Part 14

02-02-27

 

Love of an angel

         Part 14

 

Ancient scar

 

Ich fand mich in einem weichem Bett wieder und öffnete erschrocken über diesen plötzlichen Situationswechsel meine Augen. Um mich herum herrschte ein angenehmes Halbdunkel, das von den Stoffbahnen, die das Bett umspannten herrührte. Sie erlaubten nur einen kleinen Blick auf die bis zum Boden reichenden Fenster, die das gesamte Zimmer mit Sonnenlicht erfüllten.

Das hier ist nicht der Wald in den geflüchtet bin. Verwirrt versuchte ich einen klaren Kopf zu bekommen, aber die letzten Ereignisse wollten mich nicht loslassen. Die Erinnerungen daran blieben wie Steine in einen Bachlauf fest in mir verankert. Was ist passiert? Wo bin ich? Ich müsste doch im Wald sein. Warum bin ich hier? Hat man mich gefunden? Aber wieso lebe ich dann noch? Wurde ich gerettet? Erstaunt stellte ich fest das ich ein cremefarbenes Seidennachthemd trug und auch die Umgebung kommt mir so seltsam vertraut vor. Mein Kopf begann zu schmerzen als ich versuchte mich an die vergangen Stunden zu erinnern. Wie bin ich hierher gekommen? Ich bin durch den Wald geflüchtet und dann... dann...

Die plötzlich aufflammende Erinnerung an die jüngsten Ereignisse ließ mich erschaudern. Sie sind alle tot! Ich habe sie getötet. Verzweifelt schlug ich die Hände vors Gesicht um meine Tränen damit zu bedecken. Das kann nicht sein! Das kann einfach nicht wahr sein! Doch so sehr ich es auch versuchte die Bilder blieben und langsam begann ich zu begreifen. Das Siegel meiner Eltern funktioniert nicht! Es hat nicht geklappt. Ich kann mich nach wie vor an jede Einzelheit erinnern. An alles was dort außerhalb des Dorfes passiert ist. An all die Leichen unter meinen Füßen. Meine Hände die ich in ihr Blut tauchte. Geschockt sah ich sie an. Sie sind immer noch voller Blut und zittern wie Espenlaub. Ich habe sie getötet! Ich bin verantwortlich!

Schluchzend zog ich meine Beine an den Körper und vergrub meinen Kopf dahinter. Der leichte Rosenduft, der von der Decke ausging ließ mich stutzen. Irgendwo habe ich das doch schon einmal wahrgenommen. Wo war das? Komisch, es kommt mir so vertraut vor...

Ich zog die Decke enger um mich, da mich ihr Duft etwas beruhigte (er gab mir ein Gefühl von Geborgenheit) und versuchte nicht dauernd an die schrecklichen Ereignisse zu denken. Aber das war von vorne herein sinnlos. Sie ließen sich nicht abschütteln. Warum? Warum lasst ihr mich mit meinem Schmerz allein? Remiriel wo bist du? Ich brauche dich! Laß mich nicht allein!

Die Erinnerung an ihn ließ mich auffahren. Plötzlich wußte ich wieder warum er nicht an meiner Seite war. Das Wing cutting! Remiriel! Ich muß zu ihm! Entschloßen sprang ich aus dem Bett und stolperte dabei über einen Sessel, der direkt daneben stand. Der Schmerz brachte mich dazu wieder halbwegs klar zu denken. Ich würde zu spät kommen! Viel zu spät! Es ist vorbei! Alles ist schon längst vorbei! Ich kann ihn nicht mehr retten! Das alles liegt schon viel zu lange zurück um noch in die Gegenwart gehören zu können.

Mühsam kam ich wieder auf die Beine. Ja, es ist zu spät. Ich weiß. Jahrhunderte zu spät! Ich habe das alle schon vor langer Zeit vergessen um mich nicht dem Schmerz dieser frischen Wunde stellen zu müssen. Mittlerweile ist sie vernarbt, aber warum tut es dann immer noch so weh?! Warum lässt der Schmerz nicht einfach nach? Müde glitt mein Blick auf einen Tisch nicht weit von mir entfernt. Auf ihm lag das Kreuz das meine Eltern zusammen aus ihrem Blut geschaffen haben um mich nicht zu verlieren. Das Siegel, das mich beschützen sollte...

Doch jetzt sind alle Steine zerstört. Das Siegel ist gebrochen. Ich werde nie wieder ohne diesen Schmerz sein und ich kann mich nicht länger vor meinen Feinden verbergen. Der Bruch sollte sie aufmerksam gemacht haben. Sie werden nicht allzu lange brauchen um mich hier aufzuspüren. Gedankenverloren betrachte ich das Kreuz. Wie lange hat es jetzt schon gehalten? Ich kann mich nicht erinnern. Das liegt alles schon zu lange zurück. Vorsichtig hob ich es auf. Es hat funktioniert. All die Jahre hatte ich meine Erinnerungen an die Vergangenheit verloren und jetzt sind sie mit einer unbeschreiblichen Brutalität, die mir fast den Verstand geraubt hat zurück gekehrt. Fast so als wollte es mir noch einmal deutlich machen, das es für mich von nun an tatsächlich kein zurück mehr geben wird zersprang das Kreuz in meinen Händen in tausend Stücke, die sich wie feinste Nadeln in meine Haut bohrten. Ich nahm den Schmerz kaum wahr, da er zu dem in meinem Herzen verschwindend gering war. Wie konnte ich nur jemals denken, das es die beste Lösung für alle sei wenn ich einfach alles vergesse? Warum habe ich mich überreden lassen? Ich hätte doch wissen müssen, das es niemals gut geht wenn man vor sich selbst davonläuft. Warum bin ich nur so dumm gewesen?

Ein großer Spiegel faszinierte mich. Ob mir immer noch dasselbe Spiegelbild entgegen blickt? Was werde ich wohl in ihm sehen? Die junge Frau und liebende Mutter von einst oder einen gewissenlosen Killer? Doch das was ich letztendlich sah ließ mich erstarren. Mir blickte eine junge Frau entgegen, die so sehr von Trauer und Schmerz gezeichnet war, das mein Herz bei ihrem Anblick noch mehr schmerzte als es ohnehin schon der Fall war. Vorsichtig ließ ich meine Hand über das Glas streifen. Das kann nicht sein! Das kann nicht ich sein! Vollkommen unmöglich!

Wie kannst du so aussehen? Deine Augen sind so leer und leidgeprägt. Warum lächelst du nicht wie früher? Wo ist das Feuer, das dich ausmachte? Warum siehst du mich mit solch traurigen Augen an? Hattest du denn kein erfülltes Leben? Gab es denn niemanden der dich geliebt hat?

Hinter meinem Spiegelbild tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, die irgendetwas miteinander flüsterten. Ich kenne sie. Es sind Engel. Der Eine ist Raphael, jener Engel der mich damals geheilt hat und der Andere. Es dauerte einen Moment bis ich mich wieder an seinen Namen erinnern konnte.

Rosiel! Ja, genau. Sein Name ist Rosiel. Er ist es auch gewesen der mich nach all den Jahren wieder nach Yetzirah gebracht hat und ihm habe ich es zu verdanken das ich mich wieder erinnere. Strafend sah ich sein Spiegelbild an. Warum? Warum hast du mir das angetan? Ich wollte nie wieder hierher gelangen! Ich wollte mich nicht erinnern! Ich wollte doch nur ein normales Leben führen! Warum hast du mich hierher gebracht? Du wußtest es doch! Du wusstest doch, das mich das zerstören würde! Warum hast nicht auf mich gehört? Antworte mir! Warum?! Wütend zerschlug ich das Glas des Spiegels. Die Glasplitter bohrten sich tief in meine Hände, aber die Wunden waren kaum der Rede wert. Sie würden so wieso bald heilen. Seitdem das Siegel gebrochen ist verfüge ich wieder über meinen vollen Kräfte. Kräfte, die jeden Engel und Dämon das Fürchten lehren können wenn ich es darauf anlege, aber auch Kräfte die mich nicht sterben lassen. Vielleicht wird es Zeit ihnen die Wahrheit zu sagen. Langsam drehte ich mich zu ihnen um. Ja, vielleicht ist es besser wenn sie es von mir erfahren...

„Ich kann mich wieder erinnern.“ Meine Stimme erschrak mich zutiefst. Sie ist so leise. Nicht mehr so stark und fest wie einst. Wo ist das geblieben auf das ich einmal so stolz gewesen bin? Habe ich überhaupt noch Kraft übrigbehalten oder habe ich alles was mich ausmacht bereits verloren? Es tut so weh an all das was vergangen ist zu denken. Wer bin ich überhaupt noch? Ich habe so viele Leben in Assia verbracht, aber nicht eines davon war meines. Sie waren alle nur Fassade um mich zu schützen. Ein Käfig den ich mir selbst ausgesucht habe um nicht in Gefahr zu sein und jetzt ist er brutal zerstört worden. Die Freiheit macht mir Angst. Ich fühle mich so zerbrechlich.

„Warum hast du mir das angetan Rosiel-chan?“ Es fiel mir schwer weiterzusprechen, da mir langsam bewusst wurde was vor dem Bruch des Siegels geschehen war. Ist wirklich nur so wenig Zeit vergangen? Mir kommt es vor als hätte ich jahrelang geschlafen. Die ganze Zeit über bin ich nicht ich selbst gewesen und habe es doch nie richtig begriffen. All diese Erinnerungen an Assia, sie sind eine Lüge gewesen die ich geschaffen habe um meiner Vergangenheit zu entkommen. Ich bin das alles so leid.

Er antwortete mir nicht. Er sah mich nur fassungslos an. Warum mußtest du mich unbedingt hierher bringen? Warum hast du nicht auf Catan und mich gehört? Catan! Oh mein Gott! Ich habe versprochen ihm zu helfen! Was war es noch mal was ich besorgen muß? Ach ja, die Pflanze aus Sheol. Das einzige Mittel um einem Ghoul seine ursprüngliche Gestalt zurück zu geben. Damit hat das alles angefangen. Rosiel und ich stritten deswegen...

Ein sanfter Druck an meinem Arm weckte mich aus meinen Gedanken. Raphael schien schon seit einer Weile zu versuchen mich dazu zu bewegen wieder ins Bett zu gehen. Anscheinend glaubt er das ich jeden Moment umfalle. Traurig schüttelte ich den Kopf. Ihr versteht es also wirklich nicht. Fällt euch meine Aura denn gar nicht auf? Seit ihr so sehr davon überzeugt das ich ein Mensch bin, das ihr euch weigert die Wahrheit zu akzeptieren?

„Das ist nicht mehr nötig. Ich bin wieder ganz ich selbst.“ Ich ließ ihm keine Gelegenheit mehr mich zu fragen was ich meinte und ging an ihm vorbei auf Rosiel zu. Ich hatte von Anfang an Recht, es war ein Fehler nach Yetzirah zu kommen. Sieh es endlich ein du dummer Engel. Ich bin eine Gefahr für euch alle.

„Bist du zufrieden? Läßt du mich nun gehen?“ Nachdem du all meine Geheimnisse kennst bin ich doch überflüssig für dich. Doch er schüttelte nur den Kopf. Warum? Warum nur willst du mich nicht verstehen? Ich bin die Einzige die ihn retten kann. Warum gibst du mir nicht diese kleine Chance zu beweisen das ich doch kein gefühlloser Killer bin? Kannst du denn nicht verstehen wie einsam ich mich fühle? Er ist der Einzige, der es geschafft hat nach so langer Zeit mein Vertrauen zu gewinnen. Ich habe Jahre gebraucht um mich wieder jemanden so weit zu öffnen. Ich kann nicht zulassen das er stirbt. Ich muß ihn einfach retten! Ein Blick in seine Augen verriet mir seine Gefühle für Catan nur zu deutlich und auch das er mehr als besorgt um mich war. Vielleicht sind es aber auch nur meine Kräfte die mich das spüren laßen. Ich lächelte ihn mitfühlend an. Ich werde dir nie sagen können das du der einzige Engel neben Remiriel bist, der mein Herz gewonnen hat, weißt du das? Ich wollte mich nie wieder verlieben um nicht noch einmal diesen Schmerz spüren zu müssen. Deshalb werde ich dir das niemals sagen. Ich will dich nicht auch noch verlieren.

„Was ist mit dir passiert?“ Darauf war ich nicht gefasst. Ich hatte mit allem möglichen gerechnet, aber nicht damit, das er sich Vorwürfe machen würde wegen dem was mit mir passierte. Wie soll ich ihm das erklären? Er wird es nicht verstehen. Außerdem bringe ich ihn nur in Gefahr. Er ist mir schon jetzt viel zu nah, als das meiner Verfolger ihn nicht ebenfalls bedrohen würden. Die Wärme in dem Raum drohte mich plötzlich zu ersticken. Die Präsenz der anderen Engel in Yetzirah wurde fast unerträglich und betäubte mich fast völlig. Um etwas dagegen zu tun öffnete eines der riesigen Fenster. Sofort umspielte ein angenehm kühler Wind meinen Körper. Fast könnte er meinen er würde mich nach all den Jahren wieder in Yetzirah willkommen heißen. Es beruhigt mich etwas und die Präsenz der Anderen verblasst allmählich wieder. Nein, es ist zu gefährlich ihnen die ganze Wahrheit zu sagen. Ich beschloß das es nur so viel sein würde wie unbedingt nötig.

„Ich sagte doch. Ich kann mich wieder erinnern.“ Vielleicht ist es besser, wenn ich mich wieder an alles erinnere wird es wesentlich leichter sich in Sheol zu recht zu finden und auch Setsuna wird sich so wesentlich einfacher finden lassen. Und dann? Kann ich dann endlich sterben? Bestimmt. Mein Vater hat mir diesen Schwur geleistet und er wird sein Wort nicht brechen. Ich werde also durch die Hand meiner Eltern sterben...

Der Gedanke Erlösung zu finden erhellte meine düsteren Gedanken etwas. Ja, so wird es am Besten sein. Ich werde meinen Freunden ein letztes Mal helfen und dann sterben. Ich umarmte Rosiel in dem ich ihm meine Arme um den Hals legte und lächelte ihn an. Das hier ist kein Abschied für immer Rosiel-chan, aber wenn ich zurück komme möchte ich das du immer noch weißt wie ein Lächeln von mir aussieht. Ich will, das du es in Erinnerung behältst und nie wieder vergisst. Denn danach wirst du mich nicht mehr aufhalten können. Du weißt ja noch nicht einmal wer ich bin. Schätze dich glücklich, das du dieses Wissen nicht teilst.

„Du wirst mich gehen lassen.“ Sein Blick wirkte immer noch fassungslos, aber er hatte begriffen. Was auch immer er jetzt in mir sieht, er spürt nur zu deutlich das ich kein Mensch bin. Bitte versuch nicht dahinter zu kommen. Je weniger du über mich weißt desto sicherer bist du.

Ein scharfer Schmerz auf meinem linken Oberschenkel ließ mich fast ohnmächtig werden. Hätte er mich nicht festgehalten wäre ich bewusstlos zu Boden gegangen. Seine Haut duftet immer noch leicht nach Rosen. Mit Raphaels Hilfe gelang es ihm mich bis zum Bett zu tragen und ich frage mich ob sie den Grund für meinen plötzlichen Schwächeanfall schon bemerkt haben, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Ich werde es ihnen also zeigen müssen. Warum auch nicht? Immerhin ist mein Geheimnis keines mehr. Ohne die Hilfe des Siegels kann ich mich nicht länger verbergen. Warum also weiter Versteckspielen? Je eher sie es verstehen um so besser. Ich wehrte ihre Versuche ab mir helfen zu wollen und setzte mich auf das Bett damit sie endlich Ruhe gaben. Das Blut floß bereits an meinem Bein herunter und verfärbte die Lacken unter mir rot. Gelassen zog das Nachthemd ein Stück nach oben damit sie die Wunde ebenfalls sehen konnten. Ich weiß nur zu gut was diese Wunde bedeutet. Mein Körper erinnert sich ebenfalls an die Vergangenheit und beginnt sich dementsprechend zu verändern. Das hat schon die geänderte Farbe meiner Augen mehr als deutlich genug bewiesen. Es wird nicht mehr allzu lange dauern und das Zeichen meiner Waffe wird für jeden klar erkennbar sein. Das Zeichen, das ich mir im Kampf gegen Astaroth zu gezogen habe ohne zu wissen welche Bewandtnis es damit hat. Etwas, das auch die allerletzten Zweifel beseitigt, das ich kein Engel bin. Das Symbol einer Waffe die nur Dämonen führen können und nur wenige schaffen es dabei nicht den Verstand zu verlieren. Doch weder Rosiel noch Raphael scheinen das zu verstehen. Sie bemühen sich krampfhaft die Blutung zum Stillstand zu bringen. Wie dumm von ihnen! Das wird nicht helfen. Nach ein paar Minuten taten sie mir leid und ich half ihnen dabei einen Verband um die Wunde zu legen. Der rosa Schimmer der sich schon bald darauf abzeichnete machte nur allzu deutlich was für eine Zeitverschwendung das eigentlich war, aber sie schienen zu Frieden zu sein.

Was kümmert es sie überhaupt wie es mir geht? Wissen sie denn nicht, das sie mich eigentlich jagen sollten? Anscheinend nicht, da sie sehr hartnäckig versuchten mich dazu zu überreden zu schlafen. Ich tat ihnen den Gefallen um sie endlich loszuwerden. Das Gefühl verschwinden zu müssen wuchs von Minute zu Minute. Mit dem Zeichen meiner Waffe auf dem Bein bin ich ein viel zu leichtes Ziel. Nun werde ich es nicht mehr verbergen können wie ich es früher so oft getan habe. Dafür ist die Wunde zu frisch. Ob ich das überhaupt noch einmal schaffen werde? Immer ist diese Waffe ein Teil von mir...

Da sich die Beiden immer noch nicht rührten stellte ich mich schließlich schlafend und das schien Erfolg zu haben. Keine zwei Minuten später verließen sie den Raum. Erschöpft hob ich meinen Blick zu dem Baldachin über mir. Langsam gelang es mir Ordnung in meine Erinnerungen zu bringen und zum ersten Mal wurde mir bewusst wie lange ich bereits lebte. Wie konnte ich das nur vergessen? Sicher, ich weiß ja, das ich bereits länger lebe als so mancher Mensch, aber das es bereits so lange her ist. Jahrhunderte sind an mir vorbeigezogen als wären es Tage und die Jahrtausende dauerten auch nicht sonderlich länger an. Die Welt der Menschen hatte sich mit der Zeit immer mehr verändert, aber ich war immer auf der Flucht. Ich habe mich niemals wirklich sicher gefühlt. Irgendwie kann ich es immer noch nicht fassen. All diese Jahre und mir kommt es so vor als würde ich zum ersten Mal nach länger Zeit wirklich leben. Dabei sind so viele Leben an mir vorbeigezogen, das ich sie kaum noch zählen kann. Es stimmt was ich Granny gesagt habe. Ich hatte wirklich keine Ahnung wie alt ich wirklich bin. Noch schlimmer ist jedoch die Gewissheit, das fast alle Menschen die mir je etwas bedeutet haben bereits tot sind und das ich dafür verantwortlich bin. Wie sollte es auch anders sein? Die Hunter haben sich nicht allzu lange irre führen lassen. Sie ahnten zwar nichts von dem Siegel, aber sie wussten dafür um so genauer nach wem sie suchen mussten. Alles wäre so viel einfacher gewesen wenn ich damals ebenfalls gestorben wäre...

Vor mir erschienen die verschwommenen Gesichter meiner Eltern, die mich sanft ansahen. Vorwurfsvoll blickte ich in das Gesicht meines Vaters. Das damals ist seine Entscheidung gewesen und ich habe nur eingewilligt um meine Mutter und ihn nicht noch mehr leiden zu sehen. Wie dumm von mir! Wie konnte ich nur glauben das der Schmerz nach all den Jahren nachlaßen würde? Er ist jetzt sogar noch schlimmer.

„Ich wünschte du hättest mich sterben lassen.“ Er antwortete mir nicht. Die Gesichter blieben vollkommen unbewegt. Warum werfe ich es ihnen überhaupt vor? Wie kann ich so grausam sein und sie dafür bestrafen wollen das sie mich zu sehr lieben um mich zu töten? Ich hätte es doch auch niemals fertig gebracht mein eigenes Kind zu töten. Die Erinnerung an meinem Sohn ließ mich fast völlig verzweifeln. Wenn ich nur daran denke wie hilflos ich gewesen bin. Am Liebsten würde ich laut schreien, aber ich weiß genau das es sinnlos ist. Es wird nichts ändern. Er wird nicht zurück kehren. Ebenso Remiriel, der durch meine Schuld seine Flügel verloren hat und somit zu einem Ghoul wurde. Ich werde ihn nicht mehr retten können. Er ist schon viel zu lange in dieser Gestalt gefangen, als das man ihn einfach so daraus befreien könnte. Die einzige Erlösung für ihn wird der Tod sein. Doch kann ich das? Kann ich einfach so jemanden töten, der mir einmal so viel bedeutet hat wie er?

Und was ist mit Rosiel? Wird er dasselbe Schicksal erleiden wie Remiriel vor ihm? Werde ich auch ihn eines Tages töten müssen? Noch einmal den Schmerz erdulden jemanden zu verlieren den man liebt? Werde ich das verkraften können? Die Verzweiflung in mir wuchs ins Unermessliche. Wenn ich nicht bald etwas tue wird sie mich überrollen. Doch das will und kann ich nicht zulassen. Aber was dagegen tun?! Die Erinnerungen sind zu klar als das man sie ignorieren könnte. Sie haben sich wie Messer in meine Seele gegraben und nichts und niemand wird sie je wieder entfernen können. Ein leises Tapsen auf den Fliesen neben dem Bett ließ mich aufmerksam werden. Ich kenne dieses Geräusch zu gut. Es hat mich stets begleitet, wo auch immer ich mich hinwandte. Es war stets bei mir.

„Zeig dich schon. Ich kann es nicht leiden wenn du Versteck spielst.“ Ich bekam ein entrüstetes Schnauben zur Antwort bevor sich kurz danach der Kopf eines Wolfes auf die Bettdecke legte. Er musterte mich eindringlich. Entschuldigend begann ich ihn hinter den Ohren zu kraulen.

„Tut mir leid Cee, das war alles ein bisschen viel.“ Er stupste mich leicht mir der Schnauze an als wollte er mir so zu verstehen geben, das er mich verstand. Was hätte ich all die Jahre nur ohne ihn getan? In der Zeit wo ich mich nicht an meine besonderen Fähigkeiten oder Feinde erinnern konnte hat er mich jedes Mal vir ihnen beschützt. Warum eigentlich? Warum ist er in all den Jahren nicht von meiner Seite gewichen? Sicher, mein Vater hat gesagt, das er immer über mich wachen würde, aber ist das der einzige Grund? Es muß da doch noch etwas anderes geben warum er das tat. Nur was? Was weiß ich überhaupt über ihn? Außer seinem Namen ist da fast gar nichts. Ich habe ihn lediglich aus Astaroths Ketten befreit, weil ich nicht mitansehen konnte wie er gequält wird. Das konnte ich noch nie. Ich habe nie ertragen können wenn jemand Unrecht erdulden muß...

Das plötzliche Zerren seiner Zähne an dem Verband riß mich aus meinen Gedanken. Er hat recht. Ich habe keine Zeit mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Es gibt zu vieles das ich noch erledigen muß. Als ich aufstand setzte er sich abwartend neben mich. Den Verband hatte er bereits so sehr gelöst das er von alleine zu Boden glitt. Anscheinend hat er nur darauf gewartet das ich meine Erinnerungen zurück gewinne. Das überrascht mich. Ich habe immer gedacht er wäre mit dem Leben das wir führen zufrieden. Wieder stieß er ein ungeduldiges Schnauben aus. Entschlossen ging ich auf das noch immer geöffnete Fenster zu. Ja, es wird Zeit zu handeln. Ich muß endlich akzeptieren wer und was ich bin. Weglaufen ist zwecklos. Kaum hatte ich den Rasen betreten musste ich fast Lachen. Ich trage immer noch das Seidennachthemd, das einen leichten Duft nach Rosen verströmt. Wenn ich wirklich wieder ich selbst sein will, dann muß ich mich zu aller erst davon lösen, das ich Gefühle für einen Engel habe. So schwer es mir auch fällt, aber es ist besser so. Ich will nicht riskieren das sich die Vergangenheit noch einmal wiederholt. Cee schien meine Entscheidung zu bemerken und so ließ ich es zu, das er sich auf mich stürzte um mir den Stoff vom Körper zu reißen. Nach getaner Arbeit spuckte er zufrieden den letzten Stoffetzen aus und wartete geduldig ab bis ich wieder aufstand. So etwas hat ihm schon immer Spaß gemacht.

Gelassen ging ich durch das hohe Gras, aber sein leichtes Knurren erinnerte mich daran, das auch das nur eine dumme menschliche Angewohnheit war. Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern bevor ich ein Tor zwischen den Dimensionen öffnete und mich auf eine Art und Weise fortbewegte wie ich es seit Jahrhunderten nicht mehr getan hatte. Cee folgte mir auf dem Füße. Es kommt mir merkwürdig vor, das ich bei meiner letzten Dimensionsreise so viel Angst hatte. Jetzt scheint sich die Dunkelheit vor mir zu fürchten und nicht umgekehrt. Zwischendurch verließ ich den von mir geschaffenen Tunnel immer wieder um mich zu orientieren. Solange ich mit meinen Fähigkeiten noch nicht sicher umgehen kann erscheint mir das besser. Nicht, das ich nachher vergesse wo ich mich befinde. Der Nachteil bei dieser Art der Fortbewegung ist das man sich sehr leicht verirren kann, wenn man sein Ziel nicht deutlich genug kennt. Nach einigem Suchen erreichten wir schließlich den Wassergarten. Entschlossen stellte ich mich an das Ufer des Sees. Die Dunkelheit ließ die Oberfläche in einem merkwürdigen Licht schimmern. Sie wirkt wie flüssiges Metall.

„Remiriel! Komm und zeig dich!“ Ein ohrenbetäubendes Getöse brach los als sich ein gigantischer Körper aus dem Wasser vor mir erhob. Ich wurde klitschnass, aber das war nebensächlich. Der Anblick der sich mir bot ließ mich erstarren. Das ist nicht der Körper eine gewöhnlichen Ghouls. Er sieht eher aus wie Drache. Jemand muß dafür gesorgt haben, das die Verwandlung einen anderen Verlauf nimmt und sein Verstand nicht völlig verschwindet. Der riesige Kopf beugte sich langsam zu mir herunter. Sein warmer Atem striff über meine nasse Haut und begann sie zu trocknen. Die Augen die ich einst so gut kannte hatten ihre grüne Farbe verloren und waren jetzt braun, aber der Blick ist immer noch derselbe. Vorsichtig legte ich meine Hände auf die riesige, geschuppte Schnauze.

„Hast du wirklich all die Jahre auf mich gewartet.“ Der Kopf drückte sich leicht gegen meinen Körper. Ich konnte es nicht verhindern, das Tränen in meinen Augen schossen. Ich konnte die Präsenz seiner Persönlichkeit fast körperlich spüren. Seine Gefühle für mich haben sich kein bisschen verändert. Er liebt mich immer noch!

„Dann werde ich dich jetzt erlösen.“ Ich ließ ein Schwert in meiner Hand entstehen und er sah mich verständnisvoll an bevor er den Kopf wieder hob um den Weg zu seinem Herzen freizugeben. Bitte verzeih mir!

„Ich wünschte es gäbe eine andere Lösung.“ Ich entfaltete meine Schwingen und jagte das Schwert tief durch sein Herz. Mit einem Schlag hatte ich es zerteilt und der Körper zerfiel unter mir langsam zu Staub. Ich sank zu Boden und ließ das Schwert wieder verschwinden. Der Staub rieselte wie sanfter Schneeregen auf mich herunter.

„Ich wünschte wirklich es hätte einen anderen Weg gegeben.“ Ich ließ mich auf die Knie fallen und umarmte Cee, der sich tröstend an meine Seite gestellt hatte. Seine Wärme nahm mir etwas von meiner Verzweiflung. Es tut gut zu wissen, das wenigstens er immer bei mir bleiben wird. Wie oft habe ich mich schon in seinem weichen Fell ausgeweint, wenn ich nicht mehr weiter wußte?

*Du musst dir nichts vorwerfen. Ich werde niemals bereuen dich geliebt zu haben. Du bist so viel stärker als du glaubst.* Erschrocken hob ich meinen Blick und sah direkt in die Licht umflorte Gestalt Remiriels die vor mir schwebte. Fassungslos starrte ich ihn an. Wie ist das möglich? Lächelnd beugte er sich zu mir herunter und legte eine Hand sanft auf meine Wange.

*Eines Tages werden wir uns wiedersehen. Leb wohl mein geliebter Engel.* Noch ehe ich reagieren konnte verblasste seine Erscheinung und ich blieb allein zurück in der Dunkelheit. Nur ein letzter Rest Wärme auf der Wange, wo er mich berührt hatte blieb zurück, aber auch der verblasste allmählich, wie er kurz zuvor. Ich hätte ihn so gerne noch ein letztes Mal in die Arme genommen. Ihm gesagt wie sehr ich ihn liebe, aber selbst das scheint man mir zu verwehren. Aber vielleicht ist es so auch besser. Immerhin weiß ich was ich noch zu tun habe. Gelassen stand ich wieder auf und bemerkte Cees sorgenvollen Blick. Ich versuchte ihn zu beruhigen.

„Es geht mir gut.“ Natürlich wußte er nur zu genau das ich log, aber es scheint ihn zu erleichtern, das ich bereit bin zu handeln. Langsam durchquerte ich den Wassergarten und hielt bei der reglosen Gestalt, die Sara so zum Verwechseln ähnlich sah noch einmal inne. Wenn ich mir doch nur sicher sein könnte, das sie nicht Sara ist...

„Keine Sorge Sara-chan. Was auch passiert ich bringe Setsuna zu dir.“ Sie blieb stumm und ich kann noch nicht einmal sagen warum ich ihr das überhaupt gesagt habe. Wußte ich doch genau, das ihre Seele sich an einem völlig anderen Ort befindet. Trotzdem, irgendwie bin ich mir sicher, das es zwischen diesem leblosen Körper und Sara eine Verbindung gibt. Nur welche? Ein Schatten unter den Bäumen ließ mich aufmerksam werden. Die Gestalt kenne ich doch.

„Zufrieden weißer Engel? Ich werde gehen.“ Er trat langsam in das Licht des Mondes. Seine weiße Kleidung fiel in der Dunkelheit nur noch um so mehr auf. Durch das Licht erstrahlte sie förmlich. Durch das Tuch auf seiner unteren Gesichtshälfte konnte man dort fast gar nichts mehr erkennen. Er verbirgt sich im Licht, nicht in der Finsternis, aber er versteckt sich.

„Wer bist du?“ Dafür das er sich vor mir fürchtet hat er sich verdammt gut im Griff. Meine Antwort erhielt er im Vorbeigehen. Ich werde dich nur einmal warnen. Nur einmal, also nimm es ernst.

„Dein schlimmster Alptraum, dein schlimmster Alptraum.“ Geschockt sah er mich an, doch ich reagierte nicht mehr sondern verschwand einfach in einem Dimensionstunnel. Erst als ich mir sicher war kurz vor den Plattformen Yetzirahs zu sein verließ ich ihn wieder. Cee erwartete mich schon ungeduldig. Keine Ahnung wie er das schafft, aber er scheint mich selbst in einem Dimensionstunnel wahrnehmen zu können. Irgendwann werde ich mich mit seinen Kräften befassen müssen...

Vor mir spannte sich die Weite des Himmels der Yetzirah umgab. Seltsam, das gerade der Himmel überall gleich aussieht. Der Himmel in Assia hat fast genau denselben Blauton. Doch bevor ich weiter mache sollte ich wohl erst einmal etwas gegen meine Nacktheit tun. Ansonsten werde ich in Sheol wirklich zu sehr auffallen. Wie von selbst legten sich ein schwarzes Top nebst Hose, weiße Stiefel und ein durchsichtiger Mantel um mich. Marias Modegeschmack hat anscheinend deutlich auf mich abgefärbt. Das Zeug könnte von ihr sein. Ob ich sie wohl je wiedersehen werde?

Meine Haare fasste ich mit einem einfachen, schwarzen Lederband zusammen. Viel länger wollte ich Cee dann auch nicht warten lassen. Entschlossen überquerte ich die Plattform. Der Wind zerrte an mir als wollte er mich von meinem Vorhaben abbringen, aber das wird ihm nicht gelingen. Entschlossen kletterte ich auf die Brüstung. Jetzt oder nie!

Das Geräusch zweier schwerer Stiefel die hinter mir auf dem Boden aufkamen ließ mich herumfahren. Es war Rosiel, der mit voll ausgebreiteten Schwingen hinter mir stand. Sein Blick war von Erstaunen gezeichnet und verärgert musste ich feststellen, das ich immer noch Tränen in den Augen hatte. Ärgerlich wischte ich sie weg. Was bringt es um längst Vergangenes zu weinen? Reiß dich zusammen! Du wirst es nicht ändern können.

„Was hast du vor?“ Ich brachte es nicht fertig ihn noch weiter anzusehen und senkte den Blick. Möchtest du darauf wirklich eine Antwort? Rosiel-chan warum quälst du mich so? Je länger du vor mir stehst desto schwieriger wird es werden dich zu verlassen. Kannst du nicht verstehen, das ich dich nicht leiden lassen möchte?

„Sag du es mir Rosiel-chan. Mein Leben ist für immer vorbei.“ Versteh doch bitte! Es ist besser so. Ich muß es tun. Versuch nicht mich aufzuhalten. Verzweifelt streckte er mir seine Hand entgegen und für einen Moment zögerte ich. Nicht! Tu mir das nicht an! Zwing mich nicht dich zu verletzen! Ich muß dich zurückstoßen wenn du versuchst mich aufzuhalten.

„Komm zurück! Niemand kann seine Vergangenheit ändern!“ Ich schüttelte den Kopf. Wie kannst du das sagen? Weißt du denn nicht was passiert ist? Ich weiß, das ich es nicht ungeschehen machen kann, aber es gibt so viel anderes zu tun. Willst du das denn nicht verstehen? Bin ich dir so wichtig, das du mich unbedingt retten willst? Wenn du das wirklich willst, warum zwingst du mich dann dir weh zu tun? Du kannst mich nicht retten. Ich habe bereits beschlossen zu sterben. Versuch nicht das zu ändern.

„Ich kann nie mehr zurückkehren.“ Ich haßte mich dafür das meine Stimme in diesem Moment zitterte. Er wird glauben, das es seine Schuld ist. Doch ich kann nicht zulassen, das er sich meinetwegen in Gefahr begibt. Es war gar nicht so einfach ihn auf Distanz zu halten. Ich sehnte mich danach einfach in seine Arme zu fallen und mich darin geborgen zu fühlen, aber das kann ich nicht zulassen. Sie werden ihn ebenfalls jagen und dann wird er Remiriels Schicksal teilen. Ich muß gehen. Ich bringe ihn nur in Gefahr.

„Du kannst es nicht ändern!“ Wie recht du hast mein grausamer Engel mit den traurigen, goldenen Augen. Wie recht du doch hast. Das wissen wir beide.

„Du hast recht. Niemand kann seine Vergangenheit ändern, aber ich kann verhindern das sie sich wiederholt.“ Ich ließ ihm keine Chance mehr darauf zu antworten und machte einen Schritt zurück. Sofort begann ich zufallen mitten in das Blau des Himmels. Ich sah wie er entsetzt zur Brüstung stürzte und versuchte mich zu erreichen, doch ich war schon viel zu weit entfernt als das ihm das jetzt noch gelingen könnte. Kann er meinen Körper überhaupt noch sehen? Die Geschwindigkeit mit der ich falle macht das relativ unwahrscheinlich...

„Leb wohl Rosiel-chan. Leb wohl.“ Ich drehte mich um und ließ meinen Blick suchend über die Umgebung streifen, bis ich Cee fand, der auf dem Rücken eines Wolkenwals langsam in meine Nähe kam. Mit einem Nicken in seine Richtung öffnete ich wieder ein Tor und tauchte darin ein. Er folgte mir keine zwei Sekunden später. Das Tor schloß sich erst als er bereits hinter mir stand. Abwartend sah er mich an, als ich mich nicht bewegte sondern erst einmal nach Atem schöpfte. Die letzten Ereignisse hatten mich zu sehr mitgenommen als das ich sie einfach so abschütteln könnte. Erst nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte beschloß ich unsere Reise fortzusetzen.

„Na dann mal los du Spürnase. Du weißt doch bestimmt wie wir am schnellsten nach Sheol kommen, oder?“ Er ließ sich nicht zweimal bitten und spazierte fröhlich schwanzwedelnd vor mir her. Mühsam kämpfte ich darum meine Fassung wieder so weit herzustellen das ich nicht alle zwei Sekunden von meinen Erinnerungen davon gespült wurde oder in Tränen ausbrach. Wenn wir Sheol erreichen wird weder das Eine oder das Andere besonders hilfreich sein. Ich werde all meine Kraft brauchen um dort wieder heil rauszukommen. Nach einiger Zeit klappte es dann auch so halbwegs. Nur für wie lange? Wie lange wird das gut gehen? Als Cee plötzlich stoppte war ich etwas irritiert. Sind wir etwa schon da? So schnell?

„Was ist Kleiner? Du meinst hier sollen wir wieder zurück in den normalen Raum?“ Er bellte zustimmend und so schuf ich einen Riss damit wir den Tunnel verlassen konnten. In dem Moment wo ich den Boden unter meinen Füßen spürte wußte ich eines mit Sicherheit. Wir befanden uns nicht in Sheol. Das hier ist Anagura einer der oberen Flure der Hölle. Um genau zu sein der königlichen Palast von Gehenna. Strafend sah ich Cee an.

„Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen? Ich sagte SHE – O – L! Nicht Anagura. Was war daran bitte schwer zu verstehen?“ Statt sich um mich zu kümmern lief er einfach weiter. Seufzend gab ich mich geschlagen und folgte ihm. Er wird schon seine Gründe haben. Nach der Durchquerung von zwei Räumen konnte ich allerdings froh sein, wenn ich überhaupt noch seine Schwanzspitze zu sehen bekam. Da er allerdings nach wie vor sein Tempo beibehielt blieb mir nichts anderes übrig als ihm auch weiterhin zu folgen. Als ich einen Saal betrat in dessen Mitte sich ein riesiger Kristall befand traf mich fast der Schlag. Das kann nicht sein! Vorsichtig ging ich um den Kristall herum in dem eine mir nur zu bekannte Gestalt eingeschlossen war.

„Sag mir das du nicht so dumm gewesen bist Rosiel-chan.“ Du bist mir nicht gefolgt! Das kannst du nicht geschafft haben!

„Sag mir bitte, dass das nicht wahr ist!“ Erleichtert atmete ich auf als ich das Gesicht der Gestalt sehen konnte. Das ist nicht Rosiel, das hier ist eine Frau. Verdammt! Sie sieht genau aus wie er. Neugierig ließ ich meine Hand über den Kristall gleiten. Fühlt sich an wie gewöhnliches Glas.

„Was machst du da?“ Erschrocken fuhr ich herum. Vor mir stand ein junger Dämon mit nur einer Schwinge auf seinem Rücken. Recht merkwürdige Dämonenart. Hab ich noch nie gesehen, aber keine ernsthafte Bedrohung. Nur einer der Bewohner Anaguras. Und ich habe schon gedacht es wäre Astaroth oder ein anderer der sieben Satane, der mich bereits aufgespürt hätte. Aber die werden sich garantiert nicht hier blicken lassen. Dafür sind die sich viel zu fein. Mit dem Fußvolk haben die nichts zu schaffen. Das sind für lediglich Kanonenfutter, also werde ich mit den Satanen erst etwas zu tun bekommen wenn ich Sheol betrete. Beruhigt mich das jetzt?

„Hey du! Antworte gefälligst.“ Ganz schön ungeduldig für sein Alter. Er hat doch bestimmt erst ein paar Jahrhunderte hinter sich gebracht. Er sollte eigentlich wissen, das Zeit nur relativ ist.

„Spar dir lieber deine Kräfte.“ Er lief purpurrot an. Kein Wunder die Antwort ist ja auch reiflich unverschämt. Jedenfalls in seinen Augen. Dabei bin ich noch höflich. (Waws Dämonenmaßstäbe angeht.)

„Was fällt dir ein?!“ Bevor er sich noch weiter aufregt sollte ich wohl etwas dagegen tun. Es wird besser sein ihm direkt deutlich zu machen das er kein Gegner für mich ist. Ich ließ meinen Blick noch einmal über den Kristall streifen. Das ist also Alexiel, Rosiels Zwillingsschwester, die er unbedingt töten will. Ich wird das wohl nie verstehen, aber sie sieht wirklich genauso aus wie er. Fast schon erschreckend diese Ähnlichkeit.

„Nichts! Gar nichts. Ich bin nur zufällig hier.” Anscheinend gefällt ihm diese Antwort auch nicht, denn er begann damit Energien um sich zusammeln. Oh bitte! Nicht doch!

„Laß das lieber. Du könntest dich dabei verletzen.“ Natürlich hörte er nicht auf meine gutgemeinte Warnung und ließ einen Feuerball auf mich zusausen. Ich brauchte noch nicht einmal einen Schutzschild um ihn abzuwehren. Er fegte mit einem riesigen Rumms in die Wand rechts neben mir. Hoffentlich reicht ihm das als Beweis für seine Chancenlosigkeit. Er starrte mich fassungslos an. Na bitte, das ist doch wenigstens etwas.

„Voice! Was zur Hölle ist hier los?!“ Über die Doppeldeutigkeit dieses Satzes musste ich einfach Lachen. Kaum zu glauben, das ich das immer noch kann.

„Wer ist da?!“ Nicht schon wieder! Ich habe keine Lust mich mit jedem Dämon in diesem Palast anlegen zu müssen bis ich Cee wiedergefunden habe. Wo steckt der überhaupt?!

„Keine Ahnung Arakune! Sie antwortet nicht.“ Da gewinnt wohl langsam jemand wieder Oberwasser, wie? Tut mir leid Kleiner, aber das wird eine Illusion bleiben.

„Sie?!“ Eine reiflich aufgetakelte Frau bog neugierig um eine Ecke. An diese Absätze erinnere ich mich mit Grauen. Das sind die Dinger mit denen man sich die Knöchel brechen kann. Ihr gesamtes Outfit ist ohnehin ziemlich aufreizend. Erinnert mich irgendwie an die Klamotten die wir ab und zu auf der Bühne tragen. Als sie mich entdeckte begannen ihre Augen zu strahlen.

„Weißt du überhaupt wer das ist?!“ Aufgeregt zog sie am Ärmel des kleinen Dämons während mein Blut mehr und mehr an Temperatur verlor. Das kann sie unmöglich wissen! Da er immer noch nicht reagierte drückte sie ihn energisch an sich und wies mit der freien Hand auf mich.

„DAS da ist Shao Deshon! Die Sängerin von White demon feather! Der Band schlechthin! Die haben mehr Erfolge als man zählen kann!“ Ein Fan?! Sie ist ein Fan?! Fast wurde ich verlegen. Das mir das in der Höllen passieren muß. Hat was.

„Aber Arakune-sama, das ist unmöglich! Alle Bewohner Assias sind erstarrt. Die Zeit steht dort still.“ Verblüfft ließ sie ihn los und er schnappte keuchend nach Luft. Ganz schön kräftig für eine Frau.

„Stimmt, das ist schon merkwürdig.“ Misstrauisch sah sie mich an. Was jetzt? Die Karten offen auf den Tisch legen? Cees lautes Knurren vereinfachte die Sache um Einiges. Da sie nun abgelenkt waren nutzte ich die Gelegenheit um genau in diese Richtung zu verschwinden. Umsonst wird Cee bestimmt nicht auf sich aufmerksam gemacht haben. Die Szene die sich mir kurz darauf bot war zum Schreien komisch. Cee versuchte krampfhaft einen mit einem Katana bewaffneten Kira anzufallen, der schützend vor einem leblosen Körper stand. Wird sich das denn nie ändern? Die Beiden können es einfach nicht lassen. Immer müssen sie den Macho raushängen lassen.

„Cee! Laß gefälligst den Unsinn!“ Augenblicklich entspannte sich die Haltung der Beiden wobei Kira mich ansah als wäre ich ein Geist. So schnell wie er mich dann umarmte konnte ich so wieso nicht mehr reagieren.

„Shao-chan!“ Erleichtert erwiderte ich seine Umarmung. Allmählich begreife ich das es doch etwas gibt für das es sich zu Leben lohnt. Ich kann meine Freunde nicht im Stich lassen. Noch nicht. Erst nach einer Weile rückte so weit von mir ab das wir uns gegenseitig in die Augen sehen konnten. Wir umarmten uns immer noch.

„Aber wie ist das möglich? Müsstest du nicht in Assia sein?“ Lächelnd sah ich ihn an.

„Dasselbe könnte ich dich fragen Kira-chan.“ Er erwiderte mein Lächeln und drückte mich wieder fester an sich. Ich bin so froh das es ihm gut geht. Danke!

„Kira-CHAN?!“ Mit einem eisigen Blick fixierte er die Beiden uns ungläubig anstarrenden Dämonen. Oje!

„Wenn ihr mein Katana spüren wollt, dann nennt mich ruhig noch mal so!“ Die Beiden mussten bei seinem eisigen Tonfall sichtlich schlucken. Bevor sie es vorzogen zu verschwinden. Vorsichtig löste ich mich aus seiner Umarmung.

„Laß sie doch. Was ist schon dabei? Ich nenn dich schließlich auch so. “ Jetzt lag sein eisiger Blick auf mir, aber das beeindruckt mich schon lange nicht mehr und das weiß er genau.

„Bei dir ist das was Anderes!“ Lachend nahm ich zur Kenntnis, das ich gerade seinen Stolz angekratzt hatte. Immerhin hat es mich drei Wochen Arbeit gekostet bis er eingesehen hat, das er mir das Kira-chan nicht abgewöhnen kann. Cee hatte sich inzwischen in Richtung des leblosen Körpers bewegt und so wie das aussieht wartet er nur darauf das ich mich endlich zu ihm geselle. Na gut du Nervensäge, dann tu ich dir mal den Gefallen. Ich stand noch zwei Schritte von der Leiche entfernt als ich bereits das Gesicht erkennen konnte. Ich wurde blaß.

„Setsuna?!“ Was hat dieser Idiot jetzt schon wieder angestellt? Ich trat an die Bahre heran um besser sehen zu können. Aus seiner Brust ragte ein durchsichtiger Dolch. Kira legte fürsorglich eine Hand auf meine Schulter. Mit der Anderen hielt er immer noch sein Katana fest. Er tut so als würde ich gleich zusammenbrechen. Sehe ich wirklich so zerbrechlich aus?

„Er wollte es so, um Sara suchen zu können.“ Bei dieser Logik musste ich unwillkürlich Lächeln. Der Knabe hat sich die Sache ja verdammt einfach gemacht. Hätte er nicht einfach mal etwas warten können?!

„Erzähl mir jetzt nicht, das dieser Vollidiot sich freiwillig das Leben genommen hat nur um nach seiner Geliebten zu suchen.“ Er stieß einen leichten Seufzer aus.

„Doch, genau das. So wie Orpheus in der griechischen Sage.“ Ich sackte in den Knien zusammen. So ein Schwachsinn! Das kann er niemals schaffen! Vor allem, da Saras Seele sich gar nicht dort befindet. Die ganze Sache ist sinnlos.

„Er ist also im Hades um ihre Seele zu befreien?“ Die Frage war im Prinzip überflüssig. Ich weiß nur zu gut, das Setsuna genau diesen Mist machen würde wenn er keine andere Möglichkeit mehr sieht um Sara zu retten.

„Ja, und er hat mich gezwungen ihm dabei zu helfen.“ Erstaunt zog ich leicht eine Augenbraue hoch. So ist der Dolch also da gelandet.

„Mach dir keine Vorwürfe. Niemand hätte ihn davon abhalten können.“ Er stieß ein verächtliches Schnauben aus. Anscheinend weiß er das bereits.

„Warum hat dieser Idiot denn nicht gewartet?! Dann wäre das alles nicht umsonst!“ Der Druck an meiner Schulter wurde stärker und ich wendete meinen Blick um ihn direkt anzusehen. Stimmt, er weiß es nicht. Wie sollte er auch?

„Saras Seele ist nicht im Hades. Sie befindet sich in Yetzirah. Ich war dort und habe sie gesehen.“ Ihm fiel bei dieser Eröffnung fast die Kinnlade raus und das passiert mehr als selten. Er wollte gerade etwas darauf entgegnen, als ich ihm einen Finger auf die Lippen legte.

„Kira-chan, bitte frag mich jetzt nichts.“ Er beäugte mich misstrauisch. Als sein Blick auf meine Augen fiel zogen sich seine Augenbrauen leicht zusammen. Es ist ihm deutlich anzusehen, das ihm weit mehr als nur eine Frage auf der Seele brennt, aber er akzeptierte meine Bitte und schwieg.

„Danke. Ich danke dir Kira-chan.“ Langsam stand ich auf. Er wich einen Schritt zurück damit er mich nicht dabei behinderte. Erst jetzt fiel mir ein, das wenn in Assia die Zeit stillstand er eigentlich ebenfalls nicht hier sein dürfte. Wie auch immer. Die Fragen müssen vorerst warten. Jetzt wird erst einmal Setsuna zurückgeholt und auf die richtige Fährte gesetzt. Entschlossen schlug ich meine Hände zusammen.

„Ich werde diesem Vollidioten einen gehörigen Arschtritt verpassen, damit er merkt, das er in die falsche Richtung rennt.“ Selbst wenn er irritiert ist. Über meiner Witze kann er immer noch Lachen. Erwartungsvoll sprang Cee auf und kratzte schwanzwedelnd mit einer Pfote auf dem Boden herum. Kopfschüttelnd sah ich ihn an.

„Tut mir leid mein Kleiner, aber du wirst nicht mitkommen können.“ Er sah mich vorwurfsvoll an.

„Sorry, aber der Weg ist allein schon schwierig genug. Du wirst schön hier bleiben und auf Kira und Setsuna aufpassen.“ Der begeisterte Gesichtsausdruck der Beiden sprach Bände. Sie hielten nicht sonderlich viel von diesem Vorschlag, aber Cee schien sich damit abzufinden. Lächelnd wandte ich mich an Kira.

„Tut mir leid, das ich nur so kurz bleiben kann, aber sobald ich zurück bin werde ich all deine Fragen beantworten.“ Er zog mich sanft an sich und hauchte einen Kuß auf meine Stirn. Schön zu wissen das es ihm gut geht.

„Und ich deine, das verspreche ich dir.“ Erleichtert erwiderte ich seinen Kuß in dem ich ihm meinen auf die Wange hauchte, bevor ich mich von ihm löste und auf dem Fußboden ein Portal in Richtung Hades öffnete. Ein Fingerschnippen ließ mich noch einmal herumfahren.

„Wir bleiben Freunde, oder?“ Als wenn sich daran jemals etwas ändern würde. Ich schenkte ihm ein zärtliches Lächeln, das er warm erwiderte.

„Ja, wir bleiben Freunde, egal was passiert.“ Er zwinkerte mir zu als wollte er sagen, das wir gerade mit voller Absicht dieselben Worte benutzt hatten wie an jenem Abend, als ich Setsuna zu ihm gebracht hatte. Liegt das wirklich erst ein paar Tage zurück? Mir kommt es wie eine halbe Ewigkeit vor. Nachdem ich sein Zwinkern erwiderte hatte betrat ich das Portal und konnte spüren wie die Dimensionen über mir zusammenschlugen. Der Weg zum Hades war längst nicht so angenehm wie die anderen Dimensionsreisen. Es gab unzählige Barrieren zu überwinden, da dort außer dem Engel des Todes eigentlich niemand Zutritt hat. Was ein wie meistens zwar ein gutes Argument darstellt aber noch lange kein Hinderungsgrund ist. Schon gar nicht für mich.

Keuchend verließ ich schließlich den Tunnel und fand mich an den ersten Ausläufern des Hades wieder. Ganz schön runtergekommene Gegend. Alles wirkt so düster und bedrohlich. Typisch Hölle eben. Wir schrecken ungebetene Eindringlinge schon mal im Vorfeld ab in dem wir die Gegend äußerst feindlich gestalten. Vorsichtig bewegte ich mich weiter vorwärts. Wenn ich mich nicht irre dann treiben sich hier unzählige Ghouls rum und einen Wächter soll es da auch noch geben...

*Was willst du hier?!* Erschrocken zuckte ich zusammen. Diese Stimmengewalt ist unbeschreiblich. Langsam drehte ich mich um und setzte mich bei dem Anblick der sich mir bot erst mal auf den Hosenboden. Wo mir schwebte eine Ansammlung von unzähligen Geistern, die einen riesigen Körper bildeten, aber dennoch hatte jeder Geist sein eigenes Gesicht behalten. Ich versuchte ein Wort zu finden das diesen Anblick am ehesten beschreiben würde. Atemberaubend, das trifft es wohl am Besten.

*Was willst du hier?* Die Frage klang nun deutlich ungeduldiger als vorhin. Anscheinend ist das hier der Wächter. Na ganz toll. Ich muß ihm ja auch unbedingt jetzt schon in die Arme laufen. Bringen wir es also hinter uns. Gelassen stand ich auf.

„Ich suche einen Freund.“ Die Gesichter begannen untereinander zu tuscheln. Scheinbar merken sie langsam das ich nicht die Seele eines verstorbenen Menschen bin. Der Kopf eines alten Mannes, der gleichzeitig der größte in diesem Gebilde war sprach mich an.

*Du meinst diesen Jungen?* Aha! Er ist Setsuna also schon begegnet. Aber um auf Nummer sicher zu gehen.

„Wenn er grob und ungehobelt war und dazu eine riesen Klappe hatte, dann reden wir von demselben Kerl.“ Das Raunen der Gesichter wurde stärker. Schützend legte ich mir die Hände über die Ohren als ihre Stimmen immer lauter wurden. Ist das furchtbar! Können die sich nicht schneller einig werden?

*Wir werden nicht zulassen das sich jemand in sein Schicksal einmischt.* Meinst du, ja?! Seh ich irgendwie so aus als würde mich das aufhalten?

„Und wer ist wir wenn ich mal fragen darf?“ Es irritierte sie, das sie keine Kontrolle über mich bekamen, obwohl sie es inzwischen immer stärker versuchten. Für Geister sind sie ganz schön hartnäckig. Eigentlich sollten sie doch merken, das ich eine Gefahr für sie darstelle.

*Wir, Enra-Ou! Wächter des Hades.* Hui, plustern wir uns auf. Wird wohl Zeit andere Seiten aufzuziehen.

„Dann laß dir Folgendes gesagt sein. Versuch gar nicht erst mich aufzuhalten.“ Meine Drohung schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie setzten fast ihre gesamte Macht ein um die Kontrolle über meinen Geist zu bekommen. Nicht schlecht, aber nicht gut genug. Mit einem Ruck löste ich die Verbindung und schleuderte ihnen eine Psiwelle entgegen. Erschrocken sahen die Gesichter sich um. Sie schienen nicht zu begreifen, das diese Macht von mir ausging. Machen wir also weiter.

„Da wir das jetzt geklärt haben solltest du mir lieber sagen wo ich ihn finden kann. Meinst du nicht auch?“ Die Köpfe stöhnten auf als ich den Ring um sie enger zog und somit ihre geistige Form doch erheblich gefährdete.

*Wer bist du?* Anscheinend begreifen sie den Ernst ihrer Lage nicht. Lächelnd rief ich die Waffe herbei, die sonst in meinem Körper verborgen ist. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein gewöhnliches Schwert, aber sie ist weit mehr als das. Ich hielt dem größten Kopf die Klinge direkt vor die Nase.

„Antworte mir lieber, wenn ihr eure jetzige Astralform behalten wollt.“ Der Anblick des Schwertes versetzte sie in sichtbare Unruhe. Schließlich rangen sie sich zu einer Antwort durch.

*Er ist beim Hellsgate Guardian in Ygdrassil.* Das ist doch alles was ich wissen wollte. Warum denn nicht gleich so? Ygdrassil, der Weltenbaum befindet sich ziemlich genau in der Mitte des Hades. Im Prinzip gar nicht zu verfehlen. Und soweit ich weiß ist der Hellsgate Guardian der Engel des Todes. Nur an seinen Namen kann ich mich nicht erinnern. Ach auch egal. Ich ließ das Schwert verschwinden. Die Waffe ist einfach zu hinderlich bei der Durchquerung dieser Gegend.

„Danke.“ Damit sie mir nicht doch noch Steine in den Weg legen konnten verstärkte ich meine Aura so sehr das sich augenblicklich über zwanzig Ghouls um uns versammelten. Mit einem Rückwärtssalto sprang ich hinter sie und sah genüsslich zu wie sie sich Enra-Ou als neues Opfer aussuchten. Das sollte reichen um ihn eine Weile außer Gefecht zu setzten. Da ich keine Lust hatte den ganzen Weg zu laufen benutzte ich meine Schwingen. Auch wenn ich dadurch den Ghouls und anderen Hades Bewohnern eine Superzielscheibe biete. Mein Schutzschild ist zwar nicht schlecht, aber auf Dauer ist es doch recht störend immer wieder angegriffen zu werden. Ich entschloß mich die letzten hundert Meter bis Ygdrassil zu Fuß zurück zu legen. Das erwies sich im Nachhinein auch als weise Entscheidung, den über mir tauchte der Schatten eines riesigen Ungetüms auf. Ich suchte hinter einem Stein Deckung. Hätte dieser gottverdammte Enra-Ou mir nicht sagen können, das Ygdrassil einen eigenen Wächter besitzt?! Wenigstens ist die Umgebung mittlerweile freundlicher. Nicht mehr so grau und trostlos wie am Anfang. Alles ist von einem sanften grün überzogen. Vorsichtig linste ich aus meiner Deckung und nachdem ich mir sicher war, das mich dieses Vieh nicht sehen würde schlich ich mich weiter in Richtung Ygdrassil.

*Warte!* Ich blieb wie versteinert stehen. Mist! Entdeckt!

*Bitte warte doch!* Erstaunt stellte ich fest, das es ein schwirrende Lichtpunkt war, der da mit mir sprach. Das muß eine der Seelen sein, die auf das Urteil des Hellsgate Guardian warten. Nur warum spricht sie dann mit mir? Der Lichtball war mir inzwischen so nah gekommen, das ich die schwache Wärme, die von ihm ausging spüren konnte. Anscheinend ist mein Körper ganz schön interessant. Er umkreiste ihn immer wieder und rückte mir dabei ganz schön auf dicht auf den Pelz.

„Hey! Was soll das?“ Es gab ein kurzes Aufflackern und dann entfernte sich die Kugel wieder ein Stück von mir.

*Du riechst wie er, aber du bist es nicht.* Muß ich das jetzt verstehen?

*Ich hatte gehofft ihn wiederzusehen.* Merkwürdig. Normalerweise erinnern sich Seelen in diesem Stadium doch nicht mehr an ihre Vergangenheit. Die Erinnerungen wird ihnen erst wieder gegeben wenn der Hellsgate Guardian sein Urteil fällt. Na ja, inzwischen ist so einiges passiert, das nicht der Norm entspricht. Vielleicht ist ja auch der Hades davon betroffen.

„Wenn meinst du denn?“ Irgendwie tut mir diese Seele leid. Einer der Gründe warum den Seelen ihre Erinnerung genommen wird ist, damit sie unbefangen in den Hades kommen und sich nicht an ihr vergangenes Leben klammern. Die meisten Seelen die von ihrer Vergangenheit nicht loskommen werden in ihrer Verzweiflung zu einem Ghoul, obwohl das ihre Qualen nur noch vergrößert. Aber das merken sie erst dann wenn es bereits zu spät ist.

*Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern.* Resigniert stieß einen Seufzer aus. Das kommt mir alles so bekannt vor. Aber da dieser Lichtball der Meinung ist, das ich danach riechen würde gibt es eigentlich nur einen Weg schnell dahinter zu kommen wer gemeint ist. Bevor er mir entwischen konnte hatte ich den Lichtball gepackt und öffnete mich seinem Bewusstsein. Es war zwar nur ein kurzes Aufflackern verschiedenster Bilder aber als ich ihn wieder losließ kannte ich nicht nur den Namen dessen den er suchte sondern auch seinen.

*Was... was war das?* Die Stimme zeigte deutlich wie sehr ihn das Ganze verwirrt hatte. Nachdem ich mir einige Haarsträhnen aus dem Gesicht gewischt hatte gab ich ihm eine Antwort.

„Ich habe mein Bewusstsein mit deinen Erinnerungen verbunden. Ich weiß jetzt wenn du suchst.“ Kaum zu fassen, das es so leicht war.

*Wirklich?!* Anscheinend überrascht ihn das.

„Ja, und ich werde dir helfen ihn zu finden.“ Das Flackern wurde nun stärker und es kostete mich einige Mühe ihn daran zu hindern sich eine Supernova zu verwandeln. Vorsichtig setzte ich zu einer Erklärung an.

„Also dein Name ist Anael und derjenige den du suchst ist ein Engel namens Zaphikel. Wenn ich deine Erinnerungen richtig deute wart ihr so eine Art Liebespaar.“ Wie es dazu kam erwähnte ich lieber nicht. Das Zaphikel einer der grausamsten Engel in Yetzirah gewesen sein soll kann ja selbst ich kaum glauben, aber das erklärt seine Erblindung und so einiges Anders...

Ein plötzliches Aufleuchten blendete mich so sehr das ich für einen Moment meine Augen schließen musste. Als ich sie wieder öffnete stand vor mir eine junge Frau, die genauso aussah wie die Büste die ich in Zaphikels Keller entdeckt hatte. Er hat sie wirklich über alles geliebt...

„Ich kenne ihn und ich kann dich zu ihm bringen wenn du willst. Aber die Sache ist nicht ohne Risiko.“ Entschlossen nickte sie. Ich muß mich beeilen. Sie steht kurz davor sich in einen Ghoul zu verwandeln.

„Gut, dann nimm meine Hand. Du musst zu einem Teil von mir werden ansonsten kann ich dich nicht aus dem Hades bringen.“ Zögernd reichte sie mir ihre Hand und bevor ich die Verschmelzung zu ließ sah ich sie warnend an.

„Eines noch! Solange du in meinem Körper bist. Keine Einmischung in meine Angelegenheiten. Ich bringe dich zu ihm, aber ich werde zwischendurch auch noch was anderes erledigen. Klar?“

*Ich verstehe. Ich werde mich ruhig verhalten.* Im selben Augenblick war sie auch schon verschwunden und ich konnte ihre Präsenz in meinem Innern spüren.

„Alles klar bei dir?“ Es dauerte einen Moment bis sie ihre anfängliche Verwirrung überwunden hatte.

*Ja, ich glaube schon. Fühlt sich komisch an.* Ich musste unwillkürlich Lachen. Sie hat gut Reden. Was soll ich denn erst sagen? Ich mache so was schließlich auch zum ersten Mal. Dennoch rieß ich mich von der anfänglichen Unterhaltung los und nutzte meine Chance mich Ygdrassil noch weiter zu nähern. Dank ihrer Warnung verkniff ich es mir durch das Wasser, das den Weltenbaum wie ein See umgab zu schwimmen. Meine Astralkräfte will auf gar keinen Fall verlieren. Bleibt der Luftweg. Absichernd sah ich mich noch einmal um, aber von dem riesigen Vieh ist weit und breit nichts zu sehen. Mehr als diese Gewissheit brauchte ich nicht um vor die Tore Ygdrassils zu kommen. Da man auf mein Klopfen nicht reagierte öffnete ich die Tür schließlich auf meine andere Art und Weise. (Sprich, ich jagte sie gekonnt in die Luft). In meinem Innern schrie sie entsetzt auf, als sie einen Teil meiner Kräfte spürte, die dämonischer Natur waren. Auch das noch. Sie ist die Seele eines Engels! Zaphikel, dafür schuldest du mir mehr als nur eine Erklärung!

Mein freundliches Eintreten war nicht unbemerkt geblieben. Hinter mir klang fürchterliches Gebrüll auf. Scheiße! Der Wächter! So schnell ich ging drückte ich mich hinter eine Wand und versetzte die Seele in meinem Innern in Schlaf, damit sie mich nicht noch mehr irritierte. Wie konnte ich nur auf eine dermaßen dämliche Idee kommen?! Es ist schon schwierig genug sich ohne Erlaubnis im Hades rumzutreiben und ich erlaube auch noch der Seele eines Engels meinen Körper mit mir zu teilen. Hoffentlich hat mich dieses Mistvieh nicht entdeckt! Ich konnte hören wie es von Außen das Gebäude umkreiste und immer wieder vor dem zerstörten Tor innehielt bis es sich schließlich davor sinken ließ und nicht mehr bewegte. Scheiße! Was mach ich jetzt? Der Ausgang ist blockiert!

Ein gellender Schrei ließ mich herumfahren. Keine zehn Meter von mir entfernt stand ein junges Mädchen in einem Hausmädchenkostüm. Mal abgesehen von der Haarfarbe könnte sie Saras Spiegelbild sein. Noch eine Doppelgängerin?! Also ehrlich, langsam nimmt das etwas Überhand. Entscheidet euch endlich mal!

Da ich mich nicht weiter rührte nutzte sie die Gelegenheit um immer noch schreiend davon zu rennen. Super, damit macht sie so ziemlich jeden in der unmittelbaren Umgebung auf uns aufmerksam. Wenn sie weiter so rumschreit sitzt mir garantiert gleich der Hellsgate Guardian ihm Nacken. Fluchend rannte ich ihr nach. Verdammte Scheiße auch!

Ihr Vorsprung war inzwischen leider so groß, das ich sie nicht mehr zu fassen bekam. Die Verfolgungsjagd endete abrupt als wir eine Art Speisezimmer erreichten und sie hinter einer ziemlich großen, dunkeln Gestalt Schutz suchte, die aufgesprungen war als sie Panik erfüllt in den Raum rannte und ich mein Tempo abbremste da ich einen fassungslos dreinblickenden Setsuna entdeckt hatte, der an einem gedeckten Kaffeetisch saß. Ist der wahnsinnig?! Sitzt hier einfach rum und trinkt Kaffee?! Weiß er denn nicht, das der Hellsgate Guardian Besucher ganz und gar nicht gerne sieht?! Die Nerven möchte ich haben.

„Was ist hier los?!“ Der Zorn in dieser Stimme sorgte dafür das ich meine Antwort erst mal runterschluckte. Eine hünenhafte Gestalt ragte imposant vor mir auf. Schützend hielt er das Mädchen hinter sich. Ich müsste den Blick heben um ihm überhaupt ins Gesicht sehen zu können, aber das verkniff ich mir erst mal. Seine Aura lässt ziemlich deutlich durchblicken, das er ein verdammt mächtiger Engel ist. Irgendwie fürchte ich langsam um meine Gesundheit.

„Shao?!“ Setsuna war aufgesprungen und kam verblüfft auf mich zu, den Riesen neben mir so ziemlich ignorierend.

„Hallo Kleiner! Na wie geht’s?“ Da mir anscheinenden gerade keine weiter Gefahr mehr drohte nutzte ich die Gelegenheit um mich mit den Händen auf meinen Beinen abzustützen und keuchend nach Luft zu schnappen. Die Kleine ist ganz schön fix gewesen.

„Du kennst sie?“ Der Hüne wirkte nicht sonderlich begeistert von meiner Anwesenheit.

„Klar! Du etwa nicht?“ Kopfschüttelnd sah er die große Gestalt an. Mehr brauchte ich nicht um ganz sicher zu sein das ich tatsächlich Setsuna Mudou vor mir hatte. Der Kerl hat wirklich vor nichts Respekt. So wie der mit diesem Riesen redet könnte man meinen der sein harmloses Baby. Okay, ich habe ihn gefunden, bleibt also ihn wieder zurück zu bringen.

„Sorry, das ich euch stören muß, aber du wirst bereits sehnsüchtig von Kira-chan und Sara erwartet.“ Augenblicklich entgleisten ihm die Gesichtzüge. Was?! Was habe ich denn gesagt?! Keine zwei Sekunden später griff er dann nach meinen Schultern nur um festzustellen, das er hindurch glitt und fasst auf dem Boden landete. Jetzt starrten mich alle an als hätte ich sonst was verbrochen. Enra-Ou versucht auch gerade sich bei mir zu revanchieren und zapft meine Astralkräfte an. Es reicht! Ich habe keine Lust mehr! Mit ein klein wenig Konzentration jagte ich eine Energiewelle zu demjenigen zurück, der versuchte mit meinen Kräften zu spielen und sorgte dafür das er sich das beim nächsten Mal lieber dreimal überlegt, bevor er das noch einmal versucht. Also wirklich! Ich habe heute auch noch was anderes vor.

„Wow! Shao! Was war das gerade?!“ Ich zuckte kurz mit den Schultern.

„Nichts weltbewegendes. Nur eine kleine Warnung für jemanden der nicht hören wollte.“ Die Erklärung reichte ihm natürlich vorn und hinten nicht, aber bevor er dazu kam mich mit Fragen zu bestürmen tauchte noch jemand anderes auf.

„Shao Deshon?! Das glaub ich nicht!“ Verwundert sah ich den Typen an, der so eben den Raum betreten hatte. Natürlich ließ es sich Setsuna nun nicht mehr nehmen lang und breit zum Besten zu geben wie lange wir uns schon kannten und das mehr als nur einmal in meiner Wohnung übernachtet hat. Dem anderen fiel fast die Kinnlade raus während Setsuna erst richtig in Fahrt kam. Kopfschüttelnd sah ich mir das ganze eine Weile lang an bevor ich einen leichten Rückzug antrat. Die Umgebung faszinierte mich. Sie ist ganz anderes als am Anfang. Hier grünt und blüht alles. Es erinnert mich an die unberührte Natur in Assia. In meinem Kopf begannen wieder Bilder der Vergangenheit aufzuflackern. Nicht! Nicht jetzt!

“Geht es dir nicht gut?” Verwundert sah ich den Hünen an, der nun genau neben mir stand und dessen Hand fast auf meine Schulter lag. Ich habe gar nicht gemerkt, das er mir so nah gekommen ist. Mit einer lässig wirkenden Bewegung löste ich den Zopf aus meinen Haaren und strich sie mir aus dem Gesicht. Die Bilder wurden jetzt deutlicher und ließen sich kaum noch zurückdrängen.

„Ach was. Die Umgebung ist einfach nur ungewohnt, das ist alles.“ Verdammt! Du lügst doch! Warum stellst du nicht einfach den Tatsachen?! Sieh ein, das du nicht mehr davonlaufen kannst. Du musst mit deiner Vergangenheit leben. Wenn es nur nicht so schwer wäre...

„Du solltest dich trotzdem etwas ausruhen.“ Perplex sah ich ihn an. Zwei sanfte, grüne Augen sahen mich aus einem sonnengebräunten Gesicht an. Fast glaubte ich an eine Sinnestäuschung, als sich Remiriels Gesicht über seines schob. Die Ähnlichkeit ist unglaublich. Zögernd streckte ich meine Hand nach seinem Gesicht aus. Das kann nicht sein!. Ich muß träumen. Das doch vollkommen unmöglich!

„An wenn denkst du?“ Erschrocken zuckte ich zusammen und die Illusion zerbrach. Nein, das hier ist nicht Remiriel. Er sieht ihm zwar verdammt ähnlich, aber er ist es nicht. Erst jetzt merkte ich, das meine Hand bereits auf seiner Wange lag und er mich milde anlächelte während er sie festhielt. Ich lief rot an und stammelte etwas, das eine Entschuldigung darstellen sollte und zog meine Hand zurück. Sein Blick ruhte forschend auf mir. Bitte sieh mich nicht so an! Du erinnerst mich auch schon so viel zu sehr an ihn. Bitte mach es nicht noch schlimmer als es ohnehin schon ist.

„Shao?“ Dankbar für die Ablenkung wandte ich mich Setsuna zu und ließ den Riesen einfach stehen. Ich konnte seinen Blick auf meinem Rücken spüren. Ich zwang mich nicht mehr daran zu denken. Es gibt Wichtigeres. Kaum hatte ich mich zu Setsuna und seinem Kumpel gesellt musste ich auch schon als Streitschlichter herhalten. Es kostete mich keine allzu große Mühe einige Tatsachen klarzustellen und Setsuna sonnte sich in seinem Ruhm. Er genoß, das er den Anderen so richtig vorgeführt hatte. Der kam immer noch nicht damit klar, das ich mit so jemanden wie Setsuna befreundet sein konnte. Aber auch er konnte Setsuna einen Dämpfer verpassen.

„Aber wenn sie hier ist, dann ist sie doch tot! Wie kannst du behaupten mit einer lebenden Legende befreundet zu sein?“ Setsuna starrte ihn fassungslos an. Anscheinend hat er überhaupt nicht an diese Tatsache gedacht. Fast musste ich lachen. Die beiden scheinen sich gut zu verstehen. Wird anscheindend Zeit ihnen reinen Wein einzuschenken. Deshalb bin ich ja hier,oder?

„Sie ist nicht tot.“ Der Hüne näherte sich mir wieder und die Ähnlichkeit zu Remiriel wurde nur noch deutlicher, als er mir erneut die Hand freundschaftlich auf die Schulter legte. Meine Erinnerungen begannen ihr Recht zu fordern. Laufend sah ich Bilder vor mir die Remiriel in ähnlichen Situationen zeigten. Nicht mehr lange und ich werde alle Mühe haben meine Tränen zu verbergen.

„Aber Uriel-sama, das ist unmöglich! Kein lebendes Wesen kann den Hades betreten.“ Das Mädchen hatte sich in unser Gespräch eingemischt und beobachtete eifersüchtig, wie er nun auch seine andere Hand auf meine Schultern legte. Genau dasselbe hat früher immer Remiriel getan wenn er mir etwas wichtiges sagen wollte ohne mich dabei schutzlos zu lassen. Fast schon aus Gewohnheit ließ ich mich gegen den warmen Körper hinter mir sinken. Er schloß seine Arme sanft um mich. Wenn ich meine Augen jetzt schließe und wieder öffne wirst du dann bei mir sein?

„Wie du weißt gibt es da Ausnahmen Doll. Nimm mich zum Beispiel.“ Statt auf ihn zu hören fuhr sie mich an, was ich denn dachte da mit ihrem Uriel zu tun. Sofort zerplatzte der Traum wieder Remiriels Nähe spüren zu können. Zurück blieb ein Gefühl der Leere, die nicht wieder gefüllt werden konnte. Vorsichtig befreite ich mich aus seinem Griff und wich allen Blicken so gut es ging aus bis ich eine Wand erreichte. Gott, es liegt bereits eine halbe Ewigkeit zurück, aber warum tut es immer noch so weh?

Sie ließen mich in Ruhe und bestürmten stattdessen Uriel mit unzähligen Fragen. Langsam begannen sich einzelne Bruchstücke in meinem Kopf zu einem Bild zusammen zu setzen. Uriel war einer der Engel die Remiriel und mich damals in Yetzirah unterrichtet hatten. Er galt als Engel mit der schönsten Stimme von allen und er hatte mir einmal die Chance gegeben zu beweisen, ob ich besser war als er oder nicht. Hätte ich damals doch schon gewusst zu was das alles führen würde. Ich wäre niemals mit nach Yetzirah gekommen. Remiriel könnte dann noch leben. Aber dann hätte ich ihn auch niemals kennengelernt. Was davon wäre schlimmer gewesen?

Ich stand kurz davor in Tränen auszubrechen. Das Letzte was ich jetzt brauchen kann! Aber was soll ich dagegen tun? Irgendwie schaffte ich es mich wieder auf das zu konzentrieren weswegen ich überhaupt gekommen war. Doch zuerst muß ich diese sinnlose Diskussion beenden. Sie kostet viel zu viel Zeit. Entschlossen drehte ich mich um und ging langsam auf Setsuna zu, der mich überrascht ansah.

„Paß gut auf Setsuna-chan, das hier werde ich nur ein einziges Mal tun..“ Ich zwang mich zu einem Lächeln bevor ich meine Schwingen voll entfaltete und auf seine Reaktion wartete. Er starrte mich vollkommen fassungslos an. Meine Aura dürfte jetzt wohl selbst dem niedrigsten Dämon nicht mehr verborgen sein und genau deshlab hasse ich es so etwas zu tun.

„Du bist ein Engel?!“ Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht ganz.“ Bevor er die nächste Frage stellen unterbrach ich ihn und sah ihm fest in die Augen.

„Laß gut sein. Sara wartet darauf, das zu ihr kommst und nicht, das du hier deine Zeit mit sinnlosen Fragen vergoldest.“ Seine Augen weiteten sich kaum merklich als er die Veränderungen in meinem Gesicht bemerkte. Wundert mich das ihm das erst jetzt auffällt.

„Shao, deine Augen sie-“ Ich schnitt ihm das Wort ab.

„Ich weiß, sie haben ihre ursprüngliche Farbe wieder angenommen.“ Er schluckte und ich nutzte die Zeit die er brauchte um sich wieder zu fangen um mich Uriel zu nähern. Meine Flügel ließ ich wieder verschwinden. Sie wissen jetzt, das sie es mit keinem Menschen zu tun haben. Er sah mich mit einem völlig überraschten Gesichtsausdruck an. Was soll’s? Ich werde ihn früher oder später doch sowieso fragen.

„Erinnerst du dich an mich?“ Ich weiß noch nicht einmal ob er mein Freund oder Feind ist, aber ich habe bereits zu viel von mir offenbart, als dass das jetzt noch eine Rolle spielen würde. Selbst wenn er mein Feind ist, kann mir das egal sein.

„Wie könnte ich dich jemals vergessen? Den einzigen Engel, dem es jemals gelungen ist meine Stimme zu übertreffen.“ Würde er mich dabei nicht so ernst ansehen hätte ich das ganze für einen Scherz gehalten. Damals hat er mir nur freundschaftlich auf die Schulter geklopft und gemeint, das es für einen Anfänger ziemlich beindruckend war. Mein misstrauischer Gesichtsausdruck schien ihn aufs höchste zu amüsieren. Er versuchte krampfhaft ein Grinsen hinter seiner Faust zu verbergen. Doll sah ihn an als hätte er soeben seinen Verstand verloren und ich kann nicht behaupten, das es mir nicht ähnlich geht. Setsuna und seinem Kumpel gingen nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen dieselben Gedanken durch den Kopf.

„Du hast mir damals geglaubt?! Nach dieser Reaktion deines Publikums hast du mir geglaubt, dass es nur nett war?!“ Er kriegte sich gar nicht mehr ein und langsam begann ich zu begreifen. Er hat mich gefoppt! Er hat mich nach Strich und Faden reingelegt und ich habe das noch nicht einmal in Frage gestellt.

„Soll das etwas heißen du hast mich angelogen?!“ Er prustete schon wieder los. Wirklich sehr komisch!

„Tut mir leid, aber du warst immer so eine harte Nuss, das ich einfach etwas Genugtuung brauchte.“ Irgendwie kann ich ihm das noch nicht mal verübeln. Keiner meiner Lehrer hat es je leicht mit mir gehabt. Ich habe immer versucht meinen Kopf durchzusetzen und das in den meisten Fällen auch sehr erfolgreich geschafft. Trotzdem spielte ich erst mal die Beleidigte und machte es ihm nicht einfach sich mit mir auszusöhnen. Er brauchte an die zehn Minuten bis er überhaupt wieder einen Ton von mir hörte und das auch nur weil mich Setsunas Kumpel mit unzähligen Fragen bestürmte, die ich alle mehr oder weniger unbeantwortet ließ. Dabei fiel mir dann irgendwann ein, das ich ihn schon mal gesehen hatte. Wo war das nur gewesen? Uriel unterbrach meinen Gedankengang abrupt.

„Würdest du es noch einmal für mich singen?“ Das ist eine Bitte ohne Zweifel, obwohl es sich wie eine einfache Frage anhört. Es dauerte einen Moment bis ich darauf kam was er meinte. Es war das Lied, das ich einst in Yetzirah zu Ehren Assias gesungen hatte und eigentlich spricht nichts dagegen es noch einmal zu tun, doch kaum hatte ich die ersten Töne angestimmt überfluteten mich so viele Erinnerungen, das ich nicht mehr weitersingen konnte ohne das mir die Tränen in die Augen stiegen. An jenem Tag hatte ich mich extra ins Zeug gelegt um eine Wette gegen Remiriel zu gewinnen. Er hatte steif und fest behauptet, das es mir nicht gelingen würde den Engel der Erde, wie Uriel im Himmel meist genannt wurde, da sein anderer Titel weitaus weniger wohlwollend klingt, dazu zu bringen mir zu applaudieren. Nun er hatte die Wette verloren, denn alle hatten mir an jenem Tag applaudiert, er eingeschlossen. Damit musste er mir für einen Monat alle unangenehmen Arbeiten abnehmen, aber er hatte sich ausgiebig auf seine Art revanchiert.

Ich schaffte es nicht mehr weiter zu singen und brach ab. Uriels sorgenvoller Blich trug auch nicht gerade dazu bei, das ich mich danach besser fühlte. Zu sehr erinnert er mich an Remiriel.

„Tut mir leid, aber ich werde dieses Lied nie wieder singen können.“ Er nickte verständnisvoll. Am Liebsten würde ich mich jetzt unter einer Bettdecke verkriechen und meinen Tränen freien Lauf lassen, aber das geht nicht. Nicht solange Setsuna noch hier ist. Mühselig rieß ich mich zusammen und brachte sogar wieder ein Lächeln zu stande.

„Sieht so aus als würde der Status des besten Sängers auch weiterhin bei dir bleiben. Niemand kann sich mit dir messen.“ Er reagierte nicht so wie erhofft auf mein Kompliment. Stattdessen legte sich ein Schatten über sein Gesicht.

„Du weißt es also nicht?“ Verwundert sah ich ihn an. Er stieß einen leisen Seufzer aus bevor er mit einer Hand den Kragen seiner Jacke öffnete und somit den Blick auf eine äußerst hässliche Narbe freigab, die fast seinen gesamten Hals umfasste. Sie lag wie Ring darum. Ich wußte nicht was ich sagen sollten. Mir fehlten die Worte um zu beschreiben was dieser Anblick in mir hervor rief.

„Ich habe mir meine Stimme selbst genommen falls es das ist was du dich fragst.“ Die Gleichgültigkeit mit der er das sagte schockte mich fast noch mehr als der Anblick seines Halses.

„Warum? Alle haben deinen Gesang geliebt. Es gab keinen Grund das zu tun.“ Unbewusst hatte ich mich ihm so weit genähert, das es ein Leichtes gewesen wäre eine Hand auf diese Narbe zulegen, aber das wagte ich nicht. Der Grund dafür war bei weitem nicht Doll die mich mit ihren Blicken förmlich zu erdolchen versuchte sondern viel mehr eine Ahnung, das eine Berührung dieser alten Wunde für ihn ebenso unangenehm sein muß wie für mich meine Erinnerung an die Vergangenheit. Beides alte Narben, die schmerzen und immer noch nicht verheilt sind.

„Doch, den gab es.“ Er hatte den Blick jetzt gesenkt und sah mich fest an. Ich verstand immer noch nicht auf was er hinaus wollte, aber irgendetwas zog mich magisch an, bis meine Hand schließlich doch auf seiner Narbe lag. Er zuckte unter der Berührung leicht zusammen. Das Gewebe fühlt sich merkwürdig an. Ganz so als wäre es brutal zerrissen und nur notdürftig geflickt worden.

„Tut es noch weh? Es sieht aus als wäre es komplett verheilt, aber irgendetwas fehlt.“ Seine Augen weiteten sich etwas.

„Meine Stimmbänder.“ Ich zuckte zusammen als hätte ich einen elektrischen Schlag bekommen. Meine Hand, die auf der Narbe lag zitterte leicht. Bisher habe ich diese Wunde für oberflächlich gehalten. Sie muß tiefer gehen als ich mir überhaupt vorstellen kann.

„Wieso?“ Ich spürte, das ich den Tränen nahe war. Was kann einen Engel wie Uriel dazu bewegen das Kostbarste was er besitzt so gnadenlos zu zerstören?

„Ich konnte mir nie verzeihen, das es meine Stimme war, die dieses grausame Urteil ausgesprochen hat.“ Das kommt mir so vertraut vor. Sich nicht verzeihen können was in der Vergangenheit geschehen ist...

„War es so schlimm?“ Meine Stimme war jetzt nur noch ein leises Wispern.

„Weißt du wie es ist die einzige Person zu verlieren die man jemals geliebt hat?“ Er sah mich mit traurigen Augen an.

„Ja, das weiß ich.“ Etwas wie Erstaunen schlich sich in seine Augen. Du also auch...

„Es tut immer noch weh.“ Damit zog ich meine Hand von der Narbe zurück und versuchte mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das alles hatte mich aufgewühlt. Die Wunde in meinem Herzen war erneut aufgebrochen.

„Sha-“ Uriel unterbrach Setsuna noch bevor dieser seinen Satz überhaupt begonnen hatte.

„Nicht jetzt! Doll, bring die Beiden bitte zurück in die Gästezimmer ich muß etwas mit unserem neusten Gast besprechen.“ Sie gingen fast sofort, wenn auch äußerst widerwillig. Kaum waren wir allein griff Uriel nach meinem Arm. Erschrocken sah ich ihn an. Er hat doch nicht etwa vor mich ausgerechnet jetzt zu töten, oder?

„Keine Angst, ich werde dir nichts tun.“ Das beruhigt mich ein klein wenig, aber anscheinend noch nicht so sehr wie er sich das vorgestellt hat, also überredete er mich dazu Platz zu nehmen. Dankbar nahm ich an. Ich habe keine Ahnung wie lange ich mich sonst noch auf den Beinen hätte halten können. In meinem Kopf herrscht das reinste Chaos und ich wünsche mir nichts sehnlicher als endlich den Hades hinter mir zu lassen und wieder in die Welt der Lebenden zurück zu kehren. Hier gibt es zu viel was mich an die Vergangenheit erinnert und wenn dann noch eine Seele auftaucht, die mich von früher kennt werde ich meinen Verstand wohl endgültig verlieren. Ich kann nicht ewig gegen meine Trauer ankommen, das weiß ich. Aber was kann ich schon dagegen tun?

„Bist du wirklich nur hier um Setsuna zu suchen?“ Er schob mir freundschaftlich einen Tasse Kaffee entgegen, die ich erst mal einmal unberührt vor mir stehen ließ.

„Ja. Warum sollte ich sonst hier sein?“ Er musterte mich eindringlich, bevor er weitersprach.

„Dann weißt du es also wirklich nicht?“ Ich war viel zu müde um noch auf dieses Spielchen einzugehen. Vorsichtig nippte ich an meinem Kaffee. Wenn er mir etwas zu sagen hat, dann soll er es tun oder lassen.

„Du weißt nicht das ich es war der deine Mutter zum Tode verurteilt hat?“ Meine Kaffeetasse fiel klirrend zu Boden.

 

 

02-03-17

 

 

Next: Part 15 – Some things should never be told

 



HAR! HAR!

Wah! Ich kann ja so gemein sein! ^.^

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