Part 20

02-12-25

 

 

Love of an angel

         Part 20

 

 

 

Dancing with a demon

 

 

 

Stöhnend drehte ich mich um als schließlich auch das letzte Puzzleteilchen seinen Platz fand. Astaroth muß mich aufgegriffen haben nachdem ich das Bewusstsein verloren habe...

Keine Ahnung wie lange ich bewußtlos war oder wie lange ich schon neben ihm lag bevor ich aufwachte, aber bei meinem Glück... viel zu lange.

Wer oder was hat mich da eigentlich angegriffen? Verdammt! Außer einem Schatten habe ich nichts erkennen können. Und was ist mit Anael? Vorsichtig tastete ich nach ihrer Anwesenheit erhielt aber keine Antwort. Habe ich mir das doch nicht eingebildet? Kann es sein, das dieser Angriff sie von mir getrennt hat? Wenn es so ist, was hat mein Angreifer damit bezweckt? Wo steckt sie, wenn sie sich nicht mehr in meinem Körper befindet? Gerade als ich mir ernsthaft Sorgen um sie zu machen begann spürte ich ein schwaches Aufleuchten ihres Selbst in mir. Sie ist also immer noch da. Gott sei Dank!

Es beruhigte mich, das ihr bei dem Angriff nichts passiert war. Wäre sie dabei von mir getrennt worden, dann hätten die Dämonen ihre Seele zerfetzt um sie zu verschlingen und damit wäre sie ein für alle mal vernichtet worden. Jegliche Chance auf eine Wiedergeburt wäre verspielt. Sie wäre endgültig vernichtet und nicht einmal Gott selbst würde sie jemals wieder zum Leben erwecken können. Sie würde Zaphikel niemals wiedersehen und obwohl es mich nicht selbst betraf versetzte mir dieser Gedanke einen Stich. Wie lange mochte sie bereits getrennt von ihm sein? Wann hatten sie sich das letzte Mal gesehen? Das Wenige was sie mir preisgab sagte mir, das es bereits sehr, sehr lange her sein mußte, wenn auch nicht ganz so lang wie meine Trennung von Remiriel. Wobei ich es ihr hoch anrechnete, das sie dieses Thema niemals weiterverfolgte.

Doch was ist mit ihr passiert? Ihre Anwesenheit ist so schwach, das es mir nur mühsam gelang mich ihrer zu versichern. Sie hat sich zwar schon einmal tief in mein Inneres zurück gezogen um nicht entdeckt zu werden, aber jetzt scheint es als würde sie am Liebsten nicht einmal mehr von mir bemerkt werden wollen. Da mein vorsichtiges Spüren nach ihrer Anwesenheit ohne eine Antwort blieb ließ ich sie schließlich in Ruhe. Sie hat sicher ihre Gründe. Es ist vielleicht sogar besser wenn sie ihre Anwesenheit vorläufig so stark verschleiert. Dann bekommt Astaroth nicht so schnell Wind von der Sache. Keine Ahnung was er anstellt wenn er das erfährt. Zu hoffen er würde nichts merken ist ebenso dämlich wie zu erwarten, das Luzifer aus reiner Menschengüte plötzlich irgend jemandem helfen würde. Die Seele eines Engels in seine Finger zu bekommen stellt für einen Erzdämonen etwas ähnliches verlockendes dar wie ein Stück frisches Fleisch für ein Raubtier. Sprich, wenn er sie erst einmal gewittert hat wird ihn nichts und niemand mehr von seiner Beute abbringen können. Da wir gerade bei Raubtieren sind, schläft der eigentlich immer noch?! Vorsichtig rollte ich mich auf die Seite und sah in zwei hellwache Augen, die mich genüßlich musterten. Wie könnte es auch anders sein?

„Du schläfst ganz schön unruhig.“ Irritiert sah ich ihn an. Was ist das denn für eine Eröffnung?

„Wenn du hier bleiben willst solltest du dir dieses Rumwälzen und Murmeln schnell abgewöhnen.“ Moment! Was heißt bitte hier bleiben und wollen?! Soweit ich mich entsinne hatte ich überhaupt nicht vor gehabt ihm zu begegnen. Gut, diesen Vorsatz kann ich mittlerweile getrost vergessen. Noch näher kann ich ihm wohl kaum noch kommen, aber trotzdem.

„Was?!“ Er begann leicht zu lächeln und zog vorsichtig an der Decke, die uns beide einhüllte. Augenblicklich rutschte sie verdächtig in seine Richtung. Protestierend verschränkte ich meine Arme und hinderte somit die Decke noch weiter zu seinen Gunsten zu verrutschen.

„Das heißt, das ich dich nicht gehen lasse.“ Ach! Schwungvoll richtete ich mich auf und ignorierte dabei die Tatsache, das die Decke trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahme sehr schnell nach unten verschwand. Es hat sowieso keinen Zweck. Da er mich in dieses Bett verfrachtet hat gibt es nichts mehr, was er noch nicht gesehen hat.

„WAS?! Wieso?“ Sein Grinsen wurde immer breiter. Ob nun wegen der tiefen Einblicke oder meiner Frage war nicht feststellen. Zum Glück verhüllten meine Haare einen Großteil meiner Oberweite. Wenn er freies Blickfeld hätte wäre sein Grinsen mit Sicherheit nicht mehr zu ertragen.

„Weil es mich nervt andauernd auf dich aufzupassen.“ Das ist ja das allerneuste was ich höre. Auf mich aufpassen? ER?! Wie kommt er denn auf den Trichter?

„DU paßt auf mich auf?! Seit wann?“ Allein die Vorstellung ist absurd! Ein Erzdämon als Babysitter. Also bitte!

„Das fragst du noch?!“ Seine Stimme war so gefährlich leise geworden, das ich erschrocken zusammenzuckte. Verdammt! Ich sollte wirklich vorsichtiger sein. Immerhin ist er ein Erzdämon und nicht zu unterschätzen.

„Soweit ich entsinne bin immer noch ich derjenige, den man vor geraumer Zeit zu deinem persönlichen Wachhund ernannt hat und dieser Job stinkt mir gewaltig!“ Anscheinend sah er mir an, das ich immer noch nicht wußte auf was er hinauswollte. Auch wenn ich da schon so eine gewisse Ahnung habe.

„Du erinnerst dich doch wieder, oder?“ Misstrauisch sah er mich an. Ihn anzulügen hat wohl keinen Zweck dafür weiß er viel zu viel.

„Sonst wärst du nicht hier.“ Ich nickte kurz um seinem forschenden Blick zu entkommen. Irgendwie ist mir plötzlich verdammt unbehaglich zumute.

„Schön, dann weißt du ja was damals in Assia passiert ist.“ Ich zuckte zusammen. Die Erinnerung daran ist in den letzten Stunden mehr als nur deutlich erneut aufgefrischt worden und ich hätte so ziemlich alles darum gegeben wenn es nicht ganz so ausführlich geschehen wäre. Das er mich daran erinnerte beschwor erneut Bilder hervor, die ich lieber im Verborgenen gewußt hätte. Mühsam schluckte ich, bevor ich erneut nickte. Nicht jetzt! Du kannst nicht vor Astaroth in Tränen ausbrechen!

„Und warum fragst du dann noch?“ Er beugte sich über mich und drückte mich tief in die Kissen. In seinen Augen funkelte unterdrückte Wut auf. Ich wandte den Blick ab. Ich wollte mich nicht erinnern. Nicht jetzt! All dieser Schmerz gehört zu einer Vergangenheit, der ich hoffte nie wieder begegnen zu müssen. Nur mühsam gelang es mir all das aus meinem Bewußtsein zu verbannen. Momentan brauche ich einen klaren Kopf, ansonsten werde ich hier wahrscheinlich nie wieder herauskommen.

„Wenn du nicht gewesen wärst hätte ich mein Leben genießen können.“ Seine Hände pressten sich fester auf meine Schultern. Den Schmerz nahm ich jedoch nur am Rande wahr. Zu sehr erinnerte mich diese Situation an unsere erste Begegnung. Ich weiß genau, das ihn nichts und niemand aufhalten kann wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat und in solch einem Augenblick muß ich natürlich splitterfasernackt unter ihm liegen. SHIT!

„Laß mich los!“ Mein Versuch ihn abzuschütteln brachte ihn lediglich zum Lachen. Scheiße, scheiße, scheiße!

„Nein!“ Er schnappte sich meine Handgelenke und band sie kunstvoll mit einem Seidenschal, den er weiß der Geier woher hatte, über meinem Kopf zusammen. Fluchend versuchte ich mich davon zu befreien. Genauso gut hätte ich probieren können eine Panzertür mit der Faust einzuschlagen. Der Schmerz dürfte bei beiden Erfahrungen in etwa derselbe sein. Was hat er mit dem Ding gemacht? Es in Beton gegossen?! Astaroth sah sich meine Befreiungsversuche breit grinsend an. Verdammter, gottverfluchter Sadist!

„Hast du es immer noch nicht begriffen?" Wütend funkelte ich ihn an und unterdrückte mühsam den Fluch der mir auf den Lippen lag. Es ist leicht ihn zu reizen und ich habe keine Lust mich noch einmal in seinem Labyrinth wiederzufinden oder Bekanntschaft mit seiner Folterkammer zu machen.

"Du kommst nicht frei.“ Das habe ich doch schon mal gehört, oder? ARGH! Das darf doch nicht wahr sein! Dieser Knoten wird immer enger! Oh nein, nicht dieser alte Trick. Na warte, selbst da gibt es einen Schwachpunkt. Nicht umsonst habe ich fast ein Jahr damit zugebracht herauszufinden wie das überhaupt funktioniert. Man weiß ja nie wozu es gut ist. Nachdem ich meine Gegenwehr schließlich aufgab grinste er mich zufrieden an und setzte das Gespräch fort. Hoffentlich merkt er jetzt nicht wie sehr mich das erleichtert. Immerhin verschafft es mir die Zeit, die ich brauche um mich von diesem Ding zu befreien.

„Und jetzt von vorn." Gelassen stutzte er sein Kinn auf eine Hand während seine andere mit meinem Haar spielte. Mein Blick der Vernichtung prallte an einer Mauer absoluter Gelassenheit ab.

"Seit Madame es vorzog ihr Gedächtnis zu verlieren fiel mir zu meiner absoluten Herzensfreude die unbeschreibliche Ehre zu dafür zu Sorgen, das niemand ihr Leben über Gebühr bedrohte.“ Entgeistert starrte ich ihn an. Mühsam verkniff ich es mir zu lachen, aber meinen Mundwinkel zuckten bereits verräterisch. Noch ein Satz mehr in dieser Sprache und ich breche in schallendes Gelächter aus. Er klingt wie ein zurückgestoßener Höfling und nicht wie ein Erzdämon. Außerdem ist das Quatsch! Er wäre niemals bereit gewesen auf mich aufzupassen. Es sei denn...

„Ja, ganz genau.“ Fluchend mußte ich feststellen, das er entweder meine Gedanken lesen konnte oder mein Gesicht zur Zeit ein offenes Buch für ihn war. Keine Ahnung was von beidem mir mehr Sorgen bereitet. Beides ist sonderlich von Vorteil wenn man versuchen will ihn reinzulegen.

„Er war es! Er hat mich dazu verdonnert auch weiterhin auf dich aufzupassen!“ Was er danach noch sagen wollte ging (anscheinend dank meines herrlich irritierten Gesichtsausdrucks) in einem unverständlichen Murmeln unter. Klang allerdings nicht besonders schmeichelhaft.

„Warum? Ich verstehe das nicht. Wieso hat er gerade dich ausgewählt?“ Und das stimmte sogar. Ich habe nie begriffen warum mein Vater sich ausgerechnet für Astaroth entschieden hat. Es gab so viele andere, die ebenso gut auf mich hätten aufpassen können. Vor allem wären sie wahrscheinlich um einiges zurückhaltender gewesen. Also warum ausgerechnet Astaroth, der mich um ein Haar fast getötet hätte? Diese Frage schien ihn ebenfalls nicht loszulassen. Ich nutzte den kurzen Moment in dem er abgelenkt war um vorsichtig meine Handgelenke in den Fesseln zu drehen. Allmählich begann sich das Konstrukt zu lösen.

„Tja, dieses unwahrscheinliche Glück verdanke ich deiner Umsicht. Wenn du mich nicht losgeschickt hättest um Verstärkung zu holen, dann...“ Anscheinend war er sich nicht sicher ob er mich für das was geschehen war verfluchen oder bedauern sollte, da er einen Moment brauchte um weiterzusprechen. Doch dann erzählte er mir in einer ziemlich gerafften Version, das die Verstärkung damals zu spät eintraf. Was eigentlich überflüssig war. Immerhin bin ich dabei gewesen. Ich weiß nur zu gut, das jegliche Hilfe mehr als nur zu spät kam. Doch er erzählte unbeirrt weiter.

Als sie endlich angekommen waren hatten sie alles in Flammen vorgefunden und von mir und meiner Familie fehlte weit und breit jegliche Spur. Keiner wußte ob wir noch am Leben waren oder die Engel uns erwischt hatten. Das Einzige was sie vorgefunden hatten war die Leiche meines Sohnes. Ich möchte gar nicht daran denken was dieser Anblick für meinen Vater bedeutet hatte. Sein Enkel war sein kleiner Sonnenschein gewesen. Der entstellte Körper muß sein Herz in Stücke gerissen haben. Das dieser Anblick auch Astaroth zu tiefst getroffen hatte war deutlich zu spüren. Seine Stimme versagte. Ich merkte wie er mit sich kämpfte. Auch er hatte meinen Sohn tief in sein Herz geschlossen. Auch wenn er das niemals offen zugeben hat. Es muß schwer für ihn gewesen sein.

„Es war nicht deine Schuld. Du konntest nicht wissen was sie vorhaben.“

„Erzähl das einem Anderen!“ Seine Stimme sollte scharf klingen, aber in seinen Augen sammelten sich vereinzelte Tränen. Eine Schwäche, die ein Dämon normalerweise niemals zeigen würde. Es hat ihn tiefer getroffen als ich vermutet habe. Ansonsten würde er mir gegenüber seine Schwäche niemals so deutlich zeigen. Meine Kehle begann zu brennen. Am Liebsten hätte ich geschrien, das es nicht seine Schuld war, es war niemandes schuld... keiner, keiner konnte es wissen...

„Du musst dir nichts vorwerfen.“ Ich konnte nicht aussprechen was ich ihm eigentlich sagen wollte. Hätte... nein, wenn ich damals direkt aufgegeben hätte, dann wäre mein Sohn vielleicht noch am Leben... hätte ich nur geahnt wie weit sie gehen würden... zu was sie fähig sind... wohin meine Sturheit führt... verdammt! Es ist einzig und allein meine Schuld! Ich hätte aufgeben müssen, dann wäre das alles niemals passiert. Warum nur?! Warum war ich nur so überheblich gewesen und habe die Engel herausgefordert?

„Hey, du weinst ja.“ Vorsichtig wischte er mir eine Träne aus dem Gesicht.

„Es ist nichts.“ Ich wandte mich ab. Ich wollte sein Mitleid nicht. Es war nicht richtig, das er mich bemitleidete. Es war meine Schuld. Das alles war meine Schuld. Niemals hätte ich solange ich Assia bleiben dürfen. Wenn ich früher gegangen wäre... wenn ich den Engeln ausgewichen wäre... wenn... was wenn meine Erinnerung niemals erwacht wäre? Hätte ich dann in Frieden leben können? Hätten sie mich jemals in Ruhe gelassen?

„Ach ja?“ Es war klar, das er mir kein einziges Wort glaubte. Kein Wunder! Er ist dort gewesen. Er hat gesehen was geschehen ist. Eine ganze Ebene getaucht in Blut, das Blut tausender Unschuldiger vermischt mit dem der wenigen Engeln, die es gewagt hatten den schlafenden Dämon in mir zu wecken. Sie hatten noch nicht einmal mehr die Zeit gehabt um das zu erkennen oder zu bereuen. Zu schnell bin ich unter ihnen gewesen und habe das Leben meines Sohnes hundert-, nein tausendfach gerächt. Noch heute kann ich die verzweifelten Schreie und die Flammen hören. Sie habe ich niemals abschütteln können. Die Alpträume, die mich mein Leben lang begleitet haben waren die Schatten dieses Tages, die mich nicht losließen. Zu tief hatte sich der Schmerz in mein Herz gefressen. Selbst das Siegel meiner Eltern hatte nichts daran ändern können. Das Grauen das an diesem Tag über die Welt der Menschen und all jene die ich geliebt hatte, hereingebrochen war suchte mich in meinem Träumen heim, da es keinen anderen Weg gab, den es sonst gehen könnte. Niemals, niemals habe ich vergessen können was an diesem Tag geschah. Niemals...

Ärgerlich schüttelte ich den Kopf als sich erneut Tränen in meinen Augen sammelten. Nicht! Du darfst nicht weinen. Nicht vor Astaroth! So sehr er es auch verstehen mag, er wir nicht zögern jede deiner Schwächen gegen dich zu verwenden. Wenigstens ist es mir inzwischen gelungen meine Hände zu befreien und so konnte ich mich zusammenrollen um ihn nicht noch länger ansehen zu müssen. Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen Ort an dem mich niemand findet und ich mich in Ruhe sammeln kann. Solange ich mich nicht wieder im Griff habe werde ich in der Hölle nicht allzu weit kommen.

Seufzend erhob Astaroth sich und hüllte mich behutsam in die Decke ein. Das sich meine Hände inzwischen auf dem Laken und nicht länger in Fesseln befanden schien ihn nicht im Geringsten aufzufallen oder es war ihm egal. Allerdings erstaunte er mich. Es kommt nicht häufig vor, das ein Dämon sein Opfer so zurückhaltend behandelt wie er. Wäre nicht die Erinnerung an unsere erste Begegnung könnte ich glatt auf die Idee kommen, das er sich ernsthafte Sorgen um mich macht. Gelassen suchte er sich seine Klamotten zusammen und ließ sich nicht im Mindesten dadurch irritieren, das ich jeden seiner Schritte genau beobachtete. Seine dunkelroten Haare fielen ihm dabei wie ein weicher Mantel über seine Schultern. Trotzdem traute ich dem Frieden nicht.

„Wo hast du mich gefunden?“ Sichtlich entzückt darüber, das ich mich doch wieder meldete wandte er sich zu mir um und gab damit den Blick auf seine äußerst erregte Männlichkeit preis. Augenblicklich schoß mir das Blut in die Wangen. Schlagartig wurde mir klar was es eigentlich bedeutet sich nackt in der Obhut eines Dämons zu befinden. Er machte allerdings keinerlei Anstalten meine Vermutung zu bestätigen.

„Viel zu dicht am Fluß Lethe. Wäre ich auch nur eine Minute später dort gewesen wärst du wahrscheinlich ganz hineingefallen.“ Augenblicklich schoß ich in die Höhe und schaffte es gerade noch so die Decke um meinen Körper zu wickeln. Er amüsierte sich königlich über meine Versuche bei seinem öhm... sagen wir nicht zu übersehendem, entblößten und erregten Anblick die Fassung zu bewahren und nebenbei zu verhindern, das es mir ähnlich ging. Warum muß diese Decke denn auch so glitschig sein?! Seide ist was furchtbares!

„Wie nah?“ Laut meinem Gedächtnis bin ich gut mehr als zehn Meter vom Fluß entfernt gewesen als ich angegriffen wurde. Es ist einfach nicht denkbar, das ich mich so nah am Wasser befunden haben soll, das die Möglichkeit bestand hinein zu fallen.

„Du lagst halb drin.“ Ich lag was?! Geschockt ließ ich mich zurück auf das Bett sinken. Wie soll das gehen? Ich bin mir sicher, das ich weit genug weg war. Dafür wußte ich einfach viel zu gut, was dieser Fluß anrichten konnte. Nicht umsonst hatte ich so sehr darauf geachtet einen gesunden Sicherheitsabstand einzuhalten. Allerdings musste ich einräumen, dass das lediglich die Zeit vor dem Angriff betraf. Was danach passiert ist entzieht sich meiner Kenntnis.

„Hast du dort sonst noch jemanden gesehen?“ Er stieß ein verächtliches Zischen aus.

„Sicher. Irgend so einen Idioten, der meinte dich töten zu müssen.“ Ich brauchte nicht zu fragen was mit dieser Person geschehen war. Wenn Astaroth wirklich auf mich aufpasste (was ich inzwischen nicht mehr im Geringsten bezweifelte, sonst hätte er mich schon längst irgendwo eingekerkert) dann lebte sie oder er bestimmt nicht mehr.

„Weißt du wer es war?“ Meine Neugier war geweckt. Immerhin hat es diese Person geschafft ohne Probleme in meinen Geist einzudringen und meine Erinnerungen gegen mich zu verwenden. Keine sonderlich angenehme Erfahrung.

„Abezethibou.“ Das überraschte mich. Nach Belials Befehl zum Rückzug hatte ich geglaubt, das er aufgegeben hätte. Anscheinend hat er danach auf eigene Faust gehandelt, aber wieso? Warum sollte er sich Belial oder den anderen Erzdämonen wiedersetzen? Für einen Dämon seines Ranges kommt so etwas doch einem Todesurteil gleich. Mochte er auch noch so sehr in ihrer Gunst stehen. Anscheinend ist sein Verlangen mich zu töten wesentlich stärker gewesen als das, aber warum? Warum sollte er so dumm sein?

„Wenn das alles war, was du wissen wolltest, dann werde ich jetzt gehen.“ Verblüfft sah ich ihn an. Soll das heißen ich bleibe allein hier?! Ich kann mich aus dem Staub machen wenn ich will?! Das ist ja fast zu schön um wahr zu sein.

„Warte! Wer weiß noch, das ich hier bin?“ Erst jetzt fiel mir ein, das die anderen Erzdämonen meine Anwesenheit ebenfalls bemerkt haben mußten. Obwohl ich inständig hoffe, daß es nicht so war. Belial und Astaroth reichen mir eigentlich völlig. Den anderen fünf muß ich nicht auch noch begegnen.

„Keiner! Es denn Tote können reden.“ Im nächsten Moment war er auch schon verschwunden. Immer noch verblüfft über die Tatsache, das ich vollkommen allein und vor allem unbewacht in seinem Bett saß, dauerte es eine Weile bis mein Hirn die Tatsache verarbeitet hatte, das Astaroth Abezethibou getötet hatte um mich zu beschützen. Ein Erzdämon der mich beschützt! Das ist doch Wahnsinn! In was bin ich hier reingeraten?! Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film. Na ja, wenigstens ist die Luft rein. Höchste Zeit für einen Erkundungsgang. Entschlossen schlug ich die Decke zurück und stand auf.

Zu meiner weiteren Überraschung stellte ich fest, das ich mich in derselben Hölle befand wie bei meiner ersten Begegnung mit Astaroth. Sogar, der komische Baum war immer noch da. Das Ding sah genauso windschief aus wie bei meinem letzten Besuch. Allerdings war ich dieses Mal clever genug die Finger von den Früchten zu lassen. Der gravierendste Unterschied zu damals spiegelte sich aber in der Einrichtung wieder. Sämtliche Räume hatten inzwischen eine grundlegende Renovierung hinter sich. Überall fanden sich die Annehmlichkeiten der modernen Welt wieder. Was mir eine willkommen Gelegenheit zu einem ausgiebigen Schaumbad gab. Nur weil Astaroth jede Minute zurück kommen kann heißt doch das noch lange nicht, das ich mich mit meiner Flucht beeilen muß.

Eine gründliche Durchforstung sämtlicher Schränke ergab, das seine Schwester Astarte diese Räumlichkeiten ebenfalls nutzte. Was da heißt Unterwäsche in Hülle und Fülle! Und das Beste, die paßt! Nur bei der Auswahl der restlichen Klamotten wurde es schwierig. Nach längerem hin und her entschied ich mich schließlich für eine enge Lederhose und eins von Astaroths Hemden, das ich vor der Brust lässig zusammenknotete. Meine Haare band ich locker mit einem schwarzen Satinband im Rücken zusammen und Make up fand sich schließlich auch noch. Zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel. Alles klar, so kann ich mich ohne Probleme in der Hölle sehen lassen. Mit einem Apfel, aus einer der unzähligen Fruchtschalen als Stärkung ging ich entschlossen auf den Eingang der Höhle zu und stieß mit meiner freien Hand prompt auf ein Hindernis. Anscheinend macht mir Astaroth die Sache doch nicht ganz so einfach wie ich mir das vorgestellt habe.

Der Eingang war mit einem Bann versiegelt und bei meinem Versuch diesen zu brechen musste ich leider feststellen, das Astaroth keineswegs dazu neigte mich zu unterschätzen. Der Bann gehört zu einem der stärksten der Hölle, die ausschließlich von den Erzdämonen beherrscht werden und ich kenne eigentlich nur eine einzige Person, die in der Lage wäre ihn auf Anhieb zu brechen, Luzifer. Nur hat der bestimmt besseres zu tun als mich hier rauszuholen. Vor allem, da ich es nebenbei auch für weitaus klüger halte ihm nicht über den Weg zu laufen. So wie sich die Atmosphäre um mich herum anfühlt hat er zur Zeit besonders schlechte Laune. Nicht gerade die beste Voraussetzung ihm mitzuteilen, das einer seiner Dämonen ein Kind mit einem Engel gezeugt hat, oder? Wie halten es die Dämonen hier nur aus? Ganz Sheol bebt unter seinem Zorn und ich Vollidiot muß natürlich auch noch so dicht an ihn ran, wie es nur eben geht. Die Pflanzen, die ich für Catans Heilung brauche wachsen nur in der direkten Nähe seines Throns. Das er mich nicht bemerkt wie ich quasi vor seinen Füßen Blumen pflücke ist ein reiner Wunschtraum. Vielleicht sollte ich vorher mein Testament abfassen? Doch das ist momentan nicht mein Hauptproblem. Um Luzifer kann ich mir immer noch Gedanken machen wenn ich hier raus bin. Erst Mal muß ich durch diesen Bann kommen, der trotz aller Bemühungen immer noch nicht den geringsten Kratzer aufweist. Mein Vater würde mir ganz schön die Ohren lang ziehen wenn er wüsste, das ich es nicht einmal mehr schaffe mit einem simplen Bannkreis fertig zu werden. Frustriert ließ ich es schließlich bleiben und durchwanderte die Höhle auf der Suche nach einer anderen Möglichkeit sie zu verlassen, aber jeder noch so kleine Ausgang war durch haargenau denselben Bann geschützt wie die Hauptöffnung der Höhle. Es bleibt mir also nichts anderes übrig als darauf zu warten, das Astaroth wieder zurück kommt.

Leider ließ er sich damit reiflich Zeit. Was gleichzeitig bedeutete, das ich mehr als genügend davon hatte und über all das was geschehen war nach denken konnte ohne das mich irgend jemand dabei störte. Eigentlich das letzte was ich wollte. Ich wollte mir nicht den Kopf darüber zerbrechen was in der Vergangenheit oder den letzten Stunden geschehen war oder was einige meiner besten Freunde erwartete. Ganz zu schweigen von dem was ich von Kira-chan verlange...

Wie kann ich nur so grausam sein? Wie kann ich sie alle dort mit hinein ziehen? Keiner von ihnen hat es verdient in diesen Strudel aus Gewalt und Schmerz gezogen werden. Und dennoch, ihr Schicksal wird sich ebenso wenig ändern wie meins. Keiner von uns ist in der Lage gegen seine Natur zu handeln. Wir alle versuchen nur das zu tun was wir für das Beste halten und dennoch... meistens verursacht gerade dieses Handeln nur noch mehr Leid. Fluchend schlug ich mit der flachen Hand gegen den Stein und presste meine Stirn dagegen. Wie kann ich so anmaßend sein zu glauben, das mein Verschwinden ihnen nicht auffällt? Das sie keine Fragen stellen werden? Wie kann ich so naiv sein?! Ich kenne sie doch lange genug. Kira-chan hat meinen Entschluß zu gehen zwar hingenommen, aber ich bin mir sicher, das wenn ich zu lange brauche um zurück kehren, er jeden einzelnen Stein der Hölle umdrehen wird um mich zu finden. Im Endeffekt kann ich nur froh sein, das ich ihm nichts von Rosiel-chan und Catan erzählt habe. Er würde es nicht verstehen...

Und wenn er wüßte was ich vorhabe, dann hätte er mich niemals gehen lassen. Bevor er zu läßt, das ich mich direkt vor die Augen Luzifers auf den Grund von Sheol begebe und danach in die Himmel zurück kehre schlägt er mich bewußtlos und sperrt mich ein, bis er mich von diesem Wahnsinn geheilt glaubt. Er würde niemals zu lassen, das ich mein Leben derart unverantwortlich aufs Spiel setze auch wenn ich ihm noch sehr versichern würde, das sie mich nicht töten können. Sie können mich verletzten und Foltern, doch egal wie schlimm es auch werden würde töten könnten sie mich niemals. Ich würde all das überleben und auch wenn ich noch so lange brauchen würde um mich zu erholen ich würde leben, egal wie sehr ich mir den Tod auch herbei sehnte. Und genau das ist das Problem. Kira-chan wird nach allem was ich ihm erzählt habe alles menschenmögliche versuchen um zu verhindern das mir irgend jemand noch einmal ein Leid zu fügt und aus diesem Grund, weil ich all das nur zu genau das weiß, habe ich ihn gebeten mich zu töten. Kein anderer wäre dazu in der Lage. Nur er versteht diesen Wunsch. Niemand kann es so gut nachvollziehen wie er und wenn wir uns in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit begegnet wären... vielleicht hätten wir beide dann glücklich werden können...

Doch seine Liebe zu Alexiel, meiner Mutter frißt ihn von innen auf, auch wenn er das selbst vielleicht noch nicht bemerkt hat und meine Trauer um Remiriel und meine Familie ist immer noch weitaus stärker als meine Gefühle für Rosiel. Nicht, das ich ihn oder Catan vergessen könnte, aber die alten Wunden wurden erneut aufgebrochen und sie sind noch längst nicht verheilt. Schon seltsam, das eine Erinnerung weitaus mehr Schmerzen verursachen kann als die Ereignisse der Gegenwart. Catans Zustand hat mir zwar einen Schock versetzt, aber ich weiß das es für ihn eine Rettung gibt. Für meine Familie allerdings würde es niemals mehr diese Chance geben und Rosiel? Weiß dieser Engel überhaupt was er angerichtet hat? Nicht genug damit, das er mich nach Yetzirah geschleppt hat und mit allen erdenklichen Mitteln versuchte hinter mein Geheimnis zu kommen. Nein, aus irgendeinem Grund hat es dieser Engel geschafft mein Herz zu gewinnen. Warum mußte ich mich eigentlich ausgerechnet wieder in einen Engel verlieben? Hätte ich nicht klüger sein können? Ich weiß doch nur zu genau, das es nur Leid bringt. Leidet er denn noch nicht genug? Muß ich es noch verschlimmern? Was bringt es mir diesen Engel zu lieben? Ein Engel, der so unehrlich zu sich selbst ist, der nicht sieht was er anderen bedeutet, der blind ist für die Gefahren um ihn herum. Warum hat er Catan und mich nicht einfach sterben lassen? Das würde ihm so vieles ersparen... Rosiel, du bist ein solcher Idiot! Rosiel...

Ich bin vor seinen Augen von den Klippen Yetzirahs gesprungen um mich in die Hölle zu stürzen. Er hält mich für tot...

...es wäre besser für alle wenn wir uns nie wieder begegnen würden. Für die anderen ist er ein Feind... sie fürchten ihn, hassen ihn... zu Recht? Warum sieht keiner von ihnen hinter die Fassade? Warum sehen sie nicht wie sehr sein Geist darum kämpft bei Verstand zu bleiben? Wie sehr er sich danach verzehrt geliebt zu werden...

...Warum bemerkt keiner außer Catan und mir das? Wir haben sein Spiel durchschaut, die Maske über seinem Gesicht ist für uns durchsichtig. Wir haben seine Einsamkeit erkannt und sind doch hilflos. Sein Ego läßt es nicht zu, das einer von uns ihm hilft...

Ein Punkt in dem wir uns mehr ähneln, als er oder Catan auch nur ahnen. So sehr Catan auch glaubt, das er uns beide kennt Rosiel und ich haben beide mehr als nur ein Geheimnis vor ihm. Wir Beide versuchen ihn nicht mehr mit unserem Kummer zu belasten als nötig. Ich hoffte inständig, das er das nicht weiß. Er bemüht sich so sehr darum uns zu trösten...

Er würde es nicht verkraften wenn er wüsste wie viel von unserem Schmerz wir ihm letztendlich verheimlichen, um ihn nicht zu verletzten. So wie er uns vor uns selbst beschützt, so versuchen wir ihn vor unseren dunklen Seiten zu bewahren. Ob Rosiel das weiß? Ahnt er wie viel Schmerz in seinen klaren, goldenen Augen steht, wenn er sich unbeobachtet glaubt? Was es auch sein mag, das ihm diese Wunde zugefügt hat, sie ist fast ebenso tief wie meine, wenn nicht noch tiefer. Ein Grund mehr ihn niemals wissen zu lassen was in meiner Vergangenheit geschehen ist. Niemand sollte unnötige Schmerzen erdulden müssen. Wenn ich zurück kehre muß meine Maske perfekt sein. Sie dürfen auf keinen Fall erfahren was mir von den Engeln angetan wurde. Sie ahnen schon jetzt mehr als gut für sie ist. Würden sie alles erfahren wäre es wahrscheinlich mehr als sie verkraften könnten. Mit einem heiseren Lachen ließ ich mich an der Wand herab sinken. Schon wieder laufe ich davon und verstecke mich vor mir selbst. Wann lerne ich es endlich, das es rein gar nichts bringt vor seinen Schmerzen zu fliehen?

Catan wäre entsetzt wenn mich oder Rosiel auch nur ein einziges Mal ohne eine unserer Masken sehen würde. Wir betrügen diejenigen, die wir am meisten lieben nur um sie vor uns selbst zu beschützen und dabei verletzten wir sie wahrscheinlich noch mehr als wenn wir ihnen einfach die Wahrheit sagen würden. Trotzdem machen wir es immer wieder, in der Hoffnung, das es dieses Mal gut geht und niemand zu Schaden kommt, doch wie lange funktioniert das? Wie lange kann man diese Maskerade aufrecht erhalten? Wann beginnt die Maske zu bröckeln? Wie lange kann man vor sich selbst davon laufen ohne entdeckt zu werden?

Ich weiß genau, das selbst Jahrtausende kein Problem darstellen solange man über die Mittel und den Willen dazu verfügt. Aber was kommt danach? Was macht man wenn man sich plötzlich wieder allem stellen muß, das man vergessen, versteckt hat. Wenn man seinem alten ich wieder begegnet, das man selbst fast nicht mehr erkennt?

Ich verfluchte Astaroth für, das was er mir antat. In dem er mir Zeit gab wurden meine Zweifel und Ängste nur noch stärker. Keine Ahnung zum wievielten Male ich inzwischen die verschiedensten Szenarien und Möglichkeiten in meinem Kopf durchspielte, aber es lief immer wieder auf dasselbe hinaus. Mein Tod war unumgänglich und das Schlimmste daran ist ich muß jede einzelne Person, die mir je etwas bedeutet hat verraten...

Setsuna und Kira-chan wissen nichts von meinen Gefühlen für Rosiel-chan und Catan. Ebenso wenig ahnen Catan und Rosiel-chan etwas davon, das ich zur Hälfte ein Engel und zur andern ein Dämon bin und schon gar nicht, das Alexiel meine Mutter ist oder das ich Setsuna helfen werde. Und dann gibt es da noch diese eine Sache, die ich keinem von ihnen erzählt habe nämlich, das ich Adam Kadmon um jeden Preis befreien würde, egal was es kostet. Ich werde nicht zu lassen, das Assia zerstört wird und wenn ich mich dafür gegen sämtliche Mächte des Himmels und der Hölle stellen muß. Niemals werde ich zu sehen wie die Welt der Menschen zerstört wird. Zu lange ist sie meine Heimat und Zufluchtsstätte gewesen. Mochte sie Fehler haben so viele sie wollte. Ich liebe diese verkorkste Welt. Und keiner, keiner nicht einmal Gott selbst hat das Recht sie zu zerstören! Entschlossen riß ich mich von der Wand los und startete einen erneuten Versuch den Bannkreis zu brechen. Ich muß hier weg! Mir läuft Zeit davon!

„Sehr schön!“ Ohne mich weiter um Astaroths plötzliches Auftauchen zu kümmern jagte ich den nächsten Energieball gegen den Bannkreis, der prompt zurückgeschleudert wurde. Ebenso, wie die vorherigen dreißig, vierzig Mal sauste auch er mit einem lauten Krachen in die Wand hinter mir und streifte dabei ein paar Möbel. Also noch mal!

„Ruinierst du gerne meine Inneneinrichtung?“ Astaroths Blick lag kritisch auf den Überresten eines Tisches. Entnervt ließ ich den Energieball in meiner Hand verpuffen.

„Was willst du?“ Mein Stimmungswandel schien ihn ebenso sehr zu amüsieren wie mein Aufzug.

„Ich wohne hier. Übrigens hier ist etwas zu essen für dich.“ Ich musterte ihn mit einem Blick, der jeden anderen augenblicklich in die Flucht getrieben hätte. Einem Erzdämon entlockte er jedoch lediglich ein müdes Lächeln.

„Sieht so aus, als müssten wir daran noch arbeiten.“ Seine dämlichen Bemerkungen kann er sich meinetwegen sonst wohin stecken! Leider traf die Schale ins Leere, da er sich ebenso schnell wieder verzogen hatte wie er gekommen war. Was will er nur von mir? Warum sperrt er mich hier ein? Es kann doch nicht einzig und allein daran liegen, das er auf mich aufpassen soll. Der angenehme Geruch des warmen Essens sorgte bei mir allerdings erst mal für reiflich starkes Magenknurren. Trotzdem starrte ich die Schüsseln an als wären sie meine persönlichen Todfeinde. Astaroths offensichtliche Sorge um mein Wohlergehen machte mich mehr als nur misstrauisch. Was in drei Teufelsnamen hat er vor? Nebenbei bin ich mir sicher, das er dieses Essen vergiftet hat. Kein Erzdämon der etwas auf sich hält würde seinem Gast ein harmloses Essen servieren. Entschlossen wandte ich den verführerisch duftenden Gerichten den Rücken zu und beschloß lieber zu verhungern als irgendetwas anzurühren, das Astaroth zubereitet hatte. Das Problem an der Sache war nur, das ich nur zu genau wußte, das mich weder das eine noch das andere wirklich töten könnte.

Es gibt also zwei Möglichkeiten. Erstens, irgendwann ist mein Körper einfach nur noch ein unternährtes Frack und somit eine leichte Beute für jeden Dämon, der versuchen wird mich zu fangen oder zweitens, ich lasse mich freiwillig von Astaroth vergiften und bin ihm somit hilflos ausgeliefert bis mir die Flucht gelingt. Klasse, meine Lieblingszwickmühle! Die Auswahl ist mal wieder atemberaubend. Beide Varianten sind gleich verlockend. Aber meine Freiheit habe ich ohnehin schon verloren... was bleibt mir also noch? Fluchend kniete ich mich schließlich doch vor die Schüsseln und begann zu essen. Was auch immer Astaroth vor hat, ich bin das Warten leid. Hoffentlich wirkt das Gift wenigstens schnell...

Da es mir nach zwei oder drei weiteren Stunden immer noch gut ging ist in dem Essen anscheinend doch kein Gift gewesen. Also noch mal, was zum Geier bezweckt Astaroth damit? Will er mich reinlegen? Was steckt dahinter? Warum hält er mich gefangen? Was will er von mir? Auf keine dieser Fragen bekam ich eine Antwort. Egal wie oft ich sie ihm auch stellte, er blieb stumm wie ein Fisch und ließ mich die meiste Zeit allein. Die wenigen Augenblicke in denen ich ihn zu Gesicht bekam waren die, in denen er mir etwas zu essen brachte. Nur war es bei weitem nicht genug um das Gefühl der Einsamkeit, das immer mehr von mir Besitz ergriff zu vertreiben. Je mehr Zeit verstrich, desto stärker wurde es und langsam wurde mir klar, dass es das Grausamste war was er mir antun konnte. In all der Zeit, die in meinem Leben bisher verstrichen ist bin ich kein einziges Mal wirklich allein gewesen. Irgendjemand hat sich immer in meiner Nähe befunden, doch nun lernte ich was es hieß wirklich allein zu sein. Weit und breit gab es nicht den geringsten Hinweis auf eine andere lebende Aura oder Anael. Ich blieb in meinem goldenen Käfig vollkommen allein. Niemals zuvor hatte ich so viel Zeit gehabt mir darüber klar zu werden was alles geschehen war und was meine nächsten Schritte auslösen könnten und würden. Das ich mich viel lieber zum Grund von Sheol begeben hätte lag auf der Hand, aber Astaroth hielt Wort. Ich kam nicht frei und je länger ich eingesperrt in seiner Höhle umherwanderte, desto mehr begann ich zu verzweifeln.

Was bringt es mir einen Engel retten zu wollen? Warum klammere ich mich so sehr daran meinen Freunden helfen zu wollen?! Die Antwort ist simpel. All das tue ich um mich von zwei ganz entscheidenden Faktoren abzulenken. Das Erste ist meine Erinnerungen an die Vergangenheit, die ich nach wie vor los werden will und das Zweite sind meine inzwischen doch ziemlich offensichtlichen Gefühle für Rosiel (wann immer mich das auch befallen hat), die in einem ziemlichen Widerspruch zu dem stehen was ich einst für Remiriel empfunden habe und wie mir Uriel verdeutlicht hat, nach wie vor empfand. Dadurch, das mich niemand störte wurde mir vieles klar vor allem, das meine Erinnerungen das kleinere Übel darstellten. Viel mehr Kopfschmerzen bereitet mir das unvermeidliche Wiedersehen mit Rosiel.

Wie soll ich ihm erklären wo ich in der Zwischenzeit gewesen bin oder woher das Heilmittel für Catan stammt? Er hält mich für tot. Wenn ich plötzlich in Yetzirah auftauche wird er Fragen stellen und ich bin mir nicht sicher ob ich ihm antworten kann. Sicher, es wäre besser wenn ich es täte, aber was dann? Was wenn er die ganze Wahrheit über mich erfährt? Wenn er weiß wer ich wirklich bin? Was passiert dann? Verliere ich ihn? Bricht er mir das Herz in dem er sich gegen mich wendet? Werde ich wieder trauern müssen? Wie lange werde ich es ihm verschweigen können? Was wenn er es bereits herausgefunden hat? Der Gedanke, das mich diese klaren, goldenen Augen plötzlich nur noch eiskalt mustern würden jagte mir Schauer über den Rücken. Sicher, wir sind nie einer Meinung oder Freunde gewesen, aber irgendein geheimnisvolles Band hat es von Anfang zwischen uns gegeben. Wir haben uns gegenseitig angezogen, auch wenn es uns selbst nie aufgefallen ist. Keiner von uns war bereit gewesen auch nur einen Millimeter nachzugeben, wenn wir uns mal wieder in der Wolle hatten, aber dennoch...

Beide haben wir gespürt, das mit dem Anderen etwas nicht stimmt, auch wenn keiner von uns wußte was. Vielleicht liegt es daran, das ich seine Einsamkeit so gut verstehen kann. All die Jahre der Isolation als er in die Tiefen Assias verbannt war ohne den geringsten Kontakt zur Außenwelt. Was es bedeutet ohne Licht im Dunkeln eingesperrt zu sein kann wahrscheinlich niemand besser nachvollziehen als ich. Auf den ersten Blick mag mein Leben in Assia frei und ohne jegliche Probleme gewesen sein, aber für eine allein umherziehende Frau, die zu dem auch noch ihr Gedächtnis verloren hat war es alles andere als das. Vor allem in der damaligen Zeit...

Meinen Häschern war ich zwar im Wald entwischt und konnte mich dort sehr, sehr lange vor den Menschen und der Welt verbergen, doch nichts ist für die Ewigkeit geschaffen und schon gar nicht ein Versteck vor der Außenwelt. Eines Tages wurde ich entdeckt und verbrachte die nächsten Jahre im Hause eines reichen Kaufmannes als Dienstmädchen, das für jeden noch so kleinen Fehler schwer bestraft wurde. Sich zu wehren wäre sinnlos gewesen. Immer wenn ich das getan hatte sperrten sie mich nur noch länger ein. Das war das Allerschlimmste was sie mir antun konnten und sie wussten es. Deshalb war die favorisierte Strafe für mich eine dunkle Grube in der ich manchmal fast eine Woche zu brachte bis ich wieder Tageslicht sah. Ich wäre in der Dunkelheit fast wahnsinnig geworden wenn ich nicht immer wieder eine Beschäftigung gefunden hätte um mich von der Einsamkeit abzulenken und die Anwesenheit von Cee tat ihr übriges. Damals war er zwar nur ein einfacher Wolf für mich. Doch er blieb immer in meiner Nähe, auch wenn man ihn selten sah. Es beruhigte mich ungemein, das da draußen irgendwo ein Freund gab der  auf mich wartete und zu mir hielt. Es dauerte sehr lange bis ich dieser Familie den Rücken kehrte und sie für immer verließ. Aus dieser Zeit stammt meine grundlegende Abneigung gegen das eingesperrt sein oder enge Räume. Astaroth mag es nicht wissen, aber er hat mir durch diesen Bann etwas angetan was ich gehofft hatte nie wieder durchmachen zu müssen. Ich wußte genau wohin das führen würde. In meinem momentanen Zustand war es lediglich eine Frage der Zeit bis ich anfangen würde die noch verbliebene Einrichtung seiner Räume systematisch in ihre Einzelteile zu zerlegen.

Es ist im Prinzip genau dasselbe Problem wie bei Cee. Wir beide haben wie zu viel Zeit in Gefangenschaft verbracht um es noch einmal ertragen zu können. Wobei es ihm dabei noch viel schlimmer ergangen ist als mir. Was gleichzeitig bedeutet, wenn er länger als einen halben Tag eingesperrt wird oder war kann man sich sicher sein, das die betreffende Wohnung oder das Haus hinterher nur noch aus den Fundamenten besteht.

Bei meiner letzten Entführung (als Mitglied von White demon feather kommt so etwas meist ein bis zweimal pro Jahr vor, aber man gewohnt sich dran) hatte ich bewiesen, das ich unter extremen Umständen eine halbe bis dreiviertel Woche durchhalten konnte ehe es bei mir soweit war, aber auch nur ein einziger Tag länger und die Umgebung war nicht mehr wieder zuerkennen. Noch ist es nicht soweit doch mit jeder Minute die verstreicht wird das Bedürfnis irgendetwas zu zerschlagen größer. Dieses Mal wird es wohl nicht ganz solange dauern bis ich die Kontrolle verliere und davor habe ich um ehrlich zu sein eine Heidenangst. Es gibt kein Siegel mehr, das meine Kräfte zügelt und mich am Ende zusammenbrechen lässt. Sollte ich jetzt die Kontrolle verlieren kann ich nicht sicher sein, das mich irgend jemand aufhält. Ich werde wieder zu einer Bestie werden, die nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet sondern einfach alles zerstört und tötet was ihr in den Weg kommt, bis sie endlich jemand aufhält. Das letzte Mal als es passiert ist habe ich mein Dorf vernichtet und ich fürchte nichts mehr, als das sich die Vergangenheit wiederholt, denn dieses Mal könnte es noch weitaus schlimmer werden.

Schließlich gab ich es auf das Unvermeidliche noch länger hinaus zu zögern. Solange ich die Kontrolle behalte kann nichts passieren, auch wenn Astaroths Inneneinrichtung mehr als deutlich darunter zu leiden hat. Es gibt inzwischen nicht einen einzigen Gegenstand mehr, der noch heil wäre. Vollkommen ausgepowert ließ ich mich auf die Überreste des Bettes sinken und rollte mich zusammen. Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten was als nächstes passiert und zu hoffen, das ich nicht mehr allzu lange hier eingesperrt bin. Ewig werde ich es nicht durchhalten mich mit dem Zertrümmern von Möbeln zu frieden zu geben. Irgendwann wird der Dämon in mir erwachen und Blut fordern.

„Und? Hast du dich ohne mich auch gut amüsiert?“ Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu über hören. Grummelnd drehte ich mich um und hielt das Kopfkissen weiterhin fest vor meinen Bauch.

„Aha! Wie ich sehe hast du umdekoriert.“ So kann man dieses Trümmerfeld auch bezeichnen.

„Was dagegen?“ Da sich meine Situation nach einem erholsamen Schläfchen immer noch dieselbe war wie zuvor begann ich die verbliebenen Kissen zu zerknautschen. Drei sind dabei bisher zu Bruch gegangen und haben ein Meer von Federn zurückgelassen. Mein Anblick schien ihn köstlich zu amüsieren.

„Nein, aber es wäre mir lieber wenn man dir deine Herkunft nicht allzu schnell ansieht.“ Vorsichtig zupfte er ein paar Federn aus meinen Haaren. Wütend funkelte ich ihn an.

„Laß das! Sag mir lieber was du von mir willst.“ Enttäuscht ließ er seine Hand sinken.

„Schade.“ Um meine Nerven noch weiter zu strapazieren machte er sich auf die Suche nach einem Stuhl, der noch ganz war und zog diesen dann geräuschvoll durch die Gegend, bis er sich damit vor mir nieder ließ.

„Du fragst mich was ich will? Wäre die Frage andersherum nicht besser formuliert?“ Entnervt pustete ich mir den Pony aus dem Gesicht. Kurz darauf streifte eine Feder meine Nase. Na super, also schon wieder Haare waschen.

„Ich wüsste nicht warum.“ Er merkte, das mit mir zur Zeit nicht gut Kirschen essen war, aber das hat ihn ja noch nie gestört.

„Hmm... wie wäre es denn mit folgender Frage? Was für einen Grund könntest du haben nach all den Jahren wieder in Sheol aufzutauchen?“ Mißtrauisch sah ich ihn an. Für meinen Geschmack spielt er diese Spielchen viel zu gerne. Nur leider sitzt er dabei am längeren Hebel. Ein falsches Wort von mir und ich verrate mich komplett. Er darf unter keinen Umständen erfahren wie ich hierher gekommen bin.

„Ich werde dir verraten was sich ein kluger Erzdämon so denkt.“ Gewinnend lächelte er mich an. Ignorieren! Einfach ignorieren!

„Er fängt als erstes an zu überlegen was denn so äußerst wichtiges geschehen ist...“ Obligatorische Künstlerpause! Uuiiii!

„Und in diesem besonderen Fall war das dann wohl Alexiels Erwachen. Das Zweite worüber er sich Gedanken macht ist das warum? Warum würde sie nach Sheol gehen, wo sie doch genau weiß wie gefährlich es für sie ist? Es ist eigentlich ganz einfach...“ Wieder ließ er mich kurz zappeln bevor er zum eigentlichen Punkt kam. Mein Gesicht hatte sich zwischenzeitlich in eine starre Maske verwandelt.

„Du brauchst etwas, das man nur in Sheol finden kann.“ Meine Hände verkrampften sich in dem Kissen. Ruhig bleiben! Ganz ruhig bleiben! Er weiß gar nichts!

„Sicher, du wirst mir niemals verraten, das ich recht habe, aber...“ Er lächelte mich siegessicher an.

„...da du im Schlaf immer wieder dasselbe gerufen hast. Ist davon auszugehen, das ein Engel deine Hilfe braucht.“ Der Stoff zwischen meinen Händen begann verdächtig zu knirschen.

„Habe ich Recht?“ Ein dichter Federwirbel verbarg sein breit grinsendes Gesicht vor mir. Ich war leichenblaß.

„Du liebst diesen Engel.“ Er wird sich von mir nicht hinters Licht führen lassen, dafür ist er zu clever. Ohne es zu wollen habe ich ihm genau das verraten, was er niemals hätte erfahren dürfen. Was er mit diesem Wissen anstellt wage ich mir noch nicht einmal vorzustellen. Stöhnend ließ er sich in seinem Stuhl zurück sinken.

„Wann lernst du es endlich?! Sie sind gefährlich!“ Der einzige Lichtblick ist, das er nichts von Rosiel weiß.

„Vergißt du dabei nicht etwas? In meinen Adern fließt dasselbe Blut.“ Er stieß ein verächtliches Zischen aus.

„Mußt du mich daran erinnern?!“ Mühselig verkniff ich mir ein Grinsen als sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Er sieht aus als hätte er in eine Zitrone gebissen.

„Also doch!“ Schwungvoll drückte er mich zu Boden.

„Du hast es getan!“ Vollkommen perplex sah ich ihn an. Was soll das denn jetzt?!

„Du hast diesem verfluchten Engel tatsächlich dein Herz überlassen!“ Sein Zornesausbruch überraschte mich. Immerhin hatte er diese Feststellung bereits vorhin getroffen. Warum also dieser Aufstand? Allerdings konnte ich nicht verhindern, das mein Blick leicht flackerte. Ich schaffte es nicht mehr ihm in die Augen zu sehen. Wenn auch nur irgend etwas von Rosiel erfährt kann ich mich beerdigen lassen.

„Was willst du von mir?“ Komischerweise klang meine Stimme nach wie vor recht fest. Schon merkwürdig seit ich hier bin habe ich nicht einen Augenblick lang Angst vor ihm. Na ja, nicht wirklich. Eben nur manchmal.

„Was schon?“ Mit einem unzufriedenen Schnauben wandte er sich ab und gab mich frei. Etwas perplex richtete ich mich auf.

„Ich werde dir helfen.“ Moment!

„WAS?!“ Also entweder hat mein Hirn wesentlich mehr abgekriegt als ich dachte oder habe ich einen Hörschaden.

"Mir bleibt keine andere Wahl." Er sah mich giftig an bevor er wieder verschwand. Immer noch vollkommen verdattert starrte ich den leeren Stuhl an auf dem er bis vor kurzem noch gesessen hatte. Was geht denn hier ab?! Es ist doch vollkommen unnormal, das ein Erzdämon, noch dazu Astaroth, freiwillig jemanden hilft. (Vor allem mir.) Die Antwort auf diese Frage beschäftigte mich so sehr, das ich gar nicht mehr merkte wie schnell die Zeit verstrich. Wäre Anael nicht gewesen, die lautstark darauf bestand das ich mich endlich schlafen legte. Ich ignorierte sie so gut es ging, nur wenn man sich zu zweit einen Körper teilt kann das auf Dauer ganz schön anstrengend sein. Schließlich einigten wir uns auf so eine Art Kompromiß, der darin bestand, das ich mich zu mindestens auf die Überreste des Bettes setzen würde. Sie meinte irgendwann würde ich schon müde genug werden und schlafen. Nur lag sie damit weit daneben. Ich war viel zu aufgewühlt um auch nur an Schlaf denken zu können. Frustriert starrte ich die gegenüberliegende Wand an. Wie komme ich hier nur raus?

*Warum zerbrichst du dir nur derart den Kopf?* So wie sie klingt, hat sie anscheinend aufgegeben.

"Was soll ich denn sonst machen? Wir sitzen hier fest und wenn wir weiter kommen wollen müssen wir diesen Bannkreis irgendwie zerstören."

*Aber dadurch würdest du doch sämtliche Erzdämonen auf dich aufmerksam machen.* Ihre Stimme klang nicht sonderlich begeistert bei dieser Vorstellung.

"Ja, ich weiß. Genau das ist das Problem."

*Dann laß es sein. Warte doch einfach ab was er vorhat.* Vor lauter Überraschung fiel mir erstmal nichts mehr ein.

*Ich habe nicht den Eindruck, das er dich hier länger festhalten wird als nötig.*

"Tickst du noch ganz richtig?! Der Kerl ist ein Dämon!" Ein unterdrücktes Kichern war die einzige Antwort, die ich von ihr bekam. Na super! Ein Engel auf der Seite eines Dämons, ich kann mich begraben lassen. Da sich mein Magen zwischenzeitlich lautstark bemerkbar machte hatte ich allerdings nicht mehr die Zeit und die Muse eine längere Diskussion mit ihr über dieses Thema zu führen. Sie hatte sich ohnehin wieder zurück gezogen. Zeit sich was zu essen zu organisieren. Das Problem war nur es gab weit und breit nichts! Nichts eßbares in Sicht! OK, bis auf die Früchte von diesem Tree of was-weiß-ich-was, aber davon war ich geheilt. Das letzte Mal hat mir voll und ganz gereicht. Freiwillig fasse ich die nicht mehr an. Da mein Magen nach einer weiteren halben Stunde immer noch bedrohlich knurrte (erinnert irgendwie an Cee wenn er sauer ist) begann ich schließlich noch einmal damit die gesamte Höhle auf den Kopf zu stellen. Dieses Mal allerdings auf der Suche nach etwas Eßbaren und nicht weil ich unbedingt einen Ausgang brauchte. Leider hatte ich keinen Erfolg. Hmpf, dabei meinte Astaroth doch vorhin noch, das er mir helfen wollte. Ob Verhungern da auch drunter fällt?

Ärgerlich schmiß ich mich auf die letzten Überreste des Betts und fing an die wild um mich verstreuten Federn eine nach der anderen zu zerrupfen. Keine besonders gehaltvolle Beschäftigung, aber wenigstens lenkt sie von diesem penetranten Hungergefühl ab. Erstaunlicherweise schaffte ich es tatsächlich trotz allem tief und fest einzuschlafen und sogar einigermaßen erholt aufzuwachen. Das Gefühl der Entspannung verschwand allerdings augenblicklich wieder als ich merkte, das ich immer noch eingesperrt war. Soviel also zum Thema Astaroth, der hilfsbereite Dämon. Also auf zu Plan B! Das heißt Astaroth irgendwie überwältigen (am besten ohne selbst groß Schaden zu nehmen) und ihn zwingen den Bannkreis zu öffnen. Das kann ich allerdings genauso gut direkt wieder streichen. In seinem Hoheitsgebiet läßt er nichts und niemanden an sich heran und unbemerkt schon gar nicht. Hmm... oder ich lenke ihn irgendwie ab, dieses verfluchte Teil von Bannkreis kriegt Löcher und dann bin ich weg. Klingt doch recht vielversprechend. Nur mit was lenke ich ihn ab? Viel Auswahl gibt es da ja leider nicht, außer...

Bevor dieser Gedanke allerdings ernsthafte Formen annehmen konnte stieg mir ein unglaublich verführerischer Duft in die Nase. Essen! Anscheinend hat er mich doch nicht vergessen. Gelassen (er muß ja nicht merken wie ausgehungert ich inzwischen bin) schlenderte ich zurück in die Haupthöhle und fand einen riesigen Tisch vor, der unter all dem Brot, Fleisch und Früchten fast zusammenbrach. Na wenn das mal keine Einladung ist. Eins muß man ihm lassen. Er weiß wie man protzt. Und kochen kann er auch! Das Brot schmeckt phantastisch! Es muß gerade erst aus dem Ofen gekommen sein. Und die Früchte besaßen einen so verführerischen Duft und Geschmack, das ich den gesamten Obstkorb geleert hatte noch ehe ich mir bewußt wurde überhaupt in eine dieser Früchte hineingebissen zu haben. Satt und vollkommen zufrieden (na ja, fast) sank ich schließlich auf mein provisorisches Lager ( es weiterhin Bett zu nennen erschien mir irgendwie unpassend) und schlief erst einmal eine Runde bis zwei. Viel mehr konnte ich ohnehin nicht tun. Solange Astaroth diesen Bann aufrecht erhält sitze ich fest. Nur wenn das noch länger dauert wird das zu einem ernsthaften Problem. Inzwischen habe ich zwar meine Phobie gegen das Eingesperrtsein so halbwegs im Griff, aber erstens ist das keine Dauerlösung und zweitens bringt das meine Planung völlig durcheinander. Aber das interessiert ihn ja nicht sonderlich.

"Weißt du eigentlich könnte ich dich auch für immer hier einsperren." Vollkommen entgeistert starrten ich ihn an. Er saß am Fußende. Wann ist der bitte hier aufgetaucht?!

"Oder gefällt dir bis in alle Ewigkeit besser?" Das ist jetzt nicht sein Ernst! Eiskalt lächelte er mich an.

"Ich werde dich jedenfalls nicht eher gehen lassen bis du diesen Engel endlich vergessen hast." Noch ehe ich ihm antworten konnte. Schlang sich seine Hand um meinem Hals.

"Du gehörst jetzt mir." Ich hatte keine Chance. Er drückte langsam zu, bis vor meinen Augen schwarze Punkte tanzten. Als seine Lippen allerdings die meinen berührten ging ein Aufschrei durch meinen Körper, der in seiner Intensität sowohl ihn als auch mich überraschte.

"AH, dort ist er also!" Als er mich losließ nahm sein Grinsen wahrhaft dämonische Züge an. Er schleuderte mir eine PSI-Welle entgegen. Unnötig zu erwähnen, das ich mich fast an der nächsten Wand wiederfand und mir alles weh tat.

"Interessant." Gelassen kam er auf mich zu und zog mich vom Boden hoch.

"Du hast es also wirklich geschafft seine Seele in dir aufzunehmen." Anaels panischer Aufschrei fuhr durch mich hindurch, als hätte ich soeben einen Stromschlag erhalten. Stöhnend versuchte ich die Kontrolle über nicht ganz zu verlieren, was nur mäßig gelang. Die Angst, die Anael vor Astaroth hatte übertrug sich fast automatisch auch auf mich und ich konnte machen was ich wollte. Ich kam nicht dagegen an.

"Laß sie in Ruhe!" Mit einem verächtlichen Schnauben ließ er mich wissen was er von meinen kläglichen Wiederstandsversuchen hielt. Er fackelte auch nicht mehr sonderlich lange sondern griff in mein Innerstes und zerrte an meinen Astralkräften bis ich mit einem schmerzvollen Aufschrei wimmernd zu Boden sank. Ich hatte das Gefühl in meinem Innern völlig zerfetzt worden zu sein.

"Sieh an, sieh an. Die Seele eines Engels..." Mit einem liebevollen Fußtritt dreht er mich auf den Rücken und sah höhnisch lächelnd auf mich herunter.

"... nur wieso weiblich?" Ich schaffte es nicht ihm zu antworten. Sein Angriff war zu plötzlich gekommen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

"Allerdings macht es die Sache interessanter." Mit einer lässigen Bewegung, der ich kaum folgen konnte, da ich kurz davor stand mein Bewußtsein zu verlieren, ließ er eine Peitsche in seiner Hand entstehen. Prüfend ließ er sie einmal über meinem Körper aufschnalzen. Als er sie zurückzog befand sich in ihren Schlingen Anaels Astralform. Sie wehrte sich so gut sie konnte, aber gegen ihn würde sie nicht ankommen. Zufrieden zog er sie an sich.

"Nicht!" Mühsam versuchte ich mich auf die Beine zu kämpfen.

"Laß sie in Ruhe!" Lachend schlang er einen Arm um sie. Vor lauter Angst bewegte Anael sich nicht einen Millimeter. Seine andere Hand wies auf mich und vollführte eine Bewegung, die deutlich machte wie wenig Chancen er mir einräumte sollte ich einen Angriff auf ihn wagen. Und das machte er sehr deutlich. Nachdem seine Peitsche nach gut drei bis vier Dutzend Schlägen endlich wieder zum Stillstand kam und von Anael nur noch ein leises Wimmern zu vernehmen war fiel ich benommen zu Boden. Mein Rücken fühlte sich an als hätte er soeben Bekanntschaft mit einem Brandeisen gemacht. Ein Gefühl, das ich leider nur zu gut kannte. Das letzte Mal war es aufgetreten als ich in Yetzirah meine Schwingen benutzt hatte um mich und Raziel vor den Huntern in Sicherheit zu bringen. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Siegel noch voll intakt gewesen. Nur deshalb war der Gebrauch meiner Kräfte mit solchen Schmerzen verbunden. Seit es gebrochen ist kann ich sie wieder nutzen ohne mich um solche Dinge kümmern zu müssen. Nur was nützt mir das jetzt?

"Wenn du klug bist bleibst du liegen." Astaroths höhnische Stimme schrie geradezu danach endlich zum Schweigen gebracht zu werden. Verdammt noch mal! Reiß dich endlich zusammen! Das Siegel ist gebrochen und er kann dir nicht mehr anhaben.

"Laß sie los!" Eisig funkelte ich ihn an.

"Nein." OK, ein paar Blessuren werden nicht zu vermeiden sein. Also los! Von einer Sekunde zur nächsten fand er sich so circa drei Meter entfernt von der Stelle an der er gestanden hatte auf dem Boden wieder und war wahrscheinlich über dieses Tatsache ebenso überrascht wie Anael und ich. Verblüfft starrte ich meine Hände an. Wie hab ich das denn jetzt gemacht?

"Nicht schlecht, aber noch lange nicht gut genug." Oh ha, jetzt ist er sauer. Mit einem Hechtsprung wich ich der Energiewelle aus, die er mir entgegenschleuderte. Grimmig schickte ich ihm eine Erwiderung während ich Anael hinter mich zog um sie aus der Schußlinie zu halten. Sie war zwar immer noch reiflich verängstigt, aber fing sich allmählich wieder. Die Angriffe zwischen mir und Astaroth gingen so lange hin und her bis er schließlich atemlos vor einer Wand hockte und etwas ähnliches wie einen Time-Out forderte. Erst hatte ich vor es zu ignorieren, aber irgendwie gönnte ich ihm die Pause. Ich hatte ihn echt übel zugerichtet. Kaum zu fassen das ich so etwas kann.

"Das wurde aber langsam auch Zeit. Man, mir tut alles weh!" Vollkommen perplex sah ich ihn an. Mit nicht zu leugnender Gewandtheit stand er vom Boden auf als wäre nichts gewesen. Ich war so baff, das ich erstmal keinen Ton mehr rausbrachte.

"Das Zielen solltest du allerdings noch mal üben. Sieh dir bloß mal dieses Chaos an." Und schon war er am Aufräumen. Ich traute meinen Augen nicht. Eben habe ich ihn noch fast über den Jordan geschickt und jetzt das?! Unfreiwilligerweise mußte ich plötzlich lachen. Warum auch nicht? Das ist alles so vollkommen absurd. Anael ließ sich von meinem Heiterkeitsausbruch ebenfalls anstecken und zu meiner größten Verblüffung lachte Astaroth auch. Irgendwie hatte ich das Gefühl von einer schweren Last befreit worden zu sein. Es war so als wäre zwischen uns nie etwas gewesen. Als wären es nicht über tausend Jahre gewesen in denen ich mein Gedächtnis verloren hatte und alles und jeden inklusive mir selbst belog. Es war viel mehr so als sei nach langer Zeit ein alter Freund zurück gekehrt.

Woher auch immer ich das Wissen nahm, aber es war mir klar, das Astaroth mir niemals schaden würde. Irgendwo tief in seinem Inneren hatte er geschworen mich zu beschützen und diesen Schwur würde er niemals brechen, da sein Wort als Erzdämon ihn an die Gesetze der Hölle band. Er und mein Vater hatten einen Pakt geschlossen an den er sich bis an sein Lebensende halten würde.

Ein Bündnis zwischen zwei Dämonen war das Seltenste was in der Hölle geschah und wenn es erst einmal soweit war wurde dieser Bund niemals mehr gebrochen. Schon gar nicht unter Erzdämonen, so verlangte es Luzifer und jeder der noch bei halbwegs klarem Verstand war beugte sich diesem Gebot. Nur vollkommen Wahnsinnige würden es wagen sich dem Wort des Herrschers der Hölle zu widersetzen, denn das hätte ihre sofortige Vernichtung zur Folge.

Als Astaroth fertig war die letzten unbeschädigten Gegenstände zusammenzutragen tat er etwas das sowohl Anael als auch mich überraschte. Er gab mir ein Halsband in Form einer goldenen Schlange mit der Erklärung, das dieses Halsband dafür sorgen würde, das Anaels Seele vor den Blicken der anderen Dämonen verborgen ist. Zweifelnd legte ich es nach ihrem zögerlichen Nicken um und war erstaunt wie leicht das Material war. Es war lediglich ein Hauch auf meiner Haut und auch wenn ich nun den Kontakt zu Anael verloren hatte konnte ich sie immer noch in meinem Innern spüren. Wir konnten nur nicht mehr miteinander sprechen, das war erst wieder möglich wenn ich das Halsband abnahm. Zur Zeit war es sicherer auf Astaroth zu vertrauen und die Seele des Engels vorerst zu vergessen. Jedes Rühren in ihre Richtung könnt einen Dämon auf uns aufmerksam machen und das wäre in Sheol unser sofortiges Todesurteil.

Laut Astaroth würde jetzt selbst ein Erzdämon nicht mehr bemerken, das ich kein wirklicher Dämon war. Meine Frage ob das auch für Belial gelte, der immerhin sehr genau zu wissen schien was und wer ich bin, bedachte er mit einem verächtlichen Schnauben. Laut ihm sollte dieser Clown erst einmal lernen mit seinen eigenen Problemen fertig zu werden bevor er sich in seine einmischte. Ich war zu neugierig zu erfahren was er damit meinte und hakte nach. Kommentarlos hielt er mir eine Einladung zu Luzifers Hochzeit mit Kurai unter die Nase zu der ich ihn begleiten sollte. Fassungslos starrte ich die Karte an. Sie ist also wirklich so dumm gewesen diesen Antrag anzunehmen. Ich hoffe für sie, das sie stark genug ist und ihre Seele nicht an Luzifer verliert. Für ihr Volk ist ein unvorstellbarer Verlust wenn ihre letzte Prinzessin zu einer Marionette der Hölle wird. Anscheinend sah man mir meine Gedanken an und noch ehe ich wußte wie mir geschah packte mich Astaroth am Arm und wir fanden uns in einem anderen Raum wieder.

"Misch dich da bloß nicht ein. Es wird schon so schwierig genug dich unbemerkt da runter zu bringen." Ich enthielt mich jeglichen Kommentars, aber er durchschaute mich.

"Du kennst die Kleine, aber denk dran es war ihre Entscheidung. Es bringt nichts wenn du dich da einmischst."

"Soll ich etwa zu lassen das sie ihr Leben wegwirft?! Sie hat doch keinerlei Ahnung was es bedeutet zu seine Braut zu sein!"

"Halt dich da raus!"

"Nein! Du hast doch keine Ahnung was es für ihr Volk bedeutet sie zu verlieren." Er drückte mich an die nächst beste Wand.

"Aber du ja?" Er hat ja recht. Eigentlich geht mich die ganze Sache rein gar nichts an, aber... ach verdammt!

"Ich weiß genau was du denkst. Sie ist zu jung, zu unschuldig für all das, aber wann soll sie denn lernen das diese Welt grausam ist?! Wir sind hier in der Hölle und nicht in irgendeinem Garten Eden!" Wütend funkelte ich ihn an.

"Aber-" Er schnitt mir das Wort ab.

"Hier gewinnt nun einmal nur der Stärkere und würde sie sich weigern, dann würde sich die Hölle an ihrem Volk rächen. Du weißt was das bedeutet oder?" Ich schluckte schwer. Ja, ich weiß nur zu genau was das bedeutet und ich weiß, das es nicht allein die Hölle war, die das Volk der Oger so sehr geschwächt hatte, das es einen erneuten Angriff nicht mehr überleben würde. Ein Angriff würde ausreichen um dieses Volk für immer zu vernichten.

"Gut. Anscheinend siehst du es ein." Er ließ mich los und gab mir die Chance von der Wand wegzukommen.

"Und was nun?" Mir war nicht mehr danach die Initiative zu übernehmen. Er hatte es geschafft mir ein schlechtes Gewissen einzureden und das konnte zu einem ernsthaften Problem werden. Wenn ich jetzt anfing mir über die Konsequenzen meiner nächsten Schritte Gedanken zu machen konnte ich noch so überzeugt davon sein das Richtige zu tun, solange dadurch meine Freunde verletzt werden würde ich zögern und das wäre wahrscheinlich mein Untergang. Nein, ich darf mich nicht behindern lassen. Egal wie schwer es mir auch fallen mag sobald ich Catan das Heilmittel gebracht habe muß ich Adam Kadmon befreien ansonsten wird Assia zerstört. Sich in diesem Punkt auf Setsuna zu verlassen wäre mehr als nur töricht. Er wird Sara retten, soviel ist sicher aber für Assia ist es dann vielleicht schon zu spät.

"Du ziehst dich um." Perplex sah ich ihn an. Wo kommt den jetzt dieser Kleidersack her? Irgendwie habe das dumpfe Gefühl, das er mich überrumpelt hat und das es nicht bei diesem einen Mal bleiben wird.

"Aber vorher..." Zufrieden grinsend kam er auf mich zu. Vorsichtshalber machte ich erst einmal einen Schritt rückwärts. Wieso habe ich nur das unbestimmte Gefühl ihm auf den Leim gegangen zu sein.

"Sag jetzt nicht du hast Angst vor mir."

"Äh, nicht wirklich. Eher Respekt." Er lachte kurz auf, bevor er mich mit einer lockeren Bewegung an sich zog.

"Na wenn das so ist, dann vertraust du mir doch bestimmt, oder?"

"Vertrauen ist vielleicht nicht ganz das Wort, das ich ge-" Plötzlich war es dunkel um mich herum.

"Hey! Was soll das denn jetzt?!"

"Das soll nur verhindern das du dir die Überraschung verdirbst." Sein Atem striff durch meinen Nacken.

"Und dafür mußt du mir die Augen verbinden?"

"Oh nein, lediglich dafür sorgen das du nichts siehst. Die Wahl der Mittel ist dabei nur zweitrangig." Wie beruhigend. Das heißt im Klartext wenn ich die Binde abnehme versucht er es mit etwas anderem.

"Und jetzt müssen wir uns beeilen." Ohne auf eine Reaktion von mir zu warten schob er mich irgendwo hin. Wahrscheinlich in einen angrenzenden Raum.

"Oh Astaroth-sama." Reflexartig griff ich nach der Augenbinde als die anderen Stimmen aufklangen.

"Laß es lieber sein. Es wäre doch zu schade wenn ich dich blenden müßte." Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Meint er das ernst?

"Schon besser. Ihr da! Bringt das Kleid hierher und helft ihr beim Umziehen!" Ich hoffe du weißt, das mein Blick gerade tödlich ist!

"Ja, genau so und nun beeilt euch wir müssen bald los." Ich hatte keine Gelegenheit mehr ihm zu sagen, das er sich verziehen soll. Von unzähligen Händen wurde ich herumgedreht, geschoben, gezwickt und das solange bis ich außer meiner Unterwäsche nichts mehr an hatte. Ups, kleine Korrektur. Es beschränkt sich lediglich auf die Unterhose. Irgendwo aus dem Hintergrund drang Astaroths unterdrücktes Kichern zu mir, doch ich befand mich bereits wieder unter tausenden von Händen. Nach einer halben Ewigkeit wurde ich dann endlich erlöst und in was auch immer sie mich gesteckt haben, es hat eine Menge Federn, die kitzeln ganz schön und einen verdammt tiefen Ausschnitt. Man führte mich zu einem Stuhl und was jetzt kam kannte ich eigentlich aus jedem Schönheitssalon. Maniküre, Pediküre und was es sonst noch alles gibt. Dank Astaroths großzügiger Warnung verzichtete ich auch nach dem Entfernen der Augenbinde darauf meine Augen zu öffnen. Irgend jemand machte sich daran mein Gesicht zu schminken während ein anderes paar Hände meine Füße in passende Schuhe steckte und an meinem rechten Handgelenk spürte ich plötzlich das Gewicht eines Armreifs. Ein lautes Klatschen ließ mich zusammen zucken und augenblicklich verschwanden alle Hände um mich herum.

"Sehr gut. Ihr könnt gehen, den Rest mache ich allein."

"Sehr wohl Astaroth-sama." Hastig entfernende Schritte zeigten mir, das ich mich nun mit ihm allein in einem Raum befand. Wieso habe ich nur das dumpfe Gefühl in eine Falle gelaufen zu sein?

"Hey, was ist das denn du zitterst?" Er muß verdammt dicht neben mir stehen wenn ihm das auffällt.

"Du solltest mir wirklich ein bißchen mehr vertrauen. Immerhin kennen wir uns schon eine halbe Ewigkeit." Eine sanfte Berührung an meinen Lippen verleitete mich zu einem verächtlichen Schnauben.

"Halt still!" Die Berührung kam wieder und dieses mal merkte ich, das es sich um einen Lippenstift handelte. Sorgfältig zog er meine Lippen nach dem finalen einmal auf einem Tuch die Lippen fest zusammenpressen durfte ich meine Augen endlich wieder öffnen. Doch anstatt in einen Spiegel zu sehen sah ich nur Astaroth, der mich breit angrinste.

"Wunderschön! Ich würde sagen du bist mein persönliches Meisterwerk." Ehe ich ihm eine passende Antwort geben konnte küßte er mich.

"So, das muß vorerst genügen sonst ruiniere ich noch dein ganzes Make up."

"DU!" Ich erwischte ihn am Kragen.

"Sachte, sachte oder willst du dich noch mal umziehen?" Da er vor lauter Lachen kaum noch an sich halten konnte gab ich es schließlich auf. Es hatte einfach keinen Zweck ihm zu drohen.

"Verrätst du mir auch wo wir hinwollen?" Man was ist das bloß für ein Fummel? Der Ausschnitt ist nicht nur tief, der ist gar nicht vorhanden. Das Ding ist bis unter den Bauchnabel offen.

"Na Hochzeit feiern, was denn sonst?" Das haute mich um. Der will mich heiraten?!

"Du weißt schon, das ich die Hochzeit von Luzifer meine, oder? Obwohl das andere hätte sicherlich auch seinen Reiz." Grinsend sah er mich an. Ich werd dich gleich!

"Schon gut, schon gut. Jetzt komm aber, wir müssen uns beeilen."

"Willst du etwa so gehen?" Kritisch beäugte ich seine Kleidung, die immer noch deutliche Spuren unserer kürzlichen Auseinandersetzung zeigte und auf seinen Lippen spiegelte sich deutlich die Farbe meines Lippenstiftes wieder. Es war fast dasselbe blau in dem auch das Kleid gehalten war.

"Warte kurz." Mit einer lockeren Handbewegung sorgte er dafür das sich seine Kleidung in ein atemberaubendes Gewand aus schwarzer Seide mit dazu passenden Handschuhen verwandelte. Gleichzeitig änderte sich auch seine Frisur zu einem kleinen Kunstwerk. Lediglich den Lippenstift wischte er sich mit einem Taschentuch ab. Und warum konnte ich mich nicht so umziehen?

"Er hatte recht deinen Augen haben wirklich fast genau dieselbe Farbe." Gedankenverloren betrachtete er das Taschentuch eine Weile bevor er es sorgsam in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Ich konnte nicht verhindern das mir das Blut in die Wangen schoß.

"Komm, es wird Zeit." Mein Magen gefror zu Eis als ich seine Hand ergriff. Nicht mehr lange und ich stehe am Grund von Sheol unter tausenden von Dämonen. Bitte laß nicht zu, das mich irgend jemand erkennt.

"Hier, das wirst du brauchen." Fragend sah ich ihn an als ich Fächer in meiner Hand sah. Er war ebenfalls dunkelblau mit etwas helleren Federn abgesetzt. Eben genau passend zum Kleid.

"Wir machen einen kleinen Abstecher, damit du noch Blumen pflücken kannst." Siegessicher zog er mich in einen Dimensionstunnel und mir wurde immer mulmiger. Es war lange her, das ich mich auf dem Grund der Hölle befunden hatte und es machte mich nervös bald in das Antlitz Luzifers zu sehen. Der Herrscher der Hölle würde sich sicherlich nicht lange von uns an der Nase herumführen lassen und was dann passierte wagte ich lieber nicht mir auszumalen.

"Bevor wir uns jetzt unter die Gäste mischen noch ein paar Dinge, die du dir unbedingt merken solltest." Ernst sah er mich an.

"Versuch bitte keine unnötige Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen." Kritisch sah ich an meinem Kleid herunter. Es wäre ein Wunder in dem Ding nicht aufzufallen.

"Das heißt halte dich von den anderen Erzdämonen fern. Ganz besonders von Belial und Asmodis. Beide sind gefährlich." Das mußte er mir nun wirklich nicht sagen. Belial weiß über mich bescheid und Asmodis ist hinter jedem Rock her, den er kriegen kann.

"Zweitens, tu so als hättest du deine Stimme verloren. Sprich nur wenn es unbedingt nötig ist." Verwirrt sah ich ihn an. Wofür soll das gut sein.

"Manche dieser Dämonen können sich nur zu gut erinnern was damals in Assia passiert ist und außerdem bist du auch in der jetzigen Zeit nicht gerade unbekannt. White demon feather hat auch in der Hölle seine Anhänger." Warum wohl?

"Also paß bitte auf, das dich niemand erkennt. Shao Deshon ist in Assia und nicht hier,. Von jetzt an bist du ein Dämon, verstanden?" Ich nickte zögernd.

"Bleib in meiner Nähe, das ist sicherer." Es war richtig rührend zu sehen welche Mühe er sich gab.

"Und misch dich nicht ein, egal was auf dieser Hochzeit passiert. Nur so kommen wir beide da heil wieder raus." Und das auch nur mit viel Glück. Ich hoffte inständig, das alles glatt gehen würde. Als wir den Tunnel verließen verschlug es mir den Atem. Man hatte wirklich alles geben um diese Hochzeit zu einem Jahrhundertereignis zu machen. Der gesamte Palast erstrahlte unter tausenden von Lampen und es summte wie einem Bienenstock. Noch standen wir in einem der unzähligen Gärten und ich durchschaute bald warum das so war. Zielsicher durchschritt Astaroth das kunstvoll angelegte Labyrinth aus den blauen Rosen Luzifers und zog mich hinter sich her. Wir befanden uns auf dem direkten Weg zu den silbernen Feldern so genannt, weil die Pflanzen dir dort wuchsen in ihrer Blütezeit einen Teppich aus Silber darstellten. Das Gefährliche daran war nur das sie sich direkt hinter dem Thron Luzifers befanden und er uns bestimmt bemerken würde. Und nur so ganz nebenbei sind es genau die Pflanzen, die ich brauche um Catan zu heilen. Ach was, es wird schon gutgehen.

"Ah, Astaroth. Was treibt dich denn hierher?" Da er urplötzlich stocksteif stehenblieb rannte natürlich erstmal in ihn rein.

"Ich wüßte nicht was dich das angeht." Neugierig luckte ich an Astaroth vorbei und erstarrte. Direkt vor uns stand Asmodis und musterte mich mir sichtlichem Interesse. Verdammte scheiße!

"Warum denn so unfreundlich? Heute ist doch ein Freudentag. Oder sollte das bei dir etwa nicht der Fall sein." Hätte ich nicht so dicht hinter ihm gestanden wäre mir bestimmt entgangen wie er kurz zusammenzuckte.

"Geht es deiner Schwester inzwischen eigentlich besser oder schläft sie noch?" Astaroths Hände verkrampften sich und ich hatte Mühe nicht laut aufzustöhnen, da er mich mit einer Hand immer noch festhielt.

"Du kennst die Antwort bereits. Wenn du uns entschuldigst." Entschlossen ging er an ihm vorbei. Was soll das? Ist Astarte krank?

"Ach ja, Belial meinte, sie würde sich wohl nie wieder erheben." Der Druck von Astaroths Hand wurde so stark, das ich fast das Gefühl hatte meine Knochen knirschen hören zu können.

"Wirklich schade, dabei war sie eine so wunderschöne Frau." Asmodis gehässiges Lachen klang noch in meinen Ohren nach, als wir uns bereits so weit entfernt hatten, das wir ihn nicht mehr sehen konnten. Erst jetzt ließ Astaroth meine Hand los.

"Kein Wort hörst du? Nicht ein einziges Wort!" Der Schmerz in seiner Stimme sorgte mehr als alles andere dafür, das ich verstand. Seine Schwester war tot und er hatte nicht vor darüber zu reden. Wie schlimm muß es für ihn gewesen sein, die einzige Person zu verlieren, die er seit seiner Geburt kannte und liebte? Vorsichtig legte ich eine Hand auf seine Schulter.

"Danke." Er drehte sich nicht um, aber legte kurz eine Hand auf meine.

"Tust du mir einen Gefallen?" Ich verstärkte kurz den Druck auf seine Schulter. Schwungvoll drehte er sich um.

"Dann tanz mit mir." Ich nickte kurz und schon wirbelten wir in einer Mischung aus Walzer und Tango über die silbernen Felder. Die kleinen Blüten stoben um uns herauf wie silberner Nebel und ließen das Ganze eher wie einen Traum erscheinen. Nur die vereinzelten Tränen, die sich in Astaroths Augen schlichen verrieten mir, das es alles andere als ein Traum war. Der Verlust seiner Schwester traf ihn tiefer als er bereit war zuzugeben und je stärker ihn Trauer zu übermannen drohte, desto schneller tanzten wir, bis der silberner Blütenregen uns fast ganz eingehüllt hatte.

 

 

03-05-04

 

Next: Part 21 – Return to Assia

 



Ja, ja erstens kommt es anderes und zweitens als man denkt. Hoffentlich seit ihr mir nicht allzu böse, das ihr dieses Mal solange auf die Fortsetzung warten mußtet...
UPDATE Kurenai no Tenshi
 

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