut!

"Ich werde ihn töten." Er hatte diese Worte mehr geflüstert, als gesprochen, aber ich hatte sie trotz alledem verstanden.

"Laß die Finger von ihm. Ich werde nicht zu lassen, das du ihn-"

"Was? Tötest? Willst du ihn etwa daran hindern? Du bist immerhin nur ein Mensch, den er tötet sobald er Weg steht. Sei lieber froh, das du überhaupt noch lebst!" Das habe ich doch schon mal gehört, aber mit meiner Geduld war es vorbei. Wütend fuhr ich sie an.

"Ich werde ihn daran hindern! Im Übrigen solltest du dich nicht um Dinge kümmern, die dich nichts angehen!" Auf ihre Lippen legte sich ein herausforderndes Lächeln.

"Ach ja? Ich könnte dich ebenfalls töten." Mir lag schon ein versuch's doch auf der Zunge, doch Rociel legte mir eine Hand über den Mund.

"Kirie ich warne dich! Sie gehört mir! Krümm ihr nur ein Haar und du wirst es mit deinem Leben bezahlen!" Okay, jetzt bin ich irritiert. Warum macht er das? Wütend rauschte sie davon und Rociel nahm seine Hand wieder von meinem Mund. Das gibt es nicht, der Kerl beschützt mich?! Ich muß was verpaßt haben.

"Du hast jetzt einen starken Feind. Kirie ist sehr eifersüchtig." Fast hätte ich einen Lachanfall bekommen, aber ich beherrschte mich gerade noch.

"Schön für sie und doch so vollkommen überflüssig! Es war übrigens mein Ernst. Ich werde nicht zulassen, daß du einem meiner Freunde etwas antust!" Er schien wenig beeindruckt von dem drohenden Unterton meiner Stimme zu sein.

"Wir werden sehen. Nur wird Katan nicht gerade begeistert sein, wenn dir etwas passiert." Noch bevor ich fragen ihn konnte, was er damit meinte war er auch schon verschwunden. Frustriert ging ich wieder in die Küche. Dieses Mal werde ich Katan zur Rede stellen!

"Was hast du ihm versprochen, damit er mich am Leben läßt?" Fast hätte er die Salatschüssel fallen lassen.

"Ich weiß nicht, was du meinst." Ich nahm ihm die Schüssel ab und stellte sie auf den Tisch.

"Du weißt es ganz genau und jetzt will ich eine Antwort haben!" Er antwortete mir nicht, sondern begann damit den Reis abzuschütten.

"Verdammt noch mal Katan! Er hat vor einen meiner Freunde zu töten und ich habe nicht vor dabei zu zusehen!" Er stellte den Topf zurück auf die Platte und sah mich entsetzt an.

"Was hast du vor?"

"Ihn daran hindern, was denn sonst?"

"Das wird er nicht zulassen! Er wird sich nicht daran hindern lassen!" Das er einen Dickschädel hat weiß ich auch schon. Sonst wäre der Knabe ja nicht so hartnäckig!

"Wirklich? Dann werde ich ihn töten müssen." Mit einem lauten Klirren gingen einige der Reisschalen zu Bruch.

"Das kann nicht dein Ernst sein!" Ist es auch nicht. Okay, nur wenn es gar nicht mehr anders geht, aber eigentlich wollte ich nur seine Reaktion testen.

"Ach, meinst du ich lasse zu, das man meine Freunde tötet ohne etwas dagegen zu unternehmen? Ich habe ihn gewarnt. Es liegt an ihm!"

"Verdammt Ne-chan, du hast keine Chance gegen ihn!" Ich lächelte vor mich hin. Wenn du wüßtest...

"Nein, das lasse ich nicht zu!" Entschlossen baute er sich vor mir auf.

"Solltest du ihn töten, dann töte ich dich!" In seinen Augen konnte ich seine Entschlossenheit ablesen. Das also hat er Rociel gesagt. Jetzt wird mir einiges klar.

"Ist schon gut. Mach dir keine Sorgen darüber." Erleichtert atmete er auf. Mein plötzliches Einlenken schien ihn zu beruhigen. Hey, nicht umsonst lobt man mein Schauspieltalent. Trotzdem habe ich nicht vor Rociel das Feld zu überlassen. Irgendwie wird man ihn garantiert an seinem Vorhaben hindern können. Notfalls fesseln und knebeln! Der Gedanke daran brachte mich zum Lachen. Zufrieden schlenderte ich wieder ins Wohnzimmer und ließ mich auf die Couch fallen, bis ich einen Aufschrei aus dem Schlafzimmer hörte. Sofort machte ich mich auf den Weg dorthin. Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Rociel lag völlig aufgelöst auf dem Bett und in seinen Augen standen Tränen, die sich allmählich ihren Weg bahnten. In so einer Verfassung hatte ich ihn bis jetzt noch nie gesehen. Was ist bloß passiert? Engel hin oder her, ich spürte, das er Trost brauchte, auch wenn mir die Gründe dafür unbekannt sind. Jemanden leiden zu lassen zählte noch nie zu den Sachen, die mir Freude bereiteten. Vorsichtig setzte ich mich neben ihn und strich ihm beruhigend über den Rücken. Er schien seine Umgebung gar nicht zu bemerken.

"Ne-san, warum bist so grausam?" Er wirkte wie ein hilfloses Kind und diese Situation kommt mir ziemlich bekannt vor. So ähnlich muß es aussehen, wenn Katan mich aufgeschreckt aus einem meiner Träume findet. Vielleicht sind wir doch nicht so verschieden, wie ich anfangs dachte...

"Sst, es ist ja alles in Ordnung. Sie ist nicht hier. Niemand ist hier, um dir weh zu tun." Langsam beruhigte er sich wieder und schlief ein. Ich zog die Decke über ihn und verließ das Zimmer. Dieser Aspekt seiner Persönlichkeit ist wirklich neu. Ich habe nicht damit gerechnet, das er so verletztlich ist. Was mag zwischen ihm und seiner Schwester vorgefallen sein? Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Er versteckt seinen wahren Gefühle, so viel ist klar. Doch warum? Ob Katan die Antwort kennt? Ich sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Als ich wieder aufwachte war es bereits hellichter Tag. Suchend sah ich mich um, aber es schien außer mir niemand mehr hier zu sein. Auf der Kommode lag ein Zettel der Rezeption, das ein Anruf von Sara für mich eingegangen war. Sie und ihr Bruder waren wieder nach Tokyo zurückgekehrt und wollten mich heute Treffen. Momentan befanden sie sich in einem Café im südlichen Industriegebiet. Eine böse Ahnung befiel mich und ich stürmte aus der Wohnung. Ohne auf die Verkehrsschilder zu achten steuerte ich die Harley durch den Verkehr. Es dauerte etwas, bis ich das Café gefunden hatte, aber sie waren bereits wieder weg. Die Kellnerin konnte sich noch gut an die Beiden erinnern und erklärte mir direkt noch den Weg, nachdem die Beiden sie gefragt hatten. Nebenbei erwähnte sie auch noch, das die Beiden von einem Mädchen begleitet wurden und so wie sich ihre Beschreibung anhört, ist das ausgerechnet Kirie! Ich drückte ihr einen tausend Yen Schein in die Hand und stürmte aus dem Café. Sie konnten noch nicht allzu weit sein. Ich ließ die Harley stehen und rannte zu Fuß weiter. Nach zwei Straßenecken stellte ich allerdings fest, das ich mich verlaufen hatte. Verdammter Mist! Frustriert trat ich den Rückweg an, als ich einen gleisenden Lichtstrahl am Himmel entdeckte. Ohne weiter darüber nachzudenken stürmte ich darauf zu. Etwas sagte mir, das sie dort sein mußten. Außer einem hellen Licht erkannte ich bald allerdings nicht mehr allzu viel. Doch plötzlich sah ich die Quelle des Lichts, Setsuna und zu seinen Füßen lag Saras lebloser Körper. Was ist hier bloß passiert? Das Licht intensivierte sich noch und in ihm befanden sich zwei schemenhafte Gestalten. Katan und Kirie! Beide wurden von etwas getroffen und verschwanden in dem Licht. Kurz darauf tauchte eine dunkel Gestalt auf, die immer weiter in Richtung Boden fiel. Katan! So schnell ich konnte rannte ich in seine Richtung. Bevor ich ihn allerdings erreichen konnte traf mich etwas mit voller Wucht und schleuderte mich zurück.

 

 

00-08-06

 

Next: Part 03 – Yetzirah



Die erste Textzeile, die Shao hier singt stammt aus dem Lied 'Original sin' und ist nebenbei eines ihrer Lieblingslieder.

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