Part 15

02-03-17

 

 

Love of an angel

       Part 15

 

Some things should never be told

 

 

Vollkommen geschockt sah ich ihn an. Das kann unmöglich wahr sein! Meine Reaktion entlockte ihm ein trauriges Lächeln. Irgendwie seltsam einen Engel so zu sehen. Er wirkt so verloren...

„Du weißt es also nicht.“ Mir fehlten die Worte um sprechen zu können. Zu schnell hatte er mich mit Tatsachen konfrontiert, die ich nie im Leben für möglich gehalten hatte. Er, der einzige Engel, der mir je so etwas wie Respekt eingeflößt hat soll meine Mutter getötet haben?! Ich war geschockt von dieser Eröffnung und er saß vor mir als wäre es seine Pflicht mir all das zu erzählen. Doch will ich das überhaupt? Will ich das alles hören?

„Es war meine Stimme, die das Urteil über sie fällte, so wie über jeden anderen Engel des Himmelreichs.“ Augenblicklich tauchte in meinem Kopf wieder das Bild von Remiriel auf und wie er seine Flügel verloren hatte. Fassungslos starrte ich mein Gegenüber an. Das soll er gewesen sein?! Er soll das befohlen haben?! In meiner Erinnerung ist er immer eine sanfte und umgängliche Person gewesen. Ich konnte mir nicht vorstellen, das er zu so etwas fähig sein sollte. Es passt nicht zu ihm.

„Meine Stimme ist die des Richters und ich verkünde jede Art von Strafen unter den Engeln. Mein Wort ist Gesetz und einmal ausgesprochen kann es nicht mehr rückgängig gemacht werden.“ Unter normalen Umständen würde ich jetzt so etwas wie, macht dich äußerst beliebt, was? oder scheiß Job sagen, aber mir ist nicht nach Scherzen. Wenn das stimmt, dann kann er mit einem einzigen Wort auch mein Leben erheblich gefährden. Obwohl schlimmer als jetzt geht es ohnehin kaum noch. Die Hunter sind hinter mir her, zig andere Wesen versuchen mehr oder weniger schnell mich umzubringen und ich befinde mich auf dem direkten Weg nach Sheol, dem Zufluchtsort der schlimmsten aller Dämonen, Sitz der Erzdämonen und Luzifers, dem uneingeschränktem Herrscher der Hölle, nur um einem Engel das Leben retten. Ach ja, nebenbei habe ich dann auch noch das wahnsinns Glück Setsuna im Hades einsammeln zu dürfen und ihm dabei zu helfen seine Schwester wieder zufinden, damit sie beide ein glückliches Leben in Inzucht führen können bis das der Tod sie scheidet. Tja, und ich selbst werde schließlich und letztendlich durch die Hand meiner Eltern sterben und damit die größte aller Sünden begehen. Das ist doch was! Mehr kann man von seinem Leben nun wirklich nicht verlagen.

Oh man, das hört sich schon fast so an wie in einem Kitschroman wo die tragische Heldin kurz vor ihrem Ende steht. Reiß dich zusammen! Es bringt niemanden etwas wenn du dich gehen lässt. Sie verlassen sich darauf, das du ihn heil zurück bringst und selber hast du schließlich auch noch einiges zu erledigen, oder soll Catan ewig ein Ghoul bleiben?

„Um auf das eigentliche Problem zurück zu kommen.“ Bitte nicht! Kann ich nicht einfach Setsuna mitnehmen und gehen? Irgendwie schaffte ich es aber nicht diesen Gedanken Uriel gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Seltsam, wäre er Rosiel hätte ich damit überhaupt keine Probleme. Ist sonst gar nicht meine Art...

„Deine Mutter hat eine Rebellion gegen Gott angeführt und wurde deshalb zu einer der grausamsten Strafen verurteilt. Man trennte ihre Seele vom Körper und schickte sie auf die Erde, wo sie jahrhundertelang wiedergeboren wurde. Doch egal in welcher Gestalt sie sich auch gerade befand, sie war dazu verdammt schon in jungen Jahren einen grausamen Tod zu sterben und jedes Mal fürchtete sie sich bis zu jenem Zeitpunkt, der ihr Leben beendete vor etwas was sie nicht benennen konnte. Ihr Körper hingegen wurde in einem Engelskristall eingeschlossen und unter höchste Bewachung gestellt. Niemals sollte sie wiedererweckt werden. Körper und Seele sollten auf ewig getrennt bleiben. Keine ihre Wiedergeburten sollte sich jemals daran erinnern, das sie einst ein Engel war.“ Er schöpfte kurz nach Atem. Was er mir da erzählt kommt mir merkwürdig bekannt vor. Hat Rosiel mir nicht mal was ganz ähnliches erzählt? ARGH! Verdammt! Ich hätte ihm wohl ausnahmsweise mal doch mal zuhören sollen, statt wie immer auf Durchzug zuschalten!

„Und ich war es der dieses Urteil über sie aussprach. Hätte ich eine andere Wahl gehabt, dann hätte ich ihr die Flucht ermöglicht, aber man hatte sie bereits in Ketten gelegt. Es war meine Aufgabe sie zu verurteilen und das Schlimmste ist, es verschaffte mir Genugtuung sie in Ketten zu sehen. Ein einziges Mal wollte ich sehen wie der stolze Blick ihrer Augen gebrochen wird, aber sie nahm das Urteil mit einer solchen Gleichgültigkeit hin, das man meinen könnte sie hätte sich schon bereits vor langer Zeit damit abgefunden. Es war als hätte sie damit gerechnet, das sie eines Tages gefangengenommen wird. Sie hat nicht einen Augenblick lang Furcht gezeigt, sondern alle, die sich versammelt hatten um zu sehen wie ein abtrünniger Engel verurteilt wird, mit Blicken gesegnet, die sie zittern ließen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ein Engel der bei einem solchen Urteil, das an Grausamkeit kaum noch zu überbieten ist keinerlei Furcht zeigt. Sie hat uns trotz ihrer Niederlage besiegt und wir haben es noch nicht einmal bemerkt.“ Resigniert ließ er den Kopf sinken und wartete auf eine Reaktion von mir. Doch ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte nicht fassen, was er mir da so eben eröffnet hatte.

„Das ist ein Scherz, oder? Ich meine das kannst du nicht ernst meinen. Meine Mutter würde doch niemals gegen...“ In diesem Moment ging mir ein Licht auf. Natürlich! Es war genau das was sie tun würde. Immerhin liebt sie meinen Vater und er ist ein Dämon. Ich frage mich nur ob Uriel das ebenfalls weiß.

„Doch! Das und nichts anderes heißt es. Alec war noch nie der Typ für halbe Sachen, was sie macht, das macht sie gründlich.“ Irritiert sah ich ihn an. Dieser Name... Alec... habe ich den nicht schon mal irgendwo gehört? Oder zumindest einen Namen der ganz ähnlich klingt? Sichtlich erstaunt sah er mich an.

„Du kennst ihren Namen nicht?!“ Ich bekam Kopfschmerzen als ich versuchte in meiner Erinnerungen danach zu suchen. Doch da war nichts. Nur verschwommene Schatten. So sehr ich es auch versuchte ich konnte mich weder an die Namen meiner Eltern noch an ihre Gesichter erinnern. Alles um sie herum blieb verschwommen. Fast so als würde ein undurchsichtiger Schleier zwischen ihnen und mir liegen. Er war zwar nur hauchdünn, aber ich schaffte es nicht ihn zu zerreißen. Resigniert ließ ich den Kopf sinken. Mein Plan mich von ihnen töten zu lassen ist damit hinfällig. Wenn ich mich noch nicht einmal an ihre Gesichter erinnern kann, wie soll ich sie dann finden? Und überhaupt, sieh es realistisch, wer weiß schon ob sie noch am Leben sind. Es ist nicht gerade wenig Zeit vergangen seit dem Tag an dem du deine Erinnerung verloren hast. Du hast dich da in etwas verrannt, das nicht möglich ist.

„Ich habe eine Frage.“ Verwundert sah ich ihn an. Seine Stimmung schien sich etwas gebessert zu haben. Er wirkte nicht mehr ganz so bedrückt wie am Anfang. Kein Wunder nachdem was er mir da gerade erzählt hat.

„Hat deine Mutter jemals einen Bann über dich gelegt oder ein Siegel geschaffen um dich zu schützen?“ Langsam wird mir klar warum ich ihn als Lehrmeister akzeptiert habe. Er sieht sofort das Wesentliche und hält sich nicht mit sinnlosen Fragen auf.

„Ja, sogar mehrmals wenn ich mich nicht irre. Das letzte Siegel haben meine Eltern dann allerdings gemeinsam geschaffen.“ Seine Augen lagen fragend auf mir und ich erklärte ihm so kurz wie nur eben möglich die Zusammenhänge. Er scheint nicht einmal erstaunt zu sein, das mein Vater ein Dämon ist. Viel eher scheint das eine von ihm langgehegte Vermutung zu bestätigen.

„Dann ist es einfach! Sie wollten nicht das du dich zu schnell wieder an alles erinnert. Wahrscheinlich besteht das Siegel deshalb aus mehreren Teilen, die übereinander liegen.“ Soll ich nun lachen oder weinen? Das erklärt alles! Ein Siegel, das so aufgebaut wird ist selbst wenn es bricht immer noch zum Großteil intakt. Das erklärt meinen Erinnerungslücken. Nur ist damit meine Chance zu sterben verloren. Keiner außer meinen Eltern ist in der Lage mich zu töten. Oder besser gesagt niemals würden ein Engel und Dämon sich dazu bereit erklären ihre Kräfte zu vereinen um mich zu töten, das probieren sie dann doch lieber im Alleingang. Mitfühlend sah Uriel mich an.

„Mit der Zeit werden sicher auch diese letzten Barrieren verschwinden und deine Erinnerung wird wieder vollständig sein.“ Ich stieß leisen einen Laut der Verzweiflung aus. Wie lange soll das dauern? Soll ich auch weiterhin mit der Tatsache leben das keine Macht der Welt mich jemals von meinem Schmerz erlösen kann?! Behutsam nahm er legte er seine Hände auf meine und sah mich eindringlich an.

„Erzähl es mir.“ Ich zuckte zusammen und versuchte ihm meine Hände zu entziehen, aber das ließ er nicht zu. Mein innerlicher Schutzwall gegen meine Erinnerungen und alles was damit verbunden war begann langsam zu bröckeln.

„Nicht das von vorhin. Ich meine alles, wirklich alles was dir wiederfahren ist.“ Und plötzlich sprudelte es aus mir heraus als hätte er eine Wasserader angestochen, die nur auf eine solche Gelegenheit gewartet hatte um sich ihren Weg an die Erdoberfläche zu bahnen. Einzig die Zeit, die ich Dank Rosiel in Yetzirah verbracht hatte und alles was das betraf verschwieg ich ihm. Er unterbrach mich nicht ein einziges Mal und selbst meine Tränen schienen ihn nicht zu stören. Keine Ahnung wie lange wir dort saßen, aber als ich endlich fertig damit war ihm mein Herz auszuschütten war es bereits stockdunkel und neben uns stand eine reiflich geschockt wirkende Doll, die krampfhaft einen Kerzenleuchter festhielt, die einzige Lichtquelle, die sich jetzt noch im Raum befand. Die Kerzen in dem Leuchter waren schon fast ganz heruntergebrannt und der Wachs tropfte leise zu Boden wo er kleine dunkle Flecken hinterließ. Anscheinend hat sie schon ziemlich lange dort gestanden...

Bevor sie oder Uriel etwas sagen konnten tat ich genau das was ich in solchen Momenten immer tue. Ich lenkte von Thema ab. Ich wollte sie nicht auch noch mit in meinen Problemen belasten.

„Ist schon gut. Ich danke dir Uriel, aber bitte belaste dich nicht damit. Dafür liegt das alles schon viel zu lange zurück. Tut mir leid, aber inzwischen bin ich schrecklich müde. Du hast nicht zufällig noch ein Gästebett frei, oder Uriel-sama?“ Er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht zu deuten vermochte. Das –sama hatte sich auch eher selbständig von meinen Lippen gelöst, als das ich mir überhaupt bewusst gewesen wäre, das ich einem Engel somit Respekt erwies. Vielleicht war er einfach zu lange mein Lehrer gewesen, als das ich ihn jetzt noch anders nennen könnte. Es kam mir von Grund auf falsch vor ihn ohne jeden Titel anzusprechen.

„Sicher. Nichts ist einfacher als das. Doll wird dir alles zeigen.“ Augenblicklich zuckte die Angesprochene erschrocken zusammen nur um kurz darauf ziemlich hektisch zu werden. Die Situation schien ihr unangenehm zu sein und sie versuchte auf diese Art sich abzulenken. Gelassen stand ich auf und wollte ihr eigentlich folgen, aber meine Beine machten mir einen Strich durch die Rechnung. Sie wurden zu Pudding und ich musste mich an der Wand abstützen um nicht auf dem Boden zu landen. Uriel merkte das natürlich sofort und ließ es sich nicht nehmen mich zu stützen und selbst bis zu dem eigens für mich vorbereiteten Raum zu begleiten. Er blieb sogar noch einige Zeit neben dem Bett sitzen um darauf zu achten, das ich tatsächlich einschlief (Engel können es mit ihrer Fürsorge manchmal wirklich übertreiben), aber das war überflüssig. Kaum hatte ich mir die Decke unters Kinn gezogen versank ich auch schon in meinem Träumen.

Es Schlaf zu nennen wäre eine Lüge. Mich verfolgten sowohl die Bilder und Gesichter der Vergangenheit als auch der Gegenwart und das galt bei weitem nicht nur für mich. Nein, auch die Erinnerungen Anaels, deren Seele ich nun in mir trug bahnten sich ihren Weg um mit den meinen zu verschmelzen. In meinem Kopf herrschte ein ziemlich Durcheinander und deshalb wunderte es mich enorm, das ich mich am nächsten Morgen doch ziemlich erholt fühlte (was mich nicht daran hinderte auch weiterhin im Bett zu bleiben) und zu meinem größten Erstaunen auch noch klar denken konnte. Fast so, als wäre eine schwere Last von mir abgefallen. Schon komisch...

Anaels Seele schlief bereits wieder und ich wollte sie nicht wecken. Es ist ohnehin schon irritierend genug plötzlich seinen Körper mit jemanden zu teilen. Bin mal gespannt was da noch auf mich zukommt. Immerhin mache ich so was zum ersten Mal.

Irgendwie fing der Tag doch gut an. Ein paar angenehm warme Sonnenstrahlen fielen auf mein Gesicht, von irgendwoher hörte ich das Zwitschern einiger Vögel und das Rauschen der Blätter in zahlreichen Baumkronen. Zu Frieden wickelte ich mich noch ein Stückchen weiter in die Decke um diesen Moment noch etwas länger genießen zu können, aber daraus wurde Dank Setsuna, der anscheinend nur auf ein Lebenszeichen von mir gewartet hatte nichts. Kaum hatte ich mich bewegt setzte er alles daran mich wach zu bekommen und gab erst auf, als ich mürrisch einwilligte aufzustehen. Leider hatte das auch zur Folge, das ich mich wieder all meinen Problemen stellen musste und immer noch keine Ahnung hatte wie ich damit fertig werden sollte. Aber wie heißt es so schön? Einen Schritt nach dem Anderen, der Rest kommt dann von allein. Nur funktioniert das auch wenn man kein Ziel vor Augen hat?

„Ah! Guten Morgen Deshon-san! Habt ihr gut geschlafen?“ So wie Doll mich begrüßt hab ich bei ihr einen Stein im Brett. Bestimmt hat Uriel ihr in der Nacht noch so einiges über mich erzählt. Möchte mal wissen warum. Setsunas Begleiter (der Typ heißt übrigens Katou wie Setsuna mir kurz nach dem er mich geweckt hatte mitteilte) mich so eindringlich mustert, aber mir ist nicht besonders nach ausschweifenden Frühstücksgesprächen oder Fragen und so lag der meiste Teil der Konversation bei ihm und Setsuna. Da sie mich nicht weiter mit Fragen belästigen scheint Uriel sie vorgewarnt zu haben was mein Verhalten angeht. Aber ich kann mich auch irren...

Nachdem ich mit dem Frühstück fertig und gerade dabei war die dritte Tasse Tee zu leeren flüsterte mir Doll zu, das Uriel mich in einem anderen Teil seines Palastes zu sprechen wünschte. Ich nahm es zur Kenntnis stand aber erst auf, als sich in der Tasse kein Tee mehr befand. Ich war schon immer gegen Verschwendung. Schweigend wie ich gekommen war verließ ich den Raum wieder. Ich konnte hören wie Setsuna und Katou miteinander zu flüstern begannen, aber das störte mich nicht. Für Setsuna muss mein Verhalten ja auch verdammt merkwürdig sein. Normalerweise ist er morgens mein erstes Angriffsziel wenn es um Sticheleien jeglicher Art geht. Das er jetzt davon verschont bleibt muss ihm ganz schön zu denken geben. Eine Wendung um einhundertachtzig Grad meinerseits, würde ich das nennen. Wundert mich schon, das er das einfach so akzeptiert. Na ja, vielleicht liegt das auch nur daran, das er inzwischen auch einiges durchgemacht hat. Sobald wir zurück sind werde ich ihn mal nach seinen Erlebnissen fragen. Doch jetzt gibt es erst mal wichtigeres.

Uriel tauchte so plötzlich vor mir auf, das er genauso gut aus dem Nichts hätte erscheinen können. Ich bekam einen Heidenschreck und wich automatisch ein paar Schritte zurück.

„Tut mit leid wenn ich dich erschreckt habe. Das lag nicht in meiner Absicht.“

„Macht nichts. Ich war wohl etwas zu tief in Gedanken.“ Das stimmt sogar ausnahmsweise mal. Bei meinem momentan Zustand hätte mich wahrscheinlich sogar eine Maus erschreckt. Milde lächelnd sah er mich an.

„Das wundert mich nicht. Nach allem was du mir gestern erzählt hast ist es ohnehin merkwürdig, das du dir noch nicht selbst etwas angetan hast um deinem Schmerz zu entkommen. Stattdessen hast du dich hierher begeben um den Messias zu retten. Scheint das du stärker bist, als du denkst.“ Bei seinem letzten Satz zog sich etwas in mir zusammen. Wie oft habe ich das jetzt schön gehört und wie oft habe ich diesen Satz bereits verflucht? Wenn ich wirklich so stark bin wie alle glauben, warum ist es mir dann nicht gelungen die zu beschützen, die ich liebe? Warum mussten sie dann alleine sterben?!

„Nein, in diesem Punkt irrst du dich. Ich bin lange nicht so stark wie du glaubst. Und wäre es mir möglich, dann hätte ich mein Leben schon vor langer Zeit beendet.“ Er seufzte leicht, aber schien nicht sonderlich überrascht. Was mache ich hier überhaupt? Warum erzähle ich ihm das alles? Es kann doch nicht sein das ein Engel mich versteht, oder?

„Dann erlaubt dir dein Erbe also wirklich nicht zu sterben. Es sei den ein Engel und Dämon würden ihre Kräfte zu diesem Zweck vereinen.“ Resigniert ließ ich den Kopf sinken. Da haben wir’s er hat mir gestern also doch nicht alles geglaubt was ich ihm erzählt habe. Das ist so enttäuschend. Ich hatte gehofft, das wenigstens er, als mein ehemaliger Lehrer mich verstehen würde. Habe ich das gerade wirklich ernst gemeint? Ein Engel, der mich versteht? So etwas gibt es doch gar nicht, oder?

„Hat Doll dir gesagt warum ich dich sprechen wollte?“ Ich schüttelte den Kopf. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, das man mir immer erst äußerst spät verriet worum es eigentlich geht, es sein denn ich bestehe darauf, das man mir so etwas vorher sagt, aber was bringt das schon? Im Nachhinein muss man sich doch damit abfinden. Irgendwie ist das doch alles sinnlos. Ich werde niemals den Frieden finden nach dem ich mich sehne.

„Ich habe dich rufen lassen, weil ich sicher bin, das du nicht möchtest, das jemand anderes von unserem Gespräch erfährt. Immerhin hast du mir gestern auch erst etwas erzählt als Doll und die beiden Jungs weg waren.“ Erstaunlich, wie schnell er das rausgefunden hat.

„Keine Sorge, es wird nicht lange dauern, danach kannst du dich zusammen mit Setsuna auf den Weg zurück machen.“ Überrascht sah ich ihn an.

„Wie meinst du das?“ Er sah mich sanft an.

„Ganz einfach, ich habe lediglich vor dir noch einiges über deine Mutter zu erzählen und dir etwas zu zeigen. Dann könnt ihr gehen.“ Misstrauisch hob ich meinen Augenbrauen. Soll das heißen wenn ich ablehne müssen wir hier bleiben? Er schmunzelte als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Alec, nein besser Alexiel ist genauso ein Dickkopf gewesen wie du. Sie hat auch immer allem und jedem misstraut.“ Alexiel?! Hab ich das gerade richtig verstanden?! Alexiel soll meine Mutter sein?! Bitte, das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Das wäre endgültig zu viel des Guten.

„Ich sehe schon, es wird mehr als mein Wort brauchen um dich zu überzeugen.“ Mit einem Seufzer wies er auf die Tür hinter sich. Wo zum Henker ist die so plötzlich hergekommen?! Vor zwei Sekunden war die noch nicht da.

„Wenn du dort hindurch gehst wirst du wissen, das ich dir die Wahrheit gesagt habe.“ Kritisch beäugte ich die Tür. Ich war mir nicht sicher was er damit bezweckte, aber ich tat ihm den Gefallen und erklärte mich bereit es wenigstens zu probieren. Alexiel meine Mutter?! Das kann nur ein Scherz sein! Allerdings schwieg er sich darüber aus was mich hinter der Tür erwartete, aber viel schlimmer als das letzte Mal kann es ja kaum werden. Gelassen zog er einen Schlüssel unter seinem Mantel hervor und öffnete mir dir Tür, die in einem sanften Fliederton erstrahlte. Als er zurücktrat um den Weg freizugeben war ich irritiert.

„Heißt das du kommst nicht mit?“ Wieder lächelte er mich sanft an.

„Du würdest nicht wollen das ich dich begleite.“ Achselzuckend nahm ich es zur Kenntnis und ging (trotz reiflich mulmigen Gefühl in der Magengegend) zielstrebig durch die Tür. Ich fand mich auf einem verschlungenen Pfad in mitten eines Waldstücks wieder. Die Luft roch angenehm nach Kiefernnadeln und der Wind, der durch die Bäume striff war lauwarm und äußerst angenehm. Da ich nicht wusste wo ich mich befand entschloss ich mich dem Weg zu folgen bis mir irgendjemand erklären würde was das hier sollte, da Uriel sich in dieser Beziehung ja ausgeschwiegen hatte. Man merkt eben doch, das er ein Engel ist.

Es machte mir erstaunlicher Weise nicht das Geringste aus, das schon bald eine Stunde auf die Nächste folgte. In dem Wald fühlte ich mich pudelwohl und hatte meine Absicht jemanden nach dem Weg zu fragen schon bald vergessen. Irgendwie schon komisch ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Erst als ich das Ende des Waldstücks sehen konnte wurde ich misstrauisch. Diese Art, wie die Bäume sich dort teilen. Das kommt mir so bekannt vor...

Nach ein paar Minuten stand ich schließlich am Waldrand und mein Blick glitt über eine weitläufige grüne Ebene in deren Mitte sich (verglichen mit der heutigen Zeit) ein kleines Dorf befand. Eines der etwas außerhalb liegenden Häuser fiel mir dabei besonders auf, da ein riesiger Fliederbaum in voller Blüte bis weit über sein Dach hinaus ragte. Mir stockte der Atem. Das kann doch unmöglich sein! Zögernd näherte ich mich dem Dorf. Allerdings immer darauf bedacht von niemandem entdeckt zu werden. Weshalb ich mich größtenteils im Schatten des Waldrands aufhielt. Ich wollte erst sicher gehen ob mich meine Ahnung täuschte oder nicht.

Erst als mir das Haus mit dem Fliederbaum direkt gegenüber lag verließ ich meine Deckung und schlich mich vorsichtig näher heran. Alles, aber auch wirklich alles auf dem Weg dorthin war mir vertraut. Ich kannte jeden einzelnen Stein und wusste genau wohin ich treten musste um kein Geräusch zu verursachen. Selbst die unscheinbaren Pflanzen die hier und da wuchsen konnte ich ohne Probleme benennen. Unmöglich! Das kann nicht sein!

Als ich mich an die Hauswand lehnte schlich sich ein Gefühl in mein Herz, das ich schon seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Es war die Gewissheit endlich wieder an dem Ort zu sein, den man sein zu Hause nennt. Meine Hand striff beinahe zärtlich über den rauen Putz, der teilweise schon abbröckelte. Irgendjemand sollte sich endlich einmal darum kümmern...

Das plötzliche Aufklingen ein paar fröhlicher Stimmen aus dem Inneren des Hauses ließ mich zusammenzucken. Ich kannte sie! Jede einzelne dieser Stimmen ist mir vertrauter als irgendetwas anderes auf der Welt und doch, ich weiß genau, dass das unmöglich sein kann. Das muss ein Traum oder eine Vision sein!

Mühsam versuchte ich die Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen und war zutiefst schockiert als ich merkte, das sie gar nicht von dort stammten, sondern wirklich aus dem Haus kamen. Jetzt wollte ich es wissen. Zielgenau ließ ich mich in der blütenübersäten Krone des Fliederbaums nieder und hatte somit einen idealen Ausblick sowohl auf das Haus als auch auf den sich direkt daran anschließenden Garten mit dem Vorteil, das mich niemand bemerken würde. Eine ältere Frau trat aus dem Haus und sah sich suchend um.

„ARIEL! Du Schlingel, wo steckst du denn schon wieder?“ Sie bekam ein helles Kinderlachen zur Antwort und im nächsten Moment glaubte ich mein Herz würde stehen bleiben. Aus einer dunklen Ecke schoss ein kleiner Junge auf sie zu, der meinem Sohn zum Verwechseln ähnlich sah. Lachend fing sie ihn auf und wirbelte mit ihm durch den Garten. Jetzt erkannte ich auch sie. Das war Saeko! Aber das ist unmöglich! Sie ist vor Jahren gestorben! Wie kann das sein?!

„Na ihr zwei, habt ihr wieder verstecken gespielt?“ Diese sanfte Stimme... Oh, mein Gott!

„Nicht ganz. Dieser Schlingel ist einfach abgehauen obwohl er lernen sollte.“ Saekos Blick lag freudestrahlend auf dem älteren Mann, der soeben sanft ihre Schultern umfasst hatte.

„Och, Oma das ist so langweilig!“ Der Kleine zog einen Schmollmund. Ich konnte spüren wie ich zu zittern begann. Shion auch?! Aber das ist unmöglich! Wie kann das sein?

„Ich würde viel lieber Fliegen üben!“ Jetzt strahlte er wieder über das ganze Gesicht und hatte offensichtlich Erfolg, da er ein zustimmendes Nicken als Antwort bekam.

„Na gut, aber nur ausnahmsweise. Du weißt genau, das-“

„Meine Mutter viel Wert auf meine Erziehung legt und ich deshalb auch unangenehme Dinge lernen muss. Schon gut Oma, ich kenn die Predigt.“ Ich musste mich an den Baumstamm lehnen um nicht zu fallen. Der Schock, den ich gerade erlitt war körperlich fast genauso schlimm wie seelisch. Das da unten sind zweifellos Saeko und Shion, meine Zieheltern und mein Sohn, Ariel. Aber warum?! Warum sind sie hier? Ich verstehe das nicht! Ich habe doch selbst gesehen wie sie gestorben sind. Wie kann das sein?! Noch viel weniger verstehe ich allerdings die Tatsache warum ich immer noch hier oben sitze und nicht einfach zu ihnen gehe. Irgendetwas stimmt hier nicht, aber was?

„Du sag mal Opa.“ Der Kleine klang irgendwie merkwürdig, fast so als hätte er etwas entdeckt und wollte sich nicht unnötig verraten.

„Ja?“

„Ich glaube da oben im Baum ist irgendwer.“ Geschockt zuckte ich zusammen. Er hat mich bemerkt?! Wie? Meine Aura ist doch so gut wie nicht zu spüren und durch dieses Blütengewirr kann man mich unmöglich sehen! Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wenn er mich jetzt entdeckte war alles zu spät!

„Meinst du? Dann sieh doch nach.“ Fast so als hätte er nur auf diese Erlaubnis gewartet entfaltete der Kleine seine schneeweißen Schwingen und schoss wie Pfeil auf mein Versteck zu. Die Blüten des Flieders prasselten wie ein Regenschauer zu Boden als ich sie durchstieß. Selbst wenn er noch schnell fliegen konnte, er würde mich nicht einholen können, dafür waren seine Schwingen viel zu klein und ungeübt.

Trotzdem hatte ich es mir erlaubt zwei Sekunden zu zögern.

Zwei Sekunden in denen ich sein Gesicht sehen konnte, das Erkennen in seinen Augen, das zu freudigen Strahlen wurde.

Zwei Sekunden in denen seine Lippen stumm das Wort Mama formten.

Zwei Sekunden in denen sich meine Augen mit Tränen füllten.

Zwei Sekunden bevor ich davon schoss als würde mich ein Heer Dämonen verfolgen.

Während mich der Schlag meiner Flügel unablässig durch das Blau des Himmels trug verfluchte ich die Tatsache, das ich je in den Hades gekommen war und Uriel vertraut hatte. Das hier war grausam! Schlimmer als jede Folter, die ich bisher erlebt habe. Man hielt mir eine fast perfekte Illusion der Vergangenheit vor die Nase. Mein Herz und mein Verstand kämpften gegeneinander und das jetzt, wo ich sie beide am Meisten brauchte, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich bräuchte nur danach zu greifen... und...

Und würde mich für immer darin verlieren! Das ist es doch was sie wollen! Sie wollen, das ich mich daran festhalte und nie wieder zurück kehre! Das ist von Anfang an der Plan gewesen! Mich so auszuschalten, da sie mich nicht töten können. Deshalb habe ich vorhin gezögert! Ich ahnte, das es zu schön war um wahr sein! Gott, warum ich?! Warum tust du mir das an?! Was habe ich dir denn getan?!

Heiß liefen mir Tränen übers Gesicht während sich der Schlag meiner Flügel noch weiter verstärkte. Ich wusste schon gar nicht mehr wohin ich überhaupt flog. Oder sollte fliehen sagen? Ich wollte nur noch weg! Weg von all den schmerzhaften Erinnerungen. Weg von dem was nie wieder sein konnte, obwohl es so nah war. Der Blick dieser strahlenden Kinderaugen hatte eine uralte Wunde in meinem Herzen wieder aufgerießen. Ich konnte fühlen wie sich der Schmerz durch meinen Körper fraß und vor nichts haltmachte. Er breitete sich wie Säure in meinem Inneren aus.

Die plötzlich auftauchende Baumspitze hatte etwas von einem Blitz. Ich hatte sie nicht bemerkt, erst als ich auch schon mit voller Wucht dagegen geprallt war und in Richtung Boden fiel wurde mir klar, das da ein irgendwo Hindernis gewesen sein musste. Mein eigener Schwung schleuderte mich hart auf das Wasser unter mir. Der Aufprall raubte mir fast den gesamten Atmen. Keuchend versuchte ich an die Wasseroberfläche zu gelangen und das Ufer zu erreichen. Doch ich kam gerade mal bis ins seichte Wasser bevor ich zusammenbrach und liegen blieb. Meine Schwingen hatten tiefe Wunden von dem Sturz davongetragen und schmerzten höllisch. Würde mich nicht wundern, wenn ein paar der feinen Knochen gebrochen sind. Langsam ließ ich meinen Blick über die Umgebung streifen. Irgendjemand hatte auf einen Baumstumpf einen Strauß Flieder gelegt. Fast so als wäre dieser Ort mit einer Erinnerung an einen geliebten Menschen verbunden...

In meinen Augen verschwamm die gesamte Umgebung, als ich versuchte mich wieder auf die Beine zu kämpfen. Ich schaffte es gerade mal meine Arme so weit abzustützen, das ich mit dem Gesicht nicht wieder im Wasser landete. Dieser Ort weckte so viele Erinnerungen in mir, das meine Seele ihr Recht forderte. Ehe ich mich versah verwandelte ich mich in ein schluchzendes Häufchen Elend, das sich mühselig ans Ufer schleppte und dann zusammenkauerte als wäre die ganze Welt sein Feind. Ich konnte nicht anders. Ich schlang die Arme um meinem Körper um nicht noch mehr zu zittern, während sich all die solange vergessene und verdrängte Trauer ihren Weg bahnte.

Eine sanfte Berührung an der Schulter brachte mich dazu den Blick zu wenden. Ich sah in das besorgte Gesicht eines sonnengebräunten Mannes mit rotbraunen Haaren und tiefgrünen Augen. Mein Körper erzitterte, als ich ihn durch den Tränenschleier erkannte. Remiriel!

„Suru? Was um Himmelswillen tust du hier?“ Diese sanfte, freundliche Stimme, die ich all die Jahre so furchtbar vermisst habe ohne es zu wissen…

Das klare grün seiner Augen...

Illusion oder nicht, es ist mir egal! Fest klammerte ich mich an den mir so vertrauten Körper und ließ meinen Tränen freien Lauf. Er sagte nichts, nahm nur zur Kenntnis, das ich ihn brauchte. Sanft schlossen sich seine Arme um meinen Körper.

„Suru.“ Mehr brauchte ich nicht um zu wissen, das es wirklich er war, der mich festhielt. Keine Illusion, kein Trick. Einfach nur Remiriel. Das war alles, was ich je wollte. Seine Nähe zu spüren, zu wissen das es meiner Familie gut geht.

Warum kann es nicht immer so sein? Warum kann ich nicht einfach glücklich sein? Warum muss ich wissen, dass das hier nur eine Illusion ist? Reicht es nicht, das wir uns schon einmal verloren haben? Ja, ich weiß, das ich ihn loslassen muss um meinen Platz in der Wirklichkeit wieder einzunehmen, aber muss es denn gleich sein? Kann ich nicht einfach eine zeitlang hier bleiben und glücklich sein?

Ich krallte meine Hände fester in den Stoff seiner Kleidung und vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Seine Hände striffen über mein Haar und die verletzen Schwingen. Nicht! Bitte! Ich will nicht zurück! Lass mich hier bleiben!

„Du musst vorsichtiger sein.“ Vorsichtig löste ich mich ein Stück von ihm um ihn ansehen zu können. Der Anblick zeriss mich fast. Er ist so nah und doch unerreichbar.

„Ja, ich weiß. Tut mir leid.“ Wieder spürte ich seine Finger auf meinen Schwingen, wie sie vorsichtig jede einzelne noch so kleine Verletzung ertasteten, jede Feder berührten...

Sie zitterten kaum merklich. Er schien das nur zu machen um nicht in Versuchung zu geraten mich wieder an sich zu ziehen. Warum? Warum schließt du mich nicht wie früher in deine Arme und lässt mich alles andere vergessen? Keine Sorgen mehr, kein Kummer einfach nur deine Nähe spüren und zu wissen das du da bist...

„Die Wunden werden bestimmt bald heilen.“ Der Blick mit dem er das sagte machte deutlich, das er damit noch ein paar ganz andere Dinge meinte. Traurig schüttelte ich den Kopf. Ich werde also wirklich nicht bleiben können?

„Dafür sind sie zu tief. Sie werden auf ewig bleiben.“ Einsetzt sah er mich an, bevor er mich fest an den Schultern packte. Bitte! Lass mich hier bleiben! Ich brauche dich!

„So etwas darfst du nicht sagen! Du bis so viel stärker, als du glaubst! Du darfst nicht aufgeben!“ Da war er wieder, dieser Satz, den ich zu oft gehört hatte um ihn noch glauben zu können und dieses Mal machte er mich sogar wütend. Ich hatte gehofft, das wenigstens er mich verstehen würde. Wütend befreite ich mich aus seinem Griff. Verstehst du denn nicht wie sehr ich gelitten habe, als ich euch verlor?

„Warum?! Warum sagen mir das immer alle?! Darf ich nicht auch schwach sein?! Ihr redet davon, als wäre es leicht mit all dem Schmerz und der Trauer fertig zu werden ! Hat sich je einer darum gekümmert, wie es mir dabei geht?! Keiner hat mich je gefragt, ob ich dieses Leben überhaupt führen will! Alle gehen immer davon aus, das es mir so gefällt, aber das stimmt nicht!“ Er schwieg betroffen, aber das hielt mich nicht davon ab weiter zu sprechen. Du warst doch dabei als es passierte, als man mir alles nahm. Warum verstehst du mich dann nicht?

„Soll ich dir sagen, was ich damals getan habe, als ich alles verloren hatte, was ich liebte? Ich habe mir ein Schwert in die Brust gerammt um nicht allein zurückbleiben zu müssen! Um nicht diesen Schmerz, diese Einsamkeit zu erdulden! Aber es hat nicht funktioniert! Die Wunde tötete mich nicht! Ich musste aufs grausamste feststellen, das keine menschliche Waffe mir etwas anhaben kann und mein eigenes Schwert, die Waffe die mich vermutlich mit größter Sicherheit töten könnte lässt sich egal von wem sie auch geführt wird nicht gegen mich selbst richten. Ich musste also weiterleben ob ich wollte oder nicht! Ich hatte keine andere Wahl! Verstehst du? Ich kann nicht sterben!“ Er sah mich bestürzt an. Erschöpft ließ ich meinen Kopf zur Seite sinken. Das war’s. Mehr kann ich dir nicht mehr sagen. All der Schmerz in mir hat sich endlich seinen Weg gebahnt und ich kann ihn nicht mehr aufhalten. Bist du jetzt enttäuscht von mir?

„Und was hat dich all die Jahre am Leben erhalten? Was hat dafür gesorgt, das du deinen Verstand nicht verlierst?“ Müde sah ich ihn an. Warum willst du mich denn nicht verstehen? Ich bin müde. Ich habe keine Kraft mehr um noch länger damit fertig zu werden.

„Ein Siegel, das all meine Erinnerungen verschloss und sie nur in den letzten Jahren als Träume auftreten ließ. In all der Zeit hatte ich vergessen wer und was ich wirklich bin. Erst als ich nach Yetzirah gebracht wurde brach es.“ Ich bin es so leid. Alles was ich ihm jetzt sage kann nicht darüber hinwegtäuschen, das ich ihn wieder verlieren werde.

„Meinst du wirklich, das du so schwach bist? Das du so leicht aufgeben würdest? Du, die nach all den Jahren des Wartens in Yetzirah erschien um meine Seele von ihrem Elend zu erlösen und mir somit Frieden schenkte. Hätte ich nicht genau gewusst, das du eines Tages zu mir zurück kehren würdest hätte ich es niemals solange in dieser Gestalt ausgehalten. Du weißt doch, das ich kein normaler Ghoul war. Meine Liebe zu dir hat verhindert, das ich meinen Verstand vollständig verliere und mir eine Gestalt gegeben in der es mir möglich war all die Jahre auf deine Rückkehr zu warten.“ Nicht! Bitte hör auf! Du machst es mir nur noch schwerer!

„Weißt du eigentlich was du mir damals für einen Schrecken eingejagt hast, als du plötzlich beim Wing cutting aufgetaucht bist?“ Etwas in mir zog sich zusammen. Das Wing cutting! Ich hatte gesehen wie man ihm seine Flügel nahm und konnte nichts dagegen tun. Der Gedanke daran wie hilflos ich in diesem Augenblick gewesen bin ließ mich erschaudern. Sanft drückte er mich wieder an sich.

„Ich dachte du würdest dich jede Sekunde in den Saal stürzen nur um mich zu retten. Niemals hätte ich zu gelassen, das sie dich finden, auch nicht, als sie mich gefangen nahmen. Aber du hättest riskiert, alles auffliegen zu lassen um mich zu retten. Ich hatte noch nie solche Angst um dich wie in diesem Moment.“ Verwirrt sah ich ihn an. Angst?! Um mich? Ich war doch vollkommen gelähmt gewesen als ich sah wenn sie in den Saal geführten.

„Aber, ich verstehe nicht. Ich war doch viel zu schwach um überhaupt etwas ausrichten zu können. Wie hätte ich?“ Er legte mir mit einer beschwichtigenden Geste einen Finger auf den Mund.

„Hast du es damals etwa nicht bemerkt? Raphael hatte dich fast vollkommen geheilt und deine Kräfte waren weithin spürbar. Es hätte dich zwar deine letzten Reserven gekostet, aber ich wäre freigewesen. Das heißt, wenn...“ Er hielt inne, aber ich wusste was er sagen wollte.

„Wenn du nicht gesagt hättest flieh.“ Sein Blick sank zu Boden während seine Arme kraftlos von meinen Schultern fielen. Soll das heißen, wenn er mir das nicht gesagt hätte, hätte ich ihn retten können?!

„Kannst du mir das verzeihen? Kannst du mir verzeihen, das ich es war der dich zu diesem Leben gezwungen hat?“ Sein Geständnis traf mich tief. Mein Verstand brauchte Zeit um sich mit meinem Herzen zu verständigen und so schwieg ich. Er missverstand mein Schweigen und begann sich zu rechtfertigen.

„Du hast Assia immer so sehr geliebt, das selbst die Pracht der Himmel in deinen Augen dagegen verblasste. In ihren Labors wärst du für immer verloren gewesen. Wie hätte ich den zulassen können, das sie dich in einem völlig geschwächten Zustand in eines ihrer Versuchslabors sperren nur um dich für den Rest deines Lebens als Laborratte zu benutzen? Deine Seele wäre gestorben und hätte lediglich eine leblose Hülle zurückgelassen. Nie wieder hätte ich dein Lachen hören können-“

„Nicht! Bitte hör auf damit! Hör auf damit dir Vorwürfe zu machen! Das ist so lange her, das es schon fast keine Rolle mehr spielt.“ Langsam stand ich auf und sah ihn fest an. Es stimmt was Rosiel mir gesagt hat. Niemand kann seine Vergangenheit ändern und auch wenn es noch so sehr schmerzt ich muss versuchen in der Gegenwart zu leben.

„Ich habe bereits vor langer Zeit gelernt, das man seine Vergangenheit nicht ändern kann. Es ist wie es ist.“ Erstaunt sah er mich an, bevor sein Blick zu einem glücklichen Strahlen wurde. Verdammt! Warum ist es nur so schwer all das loszulassen? Vor ein paar Sekunden erschien es so einfach aufzustehen und zurück zu kehren, aber jetzt? Ich habe dieses Lächeln solange vermisst und soll jetzt wieder ohne es leben?

„Na endlich! Das klingt schon viel eher nach dir.“ Verdutzt sah ich zu, wie er sich ebenfalls erhob und mir dann freundschaftlich eine Hand auf die Schulter legte. Nein! So sehr ich es mir auch wünsche, ich weiß genau, das er mich nicht begleiten kann. Ich trage bereits eine fremde Seele in mir und eine zweite ist unmöglich. Man kann nur eine fremde Seele in sich aufnehmen.

„Als du dich mit Sevothtarte angelegt hast dachte ich ebenfalls mein Herz würde stehen bleiben. Ich verstand nicht warum du dich nicht verteidigt hast. Erst als ich eingriff und den überraschten Blick in deinen Augen sah wusste ich, das du nicht erinnern konntest wer und was du bist. Glaub es oder nicht, aber du bist stärker als jeder Einzelne von uns. Wahrscheinlich hast du den Ausbruch vorhin einfach nur gebraucht um neue Kraft schöpfen zu können.“ Meint er das ernst? Das soll alles sein?! Mein Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn er begann leicht zu lachen.

„Weißt du unsere Seelen haben sich an diesen Ort geflüchtet, um nicht allein zu sein. Wir brauchen einander um vergessen und hoffen zu können.“ Verwirrt sah ich ihn an. Was heißt vergessen und hoffen? Anscheinend erriet er meine Gedanken.

„Vergessen oder verdrängt haben wir all die Greueltaten, die damals geschehen sind und hoffen, das tun wir auf den Tag an dem du zu uns zurückkehrst.“ Sein warmes Lächeln lag auf mir und ich spürte wie mir schon wieder die Tränen in die Augen schossen. Zu viele Gefühle purzelten in meinem Inneren durcheinander. Ich kann nicht! So sehr ich es auch versuche. Ich kann mich nicht von ihm lösen.

„Nicht, ssssssssttt.“ Er nahm mein Gesicht in seine Hände und wischte mir die Tränen ab. Ich will nicht! Ich will ihn nicht verlassen müssen! Ich möchte bei ihm bleiben!

„Das brauchst du nicht. Du musst nicht um uns weinen. Seitdem wir hier leben sind wir glücklich. Wir wissen, das du eines Tages zu uns zurück kehren wirst.“ Er lächelte mich an und ich verlor mich in dem tiefen Grün seiner Augen. Seine Lippen berührten zaghaft die meinen. Als sein Kuss fordernder wurde schloss ich die Augen. Es ist schon so lange her...

„Nein! Das wäre nicht recht!“ Er stieß mich förmlich von sich. Überrascht öffnete ich die Augen und sah ihn verwundert an. Mein ganzer Körper verlangte nach seiner Nähe und er stand inzwischen gut einen halben Meter von mir entfernt. Ich verstand nicht, was das sollte. Das ganze traf mich ziemlich unvorbereitet. Entschuldigend sah er mich an.

„Tut mir leid, aber ich kann es nicht tun. Es würde zuviel zerstören. Würde ich das zulassen würde ich dir den letzten Rest Kraft nehmen, den du brauchst um zurück zu kehren.“

„Und wenn ich nicht will? Wenn ich lieber hier bei dir bleiben würde?“ Für einen Augenblick flackerte sein Blick, als wäre er bereit seinem Verlangen nachzugeben, aber schon bald darauf wirkte er wieder fest und entschlossen. Ich wusste, das ihn nichts auf der Welt dazu bringen würde zu zulassen, das ich bei ihm bleibe oder mich daran zu hindern zu gehen. Warum?!

„Das meinst du nicht ernst.“ Es klang bitter wie er das sagte und es weckte meinen Trotz.

„Oh doch! Ich meine was ich sage!“ Er sah mich mit stillem Schmerz in seinen Augen an und sprach langsam und kaum hörbar weiter.

„Nein, du hast hier alles schon viel länger hinter dir gelassen als dir bewusst ist. Unsere Welt gehört zu deiner Vergangenheit. Deine Zukunft musst du an einem anderen Ort verbringen.“ Ich war zutiefst geschockt. Meint er das ernst?! Er will nicht das ich hier bleibe?!

„Soll das heißen du liebst mich nicht mehr?“ Sein Blick senkte sich langsam zu Boden. Sag es nicht! Bitte sag es nicht!

„Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben, das weißt du und daran wird sich nie etwas ändern. Gerade deshalb kann und werde ich nicht zu lassen das du hier bleibst.“ Ich wollte ihn fragen warum, warum er mir das sagte, aber ich spürte lediglich wie meine Knie unter mir nachgaben und mir Tränen übers Gesicht rannen. Erleichterung und Schock vermischten sich miteinander und ich war nicht in der Lage damit fertig zu werden. Ich verbarg meinen Körper mit meinen Schwingen und versuchte mein Schluchzen unter Kontrolle zu bekommen. Ist mir denn kein bisschen Frieden vergönnt? Ist die ganze Welt gegen mich?

„Hast du es denn immer noch nicht begriffen, du dummer kleiner Engel?“ Seine Arme schlossen sich sanft um mich und ich spürte seinen Atmen in meinem Nacken.

„Dein Herz hat sich längst einer anderen, neuen Liebe geöffnet.“ Vorsichtig tastete ich nach seinem Arm und schloss meine Hand darum.

„Nein, ich werde dich immer lieben.“ Doch ich wusste schon jetzt, das es eine Lüge war. Sicher, meine Liebe zu ihm wird mich immer begleiten, aber das Gefühl, das ich für Rosiel empfand war mit der Zeit immer stärker geworden. Ich wusste, das meine Liebe zu Remiriel bald nur noch eine schöne Erinnerung sein würde um dieser neuen Liebe Platz zu machen.

„Dummerchen, das weiß ich doch. Aber du musst einsehen, das wir beide unsere gemeinsame Zeit gelebt haben und das dein Herz sich nach dieser neuen Liebe verzerrt. Du brauchst ihn mehr als mich.“ Tue ich das wirklich? Brauche ich diesen gestörten Engel, der versucht hat mich zu töten wirklich? Kann ich nicht ohne ihn glücklich werden?

„Und wenn ich nicht will? Wenn ich mich dagegen wehre?“ Ja, was dann? Werde ich dann für den Rest meines Lebens allein sein um keinen Schmerz mehr spüren zu müssen?

„Das würdest du nicht. Du könntest es nicht mehr. Ich kenne dich zu gut. Du würdest ihn nicht im Stich lassen.“ Im Stich lassen?! Wer lässt hier wenn im Stich?!

„Rosiel? Du machst Witze!“ Er zögerte kurz, als ich diesen Namen aussprach.

„Nein, wenn er es ist der dein Herz gewonnen hat, dann wirst du ihn ebenso wenig verlassen können wie mich.“ Er drückte mich enger an sich. Sein warmer Atem strich über meinen Hals. Rosiel, wie lange habe ich schon nicht mehr an ihn gedacht? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, das er versucht hat mich in Yetzirah aufzuhalten als ich mich von der Brüstung stürzte um meinen Weg nach Sheol anzutreten. Ob er glaubt das ich tot bin?

„Rosiel? Ich kann nicht glauben, das du dich ihn verliebt hast.“ Irgendwie brachte mich das zum Lachen. Wenn ich daran denke wie lange ich gebraucht habe um das einzusehen...

„Soll ich dir was sagen? Ich auch nicht! Dieser Kerl ist unmöglich!“ Und ehe wir uns versahen fanden wir uns nebeneinander sitzend auf dem Boden und in einer angeregten Unterhaltung wieder wie ich Rosiel kennengelernt hatte und was alles passiert war ehe ich im Hades landete. Remiriel fand das natürlich alles höchst amüsant und ließ es sich nicht nehmen ab und zu ein paar Anekdoten aus unserer gemeinsamen Vergangenheit (immerhin konnten wir uns anfangs auch nicht leiden) mit einzuflechten. Als ich ihm erzählte was ich während meines kurzen Aufenthaltes in Yetzirah alles so angestellt hatte konnte er sich vor Lachen kaum noch halten. Noch besser wurde es als wir auf meine Karriere als Musikerin kamen. Im Prinzip war das eine Unterhaltung, die ich nie für möglich gehalten hatte und auch das ich in der Lage war so herzhaft zu Lachen erschien mir merkwürdig. Aber es tat unendlich gut es tun zu können. Schade, das es nicht immer so sein kann...

„Und das alles würdest du nicht vermissen?“ Bitte?! Was soll denn jetzt diese Frage bedeuten?

„Ich meine wenn du hier bleibst, würdest nichts von all dem vermissen?“ Argh! Wie ich es haße wenn er das macht! Er nutzt die Tatsache das man abgelenkt ist um dann mit einer eiskalten Logik, die man nicht leugnen kann, zur Sache zu kommen. Aber ich war keineswegs bereit mich geschlagen zu geben.

„Nein!“ Das kurze Aufblitzen in seinen Augen verriet deutlich, das er wusste, das ich mir mit dieser Aussage nicht so sicher war wie ich tat. Verdammt! Er hat mich kalt erwischt.

„Sicher? Dann schließ deine Augen und wenn du sie wieder öffnest sag mir klar und deutlich, das du nichts, aber auch rein gar nichts von diesem Leben vermissen wirst wenn du hier bleibst.“ Seufzend fügte ich mich. Eher würde er sowieso keine Ruhe geben. Doch kaum hatte ich die Augen geschlossen sah ich die Gesichter all jener vor mir die schon seit langem einen besonderen Platz in meinem Herzen eingenommen hatten. Ganz vorne an Granny und Cee. Beide würde ich nie wiedersehen, ebenso wenig wie meine Band, meine Freunde die auf meine Rückkehr warteten und natürlich Catan und Rosiel. Was wird wohl aus den beiden werden wenn ich hier bleibe? Niemand wird Catan retten und Rosiel wird höchstwahrscheinlich an seiner Einsamkeit zu Grunde gehen. Auch wenn Catan es noch so sehr versucht hat, diese Einsamkeit wird er nie verstehen können...

Aber ich würde so gerne hier bleiben...

Warum muss denn jeder noch so kleine Wunsch der in meinem Herzen entsteht scheitern? Kann es denn nicht ein einziges Mal einfach für mich sein? Muss es denn jedes Mal der steinigste Weg sein?

„Siehst du, genau deshalb bist du stark. Du denkst nicht zu erst an dich sondern an deine Freunde.“ Remiriels sanfte Stimme zerrieß mich fast. Langsam öffnete ich meine Augen. Weine ich etwa schon wieder?! Verdammt! Das wird langsam zur Gewohnheit! So viel wie momentan habe ich in meinem gesamten Leben noch nicht geheult!

„Ach was! Alles Quatsch! Red gefälligst nicht so einen Stuss!” Ärgerlich wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht, während er sich mühselig bemühte nicht zu lachen.

„Suru, wenn ich dich so reden höre könnte ich glatt annehmen, das du immer noch ein kleines Kind bist!“ Wie bitte?!

„Was sagst du da?!“ Augenblicklich prustete er los. Kind?!

„Bitte! Genau das, du benimmst dich wie ein verzogener Teenager!“ Vor lauter Lachen konnte er schon gar nicht mehr an sich halten, während ich vor Wut zu kochen begann. Das muss man sich mal vorstellen, wir haben uns Jahrhunderte ach was, Jahrtausende lang nicht gesehen, müssen uns obwohl wir es nicht wollen wieder trennen und ihm fällt nichts besseres ein als mich zu beleidigen?!

„Teenager?! Na warte, das büßt du mir!” Zwei Sekunden später rollten wir uns wie die kleinen Schulkinder über den Rasen (meine Schwingen hatte ich schon lange verschwinden lassen) und versuchten gegenseitig jeweils die Oberhand zu gewinnen, wobei er (allerdings nur durch einen blöden Zufall) gewann und schließlich triumphierend über mir hockte.

„So, und jetzt wirst du mir zu hören!“ Der Schweiß rann ihm leicht übers Gesicht und er lächelte immer noch.

„Es mag dir und mir... mir wahrscheinlich noch mehr als dir... schwer fallen, aber unsere Zeit liegt lange hinter uns. Wir können sie nicht mehr zurück holen, aber du kannst etwas ganz entscheidendes tun. Nämlich dein Leben weiterleben! Für uns alle! Wir werden nicht weglaufen! Wir würden notfalls bis zum Ende der Zeit auf dich warten, aber wir würden warten! Verstehst du? Du hast uns nichts verloren! Wir haben dich nie vergessen und werden es nie! Ebenso wenig wie du uns! Unsere Herzen sind für immer eins!“ Mit einem Ruck befreite ich mich von ihm.

„Ja! Verdammt noch mal! Ja! Meinst du nicht das weiß ich?” Verdutzt sah er mich an.

„Remiriel, kennst du mich wirklich so wenig? Glaubst du nicht, das mir das alles bereits klar ist? Ich weiß doch genau das ich nicht hier bleiben kann.“ Egal wie sehr ich es auch möchte...

„Aber warum sträubst du dich dann? Wenn dir das klar ist, warum kehrst du dann nicht einfach zurück?“ Wütend verpasste ich ihm eine Ohrfeige.

„Du verfluchter Idiot! Meinst du denn das wäre so einfach?! Sich plötzlich wieder an alles zu erinnern und dann hiermit konfrontiert zu werden?!“ Ich machte eine Handbewegung um mich herum.

„Glaubst du nicht, das ich das Recht habe verwirrt zu sein?! Darf ich nicht auch eine Atempause haben um mit all dem fertig zu werden?! Warum erwartet jeder von mir, das ich das einfach so wegstecke, als wäre es nichts?! Verdammt noch mal! Ich bin keine Maschine!“

„Das hat auch niemand behauptet.“ Beruhigend legte er seine Hand auf meine Schulter und sah mich fest an.

„Versteh doch ich will dich nicht noch einmal verlieren.“ Ist das denn so schwer? Er sah mich sanft an.

„Uriel wusste das und hat dich deshalb hierher geschickt.“ Warum überrascht mich das jetzt nicht?“

„Er wusste, wie dir all das zu setzt und hat dir deshalb diese Möglichkeit gegeben um damit fertig zu werden.“

„Ich verstehe nicht...“ Oh man, langsam verliere ich wirklich den Durchblick. Bisschen viel auf einmal würd ich sagen.

„Er meinte schon vor langer Zeit, das wenn du ihm begegnen würdest du sicherlich eine Menge Fragen hast und er hielt es für das Einfachste und Beste, wenn du die Antworten von jemanden bekommst, denn du gut genug kennst um zu wissen, das er dich nicht anlügen wird.“

„Also hat er dich dafür ausgewählt?“ Sein Blick schwenkte zur Seite.

„Ja, aber es hat sehr lange gedauert bis er mich überredet hatte. Ich war mir nicht sicher ob ich in der Lage wäre dich gehen zu lassen wenn du vor mir stehen würdest und je länger du hier bist, desto schwerer fällt es mir auch.“ Ich konnte nicht anders als ihm um den Hals zu fallen und zu küssen.

„Ich liebe dich.“ Er drückte mich fest an sich bevor er mich wie schon zuvor entschlossen von sich wegstieß, doch diesmal kannte ich den Grund. Ich verstand warum er das tat und bemühte mich ihn nicht noch weiter in Versuchung zu führen. Ich ließ mich einige Meter von ihm entfernt auf einen umgefallenen Baumstamm sinken.

„Uriel hat mir gesagt ich würde nicht wollen das er mich begleitet. Langsam begreife ich warum...“ Er blieb weiterhin stehen, aber nahm seinen Blick für keinen noch so kleinen Augenblick von mir.

„Er wusste das es für uns beide schwer genug werden würde auch wenn wir allein sind. Deshalb ließ er dich allein gehen.“ Seine Stimme war kaum hörbar. Ich konnte deutlich erkennen wie er mit sich kämpfte und beschloss ihm die Sache etwas zu erleichtern.

„Weißt du, er hat versucht mir weiszumachen, das Alexiel meine Mutter ist. Ich meine, das ist lächerlich! Der inorganische Alexiel meine Mutter?! Das ist doch Wahnsinn!“ Irgendwie musste ich bei der Absurdität des Ganzen anfangen zu lachen. Allerdings erstickte mein Lachen abrupt als ich seinen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. Nein!

„Aber sie ist deine Mutter! Sag mir, das du das nicht vergessen hast!“ Geschockt sah ich ihn an. Es ist wahr?! Alexiel, Rosiels Zwillingsschwester ist meine Mutter?!

„Suru! Du hast vergessen wer deine Eltern sind?!“ Er war vollkommen aus der Fassung und kämpfte sichtlich damit nicht einfach die Entfernung zwischen uns zu überbrücken und mich an sich zu reißen. Mein Schweigen war die einzige Antwort, die er bekam. Das kann einfach nicht wahr sein! Alexiel meine Mutter?!

„Soll das heißen du weißt auch nicht mehr, das-“

„Nein!“ Ich schrie fast um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Nein! Ich will nichts mehr davon hören! Ich will nicht noch mehr wissen! Es reicht! Mehr ertrage ich nicht!“ Ich verkrampfte meine Hände im Stoff meiner Kleidung.

„Und dein Vater?“ Es war wie immer. Er merkte wie sehr meine Seele verletzt war und versuchte das Notwendigste so schonend wie möglich anzugehen.

„Willst du wirklich nicht wissen wer er ist?“ Mein Vater?! Ich zögerte, aber egal was er mir jetzt auch sagen würde ich wäre nicht mehr in der Lage es zu verarbeiten. Alexiel meinen Mutter?! Das ist Wahnsinn! Dann wäre Rosiel mein Onkel oder ähnliches. Was passiert mit mir wenn er das erfährt? Er versucht seine Schwester zu töten, was wird er wohl mit deren Tochter machen? Selbst wenn ich ihm sage was ich für ihn empfinde...

würde mich das retten oder würde er mich verachten? Er würde es nicht verstehen...

Kann ich denn niemals glücklich werden? Ich wendete den Blick und ließ mich von dem Fliederstrauß, der immer noch einsam und verlassen auf dem Baumstamm lag ablenken. Nein! Noch mehr ertrage ich nicht. Rosiel zu lieben und zu wissen, es ihm nie sagen zu können ist fast ebenso schmerzhaft wie die Gewissheit Remiriel für immer zurücklassen zu müssen. Meine Antwort war kaum hörbar.

„Ich will es nicht wissen. Bitte, ich will es nicht. In letzter Zeit stürzt soviel von meiner Vergangenheit auf mich ein, das ich schon gar nicht mehr klar denken kann wenn es um die Gegenwart geht. Bitte, es wäre zu viel. Zu viel das ich ertragen müsste.“ Er stieß einen leichten Seufzer aus.

„Gut, ich werde dich zu nichts zwingen, aber ich bitte dich. Sei vorsichtig wenn du dich in der Hölle bewegst ich bin mir sicher, das zumindest einige Dämonen wissen wessen Tochter du bist und sie werden nicht zögern das zu ihrem Vorteil einzusetzen.“ Als wenn ich das nicht bereits wüsste. Aber ich kann ihn nicht danach fragen. Nicht jetzt. Ich kann es nicht!

„Du meinst, so wie damals Astaroth?“ Aus den Augenwinkeln konnte ich sein Nicken erkennen. Astaroth! Wäre er damals gekommen wäre so vieles nicht passiert...

„Dann mach dir keine Sorgen. Mit ihm werde ich fertig. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mir meiner Kräfte voll bewusst und habe sie zu dem unter Kontrolle. Kein Dämon wird mir etwas anhaben können.“ Und mit Astaroth habe ich ohnehin noch eine Rechnung zu begleichen. Durch seine Gestalt ging ein kurzes Zittern, aber er sagte kein Wort. Der Wind striff durch die Fliederblüten und machte mir die Notwendigkeit eines Abschieds bewusst.

„Bist du das gewesen, der die Blumen dorthin gelegt hat?“ So beginnt also eine klassische Abschiedszene? Komisch, ich dachte bisher immer, das wäre nur in Filmen so herrlich kitschig.

„Ja, sie sind eine Art Andenken weißt du?“ Es war überflüssig ihn zu fragen an wenn. Es war klar, das er die Blumen dort für mich ablegte. Langsam erhob ich mich. Es ist so weit. Ich muss gehen. Irgendetwas sagt mir das meine Zeit um ist und ich zurück kehren muss.

„Bitte sei mir nicht böse, aber ich habe nicht die Kraft um Ezechiel und die Anderen zu begrüßen.“ Als unser Sohn mich entdeckt hatte bin ich Hals über Kopf geflohen. Aber das konnte ich ihm nicht sagen. Es würde ihn zu tief treffen. Noch kann ich ihnen nicht unter die Augen treten. Er sah mich mit einem seltsamen Blick in seinen Augen an.

„Ezechiel? Mein Bruder? Aber er ist nicht hier.“

„Was?!“ Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist es ein verdammt schlechter.

„Wir hatten uns damals getrennt und er wollte dich holen. Das war das letzte Mal das ich ihn gesehen habe.“ Fassungslos starrte ich ihn an. Nein!

„Ich bin mir sicher, das er noch irgendwo Unruhe unter den Engeln stiftet und dir hilft.“ Er weiß es nicht! Verdammt! Warum muss ich es sein, die ihm sagt, das sein Bruder schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilt?!

„Remiriel, dein Bruder er... er... ist tot.“ Sein Gesicht verlor sämtlich Farbe und das machte es mir nicht gerade leichter weiter zu sprechen.

„Als er damals zurück kam um mich zu holen wurde er wie ich gefangen genommen. Er hat noch mit allen Mitteln versucht mir zu helfen, aber das gab Leciel die Chance ihn herauszufordern und von Quirin töten zu lassen.“ Ich wusste, das ihn meine Worte tief getroffen hatten, aber er ließ sich kaum etwas anmerken. Es tut mir so leid! Ich hätte es dir so gerne erspart! Ich konnte doch nicht wissen, das er nicht hier ist.

„Also doch. Dann war Quirin der Verräter... Verdammt ich bin so blind gewesen!” Wütend rammte er seine Faust gegen einen Baumstamm. Was sollte ich tun? Ihn daran hindern? Nein, das konnte ich nicht mit diesem Schmerz muss er alleine fertig werden, so wie ich es bereits vor Jahren getan habe. Doch die Erinnerung an jene Nacht ließ mich zittern. Sie hatten meinen Körper benutzt als wäre ich lediglich ein Stückchen Fleisch. Einer nach dem anderen hatte sich an mir gütlich gehalten und als sie fertig waren und mein Wille immer noch ungebrochen war hatten sie alles getan um mich zu zerbrechen. Nur haben sie diesen Versuch mit ihrem Leben bezahlt. Es war ihnen fast gelungen mich zu brechen, aber sie hatten nicht mit den Konsequenzen gerechnet. Sie hatten nicht damit gerechnet, das tief in meinem Inneren eine blutrünstige Macht ruhte, die nur darauf wartete die Kontrolle übernehmen zu können als mein Geist zu schwach wurde um sich noch länger dagegen zu wehren. An jenem Tag hatte meine Waffe über meinen Geist gesiegt und sie hatte sich ihrem Blutdurst voll und ganz ergeben. Wäre mein Körper nicht so schwer verwundet worden hätte sie wohl ewig so weitergemacht...

„Suru, was hast du? Du bist plötzlich leichenblass geworden.“ Irritiert stellte ich fest, das ich in seinen Armen lag und er mich fest an sich drückte. Eigentlich sollte ich wissen, das es besser wäre diese Frage unbeantwortet zu lassen, aber ich will dieses Wissen nicht mehr alleine tragen müssen! Ich verkrampfte meine Hände in den Stoff seines Hemdes während aus meinem Mund jede noch so kleine Einzelheit jenes verhängnisvollen Tages sprudelte. Je mehr ich ihm erzählte, desto fester drückte er mich an sich, bis ich fast keine Luft mehr bekam.

„Warum hast du denn nichts davon gesagt? Warum sagst du mir das erst jetzt?“ Ich hatte nicht verhindern können, das ich schon wieder weinte.

„Weil ich dich nicht damit belasten wollte. Verstehst du? Ich wollte nicht, das du dir deswegen Vorwürfe machst.“

„Ich hatte doch keinen Ahnung, wenn ich das gewusst hätte...“ Wieder spürte ich, das seine Umarmung enger wurde.

„Bitte, bitte mach dir keinen Vorwürfe! Ich war doch heilfroh dich in Sicherheit zu wissen. Wenn du bei mir gewesen wärst hätte ich das niemals durchstehen können. Nur die Tatsache, das du frei warst und auf mich warten würdest hat mir Kraft gegeben!“ Ich konnte spüren wie seine Tränen an meinem Nacken hinunterliefen.

„Ich hätte dich niemals allein lassen dürfen. Was sie dir angetan haben...“ Ihm versagte die Stimme als er wiederholen wollte, was ich ihm erzählt hatte. Beruhigend strich ich über sein Haar.

„Es ist Vergangenheit und sie haben dafür gebüßt, das weißt du.“

„Aber um welchen Preis? Um welchen Preis?“ Er sah mich mit tränenüberströmten Gesicht an. Die Verzweiflung in seinen Augen war deutlich zu erkennen. Soll ich jetzt erleichtert sein das er mich endlich versteht? Nein, ich bin zutiefst getroffen wie sehr ihn das mitnimmt. Aber was kann ich sagen um ihn zu trösten? Ich werde doch selber kaum damit fertig...

„Und du wolltest das alles für dich behalten? Du wolltest allein damit fertig werden, damit du niemanden mit deinen Problemen belastest?“ Ich nickte kaum merklich.

„Verdammt Suru! Das ist doch Wahnsinn!“ Und das sagst du mir?! Sieh dich doch an! Es trifft dich fast noch mehr als mich. Ich habe nie gewollt das du diesen Schmerz nachempfinden musst.

„Ich wollte dich beschützen. Ich wollte nicht, das sie dich finden und einsperren. Genauso wie du hätte ich alles getan um dich in Sicherheit zu wissen.“ Geschockt sah er mich an, bevor er mich wieder an sich drückte.

„Du bist doch nicht mein Schutzengel! Warum bist du nicht einfach geflohen?“ Doch er kannte die Antwort bereits und gab mir zu verstehen, das ich sie nicht aussprechen musste. Niemals hätte ich meine Familie und meine Freunde im Stich gelassen. Wir hielten uns gegenseitig fest, als würden wir fürchten, das sich der andere sollten wir ihn auch nur für einen noch so kleinen Moment loslassen in Luft auflöst. Erst als sich hinter Remiriel die undeutlichen Umrisse einer Tür abzeichneten löste ich mich von ihm.

„Es tut mir leid, aber ich muss gehen.“ Er sah mich verzweifelt an. Doch ich konnte ihm nichts sagen, was ihn davon befreien würde. Er wusste jetzt alles und muss nun wie ich damit fertig werden. Eine Sorge werde ich ihm allerdings nehmen können.

„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich werde es schon schaffen.“ Vorsichtig hauchte ich ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Ich liebe dich.“ Bevor er in der Lage war zu reagieren trat ich bereits durch die inzwischen weit geöffnete Tür. Als sie langsam hinter mir zu fiel konnte ich hören wie er meinen Namen rief. Immer und immer wieder...

Nicht umdrehen! Du darfst dich nicht umdrehen! Das liegt jetzt hinter dir! Ich zwang mich meine Hände um den Türknauf zu legen und die Tür zu schließen. Mit einem leisen Klacken rastete das Schloss ein. Im selben Moment gab es für meine Tränen und Verzweiflung kein Halten mehr. So sehr ich es auch versuchte, sie waren nicht zum Stillstand zu bringen.

Wäre mir nicht eingefallen, das Remiriel seinen Bruder nicht finden konnte hätte ich mich wahrscheinlich tagelang nicht von der Stelle gerührt. Meine Hände umschlossen immer noch fest um den Türknauf. Doch ich nahm den letzten Rest Willenskraft, der mich zu einer Bewegung ermuntern konnte zusammen und flog auf einen der höchsten Türme von Uriels Schloss. Wenn ich ihn mit so viel Schmerz allein ließ, dann kann ich wenigstens versuchen ihn mit etwas anderem abzulenken.

Ezechiel war tot, soviel ist sicher, doch wo steckt seine Seele? Sie muss doch schon vor langer Zeit in den Hades gekommen sein und es gibt nur eine Möglichkeit ihn zu erreichen. Enra-Ou wird das zwar nicht gefallen, aber was will er schon dagegen tun?

Ich ließ all meine Schutzwälle, die meine Aura verbergen sollten, fallen und begann zu singen. Meine Stimme wogte über die Tiefen des Hades hinweg als wäre sie ein angenehmer Windhauch, der Erlösung versprach und im Prinzip war es auch. Ich sang all jene Lieder, die Ezechiel kennen musste, denn ich hatte sie stets in seinem Beisein gesungen und in jede Textzeile ließ ich einen mentalen Ruf nach ihm und anderen die mit uns verbunden waren einfließen. Sollten sich ihre Seelen im Hades befinden würde sie das direkt zu mir führen und ihnen somit auch den direkten Weg zu dem Zufluchtsort, den Uriel für sie geschaffen hatte weisen.

Keine Ahnung, wie lange ich dort oben saß, aber ich begann mein Zeitgefühl zu verlieren und stand kurz davor aufzugeben, als sich am Horizont eine Lichtsäule abzeichnete, die zu einem glühenden Punkt wurde, der mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf mich zu flog. Ihm folgte ein ganzer Schwarm von solchen Lichtpunkten. Als sie an mir vorbei striffen konnte ich deutlich das Bewusstsein von Ezechiel in einem von ihnen spüren. Ich sah ihnen nach bis sie hinter einer Wand verschwunden waren, dann verblasste auch Ezechiels Anwesenheit langsam. Jetzt werden sie wieder mit denen vereint sein, die sie lieben....

Sie haben ihren Weg gefunden...

„Shao? Shao-san?“ Der Klang dieses Namens riss mich sowohl aus meinen Gedanken, als auch in die Gegenwart zurück. Gewöhn dich lieber daran. Dein Leben als Suru hast du gelebt, du hast dich endgültig davon verabschiedet. Jetzt musst du dein Leben als Shao zu ende führen. Doch noch konnte ich mich nicht dazu überwinden mich dem zu stellen und Uriel zu antworten. Shao, Suru das sind beides Namen die mich sehr lange begleitet haben, aber meine Eltern nannten mich ganz anders, oder? Ich weiß jetzt, das Alexiel meine Mutter ist. Hätte sie ihr Kind Suru genannt? Wohl eher nicht...

Aber wie lautet dann mein Name?

„Shao! Shao, wo steckst du?“ Ob er es weiß? Weiß er mehr über mich als er bisher zugegeben hat? Aber werde ich ihn danach fragen? Will ich meinen Namen wirklich wissen? Was wenn damit noch mehr Greueltaten verbunden sind? Wie viel davon wird mein Verstand noch verkraften können ehe er wieder zusammenbricht und damit der blutrünstigen Bestie in meinem Inneren Platz macht? Werde ich dann noch in der Lage sein meine Versprechen gegenüber Sara und Catan einzulösen?

„Hey Shao!“ Hört das denn nie auf? Wird zwischen mir und meiner Vergangenheit immer die Gegenwart stehen, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt? Ich stieß einen kleinen Stein von dem Dach auf dem ich saß und machte somit auf mich aufmerksam. Keine zwei Sekunden später stand Uriel unter meinem Aussichtspunkt. Ich habe wohl keine andere Wahl. Ich muss es auf mich zu kommen lassen...

„Was machst du denn da oben?“ Ich antwortete ihm nicht sondern ließ meinen Blick noch einmal über den Horizont des Hades streifen. Ich hatte die einmalige Chance für immer mit denen die ich liebe vereint zu sein und ich Trottel habe sie sausen lassen! Ich bin zurück gekehrt um mich wieder mit all meinen Zweifeln und Schuldgefühlen herumschlagen zu müssen. Ich bin ein solcher Idiot!

„Shao, bitte komm da runter.“ Seine Stimme klang ganz weich und warm. Vielleicht war es das was mich dazu veranlasste mich einfach fallen zu lassen. Seine starken Arme fingen mich auf und gaben mir Halt. Noch ehe er mich absetzen konnte hatte ich meine Arme um seinen Hals geschlungen und meinem Kopf schluchzend an seiner Schulter vergraben. Er hat sich um sie gekümmert! Er hat dafür gesorgt, das keiner von ihnen allein sein musste! Sie warten alle auf meine Rückkehr...

Ich wusste nicht mal ob er überhaupt verstand was ich versuchte ihm durch meine Schluchzer hindurch klarzumachen, aber er drückte mich fester an sich und gab mir die Zeit, die ich brauchte um mich wieder zu beruhigen. Erst als ich nicht mehr dauernd von Weinkrämpfen geschüttelt wurde setzte er mich auf dem Boden ab.

„War alles ein bisschen viel, was?“ Ich nickte kaum merklich und ließ es zu, das er meine Hand nahm und mich wie ein kleines Kind in einen anderen Teil des Palastes führte. Erst als ich bereits eine Tasse mit dampfenden Tee in der Hand hatte und auf einer Art Sofa saß kehrte mein Bewusstsein wieder so weit zurück, das ich auch meine Umgebung wieder wahrnehmen konnte. Uriel stand etwas abseits und sah mich gedankenverloren an. Oh bitte! Nicht auch noch das! Auf das Mitleid eines Erzengels kann ich doch noch ganz gut verzichten. Ich sah aber auch nicht ein ihn darauf aufmerksam zu machen und widmete mich erst mal meinem Tee. Er war nicht ganz so gut wie der den Raziel mir vor nicht allzu länger Zeit serviert hatte, aber schmeckte. Außerdem wärmte er mich langsam auf. Wobei ich mich ernsthaft zu fragen begann warum ich bisher nicht bemerkt hatte wie kalt mir eigentlich war.

Halbwegs entspannt lehnte ich mich zurück und wartet ab. Wenn Uriel mir noch etwas sagen wollte (und da war ich mir sicher, sonst wären wir bestimmt nicht allein) dann würde er es früher oder später tun. Allerdings rührte er sich erst wieder als meine Teetasse schon seit geraumer Zeit keinen Inhalt mehr aufwies. Mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung öffnete er eine verborgene Tür in der Wand hinter sich und brachte ein paar Handtücher, sowie einen festverschnürten Karton zum Vorschein. Beides lächelte er kurz an, bevor er es auf den Tisch vor mir stellte. Natürlich hatte ich nicht diese geringste Ahnung was er mir mit dieser Geste sagen wollte, aber das brauchte ich auch nicht. Nachdem er in einem Sessel platzgenommen hatte erklärte er mir worum es ging.

Die Sachen waren für mich bestimmt. Laut seiner Aussage hatte ich eine Dusche bitter nötig (was ich ziemlich bissig kommentierte) und in dem Karton befanden sich ein paar Sachen, die mir passen sollten. Neugierig wie ich nun mal bin konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten und öffnete den Karton. Das Uriel überhaupt solche Klamotten besaß erstaunte mich zu tiefst. Das war eindeutig die Kleidung einer Frau und noch dazu ziemlich figurbetont. Noch ehe ich etwas dazu äußern konnte kam er mir zu vor und erklärte mir, das Alexiel im diese Sachen schon vor langer Zeit überlassen hatte. Laut ihm waren sie für so etwas wie einen Notfall gedacht und nach seiner Meinung handelte es sich bei mir um einen solchen.

Fassungslos sah ich mir die Sachen genauer an. Diese Sachen gehörten meiner Mutter?! Ich konnte es nicht fassen und berührte jedes einzelne Stück so vorsichtig an, als hätte ich Angst, das es im nächsten Moment unter meinen Händen zerbrechen würde. So nah wie jetzt bin ich meiner Mutter seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gewesen. Behutsam nahm ich die Jacke aus dem Karton und drückte sie leicht an mich. Augenblicklich strömte ein vertrauter Geruch in meine Nase. Dieser leichte Duft von Rosen, Flieder... ein leichter Hauch von Vanille...

Entspannt schloss ich die Augen und sah fast augenblicklich ihr Bild vor mir. Leider war es selbst jetzt wo ich ihren Namen kannte verschwommen, aber es gab keinen Zweifel mehr, diese Sachen gehörten eindeutig meiner Mutter. Vorsichtig legte ich sie zurück und sah Uriel an, der das als Aufforderung betrachtete mich sofort mit dem Nächsten zu konfrontieren.

In diesem Fall die Dusche, die ich angeblich so dringend nötig hätte. Da nützten mir all meine Prostete herzlich wenig. Er drückte mir sang und klang los die Handtücher in den Arm und schob mich durch die nächste Tür in der Wand, die ebenfalls bis vor kurzem völlig unsichtbar gewesen war. Langsam sollte mir die Sache wohl unheimlich vorkommen, aber irgendwie fühlte ich mich heimisch. Ich mochte Geheimgänge schon immer. Das muss daran liegen, das ich viel länger als gut für mich war in der Diebeszunft gearbeitet hatte. Manche Angewohnheiten wird man danach einfach nicht mehr los.

Die Tür verschwand schon wie die vorherige spurlos hinter mir, von Uriel fehlte weit und breit jede Spur und außer den Handtüchern hatte ich nichts mitgenommen. Also stand ich in dem riesigen Badesaal (alles andere wäre eine glatte Untertreibung gewesen) ziemlich allein da. Nun gut, dann machen wir eben das Beste daraus. Nachdem ich die Handtücher verstaut hatte befreite ich mich von meinen Klamotten, deren Anblick mich tief Luft holen ließ. So wie die aus sahen könnte man meinen ich hätte einen Kleinkrieg geführt. Kein Wunder das Uriel so darauf erpicht ist, das ich eine Dusche nehme. Obwohl Dusche? Hier?! Der Saal ist zwar riesig, aber ich kann weit und breit nichts entdecken, was einer Dusche auch nur entfernt ähnelt.

Überall gab es riesige Wasserbecken, die von den verschiedensten Pflanzenarten eingesäumt waren und aus denen angenehm duftende Dämpfe aufstiegen. Riesige Statuen der unterschiedlichsten Engel verteilten kleine Wasserfälle an den Wänden und hier und da gab es sogar einen Springbrunnen. Unnötig zu erwähnen, das einem Frieren erst gar nicht in den Sinn kam. Der Raum war so angenehm temperiert, das einem weder zu warm noch zu kalt wurde. Nach einem Erkundigungsgang, der gut und gerne eine halbe Stunde gedauerte hatte und das nur weil ich mich einige Dinge einfach zu tiefst faszinierten (vor allem die Vielfältigkeit der Pflanzen), fand ich schließlich in einer kleinen Felsnische verborgen, das wonach ich schon die ganze Zeit über gesucht hatte. Es war die Statue eines weiblichen Engels, der aus einem Füllhorn einen Wasserstrahl in das kleine Becken unter sich fließen ließ.

Gut, zugeben es ist keine Dusche, aber es kommt verdammt nah ran. Zufrieden stellte ich mich unter den Strahl und war überrascht, das dieser so kräftig und zu dem angenehm warm war. Genüsslich schloss ich die Augen und genoss es das warme Wasser durch meine Haare laufen zu lassen.

„Hmm.... ein Königreich für eine Flasche Shampoo...“

Nachdem mir zum dritten Mal irgendetwas im Gesicht rum wischte öffnete ich meine Augen wieder und machte erst einmal einen Schritt rückwärts. Direkt vor meiner Nase baumelte eine Efeuranke an deren Ende etwas hing, das einer Flasche Haarshampoo verdächtig nahe kam. Wenn das mal kein Service ist. Lächelnd griff ich nach der Flasche und war überrascht als sich die Ranke mir nichts dir nichts in Luft auflöste.

„Also wirklich Uriel, man kann es auch übertreiben.“ Genüsslich verteilte ich das Shampoo in meinen Haaren und begann vor mich hinzusummen. Aus meinen Haaren kam so einiges zum Vorschein getrocknete Fliederblüten, Tannennadeln, kleine Äste, Wasserpflanzen und hier und da sah etwas verdächtig nach eingetrocknetem Blut aus. Oh man, ich muss ja ausgesehen haben als ich wiederkam...

Das erklärt wirklich warum Uriel mich hierzu überredet hat. Je länger ich unter dem Wasserstrahl stand, desto mehr entspannte ich mich. Schon komisch, aber irgendwie scheint mich diese Dusche von meine Sorgen zu befreien. Vielleicht war es ja genau das was mir gefehlt hat? Eine warme Dusche und die Chance einfach mal eine Weile allein zu sein...

Nachdem ich endlich mit den Haaren fertig war widmete ich mich dem Rest meines Körpers und war doch ziemlich überrascht wie viele kleine Wunden dieser aufwies. Ich muss die Tanne wirklich voll mitgenommen haben. Mit ein klein wenig Konzentration verschwanden sie fast augenblicklich. Es blieb nicht der geringste Hinweis auf eine Verletzung zurück.

Selbstverständlich kam das Duschbad ebenfalls von einer Efeuranke wie schon zuvor das Shampoo. Schmunzelnd nahm ich zur Kenntnis, das es leicht nach Flieder roch. Uriel hatte es also schon bemerkt. Im Prinzip war das auch nicht sonderlich schwer. Jeder Engel weißt in irgendeiner Form einen körperlichen Eigengeruch auf, der ihn von andern unterscheidet. Es ist fast so ähnlich als wenn Menschen immer ein und das selbe Parfüm benutzen, nur das es bei uns ein natürlicher Duft ist denn unsere Haut absondert. Tja, und bei mir ist es nun mal Flieder, auch wenn ich das erst seit kurzem weiß. Immerhin tritt dieser Geruch erst dann auf wenn man seine Aura nicht mehr unterdrückt und das habe ich ja mit Perfektion beherrscht. Alles vorbei! Jetzt beginnt ein neues Leben, wenigstens vorerst.

Keine Ahnung wie lange unter dem Wasserstrahl stand, aber danach konnte ich einfach nicht wiederstehen und machte einen Kopfsprung in das größte der Wasserbecken. Erstaunlicherweise war es ziemlich tief. Ich konnte den Grund zwar sehen, aber nicht erreichen. Irgendwann ging mir einfach die Puste aus und ich musste an die Oberfläche zurück kehren. Erstaunlich was Uriel hier geschaffen hat. Wie viel Zeit mag das alles in Anspruch genommen haben? Im selben Augenblick musste ich auch schon lachen. Was bedeutet schon Zeit für einen Engel? Wenn wir wollen haben wir alle Zeit der Welt.

Nach meiner Meinung dann aber doch nicht so viel, das ich mich noch eine weitere Stunde in diesem Badesaal aufhalten wollte, also machte ich mich auf den Rückweg zu der Stelle an der ich die Handtücher deponiert hatte. Direkt neben ihnen entdeckte ich zu meiner größten Überraschung feinsäuberlich über die Äste eines Baumes verteilt die Sachen, die einst meiner Mutter gehört hatten und die nun ich tragen sollte. Meine Sachen hingegen waren spurlos verschwunden. Ich nahm es zur Kenntnis und beschloss gar nicht erst zu fragen, wie das passiert war.

Beim Abtrocknen stellte ich fest, dass das Symbol meines Schwertes nun mehr als deutlich auf meinem linken Oberschenkel zu sehen war. Das dunkle schwarz des Tattoos hob sich deutlich von meinem ansonsten eher hellen Hautton ab. Na prima, wenn das ein Dämon sieht, gehen die Schwierigkeiten erst richtig los. Zum Glück verbarg, die enganliegende schwarze Hose es vollständig.

Nachdem meine Haare endlich wieder halbwegs trocken waren konnte ich auch ohne Probleme in das ebenfalls engsitzende Top schlüpfen, das knapp über meinem Baunabel endete. Ein umgedrehtes V in der Mitte ließ es sogar noch kürzer erscheinen. Dafür hatte es dann allerdings einen Rollkragen und saß im Brustbereich dermaßen fest, das ich dachte es würde bei der nächstbesten Bewegung mit Sicherheit reißen, aber der Stoff erwies sich als elastischer als ich dachte. Er saß zwar Hauteng machte aber trotzdem jede noch so schwungvolle Bewegung mit.

Die Jacke mit den halbdurchsichtigen Ärmeln legte ich mit größter Vorsicht um. Ich wollte die Nähe meiner Mutter so lange wie möglich spüren. Als der Stoff der Jacke meine Haut berührte hatte ich fast den Eindruck als wenn mich meine Mutter sanft umarmen würde. Es war fast so als wollte ein kleiner Teil von ihr mir zu verstehen geben, das sie immer bei mir sein würde. Ich schlang die Arme um meinen Körper und genoss diesen Moment, doch nach einiger Zeit war er plötzlich vorbei. Scheinbar gönnt man mir doch keine allzu lange Pause...

Während ich mir die Handschuhe überzog, die irgendwie zu diesem Outfit gehörten wünschte ich mir inständig einen Spiegel, der dann auch urplötzlich keinen halben Meter von mir entfernt erschien. Etwas mulmig wurde mir bei dem Anblick der sich mir bot schon.

Die blauen Augen die immer noch von einem dunklem Schleier gezeichnet waren verliehen der in schwarzes Lackleder und Latex gekleideten Person etwas derart mysteriöuses, das man sicher sein könnte kein Wesen aus dieser Welt vor sich zu haben. Meine Haare, die sich offen über meine Schultern und meinen Rücken wellten taten ihr übriges.

Doch ehe ich mir darüber weiter Gedanken machen konnte verschwamm mein Spiegelbild und gab den Blick auf einen unruhig hin und her laufenden Uriel frei. Anscheinend wartet er auf mich. Gut, da sich der Spiegel verändert hat nehme ich an, das dies mein Weg zu ihm sein soll. Vorsichtig tastete ich mit einer Hand über die glatte Oberfläche, die fast sofort darunter nachgab. Es war also wirklich ein Portal. Mit einem Schritt stand ich auf der anderen Seite und konnte deutlich hören wie Uriel scharf die Luft einsog. Er starrte mich an als wäre ich ein Geist und ich konnte mir schon denken warum. Wenn ich richtig lag, dann sah ich meiner Mutter momentan zum Verwechseln ähnlich. Jedenfalls auf den ersten Blick...

 

02-05-14

Next: Part 16 – Hades and hell

 

 

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