Part 25

03-10-28

 

Love of an angel

         Part 25

 

 

Two souls

 

Das mich diese Aussage in keinster Weise beruhigte muß ich wohl nicht extra erwähnen, oder? Leider blieb Barbiel von meinem völlig begeisterten Gesichtsausdruck gänzlich unbeeindruckt. Anscheinend hat sie mit Raphael als Chef schon weitaus mehr mitgemacht, als nur miese Laune nach dem Aufwachen.

"Prima! Und wo ist der Kerl, dem ich das verdanke?" Mühsam richtete ich mich auf, nur um festzustellen das die Idee wohl doch nicht ganz so gut war wie ich angenommen hatte. Der Raum begann sich nämlich fast augenblicklich um mich herum zu drehen. Oh man, was immer Raphael mir auch für ein Zeug verpaßt hat die Wirkung hat etwas von einem Vorschlaghammer.

"Warte! Du mußt liegenbleiben!" Quatsch! Außerdem möchte ich endlich wissen, was Raphael mit dieser Aktion bezweckt hat. Gut, wahrscheinlich wollte er mich von einer riesen Dummheit abhalten, aber das alleine wird es ja wohl kaum gewesen sein. Also stand ich schwungvoll auf und wußte keine zwei Sekunden später warum Barbiel mich genau davor gewarnt hatte. Nicht ein einziger Muskel übte mehr die Funktion aus, die er eigentlich sollte.

"Langsam, langsam!" Zwei mir ziemlich gut bekannte Arme fingen mich auf als ich zu fallen begann.

"Warum kannst du eigentlich nicht wenigstens ein einziges Mal hören, wenn man es gut mit dir meint?" Gegenfrage: Warum überrascht mich deine Anwesenheit nicht, Rosiel-chan?

"Laß mich los!"

"Nein!" Da mein Körper nach wie vor nicht das tut, was ich von ihm will bleibt in dieser Situation eigentlich nur noch eins übrig. Mit all der Kraft, die ich in meinen schwächelnden Muskeln noch auftreiben konnte trat ich ihm auf den Fuß.

"Barbiel, bitte laß uns allein." Toll! Als hätte eine Mücke versucht durch seinen Stiefel zu stechen. Der Effekt ist jedenfalls gleich Null. Barbiel zog sich mit einem leicht zweifelnden Blick in meine Richtung zurück.

"Wie ihr befehlt Rosiel-sama." Und scheinbar nur für meine Ohren bestimmt, da man sie kaum verstand, Viel Glück. Danach fiel die Tür hinter ihr ins Schloß und ich war mal wieder mit Rosiel allein.

"Laß mich sofort los und sag mir wo Raphael ist!"

"Nein! Und hör endlich auf dich zu wehren! Der Himmelskorridor ist kein Ort für dich!" Ah, dort ist Raphael also! Außerdem was weiß Rosiel schon?! Er hat schließlich keine zweite Seele in seiner Brust, die ihn fast wahnsinnig macht, weil sie sich so sehr um Zaphikel sorgt. Es wurde immer schwerer Anael davon abzuhalten sich einfach Rosiel zu zeigen, damit er uns endlich gehen ließ.

"Verdammt! Laß mich los Rosiel-chan! Ich weiß was ich tue!"

"Das werde ich nicht! Hast du etwa schon vergessen, was damals passiert ist?" Sein Gesicht war so dicht vor meinem, das mich seine goldenen Augen vollkommen gefangen nahmen. In ihnen spiegelte sich ernsthafte Sorge wieder. Doch ich war nicht bereit auch nur einen Millimeter nachzugeben.

"Was geht dich meine Erinnerung an?! Kümmere dich gefälligst um deinen Kram!"

"Sie geht mich sehr wohl etwas an! Vor allem, wenn du wegen nichts und wieder nichts dein Leben wegwirfst!" Das ist ja wohl!

"Und glaub mir eins, ich werde das kein zweites Mal zulassen!" Ich hatte gerade Schwung geholt um ihm eine Ohrfeige zu verpassen, als mich dieser Satz wie ein Hammerschlag traf. Na ja, wahrscheinlich war es wohl doch eher Rosiels Faust in meiner Magengrube, die mich mitten in der Bewegung stoppen ließ. Keuchend sackte ich in seinen Armen zusammen und versuchte krampfhaft nicht schon wieder das Bewußtsein zu verlieren. Ohne ein weiteres Wort über die Sache zu verlieren hob er mich hoch, warf mich über seine Schulter und spazierte auf direktem Weg auf sein Domizil zu. Die Schaukelei bekam mir gar nicht gut. Laufend tanzten schwarze Punkte, die mal größer und mal kleiner wurden vor meinen Augen. Allein dieser Tatsache hatte er es zu verdanken, dass ich ihn nicht ununterbrochen beschimpfte. Um ehrlich zu sein fehlte mir momentan fast schon die Kraft zum Wachbleiben.

"So, -" Äußerst schwungvoll wurde ich auf einer Matratze abgesetzt.

"- hier bleibst du, bis du dich wieder beruhigt hast." Und wie um zu verdeutlichen, dass er es mehr als nur ernst damit meinte drehte er sich auf dem Absatz um und verriegelte die Tür mit einem lauten Knacken von außen. Das Geräusch des sich drehenden Schlüssels im Schloß brachte meine Lebensgeister zurück. Ich sprang auf und zerrte an der Klinke, die natürlich nicht nachgab. Das Mistding blieb fest verschlossen. Fluchend trat ich dagegen. Dieser gottverfluchte Engel! Was fällt ihm ein mich hier einzusperren?!

"Das hat keinen Zweck. Die Tür läßt sich nur mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis öffnen." Seine dumpfe Stimme veranlaßte mich zu einer ganzen Ansammlung von Flüchen, die ihn entweder kaum oder gar nicht beeindruckten. Jedenfalls reagierte er nicht und nach zehn Minuten sinnlosen Tobens war ich es leid ihn durch die Tür anzuschreien. Nachdem sich mein Puls langsam wieder beruhigte und mir Anael auch nicht mehr alle zwei Sekunden in den Ohren lag die Tür doch einfach in ihre Einzelteile zu zerlegen, konnte ich mir endlich den Raum in den mich Rosiel gesperrt hatte genauer ansehen. Die Inneneinrichtung beschränkte sich auf eine Matratze, ein paar Kissen, eine Decke und ein kleines aber feines Badezimmer, das in einer Nische am Rand untergebracht war. Ansonsten war den Raum leer.

Aber vielleicht gibt es ja noch eine andere Möglichkeit außer der Tür um hier raus zukommen. Durch die werde ich nämlich garantiert nicht raus kommen, da sie durch einen verdammt starken Bann gesichert ist, den selbst ich nicht so ohne weiteres brechen kann. Gut, es würde notfalls funktionieren, aber bis ich das Ding komplett lahmgelegt habe steht garantiert Rosiel auf der Matte um mich notfalls direkt wieder einzusammeln. Einen anderen Fluchtweg zu finden ist momentan die einzig brauchbare Lösung diesen Raum zu verlassen.

Leider wurde ich maßlos enttäuscht. Es gab zwar hier und da ein kleines Fenster, aber die waren gerade mal groß genug um eine Hand hindurch stecken zu können. Zu dem waren sie mit einer dicken Schicht durchsichtigem Kristall verschlossen. Die glatten Wände wurden dann auch noch von dem selbem Bann geschützt wie die Tür. Rosiel-chan hat sich sichtlich Mühe geben um mich hier festhalten zu können. Wenn mir nicht bald etwas einfällt, dann werde ich hier wohl oder übel versauern. So ganz nebenbei hatte ich nämlich festgestellt, dass die Wände jede magische Regung, die sich gegen sie richtete sofort auf den jeweiligen Nutzer zurückwarfen. Wenn ich es nicht besser wüßte, dann würde ich meinen, das Rosiel und Astaroth sich in dieser Hinsicht irgendwie abgesprochen haben. Ihre Art mich am Fortkommen zu hindern ähnelt sich jedenfalls verblüffend.

Reiflich lädiert, weil ich es hier und da doch nicht lassen konnte etwas auszuprobieren um eventuell doch noch einen Fluchtweg zu stoßen, ließ ich mich schließlich auf die Matratze fallen und wartete ab. Ewig wird Rosiel mich hier wohl kaum einsperren.

Nach zwei Tagen wußte ich es besser. Der Raum hatte sich nicht im Geringsten verändert und würde man mir nicht ab und zu etwas zu Essen bringen, dann hätte ich wahrscheinlich gar keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Meine Abneigung gegen Räume, die ich nicht verlassen konnte tat ihr übriges dazu. Komischerweise störte mich dieser Punkt bei Weitem nicht so stark wie ich vermutet hatte. Scheinbar hat der Zwangsaufenthalt bei Astaroth auch was Gutes gehabt. Meine Phobie gegen das Eingesperrtsein ist jedenfalls deutlich weniger geworden. Oder liegt das eventuell daran, dass ich nach wie vor sauer auf Rosiel bin? Meine Laune hatte deswegen inzwischen schon ihren absoluten Tiefpunkt erreicht und ich begann mich ernsthaft zu fragen wie lange Rosiel dieses Spielchen wohl noch spielen würde oder wollte. Immerhin steht jawohl fest, dass ich nicht nachgeben werde. Schon gar nicht wenn Anaels Sorge sich mit jeder Stunde die verstreicht immer mehr auf mich überträgt. Es macht mich fast wahnsinnig hier nur in der Gegend rumsitzen zu können anstatt etwas für Zaphikels Rettung zu tun. Und retten würden wir ihn müssen, da inzwischen feststeht, das Sevie ihm den Prozeß wegen Hochverrats machen würde. Die Chance, das Zaphikel ohne Hilfe aus dieser Sache lebend herauskommt ist gleich Null. Sevie würde so ziemlich alle Register ziehen um diesen ungeliebten Mitwisser loszuwerden.

In der vierten Nacht schreckte mich das Geräusch der sich langsam öffnenden Tür auf. Vorsichtshalber rollte ich mich ein Stückchen weiter zur Wand und stellte mich schlafend. Man weiß ja nie wer sich da in den Raum schleicht. Außerdem könnte das meine Chance sein endlich hier rauszukommen.

"Nee-chan?" Verblüfft versuchte ich die Umrisse der Person im Türrahmen genauer zu erkennen.

"Catan?" Augenblicklich drehte sich die Gestalt in meine Richtung und tastete sich durch den dunklen Raum, bis sie schließlich vor mir stand. Durch die Dunkelheit war fast nichts zu erkennen, aber der dunkle Schatten vor mir ist unverkennbar Catan, der irgendwie ziemlich besorgt wirkt. Er ließ sich neben mich auf die Matratze sinken.

"Nee-chan, was hast du nur getan?" Moment! Was heißt hier, was hast DU nur getan?! Soweit ich mich entsinne ist es Rosiel gewesen, der mich hier eingesperrt hat und nicht umgekehrt.

"Ich habe Rosiel noch nie so erlebt. Er ist vollkommen außer sich und wünscht dich fast alle fünf Minuten zum Teufel." Vollkommen perplex starrte ich ihn an. Rosiel ist außer sich?! Warum das denn? Ich wollte doch nichts weiter als zum Himmelskorridor aufzubrechen und davon konnte er (bis ich mich blöderweise verraten hatte) jawohl nicht das Geringste ahnen. Als ich versuchte Catan das zu erklären reagierte er leider nicht ganz so wie erhofft. Ich weiß zwar nicht, was Rosiel ihm erzählt hat, aber es muß sich angehört haben als stünde ich kurz davor Selbstmord zu begehen in dem ich mich Sevothtarte auslieferte. Es kostete mich fast eine halbe Stunde um ihn davon zu überzeugen, dass ich diesen Schwachsinn ganz bestimmt nicht vorhatte. (So gefährdet bin ich ja nun auch wieder nicht.) Das Problem war nur, das er es nach wie vor nicht für sonderlich klug hielt, wenn ich mich allein auf den Weg zum Himmelskorridor machte. Immerhin befindet sich dort das Hoheitsgebiet des hohen Konzils und Sevothtarte. Was da heißt, wenn ich nicht verdammt vorsichtig sein sollte und man mich (aus welchen Gründen auch immer) dort erwischt ich für immer spurlos in einer der Zellen verschwinden könnte ohne, das jemals irgend jemand etwas über meinen Verbleib erfuhr. Das Catan sich deshalb ernsthafte Sorgen um mich machte war nur allzu verständlich, doch wenn ich nicht ewig mit Anaels Seele im Klinsch liegen möchte muß ich gehen. Außerdem kann ich Zaphikel nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Immerhin hat er damals seinen Hals riskiert um mich vor Sevie zu retten. Ich schulde ihm noch was dafür.

"Catan bitte." Ich griff nach seinen Schultern und sah ihn eindringlich an.

"Hilf mir!"

"Aber-" Ich schüttelte den Kopf da nichts, was er mir sagen wollte etwas an meiner Entscheidung ändern würde. Er verstummte.

"Bitte versteh doch, wenn es nicht sein müßte, dann würde ich niemals dieses Risiko eingehen." Er sah mich nach wie vor zweifelnd an, aber längst nicht mehr so stark wie noch vor ein paar Minuten.

"Du kennst mich! Ich setze mein Leben nicht unnötig aufs Spiel, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muß gehen." Er stieß einen resignierten Seufzer aus.

"Ich wußte, du würdest das sagen. Aber warum? Was ist der Grund, dass du dich plötzlich in solche Gefahr begeben mußt?" Das klägliche Lächeln um seine Mundwinkel herum verriet, das er nicht wirklich mit einer Antwort rechnete. Mein Gewissen sah das allerdings etwas anders. Es meldete sich mit einer Intensität, dich nicht für möglich gehalten hätte. Aber ich kann es ihm nicht sagen. Wenigstens noch nicht.

"Vertrau mir einfach. Bitte! Ich muß es tun." Der Klumpen in meinem Magen wurde bei jedem einzelnen Wort größer und als ich seinen verzweifelten Gesichtsausdruck sah hatte ich das Gefühl einen Felsen verschluckt zu haben. Ich zwang ihn zu einer Wahl zwischen mir und Rosiel. Er konnte Rosiels Befehl befolgen und mich hier zurück lassen oder er erfüllte mir meine Bitte und half mir zu fliehen. Das Problem ist, egal wie er sich auch entscheidet, einen von uns beiden wird er damit verletzen. Es tat mir in der Seele weh zu sehen wie er mit sich rang.

Ein kleiner Stich in der Seite hätte mich vielleicht warnen sollen, aber ich war viel zu aufgewühlt, als das ich so etwas überhaupt noch großartige Beachtung schenkte. Deshalb überraschte mich das plötzliche Auftauchen von Anaels Astralgestalt wohl ebenso sehr wie Catan.

*Wenn du es wirklich wissen willst. Sie tut es meinetwegen.* Völlig geschockt sah Catan abwechselnd ihre von Licht umflorte Gestalt und mich an.

"Nee-chan, du trägst eine fremde Seele in dir?" Ich nickte stumm.

"Seit wann?" Anaels Hand legte sich beruhigend auf meine Schulter als wollte sie mir versichern, dass alles in Ordnung sei. Doch das war es bei Weitem nicht. Was Catans Reaktion als ich ihm sagte seit wann sich Anaels Seele in meinem Inneren befand nur zu deutlich bewies. Eigentlich hätte er davon auch niemals etwas erfahren sollen, aber jetzt ist es zu bereits zu spät. Und wie ich befürchtet hatte weiß er nur zu genau warum man keine fremde Seele in sich aufnehmen sollte.

Je länger die Verbindung besteht, desto größer wird das Risiko, das die zwei Seelen zu einer verschmelzen oder im Extremfall das die fremde Seele einfach ihren Wirtskörper übernimmt. Während Catans gesamten Vortrags sah Anael mich fragend an und um ehrlich zu sein hatte ich an den letzten Aspekt nicht einen einzigen Gedanken verschwendet. Anael ging es ähnlich. Wir hatten uns beide über die Konsequenzen unseres Handelns nicht allzu viele Gedanken gemacht. Catan sah uns kurz an und schüttelte dann den Kopf.

"Ich hätte es wissen müssen. Du machst dir nie sonderlich viel Gedanken um so etwas." Entschuldigend lächelte ich ihn an und war erleichtert, dass er anscheinend nicht mehr länger vorhatte mich aufzuhalten. Es bleibt nur ein Problem übrig. Wenn ich wirklich gehen wollte, dann müßte ich ihn wohl oder übel KO schlagen, da er entgegen sämtlicher Anweisungen von Rosiel hier war. Wenn ich es nicht tat, dann würde er eine Menge Ärger mit Rosiel-chan und diversen anderen Leuten bekommen. Im Prinzip keine große Sache. Nur widerstrebt es mir zu tiefst einen meiner besten Freunde einfach so KO zu schlagen. Vor allem wenn dieser Freund Catan heißt. Also ging eine ellenlange Diskussion los ob und wie ich ihn ausnocke. Das Ende vom Lied war, das er mich schließlich den Rücken zu wandte und ich ihm schweren Herzens meine Handkante in sein Genick sausen ließ. Er sackte augenblicklich in sich zusammen.

*Tut mir leid.* Ich winkte ab, als sich Anael für eine Tat entschuldigen wollte, die eigentlich ich zu verantworten hatte. Außerdem war ich viel zu sehr damit beschäftigt Catan auf die Matratze zu hieven, als das ich mich jetzt auch noch um so etwas kümmern konnte. Als er endlich auf der Matratze lag hatte sein Gesicht einen so friedlich Ausdruck angekommen, das es mich schon fast schmerzhaft an die unzähligen Male erinnerte wo ich ihn schlafend auf dem Sofa beobachtet hatte. Wir haben jahrelang zusammengelebt und diese Zeit mehr als andere genossen, aber das ist nun für immer vorbei. Seit dem er Rosiel befreit hat und Alexiels Wiedergeburt (ironischerweise ebenfalls einer meiner Freunde) erwacht ist hat sich alles verändert. Und es ist mehr als nur unwahrscheinlich, dass wir jemals wieder in dieses Leben zurückkehren werden. Tief in meinem Inneren wußte ich, dass wenn ich jetzt ging es eventuell ein Abschied für immer sein könnte. Denn sollte ich den Himmelskorridor erreichen würde ich nicht mehr nach Yetzirah zurückkehren, da sich im Korridor Tore zu fast allen Bezirken des Himmels befanden. Es ist die Chance endlich näher an den Etemenanki zu kommen und Adam Kadmon zu befreien.

"Ich hoffe wirklich, das Rosiel dir hierfür nicht den Kopf abreißt. Hab vielen Dank mein Engel." Behutsam hauchte ich ihm einen Kuß auf die Wange und zog die Decke bis unter sein Kinn. Erst dann schlich ich mich vorsichtig aus dem Raum um mich auf den Weg zu machen.

Rosiels Gemächer zu verlassen erwies als nicht sonderlich schwierig und da es ohnehin mitten in der Nacht war mußte ich nicht einmal sonderlich vorsichtig sein, was meine Deckung anging. Anael jubelte, als sie merkte wie schnell wir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen vorankamen. Sollten wir dieses Tempo beibehalten dann würden wir den Korridor wahrscheinlich noch vor dem nächsten Sonnenuntergang erreichen.

Gut, einen Haken hat die Sache noch. Der Versuch sich dorthin zu teleportieren ist praktisch Selbstmord, da keine zwei Sekunden nach der Materialsierung sämtliche Wachen des Korridors alarmiert sein dürften. Die einzige Chance den Korridor unbemerkt zu betreten ist mit einer Merkabah, eine Art Kreuzung aus Flugzeug und Raumschiff und DAS Transportmittel, wenn man sich in den Himmeln nicht andauernd per Teleport bewegen möchte. Und sich eine solche zu organisieren dürfte ja wohl nicht allzu schwer sein. (Immerhin besitzt fast jeder halbwegs mächtige Engel ein bis zwei davon.) Außerdem habe ich da auch schon eine Idee war mir dabei helfen wird.

Natürlich war dieser jemand von meiner Idee nicht sonderlich begeistert, aber sagen wir es mal so, ich hatte definitiv die besseren Argumente. In diesem Fall etwas, was einer 45er Magnum verdammt nah kam und (so ganz nebenbei) den unkontrollierten Zugriff auf sämtliche Computerdateien, die meinem Gegenüber einmal gefährlich werden könnten.

"Für einen Menschen bist du eine ganz schöne Nervensäge." Grinsend sah ich Barbiel dabei zu wie sie den Kurs in Raphaels Merkabah einprogrammierte. Nach dem ich Rosiels Gemächer hinter mir gelassen hatte war es nicht sonderlich schwer gewesen in eine Waffenkammer einzudringen, sich dort mit dem Nötigsten zu versorgen und danach Raphaels rechter Hand eine kleine Falle zu stellen. Na ja, eigentlich war die Falle eher für Raphael gedacht gewesen, aber da der Gute ja im Moment durch Abwesenheit glänzt mußte Barbiel eben dran glauben. Da sie meinen Überfall mit einem ziemlich merkwürdigen Sinn für Humor hingenommen hatte verlief alles weitere eigentlich ohne nennenswerte Probleme. Sah man mal von der Tatsache ab, das sie steif und fest darauf bestanden hatte mich zu begleiten. Meine Frage warum sie es so darauf anlegte unbedingt mit mir zusammen gesehen zu werden (das sie dadurch Schwierigkeiten bekommen würde ist eigentlich nur eine Frage der Zeit) wurde mit einem einfachen irgend jemand muß Raphael ja mal wieder an seine Pflichten erinnern, beantwortet. Es scheint ihr einen Heidenspaß zu machen ihren Vorgesetzten ab und zu mal in den Hintern zu treten. Anael amüsierte sich ebenfalls königlich und ließ mich wissen, das Barbiel und Raphael schon immer eine so merkwürdige Beziehung gehabt hätten. Außerdem war Barbiel die Einzige, die es ungestraft wagen konnte den Anführer der Virtues bei einem Schäferstündchen zu stören. Ich hatte reiflich Mühe nicht einfach laut loszulachen wenn ich mir Raphaels Gesichtsausdruck in einer derartigen Situation vorstellte.

"So, ab jetzt fliegen wir mit Autopilot. In zehn bis fünfzehn Minuten sollten wir da sein." Völlig gelassen ließ Barbiel sich neben mich sinken und schloß die Augen.

"Machst du dir gar keine Sorgen, das ich dir vielleicht etwas antun könnte?" Ihre Lippen kräuselten sich zu einem leichten Lächeln.

"Wenn das der Fall wäre, dann hättest du mich schon längst getötet. Nein, es würde nicht zu dir passen jemanden anzugreifen von dem keine Gefahr ausgeht." Oh man, ich wünschte ich hätte dieses Vertrauen. Wie dem auch sei, sie hat recht. Ich werde ihr bestimmt nichts tun. Allein schon aus dem Grund, dass wenn ich es täte mich Raphael garantiert bis ans Ende meines Lebens verfolgen wird. Ich habe schon genügend andere Probleme, da muß nicht noch unbedingt ein rachsüchtiger Engel, der zu dem eines der Elemente ist, dazu kommen.

"Ach ja, bevor wir landen solltest du dich unbedingt noch umziehen. In diesem Aufzug fällst du vielleicht ein bißchen zu sehr auf." Prompt sah ich an mir runter und konnte feststellen, dass ich dank dieser kurzfristigen Flucht nichts weiter als ein halbdurchsichtiges Nachthemd anhatte. Eigentlich ein Wunder, das mich in diesem Aufzug überhaupt jemand ernst genommen hat. Oder hat Barbiel einfach nur auf eine Gelegenheit gewartet um sich selbst auf den Weg zum Himmelskorridor machen zu können.

"Was ist? Hast du etwa gedacht, ich würde dich SO in unbemerkt in den Himmelskorridor hinein schmuggeln können?"

"Quatsch! Ich frage mich nur gerade warum du mir das nicht schon früher gesagt hast."

"Hmm... ich schätze das lag an dieser kleinen tu-was-ich-dir-sage-oder-ich-blas-dir-das-Hirn-weg Aktion. Da ist es irgendwie schwierig sich auf solche banalen Dinge wie Modefragen zu konzentrieren." Wir mußten beide lachen und nachdem sie mir gesagt hatte, wo ich mich umziehen konnte machte ich mich an die Arbeit. Es war schon wieder eine Uniform, die ich mir überstreifte und wie ich von Anael erfuhr nicht irgendeine, sondern die Uniform der Wachen des Himmelskorridors. Im Vergleich zu den bisherigen dunklen Uniformen, die für Rosiels Garde so kennzeichnend sind, ist diese hier verblüffend hell. Eine Mischung aus hellgrau und grün. Die Hose verschwand in einem paar Stiefel, das knapp unter den Knien endete und unter der Jacke wurde ein langärmeliger Rollkragenpullover getragen, der mit einem silbernen Reißverschluß versehen war. Anhand der zahlreichen Mullbinden, die sich unter dem Klamottenstapel befanden ließ sich nur der Schluß ziehen, das Barbiel von mir eine kleine Geschlechtsumwandlung erwartete. Seufzend wickelte ich mich nach und nach in die einzelnen Schichten ein und streifte mir dann den Rollkragenpullover über. Die Uniformjacke war mit einigen Abzeichen versehen, die mich als Captain auswiesen. Ein Rang, der mich über die meisten der dort anwesenden Soldaten stellte, aber der gleichzeitig nicht hoch genug war um unnötig für Aufmerksamkeit zu erregen. Barbiel hat die ganze Sache wirklich sauber vorbereitet. Ein Blick in den Spiegel verriet bereits den Erfolg des Ganzen, aber noch gibt es ein, zwei Dinge, die mich eventuell verraten könnten. Prüfend wog ich die Schere, die ich auf der Ablage neben dem Spiegel gefunden hatte in der Hand. Es wäre sicherlich einfacher, wenn ich nicht alle zwei Sekunden aufpassen müßte mich dadurch zu verraten, aber bin ich bereit dazu? Seufzend zog ich vorsichtig eine meiner Haarsträhnen in die Länge und hielt die Schere daran bevor ich langsam Druck auf den Griff ausübte.

"Du solltest dich langsam beeilen der Korridor kommt bald in Sichtweite!" Barbiels Stimme dröhnte durch den Lautsprecher und verpaßte mir fast einen Herzinfarkt.

"Keine Sorge! Bin so gut wie fertig!" Entschlossen griff ich nach der Uniformmütze und stopfte meine restlichen Haare darunter. Das Kreuz, das mir Rosiel gegeben hatte verschwand unter dem Rollkragenpullover. Erst danach streifte ich das Paar schwarze Handschuhe über, das der Uniform den allerletzten Schliff verlieh und warf noch einen allerletzten Blick in den Spiegel.

*Jetzt siehst du aus wie Kira.* Mißtrauisch beäugte ich das Ergebnis meiner bisherigen Arbeit bevor ich Anael antwortete.

"Meinst du?" Warum erinnert sie sich an Kira-chan?

*Oh ja! Du hast fast exakt seine Frisur kopiert. Und gutaussehende Männer vergesse ich nie.* Danke für die Blumen. Na hoffentlich reicht das auch. Mit langen Haaren wäre ich im Leben nicht als Kerl durchgegangen. Trotzdem ist es irgendwie ein komisches Gefühl. Mein Spiegelbild sieht auf einmal so fremd aus.

*Keine Sorge es wird schon gut gehen.*

"Deine Ruhe möchte ich haben."

*Wieso? Sonst bist du doch immer diejenige von uns, die sich in Schwierigkeiten bringt. Und außerdem, da ich ein Teil von dir bin hast du meine Ruhe doch sowieso.* Lachend gab ich mich geschlagen. Sie hat vollkommen recht. Es gibt keinen Grund nervös zu sein. In dieser Verkleidung würde mich bestimmt niemand so schnell erkennen. Entschlossen rückte ich den Hemdkragen noch einmal zurecht und stürmte dann zurück in die Pilotenkanzel.

"So, da bin ich." Barbiel stieß bei meinem Anblick einen leisen Pfiff aus.

"Wenn ich nicht genau wüßte, dass du das bist, dann würde ich dich kaum wieder erkennen. Du siehst zum Anbeißen aus." Um ihre Wort zu unterstreichen schlug sie mir mit einer Hand ziemlich kräftig, aber freundschaftlich auf den Hintern.

"Hey!" Sie grinste mich an und wies mit der Hand aus dem Fenster.

"Sieh genau hin. Wir befinden uns im Anflug auf den Himmelskorridor, die sicherste Gefängnisinsel, die jemals geschaffen wurde. Von dort gibt es kein Entkommen, es sei denn du bist schon tot."

"Versuchst du etwa gerade mich aufzubauen?"

"Nein." Ihr Blick wurde ernst.

"Ich sage dir nur was bisher von niemanden widerlegt worden ist. Selbst Alexiel entkam von dort nur, weil ihr Körper seelenlos war und zwei Dämonen ihn befreiten. Aber noch nie hat es jemand geschafft lebend von dort zu fliehen."

"Tja, dann wird es wohl Zeit, dass jemand die Statistik ändert. Meinst du nicht?" Mein Scherz stieß bei ihr auf taube Ohren. Anael verhielt sich momentan auch verdächtig ruhig, da sie genau wußte das von jetzt an jeder Fehler, egal wie klein er auch sein mochte uns beiden den Hals kosten konnte.

"Hier nimm. Deine Stimme ist immer noch zu auffällig." Amüsiert betrachtete ich den Stimmverzerrer in Barbiels Hand.

"Danke, aber das wird nicht nötig sein." Mit einem kleinen Räuspern änderte ich meine Stimmlage etwas.

"Was meinst du? Besser? Oder doch lieber etwas tiefer?" Sie schüttelte nur den Kopf und nannte mich einen hoffnungslosen Fall. Trotzdem konnte sie nicht widerstehen mich um eine kleine Demonstration zu bitten. Nachdem ich ihr mit Raphaels Stimme einen ziemlich gemeinen Witz über Männer und ihr Denkvermögen erzählte bat sie mich lachend so etwas bitte nie, nie wieder zu tun. Meine Antwort fiel etwas wage aus, aber ich änderte meine Stimme wieder in dieselbe Lage zurück in der sie sich noch vor wenigen Sekunden befunden hatte.

"Sieh nur, die Wolken lichten sich. Dort vorne ist er, der Himmelskorridor." Atemlos sah ich an ihr vorbei aus dem Fenster hinaus. Vor uns ragte eine Festung auf, die schon von Weitem beeindruckend war. Dass es sich bei ihr um ein Gefängnis handelte sah man ihr auf den ersten Blick gar nicht an. Eigentlich ähnelt die Bauweise eher einer Muschel oder einem Schneckenhaus. Erst die unzähligen Versorgungsleitungen und das in die dunkle Front eingelassene Kreuz, das in einer Schwertspitze endet, verrät etwas über die wahre Bedeutung dieses Ortes, der in mitten eines Gebirges über einem See schwebt von dem niemand weiß wie tief er eigentlich ist. Doch es ist kein normaler See. Dieser hier besteht aus Säure, was jeglichen Fluchtversuch scheitern läßt, denn spätestens daran wird man scheitern. Diese Barriere ist ohne Schiff unüberwindbar. Ich konnte nicht verhindern, dass mir bei diesem Anblick kalte Schauer über den Rücken liefen. Es gibt nicht viel, was ein Engel fürchtet, aber dieser Ort verursacht jedem von uns Unbehagen.

"Achtung, jetzt wird es etwas holprig." Barbiel lenkte die Merkabah mit einer unglaublichen Geschicklichkeit in eine der Landebuchten. Als sich die Landeklappen unter uns schlossen ging durch das gesamte Schiff ein Ruck, der mich für einen kleinen Moment aus dem Gleichgewicht brachte. Breit grinsend sah Barbiel zu, wie ich darum kämpfte nicht doch noch umzufallen. Erst nachdem ich wieder einigermaßen sicher stand öffnete sie die Luken und wir machten uns auf den Weg die Merkabah zu verlassen.

"Von jetzt an mußt du verdammt vorsichtig sein. Und falls dir Sariel begegnet sieh ihm bloß nicht ins Gesicht. Er kennt alle seine Männer persönlich. Ein fremdes Gesicht würde ihm sofort auffallen." Ich stoppte mitten in der Bewegung. Wer zum Henker ist Sariel?

*Das weißt du nicht?*

*Vorher denn? Ich bin jahrelang nicht hier gewesen. Ich habe keine Ahnung wer in den letzten Jahren welchen Posten übernommen hat.* Zum Glück konnte Anael mir mit ihrem Wissen aushelfen und brachte mich innerhalb von Sekunden auf den neusten Stand, so das ich für eine Antwort nicht allzu lange brauchte.

"Sariel? Du meinst den Kommandanten des Himmelskorridors?"

"Oh, du weißt das?" Sie wirkte sichtlich überrascht. Puh! Das war knapp. Danke Anael!

*Gern geschehen.*

"Ja." Und leider nicht nur das. Von Anael wußte ich, das Sariel einer von Rosiels Männern war und zu dem auch nicht ganz ungefährlich. Wenn die Gerüchte über ihn stimmten, dann war sein rechtes Auge mit einem Fluch belegt, der es unmöglich macht ihm zu entkommen. Irgendwie wird mir bei dem Gedanken gerade ziemlich flau im Magen.

"Mach dir mal keine Gedanken. Sariel läßt sich nur selten hier unten blicken." Das beruhigt mich zwar nicht sonderlich, aber ich hatte keine Gelegenheit mehr Barbiel zu antworten. Wir hatten bereits den Ausgang der Merkabah erreicht und wurden von vier uniformierten Engeln begrüßt. Manchmal wünsche ich mir wirklich nur ein einziges Mal einen Engel in Jeans zu sehen. Es kann doch nicht sein, das die hier alle nur in Uniform oder edlen Stoffen rumlaufen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die den armen Kerlen nicht die geringste Chance gab auch nur ansatzweise zu protestieren deckte Barbiel sie mit Anweisungen ein und verschaffte mir nebenbei noch eine perfekte Gelegenheit um unauffällig in einem der zahllosen Nebengänge zu verschwinden.

Die Gänge entwickelten sich zu einem unglaublichen Labyrinth aus Stein und Eisen und je länger ich mich in ihnen aufhielt, desto unwohler fühlte ich mich. Die Bestimmung dieses Ortes ist nur zu deutlich zu spüren und die Schreie oder Verwünschungen der Gefangenen drangen von jeder Ecke auf einen ein. Dieser Ort war ihr Todesurteil und ihr Haß auf diejenigen, die sie hierhin gebracht hatten ist über die Jahre in das Innere dieses Gebäudes gesickert. Ich verstehe nicht wie hier überhaupt jemand leben kann. Alles ist so feindselig. Nirgendwo gibt es auch nur das geringste Anzeichnen dafür, dass hier jemals etwas anderes existieren könnte als kalte Wände und Stahl. Dieser Ort ist tot und dennoch hält er die Lebenden gefangen. Für einen kurzen Augenblick war ich versucht alle Gefangen zu befreien, aber es würde schon schwierig genug werden Zaphikel zu finden und zu befreien. Es bleibt keine Zeit mehr sich auch noch um das zu kümmern. Ich muß Zaphikel finden und das schnell. Je länger er hier bleibt, desto größer ist die Gefahr, das Sevothtarte ihm etwas antut. Anael war derselben Ansicht und so entschloß ich mich nach einigem vergeblichen Suchen alles auf eine Karte zu setzen.

"Hey, ihr zwei!" Die beiden Engel drehten sich bei meinem Befehlston um als hätte ich sie soeben bei etwas Verbotenem ertappt.

"Captain!" Sie salutierten augenblicklich und mit einem mürrischen Nicken ließ ich sie wissen, das sie bequem stehen konnten.

"Der große Thron Zaphikel. Wo befindet er sich?" Sie sahen sich zögernd an.

"Wollt ihr mir damit etwa sagen, das euch nicht bekannt ist wo sich ein solch wichtiger Gefangener befindet?! Oder ist er euch vielleicht entwischt?" In der letzten Frage schwang eine deutliche Drohung mit. Was sie zu einer Antwort veranlaßte.

"Nein, aber man hat uns für heute niemanden mehr gemeldet, der ihn besuchen dürfte." Augenblicklich stellte ich mich ein klein wenig auf die Zehenspitzen um mich ein wenig größer zu machen und schnappte empört nach Luft.

"Seit wann braucht ein Abgesandter des Großministers Sevothtarte eine Erlaubnis um einen Gefangenen sehen zu können?!" Das Spiel, das ich jetzt spiele ist verdammt gefährlich, aber mit Anaels Drängen im Hinterkopf und hunderten von Engeln um mich herum bleibt mir einfach keine Wahl mehr. Ich muß so schnell es ging zu Zaphikel vordringen und ihn hier rausbringen bevor mich irgendjemand enttarnt.

"Bitte vergebt uns, wir hatten keine Ahnung-" Ich schnitt ihnen ärgerlich das Wort ab.

"Schon gut. Sagt mir lieber wo ich den Gefangenen finde. Ich soll ihm ein ganz besonderes Geschenk überreichen." Mein hinterhältiges Grinsen sorgte bei den Beiden sichtlich für Erheiterung, die ich mit einem ungeduldigen Schnauben sofort wieder unterband. Fast augenblicklich erhielt ich die Informationen, die ich brauchte. Grimmig hielt ich sie davon ab mich begleiten zu wollen und gab ihnen noch den kleinen Tip in Sevothtartes Gegenwart lieber nichts von unserer Begegnung zu erzählen, da ihr Verhalten mir gegenüber wohl kaum förderlich für sie wäre und es sich so ganz nebenbei auch bestimmt nicht gut in ihrer Akte machte, wenn sie sich einem von seinen Leuten in den Weg stellten. Sie wurden sichtlich blaß und machten dass sie weg kamen. Gott sei Dank! Viel länger hätte ich dieses Spielchen auch nicht durchgehalten.

*Du hast dich gut geschlagen.*

*Danke, aber am Liebsten hätte ich ihnen den Hals umgedreht.*

*Das weiß ich.* Anaels klang reiflich besorgt und ich wußte nur zu gut weshalb. Sie fragte sich wie ich was man Zaphikel in der Zwischenzeit wohl angetan hatte. Dennoch hielt sie sich während des gesamten Weges in die Katakomben bedeckt. Sie hing ihren eigenen Gedanken nach, aber ihre Gefühle konnte sie nicht vor mir verbergen. Sie flossen wie ein Strom durch mich hindurch und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir nicht ebenfalls große Sorgen um Zaphikel machte. In den Katakomben werden nur die schwersten Sünder gefangengehalten. Doch das ist noch längst nicht alles. In den Zellen findet man neben den Sündern, die noch auf ihre Verurteilung warteten auch jene, die bereits ein Wing cutting hinter sich haben. Engel, die bereits wahnsinnig geworden sind weil man ihnen die Flügel abgeschlagen hatte. Keines von beiden sorgte dafür dass ich mich beruhigte. Dennoch zwang ich mich meine Schritte nicht zu beschleunigen. Es würde einfach zu sehr auffallen, wenn ein Offizier plötzlich durch die Gänge rennt, als wäre sonst etwas passiert. Erst als sich die Aufzugstüren hinter mir schlossen atmete ich auf. Es blieben mir noch ein paar Minuten bevor sich vor mir die geheime Hölle des Himmels offenbaren würde. Gerade genügend Zeit um die Mütze noch ein wenig tiefer ins Gesicht zu ziehen und zu beten, dass mein Zugangscode auch hier funktionierte.

Die Türen öffneten sich mit einem unheilvollen Piepen und entschlossen machte ich einen Schritt nach vorn um die Sicherheitsschleuse zu betreten. Sollte mein Code nicht angenommen werden, dann öffnet sich innerhalb von zwei Sekunden unter meinen Füßen eine Falltüre, die mich auf direktem Weg in eine der Zellen befördert. Also gut! Ich tippte den Code ein und nach einigen bangen Sekunden des Wartens (so habe ich schon ewig nicht mehr geschwitzt) öffnete sich quietschenden die Tore zu den Katakomben. Auf geht’s!

Mit einem Gang, der deutlich genug zeigte, das ich mir meines Ranges und meiner Aufgabe voll und ganz bewußt war durchquerte ich die Flure mit den einzelnen Zellen. Und je mehr von ihnen ich passierte desto mehr wollte ich mich auf der Stelle umdrehen und fliehen. Die gesamte Atmosphäre verursacht mir Unbehagen. Es ist ein unumstößlicher Beweis für die Grausamkeit der Engel, die ich selbst am eigenen Leib nur viel zu gut erfahren habe. Aber ich bin schon zu weit gekommen um jetzt noch umzukehren. Ich werde diesen Ort nur mit Zaphikel zusammen verlassen oder gar nicht.

"Halt! Nennt mir sofort euren Rang, Namen und den Grund warum ihr hier seid!" Ärgerlich schob ich die Gewehrmündung aus meinem Gesicht.

"Captain der Leibgarde des Großministers Sevothtartes. Mein Name tut nichts zu Sache und der Grund warum ich hier bin geht nur Großminister und mich etwas an. Habt ihr verstanden Soldat?" Er knallte die Hacken derart hart zusammen, dass man das Echo, das durch die Gänge hallte noch meilenweit hören würde.

"Gut, dann sorgt bitte dafür das dieser Sektor geräumt wird. Ab sofort hat hier niemand mehr etwas zu suchen, der nicht dem ausdrücklichem Befehl des Großministers untersteht." Er wollte gerade noch etwas erwidern, als er einen kurzen Blick in meine Augen warf. Das reichte aus um ihn sofort in Bewegung zu setzen. Wahrscheinlich hat er geglaubt, dass ich ihn gleich umbringe, wenn er nicht augenblicklich meinen Befehl befolgt. So falsch lag er damit gar nicht. Auch wenn es eigentlich ganz andere Gründe hat, das ich ihm so feindselig gesonnen bin. Anaels Bewußtsein hatte sich in den letzten Minuten so sehr an die Oberfläche geschoben, dass unsere Gefühle fließend ineinander übergingen und das sie der Wache von Zaphikel nicht sonderlich freundlich gewogen war ist mehr als nur verständlich.

Es dauerte keine zehn Minuten und der Sektor war komplett geräumt. Mit einer letzten Anweisung wies ich auch noch die allerletzten verblieben Wachen an den Sektor zu verlassen und abzuriegeln, bis ein gegenteiliger Befehl von Sevothtarte erfolgte. Erst danach machte ich mich auf den Weg zu der Zelle, in der man Zaphikel gefangenhielt. Gut, noch einmal tief Luft holen und dann hoffen, dass alle deine Befürchtungen unbegründet sind.

Ich stieß die Tür auf und erstarrte bei dem Anblick, der sich mir bot. Man hatte Zaphikel nicht einfach nur gefangen genommen. Nein, man hatte ihn zu dem gefoltert und erniedrigt. Durch seine Schwingen bohrten sich schwere Schrauben an deren Enden sich Ketten befanden, die diese auf unnatürliche Weise weit entfaltet hielten. Seine Hände steckten in Eisenfesseln, die man über seinem Kopf zur Decke ragten, da sie ebenfalls von Ketten gehalten wurden. Auf seinem Oberkörper gab es fast keine unversehrte Stelle mehr und sein Blut ergoß sich aus zahlreichen Wunden sowohl über seine Schwingen, als auch über seinen Körper. Der Stoff, der sich um seine Hüften wand war bereits fast komplett rot gefärbt und es war fraglich ob seine darunter verborgenen Beine noch unversehrt waren. Als mein Blick tiefer glitt wäre ich am Liebsten auf der Türschwelle zusammengesunken. Sie hatten ihn mit bloßen Füßen auf ein Nagelbrett gestellt und das Gewicht seines Körpers vergrößerte seine Wunden und Schmerzen mit jeder Sekunde. Im Grunde war es ein Wunder, das er überhaupt noch lebte. Wahrscheinlich ist er für Sevothtarte noch zu wichtig, als das dieser es zu lassen könnte ihn jetzt schon zu verlieren. Aber es wird bestimmt nicht mehr allzu lange dauern bis Zaphikels Geist seinen Widerstand aufgab und sein Körper letztendlich mit ihm schwand.

Anael hatte bei diesem Anblick einen solchen Schock erlitten, das sie sich überhaupt nicht mehr rührte. Ihre Gefühle und Hilflosigkeit brachen über mich herein wie eine Sturmflut. Ich hatte alle Mühe mich auf den Beinen zu halten und diesen plötzlichen Ansturm in den Griff zu kriegen. Erst nach einigen Minuten war ich wieder so weit Herr über meinen Körper, das ich mich gefahrlos von der Stelle bewegen konnte. Mit einem Klumpen Blei im Magen betrat ich die Zelle. Fast im selben Augenblick zersprangen die Linsen sämtlicher Überwachungskameras und alle Verteidigungssysteme um mich herum. Von jetzt an würde es keiner von ihnen mehr wagen Hand an ihn zu legen, das schwor ich mir. Oder war es Anael? In der letzten Zeit sind wir so oft einer Meinung gewesen, das es stellenweise schon recht schwierig ist zu beurteilen wer von uns jetzt welche Entscheidung getroffen hat. Auch in diesem Fall waren wir uns einig. Zaphikel mußte befreit werden und das so schnell wie möglich. Keiner hat es verdient so behandelt zu werden. Auch kein Engel und schon gar nicht Zaphikel.

*Was hast du vor?* Die Beunruhigung in Anaels Stimme war nicht mehr zu überhören. Ihre Sorge um Zaphikel ließ sie fast alles andere vergessen. Wahrscheinlich auch die Tatsache, dass sie mir trauen kann.

*Keine Sorge, ich werde ihm nichts tun. Ich helfe ihm.* Sie war nicht sonderlich überzeugt von dem was ich sagte, aber was bleibt ihr anderes übrig als mir zu vertrauen? Immerhin wird sich mich kaum aufhalten können. Wahrscheinlich wäre ihr sogar alles recht, Hauptsache er mußte nicht noch länger leiden.

"Zaphikel?" Er gab keine Reaktion von sich.

*Ist er... ?*

*Nein, sein Brustkorb hebt und senkt sich noch. Er lebt.* Erleichtert atmete sie auf. Manchmal wünschte ich mir, dass nicht jeder beim Anblick eines blutüberströmten Körpers gleich in Panik ausbricht, aber ich bin auch nicht besser. Zaphikels Anblick hat mir einen ebenso großen Schock versetzt wie Anael. Dabei bin ich allerdings wesentlich ruhiger als sie. Vielleicht weil ich genau weiß, das es noch lange nicht zu spät ist?

"Zaphikel, bist du wach?"

"Warum? Warum haßt du mich so sehr?" Irritiert wich ich einen Schritt zurück. Bis ich merkte, das er nicht mit mir sprach. Er mußte seine Peiniger meinen. Vorsichtig nahm ich sein Gesicht in meine Hände und strich behutsam über seine zerschundene Wange.

"Warum sollte ich dich hassen? Du hast mir das Leben gerettet." Sein Blick hob sich etwas und um seine Mundwinkel legte sich so etwas wie ein verkrampftes Lächeln.

"Ist das einer deiner neuen Tricks? Versuchst du jetzt schon mich mit Trugbildern zu foltern?" Der Spott in seiner Stimme zerschnitt mir das Herz. Er zeigte nur zu deutlich, dass er bereits wußte, dass man ihn nicht lebend von hier entkommen lassen würde. Ob Remiriel damals ähnliches durchlitten hat? Hatten sie ihn auch so grausam zugerichtet? Ärgerlich schüttelte ich den Kopf. Nicht jetzt! Du kannst dich nicht ausgerechnet jetzt ablenken lassen. Dir bleibt nicht ewig Zeit. Außerdem weißt du doch nur zu genau wie er damals ausgesehen hat und hattest du dir denn nicht fest vorgenommen nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit an ihn zu denken?

"Trugbild? Du enttäuschst mich ganz schon Zaphikel." Mit einem kleinen Räuspern nahm meine Stimme wieder ihren normalen Klang an.

"Ich dachte du freust dich zu hören, dass jemand gekommen ist um dich zu retten."

"Shao-san?" Seinen blinden Augen richteten sich zweifelnd auf mich.

"Kennst du sonst noch jemanden, der zu so einem Schwachsinn fähig wäre?" Durch seinen gesamten Körper ging ein leichtes Schaudern als er meine Stimme erkannte.

"Was machst du hier? Es ist gefährlich. Wenn sie dich erwischen-"

"Sst. Ich weiß. Aber ich habe jemandem versprochen, dass ich dich retten würde und ich halte mein Wort." Ein leeres Lachen löste sich von seinen Lippen, das in einem Hustenfall endete, der ihn fast ohnmächtig werden wird. Mehr als ein Grund ihn endlich von seinen Ketten zu befreien.

*Bitte beeil dich. Ich halte diesen Anblick nicht mehr lange aus.* Anaels Stimme war fast nur noch ein einziges Schluchzen.

*Keine Panik. Deshalb sind wir doch hier. Um ihn zu befreien. Aber dafür mußt du ruhiger werden. Ich habe meine Kräfte nicht im Griff wenn mich deine Gefühle immer wieder überschwemmen.* Sie gab ein leises ich werde es versuchen von sich und zog sich etwas zurück damit ich mich voll und ganz auf die vor mir liegende Aufgabe konzentrieren konnte.

"Zaphikel ich werde dir jetzt die Fesseln abnehmen. Es wird wahrscheinlich etwas wehtun, aber tu mir bitte den Gefallen und versuch mir nicht ins Ohr zu schreien." Er stieß ein verächtliches Zischen aus, das wohl soviel bedeutete, dass ihm wohl kaum noch irgendetwas wehtun könnte. Seufzend stellte ich mich vor ihn und ließ mit einigen kleinen Handbewegungen die Schlösser seiner Fesseln aufspringen. Kaum hatte sich die letzte Kette gelöst sackte er auch schon in sich zusammen. Es gelang mit gerade noch ihn aufrecht zu halten. Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück um ihm die Möglichkeit zu geben das Nagelbrett zu verlassen. Mit einem lauten Stöhnen trat er auf den nackten Boden und sackte schwer gegen meine Schulter.

"Du solltest gar nicht hier sein." Ich grinste leicht und war nebenbei heilfroh, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Soviel Muskeln habe ich ihm gar nicht zu getraut. Die Priesterkutte verbirgt doch mehr als ich dachte.

"Also wenn du mich fragst, dann befinde ich mich gerade genau am richtigen Ort. Übrigens hast du schon mal über eine Diät nachgedacht? Du bist nämlich ganz schön schwer." Sein anfängliches Lachen ging wie schon zu vor in einem Hustenanfall unter. Damit sein Gewicht nicht plötzlich völlig auf mir allein lastete setzte ich einen Fuß etwas weiter nach hinten und schlang meine Arme um seinen Rücken. Die tiefen Einkerbungen dort ließen mich kurz zusammenzucken, aber dann besann ich mich wieder. Immerhin bin ich hier um ihm zu helfen und nicht um aufgrund seiner Verletzungen direkt in Panik zu verfallen. Dennoch erinnerten sie mich viel zu sehr an meine damalige Hilflosigkeit als es um Remiriel ging. Damals hatte ich nur zusehen können und rein gar nichts tun können. Wenn ich doch nur nicht so stur gewesen wäre. Vielleicht, vielleicht könnte er dann noch leben...

*Hey Shao! Hör auf zu träumen! Du kannst nichts mehr daran ändern.* Sie hat recht. Es bringt nichts sich weiterhin den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich werde es nicht ändern können. So sehr ich es mir auch wünsche. Außerdem habe ich nicht ewig Zeit. Ich muß Zaphikel hier rausbringen ehe irgendjemand Verdacht schöpft.

Zögernd tastete ich mit meinen Händen an seinem Rücken entlang bis ich auf den Ansatz seiner Schwingen traf. Er gab ein zischendes Geräusch von sich als ich den Hauptknochen berührte. Selbst Anael hielt die Luft an. Kein Wunder, die Flügel sind so ziemlich das Empfindlichste, was ein Engel besitzt. Sie sind der Sitz ihrer Astralkräfte und gleichzeitig beinhalten sie fast sämtliche Abwehrkräfte ihres Körpers. Verliert ein Engel seine Flügel, dann ist er alles und jedem schutzlos ausgeliefert. Die unzähligen Bakterien und Viren in der Luft sorgen dafür, dass er bei lebendigem Leibe verfault. Der einzige Weg dem noch irgendwie entgegen zu wirken ist das Verzehren von Fleisch eines anderen Engels. Daher stammt auch der Name Ghoul, Leichenfresser. Für Engel ohne Flügel gibt es keine andere Überlebenschance mehr und selbst wenn dieser Weg sie nicht erlösen kann, so vermindert er doch ihre Schmerzen. Zumindest solange, bis auch ihr Gehirn allmählich von den schädlichen Umwelteinflüßen zersetzt wird. Danach sind sie willenlose Marionetten, die nicht sterben können. Wenigstens nicht direkt. Sie siechen noch jahrhundertelang vor sich hin bis ihr Körper schließlich auch seine letzten Funktionen aufgibt. Solange bleibt ihre Seele in ihm gefangen und da sie sich durch ihr Leben als Ghoul in mehr als nur einer Hinsicht versündigt haben wird es für sie auch keine Erlösung geben. Ihre Seelen sind dazu verdammt auch im Hades als Ghoul umherzuwandern. Bis in alle Ewigkeit oder bis jemand sie von ihrem Schmerz und Leid erlöst oder sie verschlingt. Keines von all dem wünsche ich irgendjemandem und dennoch ist die Anzahl der Ghouls im Hades erschreckend gestiegen. In den letzten Jahrhunderten müssen unglaublich viele Engel zu einem Wing cutting verurteilt worden sein. Ansonsten könnten es niemals so viele sein. Allerdings werde ich es zu verhindern wissen, das Zaphikel ebenfalls zu ihnen zählen wird.

"So, ab jetzt wird es ernst. Ich löse erst die Schrauben aus deinen Schwingen und danach-"

"Wirst du machen, dass du hier wegkommst. Shao-san, das ist doch Wahnsinn! Sie werden uns noch beide fangen. Sei vernünftig und geh!" Empört schnappte ich nach Luft. Glaubt er wirklich ich bin völlig ohne Plan hier?! Gut, er ist vielleicht noch nicht sonderlich ausgereift, aber für eine Flucht wird es hoffentlich reichen.

"Das werde ich ganz bestimmt nicht tun! Also halt still." Er stieß einen resignierten Seufzer aus und murmelte etwas von wegen selten dämlicher Sturheit der Menschen. Woher soll er auch wissen, dass ich so etwas ähnliches schon einmal erlebt habe und damit alles verlor, was mir jemals lieb und teuer gewesen ist? Nicht zu vergessen die Seele seiner großen Liebe, die genau meiner Ansicht ist. Nämlich, das es Wahnsinn wäre ihn auch nur eine einzige Minute länger hier zu lassen. Keiner seiner Proteste nütze ihm etwas. Ich war entschlossen ihm zu helfen ob er das nun wollte oder nicht.

Obwohl ich genau wußte wie unangenehm es für ihn war verstärkte ich den Druck auf den Flügelknochen noch ein wenig. Erst danach konzentrierte ich mich auf die Schrauben, die sich mit einem widerwärtig quietschendem Geräusch aus seinen Flügeln lösten und zusammen mit den Klemmen, die sie zusammengehalten hatten, zu Boden fielen. Zaphikels Hand krallte sich brutal in meine Schulter als das Blut wieder ungehindert durch seine Flügel fließen konnte. Kein Wunder, wenn man sieht wieviel davon aus den Löchern in seinen Schwingen strömt. Er kämpfte sichtlich darum bei Bewußtsein zu bleiben als ich mein Gewicht erneut verlagerte um ihn halten zu können. Erst, als ich mir sicher war, das ich ihn so würde festhalten können setzte ich einen kleinen Teil meiner Kräfte frei, der bei Weitem nicht reichte um ihn zu heilen, aber es war genug um eventuell noch versteckte Verletzungen aufspüren zu können. Sein Körper war viel zu schwach als das er eine rasche Heilung so ohne weiteres verkraften würde. Wenn ich seine Wunden zu schnell schloß riskierte ich, das er am Ende noch bewußtlos wurde und wie ich ihn dann aus der Zelle oder dem Himmelskorridor schaffen sollte noch dazu unauffällig wußte selbst ich nicht.

"Was tust du?" Ärgerlich mußte ich feststellen, dass ich auf diese Art und Weise nicht sonderlich viel weiterkommen würde. Es würde ewig dauern all diese Verletzungen lediglich auf Sparflamme zu heilen. Dafür sind es einfach viel zu viele. Daher ignorierte ich auch seine Frage.

*Warum zögerst du dann noch? Du kannst ihn doch heilen, oder?*

*Ja, aber wenn ich nicht aufpasse haben wir ein riesen Problem.*

*Schlimmer kann es wohl kaum werden.* Punkt für sie.

"Pst! Ich muß mich konzentrieren." Das galt sowohl für Zaphikel, der immer noch versuchte mir die ganze Sache auszureden als auch für Anael, die nach wie vor versuchte mir Tips für den Umgang mit Zaphikel zu geben. Dabei ist das Einzige, was ich im Moment brauchte etwas Ruhe um mich sammeln zu können. So einfach es auf den ersten Blick mit der Heilung auch aussieht in Wahrheit ist es ganz schön anstrengend so etwas in die Tat umsetzen. Man muß sich enorm dafür konzentrieren wenn man eine andere Person heilen will. OK, um ehrlich zu sein nur dann wenn die Verletzungen einen solchen Umfang haben wie hier und man das schon eine halbe Ewigkeit lang nicht mehr gemacht hat.

Mit einem gedanklichen Ruck riß ich die Barriere, die meine Heilkräfte jetzt noch einschränkte nieder. Augenblicklich wurde Zaphikel von einem angenehmen, grünlich schimmernden Licht eingehüllt. Die Wunden begannen sich fast augenblicklich zu schließen und nach wenigen Minuten wies sein Körper nicht mehr die geringste Spur irgendeiner Verletzung auf. Fast so, als wäre nie etwas gewesen. Sieht man mal von der Tatsache ab, dass mich das Ganze wesentlich mehr Energie gekostet hat als erwartet. Wie ich darauf komme? Och, nur so. Es könnte an der Tatsache liegen, dass ich hier gerade unter Zaphikels Gewicht in mich zusammensacke.

"Alles in Ordnung?" Da wir beide inzwischen auf dem Boden saßen war die Frage eigentlich überflüssig, aber ich bin noch längst nicht fertig. Wart es nur ab Zaphikel, da kommt noch die ein oder andere Überraschung auf dich zu.

"Geht so. Muß nur mal kurz etwas Luft schnappen." Er wirkte in keinster Weise überzeugt und dabei ist er blind. Er kann mein Gesicht unmöglich gesehen haben.

*Anael?* Ein unsichtbares Nicken war die einzige Antwort, die ich auf eine Frage erhielt, die ich nicht zu stellen brauchte. Gut, dann wollen wir mal. Auf zum Finale!

Mit einer Hand bedeckte ich Zaphikels Augen während ich mich mit der anderen auf dem Boden abstützte um im Falles eines Fehlschlags nicht direkt umzufallen.

"Was soll das werden?"

"Eine kleine Überraschung. Wart's nur ab."

*Anael bist du fertig?*

*Ja, aber ich halte das nach wie vor für keine gute Idee.*

*Mach dir nicht so viele Sorgen, es wird schon gut gehen.*

"Meinst du nicht, dass ich davon heute schon mehr als genug hatte? Woher hast du nur diese Kräfte?"

"Keine Sorge, es wird dir gefallen." Damit war die Unterhaltung zumindest für mich beendet, da ich mich nun voll und ganz konzentrieren mußte, um nicht doch noch einen Fehler zu machen. Noch während meine Hand grünlich aufleuchtete zog ich meinen Geist tief in mein Innerstes zurück wo mich Anael bereits erwartete. Sie konnte immer noch nicht glauben, das ich das wirklich tun wollte und um ehrlich zu sein ich auch nicht. Den eigenen Körper zu verlassen um einer fremden Seele die Chance zu geben noch einmal zu leben ist so ziemlich das Risikoreichste was es gibt. Tausend Dinge können dabei schiefgehen und selbst wenn man es schafft hinterher in seinen Körper zurück zu kehren ist es nicht sicher, dass man es überlebt. Und selbst wenn, dann meist nur für ein paar Tage. Es gibt nirgendwo auch nur den geringsten Hinweis dafür, dass eine Seelenwanderung auch nur ein einziges Mal erfolgreich verlaufen ist. Bisher sind sämtliche Engel, die es versucht haben umgekommen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich es schaffen kann und ich bin bereit dieses Risiko einzugehen. Anael hatte bis zu letzt versucht mir die Sache wieder auszureden, aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Im Falle eines frühzeitigen Ablebens bleibt mir nämlich einiges an Ärger erspart.

*Willst du es dir nicht noch mal überlegen?* Das wievielte Mal fragt sich mich das jetzt schon? Seit ich ihr davon erzählt habe versucht sie mir diese Idee auszureden, obwohl man ihr genau ansehen konnte, wie gern sie die Chance nutzen würde. Also hatte ich für uns beide entschieden, da es mein Leben ist, das auf dem Spiel steht. Für Anael besteht lediglich die Gefahr, dass man ihre Seele außerhalb des Hades entdeckt. Bei mir hingegen liegt der Fall ein klein wenig anders. Mit dieser Aktion riskiere ich so ziemlich alles. Und von Engeln entdeckt oder enttarnt zu werden ist dabei meine kleinste Sorge.

*Zu spät. Ab hier gibt es kein zurück mehr. Nun geh schon!* Ich gab ihr einen kleinen Schubs und sah wie ihr Bewußtsein langsam die Kontrolle über meinen Körper übernahm, während meine Seele sich immer mehr von diesem löste, bis ich schließlich wie ein Geist neben meinem Körper stand. Es ist schon merkwürdig, dass der Unterschied zu vorher so gering ist. Ich fühle mich zwar irgendwie leichter, aber das war es auch schon fast. Keine besondere Erkenntnis, kein Tunnel an dessen Ende ein gleißendes Licht scheint. Absolut gar nichts. Soviel also zu den angeblichen Todeserfahrungen aus der Boulevard Presse. Die haben doch alle keine Ahnung.

Was mit meinem Körper geschah war dagegen ungemein interessanter. Durch die unglaubliche Menge Energie, die unsere Seelentausch auslöste befand er sich momentan in mitten einer kleinen Windrose, die bereits die Uniformmütze als Opfer gefordert hatte. Nicht mehr lange und auch die Haare würden sich aus der mühsam zusammengestellten Hochsteckfrisur lösen. Was habe ich gesagt? Schon passiert. Oh man, und dieses Gewusel soll ich nachher kämmen?!

Inzwischen ist auch deutlich zu sehen wie sich mein Körper der fremden Seele anpaßt. Die Haare nahmen immer mehr einen Blondton an, bis sie schließlich ganz hell waren und sich in weichen Locken bis weit über den Rücken verteilten. Kurz bevor Anael die Augen öffnen konnte hielt ich sie zurück.

*Warte einen kleinen Moment. Sieh erst nach ob es funktioniert hat.* Zögernd löste sie die Hand von Zaphikels Augen und wartete auf eine Reaktion.

"Bei allen Göttern, was hast du getan?" Ungläubig hob er seine Hände vor die Augen.

"Ich kann sehen?" Erleichtert atmeten sowohl Anael als auch ich auf. Das ist der einzige Punkt in unserem Plan gewesen, der mir Kopfschmerzen bereitet hatte. Ich war mir nicht sicher gewesen ob meine Kräfte ausreichten um diese Verletzung ebenfalls zu heilen. Leider hatte ich während der Heilung gemerkt, dass diese nicht allzu lange anhalten würde. Über Zaphikels Augen lag irgendein Bann, der es unmöglich machte ihn völlig von seiner Blindheit zu befreien. Es würde vielleicht ein paar Stunden anhalten, aber danach wäre wieder alles so wie vorher. Für Anael jedoch war es mehr als sie sich jemals zu erhoffen gewagt hätte und sie hatte mich gebeten mich nicht einzumischen. Aus diesem Grund überließ ich es ihr Zaphikel zu erklären das dieses Wunder nicht ewig halten würde.

"Ja, aber es ist leider nur von kurzer Dauer."

"Shao-san deine Stimme..." Zaphikels Augen weiteten sich als er erkannte, wer an meiner Stelle vor ihm saß.

"Anael?!" Sie nickte kaum merklich.

"Aber wie ist das möglich? Du müßtest tot sein." Zögernd tastete er nach ihrem Gesicht um ganz sicher zu gehen, dass er keinem Trugbild aufsaß.

"Ich habe dich getötet." Sie schmiegte ihre Wange in seine Hand. Bevor die beiden vollkommen in dem Anblick des anderen versinken konnten mußte ich sie noch einmal stören. Immerhin hat dieses Wunder nicht nur einen Haken.

*Und ich habe sie dir zurück gebracht.*

"Shao-san?!" Vollkommen perplex sah er mich an.

"Was in aller Welt hast du getan?"

*Jemandem dieselbe Chance verschafft, die ich auch hatte. Den Grund warum sie dich unbedingt wiedersehen wollte muß ich dir hoffentlich nicht nennen, oder?*

"Shao!" Grinsend sah ich Anael an.

*Was denn? Ist doch wahr. Im Übrigen werde ich mich jetzt dezent zurückziehen. Der Himmel allein weiß wie lange ihr auf dieses Wiedersehen wartet mußtet.* Beide liefen augenblicklich knallrot an. Grinsend schwebte ich ein bißchen vom Boden hoch um dann elegant durch die Decke zu verschwinden.

"Shao-san?" Ich drehte mich kurz um. Anaels Gesicht strahlte heller als jemals zuvor.

"Danke."

*Keine Ursache, aber seit bitte so clever und laßt auch nicht erwischen. Ich möchte nicht unbedingt schon beim Aufwachen wieder in Schwierigkeiten stecken.* Ich verließ die Zelle durch die Decke und bekam aus den Augenwinkeln gerade noch mit, wie die beiden sich überglücklich in die Arme fielen. Für die nächsten Stunden wird man so schnell bestimmt nichts von ihnen hören. Das Problem ist nur, was mache ich solange? Anael meinen Körper zu überlassen ist das Eine, aber ich habe mir nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was ich mit dieser neu gewonnen Freizeit anfange. Vor allem da man mich nebenbei ja auch nicht unbedingt entdecken soll.

Also, was fängt man an mit einer Menge Zeit und quasi unbegrenzten Möglichkeiten? Gut, unbegrenzt ist vielleicht ein bißchen übertrieben. Immerhin muß ich immer noch aufpassen, dass mich niemand entdeckt, aber da ich mich für rangniedrige Engel beinahe unsichtbar machen kann (das hatte ich vorhin durch einen dummen Zufall herausgefunden) wird das wohl nicht allzu schwer sein. Hmm... ich frage mich ob es Catan gut geht. Rosiel dürfte von meinem Fluchtversuch (sofern er ihn schon bemerkt hat) ja nicht allzu begeistert sein.

"Rosiel-sama, seit ihr wach?" Moment! Was ist denn jetzt bitte kaputt? Das ist doch eindeutig Catans Stimme.

"Rosiel-sama?" Oh man, wie hab ich das denn jetzt angestellt? Ich kann mich ja wohl nicht ohne es zu merken in Rosiel Gemächer teleportiert haben. Oder? Zweifelnd sah ich mich um. So wie das hier aussieht befinde ich mich nach wie vor im Himmelskorridor. Was machen dann Rosiel und Catan hier?! Und vor allem warum benutzt Catan diese förmliche Anrede? Das macht er doch sonst nicht. Außer Rosiel tritt in der Öffentlichkeit auf oder er befürchtet jemand könnte ihn belauschen. Was bedeuten würde...

"Wer bist du und was willst du hier?" -das er mich bereits entdeckt hat. Bisher hat er sich allerdings noch nicht umgedreht. Wenn ich mich jetzt ganz schnell verdrücke kriegt er vielleicht gar nicht mit, das ich hier bin.

"Nee-chan?!" OK, zu spät! Wie sollte es denn bitte schön bei meinem Glück auch anders sein? Natürlich muß er sich ausgerechnet in dem Moment umdrehen in dem ich unauffällig durch die nächstbeste Wand verschwinden will.

"Hi! Lange nicht gesehen." In Puncto clevere Antwort ist das hier eine glatte fünf Minus. Mir sollte endlich mal was sinnvolleres einfallen um mein plötzliches Auftauchen an den verschiedensten Orten zu erklären. Langsam wird das langweilig. Das Catan weder von meinem plötzlichen Auftauchen noch von meinem derzeitigen Zustand (ohne Körper und noch dazu in einer ihm nur zu gut bekannten Uniform) sonderlich begeistert war muß ich wohl nicht extra erwähnen. Da er mir aber mitten auf dem Gang schlecht die Leviten lesen konnte schleppte er mich ohne viel Federlesen in sein momentanes Büro. Kaum hatte sich die Tür hinter uns geschlossen konnte ich mir ein Donnerwetter anhören, das sich gewaschen hatte. Nachdem er sich gut und gerne zwanzig Minuten über meinen Leichtsinn aufgeregt hatte war er so aus der Puste, dass er erst einmal tief Luft holen mußte. Das war meine Chance ihm begreiflich zu machen warum ich mich überhaupt zu so etwas hinreißen ließ. Mit dem Ergebnis, das ich mir direkt dir nächste Standpauke anhören durfte. Für ihn war es vollkommen unverständlich das ich mich zu so einem Blödsinn überhaupt bereit erklärte. Seufzend ließ ich seinen Vortrag was die möglichen Konsequenzen meines Handelns anging über mich ergehen, da er mich nicht mehr zu Wort kommen ließ.

"Ehrlich Nee-chan, ich verstehe dich nicht mehr." Der schmerzvolle Klang seiner Stimme und sein sorgenvoller Blick ließen in meinem Magen einen Klumpen entstehen.

"Warum setzt du dein Leben aufs Spiel nur um dieser Seele einen Gefallen zu tun? Ihr könnt dabei beide sterben." Es entstand eine kurze Pause in der mir klar wurde, dass er es nie verstehen würde, wenn ich jetzt nicht auspackte. Das Problem ist nur, das ich ihn damit wahrscheinlich wesentlich mehr verletzen werde als mich selbst. Ich überlegte kurz ob ich das wirklich tun sollte aber ein Blick in sein Gesicht verriet mir nur zu deutlich, dass mir gar keine andere Wahl mehr blieb. Seufzend ließ ich mich auf seinen Schreibtisch sinken und bat ihn sich zu setzen. Er blieb lieber stehen, aber ich fragte mich wie lang das noch der Fall sein würde.

"Du weißt bisher ziemlich wenige über meine Vergangenheit und ich wünschte mir wirklich das würde so bleiben, aber ich schätze, das ich dir zumindest dieses Mal eine Erklärung schulde." Er wollte gerade etwas einwenden als ich die Hand hob. Ein stummes Nicken war seine Antwort auf meine Bitte nicht unterbrochen zu werden. Obwohl ich mit dieser Aussage klargestellt hatte, das es nicht immer der Fall sein würde. Meine Erklärungen würden in Zukunft wahrscheinlich eher knapp ausfallen. Also kein allzu größer Unterschied zu dem Verhalten was er von mir schon kannte.

"Was es mit meinen Alpträumen auf sich hat habe ich dir ja nach meiner Rückkehr bereits erklärt, aber ich habe dir nie verraten was der eigentliche Grund dafür war." Jetzt zog er es doch vor auf einem Stuhl Platz zunehmen.

"Um es kurz zu machen eigentlich dürfte ich gar nicht existieren. Meine bloße Existenz ist ein Verstoß gegen fast jedes Gebot Gottes dem ihr folgt." Er wollte protestieren verschloß seinen Mund aber wieder als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte. Ich würde ihm das nur ein einziges Mal erzählen und das auch nur wenn er mich nicht unterbrach. Mit einem leisen Seufzer ließ er mich fortfahren.

"Schlimm genug, das jeder glaubt ich wäre ein sogenanntes Halbblut. Ein Mischling von Engel und Mensch, aber eigentlich ist es noch viel schlimmer. Sicher, ich bin ein Halbblut, das habe ich nie bestritten, das Problem ist nur, das meine andere Hälfte nicht menschlicher sondern dämonischer Natur ist." Er sackte stöhnend in seinem Stuhl zusammen.

"Das ist auch der Grund warum ich mich ohne größere Probleme in der Hölle bewegen konnte. Solange kein Engel oder Dämon Verdacht schöpft setze ich mich bei solchen Aktionen keinerlei Gefahr aus, da ich meine Aura der jeweiligen Situation anpassen kann." So, damit wäre der Grundstein gelegt und seine unnatürliche Blässe zeigt nur zu deutlich, das er kurz davor steht einen Schock zu erleiden. Ich hoffe nur er hält bis zum Ende durch.

"Meine Eltern hielten es daher für sinnvoller mich in Assia zu verstecken. Dort gab es einen Menschen, dem sie vertrauten und er nahm mich in seine Familie auf. Den Großteils meines Lebens verbrachte ich bei ihm. Er und seine Frau wurden zu meiner Ersatzfamilie, da meine Eltern es nicht riskieren konnten mich zu oft aufzusuchen. Das Risiko, das sie man sie so entdeckte und von mir erfuhr war einfach zu hoch. Für meine Ausbildung nahmen sie mich jeweils in ihr Hoheitsgebiet mit. Dort lernte ich mit meinen Kräften umzugehen und so gut es ging setzte ich diese dann zum Wohl meiner Familie und meines Dorfes ein. Eigentlich war es eine durch und durch friedliche Zeit, denn Kriege zogen an uns vorbei ohne die Ebene in der wir lebten überhaupt berührt zu haben. Wir waren eine kleine glückliche Gemeinschaft und ich bin niemals glücklicher gewesen als in jenen Tagen die ich mit meiner Familie verbrachte." Allein bei dem Gedanken an all die bekannten und freundlichen Gesichter, die mich fast meine gesamte Jugend lang begleitet hatten wurde mir warm ums Herz.

"Wahrscheinlich wirst du es nicht glauben, aber ich habe mich damals während meiner Ausbildung in den Himmeln unsterblich in einen Engel verliebt und er sich in mich. Wir konnten uns einfach alles sagen und obwohl er immer wieder in die Himmel zurück mußte um nicht aufzufallen konnte uns nichts wirklich für lange trennen. Als unser Sohn zur Welt kam war es der schönste Tag in unserem Leben."

"Sohn?" Seine Augen flehten mich förmlich an ihm zu sagen, daß das nicht wahr war. Tut mir leid, aber ich kann dir dieses Wissen nicht ersparen.

"Ja, ich hatte einen Sohn. Sein Name war Ariel und abgesehen von seiner Haarfarbe war er das Ebenbild seines Vater." Ich konnte nicht verhindern, dass sich allein bei dem Gedanken an sein freudiges Kinderlachen ein sanftes Lächeln in mein Gesicht schlich. Er hätte sich bestimmt gut mit Catan verstanden.

"Er war unser kleiner Sonnenschein obwohl wir beide wußten, das es wahrscheinlich ein Fehler war brachten wir ihm alles bei was wir wußten und das gesamte Tal stand hinter uns. Die Menschen sahen und als die ihrigen an und keiner von ihnen hätte uns jemals verraten." Noch bevor ich überhaupt einen einzigen Ton mir gegeben hatte veränderte sich meine Stimmung schlagartig. Jetzt kommt der Teil, den er eigentlich nie hätte hören sollen.

"Das war auch unser Verhängnis. Keiner war bereit uns zu verraten als die Engel ins Dorf kamen um mich mit nach Yetzirah zu schleppen. Sie hatten das Gerücht gehört, das sich in einer ganz bestimmten Region Assias ein Wesen aufhalten sollte, das eine Stimme besaß, die selbst Engelschöre vor Neid erblassen ließ." Ich mußte nicht erwähnen um wen es sich dabei handelte. Sein Blick verriet nur allzu deutlich, dass er die Antwort kannte.

"Als ich mich weigerte sie zu begleiten griffen sie uns hinterrücks an." Ich mußte kurz Luft holen um meine Tränen niederzukämpfen. Es war nicht nötig ihm alles zu erzählen, also sparte ich mir den Teil in dem sie den Himmel in Brand gesteckt hatten.

"Sie nahmen meine Zieheltern als Geisel, damit ich mich nicht mehr gegen sie wehrte. In ihrem Lager hatten sie zusätzlich sämtliche Dorfbewohner versammelt die nur dann leben und freikommen würden, wenn ich einwilligte sie zu begleiten. Da ich allerdings immer noch nicht bereit war sie zu begleiten ließen sie mich mit einem Menschen allein, der mich schon seit dem Tag verabscheute an dem wir uns das erste Mal begegnet waren." Er sog scharf die Luft ein. Es ist nicht sonderlich schwierig zu erraten was das für Folgen nach sich gezogen hatte. Verkraftet er den Rest.

"Nur reichte ihnen das noch nicht. Ihr Anführer hat sämtliche Kinder des Dorfes abschlachten lassen nur um mir zu zeigen zu was meine Sturheit führte. Einzig mein Sohn war noch am Leben doch nur um meinen Willen endgültig zu brechen." Mühsam unterdrückte ich den Drang laut aufzuschluchzen. Entschlossen ballte ich meine Hand zur Faust und drückte sie auf die Tischplatte.

"Sie haben ihn vor meinen Augen gevierteilt." Meine Stimme versagte als sich dir Szene von damals erneut vor meine Augen schob.

"Nein!" Traurig sah ich ihn an. Er war leichenblaß.

"Doch Catan, es ist wahr. Sie haben meinen Sohn vor meinen Augen getötet und es hat sie nicht im Geringsten gestört was sie damit anrichteten. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatten war, dass sie damit gleichzeitig den größten Fehler ihres Lebens machten." Ein bitteres Lachen löste sich von meinen Lippen.

"Sie haben den schlafenden Dämon in mir geweckt. In dem sie mir alles nahmen was mir lieb und teuer war verlor ich zum ersten Mal die Kontrolle über mich und meine Kräfte. Als man mich endlich stoppte war fast das gesamte Tal in Blut und Asche getränkt. Ich hatte ohne Rücksicht auf Freund oder Feind alles niedergemacht, was mir in die Quere kam. Erst der tödliche Schlag eines Engels hinderte mich daran noch mehr Unheil anzurichten." Das Entsetzen in seinem Gesicht ließ mich fast innehalten. Aber nur fast.

"Sie packten mich schwerverletzt auf eine Bahre und wenn Remiriel nicht plötzlich auf dem Nichts aufgetaucht wäre um mich zu rächen hätte ich den Transport in die Himmel wohl kaum überlebt. Er brachte Raphael dazu mich zu heilen während er sich wieder um seine Arbeit kümmerte. Meine Mutter holte mich ab und verhinderte, das Raphaels Untersuchungsergebnisse jemals an das Licht der Öffentlichkeit gelangen würde. Doch noch ehe sie mich in Sicherheit bringen konnte wurde sie zu einem Wing cutting gerufen. Man hatte ihr weder gesagt um wen es sich dabei handelte noch was dieser Engel verbrochen hatte. Deshalb nahm sie mich mit. Ein Fehler, den sie sich wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens nicht mehr verziehen hat." Man konnte ihm ansehen was er nun befürchtete und wie ich hoffte er dass ich die nächsten Sätze nicht aussprechen würde. Doch genauso wie ich mir vergeblich wünschte meine Vergangenheit ändern zu können hoffte er vergeblich darauf, das ich schwieg.

"An diesem Tag verurteilten sie nicht irgendeinen Engel, sondern Remiriel, mein Mann und der Vater meines Sohnes. Dieser Schock reichte aus um mich sofort nach Assia zurück zu teleportieren obwohl ich bis heute nicht weiß wie ich das angestellt habe." Ich starrte auf die gegenüberliegende Wand und fuhr tonlos fort.

"An einem einzigen Tag habe ich alles verloren was mir etwas bedeutete. Grund genug um sich zu wünschen einfach alles hinter sich zu lassen. Nur kann ich nicht sterben. Keine von Menschenhand geschaffene Waffe ist in der Lage mich zu töten. Ich blieb also auch weiterhin am Leben. Meine Eltern erfüllten wir meinen Wunsch alles vergessen zu können was an jenem Tag geschehen war und versiegelten meine Kräfte gemeinsam mit meinen Erinnerungen in einem Kreuz." Betroffen senkte er den Kopf. Ich wußte nur zu genau an was er jetzt dachte.

"Dieses Siegel hielt bis zu jenem Tag an dem Rosiel mich hier nach Assia brachte. Nein, nicht ganz es brach erst als er mich zu diesem Wing cutting schleifte. In dem Moment wo ich den gefangenen Engel sah erwachten meine Erinnerungen wieder." Und ich wünschte bei Gott, dass sie es nicht wären.

"Deshalb mußte ich Yetzirah auch so schnell verlassen. Meine Aura war ein Signalfeuer, das die Hunter unter Garantie nicht übersehen hätten. Ich wäre für mich und alle die mit mir zu tun hatten nur eine Gefahr gewesen. Das ist auch einer der Gründe warum ich Rosiel solange nicht gesagt habe was ich wirklich für ihn empfinde." Mühsam versuchte ich das Zittern in meinem Körper zu unterdrücken, aber es mißlang kläglich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mich in seiner Gegenwart niemals verstellen mußte wenn es darum ging meine Ängste zu bewältigen. Er räusperte sich kurz.

"Nee-chan, das erklärt einiges, aber immer noch nicht warum du einer fremden Seele deinen Körper überläßt." Seine Stimme klang brüchig. Ich lächelte ihn müde an. Meint er wirklich ich hätte das vergessen?

"An dem Tag an dem ich Yetzirah verließ tat ich noch etwas anderes. Im Wassergarten gibt es einen uralten Wächter. Eine Art Ghoul in der Gestalt eines Drachen, der sich schon länger als sich irgendjemand überhaupt zurück erinnern kann dort befindet. Nur, das es sich nicht wirklich um ein solches Wesen handelt. In seinem Inneren war die Seele eines Engels gefangen. Eines Engels, der vor langer Zeit zu einem Wing cutting verurteilt worden war, dessen Seele sich aber nicht beeinflussen ließ. Diese Seele liebte ihre andere Hälfte so sehr, das sie nicht bereit war zu gehen ohne diese noch ein einziges Mal zu sehen. Erst als er die andere Hälfte seines Selbst traf konnte er in Frieden sterben." Ein gequälter Laut drang aus seiner Kehle.

"Bitte Nee-chan sag mir, daß das nicht wahr ist."

"Was denn? Was soll nicht wahr sein? Das Engel zu solchen Grausamkeiten fähig sind, oder das im Hades die Seelen meiner Familie auf meine Rückkehr warten." Als ich merkte wie sehr ihn der letzte Satz verblüffte erklärte ich ihm was es damit auf sich hatte und wie mich das alles letztendlich dazu gebracht hatte Anael meinen Körper zu überlassen.

"Das würde bedeuten, das Uriel über all das genau bescheid weiß?"

"Ja, er weiß wahrscheinlich sogar wesentlich mehr über meine Eltern als ich selbst. Trotzdem wird er dieses Wissen niemals gegen mich verwenden." Mein Vertrauen in Uriel überraschte ihn, aber nach allem was er gehört hatte zweifelte er nicht mehr länger an dem Wahrheitsgehalt meiner Worte.

"Und Rosiel? Weiß er davon?" Erschrocken sah ich ihn an.

"Nein, er weiß rein gar nichts darüber und das soll nach Möglichkeit auch so bleiben. Wenn er es wüßte würde ihn das wahrscheinlich mehr leiden lassen als mich. Es ist schon schlimm genug, dass ich mich in ihn verlieben mußte. Er muß nicht wissen, dass ich diesen Fehler bereits schon einmal bitter bereut habe." Ein verächtliches Schnauben ließ deutlich erkennen was er von meiner Wortwahl hielt. In seinen Augen hätte Rosiel und mir nichts besseres passieren können als das wir uns gegenseitig ineinander verliebten. Doch er konnte mich nicht überzeugen.

"Rosiel darf davon nichts erfahren. Er würde es nicht verstehen."

"Warum nicht? Nee-chan, du unterschätzt ihn. Er würde es mit Sicherheit verstehen." Ich zog vorsichtig ein Bein an und stützte meinen Kopf auf das Knie. Nachdenklich musterte ich ihn. Er wirkte vollkommen überzeugt von dem was er sagte und eigentlich hätte ich es dabei belassen können, aber ich wollte ehrlich zu ihm sein.

"Nein Catan. Er würde es nicht verstehen." Bevor er protestieren konnte brachte mein flehender Blick ihn zum Schweigen. Es ist nicht einfach, aber jetzt muß er auch den allerletzten Rest erfahren.

"Rosiel wird es niemals verstehen, das ich mich zum Einen in ihn verliebt habe und endlich bereit bin diese Gefühle zu akzeptieren, aber auf der anderen Seite nicht zulassen werde, dass er Setsuna, den Messias tötet oder Assia zerstört. Ich verstehe mich ja selbst nicht. Wie soll er es dann begreifen?"

"Nee-chan." Besorgt kam er auf mich zu und wollte mir beruhigend die Hand auf die Schulter legen, aber seine Hand glitt durch mich hindurch.

"Mein Entschluß steht fest. Dieses Mal werde ich verhindern, dass man meine Heimat zerstört. Ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand die Welt der Menschen gefährdet. Egal was es mich kostet." Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen als er begriff was das bedeutete.

"Nee-chan, das kann nicht dein Ernst sein."

"Doch Catan. Es ist mein voller Ernst. Ich habe nicht vor noch einmal alles zu verlieren. Ich habe einmal alles riskiert um meine Liebe zu schützen und dadurch wurde meine Heimat zerstört. Diesen Fehler werde ich nicht wiederholen." Er war kalkweiß, aber er nickte. Anscheinend wußte er wie schwer mir diese Entscheidung gefallen war.

"Ich verstehe." Zweifelnd sah ich ihn an, doch seine Augen spiegelten deutlich wieder das es ihm ernst war.

"Das bedeutet, dass wir irgendwann Gegner sein werden." Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung glitt ich von seinem Schreibtisch und legte ihm zärtlich ein Hand in den Nacken. Er ahnte die Berührung mehr als das er sich spürte und schloß die Augen.

"Ich wünschte es gäbe einen anderen Weg." Unter seinen Wimpern begannen sich ein paar Tränen zu bilden.

"Nee-chan." Beruhigend fuhr ich mit meiner anderen Hand über seine Lippen.

"Nicht. Quäl dich nicht damit. Bis dahin ist noch viel Zeit. Noch muß ich meine Entscheidung nicht endgültig fällen. Und wer weiß? Vielleicht wird am Ende ja doch noch alles gut." Ein heiseres Lachen löste sich aus seiner Kehle bevor er mich flehend ansah.

"Glaubst du denn daran?" Auf diese Frage konnte ich ihm nicht antworten. Alles was ich ihm hätte sagen können wäre eine Lüge gewesen. Aber ich mußte es auch nicht. Er kannte die Antwort selber nur gut genug.

"In Ordnung Nee-chan. Ich werde Rosiel nichts sagen, aber ich bitte dich überleg es dir noch mal." Ich schüttelte den Kopf. Es gibt nichts mehr zu überlegen es gibt nur diese eine Möglichkeit um Assia vor einer Katastrophe zu bewahren und das weiß er ebenso gut wie ich.

"Ich danke dir." Er lächelte mich gequält an und meinte ich sollte besser gut auf mich aufpassen, da Rosiel bestimmt immer noch stinksauer auf mich war wenn er aufwachte. Meinen Fluchtversuch hatte er nämlich schneller spitzgekriegt als es Catan oder mir lieb gewesen war. Das war auch einer der Gründe für die Anwesenheit der Beiden im Himmelskorridor. Rosiel hatte durch seine Spione erfahren, das ich mich auf den Weg hierher gemacht hatte und da er eh einiges im Korridor zu erledigen hatte würde es wahrscheinlich niemanden auffallen, wenn er mich nebenbei wieder einsammelte. Ich schnaubte verächtlich bei dem Gedanken, das Rosiel sich die Sache so einfach vorstellte, aber es war auch süß von ihm sich solche Sorgen um mich zu machen. Wie Catan bemerkte auch nicht ganz zu Unrecht, da ich ja mal wieder in Schwierigkeiten steckte, was ich vehement dementierte. Noch stecke ich immerhin in keinen Schwierigkeiten, das wird wahrscheinlich erst beim Aufwachen kommen. Und da wir gerade beim Thema waren fiel Catan prompt ein, das Rosiel mich höchstwahrscheinlich entdecken würde sobald er sein Nickerchen beendet hatte. Immerhin ist meine Aura selbst in dieser Form nur schwer zu übersehen. Was einen mehr als triftigen Grund für mich darstellte mich so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu verdrücken. Catan wünschte mir noch viel Glück als ich durch die Wand verschwand, aber es war ihm deutlich genug anzumerken, das es ihm wesentlich lieber gewesen wäre, wenn ich mich von Rosiel hätte finden lassen. Etwas, was meiner Meinung nach überhaupt nicht in Frage kam. Sollte Rosiel mich in diesem Zustand vorfinden würde er mich unter Garantie für den Rest meines Lebens einsperren. Das Letzte was ich jetzt gebrauchen kann war ein überbesorgter Rosiel. Es ist schon schwierig genug so wie es jetzt ist. Das muß man nicht unbedingt erweitert werden.

Nachdem ich Catans Büro mit einem ziemlich schlechten Gewissen (immerhin wußte ich nur zu gut was ich ihm angetan hatte als ich ihn in meine Vergangenheit einweihte) verlassen hatte konnte ich mich wieder mit meinem vorherigen Problem auseinander setzen. Was stellt man als Astralwesen, das nicht entdeckt werden soll an? Mir fiel absolut nichts sinnvolles ein und für einen kurzen Moment überlegte ich ob es nicht besser wäre noch einmal zu Catan zurückkehren sollte, aber dann verwarf ich den Gedanken wieder. Nein, es ist besser wenn ich ihn jetzt allein lasse. Schlimm genug, das ich ihn in eine solche Zwickmühle gebracht habe. Ich muß es nicht noch dadurch verschlimmern, das Rosiel mich bei ihm findet. Trotzdem, auf Dauer wird das hier langweilig. Immer nur in der Gegend rumschweben und warten ist auch nicht so das Wahre. Man ist das langweilig. Eine plötzliche Energiewelle sorgte dann allerdings schneller für Abwechslung als mir lieb war.

Ich fand mich in einer Art abgedunkelter Bar wieder in der es vor Menschen nur so wimmelte. OK, ganz ruhig bleiben. Es gibt bestimmt auch hierfür eine vollkommen logische Erklärung. Ich hab zwar keine Ahnung wie die Aussehen soll, aber ein bißchen Umsehen kann ja nicht schaden. Die Umgebung sieht jedenfalls nicht sonderlich feindselig aus. Eher kommt sie mir halbwegs vertraut vor.

Bei genauerer Betrachtung entpuppte sich das Ganze nicht als irgendeine Bar, sondern als die Bar in der ich die restlichen Mitglieder von White demon feather kennengelernt hatte, die sich zum damaligen Zeitpunkt noch Illusion nannten. Merkwürdig wie kommt es das es mich jetzt ausgerechnet an diesen Ort verschlägt? Das ist doch sicher kein Zufall. Vorsichtig bewegte ich mich durch die Menschenmenge, die mich seltsamerweise gar nicht zur Kenntnis nahm. Komisch normalerweise umringten mich unsere Fans schon noch bevor sich die Eingangstür hinter mir geschlossen hatte. Anscheinend befinde ich mich in dem Traum von irgendjemanden. Anders ist wohl kaum zu erklären, dass die Geräuschkulisse so verdächtig ruhig ist und niemand wirklich lebendig wirkt. Mal abgesehen von der Tatsache dass in Assia eigentlich die Zeit stillsteht und sich dort keine einzige Menschenseele mehr bewegt. Außerdem habe ich das dumpfe Gefühl das Ganze irgendwann schon einmal erlebt zu haben. Wenn ich richtig liege, dann müßte sich in der hinteren rechten Nische mein Lieblingsdrink zusammen mit einer tiefroten Rose befinden. Und richtig. Kaum hatte ich den Vorhang zur Seite geschoben entdeckte ich ein großes Glas Gin Tonic und daneben lag eine tiefrote Baccara Rose. Es ist also wieder dieser Traum...

Schon komisch. Ich habe lange nicht mehr an ihn gedacht und da ich selbst nicht schlafe muß eine andere Person denselben Traum haben, wie ich. Dabei ist es schon so lange her, das ich mich im Traum an diesem Ort geflüchtet habe. Das letzte Mal war es nach einem meiner Alpträume. Jedes Mal wenn ich aus einem Alptraum nicht sofort hochschreckte flüchtete ich mich an diesen Ort. Ein Ort zwischen Schlafen und Aufwachen und jedesmal habe ich das Glas und den Drink gefunden ohne zu wissen von wem er stammt. Da beides aber jedesmal an meinem Lieblingsplatz lag konnte es sich nur um eine Person handeln, die mich gut kannte. Wie schon so oft zuvor sah ich mich auch dieses Mal suchend im Raum um, doch von dem unbekannten Verehrer fehlte nach wie vor jede Spur. Erst als ich schon fast enttäuscht aufgeben wollte entdeckte ich ihn am anderen Ende es Raums. Es konnte nur er sein. Keine andere Person in diesem Raum strahlte eine dermaßen lebendige Aura aus und sah nebenbei so gut aus. Seine langen weißsilbernen Haare waren mit einem schwarzen Samtband im Nacken zusammen gefaßt und die Menge machte einen unmerklichen Bogen um ihn. Er stand mit dem Rücken zu mir und wurde von dem Schatten eines Vorhangs halb verborgen. Das Ganze kam mir viel zu vertraut vor. Vor allem diese silbernen Haare und diese Silhouette im Schatten habe ich bereits mehr als einmal gesehen. Warum komm ich nicht drauf wo?

Ich habe diesen Traum doch schon so verdammt oft gehabt und einmal habe ich sogar einen Song darüber geschrieben, da ich endlich herausfinden wollte was es damit auf sich hatte. Leider ohne Erfolg. Der Traum blieb und eine Erklärung warum ich ihn hatte oder wer der Fremde war, der mich so faszinierte blieb aus. Normalerweise wache ich nämlich immer wieder genau dann auf wenn der Fremde sich zu mir umdreht. Einzig ein Blick in seine Augen konnte ich noch erhaschen, aber danach lag ich immer hellwach in meinem Bett. Es ist mir noch nicht ein einziges Mal gelungen sein Gesicht zu erkennen. Vielleicht schaffe ich es ja dieses Mal endlich sein Gesicht zu sehen.

Langsam ging ich auf ihn zu und genoß zwischendurch immer wieder den wundervollen Duft der Rose in meiner Hand. Das ich dieses Mal aufwache bevor ich sein Gesicht gesehen habe ist ziemlich unwahrscheinlich. Also, dann mal los. Wie schon unzählige Male zuvor tippte ich meinem unbekannten Verehrer mit der Rose auf die Schulter und wartete darauf, dass er sich umdrehte. Er tat mir den kleinen Gefallen und augenblicklich nahm mich ein wunderschönes Paar goldener Augen gefangen.

*Ro... Rosiel?* Er sah mich ebenso verblüfft an wie ich ihn.

*Shao? Das ist dein Traum?* Die ganze Situation war so abstrus, das weder er noch ich wußten was wir davon halten sollten. Allerdings war uns beiden klar das wir schon wesentlich länger denselben Traum hatten als wir ahnten beziehungsweise fiel es uns gerade wie Schuppen von den Augen, da wir bis vor wenigen Minuten überhaupt nicht an diese Möglichkeit gedacht hatten. Nur hatten wir bisher niemals die andere Person erkennen können, die uns in diesem Traum begegnete, da wir immer genau in dem Moment aufwachten in dem wir den anderen hätten erkennen können. Nachdem das dieses Mal nicht der Fall war zogen wir uns dezent in eine Nische zurück um uns darüber zu unterhalten was das alles zu bedeuten hatte. Es stellte sich heraus, dass wir diesen Traum teilten seitdem Rosiel in den Tiefen der Erde versiegelt worden war. Außerdem erzählte er mir, dass er meine Stimme schon wesentlich früher gehört hatte. Damals als wir gerade unsere Single >Rock me< veröffentlicht hatten. Danach hatte er immer wieder auf diese eine Stimme gelauscht, die ihm seine Gefangenschaft etwas erleichterte. Aber wie er verlegen zugeben mußte hatte er niemals damit gerechnet, das dieses Stimme ausgerechnet einem Menschen gehören würde. Noch dazu einem Menschen wie mir, der so dermaßen wenig Respekt vor ihm hat. Eigentlich konnte man das Ganze schon fast als normales Date bezeichnen wäre da nicht die kleine Tatsache, das ich a) nicht wirklich in diesem Raum existierte, b) er wahrscheinlich irgendwo tief und genüßlich schlief und c) ich eigentlich ein verdammt schlechtes Gewissen haben sollte, das ich ihm nicht einfach seine Frage nach meinen Aufenthaltsort beantwortete. Allerdings kam das für mich überhaupt nicht in Frage und er lehnte sich seufzend mit dem Kommentar zurück, dass er sich das schon gedacht hätte. Es wäre ja auch wirklich zu einfach gewesen wenn er mich ein einziges Mal finden würde bevor ich in Schwierigkeiten steckte. Empört wies ich die Unterstellung von mir. Was kann ich denn dafür wenn diverse Engel immer wieder meinen mein Leben vorzeitig ein Ende setzen zu müssen?! Er belohnte mich mit einem perlenden Lachen und einem Lächeln, das einen Gletscher hätte schmelzen können. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wohl wissend, dass ich dieses Spielchen ausnahmsweise einmal nicht gewinnen würde. (Dafür ist die Umgebung und die Atmosphäre viel zu verführerisch.) Nach einer knappen halben Stunden wilden Herumflirtens hatte ich dann wirklich genug und zog ich den Vorhang der Nische ganz zu während ich auf seinen Schoß krabbelte. Etwas erstaunt zog er seine Augenbrauen nach oben.

*Du hast doch jetzt hoffentlich nicht das vor was ich befürchte, oder?* Ich grinste ihn an.

*Schon vergessen? Das hier ist unser Traum. Wir können hier tun und lassen was wir wollen.* Als Antwort hob er mich hoch und fegte den Tisch leer.

*Zufrieden?* Ich gurrte ihm ins Ohr was mich noch wesentlich mehr zufrieden stellen würde und mit einem satanischem Grinsen machte er sich daran meinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Eng umschlungen dösten wir schließlich auf der Eckbank vor uns hin. Wobei ich mich immer noch fragte wie es möglich war, das wir nicht sofort zu Boden fielen, aber es ist ein Traum. Warum nach Logik suchen? Zufrieden kuschelte ich mich enger an ihn und genoß die Wärme seines Körpers, der mich nach wie vor umschlungen hielt. Schade, das es nicht immer so sein kann...

Irgendwann meldetet sich leider ein nur allzu menschliches Bedürfnis bei mir. Leise fluchend öffnete ich mich meine Augen und verwünschte den Tag an dem man mich in die Himmel geschleppt hatte. Selbst meine Träume werden hier bekloppter. Wann und wo hat man denn bitte schön einmal davon gehört, dass man in seinem Traum aufs Klo muß? Und das ausgerechnet in so einem Moment?! Fluchend versuchte ich mich aufzurappeln und hätte genauso gut probieren können einen Granitblock anzuheben. Da ging rein gar nichts mehr. Stöhnend schüttelte ich den Kopf beziehungsweise versuchte es und verwünschte alles was mir gerade in den Sinn kam. Warum immer ich?

Wenigstens schläft Rosiel nach wie vor. Da mein Körper mir nicht gehorchte und das dringende Bedürfnis allmählich wieder abklang ist die Situation vielleicht doch nicht ganz so schlecht wie es den Anschein hat. Rosiels warmer Körper direkt an meinem weit und breit kein Störenfried. So läßt es sich aushalten.

*Shao-san ich glaube du solltest dich lieber nicht zu früh freuen.*

*Anael?*

*Tut mir leid, aber es ist besser wenn du schnell aufwachst.* Das klang ernst und binnen von zwei Sekunden hatte ich meine Augen erneut geöffnet und ein vollkommen neues Bild vor Augen. Sicher, ich schmiege mich nach wie vor an einen warmen Körper nur ist das nicht mehr Rosiel. Mit einem vollkommen seligen Lächeln auf seinen Lippen hielt mich Zaphikel in seinen Armen und bei dem was mein Blickfeld zuließ (an bewegen ist gar nicht mal zu denken) war es nicht sonderlich schwer zu erraten was kurz zuvor passiert war. Anael zu fragen erwies sich als absolut unnötig und wahrscheinlich auch unmöglich, da ihre Anwesenheit immer mehr verblaßte. Sieht ganz so aus, als wäre ihre Seele endlich erlöst.

Und wenn ich mich bewegen könnte, dann hätte ich mir wohl als erstes etwas zum Anziehen gesucht, aber so blieb ich einfach neben Zaphikel auf dem Boden liegen mit dem sicheren Wissen, das Anaels Seele nun endlich ihren Frieden gefunden hatte. Allerdings habe ich jetzt wirklich ein Problem und zwar ein verdammt großes. Wenn Zaphikel aufwacht kriegt er wahrscheinlich den Schock seines Lebens. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich Rosiel irgendwie noch erklären muß warum ich in unserem Traum die Uniform einer Wache des Himmelskorridors getragen hatte. Ich hatte ihn vorhin zwar erfolgreich ablenken können, aber wenn er aufwacht wird es bestimmt nicht allzu lange dauern bis ihm aufgeht was ich angestellt hatte. Oh man, oh man ich stecke ich wirklich schon wieder in Schwierigkeiten? Lange hat das ja nicht gedauert.

Zum Glück wird es wohl noch eine ganze Weile dauern bis Rosiel aufwacht und bis dahin habe ich noch mehr als genug Zeit übrig. Also warum nicht noch ein bißchen genießen was sich hier so bietet?

 

 

03-12-01

 

 

Next: Part 26 – Remiriel

 

 




Das Lied von dem Shao in diesem Kapitel spricht ist >Scary Eyes<

Puh, kaum zu fassen aber es ist nur knapp ein Monat seit dem letzten Posting vergangen und Weihnachten ist auch nicht mehr sonderlich weit. Leider wird es dieses Jahr wohl nichts mehr werden mit dem nächsten Kapitel (Vorweihnachtsstress ist was furchtbares...).

Deshalb wünsche ich allen Lesern schon einmal vorweg einen wunderschönen Nikolaus (lasst euch gut mit Schokolade eindecken), schöne Feiertage (nicht zu viel essen, dann passt die Nikolaus-Schokolade nicht mehr in den Bauch) und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Wir sehen uns dann 2004 wieder!

UPDATE Kurenai no Tenshi
 

ab sofort erhältlich

Volume 13

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UPDATE Convention
 
Teilnahme an folgenden
CONVENTIONS:

Dokomi
30.04. - 01.05.2016
in Düsseldorf
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UPDATE Fanfiction
 
Moon Shadows
Chapter 14
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Secrets
wird fortgesetzt
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Love of an angel
abgeschlossen
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Kaze to ki no uta

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Animescreenshots sind online
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