Part 07

00-10-14

 

Love of an angel

         Part 07

 

 

Broken Seal

 

Im letzten Augenblick schaffte ich es die rechte Hand auf die Brüstung zu bekommen und mich festzuhalten. Scheiße! Jeden Augenblick falle ich hier runter! Warum mußte ich mich auch unbedingt so provozieren lassen?! Die Sache hätte so einfach abgehakt werden können, wenn ich einfach einen auf harmloser, verängstigter Mensch gemacht hätte! Aber nein, mein Ego mußte sich ja unbedingt melden! Fluchend versuchte ich auch die zweite Hand auf die Brüstung zu bekommen, ohne sonderlichen Erfolg. Inzwischen ist die Wunde an meiner Hand wieder fleißig dabei zu bluten und das Blut läuft langsam an meinem Arm herunter. Ganz toll! Lange werde ich so garantiert nicht mehr durchhalten und unter mir geht es erstmal an die dreißig, vierzig Meter senkrecht runter. Da hab ich mir ja ganz schön was eingebrockt! Warum nur habe ich mich überhaupt darauf eingelassen?! Eigentlich hätte ich es doch von Anfang an besser wissen müssen! Ich konnte spüren, wie meine Hand allmählich taub wurde und ich immer mehr an Halt verlor. Toll, ich wollte ja schon immer auf diese Art und Weise sterben! Ehrlich, ich kann mir überhaupt nichts Schöneres vorstellen! Tja, und sobald ich den Boden mit einem lautem Rumms begrüßt habe ist alles vorbei, dann kann ich mein wahres ich nicht länger verbergen. Super! Und das alles natürlich ausgerechnet in Yetzirah und in der Gegenwart von gut einem Dutzend Hunter! Vielen Dank noch mal Rociel-chan! Schätze mal, das mir noch etwa fünf Minuten zu leben bleiben, bevor hier das Chaos ausbricht. Die Brüstung war da allerdings ganz anderer Meinung und begann langsam vor sich hin zu bröckeln. Das war's dann wohl endgültig. Hätte ich doch vorhin bloß meine Klappe gehalten! Meine Finger glitten immer weiter über den rauhen Stein und ich stellte mich innerlich schon auf den Fall ein, als eine Hand nach meinem Arm griff. Verblüfft sah ich nach oben. Hat der jetzt seine Meinung geändert und läßt mich doch am Leben?! Doch es war nicht Silberköpfchen, der mir da entgegen sah.

"Raziel?!" Das nennt man Rettung in letzte Sekunde! Wie hat es dieses Kerlchen bloß geschafft freizukommen?

"Festhalten Shao-san!" Ich nickte und griff in den Stoff seines Mantels. Er setzte nun sein gesamtes Gewicht ein und Stück für Stück gewann ich wieder an Höhe. Er war vollkommen auf mich konzentriert und bemerkte so nichts mehr um sich herum. Im Gegensatz zu mir, denn ich sah den maskierten Engel, der plötzlich hinter ihm stand und seine Waffe erhoben hatte.

"Raziel! Paß auf! Hinter dir!" Zu spät. Er drehte gerade seinen Kopf, als der Andere ihm einen Schlag ins Genick versetzte und das mit dem Knauf seines Revolver. Es gab einen dumpfen Knall und Raziel lag halbohnmächtig auf der Brüstung.

"Raziel!!" Meine Stimme klang extrem schrill, aber es brachte ihn wieder zu sich.

"Keine Sorge, ich hab dich!" Er sah mich lächelnd an, doch seine Augen flackerten unaufhörlich und es ist bestimmt nur noch eine Frage der Zeit, bis er vollständig das Bewußtsein verlieren wird. Unter seinen blonden Haaren kam Blut zum Vorschein und er verlor zusehends an Halt. Wenn das so weitergeht segelt er mit mir runter!

"Raziel! Laß los! Das schaffst du nicht!" Augenblicklich wurde sein Griff wieder stärker und er funkelte mich empört an.

"Nein! Ich lasse dich nicht sterben!" Verdammt, warum will er es denn nicht verstehen?! Jetzt ist nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um zu demonstrieren, das man ein Ego besitzt. Die Brüstung bekam immer mehr Risse und würde bald komplett einstürzen.

"Laß los! Sonst fallen wir noch beide!" Wieder Kopfschütteln. Wie kann man in einem solchen Augenblick nur so stur sein?! Er steht kurz davor endgültig das Bewußtsein zu verlieren. In diesem Augenblick gab die Brüstung ganz nach und er purzelte mir entgegen. Sofort fiel natürlich auch ich in Richtung Boden, aber irgend wie gelang es mir ihn an mich zu ziehen und zu kontrollieren, ob er noch immer bei Bewußtsein war. Puh, er ist zum Glück völlig weggetreten. Wenn ich mich beeile kann ich uns beide retten, aber die Sache birgt ein extremes Risiko. Ach, mir ist jetzt alles egal, das Siegel wird auf jeden Fall in Mitleidenschaft gezogen, ob nun so oder beim Aufprall. Ich kann einfach nicht zulassen, das er meinetwegen stirbt! Einmal! Es muß nur dieses eine Mal klappen! Mehr verlange ich gar nicht! Ich fing an mich zu konzentrieren und beachtete den sich unaufhörlich nähernden Boden nicht mehr länger. Bitte, laß es funktionieren! Es wird bei dieser einen Ausnahme bleiben, aber jetzt brauche ich sie! Ich spürte, wie mein Rücken sich allmählich erwärmte. Es klappt! Im nächsten Augenblick wurde der Fall abrupt gebremst. Dankbar warf ich einen Blick hinter mich und lächelte meine voll entfalteten Schwingen an, durch die leicht der Wind striff. Langsam glitt ich Raziel im Arm haltend zu Boden. Vorsichtig legte ich ihn unter einen Baum und meine Schwingen verschwanden fast ebenso schnell wieder, wie sie gekommen waren. Niemand würde etwas merken. Entferntes Lärmen schwerer Schritte sorgte dafür, das ich wieder nervös wurde. Was, wenn sie es gesehen haben? Viel Zeit für Überlegungen bleibt mir ohnehin nicht mehr und ich ziehe es vor dies erst sehr viel später in Erfahrung zu bringen und machte, das ich wegkam. Allerdings nicht ohne Raziel vorher noch einen Kuß auf die Wange zu hauchen.

"Bis bald mein kleiner, mutiger Engel." Ich war noch nicht halbwegs außer Sichtweite, als sich die ganze Aktion an mir rächte. Mein Rücken begann zu schmerzen fast so, als wenn ihn jemand stundenlang mit einer Peitsche maltretiert hätte. Auch eine der Erfahrungen, auf die ich in meinem Leben gerne verzichtet hätte. Je weiter ich ging, desto so stärker wurden die Schmerzen. Fast verlor ich das Bewußtsein und lehnte mich schwer atmend gegen eine Zaun, damit meine Beine an Ende nicht doch noch nachgaben. Oh man, ich hätte echt nicht gedacht, das die Wirkung dieses Mal so extrem ist. Aber ich wußte schließlich schon vorher, auf was ich mich da einlasse. Jedes Mal, wenn ich einen Teil meiner Kräfte einsetze, die das Siegel zurückhält, ohne es dabei zu zerbrechen, hat das ziemlich starke (glatte Untertreibung!) Schmerzen zur Folge, die mir auch noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Es gibt im Prinzip nur eine Chance dem zu entgehen, den Bruch des Siegels herbeizuführen. Doch ich ziehe es ehrlich gesagt vor die Schmerzen zu ertragen, ehe ich das tue! Zu spät bemerkte ich, das der Zaun hinter mir nachgab und ich schon wieder fiel. Es ging eine Weile nach unten, keine Ahnung, wie tief ich fiel, doch der Aufprall haute mich fast völlig weg. Jeder einzelne Knochen tat mir weh und mir wurde verdammt kalt. Allerdings nicht, weil ich im Sterben lag, das hätte ich sofort gemerkt sondern, weil ich mich in einem sehr kühlen Raum befand. Das bemerkte ich, als meine Hand über eine Eisfläche striff. Danach verlor ich das Bewußtsein.

Aus weiter Ferne drang das Gemurmel verschiedener Stimmen zu mir und ich versuchte meine Augen zu öffnen, doch es klappte einfach nicht. Alles blieb dunkel. Dafür brennt mein Rücken wie Feuer. Ganz toll, einfach toll! Schwerfällig drehte ich mich auf den Bauch und sofort verringerter sich der Schmerz. Erleichtert atmete ich auf und blieb einfach so liegen. Obwohl der Rest meines Körpers sich auch nicht viel besser anfühlt. Geräusche, die sich wie das Getrappel von Kinderfüßen anhörten brachten mich dazu einen neuen Versuch zu starten meine Augen zu öffnen. Was endlich klappte! Vor mir erschien erst verschwommen, dann klarer ein blasses Kindergesicht, das mich mit großen, hellen Augen beobachtet. Kaum, das ich es gesehen hatte, war es auch schon wieder weg und eine glockenhelle Stimme ertönte.

"Sie ist wach!" Ich wollte hinter dem Kind her, aber kaum saß ich aufrecht krümmte ich mich auch schon wieder vor Schmerzen. Hoffentlich hört das bald wieder auf! Möchte echt mal wissen, wo ich jetzt schon wieder bin. Irgendwie schaffte ich es doch noch auf die Beine zu kommen und taumelte auf eine offenstehende Tür zu. Etwas stoppte mich plötzlich und als ich genauer hinsah erkannte ich, das mir jemand mit voller Absicht den Weg versperrte. Fluchend versuchte ich das Hindernis zu umgehen, aber zwei starke Hände packten mich an den Schultern und ein Weiterkommen wurde völlig unmöglich.

"Du solltest liegen bleiben!" Ärgerlich hob ich den Blick, um endlich zu wissen, welcher Vollidiot mir da eigentlich im Weg steht und fast hätten in diesem Augenblick meine Knie nachgegeben. Dieses Mal ist es wirklich extrem hart! Ob das an der Umgebung liegt? Vor mir stand allerdings ausnahmsweise mal nicht Rociel, sondern der Engel, dem ich quasi das Leben gerettet hatte.

"Nein! Ich muß zurück!" In seinem Blick spiegelte sich purer Unglauben wieder. Nicht schon wieder! Ich habe echt keinen Bock jetzt auch noch ihm die ganze Sache zu erklären!

"Wieso? Du hättest schön längst verschwinden sollen! Hast du meine Nachricht nicht bekommen?" Ich schüttelte den Kopf. Was ich sofort bereute, da sich daraufhin wieder eine Schmerzenswelle einstellte. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ich mich wieder ohne Schmerzen bewegen kann. Verdammter Mist!

"Das verstehst du nicht. Ich kann hier noch nicht weg!" Er hob ratlos die Hände und da mir dadurch jegliche Stütze fehlte sackte ich auf dem Boden zusammen und verzog sofort das Gesicht, als ein Brennen durch meine Beine fuhr und sich bis zu meinem Brustkorb erstreckte. Sofort zog er mich wieder auf die Beine. Die Berührung seiner Hände hat etwas von einem glühenden Eisen auf meiner Haut.

"Was ist bloß mit dir passiert? Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben scheinst du viel von deiner Gesundheit eingebüßt zu haben, Du kannst ja noch nicht mal mehr alleine stehen." Ich gab ihm keine Antwort, sondern konzentrierte mich darauf nicht vor lauter Schmerz aufzuschreien und nicht schon wieder zu fallen. So schlimm sind die Auswirkungen wirklich noch nie gewesen! Bald muß ich machen, das ich auch Yetzirah verschwinde. Ich bin schon viel zu lange hier und das Siegel wird immer schwächer. Normalerweise hätten die Schmerzen schon längst nachlassen müssen.

"Stimmt es eigentlich, das du mit Rociel schläfst?" Fassungslos starrte ich ihn an. Wie kommt der plötzlich auf so was? Damit habe ich nun ganz und gar nicht gerechnet. Ja okay, es ist scheinbar schon seit geraumer Zeit Thema Nummer eins bei den Engeln und es geht mir ehrlich gesagt tierisch auf den Keks!

"NEIN!" Fauchte ich ihn an. Erschrocken zuckte er zusammen, wodurch sein Griff für einige Sekunden fester wurde. Dieses Mal konnte ich ein leises Stöhnen nicht mehr verhindern. Warum läßt er mich nicht einfach los? Mir tut alles weh!

"Was ist los mit dir? So wie du aussiehst solltest du schleunigst zu Raphael gebracht werden, damit er sich um dich kümmern kann!" Er klang ehrlich besorgt, doch es gelang mir nicht ihm zu antworten. Der Schmerz raubte mir fast den Atem. Behutsam führte er mich zu einem Tisch und sorgte dafür, das ich mich auf einem Stuhl niederließ. Seufzend lehnte ich mich zurück, aber als die Lehne nur annähernd meinen Rücken streifte zuckte ich zusammen. Die Berührung ist unerträglich! Zum Glück tut mir wenigstens mein Hintern nicht so weh, wie der übrige Rest meines Körpers! Er scheint mit mir zu reden, doch ich schaffe noch nicht mal mehr ein Nicken. Endlich verließ er den Raum und ich sackte mit dem Oberkörper auf die Tischplatte, die Arme weit von mir gestreckt. Er hat zwar noch irgend etwas gesagt, aber ich habe schon gar nicht mehr hingehört. So läßt es sich wenigstens aushalten, doch wenn er zurück kommt muß ich mein gesamtes Schauspieltalent auspacken, um mir nichts anmerken zu lassen. Ich muß verhindern, das er anfängt mir Fragen zu stellen und noch mehr. Zu allererst muß ich verhindern, das er versucht mich zu Raphael zu schleppen, denn dort wird mich Rociel garantiert sofort finden und ich bin jetzt nicht mehr in der Verfassung ihm noch irgend wie noch entgegen zu treten. Langsam straffte ich meinen Oberkörper wieder und brachte ihn in eine aufrechte Position. Natürlich wird jede noch so kleine Bewegung von schmerzenden Stichen begleitet, aber es läßt sich aushalten. Vorsichtig hob ich die Arme an und hielt sie eine Zeitlang in der Schwebe. Sie zittern wie Espenlaub und es gelingt mir einfach nicht sie ruhig zu halten. Noch schlimmer wurde es allerdings, als ich auch noch die Hände öffnete und wieder schloß. Das hatte keinen Zweck, es verschlimmerte nur den Schmerz. Resigniert ließ ich sie wieder sinken und untersuchte meine rechte Hand. Sieht übel aus das Ganze. Die Wunde hat sich um einiges vergrößert und es scheint, das sie sich entzündet hat und sie blutet immer noch, auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie vorher. Vorsichtig tastete ich über die Wunde. Die Hand ist so gut wie taub. Ich spüre die Wunde schon fast nicht mehr, aber das zeigt nur, wie gefährlich sie ist. Sie muß unbedingt behandelt werden. Langsam hob ich den Blick und ließ ihn umherstreifen. Der Raum war sehr spärlich eingerichtet, nur ein paar einzelne Tische und Stühle, ansonsten ist er leer. Auf den Wänden befindet sich noch nicht einmal Tapete oder Putz, es ist der bloße Stein. Dennoch scheinen hier nicht wenig Leute leben. Wie deutlich die vorhandene Wäschespur zeigt, die sich quer durch den halben Raum erstreckt. Es gibt auch keine Fenster, sondern nur kleine Bullaugen, durch die ein paar spärliche Sonnenstrahlen fielen. Wo bin ich hier? Es gibt drei Türen, die eine, aus der ich gekommen bin, dann eine links neben mir, sie ist allerdings verschlossen und daneben noch eine, in der ein junges Mädchen steht, das mich staunend beobachtet. Wie lange steht sie wohl schon da? Seit er mich hierher geführt hat? Sie hielt eine Schüssel fest, aus der ein paar Bandagen heraushingen. Ihre glatten, kinnlangen, blonden Haare betonten nur die Blässe ihres Gesichts und trotz ihrer Kleidung kann man erkennen, das sie wohl schon lange nicht mehr ausreichend gegessen hat. Sie wirkt sehr mager und zerbrechlich. Trotzdem sprühen ihre Augen in einem warmen Feuer, was Rückschluß auf einen starken Willen läßt. Ich muß sie ziemlich lange angestarrte haben, denn auf einmal veränderte sich ihr Blick. Er wurde hart und fast könnte man sogar meinen feindselig. Toll, noch einer! Bitte hinten anstellen! Trotzdem kam sie auf mich zu und lächelte etwas. Sie ist hübsch, auch wenn sie noch hübscher wäre, wenn sie nicht so abgezehrt aussehen würde. Ich rang mich ebenfalls zu einem Lächeln durch und ihr Blick wurde etwas sanfter. Trotzdem verzog ich schon bald wieder das Gesicht, da jeder einzelne Muskel darin zu schmerzen begann. Besorgt sah sie mich an. Sie stand jetzt fast neben mir und ich spürte ihre Aura so deutlich, wie es schon lange nicht mehr der Fall gewesen war. Auch sie ist ein Engel, auch wenn sie sich von den Anderen deutlich unterscheidet, ihre Aura bewirkt bei mir nicht gleich dieses ach so wohl bekannte Panikgefühl.

"Was willst du von mir?" Ich hatte mir Mühe gegeben nicht allzu unfreundlich zu klingen, doch erschrak ich zu tiefst über meine Stimme. Sie war kaum noch ein Wispern. Ob sie mich überhaupt verstanden hatte? Sorgsam stellte sie die Schüssel auf dem Tisch ab und nahm ein kleines Fläschen heraus.

"Halt jetzt still! Es wird etwas brennen." Ihre Stimme ist ganz sanft und doch spürte ich deutlich, das sie keinen Widerspruch dulden würde. Ich seufzte, als sie vorsichtig meine rechte Hand auf den Tisch legte und begann den Inhalt des Fläschchens darauf zu träufeln. Noch spürte ich nichts von dem angekündigten Brennen, aber als sie die Hand umdrehte und den Vorgang auf der Innenseite wiederholte schossen mir die Tränen in die Augen. Ich biß mir auf die Lippen und gab keinen Ton von mir. Zufrieden lächelnd stellte sie das Fläschchen zurück und begann damit meine Hand zu verbinden. Ihre Finger berührten mich kaum und doch wurde der Verband immer fester. Ich bemerkte fast nicht, das sie mit ihrer Arbeit fertig war. Erst als die Schüssel wieder aufhob registrierte ich es und betrachtete verwundert meine Hand. Besser hätte es auch kein Profi hinbekommen! Der Verband sitzt eins A und von der Wunde ist nichts mehr zu erkennen. Man könnte fast meinen, es würde sich um etwas harmloses handeln.

"Danke." Brachte ich murmelnd hervor und sie lächelte mich wieder an. Der Blick war jetzt hell und freundlich. Ich wünschte ich hätte die Kraft gehabt aufzustehen und ihr die Hand zu reichen, aber es ist besser für mich sitzen zu bleiben. Es widerstrebte mir nur so da zu sitzen und nichts tun zu können, ohne das mir bei jeder auch noch so kleinen Bewegung jede Faser meines Körpers höllisch weh tut. Irgendwie haben die letzten Tagen ausgereicht, um mich restlos zu schaffen. Ich bräuchte dringend mal 'ne Pause, aber die wird mir garantiert nicht vergönnt sein. Außerdem muß ich unbedingt noch einen Weg finden, um noch vor Sonnenuntergang Sheol zu erreichen. Noch ein paar Tage in Yetzirah und ich fange an durchdrehen! Sie war inzwischen wieder verschwunden ohne, das ich es bemerkt hatte. Vorsichtig versuchte ich aufzustehen und tastete mich am Tisch entlang. Na bitte, es geht doch. Zwar etwas wackelig, aber ich kam vorwärts. Zögernd sah ich mich um. Welche Tür nehme jetzt am Besten? Ich entschied mich für die goldene Mitte nur waren das fast zwei Meter ohne jegliche Stütze! Langsam löste ich mich vom Tisch und wankte auf die Tür zu. Zum Glück kam ich stehend dort an. So und jetzt erstmal tief Luft holen. Diese kurze Strecke hat mich ganz schön geschafft! Wenn das so weitergeht dauert es Jahre, bis ich hier raus bin! Es würde wesentlich schneller gehen, wenn Cee irgendwie zu finden wäre, aber er hielt sich auch weiterhin versteckt und ich hatte nicht den Mut nach ihm zu rufen, aus Angst er könnte dadurch von den falschen Leuten entdeckt werden. Er wird schon wieder aufkreuzen, wenn er es für nötig hält! Leise öffnete ich die Tür und schlich in den angrenzenden Raum. Es wurde ziemlich dunkel, als sie sich hinter mir schloß und so wartete ich einen Augenblick, bis sich meine Augen an die geänderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Also mal ehrlich, so wie es hier aussieht ist das entweder ein sehr verkommener Lagerraum oder eine Rumpelkammer! Überall stapeln sich bergeweise Kisten und ähnliches. Immer schön windschief, damit auch ja irgendwann etwas runterfällt. Es kommt schon einem Selbstmordversuch gleich sich durch dieses Chaos einen Weg zu bahnen, aber laut diversen Leuten bin ich ja eh schon gefährdet, also kommt es darauf auch nicht mehr an. Auf der anderen Seite des Raumes befand sich ein weit geöffnetes Fenster, durch das man das Blau des Himmels erkennen konnte. Immer schön darauf bedacht nirgendwo anzuecken kam ich doch ziemlich gut voran. Es sind nur ein paar Meter bis zum Fenster!

"Was machst du hier?!" Vor lauter Schreck verlor ich prompt das Gleichgewicht und taumelte gegen einen der unzähligen Stapel, der sofort ins Wanken geriet und bestimmt auch gleich über mir zusammenbricht. Schon fallen mir die ersten Kartons entgegen. Ich stieß einen Schrei aus. Mit viel Glück gelang es mir dem ersten Karton auszuweichen, aber dafür kippte jetzt fast alles! Eine Lawine von diversem Zeugs stürzte auf mich herunter und ich versuchte es irgendwie zu schaffen nicht getroffen zu werden. Was allerdings ganz gewaltig in die Hose ging, da mir immer noch jede Bewegung höllisch weh tut. Plötzlich spürte ich einen Arm um meiner Hüfte und wurde hochgehoben. Am liebsten hätte ich laut geschrien, denn die Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut. Hier und da trafen mich vereinzelt herunterfallende Kartons und jedesmal habe ich das Gefühl, das man mir tausend Nadeln in den Körper jagt. So weit ich das von meiner Perspektive aus beurteilen kann liege ich bei irgend jemanden über der Schulter, der sich sehr schnell in Richtung Tür bewegt. Hinter uns brach allmählich alles zusammen. Ich hörte, wie mein Träger die Tür öffnete und merkte auch, wie wir hindurch hasteten. Mit einem lauten Knall schloß sie sich wieder, aber das war nichts in dem Vergleich zu dem Lärm, der zwei Sekunden später losbrach. Man könnte meinen, da drin würde ein Erdbeben stattfinden.

"Hey, laß mich runter!" Mir gefällt es nicht sonderlich, das ich immer noch über einer Schulter hänge. Vor allem, wenn ich nicht weiß bei wem! Weshalb ich auch nicht gerade freundlich klang. Sehr behutsam wurde ich wieder auf dem Boden abgesetzt. Was ich normaler weise auch sehr begrüßt hätte, nur fraß sich beim Hinabgleiten wieder ein stechender Schmerz durch meine Eingeweide. Es wird einfach nicht besser! Ziemlich geschafft sah ich mir meine Retter erstmal genauer an. Is ja doll, denn ich kenn ich doch! Das ist wieder der Engel, dem ich vor geraumer Zeit das Leben gerettet habe. Dabei dachte ich er hätte was dringendes zu erledigen.

"Was hast du dir bloß dabei gedacht?!" Er klang ziemlich KO und sah auch nicht gerade viel besser aus. Mir geht's ähnlich.

"Hab ich dir nicht gesagt, das du auf mich warten sollst?!" Ich antwortet ihm nicht, sondern sah mich nach der nächstbesten Tür um. Es hat doch sowieso keinen Zweck hier irgend jemanden etwas zu erklären. Die kapieren es doch eh nicht oder sind strikt dagegen. Eben typisch Engel!

"Hey Shao! Ich rede mit dir!" Er legte seine Hand auf meine Schulter und sofort zog sich ein stechender Schmerzen durch meinen Arm. Ich fuhr herum.

"Laß mich!" Erschrocken zuckte er zusammen und zog seine Hand zurück. Kein Wunder, ich klinge momentan auch eher nach Eisberg, als nach irgend etwas anderem. Ziemlich besorgt sah er mich an.

"Wie schwer bist du eigentlich verletzt?! Ich habe den Eindruck, das dir jede einzelne Berührung Schmerzen bereitet." Das ist ja glatt unheimlich, wie schnell ihm das auffällt! Ich wäre bestimmt nie auf die Idee gekommen, das mir überhaupt irgend etwas weh tun könnte!

"Keine Ahnung, aber es geht schon wieder." Ich mußte es unbedingt schaffen ihn auf ein anderes Thema zu bringen. Mir fehlt einfach der Nerv noch weiter darüber zu diskutieren. Es reicht schließlich, das mir alles weh tut! Dabei fällt mir allerdings auch ein, das ich seinen Namen noch gar nicht kenne und ihm ist wohl das selbe durch den Kopf gegangen, da er ihn mir gerade nennen wollte, als ich ihn unterbrach.

"Nein, es ist besser, wenn ich ihn nicht kenne. So kann mir wenigstens keiner vorwerfen, das ich lügen würde, wenn ich behaupte ihn nicht zu kennen." Er sah mich irritiert an. Hey, schon mal was von Taktik gehört? Was meinst du, wie sehr mich Rociel nerven wird, wenn er spitz kriegt, wo ich gesteckt habe und mit wem ich zusammen war?

"Schon gut, ich habe auch nicht vor dich immer mit 'Hey du' anzusprechen. Sagen wir einfach, ich nenne dich vorerst Angel, bevor uns was besseres einfällt." Es schien bei im Klick gemacht zu haben, denn er nickte zu stimmend. Damit ist dieses Problem also gelöst. Bleibt die Frage, wie ich jetzt wieder zurück komme. Der Name ist zwar auch nicht das Höchstmaß an Kreativität, aber er wird seinen Zweck erfüllen. Immer noch besser, als wenn Rociel mir hinterher deswegen auf den Keks geht.

"Hey Angel! ich muß unbedingt nach Sheol. Kennst du zufällig den Weg?" Aus seinem Gesicht wich sämtliche Farbe. Er wiederholte noch einmal fassungslos das Wort Sheol, bevor er entschlossen den Blick hob.

"Ja, ich kenne den Weg." Hey, endlich! Das wird auch langsam Zeit, das mich hier einer versteht! Ich dachte schon, daß das wird nie mehr was.

"Gut!" Ich ging zielstrebig auf die nächstbeste Tür zu. Man muß die Gelegenheit nutzen, bevor noch irgend etwas dazwischen kommt. Abhauen werde ich natürlich noch nicht, dafür muß ich erst noch ein, zwei Dinge mit Rociel klären, aber es ist ein Anfang.

"Aber ich werde ihn dir nicht zeigen!" Das ist ja wohl! Wütend wirbelte ich herum und funkelte ihn an.

"WAS?!" Er ließ sich davon in keinster Weise beeindrucken. Dabei bin ich doch so nah dran.

"Hast du eine Ahnung, wie gefährlich das ist?! Du weißt doch gar nicht, was dich dort erwartet! Höchstwahrscheinlich würdest du dabei sterben!" Bitte, das habe ich heute doch schon mal gehört! Der tut glatt so, als müßte das auf mich irgend eine Wirkung haben. Warum immer ich? Ich weiß doch wohl am Besten, was ich mit meinem Leben anfange.

"Das ist mir egal! Ich muß hier unbedingt weg!" Jetzt wirkte er völlig verwirrt. Ich kann förmlich das Fragezeichen über seinem Kopf aufleuchten sehen. Oh man, jetzt kapier es doch endlich! Ich habe keinen Bock hier alles fünfmal durchzukauen!

"Du scheinst ja wirklich nicht sonderlich an deinem Leben zu hängen!" Wieder mal typisch Engel! Nur weil man mal eine in ihren Augen völlig bescheuerte Idee hat stempeln die einen als Lebensmüde ab! Engel! Pah!

"Nein, aber es gibt keinen anderen Weg um hier ein für alle mal zu verschwinden!" Er kapiert es immer noch nicht, das ist deutlich zu sehen. Genau wie vorhin Rociel-chan! Verflucht! Ich wollte doch nicht mehr an diesen Kerl denken! Wenn ich noch länger hierbleibe drehe ich wirklich noch durch!

"Was für einen anderen Weg?" Shit! Zu viel verraten! Warum kann ich auch nicht ein einziges Mal meine große Klappe halten?!

"Vergiß es! Das war einfach nur so dahin gesagt!" Davon ließ er sich allerdings nicht überzeugen und bohrte weiter nach, wobei ich ihn konsequent ignorierte. Wirklich die beste Möglichkeit um mit Engeln fertig zu werden! Nur leider klappt das nicht immer. Schließlich gab er es auf und lud mich zum Essen ein, um mich auf andere Gedanken zu bringen, wie er sich ausdrückte. Ich war ziemlich überrascht, als ich mich an einem Tisch mit nahezu zwei Dutzend Kindern wiederfand, an dem auch der weibliche Engel saß, der vorhin meine Wunde versorgt hatte.

"Shatiel, sei bitte so gut und decke für eine Person mehr." Sie nickte und wies mir einen Stuhl zu, bevor sie kurz verschwand und mit einem Gedeck für mich wieder kam. Dankbar ließ mich auf dem Stuhl nieder und lächelte erleichtert in die Runde. Meine Beine sind kurz davor gewesen wieder zu Pudding zu werden. Die Kinder musterten mich mit großen Fragenden Augen und bald war ich Anziehungspunkt Nummer eins für all ihre Fragen. Sie plapperten wild durcheinander, so das es mir kaum gelang zu verstehen, was sie eigentlich alles von mir wissen wollten. Keines der Kinder scheint mir älter als zehn oder zwölf Jahre zu sein. Wo kommen die bloß alle her? Bisher habe ich geglaubt, das Metatron das einzige Kind in Yetzirah ist. Lächelnd beantwortete ich den Großteil ihrer neugierigen Fragen und ließ mich von ihrem unbeschwerten Lachen anstecken. Kinder haben schon immer dafür gesorgt, das ich alle Probleme für eine gewisse Zeit vergesse und mich einzig und allein ihnen widme. So ließ ich mich auch bereitwillig dazu breitschlagen nach dem Essen mit ihnen noch einen Spaziergang zu machen. Allerdings spottete das Essen jeglicher Beschreibung. Die Suppe ist quasi heißes Wasser ohne Inhalt und nach dem Geschmack im Brot, sowie den restlichen Sachen, die normalerweise in eine Suppe gehören, sucht man vergeblich. Kein Wunder, das die Kinder alle so abgemagert wirken! Ich fragte Angel nach dem Grund und er erklärte mir, das diese Kinder 'I-children', also Improper Children seien, die aus der Beziehung zweier Engel entstanden sind und zusammen mit ihren Eltern in die Slums von Yetzirah verbannt worden waren, da Liebe zwischen Engeln seit altersher verboten ist. Er erklärte mir auch, das ich mich jetzt in eben jenen Slums befand, wo ein ständiger Überlebenskampf herrschte und dadurch natürlich auch Nahrungsmittel egal welcher Art totale Mangelware waren. Das erklärt einiges! Vor allem, warum Rociel-chan bisher noch nicht aufgekreuzt ist, um mich zurück zu holen. Hier wird er mich garantiert zu allerletzt suchen! Was mir etliches an Zeit verschafft! Nach meiner Meinung ist die Situation so nicht tragbar und ich fragte ihn, ob es nicht eine Chance gibt doch irgendwie an genügend Lebensmittel zu kommen. Er meinte nur, das es so gut wie unmöglich sei, da die Transporte strengstens überwacht werden und man nur mit dem richtigen Paßwort und der richtigen Stimmenidentifizierung dafür sorgen konnte, das sie ihre Route änderten und ihre Ladung wo anders abladen würden. In den Slums muß man sich eben mit den Resten begnügen, die auf dem Müll landen. Zufrieden lächelnd bat ich ihn mir bei unserem Spaziergang mal eines dieser Terminals für solche Fälle zu zeigen. Er konnte sich zwar nicht erklären, warum mich das interessiert, aber er machte mit mir den kleinen Abstecher und schon bald stand ich vor einem dieser Teile, während die Anderen schon einmal weiter gingen. Es sah im Prinzip aus, wie ein hochgerüsterter Computer und erinnerte doch stark an das Teil, das ich auch zu Hause stehen habe. Ohne weiter auf ihn zu achten lockte ich mich ein. Er stieß einen leisen Pfiff aus.

"Woher kennst du dich denn damit aus?" Mürrisch gab ich ihm zu verstehen, das er sich ruhig verhalten sollte, denn nur ein Fehler und dieses kleine Manöver wird sofort durchschaut werden. Zum Glück besitzt die Kiste keine Kamera, ansonsten hätte ich die Sache von Anfang an vergessen können. Mit gewohnter Routine setzte ich mir das Kopfteil auf und wühlte die Dateien durch. Ziemlich schnell hatte ich die Dateien zur Lebensmittelauslieferung gefunden. Ich klickte auf 'Neue Lieferung' und tippte die Adresse ein, die Angel mir verdutzt nannte. Es folgte das übliche, was darf es sein, bevor die letzte Sicherheitsabfrage kam. Ich tippte mein Paßwort ein und hatte kaum den Namen Rociel getippt, als es in dem Kopfhörer zu knistern begann.

"Rociel-sama?" Angel wurde ziemlich nervös und ich gab ihm ein Zeichen, das alles okay sei, bevor ich in das Mikro sprach.

"Ja?" Ein Blick auf Angel zeigte mir, das ich Erfolg gehabt hatte. Er starrte mich völlig ungläubig an. Kein Wunder, denn meine Stimme ist zu einer perfekten Kopie von Rociels geworden. Niemand würde den Unterschied bemerken. Da sich am anderen Ende immer noch nichts tat setzte ich noch einen drauf. Wenn schon denn schon!

"Gibt es irgendein Problem?" Ich konnte hören, wie da plötzlich jemand ziemlich nervös wurde. Man macht das Spaß!

"Nein... eigentlich nicht-" Bevor er die Gelegenheit hatte weiter zu sprechen schnitt ich ihm das Wort ab. Oh man, das könnte ich den ganzen Tag machen!

"Gut! Ich erwarte die Lieferung in spätestens einer Stunde!" Ohne auf die Antwort zu warten unterbrach ich die Verbindung und lockte mich wieder aus. Der letzte Satz hat ziemlich drohend geklungen. Fast so gut, wie das Original! Da wird garantiert keiner auf die Idee kommen diese Order zu ignorieren oder, das die Nachricht vielleicht nicht von Rociel stammen könnte. Zufrieden verließ ich mit Angel den Raum und wir traten den Rückweg an. Schade, das nicht alles so einfach ist, wie das.

"Du bist einfach unglaublich!" Lächelnd sah ich ihn an. Fällt ihm das wirklich erst jetzt auf? Ich denke doch, das sollte ihm schon längst bekannt sein. Schließlich habe ich ihm den Hals gerettet.

"Danke!" Er erwiderte mein Lächeln und fuhr fort.

"Wie hast du es bloß geschafft an dieses Paßwort zu kommen? Und dann die Sache mit deiner Stimme! Wie hast du das gemacht?" Tja, eigentlich ist die Sache ziemlich simpel. Erstens ist das ohnehin mein Paßwort gewesen, das mir Zugang zu so ziemlich allen Dateien in Yetzirah verschafft und ich habe schließlich schon gestern Abend festgestellt, das es immer noch funktioniert. Und zweitens ist die Sache mit der Stimme nun wirklich mehr als einfach. Es ist eben nur etwas Übung erforderlich mit ein klein wenig angeborenem Talent. Rociels Stimme habe ich schließlich oft genug gehört um zu wissen, wie man sie am Besten nachahmen kann. Allerdings habe selbst ich nicht damit gerechnet, das die Sache auf Anhieb so gut klappt. Angel erklärte ich allerdings nur, das ich beides von Rociel-chan gelernt hätte. (Wo auch immer man da die Logik sehen möchte.) Wir fanden den Rest der Truppe auf einer Art Aussichtsplattform wieder, wo sie schon eine ganze Weile auf uns zu warten schienen. Ich nahm Angel das Versprechen ab vorerst noch kein Wort über die bevorstehende Lebensmittellieferung zu verlieren, da die Sache ja immer noch schief gehen könnte. Wer weiß schon, wie die hier arbeiten! Die Kinder beobachteten interessiert die vorbei ziehenden Wolken und ich fragte mich warum, bis ich eine leise Melodie vernahm, die sich immer weiter verstärkte und schließlich deutlich zu hören war. Es klang so ähnlich wie der Gesang einiger Wale in Assia. Neugierig trat ich ebenfalls an den Rand der Brüstung, als sich plötzlich ein riesiger Schatten aus den Wolken empor hob und an uns vorbeistreifte. Fasziniert folgte ich seinen Bewegungen und dann tauchte er aus den Wolken auf. Ein riesiger, weißer Wal, der in den Wolken schwimmt, als würde er sich in einem Meer befinden! Ich lachte plötzlich auf. Fast hätte ich sie vergessen! Die Wolkenwale! Ihre Heimat ist schon seit je her der Himmel der Yetzirah umgibt! Wie konnte ich das nur vergessen? Sein Gesang nahm immer wieder neue Formen an und schon bald tummelten sich unzählige von ihnen vor unseren Augen in den Wolken. Die Kinder waren heillos begeistert und nach und nach hoben wir sie hoch, damit sie das Schauspiel noch besser verfolgen konnten. Die Melodie der Gesänge wurde immer fröhlicher und nach einiger Zeit konnte ich mich nicht mehr zurück halten und stimmte in ihre Melodie mit ein. Sie nahmen meinen Gesang auf freudig auf und beantworteten ihn. Ich sang ohne den geringsten Text, da dieser absolut unnötig ist. Ihr Gesang besteht zum Großteil aus einer Aneinanderkettung der verschiedensten Töne, mit denen sie sich verständigen. Ihre Sprache ist nicht sonderlich schwer zu verstehen, wenn man einmal das Grundprinzip begriffen hat. Ein Glück, das ich meine wahre Stimme benutzten kann. Es würde nur halb so viel Spaß machen, wenn ich mich wieder hätte zurück halten müssen. Aber es ist ja inzwischen bekannt, wie meine wirkliche Stimme klingt und so kann aus vollem Herzen mitsingen. Einer von ihnen erwies sich als besonders neugierig und schwamm so dicht vor uns, das ihn die Kinder ohne Probleme berühren konnten. Er scheint es verwunderlich zu finden, das ich in der Lage bin mit ihnen zu kommunizieren. Einige von den Kindern kitzelten ihn unter seiner Brustflosse und er gab ein paar zufriedene, quietschende Töne von sich. Unwillkürlich mußte ich lachen. Er hatte gefragt, ob alle diese Kinder von mir und Angel stammen.

"Sag mir jetzt nicht, das du sie verstehst." Angel schenkte mir ein ironisches Lächeln, das ich kurz erwiderte, bevor ich dem Wal und dann ihm antwortete.

"Natürlich! Ich habe nur vergessen, das ich es kann." Er gab ein lautes Seufzen von sich und zuckte ratlos mit den Schultern, als wollte er sagen, du wirst es mir garantiert nicht erklären und damit hat er vollkommen recht. Abwesend schenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder den Walen, die sich munter im weiten Blau tummelten. Wie lange ist es schon her, das ich zuletzt mit ihnen dort oben geschwommen bin? Dunkel erinnere ich mich daran, das es öfters getan haben muß...

Argh, verflucht noch mal! Diese Erinnerungsfetzen sind furchtbar! Ich muß wirklich machen, das ich hier verschwinde! Das Siegel wird immer schwächer und ich habe garantiert nicht vor es brechen zu lassen! Entschlossen drehte ich ihnen den Rücken zu, doch ein schriller Pfiff hinderte mich daran weiter zu gehen. Ich wirbelte augenblicklich herum.

"WAS?!" In die Wale ist urplötzlich Bewegung gekommen und die Ersten schwammen schon panisch davon. Aufgeregt zog der Rest vor uns hin und her. Ich hatte Mühe die wild durcheinander wirbelden, schrillen Töne zu verstehen. Sie wiederholten im Prinzip immer dasselbe.

...NÄHERT SICH... ...UNHEIL... SCHON GANZ NAH... ...GROSSE GEFAHR... ...IMMER NÄHER... ...FLIEHT... ...BRINGT... ...IN SICHERHEIT.... ...UNHEIL....

Ihre Panik ist mehr als nur deutlich zu erkennen. Ich kann sie mit jeder Faser meines Bewußtseins spüren. Doch ich kann mir nicht erklären, wovor sie Angst haben. Entschlossen beugte ich mich weit über die Brüstung und schrie in den aufkommenden Wind.

"Wovor? Wovor habt ihr solche Angst?" Wieder schollen mir die schrillen Töne entgegen, die mir in den Ohren weh taten und mich letzt endlich in die Knie zwangen.

...UNHEIL... DUNKLE SCHATTEN... ...SUCHEN ETWAS... ...GEFAHR DROHT...

"Ich verstehe das nicht! Sagt mir doch, was ihr meint." Ihr Gesang erhob sich immer weiter und die Kraft der Töne raubte mir fast den Atem. In meinem Kopf begann es zu pochen und ich legte schützende die Hände über meine Ohren, aber es brachte so gut wie nichts. Es wird immer schlimmer! Was ist bloß mit ihnen los?!

...SUCHEN... ...SCHATTEN SUCHEN DICH... ...GEFAHR... ...IMMER NÄHER... ...DUNKELHEIT UNTER ENGELN... ...HUNTER... ...UNS ALLEN DROHT GEFAHR...

Das Wort Hunter durchzuckte mich wie ein Blitzschlag. Sie sind auf dem Weg hierher und die Wale haben sie gespürt. Unglaublich, das sie schon so weit gekommen sind. Sie müssen schon sehr nah sein, wenn die Wale sie schon spüren können, aber noch lange nicht nah genug um mich zu finden.

"Angel! Shatiel! Bringt die Kinder hierweg! Schnell!" Ich schaffte es irgendwie gegen den schrillen Gesang der Wale anzukommen und schon konnte ich sehen, wie Shatiel damit begann die Kinder einzusammeln und wegzuführen. Allerdings nicht ohne mich dabei sichtlich verwirrt anzusehen. Erleichtert atmete ich auf. Damit sind sie vorläufig in Sicherheit. Mühsam kämpfte ich mich wieder auf die Beine. Der Gesang und der Wind nahmen mit dem Verschwinden der Wale immer mehr ab, doch es gelingt mir kaum noch stehenzubleiben. Zu sehr hat mich das alles mitgenommen. Plötzlich stand Angel neben mir und stützte mich.

"Was ist los? Warum waren sie plötzlich so aufgeregt?" Ich schüttelt den Kopf und zog ihn aus dem Wind in Richtung der umstehenden Gebäude. Wir müssen nun wirklich nicht wie auf dem Präsentierteller stehenbleiben. Endlich waren wir hinter einer Ecke und es herrschte fast Windstille. Aufatmend lehnte ich mich gegen die Wand. Das Sirren in meinem Kopf flaute allmählich ab. Puh, noch etwas länger und mein Hirn wäre Brei gewesen!

"Sie haben mich gewarnt. Irgend etwas Bedrohliches sucht nach mir." Er sah mich ziemlich besorgt an und ich mußte unwillkürlich lachen. Ein Engel, der sich Sorgen um mich macht! Genial! Wollen wir wetten, das ich weiß, an wenn er dabei denkt?

"Nein, es nicht Rociel-chan." Bingo! Sofort sieht man wieder die Fragezeichen bei ihm aufleuchten.

"Wir haben ganz andere Probleme und sollten uns langsam beeilen hier zu verschwinden." Und was für welche! Trotzdem hielt er mir erstmal einen Vortrag von wegen ich solle das alles nicht so verdammt locker nehmen und endlich mal den Ernst der Lage begreifen, den ich mürrisch unterbrach, denn mit jeder Minute die verstreicht näheren sich uns unaufhörlich die Hunter und wir sind so gut wie hilflos! Außerdem weiß ich selber, wie Ernst die Sache ist! Da er sich auch weiterhin strikt weigerte mir den Weg nach Sheol zu zeigen setzte ich alle meine Überredungskünste ein, um ihn dazu zu bewegen mich wenigsten wieder zurück Rociel zu bringen. Endlich gab er sich geschlagen und wir gingen los. Schon an der ersten Biegung fielen mir ein paar halb im Schatten verborgene Gestalten auf, die auf irgend etwas zu warten schienen. Ohne viel Federlesen zog ich Angel zurück und linste vorsichtig um die Ecke. Entsetzte zuckte ich zurück und drückte mich an die Wand. Hunter! Verdammt, das ist mehr als ein Dutzend! Aber was zum Henker machen die Leute aus Rociels Garde dazwischen? Am meisten schockiert mich allerdings, das Silberköpfchen mitten unter ihnen steht. Es gelang mir nur mit Mühe meinen Atem und Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Angel fragte nachdem das Wort Hunter gefallen war schon gar nicht mehr weiter nach, warum ich denn plötzlich so blaß sei. Er bedeutete mir ihm vorsichtig zu folgen und so schlichen wir durch ziemlich abgegelegene Gassen, bis wir vor einem halbverfallendem Gebäude stehen blieben. Dezent zog er mich hinter sich her ins Innere. Wir können von Glück reden, wenn das Ganze nicht über uns zusammenbricht!

"Versprich mir, das du über alles, was ab jetzt geschieht kein einziges Wort verlieren wirst! Niemanden gegenüber! Verstanden?" Ich verstehe es zwar nicht, aber ich nickte trotzdem. Was macht schon ein Geheimnis mehr oder weniger? Er zögerte noch einen Moment, doch dann betätigte er einen Mechanismus in der Wand. Zischend öffnete sich vor uns eine Tür und wir betraten den angrenzenden Raum. Ich stieß einen Pfiff aus. So viel High Tech auf einem Haufen und das in dieser Bruchbude! Not bad! Zielsicher betätigte er noch eine ganze Reihe an Hebeln und Schaltern und die Tür schloß sich wieder, während aus dem Boden eine runde Plattform hervorkam. In ziemlich knappen Worten, was darauf schließen läßt, das er so etwas öfter machte, erklärte er mir, das diese Plattform ein Teleporter sei und er mich damit zu Rociel zurückschicken würde. Die Funktionsweise von dem Ding ist mir zwar nach wie vor schleierhaft, aber ich stellte mich wie verlangt in die Mitte der Plattform. Er schärfte mir noch mals ein mich nur auf mein Ziel zu konzentrieren und dieses zu erreichen. Da ansonsten andere Kräfte versuchen würden mir zu schaden. Ich müßte mich deshalb auf jeden Fall beeilen. Was genau er damit meinte, oder was es letzt endlich bedeutete erklärte er mir natürlich nicht. Echt klasse! Das, was wirklich wichtig ist, läßt er weg! Schon mal was von lebenswichtigen Details gehört? Er hantierte wieder mit einigen Schaltern.

"Beam me up, Scotie!" Den Witz hat er nicht kapiert! Er guckte, als wenn ich ihm gerade seine Hose geklaut hätte. Kopfschüttelnd drückte er auf einen Schalter und schon baute sich rund um mich herum eine Lichtsäule auf, in der ich allmählich versank. Komisches Gefühl.

"Paß auf dich auf." Wirklich süß, wie besorgt er ist. Lächelnd winkte ich ihm zu.

"Mach ich! Grüß die Anima Mundi von mir!" Er wurde leichenblaß und sein Kinn hätte fast den Boden geküßt. Hat er mich wirklich für so dämlich gehalten, das ich mir das nicht zusammen reimen konnte? Es ist doch sonnenklar, das er dazu gehören muß und jetzt kann ich mir ganz sicher sein. Mehr sah ich von ihm allerdings nicht mehr, da mich ein starker Sog erfaßte und in die Dunkelheit schleuderte. Ganz schön merkwürdig dieses körperlose Gefühl. Man weiß nicht, ob man schwebt oder doch noch Boden unter den Füßen hat. Das gab sich allerdings relativ schnell wieder und ich spürte wieder so etwas ähnliches wie Boden unter meinen Füßen. Tja, und wo geht es jetzt lang? Vor mir alles Schwarz, hinter mir alles duster und neben mir sieht es auch nicht gerade besser aus. Mich deucht, da hat jemand vergessen mir einen Kompaß oder ähnliches mitzugeben. Wenn man nicht alles selber macht! Völlig lustlos spazierte ich erstmal eine Weile einfach der Nase nach. Was absolut nichts bringt, da die Umgebung sich in keinster Weise verändert! Wo zum Henker ist hier bloß der Ausgang oder ein Lichtschalter? Wie auf Kommando wurde es plötzlich strahlend hell. Okay, wer hat da den Lichtschalter gefunden?

*Du mußt dich beeilen.* Reiflich irritiert sah ich mich um. Wo kommt jetzt schon wieder diese Stimme her? Das wie vielte Mal ist das jetzt eigentlich?

*Beeil dich! Du mußt in die Wirklichkeit zurück kehren!* Jetzt hab ich es! Sie kommt von oben! Sofort hob ich den Blick und blickte in das atemberaubend schöne Antlitz eines Engels, von dem ich unmöglich sagen kann, ob er nun männlich oder weiblich ist. Die Definition ist ja selbst bei Rociel schwierig. Gehen wir also vorerst von männlich aus.

"Wer bist du schon wieder?" War das Einzige, was ich gerade noch herausbrachte. Zugegeben nicht gerade das Intelligentes und auch nicht sonderlich freundlich, aber mein Geduldsfaden ist ohne hin kaum noch vorhanden. In letzter Zeit habe ich einfach zu viele Engel in meiner Nähe gehabt. Eigentlich ist mein Bedarf gedeckt!

*Adam Kadmon.* Toll, und was bringt mir das jetzt? Erklärt das in irgend einer Weise, was er hier zu suchen hat? Erst jetzt fällt mir auf, das auf seinem Rücken sechs Schwingen befinden. Was auch nicht gerade dazu beiträgt, das ich seine Anwesenheit schätze.

"Verrätst du mir auch, warum ich mich beeilen soll?" Er ließ sich nicht provozieren und fuhr in einem völlig neutralen Tonfall fort. Ziemlich überraschender Zug für einen Engel. Normalerweise kriegen die immer direkt alles in den falschen Hals!

*Du bist in sehr großer Gefahr! Sie suchen schon nach dir!* Argh, warum immer diese Andeutungen?! Kann mir denn nicht ein einziges Mal jemand klipp und klar sagen, worum es eigentlich geht?!

"Ja, ja die Hunter. Aber die hängen gerade in den Slums fest." Auf seinem Gesicht zeigte sich so etwas wie Verwunderung. Echt, bis die hier sind bin ich schon dreimal weg.

*Du irrst dich. Ich meine nicht sie. Aber sie scheinen dir trotzdem Schwierigkeiten zu machen.* Wie soll ich denn das jetzt verstehen?! Soll das ein Vorwurf sein?! Was kann ich dafür, wenn die alle naselang versuchen mich umzubringen?! Soll ich sie etwa einfach so machen lassen?! Schließlich hänge ich an meinem Leben! Außerdem, was soll das heißen er meint nicht sie?! Hab ich etwa noch so was Anderes den Fersen kleben und weiß nichts davon?! Das ist aber ganz und gar nicht gut!

"Wahnsinns Erkenntnis! Hör mal, die allein reichen mir völlig! Ich muß davon nicht unbedingt noch mehr haben! Nur mal so aus Neugier, wenn meinst du denn?" Er schien sich köstlich zu amüsieren und lächelte leicht.

*Die dunklen Schatten, die hier umhergehen. Sie strecken sich dir schon entgegen, um dich für immer in die Dunkelheit zu ziehen.* Bitte?! In dieser Tinte sollen noch Schatten existieren?! Kann der mir mal erklären, wie man schwarz in schwarz erkennen soll?!

"Ach, weißt du ich wäre schon längst weg, wenn ich wüßte wo hier der Ausgang ist, oder mir jemand mal den Weg zeigen würde." Es scheint ihm wirklich absolut nichts auszumachen, wie ich mir ihm rede, denn sein Tonfall ändert sich nicht im Geringsten. Ist das überhaupt ein Engel? Er lächelte mich verständnisvoll an.

*Du hast dich kein bißchen verändert.* WAS?! Kennt der mich etwa? Jetzt klingeln bei mir die Alarmglocken, aber er ging nicht weiter darauf ein.

*Folge am Besten diesem Licht und du wirst den Ausgang ohne Probleme finden.* Häh? Ich versteh nur Bahnhof! Welches Licht? Lächelnd ließ er einen Lichtball zwischen seinen Händen entstehen, der an mir vorbei schwebte und in einiger Entfernung zum Stillstand kam.

"Dem Ding soll ich nach?!" Hat der noch nie was von Irrlichtern gehört?! Er nickte. Gut, einen Versuch ist es alle mal wert. Vielleicht finde ich ja so einen Ausgang. Seufzend gab ich ihm das zu verstehen.

*Paß gut auf dich auf, Kind der Erde.* Und, whoops ist er schon wieder verschwunden. Wer zum Henker war das nun?! Der Name sagt mir immer noch nichts! Muß mir nachher mal Rociel-chan krallen und ihn fragen. Eigentlich sollte er das doch wissen. Sollte man jedenfalls annehmen. Munter spazierte ich der Lichtkugel hinterher. Hoffentlich dauert das nicht solange, bis ich hier wieder raus komme. Keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist, aber plötzlich glaubte ich einer Sinnestäuschung erlegen zu sein. Da spazierte doch vor mir ein weißer Plüschhase vorbei und grüßte mich auch noch ganz freundlich! Bin ich jetzt im falschen Film, oder was? Das erinnert mich doch etwas zu sehr an Alice im Wunderland. Adam-, wie auch immer hat zwar gesagt, das ich immer schön brav dem Licht folgen soll, aber ein bißchen neugierig darf man doch sein, oder? Also ließ ich Licht, Licht sein und ging hinter dem Hasen her. Dieses Vieh habe ich doch schon mal irgendwo gesehen...

Abrupt blieb es stehen und ich wäre fast drüber gestolpert. Nur ist er plötzlich ganz weg! Das gibt es doch nicht! Suchend sah ich mich um, aber das Vieh ist weit und breit nicht zu entdecken! Es blieb auch weiterhin verschwunden. Allerdings fällt mir wieder ein, wo ich es schon einmal gesehen habe. Es ist das Plüschtier von diesem kleinen Engel, das ich aus dem Wasser gefischt habe. Wie heißt er noch gleich? Ach ja, Metatron und der Hase Mr. Rabbit oder so ähnlich. Es hat also doch ein Eigenleben. Ich habe mir das nicht eingebildet. Nachdem ich mir ziemlich sicher war, das es nicht wieder aufkreuzen würde machte ich mich auf den Rückweg in Richtung Lichtkugel, die inzwischen doch ganz gewaltig an Vorsprung gewonnen hat.

*Warum bist du mir gefolgt?* Augenblicklich fuhr ich herum, doch hinter mir stand niemand. Ganz ruhig, du bist nur etwas gestreßt, das legt sich wieder.

*Also warum?* Schon wieder! Diese Spielchen gehen mir allmählich ganz gewaltig auf den Keks! Das Ganze ging noch ein paar Mal so, bis sich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter legte. Vor lauter Schreck stieß ich erstmal einen leisen Schrei aus, bevor ich mich langsam umdrehte und in das freundlich lächelnde Gesicht eines vielleicht siebzehnjährigen, blonden Jungen sah. Puh, und ich habe gedacht ich fange langsam an durchzudrehen. Meine Nerven sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

*Sagst du mir jetzt, warum du mir gefolgt bist?* Ich war immer noch reiflich baff und erklärte ihm eigentlich nur, das ich einem weißen Hasen gefolgt bin und nicht ihm.

*Sicher?* Etwas an der Frage irritiert mich. Komischerweise gingen im selben Moment auch wieder sämtlich Alarmglocken bei mir los.

"Soll das etwa heißen, das du in diesem Hasen steckst?!" Er beantwortete meine Frage mit einem Nicken, bevor er sich vor meinen Augen in Nichts auflöste. Das Gefühl einer unmittelbaren Bedrohung wird immer stärker, doch ich habe keine Ahnung, wieso oder woher es kommt. Bevor ich Zeit hatte mich überhaupt darüber zu wundern, wurde die gesamte Umgebung zu Pudding. Auf einmal begann alles nur noch so vor sich hinzuschwabbeln. Keine Ahnung, was das Ganze verursachte, aber es schien es auf mich abgesehen zu haben. Ich habe das Gefühl, als versucht mich irgend etwas durch diesen Pudding hinunter zu ziehen. So schnell es ging rannte ich zurück zum Lichtball, der immer noch an derselben Stelle schwebte. Hoffentlich ist da auch wirklich der Ausgang! Auf noch mehr Überraschungen kann ich verzichten! Nicht, das dieses Teil da nur auf mich wartet! Das Vorwärtskommen wurde immer schwieriger, denn mit jedem einzelnen Schritt begann ich weiter in dem schwammigen Boden einzusinken. Inzwischen hat sich auch zusätzlich noch ein ziemlich unangenehmes Geräusch eingestellt, von dem ich nicht genau sagen kann, von wo es kommt. Es klingt fast wie der Aufschrei von jemanden, der furchtbare Qualen erleidet, denen er nicht entkommen kann. Dasselbe wird mir wahrscheinlich auch passieren, wenn ich mich nicht langsam beeile! Ich war fast am Lichtball angekommen, als sich eine Schlinge um meine Knöchel legte und ich der Länge nach hinfiel. Völlig überrascht sah ich hinter mich und der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Dort zeichnete sich der Umriß eine gigantischen Kopfes ab, dessen Gesicht völlig verzerrt war und an diesem Schädel saßen zusätzlich noch unzählige Schwingen. Auf der Stirn prangte ein riesiges Pentagramm. Was zur Hölle ist das?! Es kam immer schneller auf mich zu und ich beeilte mich freizukommen. Die Bedrohung ist jetzt fast schon körperlich spürbar. Das hat er vorhin also mit Schatten gemeint! Entsetzte mußte ich feststellen, das von diesem Kopf unzählige Stränge losen Gewebes herunterhingen, die alle ein Eigenleben zu führen schienen. Ein Teil davon hat sich schon um meine Beine gewickelt. So schnell es ging befreite ich mich daraus und mußte höllisch aufpassen mich nicht in dem Rest von dem Zeugs zu verhedderen. Kaum hatte ich das geschafft war ich auch schon wieder auf den Beinen und rannte weiter. Ich konnte spüren, wie es immer näher kam und auch die Schreie nahmen immer weiter zu. Allein der Gedanke diesem Etwas hilflos ausgeliefert zu sein spornte mich an. Der Lichtball wurde immer heller und schon konnte ich die Umrisse einer Tür erkennen. Fast habe ich es geschafft! Doch so leicht gab sich mein Verfolger nicht geschlagen. Er sorgte dafür, das ich gehörig ins Straucheln kam. Aus den Augenwinkeln sah ich die Gewebestränge auf mich zu schnellen und wich ihnen aus. Zu spät bemerkte ich, daß das nur eine Finte gewesen war und ich direkt in ein Netz aus ihnen taumelte. Ich verhedderte mich komplett darin. Nicht jetzt! Nicht jetzt, wo ich doch fast am Ziel bin! Die Stränge zogen sich immer weiter zusammen und engten mich mehr und mehr ein. Aber so leicht gebe ich nicht auf! Mit letzter Kraft gelang es mir mich zu befreien und mit einem Salto durch die Tür zu springen. Scheiße! Was ist das denn jetzt?! Fühlt sich an wie Gelee! Ich kann meinen Verfolger immer noch spüren, genau wie die Gewebestränge, die mir erneut bedrohlich nahe kommen. Zum Glück gab die Geleeschicht bald darauf nach und ich landete ziemlich unsanft auf dem Boden. Sofort hechtete ich weiter und drehte mich erst danach um und sah ihn kommen. Ohne zu zögern griff ich nach dem erstbesten Gegenstand und schleuderte ihn mitten in das Gesicht hinein. Mit lautem Klirren zerfiel es in tausend Stücke und ich stah nur noch auf den leeren Rahmen eines Spiegels. Was zu Hölle ist das gewesen?! Immer noch geschockt starrte ich die Überreste des Spiegels an.

"Shao?!" Na, das ist doch mal was vertrautes. Langsam drehte ich mich um. Hinter mir standen Rociel, Zaphikel, Sevi und die Type namens Dobiel. Völlig geschafft stand ich auf und klopfte mir einige Glassplitter aus den Klamotten. Ich habe es also geschafft! Zufrieden lächelte ich ihn an. Er wirkt sichtlich erleichtert. Im Gegensatz zu Sevi und Dobiel, denen mein plötzliches Auftauchen gar nicht zu passen scheint. Tja, Pech gehabt Jungs. Ich bin wieder da!

"Shao-san wo hast du die ganze Zeit gesteckt?" Die Frage kam von Zaphikel. Er sieht ja um etliches erleichtert aus. Haben die sich etwa Sorgen um ich gemacht? Wär ja mal was ganz Neues.

"Irgendwo in den Slums oder so was ähnliches. Keine Ahnung, wo genau." Der Schreck von vorhin sitzt mir immer noch in den Gliedern, aber es geht langsam wieder. Wenigstens zittere ich nicht mehr. Man, was tut mir der Schädel weh! Vorsichtig massierte ich mir die Schläfen und musterte noch einmal die Runde. Irgend etwas daran beunruhigt mich. Vor allem die Blicke, die Sevi und Dobiel tauschen verunsichern mich. Zum ersten Mal bin ich froh Rociel in meiner Nähe zu haben.

"Ah, ihr habt sie gefunden!" Diese Stimme sorgte dafür, das ich augenblicklich zu einer Statue gefror. Das kann einfach nicht wahr sein! Ich habe mir doch solche Mühe gegeben!

"Alles in Ordnung! Ihr könnt die Suche abblasen!" So langsam wie möglich wendete ich den Blick und erkannte Silberköpfchen wieder, der gerade dabei war zig Mitglieder aus Rociels Garde zurück zu pfeifen. Lächelnd drehte er sich zu mir um.

"Ein Glück, das ihr nichts weiter passiert ist! Wir haben schon fast geglaubt sie für immer verloren zu haben, als wir den zerstörten Teleporter fanden." Instinktiv suchte ich Schutz hinter Rociel, der davon wahrscheinlich genauso irritiert ist wie ich, aber er sagte nichts weiter. Zufrieden nickend machte Silberköpfchen eine Abgang und ich atmete erleichtert auf. Er scheint genau zu wissen, das er momenten schlechte Karte hat. Nur für wie lange?

"Wie bist du eigentlich hierher gekommen?" Die Frage ist jawohl nicht ernst gemeint, oder?! Wer war denn die Pappnase, die mich hierher schleppen mußte und meinte ich müßte unbedingt hierbleiben? Ich garantiert nicht!

"Rociel-chan!" Der Vorwurf in meiner Stimme war nicht mehr zu überhören, doch er lächelte nur sanft. Sofort spürte ich wieder dieses angenehme Kribbeln im Bauch. Verdammt! Das habe ich doch fast vergessen! Ich sollte unbedingt etwas dagegen tun! Nervös fuhr ich mir mit den Händen durch die Haare und rollte sie zu einem Zopf zusammen. Was mach ich nur, wenn er das merkt?!

"Hast du dich etwa verletzt?" Dobiels Blick lag triumphierend auf dem Verband an meiner rechten Hand. Ich ersparte uns beiden die Antwort darauf und begegnete seinem Blick eisig.

"Laß das! Wir müssen beeilen!" Augenblicklich ging Dobiel wieder auf Distanz, allerdings nicht ohne mich weiterhin abwertend anzusehen. Huh?! Sevi ergreift Partei für mich?! Seit wann mag der mich?! Und wieso zum Henker muß sich hier irgend jemand überhaupt beeilen?! Fragend sah ich Rociel an, der sich aber auch zu keiner weiteren Erklärung herabließ. Wie immer!

"Wir können sie unmöglich mitnehmen!" Hallo, ich bin auch noch da! Erklärt mir vielleicht mal einer, worum es eigentlich geht?

"Mach dich nicht lächerlich Zaphikel! Sie hat bisher überlebt, also wird ihr das auch nicht schaden!" Wieder grinste mich Sevi höchst zufrieden an. Oh ja, hier stimmt 'ne ganze Menge nicht! Ich zupfte Rociel leicht am Ärmel.

"Das ist jetzt vielleicht 'ne blöde Frage, aber worum zum Henker geht es eigentlich?" Sein klarer Blick lag für einen kurzen Augenblick abschätzend auf mir, bevor er antwortete.

"Du sollst bei einem 'Wing cutting' anwesend sein." Flüsternd wiederholte ich noch einmal das Wort 'Wing cutting', aber mir fiel nichts weiter dazu ein. Fragend sah ich ihn an und er zuckte nur mit den Schultern. Was in etwa so viel heißt, wie frag nicht weiter. Toll, also keine weitere Erklärung! Allerdings ging jetzt die Debatte los, ob man einen Menschen überhaupt zu lassen sollte, da auch schon Engel einen besonderen Status brauchten, um anwesend sein zu dürfen. Also, wenn es nach mir geht, ich lege absolut keinen Wert darauf! Aber mich fragt ja wieder keiner! Außerdem interessiert es mich nicht sonderlich, da sich inzwischen die letzten Aktionen bemerkbar machen und ich doch ziemlich erleichtert über die kurze Atempause bin. Ich ließ mich gegen eine Wand sinken und wartete ab, bis sie sich einig werden würden. Man, ich habe das Gefühl am ganzen Körper verletzt zu sein! Mir tut jeder einzelne Knochen weh! Um meine Beine zu entlasten ließ ich mich auf den Boden rutschen und legte den Kopf zurück! Bis die sich einig werden können Stunden vergehen! Shit, und ich komme hier nicht weg! Entnervt schloß ich die Augen und versuchte ein bißchen innere Ruhe zu finden. Ich muß wohl eingeschlafen sein, denn als mich plötzlich jemand äußerst unsanft anstubste bekam ich fast einen Herzinfarkt. Mal ganz abgesehen davon, das ich schon wieder keinen Plan habe, wo ich mich jetzt schon wieder befinde. Oh man, das nervt mich vielleicht! Ich will endlich 'ne Pause!

"Ist das immer so schwierig dich zu wecken?" Mürrisch drehte ich den Kopf zur Seite und sah direkt in Rociels Gesicht. Super, also noch mal von vorne!

"Nein!" Mit einem Ruck setzte ich mich auf und bin doch reiflich verblüfft über die Tatsache, das ich in einem Bett liege, mit nichts weiter an, als einem weißem Seidennachthemd. Das auch nicht gerade sonderlich viel verhüllt, da der Stoff halb durchsichtig ist! Ich ersparte es mir danach zu fragen, wie ich in dieses Teil gekommen war und stand auf. Das Ding reichte mir gerade mal so bis an die Knie!

"Beeil dich mit dem Umziehen! Wir sind schon verdammt spät dran." Sichtlich verwirrt sah ich ihn an. Weshalb zu spät?! Haben wir noch was vor?! Ich denke, er bringt mich nicht nach Sheol. Seufzend verwarf ich die Idee wieder ihn zu fragen, was er meint. Ich werde eh keine zufrieden stellende Antwort erhalten. Ich erfahre es bestimmt auch so.

"Und was soll ich deiner Meinung nach anziehen?" Lächelnd wies er auf einen Schrank hinter mir, den ich folgsam öffnete. In ihm befand sich nur ein einziges Kleid. Das bei mir nicht gerade für Begeisterungsstürme sorgt.

"Das ist nicht dein Ernst!" Es ist das Kleid von gestern und ich habe garantiert nicht vor in diesem Fummel rumzulaufen. Er lächelte zu frieden vor sich hin. Oh nein, vergiß das lieber mal ganz schnell! Eher laufe ich so durch die Gegend!

"Willst du etwa SO gehen?" Er deutete mit einer Hand auf das Nachthemd. Jetzt reicht es mir! Ich will mich ja eigentlich nicht schon wieder mit ihm anlegen, aber er gönnt es mir ja nicht.

"Warum nicht?! Schadet doch keinem!" Er brach in schallendes Gelächter aus und rief nach einer der Sisters, die auch prompt erschien und ein neues Outfit für mich mitschleppte. Nicht gerade sonderlich begeistert nahm ich ihr das Teil ab. Klasse, eine Uniform von Rociels Gardemitgliedern, aber doch erheblich besser, als dieses Kleid da! Braucht der etwa 'nen neuen Bodyguard? Achtlos streifte ich das Nachthemd über den Kopf, als mir einfiel, das Rociel garantiert immer noch im Raum steht und bestimmt nicht verschwinden wird. Allerdings habe ich auch keinen Nerv das zu kontrollieren, da ich gerade so schön mit dem Rücken zu ihm stehe und ihn nicht ansehen muß. Verblüfft stellte ich fest, das ich unter dem Nachthemd neben dem Höschen auch einen dazu passenden BH trug. Ich will jetzt nicht wissen, wie er das gemacht hat! Das kann ich mir nur zu gut vorstellen! Ziemlich zügig schlüpfte ich in die Uniform, die wie für mich gemacht zu sein scheint. Sie paßt sich den Konturen meines Körpers hervorragend an. Gelassen glättetet ich noch ein paar Falten, bevor ich mir den dazugehörigen Umhang über die Schultern warf.

"Na, wie seh ich aus?" Fragend drehte ich mich um, doch da stand niemand. Jetzt bin ich irritiert. Wo ist er denn abgeblieben?! Suchend sah ich mich in dem Raum um, aber von ihm war weit und breit keine Spur zu entdecken. Zielsicher machte ich mich daran die Wände abzutasten, da ich mir ziemlich sicher bin, das er nicht die Tür benutzt hat. Aber es ist absolut nichts zu finden. Nervös ließ ich mich auf das Bett fallen. Was hat das jetzt schon wieder zu bedeuten? Da stimmt doch was nicht! Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür und Rociel trat wieder in den Raum. Völlig verblüfft starrte ich ihn an. Wozu hat der sich denn so rausgeputzt?! Es ist nicht zu übersehen, das er eine Galauniform trägt, deren Goldtresen im Licht schimmern. Er musterte mich gründlich und unter seinem Blick wird mir abwechselnd warm und kalt. Schließlich nickte er sichtlich zufrieden und winkte mir ihm zu folgen. Was soll's? Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt ohne Erklärungen auszukommen. Folgsam trabte ich hinter ihm her. Bin mal gespannt, was mich nun schon wieder erwartet. So lange es keine Hunter sind kann ich damit leben! Wir durchquerten einige angrenzende Räume und ich kann immer noch nicht mit Sicherheit sagen, wo genau wir uns eigentlich befinden, bevor er stehenblieb und mich anwies in einem Sessel Platz zu nehmen. Reiflich ungeduldig rief er wieder nach einer der Sisters und bedeutete ihr mit einer mürrischen Geste, das sie sich um meine Haare kümmern solle. Sofort fing sie an sie zu kämmen und nach einander hochzustecken. Gelassen nahm er mir gegenüber Platz und sah mich abschätzend an, ohne einen Ton von sich zu geben, also bin ich wieder dran mit dem Small Talk. Warum tue ich mir das hier überhaupt noch an? Ich will endlich ein Bett und mich ausruhen!

"Wozu der ganze Aufwand?" Ich deutete kurz hinter mich, aber es kam keine Reaktion von ihm. Toll, spielen wir also wieder Schweigen im Walde! Wenigstens haben sich inzwischen die Schmerzen auf ein erträgliches Minimum reduziert.

"Ich frage mich..." Ah, schau an, er ist der Sprache mächtig.

"...wer du wirklich bist." Völlig fassungslos starrte ich ihn an. Er kann unmöglich dahinter gekommen sein!

"Wer kannst du bloß sein, das sich ein Engel dazu veranlaßt fühlt dich zu beschützen?" Bei mir leuchten jetzt garantiert ein halbes Dutzend Fragezeichen auf. Was zum Henker meint er? Es scheint ihn nicht weiter zu verwundern, das ich ihm nicht antworte, denn er bleibt völlig ruhig. Lächelnd griff er in die Innentasche seines Mantels und hielt mir seine geschlossene Faust entgegen, die er langsam öffnete.

"Kannst du mir sagen, woher die stammt?" Ich konnte spüren, wie ich blaß wurde. In seiner Hand lag eine einzelne Feder, die im Licht silbergrau schimmerte. Wo hat er die denn her?! Sichtlich zufrieden ließ er sie auf den Tisch zwischen uns fallen. Ich konnte den Blick nicht mehr von ihr abwenden, bis sie auf der Tischplatte landete und dort liegen blieb.

"Wo hast du die her?" Brachte ich kaum hörbar über die Lippen. Zufrieden lehnte er sich zurück und beobachtete mich wissend. Was, wenn er sie analysiert hat? Was, wenn er über alles Bescheid weiß? Langsam gerate ich in Panik, aber ich gab mir große Mühe mir nichts nach außen hin anmerken zu lassen. Er wird nur unnötig Verdacht schöpfen und mich mit Fragen nerven.

"Raziel hat sie mir gegeben." Ich sog scharf die Luft ein. Der Kleine ist noch bei Bewußtsein gewesen?! Wenn er mich so gesehen hat kann ich einpacken!

"Weißt du er erzählte mir, das er von einem graugeflügelten Engel gerettet worden sei, den er noch nie zuvor gesehen hat." Erleichtert atmete ich auf. Er hat mich also nicht erkannt. Puh, noch mal Glück gehabt! Allerdings gefällt mir Rociels Grinsen immer noch nicht.

"Also, wer ist dieser Engel? Ich weiß, das du ihn kennst!" Völlig verblüfft starrte ich ihn an. Er erwartet doch wohl hoffentlich keine Antwort von mir! Ich brauche nämlich noch mindestens fünf Minuten, um mir eine auszudenken! Ziemlich unfreundlich fuhr er das Mädel an, das sie endlich verschwinden und uns allein lassen solle. Ehrlich gesagt habe ich schon gar nicht mehr daran gedacht, das sie noch immer hinter mir steht. Ich habe inzwischen auch ganz andere Probleme. Erst danach begann er weiter nach zu hacken.

"Es ist Remiriel gewesen nicht wahr?" Augenblicklich entglitten mir sämtliche Gesichtszüge. Wieviel weiß er eigentlich?!

"Woher kennst du diesen Namen?!" Ich weiß, das ich inzwischen leichenblaß sein muß und meine Stimme ist auch kaum noch zu hören. Er weiß verdammt viel! Viel zu viel! Triumphierend sah er mich an. Ihm scheint die Sache zu gefallen, was man von mir nicht gerade behaupten kann. Ich fühle mich ganz schön in die Enge getrieben!

"Du redest im Schlaf." Ich sprang auf. Kann es sein, das ich mich selbst verraten habe? Das war's, wenn ich nicht bald hier wegkomme, wird das Siegel unter Garantie brechen, ob ich es nun will oder nicht!

"Also, wer ist er? Dein Schutzengel?" Verzweifelt suchte ich nach einer Möglichkeit ihm diese Frage nicht zu beantworten, aber es gibt keine. Jeder Versuch Auszuweichen wird ihn nur noch mißtrauischer machen. Ich werde ihm antworten müssen. Es ist wirklich das kleinere Übel, wenn ich ihm etwas von der Wahrheit erzähle, bevor er selbst anfängt nachzuforschen und vielleicht alles herausfindet. So kann ich die Sache wenigstens kontrollieren. Allerdings heißt das nicht, das ich nicht ein paar Tatsachen verdrehen darf!

"So ähnlich." Langsam setzte ich mich wieder hin und ließ mich zurück sinken. Mir ist klar, das er sich damit nicht zufrieden geben wird und genauso ist es auch.

"Er war es, der dir das Kreuz gegeben hat." Diese einfache Feststellung von ihm ließ mich zusammen zucken und ich tastete ich instinktiv nach dem Kreuz, bis ich es unter der Uniform spüren konnte. Er ist verdammt dicht dran! Dieses Spielchen hier ist verdammt gefährlich und kann leicht nach hinten losgehen! Ich nickte nur und sah wieder auf die Feder. Warum bin ich nicht vorsichtiger gewesen?! Er hätte sie niemals finden dürfen!

"Wieso?" Ich zögerte etwas, bevor ich ihm antwortete. Nur ein falsches Wort und er wird mich so lange mit Fragen bombardieren, bis ich ihm alles erzählte.

"Sagen wir einfach er schuldete mir noch etwas." Sofort wurde sein Gesichtsausdruck ziemlich nachdenklich, bevor er reagierte. Puh, er scheint es geschluckt zu haben.

"Und jetzt seit ihr quitt?" Er klingt nicht sonderlich überzeugt davon. Doch ich habe nicht vor dieses Thema noch weiter zu erörtern.

"Ja, und jetzt wird er nie wieder auftauchen, um mir zu helfen. Von jetzt an bin auf auf mich allein gestellt!" Und das entspricht ausnahmsweise auch mal der Wahrheit, denn sollte ich nur noch ein einziges Mal meine Kräfte einsetzen, dann wird das Siegel brechen. Ich muß verdammt gut aufpassen! Rociel scheint immer noch leicht zu zweifeln, aber irgend etwas hält ihn davon ab mich weiter zu fragen. Stattdessen machten wir uns auf den Weg zu dem 'Wing cutting'. Wieder habe ich das Gefühl, das mich irgend etwas bedroht und rückte näher an ihn heran. Seltsamerweise fühle ich mich in seiner Nähe relativ sicher. Um ihm zuvor zu kommen begann ich ein Gespräch. Nicht, das er noch auf die Idee kommt ich würde ihn mögen. Das ist das Letzte, was ich will!

"Rociel-chan, was ist eigentlich dieses 'Wing cutting'?" Völlig verblüfft sah er mich an. Was denn? Seh ich aus wie jemand, der darüber bescheid weiß? Hey, ich bin schließlich auch nur ein Mensch!

"Eine Bestrafung für unbeugsame Engel. Aber ich dachte, du wüßtest das." Ich schüttelte den Kopf. Woher denn? In Assia passiert so was ja nicht. Ich wollte ihn gerade um eine etwas genauer Erklärung bitten, als vor uns ein Engel auftauchte, der gerade dabei war sich an eine der Sisters ranzumachen. Obwohl, so wie er sie an die Wand drückt sieht das eher nach etwas ganz Anderem aus. Der geht ja ganz schön ran! Das Mädel kann einem leid tun. Sie weiß ja schon nicht mehr, wie sie seinen Händen ausweichen soll.

"Ah Raphael! Wie immer bei der Arbeit!" Der spöttische Unterton in Rociels Stimme ist nicht mehr zu überhören. Verlegen löste der Angesprochene sich von dem Mädel, das sofort die Flucht ergriff. Clever!

"Ihr wißt doch selbst, wie wenig Zeit mir für Vergnügen bleibt, Rociel-sama." Klingt ja ziemlich höflich. Obwohl, eigentlich sind das alle Engel, wenn sie Rociel begegnen. Warum wundere ich mich überhaupt noch? Allerdings sah er direkt an Rociel vorbei auf mich und schenkte mir ein umwerfendes Lächeln. Bei dem seine klaren, blauen Augen verführerisch auf blitzten. Sieht ja nicht schlecht aus der Knabe. Blond, blauäugig und ziemlich gut gebaut. Im Prinzip ein Idealbild von einem Mann, wenn er kein Engel wäre! Rociel bemerkte seinen Blick und legte demonstrativ seinen Arm um meine Hüfte. Sofort machte Raphael einen kleinen Rückzieher, aber nur einen ganz kleinen. Mir scheint, das er ein bißchen viel Hormone in seinem Blut hat.

"Wahrscheinlich immer noch viel zu viel!" Die beiden sahen sich für einen Moment eisig an und brachen dann ich schallendes Gelächter aus. Engel! Ich werde sie nie verstehen! Mit einer Verbeugung kündigte Raphael seinen Abschied an, allerdings nicht, ohne mir vorher noch einen Handkuß zu verpassen.

"Auf Wiedersehen Madame. Wir werden uns bestimmt bald wieder begegnen." Ich sparte mir jeglichen Kommentar darauf. Der soll seine Hormomprobleme mal schön alleine lösen. Er ging ziemlich dicht an mir vorbei und als er auf Höhe meiner Ohren war flüsterte er.

"Heute nacht werde ich mich um deine Wunden kümmern." Und das in einem Tonfall, denn man einfach nicht falsch verstehen kann. Er schenkte mir ein schelmisches Grinsen und ging weiter. Ich stand kurz davor ihm einfach etwas an den Kopf zu schmeißen, aber Rociel hinderte mich daran, in dem er mich näher zu sich heran zog. Sofort schoß mir das Blut in die Wangen, als ich seinen Atem in meinem Nacken spürte.

"Laß ihn! Es ist die Mühe nicht wert. Er macht das mit allen weiblichen Wesen." Das der Kerl ein Schürzenjäger ist ist mir auch schon aufgefallen! Normalerweise hätte ich dazu auch direkt einen passenden Konter gehabt, aber die ganze Situation ist so konfus, das mir absolut nichts eingefallen ist. Vorsichtig versuchte ich mich wieder aus Rociels Griff zu befreien. Diese plötzliche Nähe macht mich total kribbelig!

"Kann sein." Er ließ mich einfach nicht los und so gingen wir schließlich weiter ohne, das er seine Hände von mir nahm. Diese plötzliche Anwandlung von Beschützerinstinkt seinerseits verwirrt mich noch völlig! Zwischendurch trafen wir auf Zaphikel, den ich verwundert fragte, wo denn Raziel sei, da ich eigentlich erwartete hatte ihm ebenfalls wiederzubegegnen. Er erklärte mir in ziemlich knappen Worten, das ein 'Wing cutting' nichts für so junge Engel sei. Netterweise erklärte er mir auch direkt wieso. Beim 'Wing cutting' werden Engel ihrer Flügel beraubt, das heißt im Klartext, sie werden ihnen abgeschnitten. Daher auch der Name 'Wing cutting'. Da die Flügel zugleich die empfindlichste Stelle bei Engeln und das Zentrum ihrer Astralkraft darstellen ist es auch die grausamste Bestrafung, die es für Engel überhaupt gibt. Ihrer Astralkräfte beraubt verlieren Engel ihre Seele und werden zu einer Art seelenloser Ghoul, wobei ihre Seele allerdings immer noch im Körper gefangen ist. Nur wenn man sie bevor die endgültige Verwandlung stattfindet tödlich verwundet, kann ihre Seele Frieden finden. Ansonsten ist sie dazu verdammt bis in alle Ewigkeit umherzuirren und unvorstellbare Qualen zu erleiden. Völlig verblüfft fragte ich Zaphikel warum sie denn nicht zu Menschen werden würden, so wie es in den verschiedensten Büchern steht. Er begann zu lachen, ebenso Rociel. Was ist daran so lustig?! Es steht da doch so!

"Dann wäre es ja keine Bestrafung mehr. Nein, das was du meinst ist reines Wunschdenken! Irgendwer hat den Menschen mal diese idiotische Idee in den Kopf gesetzt und sie haben sie auch nie bezweifelt." Ist ja ziemlich herb. Ich bin eigentlich auch immer dieser Überzeugung gewesen. So kann man sich irren! Gemeinsam gingen wir weiter und blieben vor einem riesigen Portal stehen. Etwas in mir warnte mich davor nicht hindurch zu gehen, aber ich tat es als Einbildung ab. Schließlich habe ich in letzter Zeit doch ein bißchen zu viel erlebt. Kurze Zeit später gesellten sich auch Sevi und Dobiel zu uns. Auf deren Gesellschaft ich gut und gerne verzichten könnte. Warum werde ich hier eigentlich dauernd ignoriert?!

"Bist du dir sicher, das er eine gute Idee ist sie mitzunehmen?" Zaphikel hatte geflüstert, so das nur Rociel und ich ihn hören konnten. Hallo, es ist ein bißchen spät, um sich darüber noch Gedanken zu machen.

"Mir bleibt keine andere Wahl. Das hohe Konzil besteht darauf." Seufzend nickte Zaphikel und öffnete das Portal. Dahinter war es wesentlich heller und uns klangen lateinische Gesänge entgegen. Ohne zu wissen warum machte ich einen Schritt zurück, wodurch ich gegen Rociel stieß. Verflucht! Was ist das nur?

"Was hast du?" Er sah mich verwundert an.

"Weiß nicht. Es ist nur so ein Gefühl." Kopfschüttelnd ging er an mir vorbei und trat ein. Ebenso die Anderen, die ihm folgten. Immer noch unschlüssig blieb ich vor dem Portal stehen. Woher kommt bloß dieses plötzliche Gefühl in eine Falle gelaufen zu sein? Mir ist, als könnte ich die Bedrohung körperlich spüren. Etwas von dem, was hinter diesen Türen liegt jagt mir Angst ein. Ich kann mich einfach nicht dazu überwinden die Füße zu heben und ebenfalls einzutreten. Es ist fast so, als hätte sich vor mir eine unsichtbare Wand aufgebaut, die mich am weiterkommen hinderte. Die Anderen hatten mein Fehlen bemerkt und kamen wieder zurück.

"Was ist? Warum kommst du nicht?" Tja, das ist eine verdammt gute Frage Rociel-chan. Ich habe gelernt auf meine innere Stimme zu hören und sie warnt mich immer noch unaufhörlich davor weiterzugehen. Auch, wenn ich nicht weiß wieso.

"Ich kann nicht weitergehen." Er seufzte kurz, bevor er seinen Arm erneut um meine Hüfte schlang und mich hoch hob.

"Hey! So war das nicht gemeint!" Lachend trug er mich durch das Portal und ließ mich erst wieder los, als wir in einer Art Loge ankamen. Oh man ist mir das peinlich! Er unterhielt sich noch etwas mit den anderen Drei und ich nutzte die Gelegenheit, um mich um zusehen. Es ist nichts mehr von einer Bedrohung zu spüren, also doch nur Einbildung! Mein Blick fiel auf eine Wand, die über und über mit Ornamenten übersät war, an der auch ein riesiges Fallbeil befestigt ist. Ich ahne nur zu gut, wofür es dort hängt. Ich wollte den Blick gerade abwenden, als mich etwas an dieser Wand fesselte. Zuerst glaubte ich an eine Sinnestäuschung, da das Licht nicht mehr das allerbeste war, als sich auf der Wand dunkle Flecken bildeten. Doch sie wurden von mal zu mal größer, bis sie schließlich fast die gesamte Wand bedeckten und in sich langsam bildeten Tropfen zu Boden fielen. Ich traute meinen Augen nicht. Das ist Blut! Es wird immer mehr! Auch die Schneide des Beils ist inzwischen von zahlreichen roten Schlieren übersät. Entsetzt wich ich zurück und stieß dabei einen Stuhl um, der laut polternd zu Boden fiel.

"Shao, was ist bloß los mit dir?" Zitternd wies ich auf die Wand, aber sie ist wieder vollkommen sauber. Drehe ich langsam durch?! Mir bebender Stimme versuchte ich Rociel klarzumachen, das die Wand vor circa zwei Sekunden noch völlig mit Blut bedeckt gewesen ist. Ich erntete nur ein Kopfschütteln von sämtlichen Beteiligten. Die Anderen verteilten sich bald darauf in verschiedenen Logen und mir fielen zwei Dinge auf. Der äußerst besorgte Blick von Zaphikel und die höchst zufriedenden Gesichter von Sevi und Dobiel. Beides sorgt nicht gerade dafür, das ich mich wohler fühle. Lächelnd führte Rociel mich zu einem Stuhl vor dem ich wie angewurzelt stehenblieb. Alles in mir schreit plötzlich danach so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

"Was hast du nur? Du siehst aus, als würde man dich zu deiner Hinrichtung führen." Ich kann seine Stimme fast nicht mich hören, da die lateinischen Gesänge inzwischen unerträglich laut geworden sind. Schützend legte ich die Hände über die Ohren und drückte mich gegen eine Wand, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Was geht hier bloß vor?! Überrascht sah Rociel mich an. Verdammt ich hasse es, wenn er recht hat!

"Alles in Ordnung? Du siehst nicht gut aus." Ich versuchte ihm zu antworten, doch meine Stimme gehorchte mir nicht. Langsam kam er auf mich zu und ich fühlte mich immer mehr wie eine Maus in der Falle. Vorsichtig nahm er meine Hände und führte sie von meinen Ohren weg. Erst jetzt merkte ich wie sehr ich zitterte. Langsam zog er mich von der Wand weg und achtete darauf, das ich nicht doch noch fiel. Inzwischen weiß ich schon nicht mehr, ob ich noch Beine habe oder nur noch Pudding. Mein Blick glitt von der Loge hinunter und ich erkannte im Halbdunkel einige Priester, die immer wieder denselben monotonen Gesang wiederholten. Gemächlich schritten sie auf eine angrenzend Tür zu und öffneten sie ohne, das dabei ein anderes Geräusch zu hören gewesen wäre als ihr Gesang. Durch die Tür wurde ein gefesselter Engel hereingeführt, der schon mehr tot als lebendig wirkte. Seine weißen Schwingen sind brutal auseinander gerissen worden, bevor man sie mit tief einschneidenden Lederiemen zusammengeschnürt hatte. Sie waren bedeckt von seinem Blut. Er hielt den Kopf gesenkt, aber selbst von hier oben kann man ohne Probleme erkennen, das wahrscheinlich keine Stelle seines Körpers unverwundet ist. Fassungslos starrte ich hinunter. Sein Gesicht wurde fast völlig durch seine langen Haare bedeckt. Kaum merklich hatte Rociel meine Hände losgelassen und folgte nun ebenfalls dem Schauspiel. Die Priester schritten um den Engel herum und murmelten verschiedene Sätze in Latein, bis einer von ihnen eine Schere hervor zog und dem gefesslten Engel die Haare abschnitt. Achtlos warf er sie hinter sich. Danach zwangen sie ihn den Kopf zu heben. Erst jetzt erkenne ich, das er hellbraune Haare hat. Ich versuchte einen Blick auf sein jetzt ungeschütztes Gesicht zu werfen und plötzlich sah ich in zwei strahlend grüne Augen. Das kann einfach nicht sein! Ich stöhnte auf.

"Remiriel!" Ich konnte mich bisher an nichts weiter als diesen Namen erinnern und doch habe ich ihn sofort wiedererkannt. Eine Welle von den unterschiedlichsten Gefühlen brach über mich herein.

Remiriel, der tief versunken in einem Buch liest.

Remiriel, der mit einem Picknick auf mich wartet.

Remiriel, der träumend in der Sonne liegt.

Remiriel, der mich leidenschaftlich küßt.

Remiriel, der immer für mich da ist, wenn ich einen Freund brauche.

Remiriel, den ich über alles liebe!

Diese Erkenntnis kam zu plötzlich. Wie von einem schweren Hieb getroffen sackte ich zusammen. Wie kann das sein? Solche Gefühle für einen Engel?! Mir ist das völlig unbegreiflich! Warum sollte ich jemanden, der mir so viel bedeutet einfach so vergessen? Und warum ausgerechnet ein Engel? Ich erstarrte innerlich, als sie ihn zur Wand fürchten und daran festbanden. Mir ist, als würde man mir mein Herz zerreißen. Er sah direkt zu mir hinauf und seine Lippen formten nur ein einziges Wort:

FLIEH!

Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Das kann er nicht verlangen! Kaum hörbar flüsterte ich eine Antwort.

"Nein! Niemals! Ich lasse dich nicht im Stich! Nicht dieses Mal!" Er scheint mich gehört zu haben, denn seine Augen weiteten sich und er schüttelte traurig den Kopf. Bitte, versteh mich doch! Ich will dich nicht verlieren! Langsam entfernten sich die Priester wieder von ihm und verfielen erneut in ihren Gesang. Ich stand wieder auf und beugte mich leicht über die Brüstung. Es wird nicht mehr lange dauern und das Beil wird ohne Vorwarnung hinuntersausen und ihn für immer der Verdammnis übergeben. Ohne groß zu überlegen schwang ich mich über die Brüstung und landete mitten unter den Priestern. Sofort stürzten sie sich auf mich und hinderten mich am Vorwärtskommen. So gut es ging wich ich ihnen uns, aber ich komme nicht schnell genug voran! Immer wieder schaffen sie es mich aufzuhalten.

"Verdammt! Laßt mich los! Ihr dürft das nicht tun!" Sie antworteten mir nicht, sondern drückten mich immer weiter zurück, bis mich schließlich zwei von ihnen festumklammert hielten. Entsetzt stellte ich fest, das einer der Priester seine Hand schon auf dem Mechanismus hatte. Verzweifelt wand ich mich in ihrem Griff hin und her.

"NEIN!" Doch er hatte ihn schon betätigt. Mit einem lauten Sirren rutschte die Schneide hinunter und ein markerschütternder Schrei gellte durch den Raum. Für eine Sekunde war ich so gut wie gelähmt. Sie haben ihm seine Flügel genommen und jetzt gibt es nur noch eine Möglichkeit ihn zu retten. Entschlossen befreite ich mich aus dem Griff meiner Wächter und rannte auf ihn zu. Ich muß ihn erreichen, bevor die Verwandlung einsetzt! Immer wieder griffen Hände nach mir, doch ich entkam ihnen. Ohne zu Zögern griff ich nach der Schere auf dem Altar und lief weiter. Ich darf nicht zu lassen, das sich die Verwandlung vollzieht! Die Wand war jetzt ebenso wie die Klinge des Beils über und über mit Blutstreifen bedeckt. Ein paar Priester hatten ihn schon wieder auf die Beine gezogen und sahen mich völlig überrascht an, als ich an ihnen vorbei die Schere in sein Herz sausen ließ. Augenblicklich taumelte er getroffen zurück und starrte mich fassungslos an. Aus seinem Mund quoll ein dünner Blutstrom. Sein fassungsloser Blick zerreißt mich fast! Bitte verzeih mir, aber das ist die einzige Möglichkeit, die noch übrig geblieben ist.

"Wieso?" Die Tränen zurückhaltend kniete ich mich neben ihn und half ihm sich gegen die Wand zu lehnen, in der sich immer noch die Überreste seiner Schwingen befanden. Der Anblick genügt um mir Stiche zu versetzen.

"Ich konnte es einfach nicht zulassen." Er lächelte leicht, bevor er vorsichtig nach der Schere in seiner Brust tastete und sie dann heraus zog. Verächtlich warf er sie weg. Das Blut hatte in seinem Gesicht Spuren hinterlassen, die ich vorsichtig mit einer Hand wegwischte.

"Dann solltest du auch zu Ende führen, was du begonnen hast." Lächelnd deutete er auf die Wunde in seiner Brust und entsetzt stellte ich fest, das ich sein Herz nicht richtig getroffen hatte. So wird er noch immer zu einem Ghoul werden und seine Seele verlieren! Mit unglaublicher Überwindung legte ich meine Hand auf die Wunde und drückte sie hinein, bis sie schließlich sein Herz umschloß. Ich kann fühlen, wie es in meiner Hand schlägt. Er gab keinen Laut von sich und lächelte mich dankbar an, bevor ich mit einem Ruck sein Herz aus dem Körper riß. Ein Blutschwall fiel auf uns beide, während sein Herz noch immer in meiner Hand pochte.

"Ich liebe dich, Remiriel." Unter Tränen küßte ich ihn noch ein letztes Mal, bevor ich das Herz in meiner Hand zerdrückte. Die Überreste fielen in kleinen Stücken zu Boden.

"Remiriel?... Ich bin nicht... Remiriel..." Schockiert sah ich ihn an, doch er hatte seine Augen schon für immer geschlossen. Schluchzend sackte ich über dem leblosen Körper zusammen. Soeben habe ich die wichtigste Person in meinem Leben getötet. Als ich den Blick wieder hob um noch einmal sein Gesicht zu sehen erstarrte ich. Das ist nicht Remiriel, der dort liegt! Es ist Whitie! Aber wieso?! Das kann nicht sein! Langsam hob ich meine Hand. Sie ist über und über mit Blut bedeckt und in Whities Brust klafft ein riesiges Loch. Bevor ich noch die Zeit hatte mir über all das klar zu werden traf mich ein mörderischer Schlag und ich hörte ein Knirschen, als wenn eine Glasscheibe kurz davor steht zu zerspringen. Plötzlich weiß ich, was passiert ist und gleichzeitig sackte ich völlig betäubt und bewegungsunfähig zu Boden. Das Siegel beginnt zu brechen!

Langsam versank ich in einem warmen Licht und schwebte davon. Ich kann die leichten Bewegungen von etwas Wasserähnlichem um mich herum spüren und als ich die Augen wieder öffnete fand ich mich in einer Art Schneekugel wieder. Nur langsam gelang es mir meine Gedanken zu ordnen. Das Siegel brach und ich kann nichts mehr dagegen tun! Resigniert ließ ich meinen Kopf auf die Knie sinken. Da hast du dir ja ganz schön was eingebrockt! Ich befand mich in einem Teil meines Unterbewußtseins, dessen Existenz ich völlig vergessen hatte. Hier gibt es nur eine Zone aus purem Licht in der eine Tür erschien. Hinter ihr liegen all die Erinnerungen, die ich für immer vergessen wollte und die eigentlich nie wieder zum Vorschein kommen sollten. Es gibt für mich nur diesen einen Weg zurück. Ich werde durch die Tür gehen und mich ihnen stellen müssen. Ansonsten werde ich für immer die Gefangene meines eigenen Körpers sein. Aber ich werde sie nicht öffnen! Beharrlich weigerte ich mich sie überhaupt sie anzusehen. Es muß noch einen anderen Weg geben. Es gibt immer einen anderen Weg!

*Kehre zurück!* Nicht schon wieder! Vor mir erschien das Gesicht von Adam Kadmon.

"Warum sollte ich? Damit alles von vorne losgeht?" Ich wies mit den Kopf in Richtung Tür. Er lächelte sanft.

*Bist du nicht lange genug geflohen?* Wenn es nach mir geht noch immer nicht lang genug.

*Was nützt es dir vor deiner Vergangenheit zu flüchten? Wäre es nicht viel einfacher, wenn du dich wieder erinnern würdest?* Bei ihm hört sich das so verdammt einfach an. So, als wäre nie etwas schreckliches geschehen. Doch ich weiß es besser und so schüttelte ich den Kopf.

"Du hast doch keine Ahnung! Ich gehöre nicht zu denen, die einfach nur so vergessen wollen. Ich hatte meine Gründe." Das scheint ihn zu überzeugen.

*Trotzdem solltest du nicht hierbleiben. Es gibt zu viele, die dich brauchen.* Mir lag schon fast ein 'ach wer denn' auf den Lippen, als mir wieder Katan und Sara einfielen. Und was ist mit Setsuna und den Anderen? Wie geht es ihnen überhaupt? Wer wird sich um das Heilmittel für Katan kümmern und Setsuna suchen, wenn ich nicht zurückkehre?

"Vielleicht hast du recht... aber ist es das wert?" Fragend sah ich die Tür an.

*Du kennst die Antwort bereits. Komm!* Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich zögernd ergriff. Ja, ich weiß bereits, das ich meine Freunde nicht im Stich lassen kann und will. Langsam zog er mich aus der Kugel, die wie Gelee an mir hinabglitt und schließlich zu einem Kleid wurde, das sich eng um meinen Oberkörper schlang, bis es sich in weiten Stoffbahnen in Richtung Boden verlief. Ein Blick zurück zeigte mir, das sich auch meine Schwingen wieder voll entfaltet hatten. Es gibt wirklich keinen Weg mehr zurück. Zögernd schwebte ich auf die Tür zu. Doch ich kann mich nicht dazu überwinden sie zu öffnen. Bis jetzt ist das Siegel noch nicht völlig gebrochen. Vielleicht wird es das auch nicht...

*Warum zögerst du?* Er klingt sehr überrascht so, als würde er sich mehr als nur wundern.

"Wenn ich sie jetzt öffne, dann gibt es keinen Weg mehr zurück. Ich werde mich wieder an alles erinnern..." Und genau das ist das Problem! Sollte ich das tun würde ich alles noch einmal durchleben müssen und allein der Gedanke jagt mir Angst ein.

*Ist das nicht ohnehin in deine Absicht gewesen? Du wolltest doch nach Sheol gehen und dort wäre dir dasselbe passiert.* Seine Logik ist genial einfach. Spätestens dort wäre es gebrochen, aber in Sheol ist es bei Weitem nicht so gefährlich wie in Yetzirah! Er bedrängte mich nicht weiter und ich stellte ihm noch eine letzte Frage, bevor ich meine Hand auf die Tür legte.

"Weißt du, was mich dort hinter erwartet?" Er schüttelt leicht den Kopf und antwortete mit leichtem Bedauern in seiner Stimme.

*Du wirst lediglich deiner Vergangenheit wiederbegnen. Das ist alles, was ich weiß.* Seufzend nahm ich es zur Kenntnis und drückte mit beiden Händen gegen die Tür, die sich langsam öffnete. Hinter ihr scheint es nur ein grünliches Licht und nichts anderes mehr zu geben. Ohne mich noch einmal umzusehen ging ich hindurch.

 

00-11-16

Next: Part 08 - Rosiel

 



Sorry, das ich solange für die Fortsetzung gebraucht habe, aber ich wollte unbedingt noch mit diesem Kapitel fertig werden. (Damit ist nämlich endlich der erste Handlungsbogen abgeschlossen!)

Tja, und dann sagte man mir, das ich an einigen Stellen diverse Wörter vergessen hätte. Also fing ich damit an alle bisherigen Kapitel noch einmal zu korregieren. Was in eine Heidenarbeit ausatete.

Falls jetzt noch irgendwelche Fehler vorhanden sind, dann völlig unbeabsichtigt oder um die Aufmerksamkeit des Lesers zu fordern.

Ja, ja und eigentlich schreiben sich zig Charaktere anders, als ich das hier mache, aber das weiß man auch wirklich erst dann, wenn man mal das zweite AS Artbook in den Händen hatte. Tja, und da ich absolut keinen Bock hatte noch einmal sieben Kapitel zu überarbeiten (einmal ist mehr als genug gewesen) habe ich mich für diesen Weg entschieden, um allen Fragen, warum ich auf einmal diverse Namen anders schreibe vorzubeugen. Wer ahnt schon, wie KY sich die Schreibweise ihre Charaktere in Romanji vorstellt?!

Noch dazu, wenn man durch die Hiragana und Katakana da gar nicht drauf kommt! Und ich werde Zaphikel nicht mit F schreiben! Das ist fast so schlimm wie die neue Rechtschreibung von Delfin (brrr). Außerdem schreibt er sich in Katakana auch mit P!

So weit so gut. Na ja Rociel heißt jetzt Rosenbusch, aber was soll's? (Rosiel = franz. für Rosenbusch)

Warum konnte dieses Artbook denn nicht schon früher erscheinen? Das hätte verdammt viel erleichtert!

Mit Part 08 wird es wahrscheinlich noch etwas dauern, da ich momentan voll im Klausurenstreß stecke. (Wie immer wenn die Ferien kurz bevorstehen...)

Vielleicht werde ich aber über Weihnachten damit fertig. Wer weiß?

Bis es allerdings soweit ist werdet ihr euch mit den bisherigen Kapiteln begnügen müssen.

Ach so, einige der Songtexte von 'White Demon Feather' sind inzwischen auch fertiggestellt und es kann sich wirklich nur noch um Jahre handeln, bis auch der Artikel über Band ebenfalls so weit ist. (Wird alles nach und nach gepostet versprochen!)

Für alle, die sich fragen an welcher Stelle der AS Storyline wir uns inzwischen befinden. Momentan bewegen wir uns zwischen Band 3 und 4. Ja, ja einiges erfährt man in den Mangas erst später, aber ein bißchen künstlerische Freiheit darf doch sein, oder? (Es passt gerade immer so gut zur Story ^-^)

Wah! Bis ich endlich bei Band 19 angekommen bin kann es noch Jahre dauern! Sniff, dabei habe ich im Kopf fast schon alles fertig. Ich muß es eigentlich nur noch aufschreiben...

Seufz, ich wollte schon längst im Hades-Chapter sein... Aber bis dahin muß ich wohl oder übel erst noch einige andere Kapitel fertigstellen...

Ihr dürft also weiterhin gespannt sein was da noch auf euch zu kommt!

Ich wünsche euch allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch in das Jahr 2001!

UPDATE Kurenai no Tenshi
 

ab sofort erhältlich

Volume 13

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Love of an angel
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