Part 24

03-09-13

 

Love of an angel

         Part 24

 

 

Heavens prison

 

"Tja, ich schätze dieses Mal habe ich gewonnen." Ich ersparte mir eine Antwort auf diese selten dämliche Feststellung. Seit ungefähr drei Stunden durfte ich mir von Sevothtarte immer wieder denselben Mist anhören und dieser Satz fiel inzwischen fast alle vier Minuten. Wenn er sich noch länger so freut bekommt er irgendwann einen Krampf im Gesicht.

"Schade nur, dass du so stur bist." Ich sah ihn vernichtend an. Seine Garde hatte mich in einen abgesperrten Raum gebracht in dem es nichts weiter als einen reiflich unbequemen Stuhl (ratet mal worauf ich sitze) und ein winzig kleines Fenster gab. Unnötig zu erwähnen das niemand außer Sevie wußte wo ich mich aufhielt. Komischerweise war uns nämlich auf unserem Weg hierher nicht ein einziger anderer Engel begegnet. Tja, clever wie ich war hatte ich natürlich auch niemanden bescheid gesagt wo ich eigentlich hinwollte. OK, aus gutem Grund (Rosiel und Catan werden mir bestimmt etwas anderes erzählen, wenn sie rauskriegen, das ich schon wieder zu Jibril unterwegs gewesen bin. Offiziell habe ich nämlich eigentlich Jibril-Besuchsverbot. In diesem Punkt sind die Beiden sich leider unheimlich einig gewesen) aber irgendwie stelle ich gerade fest, daß genau das ein Fehler gewesen ist. Jetzt habe ich den Salat. Es mußte irgendwann ja mal schiefgehen. Na ja, meine irrige Hoffnung war, das es mindestens noch eine Woche bis dahin dauert nur leider gönnte man mir das nicht. Verdammter Mist!

Sevothtarte genießt seinen Triumph gerade in vollen Zügen und hält es nach wie vor nicht für nötig mir zu erklären was ich eigentlich hier soll oder was er sich überhaupt davon erhofft mich festzuhalten. Gut, unter diesen Umständen kann ich ihm wahrscheinlich am wenigsten Schwierigkeiten machen, aber abgesehen davon faselt er nur ununterbrochen etwas von Rosiels Versündigungen und das dieser es noch bereuen würde ihn herausgefordert zu haben. Ach ja, so ganz am Rande läßt er dann netterweise auch mal durchblicken was mir blüht wenn ich nicht mit ihm kooperiere. Als wenn ich jemals auch nur den geringsten Zweifel daran gehabt hätte, das er mich einfach wieder gehen lassen wird wenn er mich erst einmal in seine Finger bekommen hat. Das Schlimmste daran ist, das ich mir diesen Mist mal wieder selber eingebrockt habe. Manchmal wäre es wirklich besser wenn ich mal auf gut gemeinte Ratschläge hören würde statt immer wieder meinen Kopf durchsetzen zu müssen. Andererseits wäre auf diese Art und Weise auch schon so manches schiefgelaufen. Hier und da ist es ziemlich clever nicht auf die Ratschläge anderer zu hören. Auf die Art und Weise bin ich schon so mancher Falle entkommen. Wie dem auch sei momentan habe ich ganz andere Probleme als mir über irgendwelche wenn und Abers Gedanken zu machen.

Was Sevothtarte allerdings so richtig stört ist die Tatsache, dass er mich egal mit was er mir auch drohte nicht weiter beeindrucken konnte. Je länger er über diverse Foltermethoden vor sich hinphilosophierte, desto gelangweilter wurde mein Gesichtsausdruck und das brachte ihn so richtig auf die Palme. Hätte er nicht noch etwas mit mir vorgehabt, dann hätte ich mich mit Sicherheit ziemlich schnell in irgendeinem seiner Folterkeller wiedergefunden, aber so? Anscheinend bin ich viel zu wichtig als das er sich jetzt einfach so zu einer kurzen und kleinen Racheaktion hinreißen läßt. Und ich bin nicht so dumm ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich das weiß.

Da er inzwischen sein Lieblingsthema (Rosiels Vernichtung) durch hatte fing er wieder von vorn an. Was da heißt er machte mich für die Flucht von Sara verantwortlich und für die Anwesenheit des Messias. Ehrlich, das er mir soviel zutraut ehrt mich, aber wenn er auch nur mal eine Sekunde vernünftig (gut, das könnte schwierig werden) nachdenken würde wüßte er wie unwahrscheinlich das ist. Immerhin ist Sara meine Freundin. Ich würde ihr bestimmt nicht dabei helfen ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Schon gar nicht bei so einem hirnverbrannten Mist wie Setsuna in den Himmeln finden noch dazu völlig ohne Fluchtplan. Immerhin würde man sie beide verfolgen und damit auch mit ziemlich großer Sicherheit irgendwann erwischen. Es sei denn, sie wissen wie sie entkommen können. Und daran habe ich ehrlich gesagt so meine Zweifel. Sara-chan kennt sich in den Himmeln überhaupt nicht aus und ich hatte nicht die Zeit gehabt mit ihr über eine eventuelle Flucht zu sprechen.

Was Setsuna angeht liegt der Fall etwas anders. Er ist in der Hölle unterwegs gewesen und die Anima Mundi hatte ihn schließlich in die Himmel geholt. Diese Rebellen beeindrucken mich immer mehr. Sobald ich hier raus bin sollte ich mich wirklich mal etwas näher mit ihnen befassen. Vielleicht können sie mir dabei helfen Yetzirah unauffällig zu verlassen. Bisher ist mir nämlich für den Knackpunkt 'unauffällig' noch keine Lösung eingefallen. Meine bisherigen Pläne sorgten selbst nur auf dem Papier beziehungsweise in meinem Gedanken am Ende immer für eine mittlere Katastrophe. Immerhin gehören die oberen Himmelsflure zu den bestbewachten überhaupt. Tja, aber nach wie vor stecke ich mächtig in der Klemme. Sevie wird mich bestimmt nicht gehen lassen.

Gelangweilt trommelte ich mit meinen Finger auf den Armlehnen des Stuhls herum, damit er endlich mal merkte, das ich heute durchaus noch was anderes zu tun hatte als ihm stundenlang beim Schwafeln zu zuhören. (Hey, vielleicht will er mich ja totquatschen?) Leider interessierte ihn das reiflich wenig. Tja, und solange seine Garde um uns herum steht und die Tür so gut bewacht wird kann ich einen Fluchtversuch getrost knicken. Sevothtartes Männer werden bestimmt nicht einen einzigen Moment zögern mich davon abzuhalten und ich hatte nicht vor diesen Raum in Einzelteilen zu verlassen. So wie ich Sevies Männer kennengelernt habe ist ihre letzte Sorge meine Gesundheit.

Das einzig Gute im Moment ist, das man mir nach wie vor noch nicht einen einzigen Kratzer verpaßt hat. Aus irgendwelchen Gründen ist man hier peinlich darauf bedacht, das man mich nur mit Samthandschuhen anfaßt beziehungsweise mir keine allzu schweren Verletzungen zufügt. Ein paar blaue Flecken hier und da hatten sich leider nicht vermeiden lassen, da ich zwischendurch doch mal den ein oder anderen Fluchtversuch probieren mußte. Ja, ja ich weiß eigentlich Schwachsinn, aber es hätte ja klappen können. Im Übrigen hat das Ganze Sevothtartes Männern wesentlich mehr geschadet als mir.

Das Piepen der sich öffnenden Stahltür rettete mich vor Sevies erneutem Vortrag von wegen Sünden der Frau und Perfektion der Engel. Seine gute Laune wurde nur noch unerträglicher als er den Neuankömmling begrüßte und ich wollte gerade meine Chance nutzen und von dem Stuhl aufspringen um durch die geöffnete Tür verschwinden, als sich ein paar starke Hände auf meine Schultern legten und mich zurück auf meinen Sitzplatz zwangen. Ich unterdrückte einen Fluch. Sevies Männer sind besser als ich dachte. Können die nicht einfach verschwinden? Oder mal zwei Minuten nicht aufpassen? Das ist schließlich kein Fulltimejob.

"Schon wieder? Wann lernst du endlich, dass du mir nicht entkommen kannst?" Sevothtartes Blick lag triumphierend auf mir.

"Willst du eine ehrliche Antwort?" Er schnappte kurz nach Luft bevor sich in seine Augen wieder ein kaltes Lächeln stahl. Wahrscheinlich lächelt er wirklich, aber dank seiner Gesichtsmaske sieht man das nicht. Warum hat es dieser Typ eigentlich ausgerechnet auf mich abgesehen? Kann der sich nicht ein anderes Opfer suchen. Ich hab ihm doch nichts getan! Na ja, gut hier und da habe ich ihn mal ein klein wenig geärgert, aber das ist doch noch lange kein Grund, oder? Immerhin mache ich mir Rosiel-chan dasselbe und die anderen Engel können wahrscheinlich auch ein Lied davon singen. Nur aus völlig unerfindlichen Gründen will Sevothtarte unbedingt meinen Kopf. Weiß der Geier warum.

"Wie wäre es wenn du deine Niederlage akzeptierst?" Gerade wollte ich auffahren um ihm was zum Thema Niederlage (das wüßte ich nämlich) zu erzählen als sich mit einem lauten Klicken zwei Stahlriemen um meine Handgelenke legten.

"Was soll der Quatsch?"

"Nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme. Wäre doch schade wenn du uns jetzt schon verlassen würdest." Die Drohung in seinem letzten Satz war nicht zu überhören. Sollte ich es noch mal wagen einen Fluchtversuch zu unternehmen würde er mich auf der Stelle töten lassen. Grummelnd gab ich es auf meine Handgelenke befreien zu wollen und wurde mit einem anerkennenden Nicken von Sevies Männern belohnt. Bildet euch bloß nicht ein, das ich von jetzt an klein beigebe. Ich erhalte gerade nur meinen Gesundheitszustand aufrecht.

"Sevothtarte-sama meint ihr wirklich das ist nötig?" Kneif mich bitte irgendjemand. Das kann einfach nicht war sein! Wieso ist der denn hier? Seit unserer Rückkehr aus Assia habe ich ihn nicht mehr gesehen. Also warum ist er hier? Was will Sevothtarte bitte schön vom Engel der Heilung und vor allem was hat die ganze Geschichte mit mir zu tun?!

"Raphael?" Er zwinkerte mir leicht zu und setzte sein Mister Charming Lächeln auf. Verdammt! Ich bin doch nicht hier um mit ihm zu flirten.

"Mach dich lieber an die Arbeit und überlaß den Rest mir." Hui, so freundlich heute? Scheint Sevie doch zu wurmen, das er mich noch braucht.

"Schon gut, schon gut." Raphaels Gesichtsausdruck sprach Bände. Er ist genauso begeistert davon hier zu sein wie ich. Er kam zielstrebig auf mich zu und irgendetwas in seinem Blick beunruhigte mich. Mal abgesehen davon, dass ich dem Braten eh nicht traute. Ich zerrte an meinen Fesseln und versuchte meine Handgelenke irgendwie freizubekommen, aber sie gaben nicht einen Millimeter nach. Wäre ja auch zu schön gewesen. Dabei kann ich mich doch normalerweise aus jeder Art von Handschellen befreien. Verflucht noch mal!

"Tut mir sehr leid." Giftig sah ich Raphael als er nach meiner Uniformjacke griff. Ich glaubte ihm nicht ein einziges Wort.

"Was hast du vor?" Die Frage war eigentlich überflüssig. Nach allem was Sevothtarte bisher so von sich gegeben hatte war klar wonach Raphael suchen sollte. Irgendwie hatte unser weißer Engel den dumpfen Verdacht, das Rosiel sich mit einem anderen Engel eingelassen hatte und das nicht nur rein freundschaftlich. Na ja und Raphael hat jetzt die dankbare Aufgabe nach Beweisen für diesen Verdacht zu suchen und das natürlich am Besten auf meinem Körper, da Sevie auf diese Art und Weise direkt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Würde Raphael ihm die nötigen Beweise liefern wären Rosiel und ich schneller außer Gefecht gesetzt als wir das Wort Verleumdung auch nur aussprechen könnten.

Raphael wußte ebenfalls, dass meine Frage rein rhetorisch war und ließ sie daher unbeantwortet. Stattdessen wandte er sich an Sevothtarte.

"Wollt ihr euch das nicht noch einmal überlegen?" Ein Blick in Sevothtartes Augen verriet nur zu deutlich was er von diesem Vorschlag hielt. Nämlich gar nichts Wenn Raphael am Leben bleiben wollte tat er besser daran zu gehorchen. Da ich offiziell immer noch nicht wußte was die Beiden eigentlich vorhatten (nicht, das ich mir das inzwischen hätte denken können), knurrte ich Raphael erst einmal äußerst feindselig an als er damit begann meine Uniform aufzuknöpfen. Er würde zwar keine Spuren mehr entdecken können, die Rosiel auf meinem Oberkörper hinterlassen hatte, dafür sind meine Selbstheilungskräfte viel zu stark. (Länger als zwei oder drei Stunden sieht man selten etwas davon. Nur innerhalb dieses Zeitraums sind langärmlige Klamotten ein Muß. Pech für Sevie, das er davon nichts ahnt. Er ist sich sicher, dass sich irgendetwas findet.) Allerdings ist mir sowohl die Situation als auch die Art und Weise wie man mit mir verfährt zutiefst zuwider. Man kommt sich plötzlich so schmutzig vor und nicht als hätte man vor ein paar Stunden eine der schönsten Nächte seit langem hinter sich gelassen. Allein die Blicke von Sevie und seinen Wachen reichen aus um jemanden zu erniedrigen. Dafür würde ich mich noch ausreichend revanchieren, das schwor ich mir. Seufzend erhob sich Raphael als er seine Untersuchung beendet hatte.

"Und?" Die Ungeduld in Sevothtartes Stimme war schwer zu überhören.

"Nichts."

"Was?!" Achtung, da steht jemand kurz davor durch die Decke zu gehen.

"Da ist rein gar nichts."

"Aber das kann nicht sein!" Na aber Hallo, das hört sich ja fast so an als wäre er sich ganz sicher gewesen, das er Rosiel und mir was anhängen kann. Was bedeutet, das er irgendwo einen Spion hat von dem niemand etwas weiß. Zumindest mir ist bisher nichts in dieser Richtung aufgefallen, aber ich bin mir gar nicht mal so sicher ob das für Rosiel ebenfalls gilt. Könnte es sein, das er davon wußte und dieses Risiko mit voller Absicht eingegangen ist? Rosiel-chan wenn das hier ein Test sein soll, dann solltest du mich langsam aber sicher hier raus holen. Lange geht das bestimmt nicht mehr gut.

"Wenn ihr mir nicht glaubt seht selbst nach." Der Blick, der auf diese Aussage folgte war tödlich. Raphael räusperte sich kurz.

"Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sie sich in irgendeiner Art und Weise beschmutzt hat." Dabei ließ er allein durch seinen Tonfall ziemlich gut durchblicken was er mit 'beschmutzen' meinte und das es lediglich in den letzten Zeit nicht der Fall gewesen ist. Danke! Und was kommt als nächstes? Die rituelle Reinigung? Langsam aber sicher mal Zeit seiner Empörung Luft zu machen.

"Dürfte ich vielleicht endlich mal erfahren, was euch das angeht?" Der Blick, den Sevothtarte mir daraufhin zu warf brachte mich augenblicklich zum Schweigen. Nur ein weiteres Wort und ich werde diesen Raum nicht mehr lebend verlassen. Raphael sah mich ziemlich besorgt an wurde dann allerdings von Sevothtarte in eine ziemlich lange Diskussion darüber verwickelt ob er nicht eventuell doch irgendetwas übersehen hatte. Es ist anscheinend zwecklos ihm zu versichern, dass Raphael sich in diesen Dingen bestimmt nicht irrt. Ehrlich gesagt bin ich mir ziemlich sicher, das Raphael im Gegenteil zu seinem Gegenüber genau weiß wonach er zu suchen hat. Es ist ebenfalls klar, das Raphael komme was da wolle meinen Hals nicht retten könnte. Dafür haßt mich Sevothtarte viel zu sehr und er wäre ziemlich dämlich wenn er mich jetzt einfach laufen lassen würde. So schnell wird er mich nämlich bestimmt nicht wieder in seine Finger kriegen.

Raphael schien das ebenfalls zu wissen und tat sein möglichstes um mir zu helfen. Leider vergebens. Sevothtarte wies zwar irgendwann einen Großteil seiner Wachen an den Raum zu verlassen aber dafür zog er auch direkt sein nächstes As aus dem Ärmel. Eine klitzekleine Videoaufzeichnung, die einen Zusammenschnitt meiner verschiedensten Dates darstellte. Wenigstens die, die von der Paparazzi gefilmt worden waren und an deren Material wir nicht mehr herangekommen waren. Alles andere hatten die Anwälte unserer Band nach und nach vernichten lassen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und in diesem Fall kann mir eigentlich nur noch ein mittleres Wunder helfen. Da es kein solches gab und Sevie dann noch damit rausrückte, das ich ein Engel war oder sein könnte kann ich mir eigentlich direkt schon mal meinen Sarg aussuchen gehen. Diesen Raum jetzt noch unbeschadet zu verlassen ist ebenso unmöglich wie Luzifer von jetzt auf gleich zum Guten zu bekehren. Ich saß in einer gottverdammten Falle und nichts, aber auch rein gar nichts würde mir dieses Mal helfen.

Raphael gab sich ebenfalls geschlagen und nahm mir schließlich seufzend etwas Blut ab, damit Sevothtarte seine Behauptung hieb- und stichfest untermauern konnte. Damit würde er dann auch ziemlich schnell herausfinden, dass zumindest einer meiner Elternteile ein Engel gewesen ist und was das bedeutete konnte sich jeder selbst ausrechnen. Sobald das Ergebnis bekannt wird schleppt Sevothtarte mich vor das hohe Konzil und danach zum nächst besten Wing cutting. Etwas vor dem ich wie jeder Engel eine Heidenangst hatte. Ich bin mir nicht mal sicher ob meine Kräfte mich dann noch schützen können. Wohl eher nicht...

Als Raphael die Nadel wieder aus meinem Arm zog ging ein Heidenlärm los und dann brach das Chaos aus. Anscheinend hatte irgendjemand den Hauptalarm ausgelöst und selbstverständlich waren Sevie und Konsorten der festen Überzeugung, dass es sich bei diesem Eindringling nur um den Messias also Setsuna handeln konnte. Sevothtarte ließ eine Wache und Raphael zurück um auf mich aufzupassen und stürmte dann mit dem Rest seiner Männer davon. Was er nicht mitbekommen hatte war, das Raphael die Gelegenheit genutzt hatte um die Ampulle unauffällig zu Boden fallen zu lassen während er dabei völlig unschuldig an die gegenüberliegende Wand starrte. Zwischen dem zerbrochenen Glas breitete sich langsam mein Blut aus und ich war ihm äußerst dankbar dafür. Solange Sevothtarte keinen greifbaren Beweis dafür hat, das ich wirklich ein Engel bin kann er mir rein gar nichts anhaben. Gut, meinem Wort wird man zwar nicht unbedingt glauben aber ich bin mir ziemlich sicher, das Sevie zu klug ist Rosiel nicht auf diese Art und Weise herauszufordern. Sieht ganz so aus als wären die Karten soeben neu gemischt worden. Mit einem leicht fragenden Blick sah Raphael mich an und ich zuckte nur unschlüssig mit den Schultern. Sollte er vorhaben die Wache auszuschalten bin ich bestimmt die letzte Person, die ihn daran hindern wird. Gelangweilt lehnte er sich gegen meinen Stuhl wobei der Wache sichtlich unwohl wurde. Es ist ja auch nicht ohne mutterseelenallein mit einem der Elemente in einem Raum zu sein und genau zu wissen, das dieser eher auf der Seite des Gefangenen steht als auf deiner. Nur ist es seiner Ansicht nach wahrscheinlich noch gefährlicher sich gegen Sevothtartes ausdrücklichen Befehl zustellen. Er zog sich etwas zurück und beobachtet uns argwöhnisch.

"Wie kommt es eigentlich, dass er dich so einfach erwischt hat?" Ich seufzte leicht bevor ich Raphael antwortete.

"Er hat mich einfach überrascht. Woher sollte ich denn auch wissen, dass Sara-chan ausgerechnet heute einen Fluchtversuch unternimmt?" Im Enddefekt konnte man es auch einfach eigene Doofheit nennen. Bin ja selber schuld gewesen. Immerhin hatte man mich ja ausdrücklich davor gewarnt Jibril noch einmal zu besuchen.

"Jibril ist geflohen?"

"Wie?!" Perplex sah ich ihn an.

"Das weißt du nicht?" Ein Blick in sein vollkommen fassungsloses Gesicht reichte aus um eine Antwort zu erhalten. Er wirkte als hätte ihm jemand gerade den Teppich unter den Füßen weggezogen. Gut, dann also eben mal eine kurze Zusammenfassung, damit er nicht völlig hinten überfällt.

"Seitdem bekannt geworden ist, dass sich der Messias in den Himmeln aufhalten soll ist hier die Hölle los. Na ja, Sara-chan wird es wohl auch gehört haben und ist abgehauen." Mein Tonfall zeigte deutlich genug was ich davon hielt und plötzlich schien er sich köstlich zu amüsieren.

"Ach deshalb ist Sevothtarte so darauf versessen dir einen Strick zu drehen." Logo, weshalb denn auch sonst. Immerhin bin ich in seinen Augen ja für diesen Mist verantwortlich. Dabei bin ich dieses Mal ausnahmsweise wirklich mal unschuldig. (Immer diese Unterstellungen!)

"Zu viel der Ehre. Sevothtarte kann mich schon seit dem Tag nicht leiden an dem Rosiel-chan mich hierher geschleppt hat." Meine Begeisterung was das betrifft hält sich übrigens nach wie vor in Grenzen. (Egal, was in der Zwischenzeit auch passiert sein mag.) Wenn Rosiel-chan nicht so selten hartnäckig gewesen wäre, dann wären mir eine Menge Dinge erspart geblieben. Allerdings reichte diese Aussage um in eine Diskussion mit Raphael verwickelt zu werden, die unserer Wache gar nicht gefiel. Zum Glück hatte er vor Raphael so viel Respekt oder Angst, dass er es nicht wagte uns zu unterbrechen. Erst als Raphael begann meine Fesseln zu lösen schritt er ein oder vielmehr er versuchte es.

"Na, na wer wird denn gleich? Meinst du wirklich solch eine Schönheit könnte uns etwas anhaben?" Würde er mir nicht gerade den Hals retten, dann würde ich ihm jetzt was Passendes zu diesem Thema erzählen. Es juckte mich nämlich gerade nichts mehr in den Fingern als einen von Sevothtartes Leuten mal so richtig zu verprügeln. Vielleicht wenn ich Raphael ganz lieb darum bitte?

"Sevothtarte-sama hat befohlen, dass sie gefesselt bleiben soll!"

"Ja, ja aber sieh sie dir doch an. Selbst wenn er recht hat und sie ein Halbblut ist, so ist sie doch viel zu schwach um einem von uns beiden, geschweige denn beiden zusammen etwas anhaben zu können." Es reicht! Meine Geduld ist mehr als nur erschöpft. Ich kann es langsam aber sicher nicht mehr hören. Zu schwach, zu Vorlaut, zu unrein, Halbblut. Es hängt mir zum Hals raus! Dauernd ignoriert man bei solchen Sprüchen meine Anwesenheit und meint ungestraft seine Spielchen mit mir spielen zu können. Schluß! Aus! Es wird Zeit wenigstens mal einen Punkt zu klären.

"Ein für alle mal ich bin nicht hilflos!"

"Aber sicher bist du das. Nur sind wir hier nicht in Assia." Fürsorglich legte mir Raphael eine Hand auf die Schultern. Wütend funkelte ich ihn an und befreite mich von ihm.

"Nein, das sind wir nicht und wenn mir auch nur ein Einziger von euch noch einmal zu nahe kommt, dann wird er es bereuen!" Aufgebracht massierte ich mir die Handgelenke während Raphael vergeblich versuchte mich am Weiterreden zu hindern. Doch ich war mittlerweile viel zu wütend als das ich jetzt noch auf ihn hören würde. Schließlich ist er auch nicht besser als der Rest von diesem Haufen. Die Wache konnte es sich natürlich auch nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass ein Halbblut niemals eine Chance gegen den Großminister Sevothtarte haben würde. Er merkte ein kleines bißchen zu spät, dass er sich diesen Satz besser gespart hätte. Mit einer simplen Drehung meiner Hand beförderte ich ihn an die nächste Wand ohne ihn dabei überhaupt im Geringsten berührt zu haben.

"Denk lieber nach bevor du solche Behauptungen aufstellst. Es könnte sein, das du dich irrst." Sein Blick spiegelte absoluten Unglauben wieder.

"Langsam, langsam. Er wird noch Angst vor dir bekommen." Eisig funkelte ich Raphael an. Es beeindruckte ihn allerdings nicht sonderlich. Schade.

"Das sollte er auch. Es wäre besser für ihn." So plötzlich wie ich ihn an die Wand befördert hatte zog ich ihn wieder auf die Füße.

"Laß dir eines gesagt sein Sevothtarte weiß längst nicht so viel wie er denkt. Schon gar nicht über mich." Panikerfüllt sah er mich an. Wütend ließ ich ihn los, drehte mich auf dem Absatz um und wollte den Raum gerade verlassen, als ein Kommentar von Raphael mich zurückhielt.

"Es ist also wahr. Es gibt sie tatsächlich. Engel der zweiten Generation." Wissend grinste er mich an. Ich erwiderte sein Grinsen.

"Ja, und es wäre besser für dich wenn das unter uns bleibt." Er hob abwehrend die Hände und nickte leicht. Ich nahm es als ein Versprechen hin und verließ den Raum. Wer weiß vielleicht erinnert sich Raphael an wesentlich mehr von damals als er zu gibt, aber wenn er bisher den Mund gehalten hat ist er zweifelsohne so eine Art Freund und irgendwann wird es sowieso rauskommen. Ich kann es nicht ewig vor ihnen verheimlichen. Verdammt ich sollte wirklich langsam machen dass ich hier wegkomme wenn ich mich jetzt schon damit auseinandersetze.

"Nee-chan? Nee-chan bist du in Ordnung?" Ich muß wohl etwas zu tief in Gedanken gewesen sein, denn Catans plötzliches Auftauchen überrumpelte mich völlig. Es gelang ihm zwischen seinen dutzenden von Fragen nach meinem Zustand zu erklären was passiert war und das es mir auch wirklich gut ging. Immerhin hatte ja irgendjemand gerade noch rechtzeitig den Alarm ausgelöst und Sevothtarte somit äußerst erfolgreich von mir abgelenkt.

"Das war ich."

"WAS?!" Er strich sich verlegen mit einem Finger über die Nase.

"Na ja weißt du, nachdem ich von Jibrils Flucht gehört hatte und du nirgends zu finden warst dachte ich mir schon, das du in bestimmt Schwierigkeiten steckst. Es hat allerdings etwas länger gedauert herauszufinden in welchen."

"Catan, du bist einfach unbezahlbar!" Dankbar fiel ich ihm um den Hals und ließ mich dann von zurück in Rosiels Domizil führen. Für diesen Tag habe ich wirklich genug Schwierigkeiten gehabt. Das Problem ist nur, das ich von Catan erfuhr, das Rosiel ebenfalls von der Sache wußte. Was das bedeutet ist mehr als klar. Es würde eine Predigt nach sich ziehen, die sich gewaschen hatte. Catans besorgter Blick verriet nur zu deutlich, dass er mir dabei nicht würde helfen können und es ist wahrscheinlich auch besser so. Dieses Mal werde ich wie so oft alleine mit Rosiel fertig werden müssen. Ich hoffe nur, dass er sich kurz faßt.

Zur allgemeinen Verblüffung glänzte unser allseits beliebter hoher Engel allerdings durch Abwesenheit und ich hatte mehr als genügend Zeit mir eine Erklärung oder auch zwei einfallen zu lassen warum er mir nicht den Hals umdrehen sollte. Nur war nichts davon glaubwürdig genug. (Noch nicht mal in meinen Ohren.) Inzwischen kannte mich Rosiel viel zu gut. Er würde mir niemals abkaufen, dass ich mein Zimmer nur verlassen hätte um mir die Füße zu vertreten. Er würde verdammt gut wissen, dass ich mich auf direktem Weg zu Sara begeben hatte und das Sevothtarte mich dabei erwischt hatte. Die Sache von gestern abend wird damit garantiert ein für alle mal das erste und das letzte Mal gewesen sein, das Rosiel sich zu so etwas hinreißen ließ. Ich sollte wirklich verschwinden.

Ziellos tigerte ich in meinen Räumlichkeiten umher und kam einfach nicht dahinter warum ich trotz aller Argumente, die dafür sprachen nicht einfach verschwinden konnte. Es wäre der einfachste und sicherste Weg eine Begegnung mit Rosiel zu vermeiden, aber mein schlechtes Gewissen hatte da so seine ganz eigenen Pläne. Dank ihm fand ich stundenlang keine Ruhe und auch Catans gut gemeinte Versuche mich aufzumuntern hatten nicht den gewünschten Effekt. Im Grunde führte ich mich auf wie ein liebeskranker Teenager, der genau wußte an welch seidenem Faden seine noch taufrische Beziehung hing. Es machte mich fast wahnsinnig, das Rosiel nicht auftauchte. Wäre er hier, dann hätte wenigstens dieses ewige Warten ein Ende und ich müßte mich nicht mehr mit den möglichen Konsequenzen auseinander zu setzen.

Inzwischen war ich bei meinen Streitszenarien dabei angekommen, das Rosiel mich erst zu Müsli verarbeitete und danach in einen Labortank steckte vor dem er mich dann jeden Tag gehässig bewunderte als Objekt seiner Sammlung von seltenen Schönheiten. Allein bei dem Gedanken mußte ich mich schütteln. Er mag ein klein wenig verrückt sein, aber so gestört ist selbst er nicht.

"Na? Hat sich letztendlich auch dein schlechtes Gewissen gezeigt?" Ich schluckte als Rosiel sich lässig gegen den Türrahmen lehnte. Jetzt wird es ernst. Verabschiede dich schon mal von all deinen Hoffnungen. Diese Beziehung ist vorbei noch ehe sie überhaupt angefangen hat.

"Wurde langsam auch mal Zeit." Mein Puls beschleunigt sich bei diesem Kommentar, aber es wäre wahrscheinlich klüger sich erstmal nicht mit ihm anzulegen. Mit einem Kopfnicken gab er mir zu verstehen, dass ich ihm folgen sollte. Seufzend stand ich auf. Es dauerte ziemlich lange bis wir unser Ziel erreichten. Bisher habe ich gar nicht gewußt wie groß Rosiels Anwesen überhaupt ist. Sicher, einiges hatte ich schon gesehen, aber dass wir fast eine halbe Stunde unterwegs waren wunderte mich doch etwas. Jeder Raum, den wir durchquerten war anders eingerichtet und wäre ich nicht so verdammt nervös gewesen, dann hätte ich mir wahrscheinlich mehr Zeit genommen die kunstvolle Inneneinrichtung zu bewundern, aber so hoffte ich nur, das wir möglichst bald am Ziel sein würden.

"Schließ deine Augen." Murrend tat ich was er von mir verlangte und fragte mich was diese Scharade sollte. Er griff nach meiner Hand und führte mich weiter. Allerdings war etwas seltsam. Ich hatte den Eindruck, dass sich unter meinen Füßen plötzlich Gras befinden würde und der Duft der Umgebung hatte etwas von einem Wald. Komisch wir befinden uns doch immer noch im Inneren eines Gebäudes, oder? Erst als hinter uns eine Tür ins Schloß fiel durfte ich meine Augen wieder öffnen. Der Anblick verschlug mir den Atem. Ich befand mich inmitten eines tropischen Paradieses. Es war unglaublich! Überall wuchsen üppige Pflanzen, die unter ihrer Blütenpracht fast zusammenzubrechen schienen. Wenn es in Assia überhaupt noch etwas Ähnliches gibt, dann nur die Regenwaldgebiete des Amazonas. Was mich noch mehr verblüffte war, das sich dieser gesamte Garten im Innern eines Gebäudes befand. Wäre es nicht so riesig gewesen hätte ich auf eine Art Wintergarten getippt, da sich über den gesamten Garten eine riesige Glaskuppel spannte, die das Licht der einzelnen Sonnenstrahlen bevor sie den Boden erreichten brach wie ein Prisma. Dadurch entstanden Unmengen kleiner Regenbogen, die zusammen mit den Wasserfällen und Bachläufen eine völlig andere Welt entstehen ließen. Es war wunderschön.

"Wenn man dich so ansieht könnte man meinen du würdest vergessen wo du dich befindest." Nur mühsam gelang es mir mich von der Pflanzenpracht loszureißen. Rosiel hat gar nicht mal so Unrecht. Hätte er mich nicht daran erinnert, dass er immer noch da war hätte ich wohl komplett vergessen wo ich mich befand. Viel zu schnell nahm ich die Wände um mich herum wieder wahr. Der Garten hatte jetzt etwas von einem begrünten Käfig. Das tropische Paradies wirkte auf einmal künstlich und aufgesetzt. Nichts erinnerte mehr an den Charme den ich noch vor wenigen Minuten verspürt hatte. Fröstelnd schlang ich die Arme um meinen Körper. Egal wie prächtig und natürlich die Umgebung auch wirken mochte im Endeffekt täuschte sie nur über die Gitterstäbe hinweg, die sich in ihren Ecken befanden. Wenn man genau darüber nachdenkt kann man ganz Yetzirah so umschreiben. Ein goldener Käfig für einen Haufen Engel, die immer noch nicht gemerkt haben, dass man sie gefangenhält. Eine traurige Vorstellung.

"Mach dir nicht so viele Gedanken. Bald ist das alles vorbei." Rosiel zog mich liebevoll in seine Umarmung und ich versank darin obwohl ich genau wußte, dass ich sie eigentlich nicht verdient hatte.

"Weißt du denn voran ich gerade gedacht habe?" Er vergrub sein Gesicht in meinem Haar.

"Erst hast du nur diesen Garten gesehen und hast gestrahlt als wäre es das erste Mal, das dir in den Himmeln etwas schönes widerfährt. Dann verdunkelte sich dein Blick plötzlich. Du hast den Makel dieses Gartens bemerkt. Er kann sich nicht frei entfalten, weil er durch Wände eingezwängt wird. Man schnürt ihn in etwas ein, das seine Natürlichkeit unterdrückt. Er ist nicht frei." Ob er damit nun den Garten oder etwas ganz anderes meinte konnte ich nicht feststellen. Es war nur klar, das es ihm verdammt ernst war mit dem was er sagte. Deshalb wählte ich meine nächsten Worte sehr sorgfältig.

"Ja, genau das. Er ist gefangen und wird niemals frei sein." Genau wie ich. Seufzend lehnte ich mich enger an ihn genoß die Wärme seines Körpers an meinem Rücken. Langsam löste er sich von mir und öffnete seine Arme.

"Gerade deshalb solltest du vorsichtiger sein." Bevor ich ihm antworten konnte öffnete er seine rechte Hand aus der ein goldener Blitz hervorschoß. Vollkommen verblüfft starrte ich das zierliche Kreuz an, das am Ende einer dünnen Goldkette baumelte.

"Was ist das?" Er lachte leicht. Anscheinend gefiel es ihm mich überrascht zu haben.

"Ein Geschenk, damit ich dir nicht immer nach laufen muß um sicher zu gehen, dass du nichts anstellst." Ich protestierte bei dieser Unterstellung, aber er tat es mit einer Handbewegung ab. Er erklärte mir, das es sich bei dem Kreuz bei Weitem nicht um den von mir befürchteten Peilsender handelte sondern vielmehr um einen kleinen Schutzzauber der dafür sorgen würde das derjenige, der mich angriff eine klitzekleine Überraschung erlebte. Was genau verriet er mir natürlich nicht. (Welch Überraschung!) Dafür hängte er mir das Kreuz allerdings mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck um den Hals. Vorsichtig nahm ich es in die Hand. Es war eine wahre Meisterarbeit. Ein schlichtes Goldkreuz, dessen Enden so abgeflacht worden waren das sie die Form von einzelnen Kleeblättern hätten. In der Mitte befand sich ein zweites Kreuz bei dem die Enden spitz waren, dass von einem doppelt gedrehten Weißgoldfaden festgehalten wurde. Dort wo sich der Faden kreuzte befand sich eine kleine goldene Perle, die dem Ganzen noch einmal zusätzlichen Halt verlieh. Es war wunderschön.

"Danke." Mehr brachte ich beim besten Willen nicht heraus. Es war mir schleierhaft warum Rosiel mir ein solch kostbares Geschenk machte statt sich mit mir zu streiten. Dass es wertvoll ist merkt man nicht nur alleine an dem verwendeten Material auch die darin eingewobenen magischen Formeln sind deutlich zu spüren. Es muß ziemlich lange gedauert haben bis dieses kleine Meisterwerk vollendet worden war. Bei genauerem Hinsehen kann man auf der Oberfläche sogar die einzelnen Spuren der magischen Worte finden. Nein, halt. Das sind keine Schriftzeichen, das sind winzige Bruchstellen. Fast so, als hätte man es aus tausenden von Einzelteilen zusammengesetzt. Fragend sah ich Rosiel an, der meine unausgesprochene Frage beantwortete.

"Weißt du es wäre viel zu anstrengend gewesen so etwas vollkommen alleine herzustellen. Es war viel praktischer einfach die Bruchstücke deines Kreuzes zu nehmen und sie dann um das eine oder andere zu verstärken." Ich schnappte empört nach Luft und wurde völlig überrumpelt als er mich mit sich zu Boden zog.

"Bevor du mir jetzt wieder vorwirfst ich hätte kein Recht dazu denk lieber darüber nach wie dringend zu diesen Schutz brauchst." Beleidigt drehte ich mich zur Seite und ignorierte ihn. Na ja, wenigstens soweit das möglich ist wenn sich jemand plötzlich seines Kuschelbedürfnisses bewußt wird. Seufzend gab ich mich schließlich geschlagen und gönnte ihm einen kleinen Kuß. Das Problem war nur, das es nicht dabei blieb. Keuchend schaffte ich es mich für knapp zwei Sekunden von ihm zu lösen.

"Du bist ganz schön gierig." Er grinste mich an.

"Eher unersättlich." Damit rollte er sich über mich und trat den Beweis dafür an. Wenn wir so weitermachen werden wir nicht mehr viel Zeit für anderes haben. Nicht, das mich das stört, aber manch anderem wird das sicherlich irgendwann auffallen.

Erst am späten Abend verließen wir grinsend und lachend den Garten. Was wahrscheinlich an dem kleinen Bericht von mir lag was Sevothtartes Gesichtsausdruck anging als Raphael ihm das Ergebnis seiner Untersuchung mitteilte. Noch besser wurde es nur als ich Rosiel diesen plötzlichen Alarm erklärte. Allerdings überraschte es mich etwas dass er davon bereits wußte. Anscheinend behält er Catan und mich doch wesentlich besser im Auge als uns überhaupt bewußt ist. Ob einen das nun beruhigt oder nicht ist fraglich, aber es ist auf jeden Fall beeindruckend. Und er hatte noch eine kleine Überraschung für mich auf Lager. Irgendwie hatte er es geschafft hinter meinem Rücken dafür zu sorgen, dass mein komplettes Schlafzimmer verlegt wurde und zwar genau zwischen seins und Catans. Meine Begeisterung darüber hielt sich erstmal in Grenzen.

Gut, er meinte es wäre sicherer, wenn er mich jetzt laufend im Auge behalten könnte (nicht, das er damit noch etwas ganz anderes bezweckt) aber der Gedanke, das Catan uns eventuell hören könnte verursacht mir doch reiflich Unbehagen. Mein Gesichtsausdruck sprach wohl mal wieder Bände und ich konnte mich in den nächsten Minuten mit einem Rosiel auseinandersetzen der sich vor lauter Lachen gar nicht mehr einkriegte. Als es mir endgültig zu bunt wurde schmiß ich ihm ein Kissen an den Kopf (ein Gespräch war ja unmöglich) woraufhin eine mittlere Kissenschlacht ausbrach bei der komischerweise auch die Oberteile unserer Uniformen dran glauben mußten.

"Dachte ich mir doch, dass ihr das gefällt." Ich erstarrte mitten in der Bewegung während ich mir gleichzeitig nichts sehnlicher wünschte als ein Loch in das ich mich verkriechen konnte.

"Und erzählt mir bloß nicht, dass es nicht so ist wie es aussieht." Rosiel bekam einen weiteren Lachanfall und ich konnte mich nicht daran erinnern jemals in meinem Leben derart verlegen worden zu sein. Am Liebsten hätte ich mich auf der Stelle in Luft aufgelöst. Das Catan uns sozusagen inflagranti erwischte (viel mißzuverstehen gibt es da nicht mehr) ließ mich alle Ausreden vergessen, die ich normalerweise für derartige Situationen parat hatte.

"Wie auch immer meinen Segen habt ihr. Aber seit bitte nicht ganz so laut. Morgen wird es verdammt anstrengend und ich habe eigentlich vor diese Nacht noch ein paar Stunden zu schlafen. " Er zwinkerte mir kurz zu und verschwand durch eine Tür an der linken Wand. Inzwischen war mir dermaßen warm, dass ich mir sicher sein konnte, dass mein Kopf bereits große Ähnlichkeit mit einer überreifen Tomate aufwies. Rosiel hingegen lachte sich immer noch schlapp und dachte gar nicht daran auf seinen Sohn Rücksicht zu nehmen. Da nutzten mir all meine Proteste herzlich wenig und ich hatte so meine berechtigten Zweifel das Catan in dieser Nacht überhaupt noch ein Auge zu bekam. Es sei denn sein Zimmer wäre komplett schallisoliert.

Als ich morgens aufwachte lag ich allein in einem riesigen Bett, aber der Abdruck von Rosiels Körper in den Laken war immer noch warm. Was hieß, das er noch nicht lange weg war. Genüßlich streckte ich mich in den weichen Laken aus und genoß den letzten Rest seiner Wärme. Um ehrlich zu sein ist es das erste Mal seit Jahren, das ich wirklich wieder glücklich bin. Obwohl ich Rosiel soviel ich nur konnte von mir verheimliche stört ihn das nicht. Er liebt mich so ich bin und hinter meine Geheimnisse wird er (wie er sich ausdrückt) eines Tages schon noch kommen. Auch ich ging ganz in diesem Gefühl, das uns verband auf und fragte mich nicht mehr ob das was ich tat auch wirklich klug war. Immerhin habe ich nach wie vor fest vor zu verhindern das Rosiel Setsuna tötet und so ganz nebenbei will ich auch noch die Welt retten. Nicht, das Rosiel nicht zumindest die Hälfte davon ahnt, dafür kennt er mich inzwischen wirklich viel zu gut, aber er macht sich nichts daraus. Für uns beide ist klar, das wir unseren jeweiligen Weg eisern verfolgen werden und dabei werden unsere Gefühle füreinander über kurz oder lang nur noch zweitrangig sein. Irgendwann werden sich unsere Wege trennen und es ist fraglich wie wir uns danach gegenüberstehen. Doch das waren Dinge über die wir beide im Moment nicht nachdenken wollten. Es würde passieren sicher. Aber Gedanken würden wir uns erst darüber machen wenn es soweit war. Vorher hatten wir fest vor uns unser momentanes Glück durch nichts und niemanden verderben zu lassen.

Rosiel hatte so ziemlich alle Register gezogen um Sevothtarte von mir fernzuhalten und dank Raphaels Hilfe war ihm das auch prima gelungen. Seltsamerweise hatte die Wache nämlich einen unerklärlichen Fall von Gedächtnisverlust erlitten und konnte sich somit an rein gar nichts mehr erinnern was passiert war nachdem Sevothtarte den Raum verlassen hatte. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt mich bei Raphael dafür zu bedanken aber nachdem Rosiel und Catan das Beide (wenn die zwei sich einmal einig sind kann das manchmal ganz schön abschreckend wirken) für keine sonderlich gute Idee hielten tat ich ihnen den Gefallen und ließ es erst mal bleiben.

Wovon sie mich allerdings nicht abhalten konnten war das Nachforschen über Sara und Setsunas Verbleib. Leider mußte ich damit verdammt vorsichtig sein damit sich niemand unerkannt in meine Daten einhacken konnte (immerhin wollte ich die Beiden nicht direkt ans Messer liefern) und ich kam dadurch nur halb so schnell voran. Auf Dauer ziemlich frustrierend. Irgendwann hatte ich mehr als genug von dem ergebnislosen Suchen. Seit zwei Stunden hatte der Rechner trotz aller Tricks und Kniffe nichts Brauchbares mehr ausgespuckt. Entnervt ließ ich einfach alles stehen und liegen und beschloß mit meiner Nachforschung auf einem ganz anderen Level fortzufahren. Immerhin gibt es in der Eden-Bibliothek nicht umsonst zahlreiche Aufzeichnungen über die einzelnen Schleichwege innerhalb der Himmel. Vorausgesetzt natürlich man kann den Code lesen in dem sie abgefaßt worden sind. Meine Kenntnisse sind vielleicht nicht mehr ganz frisch, aber ich bin mir sicher, dass es für mein Vorhaben mit Sicherheit reichen wird. Wenn ich dann von dem Punkt ausgeht an dem man Sara oder Setsuna zum letzten Mal gesehen hatte müßte es eigentlich ein Leichtes sein herauszufinden wo sich ihre Wege letztendlich kreuzen werden. Es gibt bei dieser Sache nur ein einziges Problem: Rosiel!

Kaum hatte sich das Tor zur Bibliothek geöffnet hätte ich am Liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht. Im Inneren wuselten gut zwanzig Engel wild durcheinander. Erst auf den zweiten Blick fiel auf, dass sie eifrig damit beschäftigt waren den Räumen ihre einstige Pracht zurück zu geben. Fassungslos starrte ich das Chaos vor mir an und war noch nicht einmal überrascht als ein breit grinsender Rosiel auf mich zukam, der etwas von wegen Überraschung von sich gab. Ich hätte schreien können. Es reicht ja noch nicht, dass er meinen kleinen Unterschlupf gefunden hat. Nein, jetzt muß er ihn auch noch anderen Engeln zugänglich machen!

Irgendwie schaffte ich es mich zu einem Lächeln zu zwingen. Was er mir danach erzählte ging allerdings unter in den Geräuschen von knirschenden Regalen, die über den Boden geschoben wurden und dem schmatzenden Geräusch von Beton wenn sich einzelne Marmorstücke einem Ganzen zusammengefügten. Es tat mir fast schmerzhaft weh zu sehen, wie diese Engel sich einer Aufgabe widmeten, die eigentlich meine war. Ich bin mir sicher, dass nicht ein Einziger von ihnen weiß welche Bedeutung dieser Ort einst gehabt hat.

Rosiel führte mich durch die einzelnen Räume und mit jedem Mal erschrak ich mehr. Es fehlte nicht mehr viel und die Bibliothek würde wieder so aussehen wie ich sie einst gekannt hatte. Als wir vor einem bereits komplett restaurierten Wandbild standen konnte ich Rosiel nicht länger böse sein. Mag sein, das es mir nicht paßt das er Engel hierher bringt, aber diesen Ort wieder in seiner einstigen Pracht zu sehen wärmte mich mehr als es eine Umarmung je gekonnt hätte. Es ist als würde ein Teil von mir endlich wieder nach Hause zurückkehren. Ich blieb bis zum späten Abend in der Bibliothek und half wo ich nur eben konnte mit. Auch wenn Rosiel es als Schwachsinn abtat, da er die Meinung vertrat, das seine Männer sehr wohl in der Lage waren ihre Arbeit allein zu verrichten. Nur als ich ihn anstrahlte und lächelnd um die Erlaubnis bat bleiben zu dürfen gab er schließlich nach. Wenn man genau hinsah konnte man sehen, das er dabei sogar leicht rot geworden ist. Anscheinend hat er nicht damit gerechnet mir mit so etwas simplen eine solche riesen Freude zu machen. Und dass ich mich freute konnte jeder sehen.

Erst waren die Männer überrascht, das ihnen überhaupt jemand helfen wollte noch dazu freiwillig und dann ausgerechnet eine Frau doch nachdem sie merkten, das ich es damit ernst meinte und ihnen innerhalb weniger Minuten den Ursprungszustand dieses oder jenen Stückes erklären oder aufzeichnen konnte nahmen sie dankbar an. Rosiel ließ uns kopfschüttelnd allein und nachdem auch der letzte seiner Männer die Bibliothek verlassen hatte saß ich vollkommen staub- und erdverkrustet auf einer der Fensterbänke und genoß den Anblick, der sich mir bot.

Bis auf das Wasser in den Brunnen und die noch fehlenden Pflanzen hatte die Bibliothek endlich zu ihrem alten Selbst zurück gefunden. Morgen früh würden sie die Brunnen mit Wasser füllen. Dann würde fast kein Unterschied mehr zu damals vorhanden sein, außer das sich in den unzähligen Kübeln erst noch Pflanzen entwickeln mußten. Noch sind sie lediglich voller brauner Erde aus der sich erst nach und nach eine gewisse Pflanzenpracht entwickeln wird. Es sei denn...

Ich konnte nicht verhindern, dass plötzlich ein Lächeln um meine Mundwinkel huschte. Es wäre so einfach und niemand würde Fragen stellen...

Das Wunder wäre einfach über Nacht geschehen...

Warum nicht? Vorsichtig gab ich einen kleinen Teil meiner Kräfte frei. Es dauerte keinen fünf Minuten bis sich die komplette Bibliothek in eine grüne Oase verwandelt hatte. Zufrieden sah ich mir mein Werk an und konnte nicht verhindern, das meinen Augen immer wieder nach einem bestimmten Ort Ausschau hielten. Ich fand ihn in einem der angrenzenden Räume. Der Anblick der völlig von Pflanzen Zugewucherten Fensternische löste eine ganze Welle von Gefühlen in mir aus. Behutsam bog ich die dünnen Zweige etwas zur Seite und ließ mich auf die Fensterbank sinken. Von außen war ich nun fast nicht mehr zu entdecken und die Fensterläden sind nach wie vor geschlossen. Wäre ich mir nicht sicher gewesen, das dieser Ort bis vor kurzem noch völlig zerstört gewesen war, hätte ich fast an einen Traum glauben können. Einen Traum, aus dem ich eben erst erwacht war und im nächsten Moment würde Remiriel sich meinem Versteck nähern, nur um mich erneut zu ärgern. Doch leider weiß ich nur zu gut, dass all dies niemals wieder passieren wird. Seit jenen Tagen ist viel zu viel Zeit verstrichen und die Ereignisse hatten unser damaliges Glück gnadenlos zerstört. Er wird nie wieder zu mir zurückkehren.

Der Schmerz war nach wie vor da, aber wie er mir versichert hatte war er längst nicht mehr so stechend wie einst. Meine Gefühle für Rosiel hatten die Überhand gewonnen und ich fragte mich nach wie vor ob das was ich für diesen Engel empfand richtig war oder nicht. Manchmal habe ich fast den Eindruck mich nur auf ihn eingelassen zu haben um nicht länger diesen Schmerz ertragen zu müssen. Aber eigentlich ist das Quatsch. Rosiel hatte sich schon lange bevor ich mich wieder erinnerte in mein Herz geschlichen. Ich habe es nur nie bemerkt.

*Stimmt. Da warst du ziemlich blind.* Grinsend lehnte ich mich gegen die raue Wand hinter mir.

"Anael, warum mischst du dich eigentlich immer nur dann ein, wenn ich bereits selber zu einer Erkenntnis gelangt bin?" Statt einer Antwort spürte ich wie sich ein kleiner Teil von mir löste bis schließlich ihre Astralgestalt vor mir stand. Etwas, was sie schon sehr lange nicht mehr getan hatte. Um genau zu sein nicht mehr seitdem sie in der Hölle von Astaroth angegriffen worden war. Zu unser beider Glück ahnt kein einziger Engel etwas von ihrer Anwesenheit.

*Ganz einfach, weil du gemeint hast, das mich deine Privatsachen nichts angehen.* Ich verwünschte den Tag an dem ich ihr das gesagt hatte und sie antwortete mir mit einem warmen Lächeln.

*Aber manchmal übertreibst du es wirklich.* Ihr Blick lag kritisch auf den unzähligen Grünpflanzen.

*Das wird sich bestimmt nicht so einfach erklären lassen.* Ich zuckte kurz mit den Schultern. Es ist mir eigentlich ziemlich egal wie dass irgendwer irgendjemanden erklärt. Momentan fühlte ich mich zum ersten Mal seit langem in den Himmeln so richtig wohl und ich habe nicht vor dieses Gefühl so schnell wieder gegen irgendetwas anderes einzutauschen. Anael ließ sich von einem offensichtlichen Desinteresse in keiner Weise stören. Anscheinend hat sie sich bereits daran gewöhnt, dass ich manchmal etwas tue ohne lange über die möglichen Konsequenzen meines Handelns nachzudenken. Vollkommen fasziniert schritt sie die kleine Regalreihe entlang, die quasi die linke Wand der Nische repräsentierte. Die Bücher, die dort standen hatte ich selbst dort hingestellt. Es waren ausschließlich Werke, die ich während meiner Zeit in den Himmeln gelesen hatte. Sicher, stellenweise nicht gerade die ideale Literatur für einen Engel in Ausbildung, aber wann hat mich so etwas je gestört?

Da Anaels Finger wiederholt durch die Buchrücken hindurch glitten stand ich schließlich seufzend auf und zog wahllos eines der Bücher aus dem Regal. Sie sah mich dankbar an, während ich das in dunkles Leder eingebundene Buch vorsichtig auf dem kleinen Tisch aufschlug. Licht zum Lesen brauchte ich nicht, da ihre Astralgestalt mehr als genug davon absonderte. Interessierte lugte sie an meiner Seite vorbei und war schon bald vollkommen vertieft. Bei mir hingegen löste der Inhalt ganz unterschiedliche Gefühle aus. Allen voran die Erinnerung an einen alten Freund, der mir unwissentlich meine Ausbildungszeit mehr als nur in einer Hinsicht erleichtert hatte.

Ezechiels Berichte über seine Erfahrungen und Erlebnisse in Assia hatten mein Heimweh immer wieder mindern können und mir sogar hier und da ein Lächeln entlockt. Ich hatte alles gelesen was ich von ihm nur in die Finger bekommen konnte. Selbst vollkommen nüchterne Texte über landwirtschaftliche Tierzucht hatten mich nicht davon abhalten können. Dabei war es alles andere als einfach an diese Werke zu kommen. Ich hatte ein halbes Dutzend Genehmigungen gebraucht bis ich überhaupt einmal an das allererste seiner Bücher in Händen halten durfte. Das hat mich mehr Kniefälle und Überstunden als irgendetwas anderes gekostet, aber das war es wert gewesen. Später habe ich dann einfach die entsprechenden Unterschriften gefälscht, da sich die andere Methode einfach als zu aufwendig und nervig entpuppt hatte. Als ich das Buch zurückstellen wollte fiel ein dünnes Blatt Papier zu Boden. Neugierig wie Anael war ließ sie es vor sich in Augenhöhe Hochschweben und sah mich fragend an. Da ich immer noch nicht wußte um was es sich eigentlich handelte schnippte sie es schließlich in meine Richtung.

Es war ein altes Foto, das unsere Abschlußkasse zeigte wie sie eine Auszeichnung entgegennahm. Die fröhlichen Gesichter und die ausgelassene Stimmung zeigten deutlich, dass keiner von uns jemals daran gedacht hatte wie schnell sich das alles verändern könnte. Als mein Blick sich länger als nötig auf das Abbild Remiriels konzentrierte schob ich das Foto ärgerlich zurück zwischen die Seiten des Buches. Ich muß endlich aufhören dauernd wenn es um meinen Vergangenheit ging direkt an ihn zu denken. Er ist tot. Daran wird sich nichts ändern und so sehr ich es mir manchmal auch wünsche, er wird niemals zu mir zurückkehren. Ebenso wie meine Familie. Es wäre besser nicht mehr so häufig an diese Tatsache zu denken.

*Ich hätte es dir nicht zeigen sollen.* Ich schüttelte den Kopf.

"Ist schon gut. Es überrascht mich nur manchmal etwas, wenn ich plötzlich an ihn erinnert werde. Das ist alles." Sie gab sich damit nicht sonderlich zufrieden, aber es war besser als nichts wie sie anmerkte. Nach ihrer Meinung verhielt ich mich ab und zu wie ein richtiger Einsiedlerkrebs, der mit seinen Scheren alles und jeden aus seinem Leben aussperrte. Ich antwortete nicht.

*Warum läßt du dir eigentlich so viel von Sevothtarte gefallen?* Ah, eleganter Themenwechsel.

*So weit ich das mitbekommen habe könntest du ihn wenn du es drauf anlegst ohne Probleme fertigmachen.* Ich seufzte leicht und versuchte mich vor einer Antwort zu drücken. Leider ohne Erfolg. Sie blieb in diesem Punkt hartnäckig. Zugegeben, sie hat durchaus recht mit dem was sie sagt. Wenn ich es darauf anlege, dann wäre nicht ein einziger Engel, egal wie mächtig er auch sein mag in der Lage mich aufzuhalten. Das Problem ist nur, das ich damit eine Seite in mir erwecken würde vor der ich ehrlich gesagt eine Heidenangst habe. Bisher habe ich nur ein einziges Mal das volle Potenzial meiner Kräfte ausgeschöpft und zwar an dem Tag als meine Familie starb. Es war vielleicht nicht mit Absicht geschehen, aber ich hatte die Kontrolle verloren und wesentlich mehr Schaden angerichtet als ich eigentlich wollte. Ohne zu zögern hatte ich sowohl meine Feinde als auch meine Freunde gnadenlos niedergemacht. Es war wie ein Rausch gewesen und ich habe Angst mich noch einmal darin zu verlieren. Mein Schwert tut sein übriges dazu. Wird mein Geist seinen Widerstand gegen seinen Blutdurst aufgeben, dann wird mich nichts mehr aufhalten können. Aber ich hatte mir geschworen, daß dies nie wieder passieren würde. Nie wieder werde ich zulassen, dass diese Bestie, die in meinem Inneren schlummerte zu neuem Leben erweckt wurde. Es hat mich bereits einmal fast alles gekostet was in meinem Leben von Bedeutung gewesen ist und ich habe nicht vor diesen Fehler zu wiederholen. Selbst wenn das heißt vor Sevothtarte nicht bestehen zu können.

Vor allem jetzt nicht, wo die Hunter beinahe komplett vernichtet worden sind und die jahrhundertelange Verfolgung endlich ein Ende hat. Eigentlich gibt es nur noch eines zu tun, Adam Kadam befreien und damit Assia zu retten. Nur leider ist das nicht halb so einfach wie ich mir das vorgestellt habe. Eigentlich hätte ich das alles auch schon längst erledigt haben können. Das Problem ist nur, das laufend irgendetwas dazwischen kommt. Wenn ich nur daran denke, dass Sara und Setsuna vollkommen ungeschützt in den Himmeln herum rennen dreht sich mir fast der Magen um. Am Besten denke ich gar nicht erst daran was ihnen passieren kann, wenn Sevothtarte oder Rosiel sie erwischen. Wobei wir wieder beim eigentlichen Problem wären, Rosiel. Ihn zu verlassen ist etwas über das ich bisher nicht sonderlich viel nachgedacht habe, aber es wird wesentlicher schwerer werden als erwartet. Ich empfinde inzwischen viel zu viel für ihn und wenn er zu meinem Feind werden würde, kann niemand sagen wie das ausgeht. Ich bin mir nicht mal sicher ob ich dieses Risiko überhaupt eingehen würde. Bisher habe ich eigentlich ziemlich erfolgreich dafür gesorgt, dass er von meinen Plänen nichts erfährt. Nur wird mir irgendwann keine andere Wahl mehr bleiben als mich zu entscheiden. Entweder die Welt retten oder an Rosiels Seite bleiben. Keine leichte Entscheidung.

*Argh! Könntest du bitte damit aufhören?! Von diesem ganzen hin und her bekomme ich Kopfschmerzen.* Das sagt die Richtige. Wenn mich nachts ein Teil ihrer Erinnerung überflutet ist es am nächsten Morgen gar nicht mehr so einfach zu unterscheiden welcher Teil davon zu mir gehört und welcher zu ihr. Je länger ihre Seele mit meiner verbunden war, desto enger schmolzen wir zusammen. Ich habe keine Ahnung wie lange das noch gut geht.

*Mach dir darüber mal keine Gedanken. Ich bin dir dankbar, das du mich überhaupt mitgenommen hast.* Wahrscheinlich hat sie recht. Vielleicht mache ich mir umsonst Sorgen. Solange sich ihre Seele in meinem Inneren befindet kann ihr niemand etwas anhaben. Nur langsam beginnt sich mein schlechtes Gewissen ihr gegenüber zu regen. Ich habe sie aus dem Hades mit hierher genommen um ihr ein Wiedersehen mit ihrer großen Liebe Zaphikel zu ermöglichen, aber bisher hatte sie ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen. Vielleicht sollte ich das als allererstes machen, mein Versprechen ihr gegenüber einlösen...

Nachdenklich sah ich ihre Licht umflorte Gestalt an. Sie wirkt vollkommen zufrieden und ihre Anwesenheit beruhigt mich nach wie vor. Doch ist sie das? Ist sie wirklich zufrieden? Will sie nicht vielleicht viel lieber zu Zaphikel statt sich mit mir immer wieder in neue Schwierigkeiten zu begeben? Wie immer bekam sie meinen Gedankengang mit und versicherte mir mindestens zum dreihundertsten Mal, das es ihr nichts ausmachte. Immerhin hatte sie dank mir ihren Sohn getroffen und nur weil ich ein klein wenig länger als geplant brauche um mich mit Zaphikel zu treffen ist das noch lange kein Grund sich Sorgen zu machen. Vielleicht hat sie ja Recht, aber irgendwie habe ich ein komisches Gefühl bei der Sache. Fast so als hätte ich irgendetwas Wichtiges übersehen...

*Weißt du eigentlich wie ich Zaphikel kennengelernt habe?* Müde sah ich sie an.

*Er hat mir einen blutüberströmten Kinderkörper auf meinen Schreibtisch gelegt und fragte mich ob ich die Organe zu Transplantationszwecken nun wollte oder nicht. Danach hat er versucht mich zu küssen.* Ich gab mich geschlagen. Sie versucht wirklich ihr möglichstes um mich von meinen Grübeleien abzulenken und um ehrlich zu sein sie hatte damit auch ziemlich gute Erfolgschancen. Immerhin bin ich nun neugierig und war gar nicht mal so abgeneigt mir ihre Geschichte anzuhören.

Nach dieser ersten Begegnung hatte es Zaphikel sich zum Ziel gesetzt sie für sich zu gewinnen und dafür war ihm so ziemlich jedes Mittel recht. Wie immer hatte ich spätestens bei dem Zeitpunkt an dem sie mir erklärte, das Zaphikel voller Begeisterung Jagd auf I-Children oder gefallene Engel machte, ziemlich starke Zweifel an dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichte. Das Problem ist nur, das ich Dank dem kleinen Faden, der Anael und mich verbindet sehr wohl weiß, das sie nicht lügt. Trotzdem kann ich mir Zaphikel nach wie vor nicht als blutrünstigen und grausamen Engel vorstellen.

Anael hatte versucht ihn davon abzuhalten, aber er verfolgte seine Arbeit selbst dann noch als sie schon längst ein Paar waren. Sie hatte sich irgendwann in ihn verliebt (da sag noch mal einer Hartnäckigkeit würde sich nicht auszahlen) und konnte es nicht mehr mit ansehen, das er auch weiterhin ihre eigenen Leute umbrachte. Noch schlimmer wurde es für sie, als sie merkte, dass sie mit ihrer Arbeit etwas Schreckliches geschaffen hatte. Doch das war erst nachdem ihre beste Freundin Layla spurlos verschwand. Sie hatte lange nach ihr gesucht, doch Layla war nirgends mehr zu finden gewesen. Anael machte sich daraufhin nur noch schwerere Vorwürfe. Sie meinte dass ihre Forschungen Teufelswerk seien und das Zaphikel von Anfang recht mit seinen Äußerungen zu ihrer Arbeit gehabt hätte. Doch es war bereits zu spät. Sie hatte etwas Furchtbares geschaffen und konnte es nun nicht mehr rückgängig machen. Aus diesem Grund versuchte mehr denn je Zaphikel von seiner Arbeit abzuhalten. Sie wollte nicht, dass noch mehr Blut an seinen Händen klebte. Und immer wieder fragte sie sich, was sie denn noch tun müßte damit er endlich verstand. Denn selbst wenn er seine Augen öffnete schien doch kein Fünkchen Wahrheit in ihnen wieder.

Erstaunlich, das sie sich trotzdem in ihn verliebt hatte. Anael machte auf mich einen viel zu sanftmütigen Eindruck als das sich mit jemanden einlassen könnte, der fast das genaue Gegenteil ihres Selbst darstellt. Als ich sie darauf ansprach lachte sie mich aus. Immerhin war ich selber jawohl der beste Beweis, dass so etwas funktioniert. Ich brummelte etwas in meinen nicht vorhandenen Bart und sie amüsierte köstlich darüber. War es ihr doch wieder einmal gelungen gekonnt das Thema Rosiel anzuschneiden und mich damit mehr oder weniger in Verlegenheit zu bringen.

Nachdem sie sich fünf Minuten auf meine Kosten amüsiert hatte fuhr sie mit ihrer Geschichte fort. Kurz nach dem Layla verschwunden war hatte sie erneut Streit mit Zaphikel sie bat ihn endlich die Jagd aufzugeben, da er nun zum großen Thron ernannt worden war müßte er das schließlich nicht mehr tun. Zaphikel hingegen sah das etwas anders. Immerhin machte ihm diese Arbeit Spaß also warum sollte er damit aufhören? Was Sünde ist und was Tugend... das hat allein Gott zu entscheiden, das waren seine Worte.

Ich verbiß mir mühselig das Lachen. Gott hatte sich schon seit einer halben Ewigkeit in rein gar nichts mehr eingemischt. Schon zu meiner Ausbildungszeit ist fraglich gewesen ob er überhaupt noch existiert. Das Lachen verging mir allerdings recht schnell als sie mir erzählte was danach passierte.

Einige ganz in weiß gekleidete Engel tauchten völlig ohne Vorwarnung in ihrem Büro auf und nahmen sie ohne auch nur Wort der Begründung zu nennen gefangen. Man brachte sie in einen abgedunkelten Raum und das letzte, was sie bewußt wahrgenommen hatte war eine weiße Gesichtsmaske und ein stechender Schmerz in ihrem Nacken, danach hatte sie das Bewußtsein verloren. Als sie wieder zu sich kam hatte man sie gefesselt und eine Pistole klebte in ihren Händen. Der Raum in dem sie sich befand war voller Leichen und in einer Ecke stand gefesselt ein Engel, der krampfhaft einen Kasten festhielt.

Ihr Körper war vollkommen gelähmt und als sie versuchte um Hilfe zu rufen drang nicht ein Laut aus ihrer Kehle. Man hatte ihr weder gesagt was sie getan hatte, noch weshalb man sie in diesen Raum sperrte. Doch noch ehe die Panik wirklich von ihr Besitz ergreifen konnte stürmte eine der Throne in den Raum. Sie versuchte ihm mitzuteilen, dass es sich um eine Falle handelte, doch wie schon zuvor versagte ihre Stimme. Sie konnte ihn nicht mehr warnen und er, der dachte er wird von ihr bedroht streckte sie mit einem einzigen Schlag nieder. Noch während sie fiel begriff sie, warum er sie nicht erkannt hatte. Eine Perücke mit kurzen, roten Haaren fiel schräg vor ihren Augen zu Boden. Man hatte sie für seine Augen unkenntlich gemacht und so konnten sie sich gleich zwei Probleme auf einmal vom Hals schaffen. Einmal einen Thron, der irgendwann vielleicht einmal zu einem Problem werden könnte und zweitens einen schwangeren Engel, der einmal zu oft versucht hatte seine Arbeit zu vernichten. Denn was keiner außer Anael und Zaphikel wußten, war das sie zu diesem Zeitpunkt bereits sein Kind unter ihrem Herzen trug.

An alles was danach geschehen war konnte sie sich nur noch schemenhaft erinnern. Das heißt bis zu dem Zeitpunkt wo sie mir begegnet war und endlich die Chance bekam Zaphikel von seiner Schuld zu befreien. Sie wußte dass er sich die Schuld an ihrem Tod gab, doch es war nicht seine Schuld gewesen. Jemand hatte die Beiden so manipuliert, dass es gar nicht anders hätte kommen können und obwohl sie es nicht aussprach kannte ich bereits den Verantwortlichen, Sevothtarte.

*Na, na mach dir mal keinen Kopf darüber. Irgendwann bekommt er schon noch seine gerechte Strafe.* Sie tut gerade so als wäre es eine Kleinigkeit ihren eigentlichen Mörder auch weiterhin unbehelligt zu sehen. Ich an ihrer Stelle hätte da schon die oder andere Idee wie ich mich rächen könnte.

*Rache ist aber keine Lösung. Was bringt es mir mich zu rächen? Ich kann ohnehin niemals mehr zurück kehren.* Die Bitterkeit in ihrer Stimme erstickte alle meine Erwiderungen. Stattdessen öffnete ich die Fensterläden hinter mir ein kleines Stück. Gerade weit genug um das Rauschen der Blätter zu vernehmen und dennoch unerkannt zu bleiben. Gemeinsam mit dem Flüstern des Windes drang noch etwas ganz anderes zu uns in die Bibliothek hinein. Erst war es kaum zu hören, doch von Minute zu Minute wurde es deutlicher. Es war die sanfte Melodie eines Engelschores, der sich erhoben hatte um die Glorie unseres Herrn zu besingen. Anael wirkte etwas überrascht als sie das ebenfalls erkannte und ließ sich neugierig neben mich sinken.

*Ich verstehe. Deshalb ist das einer deiner Lieblingsorte.* Statt zu antworten fiel ich langsam mit in den Chorus ein bis meine Stimme schließlich die Melodie übernahm. Es war wie damals. Wie oft hatten sich die einzelnen Chöre gefragt woher plötzlich diese fremde Stimme kam, die ihre wie selbstverständlich Führung übernahm und wie oft hatte ich lächelnd daneben gesessen und ihnen gesagt, das sie einen an der Waffel hatten, wenn sie sich jetzt schon irgendwelche Stimmen einbildeten? Einzig Remiriel und meine Mutter hatten gewußt wer dahinter steckte. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann hat Uriel zumindest etwas davon geahnt. Immerhin hatte er sich eines Tages auf ein Duell mit dieser Stimme eingelassen auch, wenn ich das erst viel später erfahren habe. Ich war eigentlich nur überrascht gewesen, das sich in dem Chor plötzlich eine Stimme befand, die meiner ebenbürtig war. Dieses Duell endete mit einem Unentschieden, da uns beiden ungefähr zum selben Zeitpunkt die Puste ausging. Danach war mir diese Stimme leider nie wieder begegnet, aber ich hatte sie niemals vergessen. Komisch ist nur, dass mir selbst als Uriel uns die großen Glorien beibrachte mir rein gar nichts aufgefallen ist.

*Shao, da kommt jemand!*

"Quatsch, wer sollte um diese Zeit denn bitte schön hier etwas wollen?" Das verdächtige Knirschen von Schuhsohlen auf dem Boden vor der Nische belehrte mich jedoch schnell eines besseren. Als sich dann auch noch die dünnen Zweige vor dem Eingang der Nische verdächtig weit zur Seite bogen war gar kein Zweifel mehr offen. Da war tatsächlich jemand. Binnen einer halben Sekunde war Anael wieder in meinem Inneren verschwunden und um mich herum wurde es augenblicklich um etliches dunkler.

"Wie wäre es mit mir?"

"Rosiel!?"

"Wer denn sonst? Übrigens machst du es einem wirklich nicht einfach dich zu finden." Prüfend sah er sich um. Zum Glück ist Anaels Präsenz inzwischen beinahe vollkommen verschwunden. Wenn er das mitkriegt können wir einpacken.

"Sag mal warst du etwa die ganze Zeit allein?"

"Was denn sonst? Oder siehst du hier noch irgendjemand anderen?"

"Komisch, ich war mir sicher, dass ich eine weitere Stimme gehört hatte." Oh man, was bin ich froh, das hier gerade keine Lampe brennt. Wenn er jetzt mitkriegt wie blaß ich gerade werde gibt er bestimmt keine Ruhe bis er den Grund dafür herausgefunden hat.

"Ach was du siehst Gespenster."

*Ich bin kein Gespenst!* Bitte Anael nicht jetzt!

*Stell dich bloß nicht so an. Er weiß doch nicht, das ich hier bin.* Ja, aber wenn du weiter so machst wird er es demnächst garantiert herausfinden.

*Oh, und meinst du dann müßte ich ihm erklären was ich mache während ihr allein im Schlafzimmer seit?* ANAEL!

"Gespenster? An so was glaubst du?" Inzwischen befand sich sein Gesicht genau vor meinem und da ich innerlich immer noch einen kleinen Zwist mit Anael ausfocht, der inzwischen schon nicht mehr ganz jugendfrei war konnte ich es auch nicht mehr großartig verhindern, das mir augenblicklich das Blut in die Wangen schoß.

"Quatsch, ich hab nur gesagt, das du dir was einbildest."

"Hmm... wenn das so ist." Oh shit! Bitte nicht!

"Du hast doch bestimmt nichts dagegen mich jetzt zu begleiten oder?" Während er mich das fragte setzte er ein derart hinterhältiges Lächeln auf das einem angst und bange werden konnte. Hatte er vielleicht doch etwas mitgekriegt?

*Mal keine Panik. Er ärgert dich nur und du fällst voll drauf rein.* Kann es sein, das dir diese Sache irgendwie Spaß macht?

*Nicht doch! Wie kommst du bloß auf diese Idee?* Ach, nur so ein Gedanke.

*Hey, du meintest doch ich könnte ruhig etwas aktiver sein.* Ja schon, aber das war nicht so gemeint.

*Meinst du? Übrigens wartet er immer noch auf eine Antwort. Du solltest dich wirklich nicht immer solange von mir ablenken lassen.* Mit einem leisen Kichern beendete sie unser Gespräch und ließ mich wortwörtlich im Regen stehen. Rosiel hatte inzwischen nämlich durchaus mitbekommen, das ich ein klein wenig geistesabwesend war und meinte unbedingt etwas dagegen tun zu müssen. Mit dem Ergebnis, das er mich nun durch sämtliche Flure Raquias bis hin zu Raphaels Domizil schleifte. Kaum dort angekommen hauchte er mir einen Kuß auf die Wange und ließ mich vor der noch verschlossenen Tür stehen. Was ist das bitte gewesen?! Rosiel auf Abwegen? Ich komme mir langsam aber sicher vor wie in einem schlechten Film.

"Ach du bist es. Komm ruhig rein." Seufzend trat ich durch die sich öffnende Tür und wurde überschwenglich von einer reiflich aufgekratzten, rothaarigen Dame begrüßt. Sie stellte sich als Raphael Assistentin Barbiel vor und zog mich ebenso bestimmt wie vorhin Rosiel hinter sich her. Ich hab zwar immer noch keine Ahnung was hier vor sich geht, aber langsam kommt mir die ganze Sache doch reiflich merkwürdig vor. Sie bugsierte mich in so eine Art Behandlungszimmer wo mich bereits Raphael erwartete. Er lehnte sich lässig in seinem Sessel zurück als wir eintraten und Barbiel nahm auf einem etwas kleineren Stuhl schräg neben ihm Platz.

"Bitte setz dich doch." Seine Hand bot mir einen kleinen gepolsterten Stuhl an, den ich Dank seiner Armlehnen erstmal ignorierte.

"Danke, ich stehe lieber." Sein Blick verdunkelte sich etwas bevor er Barbiel mit einem Lächeln, das jeder Zahnpastawerbung aller Ehre gemacht hätte darum bat für mich bitte doch einen anderen Stuhl besorgen. Sie verschwand mit exakt demselben Lächeln, aber erst nach dem sie Raphael daran erinnert hatte ja keine Doktorspielchen ohne ihre Erlaubnis anzufangen. Ich konnte mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Anscheinend kennt sie ihn ziemlich gut.

"Schön, jetzt da wir ungestört sind. Beantworte mir eine Frage." Na wenn es weiter nichts ist.

"Wie kommt es, das du nach all der Zeit immer noch lebst? An dem Tag an dem Remiriel dich zu mir gebracht hatte habe ich dir nicht mehr als zwei weitere Jahre geben."

Seine Stimme war schneidend wie Glas und sein Blick gab mir nicht den geringsten Raum für irgendwelche Ausflüchte.

"Deine Wunden hätten dich normalerweise töten müssen, doch wie durch ein mittleres Wunder hast du überlebt, auch wenn ich bis heute nicht weiß wie das möglich war." Seine Augen funkelten mich herausfordernd an.

"Und warum war Alexiel so sehr daran interessiert, das ich alle Unterlagen die dich betreffen vernichte? Was ist dein Geheimnis?" Houston wir haben ein Problem! Und zwar ein ganz gewaltiges!

"Rosiel ist auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, aber ich bezweifle, dass seine Nachforschungen ihn soweit zurückgeführt haben. Aber mich kannst du nicht täuschen. Du bist genau dieselbe Person wie damals und du bist weder Engel noch Mensch, also was bist du?" Momentan jemand dem gerade buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das ist er also, der Moment vor dem ich mich immer gefürchtet habe und wie erwartet trifft es mich in etwa so unerwartet wie ein Eisregen. Ich stand stocksteif vor Raphael und brachte nicht einen einzigen Ton raus. Alle Ausflüchte oder Versuche ihm zu erklären, dass er sich irrte waren an dieser Stelle vergebens. Sein Blick zeigt deutlich wie sicher er sich seiner Sache ist und je mehr ich versuchen würde mich dort herauszuwinden, desto mehr wird sich seine Vermutung bestätigen. Raphael ist kein Narr. Er wird sich von mir keinesfalls länger an der Nase herumführen lassen. Es gibt nur noch zwei Fragen, die in meinem Inneren immer und immer wieder auftauchten. Warum jetzt? Und weiß Rosiel davon?

Der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Trotzdem schluckte ich ihn herunter um Raphael wenigstens diese beiden Fragen stellen zu können. Er lächelte mich wissend an während mein Magen allmählich zu Eis gefror. Wenn er will hat er mich von jetzt an in der Hand, da ich bestimmt nicht bereit bin das Risiko einzugehen, das Sevothtarte von meiner wahren Herkunft erfährt.

"Keine Sorge. Ich werde dich nicht verraten. Mich interessiert lediglich warum du immer noch am Leben bist. Das ist schon fast so etwas wie ein medizinisches Wunder." Medizinisches Wunder? So ein Schwachsinn! Verächtlich blies ich etwas Luft zwischen meinen Zähnen hindurch. Raphael blieb jedoch nach wie vor völlig unbeeindruckt und taxierte mich aus seinem Sessel mit einem stahlharten Blick. Das Knistern der Gegensprechanlage rettete mich zum Glück doch noch vor einer Antwort. Es dauerte etwas bis man Barbiels Stimme durch das ganze Rauschen und Knistern verstehen konnte.

"Raphael-sama! Ihr müßt euch sofort zum Himmelskorridor begeben. Soeben wurde bekannt gegeben, dass der große Thron Zaphikel schwerverletzt dort hingebracht wurde." War ich bis vor kurzem noch völlig gelähmt gewesen, dann ist jetzt das genau Gegenteil der Fall. Die Worte Himmelskorridor, das Engelsgefängnis und Zaphikel schwer verletzt hatten ausgereicht um meinen Erstarrung zu lösen. Ich stürmte zur Tür noch ehe ich überhaupt registriert hatte, dass ich mich bewegte. Raphael war eine Millisekunde schneller und das reichte ihm um mir eine Spritze mit weißblauem Inhalt in den Arm zu jagen. Meine Muskeln gaben fast augenblicklich nach.

"Warum?" Er fing mich auf als nun auch noch das Stehvermögen meiner Beine nachließ.

"Das ist nichts für dich. Außerdem hat Rosiel befohlen, das du hierbleiben sollst." Rosiel kann mich mal kreuzweise! Aber das waren nur Gedanken. Ich hatte nicht mehr die Kraft es auszusprechen, da mich nach und nach eine sanfte Ohnmacht umfing. Ich bekam gerade noch mit wie Barbiel in den Raum stürmte und mich bedauernd ansah. Danach wurde alles dunkel um mich herum.

Als mein Bewußtsein langsam wiederkehrte hatte ich zwei ernstzunehmende Probleme. Erstens: ich habe mal wieder absolut keine Ahnung wo ich mich gerade befinde (die Umgebung sagt mir jedenfalls rein gar nichts) und zweitens: Anael. Seit die Nachricht was Zaphikels Verbleib und Zustand angeht vernommen hat ist sie vollkommen außer sich. Sie würde nichts lieber tun als sofort aufzubrechen und ihn zu befreien und selbstverständlich überträgt sich das Ganze automatisch auch direkt auf mich. Es kostete mich unheimlich viel Mühe sie in meinem Inneren zu halten, da sie nichts lieber tun würde als ohne Rücksicht auf Verluste los zu stürmen. Es gelang mir irgendwie sie soweit zu beruhigen, so dass ich mir zumindest sicher sein konnte, dass die nächsten Bewegungen allein auf meinem Willen beruhten.

"Oh! Du bist schon wach?! Erstaunlich! Normalerweise hält die Wirkung mindestens vierundzwanzig Stunden an."

 

 

03-10-23

Next: Part 25 – Two souls


 


Ja, ja eigentlich hatte ich versprochen dieses Kapitel Remiriel zu widmen, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Seit bitte nicht allzu böse auf mich, aber Remi war einfach noch nicht dran. Aber keine Sorge, das versprochene Kapitel kommt auf jeden Fall (hab's nicht vergessen, nur die Notizen verbusselt). Die Frage ist nur wann... ich sie wieder finde....

He, he und da ich dieses Mal so schnell war mache ich jetzt erstmal eine Woche Urlaub fern ab von allen Rechnern dieser Welt ^.^

 Außerdem muss >Fluch der Karibik< noch mal sein. (Das dritte Mal ^^) Der Film ist ja so genial!

 

 

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