Part 26

03-10-28

 

Love of an angel

         Part 26

 

 

Remiriel

 

Bei den Menschen gibt es eine wunderschöne Sage. Sie erzählt von einer Seele, die von Gott getrennt wurde um in der Welt der Menschen wiedergeboren zu werden. Zwei Körper, zwei verschiedene Charaktere, die dennoch ein Ganzes bilden. Finden sich die beiden Teile dieses ehemals Ganzen werden sie wieder eins und erleben das wahrhaft vollkommene Glück.

 

Mit einem lauten Knall wurde das Buch zugeschlagen und erschrocken zuckten ein halbes Dutzend Köpfe aus ihren Tagträumen hoch.

"Und genau das ist es, was die Menschen von uns unterscheidet. Die glauben nämlich so einen Schwachsinn." Wie erwartet starrten ihn sämtliche seiner Schüler völlig ungläubig an. Das war immer so, wenn er dieses Thema unterrichtete und es würde sich wohl niemals ändern. Dafür hingen diese ganzen Jungspunde viel zu sehr an ihren Träumereien über die Romantik und jene eine wahre, große Liebe der Menschen. Nun ja, sie würden ihre anfängliche Begeisterung schon bald verlieren, wenn sie erst einmal erfuhren was die Menschen so ausmachte und was diese noch so alles von ihnen unterschied. Mal abgesehen von diesem ganzen Liebesgeplänkel, das aus selbst erwachsenen Männern die reinsten Kindsköpfe machte.

"Aber warum soll das Schwachsinn sein?" Seufzend drehte er sich um. Das war genau die Frage, die er erwartet hatte. Sie kam an dieser Stelle eigentlich immer. Vielleicht sollte er einfach schon einmal vorab Notizen verteilen in denen er erklärte warum gewisse Dinge so waren, wie sie waren. Aber er hatte bisher nie die Hoffnung aufgeben, das es eines Tages vielleicht eine Klasse geben würde in der niemand mehr danach fragte. Auch wenn er ganz genau wusste, das er vergeblich hoffte. Diese Frage würde es wahrscheinlich immer geben. Sie gehörte seit Anbeginn der Zeiten zu den Menschen und allem was sie betraf. Vielleicht sollte er sich einfach ein neues Unterrichtsfach suchen. Das wäre wesentlich einfacher als darauf zu hoffen, das diese Jungspunde jemals so weit zu Verstand kommen würden um diese Frage nicht zu stellen.

"Weil Gott sich niemals so etwas ausgedacht hat. Warum sollte er sich die Mühe machen erst eine Seele zu kreieren und sie dann trennen? Dadurch würde doch seine eigene Arbeit völlig unsinnig erscheinen."

"Aber-" Der kleine Störenfried ließ nicht locker. Seufzend drehte er sich wieder um und stand nun mit dem Rücken zu seiner Klasse. Kritisch musterte er die Wand vor sich, die dringend einen neuen Anstrich gebrauchen könnte, während er antwortete.

"Bitte. Der Herr weiß was er tut und ich kann dir aus zuverlässiger Quelle versichern, dass er sich so einen Quatsch niemals hätte einfallen lassen." Augenblicklich schwieg alles um ihn herum. Es war ein offenes Geheimnis, das er zu den Wenigen gehörte, die noch mit dem Herrn sprachen und ihn auch regelmäßig sahen. Nachdem er sich mit rund noch einem Dutzend unnötiger Fragen herumschlagen musste war der Unterricht endlich vorbei. Wenn er sich beeilte, dann würde ihm noch genügend Zeit bleiben um sich einen kleinen Imbiss zu gönnen. Nachdem er im Gehen sein erstes Sandwich verspeist hatte machte er sich gut gelaunt auf den Weg zu seinen Gemächern.

„Bist du reisefertig?“ Das zweite Sandwich klebte bereits zwischen seinen Zähnen, aber das hatte ihn noch nie sonderlich gestört. Zwischen den einzelnen Bissen schaffte er es immer noch seine Fragen unterzubringen und bisher hatte keiner seiner Rekruten es jemals gewagt ihn darauf hinzuweisen, dass es reiflich unhöflich war sie mit vollem Mund zu empfangen. Es hatte durchaus seine Vorteile einer der höchsten Engel im Himmel zu sein.

„Jawohl Sensei!“ Der junge Engel vor ihm salutierte freudestrahlend. Anscheinend war er sich immer noch nicht im Klaren darüber zu was er sich da eigentlich freiwillig gemeldet hatte. Eigentlich hatte er selber nie wirklich daran geglaubt, dass man ihm diese Reise erlauben würde. Noch dazu mit einem Kadetten, der immer noch reiflich grün hinter den Ohren war, aber durchaus Potenzial besaß. Wie auch immer diese Reise war seit Langem die einzige Abwechslung, die er sich gönnen konnte. Und nebenbei die perfekte Gelegenheit dem kleinen, goldenen Käfig in den man ihn so gerne sperrte für eine Weile zu entkommen. Er hätte niemals gedacht, dass er sich jemals so über eine Reise freuen würde. Aber immerhin war es auch schon einige Zeit her seitdem er die Himmel zum letzten Mal verlassen hatte.

„Gut, dann reisen wir in einer Stunde ab. Melde dich in Transporter Raum 4 und sieh zu, das du vorher noch etwas isst.“ Noch während er das sagte griff er bereits erneut nach dem Teller aus seinem Schreibtisch um sich ein weiteres Sandwich zu angeln. Die Augen des jungen Rekruten verfolgte jeder seiner Bewegungen und wenn man genau hinsah konnte man sehen, wie dieser beim Anblick des Sandwichs sichtlich Hunger bekam.

„Ja Sir!“ Der Kleine knallte die Haken zusammen und machte dann auf dem Absatz kehrt. Seufzend sah er ihm nach. Das würde ziemlich anstrengend werden. Gelassen betrat er sein Quartier und überprüfte noch einmal sorgsam seine Ausrüstung. Eine Expedition nach Assia noch dazu für eine Woche und in Begleitung eines Jungspunds, der es kaum erwarten konnte seine Kräfte auszuprobieren musste mehr als nur sorgfältig geplant werden. Denn Fehler durfte es in diesem Fall nicht geben. Außerdem wäre es auch nicht seine Art so etwas passieren zu lassen. Dafür waren diese kleinen Chancen die Himmel zu verlassen viel zu selten. Er würde nicht riskieren, dass man sie ihm nahm. So schön es hier auch war manchmal brauchte er eben seinen Freiraum und wollte sich ohne jede Regeln bewegen können. Nur war das in den Himmeln unmöglich. Zu sehr musste er darauf achten sich ans Protokoll zu halten um nicht den Intrigen der anderen Engel zum Opfer zu fallen. Dabei sollte man doch eigentlich annehmen, das jemand der unter dem persönlichen Schutz Gottes stand vor solchen Dingen sicher war, aber das Gegenteil war der Fall. Er bewegte sich auf äußerst dünnem Eis und musste immer wieder aufpassen, dass es nicht plötzlich unter ihm nachgab. Er fragte sich wie lange es wohl noch dauern würde bis sich seine Stellung so sehr gefestigt hatte, das er dieses Eis gefahrlos verlassen konnte oder es so fest war, das er darauf herumspringen konnte ohne dabei Gefahr zu laufen einzubrechen. Vielleicht noch ein Jahr oder zwei? Er wusste es bei bestem Willen nicht, aber jetzt war auch nicht die Zeit um sich darüber Gedanken zu machen. Für die nächsten Wochen würde er das alles hinter sich lassen und erst bei seiner Rückkehr würde er sich wieder mit diesen Problemen befassen müssen. Jetzt wollte er erst einmal diese Reise genießen.

Die Reise nach Assia verlief ohne nennenswerte Probleme. Mal abgesehen davon, das es im Transporterraum natürlich die üblichen Probleme mit einem Jungengel gab, der auf patu nicht einsehen wollte, das er während des Transports nicht auch weiterhin genüsslich auf seinem Sandwich herumkauen konnte. Nachdem er das Ding endlich verspeist hatte und sein Lehrmeister aus weiser Voraussicht noch einmal das Gepäck kontrolliert hatte (es war strengstens verboten Relikte des Himmels mit auf die Erde zu nehmen) konnte es endlich losgehen. Wie nicht anders zu erwarten war dem Grünschnabel nach dem eigentlich relativ ruhigen Transport doch noch schlecht geworden, aber das hatte ihn nicht daran gehindert seinen Magen direkt wieder mit etwas Essbaren zu füllen. Ohnehin war dieser Appetit auch für einen Jungengel ziemlich beeindruckend. Wenn er nicht aufpasste, dann könnte es durchaus möglich sein, das ihm sein Schüler noch die Haare vom Kopf fraß. Nun, sie hatten mehr als genügend Proviant dabei das es eigentlich für drei ihrer Reisen genügt hätte, aber bei dem Appetit, den sein Schüler an den Tag legte würde es wahrscheinlich gerade Mal soeben für diese reichen. Aber was machte das schon? Er befand sich schließlich noch im Wachstum. Sollte er ruhig essen soviel er wollte.

Nach knapp einer Woche in der er sich vor lauter Fragen und staunenden Augen nicht retten konnte erreichten sie endlich das eigentliche Ziel ihrer Reise. Ein kleines Dorf, das versteckt in einer idyllischen Ebene umgeben von einem noch fast unberührten Wald tief in den Bergen lag. Ihre Pferde schienen es gar nicht mehr erwarten zu können die tiefgrünen Wiesen zu erreichen und es wurde immer schwieriger sie im Zaum zu halten. Ohne auf seinen Schützling zu achten lockerte er den Griff um seiner Zügel etwas und schon preschte der weißgraue Wallach auf dem er saß nach vorn. Hinter sich konnte er gerade noch das erstaunte Rufen seines Schülers vernehmen. Doch dann war er auch schon voll und ganz damit beschäftigt im Sattel zu bleiben. Bisher war sein Wallach die Ruhe selbst gewesen, aber nun legte ein Temperament an den Tag, das er ihm so niemals zugetraut hätte.

Lachend und etwas aus der Puste brachte er das Tier schließlich auf dem Marktplatz des Dorfes zum Stehen, das von Anfang an das Ziel ihrer Reise gewesen war. Die Menge hatte sich bei seiner Ankunft zerstreut und kam nun wieder zusammen um den Besucher näher zu betrachten, der mit seiner Schönheit alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Immer noch lachend stieg er ab und genoss es von den umherstehenden Menschen bewundert zu werden. Die Zügel hingen locker in seiner Hand und sein Pferd folgte ihm ohne weitere Probleme zu einem nahe gelegenen Gasthof. Es war wunderbar wieder an diesem Ort zu sein, wo sich niemand darum kümmerte wer er eigentlich war oder wohin er gehen würde. Die Menschen in diesem Ort akzeptierten es, das er kam und ging wie es ihm beliebte und auch wenn sie wahrscheinlich mehr als nur ein klein wenig neugierig waren zu erfahren was ihn hierher führte, so würden sie diese Fragen dennoch für sich behalten.

„Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen alter Freund. Wie geht es dir?“ Grinsend drückte er einem Stallburschen die Zügel seines Pferdes in die Hand und wandte sich um.

„Danke gut. Wie ich gehört habe bist du inzwischen glückliches Familienoberhaupt. Wie lebt es sich denn so als Ehemann, Shion?“ Sein Gegenüber trat verlegen von einem Bein aufs andere und merkte gar nicht, wie sehr er sich darüber amüsierte seinen alten Freund mit einer solch simplen Frage in Verlegenheit gebracht zu haben. Vielleicht hätte er am Ende auch einfach den etwas zweideutigen Unterton weglassen sollen.

„Manchmal kann es ziemlich anstrengend sein, aber du bist sicher müde von der Reise.“ Er schmunzelte in sich hinein als er merkte wie elegant sein Freund wieder einmal das Thema gewechselt hatte und ließ sich bereitwillig von diesem zu einem Drink einladen. Eigentlich hatte er vorgehabt damit zu warten bis auch sein Schüler das Dorf erreichte, aber das könnte noch dauern und sein Magen begann allmählich zu knurren. Immerhin hatte sein Schüler vor geraumer Zeit auch seine Essensration mitverspeist.

„Es geht. Aber könntest du bitte jemandem bescheid sagen, das mir noch jemand folgt? Einer meiner Schüler begleitet mich und ich bin wohl ein bisschen zu schnell geritten.“

„Ein bisschen?“ Sein Gegenüber zog skeptisch eine Augenbraue nach oben.

„So wie ich dich kenne wirst du sobald du den Wald verlassen hattest losgestürmt sein als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter dir her.“ Lachend gab er sich geschlagen. Reiten war schon immer eine seiner Schwächen gewesen. Vor allem, wenn es sich um solch edle Reittiere handelte wie dieser Mustang, den er sich in der ersten Stadt, die sie besucht hatten gekauft hatte. Schulterklopfend machten er und sein Freund  sich auf den Weg in die Schankstube. Es war wirklich lange her, dass sie zuletzt so zusammen gesessen hatten und es würde lange dauern bis sie sich alles erzählt hätten, was in den letzen Jahren so vorgefallen war. Aber der Tag war noch lang und sie hatten alle Zeit der Welt..

 

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Das sein Lehrmeister plötzlich so mir nichts davon ritt hätte er sich niemals träumen lassen. Es war als hätte der Engel, den er über alles bewunderte vergessen, dass er noch da war. Er hatte es nicht geschafft sein Pferd (OK, Pony) dazu zu bewegen dasselbe Tempo an den Tag zu legen wie der Wallach seines Lehrmeisters, aber das war halb so schlimm. Er war sich sicher war den Weg zu ihrem Ziel mindestens ebenso gut zu kennen wie sein Lehrmeister. Das hatte er zumindest bis vor knapp zwei Stunden immer noch felsenfest geglaubt. Leider hatte sich herausgestellt, dass sein Orientierungssinn bei Weitem nicht so gut war wie er anfänglich dachte.

Nachdem nun schön zum zwanzigsten Mal an einer ganz bestimmten umgefallenen Baumwurzel vorbeikam half wirklich kein Schönreden mehr. Er hatte sich hoffnungslos verirrt und das obwohl es eigentlich gar nicht so schwierig sein konnte aus diesem Wald wieder herauszukommen. Immerhin führte die Straße einmal gerade hindurch. Nun ja, vielleicht hätte er sie auch einfach nicht verlassen sollen um herauszufinden was da durch das Unterholz so verlockend schimmerte und glitzerte. Aber er war nun einmal eben von Natur aus neugierig und hatte sein schwarzes Pony, das sich nur widerwillig dem Druck seiner Zügel fügte in das Unterholz gelenkt. Bisher hatte er allerdings weder die Ursache für das Glitzern noch den Weg zurück gefunden. Es war wie verhext! Aber wenn er schon nicht den Weg zurück auf die Straße fand, dann vielleicht den zu diesem ominösem Glitzern im Blattwerk. Trotz aller Proteste seines Reittiers lenkte er es schließlich (dank einer cleveren Entscheidung, die er selber nicht mehr allzu genau nachvollziehen konnte) noch weiter ins Unterholz und musste schließlich aufgrund der Dichte der Pflanzen absteigen und das Tier am Zügel weiter zu führen. Dabei war es ein reines Wunder, das sein Pony bisher immer noch nicht voller Panik davon gestürmt war. Komischerweise wurde es immer ruhiger je weiter sie in das Unterholz vordrangen. Anscheinend war es inzwischen ebenso sehr von diesem geheimnisvollen Wald gefangen wie sein Reiter. Neugierig ließ es seinen Blick über das die unterschiedlichen Farben des Buschwerks streifen und ließ es sich nicht nehmen hier und da ein paar Blättchen aus den Sträuchern zu rupfen um diese dann genüsslich zu zerkauen. Im Gegensatz zu seinem Begleiter hatte es kaum Probleme voranzukommen. Dieser befreite sich nämlich gerade zum x-ten Mal von ein paar herunterhängenden Ästen und blieb dann wie angewurzelt stehen.

Vor ihm breitete sich ein riesiger See aus dessen Ufer von den Bäumen des Waldes wie von einem schützenden Wall umgeben waren. Das Wasser funkelte in der Sonne als wäre es mit tausenden von Edelsteinen versetzt und in den Baumwipfeln funkelten die einzelnen Sonnenstrahlen als wären sie Diamanten, die man einzig und allein geschaffen hatte um diesen Ort zu erhellen. Die Vögel in den Wipfeln sangen ihre Lieder als gäbe es für sie hier keinerlei Bedrohung mehr und seltsamerweise schien es plötzlich sogar ein klein wenig wärmer zu sein als im Rest des Waldes. Fast so als wäre die Zeit an diesem Ort mitten im Frühling stehen geblieben. Es war wunderschön und nirgendwo gab es auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass jemals ein menschliches Wesen diesen Ort betreten hatte. Er war vollkommen unberührt von menschlichen Einflüssen. Dieses kleine Stückchen Natur spiegelte nur zu deutlich wieder was den Schöpfer dazu bewegt hatte die Welt der Menschen zu erschaffen und nun störte er diesen heiligen Frieden. Er wollte sich gerade umdrehen um diesen Ort auch weiterhin ungestört zu lassen als sich eine vorwitzig Schnauze in seine Schulter grub, die ihn unerbittlich nach vorne schob.

„Hey! Warte!“ Doch das Tier hatte wie schon so oft seinen eigenen Kopf und trottete genüsslich an den Rand des Sees wo es genüsslich begann seinen Durst zu stillen. Zögernd folgte er dem Tier und fischte im Wasser nach den Zügeln, was sein Pony ganz und gar nicht zu beeindrucken schien. Es sah ihn lediglich schief an als er kurz daran zog und senkte seinen Kopf dann wieder in Richtung des kühlen Nasses. Er probierte noch ein, zwei Mal sein Reittier dazu zu bewegen auf ihn zu hören, aber dieses erwies sich als wesentlich sturer als erwartet. Seufzend gab er es schließlich auf und beugte sich ebenfalls hinunter um seine Hände mit dem erfrischenden Nass zu füllen. Er hatte bisher gar nicht bemerkt wie durstig er eigentlich die ganze Zeit über gewesen war und da er gerade dabei war wusch er sich auch direkt den Staub der Reise aus dem Gesicht. Würde sein Lehrmeister nicht auf ihn warten, dann hätte er sich jetzt am Liebsten seiner Kleider entledigt um eine Runde zu schwimmen. Immerhin hatte er seit Tagen kein richtiges Bad mehr genommen und Wasser übte seit sie sich in Assia befanden eine beinahe magische Anziehung auf ihn aus. Sein Pony nahm ihm schließlich die Entscheidung ab. Da es anscheinend genug getrunken hatte und zurück ans Ufer wollte stieß es ihn einfach mit seiner Schnauze an woraufhin er das Gleichgewicht verlor und reiflich unelegant ins Wasser fiel. Damit war er von Kopf bis Fuß durchnässt und würde sich mit Sicherheit den Tod holen, wenn er seine Kleider nicht zum Trocknen aufhing. Also stapfte er sein Pony fest am Zügel führend und dieses immer wieder verfluchend ans Ufer, band es an einem Baum und entledigte sich seiner Kleidung, die er äußerst ordentlich über diverse Äste der umstehenden Bäume und einige Büsche verteilte. Mit einem letzten vernichtenden Blick in Richtung Pony, das sich daran nicht im Geringsten störte da es inzwischen dabei war das saftige Grün zu seinen Füßen (äh, Hufen) zu verspeisen, machte er sich auf den Weg zurück ins Wasser und genoss es die Oberfläche mit mehreren gleichmäßigen Zügen zu zerbrechen. Das Wasser war zwar nicht sonderlich warm aber bei Weitem auch noch nicht so kalt, das man nicht mehr in ihm schwimmen konnte.

Es war unglaublich wie wenig beängstigend die Umgebung doch war. Normalerweise sollte man zu tiefst beunruhigt sein, wenn man sich vollkommen mutterseelenallein im Wald verirrte (noch dazu in einem, den man nicht kannte) aber die Umgebung wirkte derart friedlich, das er nicht einen einzigen Gedanken an herumstreuende Tiere im Unterholz oder anderswo verschwendete. Ein Fehler wie sich herausstellte, denn als es plötzlich im Unterholz knackte und ein abgebrochener Ast in seiner nächsten Nähe ins Wasser fiel bekam er fast einen Herzinfarkt. Nachdem er sich prustend wieder aus den Fluten in denen er kurz zu vor (selbstverständlich vollkommen geplant und nicht im Geringsten erschreckt) untergegangen war befreit hatte und seine Lunge mit Luft füllte sah er sich suchend um, aber die Wand des Waldes schwieg ihn lediglich an. Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sich irgendetwas dem Waldrand oder dem Ufer genähert hatte. Auch sein Pony wirkte nicht sonderlich beunruhigt. Es knabberte nach wie vor genüsslich an dem saftigen Gras und zog ab und zu sogar etwas Rinde von einem herumliegenden Baumstamm ab. Dennoch war er leicht beunruhigt und seine Wachsamkeit geweckt. Er schwamm noch ein paar Bahnen und verließ danach das Wasser um sich im weichen Gras von den warmen Sonnenstrahlen trocknen zu lassen. Die Welt der Menschen gefiel ihm von Minute zu Minute besser und je länger er in der Sonne lag, desto mehr entspannte er sich bis er schließlich in einen leichten Schlummer hinüber glitt.

„Was willst du hier?“ Erschrocken zuckte er zusammen und sah sich suchend in der Umgebung um. Doch weit und breit war niemand zu sehen. Der Wald umgab ihn nach wie vor wie eine schützende Wand und außer der kleinen Spur, die er uns sein Pony im Unterholz hinterlassen hatten gab es nichts, was darauf hindeutete, das sich überhaupt irgendjemand einmal an die Ufer dieses Sees verirrt hatte.

„Dein Pony stört die anderen Tiere.“ Schon wieder diese Stimme! Er wirbelte herum. Doch dort war niemand. Anscheinend besaß dieser kleine Störenfried die Gabe sich unsichtbar zu machen. Vorsichtig ließ er seine Blicke umher streifen jederzeit bereit sich notfalls zu verteidigen. Doch es rührte sich rein gar nichts. Wer auch immer ihn beobachtete er machte sich nicht die Mühe sich zu zeigen. Langsam ging er zu seinem Pony hinüber und spitzte bei jedem noch so kleinen Rascheln der Blätter die Ohren, aber nichts geschah. Er tätschelte seinem Reittier den Hals. Zwar mehr zu seiner eigenen Beruhigung als der des Tieres, dass das Ganze überhaupt nicht zu stören schien. Aber es war bitter nötig. Denn immerhin ging ihm gerade auf, dass er splitterfasernackt und noch dazu vollkommen unbewaffnet auf einer Waldlichtung stand. Ein besseres Ziel konnte er wohl kaum noch bieten. Im Notfall würde er sich nicht einmal allein verteidigen können, da er auch noch vollkommen unbewaffnet war. Und da sein Meister auf Nummer sicher gehen wollte was die Benutzung diverse Engel Reliquien anging hatte dieser wohlweislich auch direkt die Kräfte seines Schülers bis auf wenige Ausnahmen versiegelt. Einzig seine Schwingen würde er im Notfall noch benutzen können. Die Frage war nur ob ihm das irgendetwas nützen würde. Wenn sein Angreifer erst einmal herausgefunden hatte was er wirklich war, dann konnte er nur noch beten. Immerhin waren die Menschen hinlänglich dafür bekannt, dass sie nicht sonderlich zögerten wenn es darum ging etwas äußerst kostbares in ihre Hände zu bekommen. Sie wären bestimmt auch nicht sonderlich zimperlich wenn es darum ging eines von Gottes höchsten Geschöpfen in ihre Finger zu bekommen. Das war immerhin mehr als sich jemals einer von ihnen erträumen konnte. Wer weiß vielleicht würden sie ihn sogar auf einem Jahrmarkt ausstellen, damit jeder ihn ausreichend bewundern und seine Flügel anfassen konnte. Allein der Gedanke an tausende von Händen auf seinen Schwingen jagte ihm kalte Schauer über den Rücken.

Die Flügel waren das private Heiligtum eines jeden Engels und sie zu berühren war nur äußerst wenigen Personen gestattet und selbst das kostete immense Überwindung. Immerhin gab man damit einen Teil von sich selbst preis. Der Sitz der Astralkräfte eines Engels, seine Flügel, beinhaltete einen nicht gerade kleinen Teil von dessen Seele und diese legte man nur einem Wesen offen, dem man restlos vertraute. Eine Berührung durch Fremde kam einer Folterung gleich und konnte je nach Verfassung des Engels für ein lebenslanges Trauma sorgen.

Er schüttelte sich ausgiebig um die unangenehmen Gedanken loszuwerden und wollte nach seiner inzwischen hoffentlich getrockneten Kleidung greifen, aber außer einem Hemd war rein gar nichts mehr davon vorhanden. Hastig griff er danach und drückte es fest an sich. Was immer hier auch vorging langsam aber sicher begann es unheimlich zu werden.

„Du solltest besser schnell von hier verschwinden.“ Er wirbelte herum als die Stimme, die ihn schon die ganze Zeit verfolgte keine zwei Meter hinter ihm aufklang. Vor ihm stand ein Junge, der in Menschenjahren wahrscheinlich nicht viel älter als acht oder neun Jahre alt war und damit quasi etwa dasselbe Alter besaß wie er. Wenigstens äußerlich. Innerlich war er wesentlich älter als sein Gegenüber. Engel alterten nach einem anderen Rhythmus als die Menschen. Man konnte ihrem Äußeren nur selten ihr wahres Alter entnehmen. Und da er sich als Älterer ein klein wenig überlegen fühlte dachte er nicht im Traum daran klein beizugeben. Erst recht nicht, wenn er einem so schlechten Scherz aufgesessen war wie jetzt.

„Hast du meine Kleidung versteckt?“ Das Paar dunkelblaue Augen, das ihn bisher nur angefunkelt hatte wurde zu einem Paar dünner Schlitze. Anscheinend sah sein Gegenüber es überhaupt nicht ein ihm zu antworten. Dabei wäre es diesem Menschen sogar gelungen ihm Angst einzujagen, aber nur fast.

„Weißt du ich habe keine Zeit für solche Scherze. Also gib sie mir bitte wieder.“ Trotzig hob der Junge sein Kinn und sah an ihm vorbei auf das Unterholz, das die Lichtung umschloss dabei fuhr der Wind durch die teilweise zu einem Zopf zusammengebundenen, etwa schulterlangen, braunen Haare woraufhin ein leiser Klang wie von einem versteckten Glöckchen ertönte. Und wenn er genau hinsah dann konnte er sogar die verschiedenfarbigen Bänder erkennen, die man in die Haare seines Gegenübers geflochten hatte. Wer um Himmelswillen mochte dieser Junge nur sein? Und wo kam er so plötzlich her? Er hatte nirgendwo auch nur den geringsten Hinweis darauf entdeckt, dass sich außer ihm noch jemand dieser Lichtung genähert hatte. Also woher kam er?

„Ich mag dich nicht." Damit machte der braunhaarige Junge auf dem Absatz kehrt und ließ ihn mutterseelenallein und splitterfasernackt buchstäblich im Wald stehen. Er war dermaßen perplex, das er im ersten Augenblick gar nicht mehr daran dachte, das er nach wie vor nicht wusste wie er eigentlich wieder aus diesem Wald herauskam, aber das war auch zweitrangig. Ohne Kleidung gab es da ein noch viel größeres Problem und daran war nur dieser plötzlich aufgetauchte Bengel schuld.

Zur Freude seines Ponys ließ er sich sehr wort- und blumenreich über diesen kleinen Giftzwerg aus, der es gewagt hatte ihm seine Kleider zu stehlen und machte sich dann daran lediglich mit einem Hemd begleitet sein Pony in die Richtung zu fuhren in der seiner Meinung nach der Störenfried verschwunden war. Es dauerte etwas, aber dann fand er einen ausgetretenen Waldpfad, der anscheinend zurück zum Hauptweg führte. Seufzend und in Anbetracht seiner inzwischen wund gelaufenen Füße (es reichte ja noch nicht, das man als Engel zu Fuß gehen muss. Nein, dann natürlich auch noch barfuss!) schwang er sich auf den Rücken des Ponys und schwor bei jeder noch so kleinen Bodenwelle demjenigen, der ihm das angetan hatte bei ihrer nächsten Begegnung entweder den Hintern zu versohlen oder einfach nur den Hals umzudrehen. Sein Pony verfiel in einen leichten Trab und bei dem unebenen Waldboden spürte er schon bald, an welchen Körperteilen und -stellen so ein Sattel sonst noch überall scheuern konnte. Vielleicht sollte er einfach beides tun.

 

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Die Sonne senkte sich allmählich über den Horizont, aber immer noch verspürte keiner von ihnen sonderlich große Lust aufzubrechen. Seit Stunden saßen sie in der Schenke und erzählten sich gegenseitig was in ihrem Leben in den letzten Jahren so alles geschehen war. Seit ihrer letzten Begegnung waren viel zu viel Zeit vergangen und es würde unter Garantie mindestens noch drei bis vier Tage dauern, bis sie sich zumindest das Wichtigstes erzählt hatten, aber da sein Freund beabsichtigte länger im Dorf zu bleiben als üblich rechnete Shion schon damit, das er dieses Mal wirklich die ganze Geschichte zu hören bekam. Was ihn allerdings nach wie vor ein klein wenig irritierte war die Tatsache, das sich sein Gegenüber nicht die geringsten Sorgen um den Verbleib seines Schülers zu machen schien. Eigentlich hätte dieser bereits vor geraumer Zeit ebenfalls im Dorf auftauchen sollen, aber nach wie vor war weit und breit nicht das Geringste von ihm zu entdecken. Auf seine diesbezüglichen Fragen bekam er immer nur ein >der kann schon auf sich selbst aufpassen< zur Antwort und seltsamerweise reichte ihm das. Er wusste. das sein Freund niemals einen seiner Schüler zurücklassen würde, wenn dieser nicht in der Lage wäre ihm allein zu folgen und gegebenenfalls auch mit diversen Schwierigkeiten alleine fertig werden wurde. Also lauschte er weiterhin gebannt den Geschichten, die sein Freund ihm erzählte und beantwortet dessen Fragen mit einem nicht mehr verschwinden wollendem Lächeln auf seinen Lippen. Es war wirklich schon viel zu lange her, dass sie so zusammen gesessen hatten.

„Wie viele Kinder hast du eigentlich inzwischen?" Die Frage war vollkommen aus dem Zusammenhang herausgerissen. Immerhin hatten sie gerade das für und wieder einer historischen Begebenheit diskutiert. So das Shion sich erst einmal an seinem verdünnten Wein verschluckte.

„Drei. Zwei Jungen und ein Mädchen." Er konnte nicht verhindern, dass er dabei stolz klang. Die Drei waren sein ein und alles. Doch bevor er sich noch weiter in die Gedanken an seine Kinder verstricken konnte flog dir Tür zur Schankstube auf und prallte schwungvoll gegen die Wand. Der Krach brachte sämtliche Anwesenden dazu sich umzudrehen und fassungslos in den Türrahmen zu starren in dem ein vielleicht gerade mal neun Jahre alter Junge breit grinsend in die Runde schaute, bevor er zielstrebig eine der hintern Nischen ansteuerte in denen auch Shion und sein Freund saßen. Shion konnte sich ein weiteres Grinsen nicht mehr verkneifen als er in das leicht wütende Gesicht des jungen Gastes sah.

„Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass sie außerdem ziemlich lebhaft sind." Er wies auf die kleine Gestalt vor sich, die gerade eifrig damit beschäftigt war auf seinen Schoß zu klettern.

„Darf ich vorstellen? Das ist meine Älteste, Suru. Sie glaubt immer noch ein halber Junge zu sein." Er rückte ein kleines Stückchen hin und her, damit sich das Gewicht seines Kindes besser verteilte.

„Ich würde behaupten, sie hat dich gut im Griff." Sein Freund grinste ihn an und er konnte nicht mehr verhindern, dass ihm das Blut in die Wangen schoss. Er hatte nicht damit gerechnet so schnell durchschaut zu werden. Aber sein Freund hatte Recht. Seine älteste Tochter war sein ganz besonderer Liebling. Zwar liebte er alle seine Kinder, aber selbst ein Blinder hätte sehen können, dass er an Suru einen ganz besonderen Narren gefressen hatte. Und das obwohl seine Tochter ein Geheimnis umgab, das er mit nur weinigen Teilen konnte.

„Sehr erfreut dich kennen zulernen junge Dame." Er streckte ihr lächelnd die Hand entgegen und war doch reiflich überrascht, dass sie nicht angenommen wurde. Stattdessen musterten ihn die großen, blauen Kinderaugen scharf als hätte er irgendetwas verbrochen. Ein ziemlich merkwürdiges Verhalten für ein Kind, das man gerade erst kennen gelernt hatte.

„Wegen dir ist Papa also nicht gekommen." Das war eine geradlinige Feststellung auf die er erst mal keine Antwort parat hatte.

„Suru sei nicht so unhöflich er ist ein alter Freund."

„Dass er alt ist sehe ich selber."

„SURU!" Shion schnappte nach Luft angesichts der Unverschämtheit seiner Tochter und war reiflich überrascht von der anderen Seite des Tisches ein unterdrücktes Lachen zu vernehmen.

„Siehst du? Er findet das lustig!" Triumphierend sah seine Tochter Ihn an.

„Suru, wie oft habe Ich dir schon gesagt, du sollst zu Anderen nicht so unhöflich sein?"

„Ungefähr dreitausendzweihundert und sechsundfünfzig Mal!" Kam es wie aus der Pistole geschossen. Das war der Augenblick in dem sein Freund nicht mehr länger an sich halten konnte und laut loslachte. Shion stieß einen resignierten Seufzer aus und gab sich geschlagen. Gegen seine Tochter kam er nicht wirklich an. Dafür liebte er sie viel zu sehr. Wahrscheinlich war es wirklich so wie Saeko immer wieder sagte. Er verwöhnte sie wohl doch einfach zu viel zu sehr. Aber er konnte einfach nicht anders. Sie war eben nun mal sein kleiner Sonnenschein.

„Aber wie kommst du eigentlich darauf dass ich alt bin junge Dame?“ Die Stimme seines Freundes hatte einen merkwürdigen Klang angenommen und Shion hoffte inständig, das seine Tochter diese leise Warnung verstand und nicht näher auf diese Frage eingehen würde. Aber wie immer belehrte sie ihn eines Besseren. Warum sollte man Schwierigkeiten auch aus dem Weg gehen?

„Willst du das wirklich wissen?“ Sein Freund nickte lächelnd und seine Tochter krabbelte von seinem Schoß über den halben Tisch bis sie sich fast auf der Höhe der Ohren seines Freundes befand. Ihre Stimme war gerade einmal so laut, dass er und sein Freund sie vernehmen konnten und wie sich herausstellte war das auch gut so.

„Papa kennt dich doch schon seit seiner Jungend, oder? Und außerdem wenn du ein Engel bist, dann musst du einfach schon verdammt alt sein.“ Bei den Worten seiner Tochter wich fast die gesamte Farbe aus Shions Gesicht. Er hatte bis zu letzt gehofft, dass sie nicht auf den ersten Blick erkennen würde um wenn es sich bei seinem alten Freund handelte, aber dieses Kind war einfach nicht hinters Licht zu führen.

„Ich soll ein Engel sein?!“ Mit gespielter Heiterkeit versuchte sein Freund das Thema zu wechseln, doch Surus Gesichtsausdruck zeigte nur zu deutlich, das sie sich so einfach nicht geschlagen geben würde. Vor allem nicht wenn ihr Gegenüber daran schuld war, das eine ihrer heißgeliebten Trainingsstunden mit ihrem Vater ausgefallen war. Shion musste sich eingestehen das er durch die Ankunft seines Freundes das Versprechen, das er seiner Tochter am Morgen gegeben hatte vollkommen vergessen hatte. Allerdings war er sich nicht ganz so sicher wie die Rache seiner Tochter dieses Mal aussehen würde. Sie hatte diese dumme Angewohnheit einen immer direkt spüren zu lassen, wenn sie glaubte ihr sei ein Unrecht widerfahren.

„Soll ich dir noch ein Geheimnis verraten?“ Das Lächeln, das sich plötzlich über die Lippen seiner Tochter legte behagte Shion ganz und gar nicht, aber sein Freund schien immer noch nicht zu begreifen dass er dabei war in eine sorgfältig vorbereitete Falle zu tappen.

„Und welches junge Dame?“ Neugierig beugte sich sein Freund ein kleines Stückchen weiter vor und tat damit genau das, was Suru von Anfang an beabsichtigt hatte. Blitzschnell griff sie in das lange, silbrige Haar, das sich nun endlich in ihrer Reichweite befand und zog das Ohr des Fremden so dicht an ihre Lippen, das nur noch er hören konnte, was sie sagte.

„Ihr seit nicht nur irgendein Engel. Ihr seit Rosiel, einer der höchsten unter den Engeln und Gottes ganz besonderer Liebling. Papa hat mir viel über euch erzählt, aber nicht wie einsam ihr wirklich seit.“ Allein das dieses Kind seinen Namen ohne zu Zögern aussprach ließ die Farbe aus Rosiels Gesicht weichen, aber noch mehr entsetzte es ihn, das sie es ohne geringsten Respekt tat und es dabei auch noch schaffte hinter alle seine so sorgfältig errichteten Mauern zu sehen.

„Und nur, damit ihr es wisst, ich kann euch nicht leiden. Nur wegen euch hat Papa mich vergessen. Das werdet ihr noch bereuen. Im Gegensatz zu den Anderen hier habe ich nämlich weder Angst vor euch noch werde ich ehrfürchtig vor euch kriechen.“ Damit schnellte sie blitzschnell vom Tisch und war flink wie eine Katze an der Tür.

„SURU! Was hast du ihm gesagt?“ Shion war die Reaktion seines Freundes nicht entgangen und er befürchtete ernsthaft, dass seine Tochter sich wieder einmal erfolgreich selbst in Schwierigkeiten gebracht hatte. Immerhin war Rosiel inzwischen leichenblass und starrte das Kind an als hätte er einen Geist vor sich.

„Nur, das ich ihn nicht leiden kann!“ Damit streckte sie ihnen beiden die Zunge raus und Shion schoss in die Höhe.

„SURU! Komm sofort zurück und entschuldige dich!“ Doch es war bereits zu spät. Seine Tochter war wie ein Wirbelwind aus der Schankstube verschwunden und so wie er sie kannte würde es ihm wohl kaum gelingen sie vor Sonnenuntergang zu finden. Irgendwie besaß sie die seltsame Fähigkeit sich jedes Mal in Luft aufzulösen wenn ihr Schwierigkeiten drohten.

„Es tut mir leid. Ich hätte dich vor ihr warnen sollen.“ Langsam gewann sein Freund seine Fassung wieder und die Farbe kehrte in dessen Gesicht zurück.

„Schon gut. Ich war nur ein klein wenig überrascht. Wie kommt es, dass sie mich so schnell erkannt hat? Sie hat sofort gewusst, das ich ein Engel bin.“ Entsetzt sah Shion seinen Freund an.

„Hat sie dir das etwa gesagt?“ Er bekam ein leichtes Nicken zur Antwort. Seufzend ließ er sich schwer auf einen Stuhl fallen und war heilfroh darüber dass sein Freund nicht die ganze Wahrheit über seine Tochter kannte. Wenn er wüsste um wen es sich bei seinem kleinen Sonnenschein wirklich handelte würde er sein Kind vermutlich nie wieder sehen. Zum Glück war bereits dafür gesorgt worden, das niemand ihr kleines Geheimnis herausfand. Wenigstens solange sich Engel in ihrem Dorf befanden. Obwohl es Shion sichtlich verletzte seinen alten Freund anlügen zu müssen tat er es dennoch. Für das Schicksal dieses Kindes würde er sogar sein Leben aufgeben.

„Frag mich bitte etwas Leichteres. Sie hat schon seit dem Tag ihrer Geburt die merkwürdige Fähigkeit sofort zu erkennen hinter welcher Maske man sich versteckt und warum. Es ist sehr schwer ihr etwas vorzumachen und ich schätze in deinem Fall wird sie einfach deine Astralkräfte bemerkt haben.“

„Sie ist in der Lage Astralkräfte zu spüren?!“ Shion biss sich auf die Zunge. Das hatte er eigentlich gar nicht erwähnen wollen, aber nun war es zu spät. Er kam nicht mehr um eine Antwort herum.

„Yeap! Und eines kannst du mir glauben, das macht ihre Erziehung nicht gerade leichter.“ Shion kratzte sich verlegen am Hinterkopf und hoffte nur, das sein Freund mit diesen Antworten zufrieden war.

„Kann ich mir vorstellen.“ Noch während er das sagte glitt sein Blick hinüber zu der Tür durch die vor wenigen Minuten die einzige Person verschwunden war, die ihn von Anfang an durchschaut hatte. Es war fast so als hätten diesen kleinen blauen Augen direkt auf den Grund seiner Seele gesehen und dort das gefunden, was er vor allem und jedem verschlossen hatte. Eine Einsamkeit, die manchmal so stark war, das er dachte er würde dabei den Verstand verlieren. Wie konnte es sein, das ein so kleines und zerbrechliches Wesen wie dieses Mädchen ihn so schnell durchschaute?

„BLEIB SOFORT STEHEN DU VERFLUCHTER BASTARD!“ Die laute Stimme sowie ein darauf folgendes ohrenbetäubendes Poltern ließen ihn und Shion beinahe zeitgleich in die Höhe schießen. Im Gegensatz zu Shion wusste Rosiel bereits welcher Person diese aufgebrachte Stimme gehörte, die gerade dabei war sich in eine herrliche Fluchtriade erging. Was in aller Welt konnte seinen Schüler dazu veranlasst haben sich derart gehen zu lassen?

„Was geht da draußen vor sich?“ Shion war urplötzlich an seiner Seite und ebenso wie alle anderen Anwesenden stürmten sie aus der Schankstube sie hinaus ins Freie um den Grund für den plötzlichen Tumult zu erfahren. Auf dem Hof vor dem Gasthof standen sich ein nur mit einem Hemd bekleideter Junge und eine reiflich aufgebrachte Suru gegenüber. Es sah ganz so aus als würden sich diese Beiden im nächsten Augenblick an die Kehle springen.

„Endlich habe ich dich!“ Der Triumph des Jungen war deutlich in dessen Stimme zu hören. War es ihm doch endlich gelungen dem Frechdachs sämtliche Fluchtmöglichkeiten abzuschneiden. Jetzt würde er seine Revanche bekommen.

„Was geht hier vor?“ Shions Stimme halte über den Platz und auch sein Freund sah nicht gerade sonderlich begeistert darüber aus, dass sein Schüler anscheinend gerade dabei war eine Prügelei mit der Tochter seines wohl ältesten Freundes anzuzetteln.

„Vater halt dich bitte hier raus.“ Das war fast wie ein Schlag ins Gesicht. Shion stand kurz davor seiner Tochter einfach den Hals umzudrehen. Sein Freund sah die Sache anscheinend ganz ähnlich und versuchte auf seinen Schüler einzureden. Aber auch er wurde mit einigen scharfen Worten dazu angewiesen sich aus dieser Sache raus zuhalten. Zweifelnd sah er zu seinem Freund hinüber, der zustimmend nickte. Sie waren sich einig das die Beiden Jungspunde ihren Streit erstmal unter sich austragen sollten. Wenn es allerdings zu sehr ausartete würden sie eingreifen. Und das alle beide hinterher eine gehörige Tracht Prügel bekommen würden stand selbstverständlich völlig außer Frage.

„Dieses Mal kommst du nicht so einfach davon.“ Entschlossen machte der Junge, dessen grüne Augen angriffslustig funkelten einen Schritt nach vorn.

„Ach ja? Und du meinst, du könntest mich fangen?“ Surus Augen blitzten ebenfalls gefährlich auf. Ihr gesamter Körper war angespannt wie der eines Raubtiers, das kurz davor stand sich auf seine Beute zu stürzen.

„Bist du dafür denn noch fit genug? Immerhin war es ein weiter Weg bis hierher.“ Das war das, was das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Ohne groß zu überlegen stürzte der Junge nach vorne um sein Gegenüber endlich zum Schweigen zu bringen. Mit der Gewandtheit einer Wildkatze wich Suru ihm aus und kletterte an dem nächst besten Stallpfosten auf das Dach der Schenke.

„Komm da runter du elender Feigling!“ Er konnte fühlen wie ihm der Zorn das Blut in die Wangen trieb, aber er hatte nicht vor diesem kleinen Bastard lediglich mit einem Hemd bekleidet hinterher zu klettern.

„Komm doch rauf, wenn du dich traust!“ Spöttisch streckte ihm dieses unverschämte Gör die Zunge raus und er stand kurz davor zu explodieren.

„Ich kriege dich!“ Doch das war nur eine leere Drohung. Er würde ganz bestimmt nicht dort hochklettern und das Schlimmste war, das wusste dieser arrogante Kerl ebenfalls.

„Nicht in tausend Jahren! Besser du kehrst dorthin zurück von wo du gekommen bist. Fremde sind hier nicht sonderlich willkommen.“ Mit diesen Worten verschwand der kleine Frechdachs hinter dem Giebel des Daches und ließ eine vollkommen fassungslose Menschenmenge zurück.

 

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

 

Jahre später…

Wie schon so oft in der letzten Zeit ertappte er sich immer wieder bei dem Gedanken an jenen Ausflug nach Assia, der für immer in seinem Gedächtnis eingebrannt war. Obwohl sie damals keinen allzu glücklichen Start gehabt hatten waren sie binnen kürzester Zeit die die dicksten Freunde geworden und das obwohl sein Spielkamerad ein Mensch und noch dazu ein Mädchen gewesen war. Auch wenn er das erst relativ spät herausgefunden hatte…

Er dachte gerne an den kleinen Wildfang mit den blauen Augen zurück, der sich vor nichts und niemanden zu fürchten schien und den anscheinend niemand zähmen konnte. Nicht einmal sein Mentor schaffte es diesem unbändigen Wesen so etwas Ähnliches wie Respekt einzuflößen und dabei war er einer der mächtigsten Engel im Himmel. Er hatte sich ebenso wie alle anderen an diesem unbändigen Geist die Zähne ausgebissen.

Es war wirklich schon lange her, das er Assia zum ersten und letzten Mal betreten hatte. Und wie immer in solchen Momenten wenn er an die Welt der Menschen zurückdachte fragte er sich was wohl aus all denjenigen geworden war denen er damals begegnete. Bestimmt waren sie alle inzwischen um etliches gealtert und sein kleiner Wildfang schon längst verheiratet. Obwohl er sich dieses ungestüme Wesen beim besten Willen nicht als junge Frau oder Mutter vorstellen konnte. Es sprach einfach viel zu viel dagegen, dass sie jemals einfach nur noch das Haus und Kinder hüten würde. Vielmehr schien sie dazu geschaffen zu sein die Wälder Assias zu durchstreifen und ihre Welt zu erforschen. Sicherlich würden in diesem Fall etliche gebrochene Herzen zurückbleiben, aber sie war nun einmal dafür geboren worden in Freiheit und Unabhängigkeit zu leben. Er war sich sicher, dass es ganz Assia nicht einem Mann gab, der in der Lage wäre diese Wildkatze zu zähmen. Vielleicht war nur ein Engel dazu in der Lage…

Schmunzelnd schüttelte er den Kopf als dieser Gedanke ihn erneut überfiel. Es war schon merkwürdig, dass er jedes Mal, wenn er an sie dachte ein Bild vor Augen hatte, das sie und ihn als glückliche Familie zeigte. Dabei waren sie beide noch Kinder gewesen und hatten sich seit ihrer ersten Begegnung nie wieder gesehen. Bestimmt ist war schon längst eine alte Frau wenn er das nächste Mal eine Erlaubnis erhalten würde Assia zu besuchen. Sie würde ihn wahrscheinlich nicht einmal mehr erkennen. Immerhin hatte er sich im Laufe der Jahre zu einem erwachsenen, jungen Mann entwickelt, der sich sicher sein konnte unzählige Blicke auf sich zu ziehen. Gut, in Yetzirah war das nicht unbedingt der Fall, da es von Natur aus keine hässlichen Engel gab, aber in Assia wäre das sicherlich etwas vollkommen anderes. Sein Mentor war das beste Beispiel dafür. Dieser konnte sich selbst in den Himmeln nicht vor Verehrern retten und genoss das sichtlich.

„Bist du bald fertig? Wir kommen noch zu spät!“ Die ungeduldige Stimme seines Bruders hallte die Stufen hinauf und schweren Herzens riss er seinen Blick von der Holographie des blauen Planeten, die gerade die einzige Lichtquelle des Raumes darstellte, los und schnappte sich beim Hinausgehen seinen Mantel. Er warf noch einen letzten Blick zurück auf das blau, das ihn so sehr an die Augen erinnerte, die er nicht mehr vergessen konnte. Augen, die so blau waren wie die Ozeane Assias und die bis auf den Grund einer Seele blicken konnten, egal wie gut man auch versuchte diese zu verbergen. Ein Paar Augen, das sich fest in seine Seele eingebrannt hatte und das dem Menschen gehörte, der die zweite Hälfte seiner Seele besaß ohne es zu wissen. Das war etwas, das nur er und sein Mentor wussten. Er hatte es damals nicht sofort erkannt, aber als sie Assia verließen war er sich ganz sicher, die zweite Hälfte seiner Seele gefunden zu haben. Sein Mentor hatte ihn lediglich belächelt wusste er doch, dass Gott niemals eine Seele in zwei Hälften spalten würde. Und dennoch war es seinem Schüler nicht entgangen, das dieser ebenfalls einen sehnsuchtsvollen Blick zurück auf die Menschen warf, die ihnen zum Abschied zu winkten. Aber wahrscheinlich hatte er vollkommen andere Gründe dafür als sein Schüler. Rosiel ließ dort einige alte Freunde zurück, während Remiriel den einzigen Freund verlor, dem er jemals voll und ganz hatte vertrauen können.

Seufzend schüttelte er den Kopf und schaltete, das Hologramm ab. Dafür war jetzt wirklich keine Zeit. Er würde das alles niemals wieder sehen und heute war sein großer Tag. Es war besser sich auf das wesentliche zu konzentrieren als alten Erinnerungen nachzuhängen. Immerhin hatte er die ganzen letzten Jahre damit zugebracht für die Aufnahmeprüfung der Think Tank Akademie zu büffeln und vor wenigen Monaten war ihm das gelungen, wovon andere nur träumen konnten. Er hatte die Prüfung mit Auszeichnung bestanden und heute wäre sein erster Tag an der Akademie. Wäre es für einen Kadetten nicht unschicklich gewesen, dann wäre er die Treppe am Liebsten laut jubelnd hinuntergestürmt. Stattdessen zog er sich noch während des Gehens den Mantel an und begann ihn betont ruhig zu schließen.

„Ehrlich, deine Ruhe möchte ich haben.“ Er lächelte seinen Bruder leicht an und meinte, dass er ihm gerne etwas davon abgeben würde. Außerdem wunderte er sich nach wie vor, dass sein Bruder wesentlich nervöser war als er selbst. Immerhin war das sein erster Tag an der Akademie und nicht dessen. Trotzdem konnte er es ihm nicht verdenken. Sein Bruder unterrichtete schon seit einer halben Ewigkeit an der Akademie und hatte seine damalige Ausbildung dort als Jahrgangsbester mit Auszeichnung abgeschlossen. Es war nicht sonderlich schwer sich vorzustellen wie stolz er darauf war, das sein kleiner Bruder nun in seine Fußstapfen treten würde. Er hoffte nur, dass er diese Hoffnungen nicht enttäuschte, aber er hatte schon immer hart gearbeitet und wenn es nötig war, dann würde er eben noch mehr lernen als bisher. Sein festes Ziel war es so gut zu sein, dass es ihm so schnell wie möglich gelingen würde eine der begehrten Auszeichnungen zu erhalten, die es ihm ermöglichten Assia zu besuchen. Wie auch schon sein Bruder war er von der Welt der Menschen fasziniert. Wenn auch aus anderen Gründen. Er wollte einfach wissen was aus den Menschen geworden war, die er damals kennen gelernt hatte und das wussten weder sein Mentor noch sein Bruder. Dieses kleine Geheimnis hatte er tief in seinem Herzen verschlossen.

Wie erwartet war der erste Tag in der Akademie ein voller Erfolg für ihn. Sämtliche Kurse, die er gewählt hatte wurden ihm gewährt und auch mit den Lehrern hatte er Glück. Zum Großteil waren es Engel, die er durch seinen Bruder bereits kannte oder jene von denen er nur Gutes gehört hatte. Nach wenigen Wochen stellte sich bereits heraus, dass er keine der in ihn gesteckten Erwartungen enttäuschte und sie stellenweise sogar noch übertraf. Es konnte gar nicht besser laufen. Das war auch der Grund warum er sich entschloss einige Zusatzkurse zu belegen. Auch wenn sein Bruder ihm davon abriet, da er ernsthaft befürchtete, das sich der Jüngere übernehmen könnte. Aber wie so oft schoss er die gut gemeinten Ratschläge in den Wind und trug sich in jeden Kurs ein, der ihn interessierte. Allen voran der Kursus, der von Uriel, dem Engel der Erde abgehalten wurde. Doch leider wurde diesem im letzten Augenblick ein anderes Amt zugeteilt und so fiel der Kurs an Saraquel, der zwar als Lehrer auch nicht sonderlich schlecht war, aber leider besaß er die nervtötende Eigenschaft seinen Unterricht staubtrocken zu gestalten. Es würde sicherlich schwer werden in allen Unterrichtsstunden immer zu einhundert Prozent wach zu sein. Aber wie heißt es so schön? Ohne Fleiß kein Preis. Schade war nur, dass es nicht einen einzigen Kurs gab, der von seinem eigentlichen Mentor geleitet wurde. Aber Rosiel hatte als höchster Engel im Himmel derart viel zu tun, das er schon seit geraumer Zeit nur noch selten in der Akademie auftauchte um nach seinen Schützlingen zu sehen. Es war zwar schade, aber daran würde sich nichts ändern lassen. Außerdem war auch er mit seinem momentanen Stundenplan inzwischen derart ausgelastet, das er außerhalb der Akademie kaum noch Zeit für andere Dinge als das Lernen fand. Wenn er nicht in der Schule war, dann verbrachte er den Großteil seiner Freizeit in der Eden-Bibliothek oder in seinem Zimmer mit der Betrachtung des Hologramms des blauen Planeten, das sein Bruder ihm damals nach seinem ersten Ausflug in die Welt der Menschen geschenkt hatte. Und wie immer versank er bei dem Anblick der blauen Kugel in den Erinnerungen an jenes kleine Menschenmädchen, dessen Augen genau dieselbe Farbe besaßen wie die tiefsten Stellen der Ozeane Assias. Alles in Allem könnte er mit sich und seinem Werdegang vollauf zufrieden sein, wenn es da nicht dieses klitzekleine Problem geben würde, das seiner Karriere immer wieder im Wege stand. Sicher, die anderen Schüler brachten ebenfalls gute Leistungen an den Tag, aber keiner von ihnen hätte es jemals mit seinen Noten aufnehmen können. Alle, bis auf eine einzige Person, die er bis Dato noch nicht einmal sonderlich zur Kenntnis genommen hatte. Es gab an der Akademie einen einzigen Engel, der ihm immer wieder den Rang ablief und das Schlimmste für ihn war, dass es sich bei diesem Engel ausgerechnet auch noch um eine Frau handeln musste.

Egal wie sehr er sich auch anstrengte ihr Name tauchte immer wieder direkt neben seinem auf und meistens schaffte sie es sogar noch ein klein wenig besser zu sein als er. Das wurmte ihn unheimlich, doch egal was er auch probierte er schaffte es einfach nicht auf Dauer sie zu übertrumpfen. Als er kurz davor stand vor lauter Frust einfach alle seine Bücher zu zerreißen und in einem der unzähligen Brunnen, die in der Edenbibliothek standen zu versenken machte er eine Entdeckung mit der er niemals gerechnet hatte. Aus einer der hinteren Nischen trat ein weiblicher Engel, den er noch nie gesehen hatte. So schnell es ging verschwand er hinter dem nächstbesten Regal um nicht von ihr entdeckt zu werden. Warum, das wusste er selber nicht. Aber er hatte das Gefühl, das es besser für ihn wäre diesem Engel erst einmal nicht zu begegnen.

Ihre haselnussbraunen Haare hatten sich zum Großteil aus einer ehemals wohl korrekten Kadettenfrisur gelöst und hingen nun wild in ihr Gesicht. Auf ihrem Arm stapelten sich unzählige Bücher und sie hatte sichtliche Mühe damit den Stapel am Rutschen zu hindern. Das war das erste Mal in seinem Leben, das er einen weiblichen Kadetten sah, der freiwillig Bücher trug. Normalerweise nutzten diese immer wieder ihre Mitschüler, die ihren Reizen erlegen waren dazu solche Aufgaben für sie zu übernehmen. Das war auch der Grund warum die meisten männlichen Engel nicht sonderlich gut auf ihre weiblichen Kollegen zu sprechen waren.

Leise fluchend, da ihr Absatz gerade an einem der Teppiche hängen geblieben war balancierte sie den Stapel auf einen kleinen Tisch, der unter dem plötzlichen Gewicht fast zusammenbrach und sah sich die Bescherung an. So wie es aussah war dieser Absatz wohl hinüber. Nachdem sie sich mit einem kurzen Blick versichert hatte, dass sich außer ihr niemand in der Bibliothek befand zog sie immer noch fluchend ihre Stiefel aus und spazierte lediglich auf Strümpfen zur Leihrückgabe.

Er hatte keine Ahnung wie der Engel der dort saß reagierte, aber sie brauchte verhältnismäßig lange für den Rückweg. Und eigentlich hätte er die Zeit längst nützen können um die Bibliothek unauffällig zu verlassen, aber irgendwie war seine Neugier geweckt worden und er blieb genau dort wo er war. Nach einer knappen Viertelstunde kam sie wieder zurück und auf ihrem Arm befand sich bereits der nächste Stapel Bücher. Auch wenn dieser etwa nur halb so groß war wie der, den sie zurückgegeben hatte. Verächtlich sah sie ihre Stiefel an, die immer noch neben dem kleinen Tisch standen, bevor sie sich bückte um diese aufzuheben. Als sich ihr Blick wieder hob gelang es ihm für einen kurzen Moment einen Blick in ihre Augen zu erhaschen und das, was er dort sah brachte ihn dazu sich so schnell wie möglich in seine Deckung zurück zu ziehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals als er sich bewusst wurde, dass ihre Augen denen, die er so sehr vermisste unheimlich ähnelten. Aber das konnte unmöglich sein! Sie konnte nicht diese Augen besitzen, die ihn seit Jahren verfolgten!

Vorsichtig linste er noch einmal an dem Regal vorbei und bekam gerade noch mit wie sie einen Stapel Bücher auf dem rechten Arm und ihren Stiefeln in der linken Hand die Bibliothek verließ. Selbst für einen Engel besaß sie eine unheimlich gute Figur und irgendetwas an ihrem Gang kam ihm sogar wage bekannt vor. Nur das konnte niemals sein. Es war sicherlich nur Zufall. Und warum sollte es nicht einen Engel geben dessen Augen blau waren wie ein Ozean? Dennoch, seine Neugier war geweckt. Er belagerte den armen Beamten am Schalter der Bibliothek solange bis dieser ihm zumindest eine Liste der bisher von ihr ausgeliehenen Bücher sowie eine Aufstellung der Kurse, die sie besuchte (soweit dieser davon erfahren hatte) gab. Zufrieden mit sich und der Welt kehrte er pfeifend in seine Gemächer zurück und machte sich daran die Zettel, die man ihm gegeben hatte zu studieren. Es war erstaunlich sie hatte nach und nach fast alle Bücher ausgeliehen, die sich mit der Welt der Menschen befassten oder die sein Bruder geschrieben hatte. Und sei es nur ein Bericht über Landwirtschaft und Viehzucht. Anscheinend hatte sie fest vor soviel über die Welt der Menschen zu erfahren wie möglich. Die Auswahl ihrer Kurse bestätigte das nur. Alles in allem konnte man davon ausgehen, dass sie von einer Karriere im Außendienst träumte. Das war interessant. Er beschloss noch ein klein wenig mehr über sie herauszufinden, aber da es einem Kadetten nicht erlaubt war auf die Akten seiner Mitschüler zu zugreifen würde er wohl seinen Bruder um diesen kleinen Gefallen bitten müssen.

Leider war dieser nicht sonderlich angetan von dieser Idee und hielt ihm erstmal einen Vortrag darüber was es für Folgen haben könnte, wenn man sich zu sehr mit einem weiblichen Engel beschäftigte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig als einen anderen Weg zu finden mehr über sie zu erfahren. Das Einfachste wäre wohl wenn er sich in einen der Kurse einschrieb, die sie ebenfalls besuchte. Und da er dank seiner bisherigen Leistungen die meisten seiner Kurse mit Auszeichnung absolviert hatte konnte es wohl nicht schaden sich von Saraquel noch etwas mehr über das Gefühlswesen der Menschen beibringen zu lassen. Also schrieb er sich zur Überraschung sämtlicher seiner Lehrer und Mitschüler mitten im Jahr für einen neuen Kursus ein. Zwar hatte er anfänglich etwas Schwierigkeiten dem Stoff zu folgen, aber mit einigen ausgefüllten Abendstunden in der Bibliothek war auch dieses Problem bald gelöst.

Das Beste war allerdings, das sie ihn bisher kaum zur Kenntnis genommen hatte und er sie deshalb beinahe so gut wie ungestört studieren konnte. Wie sich herausstellte war sie der weibliche Engel, der ihm immer wieder den Rang als bester seines Jahrgangs ablief und alle waren sich einig, das sie beide den Kampf um die begehrte Trophäe wohl unter sich ausmachen würden. Außerdem konnte er feststellen, das sie ein äußerst umfangreiches Wissen über die Welt der Menschen besaß und das konnte unmöglich allein von den ganzen Büchern herrühren, die sie verschlang wie andere ihren Lieblingsnachtisch. Sein Verdacht schien also nicht allzu unbegründet zu sein und auch ihr Charakter ähnelte sehr verblüffend dem jenes kleinen Mädchens, das er kannte. Ein Beispiel dafür war, dass sie zwar von Verehren nahezu umlagert wurde, aber auf keines der mehr oder weniger eindeutigen Angebote einging. Eher im Gegenteil, sie wies sie alle rigoros zurück (verbal oder handgreiflich je nach dem, was gerade erforderlich war) und schuf sich damit wohl mehr als nur einen Feind, aber das schien sie kaum zu kümmern. Anscheinend war sie die Ansicht, dass man ihr solange sie nur zu den Besten zählte keine Schwierigkeiten machen würde. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass manche Engel ein NEIN nicht akzeptierten.

Eines Tages hatte sich ein kleiner Trupp ihrer Mitschüler sich anscheinend dazu entschlossen ihrem arroganten Gehabe (immerhin redete sie mit keinem von ihnen mehr als unbedingt nötig) ein Ende zu setzten. Er überlegte kurz ob er ihr nicht helfen sollte, aber das wäre wohl keine so sonderlich gute Idee. Immerhin war es ihm bisher gelungen sich in dieser Klasse unauffällig zu verhalten. Wenn er jetzt plötzlich Partei für einen weiblichen Engel ergriff wäre es damit wohl aus und vorbei. Vor allem, da noch keiner aus seiner Klasse gemerkt hatte, das er an diesem Engel einen ganz besonderen Narren gefressen hatte. Das Problem war nur, das die Sache sich auch ohne sein Eingreifen in eine handfeste Schlägerei verwandelte. Wobei es ihn allerdings überraschte wie viele Engel plötzlich ihre Partei ergriffen und sie verteidigten. Er hatte nie bemerkt, dass sie so beliebt war und sie anscheinend auch nicht. Sie war vollkommen überrascht und fuhr dann ihre Helfer an sie sollten sich gefälligst aus dieser Sache heraushalten, aber keiner von ihnen dachte daran auf sie zu hören. Das Ende von Lied war, das sich plötzlich der halbe Jahrgang in einer Schlägerei befand, die erst beim lauten Klang der Pausenglocke eingestellt wurde. Wobei es einem mittleren Wunder gleichkam, das keiner ihrer Lehrkräfte Wind von dieser Sache bekam oder eingriff. Er war sich allerdings ganz sicher die Silhouette seines Ausbilders hinter einem der großen Buntglasfenster gesehen zu haben. Aber vielleicht war das auch nur Einbildung. Viel schlimmer als die Schlägerei war es für ihn sich hinterher im Unterricht das Lachen zu verkneifen. Immerhin sahen sämtliche seiner Mitschüler aus als wären sie gerade durch einen mittleren Hurrikan begegnet. Aber sie alle behaupteten einstimmig es wäre rein gar nichts gewesen als man sie nach dem Grund für ihre zerlumpten Uniformen fragte. Aber anscheinend reichte ihren Lehrern diese Erklärung und der Unterricht verlief halbwegs normal. Bis auf die kleine Tatsache, das er ohne es zu wollen durch sein Nichteingreifen die Aufmerksamkeit seines Zielobjekts auf sich gezogen hatte. Sie funkelte ihn derart vernichtend an, dass er schon fast zu der festen Überzeugung gelangte, dass sie ihm im nächsten Moment den Hals umdrehen würde. Allerdings war er sich nun ganz sicher, das es sich bei ihr um jenes Mädchen handelte mit dem er damals seine wohl glücklichste Zeit in der Welt der Menschen verbrachte hatte. Ihr gesamtes Verhalten während dieser kleinen >Meinungsverschiedenheit< (was später zu einem geflügelten Wort unter den Kadetten wurde) hatte sie verraten.

Er beobachte sie auch weiterhin. Doch wesentlich vorsichtiger als vorher. Wenn sie erst einmal herausfand dass er ein solches Interesse an ihr hatte, dann würde sie ihm unter Garantie wohl erstmal einige Knochen brechen bevor sie ihm Fragen stellte. Es war erstaunlich wie sehr sich dieses Mädchen von all den anderen Engeln, die er kannte unterschied. In ihrer Freizeit tat sie nichts lieber als auf einer der unzähligen Plattformen Yetzirahs den Zug der Wolkenwale zu beobachten und den Wind durch ihre offenen Haare fahren zu lassen. Und mehr als nur einmal entfaltete sie kurz darauf ihre schneeweißen Schwingen und schwang sich hinauf in das Blau des Himmels. Dabei sah sie so dermaßen glücklich aus als hätte sich einer ihrer größten Träume erfüllt. Sie verbrachte Stunden damit durch die Zinnen von Yetzirah zu fliegen und jeden noch so kleinen Winkel davon zu erkunden. Ihm war bisher noch nie ein Engel begegnet, der so sehr auf das Fliegen versessen war wie sie. Nach einiger Zeit fiel ihm allerdings auf das sich der klare Blick ihrer Augen immer wieder verdunkelte. Fast so als würde sie etwas schrecklich vermissen. Das war auch die Zeit in der sie immer häufiger dem Unterricht fernblieb und niemand sie finden konnte. Erst als er sie eines Tages dabei beobachtete wie sie in einem der unzähligen Gänge zu den Unterrichtsräumen eine halbvertrocknete Pflanze fand begann er den Grund dafür zu verstehen. Sie beugte sich herunter und hob sie so vorsichtig wie möglich auf. Das war bei Weitem nichts besonderes, aber dass ihre Augen sich plötzlich mit Tränen füllten überraschte ihn. Es schien fast so als sei etwas in ihr schon seit langer Zeit zerbrochen nur, dass bisher noch niemand bemerkt hatte. Sie sackte in sich zusammen und drückte die kleine Pflanze an sich als wäre sie der letzte Halt, den sie noch hätte.

„Es tut mir so leid. Ich dachte ich schaffe das.“ Ihre Stimme klang anders als sonst. Einsam und verlassen. Er hatte noch nie gemerkt, dass sie so sehr an sich selbst zweifelte. Bisher hatte er immer geglaubt, dass sie genau wusste was sie tat und wollte. Aber jetzt war er sich da gar nicht mal mehr so sicher.

„Sieht ganz so aus als würden wir beide nicht hierher gehören.“ Sie hielt die Pflanze ein klein wenig von sich weg und lächelte sie an.

„Aber noch sind wir beide nur ein klein wenig verwelkt. Etwas Wasser und ein bisschen Pflege dürften reichen um wieder zu unserem alten Selbst zurück zu finden. Meinst du nicht?“ Er hatte keinerlei Ahnung ob sie sich eine Antwort von dieser Pflanze erhoffte, aber sie schien zu frieden zu sein. Ihr Blick war wieder so entschlossen wie eh und je. Und einige Zeit später bewies sie ihnen allen, dass weibliche Engel durchaus in allen Bereichen ihren männlichen Kollegen das Wasser reichen konnten als sie die ihnen gestellte Aufgabe mit Bravour löste. Saraquel hatte ihnen aufgetragen etwas von dem, was sie bewegte so zu beschreiben, dass ein Anderer es nachvollziehen und am Besten auch noch begreifen konnte. Hatte seine Arbeit schon die gesamte Klasse verblüfft, dann tat die seiner ärgsten Konkurrentin es mit dem gesamten Jahrgang.

Sie hatte sich dafür entschieden zu singen. Etwas, das allein schon für genügend Furore sorgte, da dieses Mal auch Uriel, der beste Sänger unter den Engeln anwesend sein würde. Das war auch der Grund dass er sich dazu hinreißen ließ mit ihr eine kleine Wette abzuschließen. Sollte es ihr gelingen den Engel der Erde dazu zu bringen ihr zu applaudieren, dann würde er ihr für die nächste Zeit alle unangenehmen Arbeiten abnehmen. Wenn sie es nicht schaffte lief der Deal selbstverständlich andersherum. Zu seiner Überraschung ging sie ohne zu Zögern darauf ein und meinte, das er noch sein blaues Wunder erleben würde. Anscheinend war sie immer noch sauer auf ihn wegen dieser Schlägerei aus der er sich elegant herausgehalten hatte. Aber er hätte niemals damit gerechnet, dass er so dermaßen hoch verlieren würde.

Sie schaffte es mit ihrem Gesang die Welt der Menschen so nah an ihre Herzen zu bringen wie niemand jemals zu vor. Ihre Stimme brachte die Wälder in denen er bereits umher gestriffen war wieder in greifbare Nähe und sie erzählte von einer Sehnsucht in ihrem Herzen, das sich mehr als alle andere danach sehnte an diesen Ort zurück zukehren. Ebenso erzählte sie von der Liebe einer Familie, deren Wärme mehr war als sich jemals ein Engel vorstellen konnte. Und als ihre Stimme schließlich den Untergang der Sonne beschrieb, die die Welt in ihr goldenes Licht tauchte war ihm als könnte er es beinahe sehen und fühlen. Wie die helle Scheibe hinter dem Horizont versank. Irgendetwas in ihrem Gesang sorgte dafür dass er fast glaubte den Wind spüren zu können, der über die Gräser Assias striff. Als ihr Lied langsam verstummte starrten sie alle vollkommen fassungslos an bis urplötzlich ein ohrenbetäubender Applaus losbrach dem sich keiner entziehen konnte. Ohne jede Ausnahme waren sie in wildes Jubelgeschrei ausgebrochen und selbst Uriel konnte seine Begeisterung nur schwer verbergen. Er und der inorganische Engel Alexiel, die sich zu ihm gesellt hatte applaudierten ebenso wie alle anderen. Es hatte ganz den Anschein, dass er seine Wette verloren hatte. Aber er war noch nie so froh darüber gewesen wie in diesem Augenblick. Sie hatte bewiesen das es durchaus weibliche Engel gab deren Stimme es ohne Probleme mit den Engelschören aufzunehmen konnte. Und wie sich herausstellte war er nicht der Einzige der so dachte. Er konnte beobachten wie Uriel sie kurz zur Seite zog um einige Worte mit ihr zu wechseln. Danach strahlte sie nur noch mehr. Anscheinend hatte sie überhaupt nicht damit gerechnet einen solch großen Erfolg zu haben. Lächelnd sah er zu wie sie sich von dem Rest ihrer Klasse zu einer kleinen Party überreden ließ und verschwand dann unauffällig in einem der Gänge. Er würde später noch genügend Zeit haben sich zu seinen Klassenkameraden zu gesellen. Jetzt wollte er erstmal seinen Mentor finden um diesem von seiner Entdeckung erzählen.

Nach dem er ohne sichtlichen Erfolg an dessen Türe geklopft hatte machte er sich auf die Suche nach ihm und fand ihn schließlich auf einer der äußeren Plattformen von denen man den Garten sehen konnte in denen bis vor kurzem noch ihr Jahrgang versammelt gewesen war. Er hatte es also ebenfalls gehört. Denn jetzt gab es nicht mehr den geringsten Zweifel daran wer sie war.

„Rosiel-sama!“ Völlig außer Atem salutierte er vor seinem alten Lehrmeister und war überrascht dass dieser ihn erst gar nicht zu bemerkte. Anscheinend war sein Mentor mit seinen Gedanken gerade ganz woanders.

„Oh Remiriel. Feierst du nicht mit den Anderen?“ Gedankenverloren fuhr Rosiel kurz durch seine langen Haare und musterte seinen Schüler eindringlich. Hatte er etwas gemerkt?

„Noch nicht. Ich wollte euch erst etwas fragen.“ Mit einem kleinen Wink wies Rosiel ihn an sich neben ihn zu stellen.

„Habt ihr den weiblichen Kadetten gesehen, der vorhin gesungen hat?“ Remiriel beugte sich leicht über die Brüstung und deutet hinunter in den Garten.

„Sie hat es geschafft, dass wir alle ihr applaudiert haben. Selbst Uriel und eure Schwester waren dort und haben ihre Leistung anerkannt.“

„Willst du auf etwas Bestimmtes hinaus?“

„Eigentlich nicht. Ich wollte euch lediglich fragen ob ihr es ebenfalls bemerkt habt.“ Dabei wendete er seinen Blick und sah seinen Mentor fest an.

„Was soll ich bemerkt haben?“ Am Liebsten wäre er der Frage seines Musterschülers ausgewichen, aber er konnte es nicht. Wenn er ihm jetzt nicht zuhörte, dann würde dieser ihm immer wieder mit dieser Frage belästigen und damit vielleicht hinter sein kleines Geheimnis kommen.

„Meint ihr nicht, dass sie jenem Mädchen das wir einst in Assia getroffen haben unheimlich ähnlich ist?“

„Wie kommst du auf die Idee?“ Rosiel lehnte sich lässig gegen die Brüstung um nicht den Eindruck zu erwecken das er sich bei etwas ertappt fühlte.

„Habt ihr jemals in ihre Augen gesehen? Es sind genau dieselben Augen wie damals. Sie sind immer noch so blau wie die Ozeane Assias.“ Man konnte deutlich merken wie die Stimme seines Schülers bei diesen Worten immer weicher wurde.

„Ach, du meinst dieses Mädchen, das angeblich die zweite Hälfte deiner Seele sein sollte. Ich dachte immer du wärest langsam zu alt für so etwas.“

„Rosiel-sama meint ihr wirklich ich hätte das jemals vergessen? Die Zeit, die wir damals in Assia verbrachten… noch nie habe ich mich so dermaßen frei gefühlt.“ Rosiel wich seinem Blick aus und versuchte in dem Menschengewirr unter ihnen eine ganz bestimmte Gestalt auszumachen. Auch ihn hatte diese Reise damals nicht unberührt gelassen, aber im Gegensatz zu seinem Schüler konnte er es sich nicht leisten darüber zu sprechen was ihn seit dem bewegte. Er musste seine Gefühle tief in seinem Inneren verschließen oder es wäre sein Untergang.

„Mag sein, aber wie kommst du darauf, das dieser Engel und jenes Mädchen ein und dieselbe Person sein könnten?“ Das war ein lausiger Versuch das Thema zu wechseln, aber was blieb ihm anderes übrig wenn er nicht enttarnt werden wollte?

„Dann wisst ihr also wen ich meine!“ Remiriel strahlte ihn überglücklich an und Rosiel biss sich im Geiste auf die Zunge. Es wäre besser gewesen weiterhin so zu tun als wüsste er nicht von welchem Engel sein Schüler mit solcher Begeisterung sprach, aber jetzt war es zu spät. Zum Glück wusste Remiriel nichts davon dass er jenen Engel seit seiner Ankunft in Yetzirah überwachen ließ. Es gab fast nichts, was er nicht über sie wusste und dennoch war er ihr noch nicht ein einziges Mal von Angesicht zu Angesicht begegnet und das war auch gut so. Er war sich nicht sicher, dass er seine wahren Gefühle immer noch verbergen könnte, wenn er auch nur noch ein einziges Mal in diese blaue Augen sah. Wahrscheinlich würde er einfach in ihnen ertrinken und deren Besitzer nie wieder loslassen können. Doch das war etwas, dass er niemanden, aber auch wirklich niemanden anvertrauen konnte.

„Ich bin mir ganz sicher, dass sie es ist.“ Das Gesicht seines Schülers spiegelte eine derartige Begeisterung wieder, das es schon fast unheimlich war. Aber so war es schon immer gewesen wenn Remiriel sich auf etwas stürzte dann mit Leib und Seele.

„Und wenn du dich irrst? Immerhin war dieses Mädchen damals ein Mensch. Wieso sollte sie plötzlich ein Engel sein?“

„Lasst das ruhig meine Sorge sein. Ich werde es mit Sicherheit noch herausfinden. Und wenn ich mich irren sollte…“ Er überlegte einen kurzen Moment bevor er seinen Mentor wieder ansah.

„Tja, dann habt ihr wohl recht gehabt.“ Es war bewundernswert wie einfach sein Schüler die ganze Sache sah. Er wünschte sich, dass er das ebenfalls konnte. Aber er wusste es besser. Niemals würde es für ihn so einfach sein wie für seinen Schüler.

„Aber egal ob ich mich irre oder nicht. Ihr solltet sie unbedingt kennen lernen. Sie vertritt ein paar erstaunliche Ansichten.“ Rosiels Herzschlag setzte für einen kleinen Moment aus als er daran dachte, was ein Wiedersehen mit jenem unverschämten Menschenkind bedeuten könnte, dass es gewagt hatte ihn als alt zu bezeichnen. Aber das war unmöglich. Er konnte es sich nicht leisten, das jemals wieder jemand hinter seine Mauern sah. Er wendete seinen Blick erneut hinunter zum Garten und stellte fest, dass sich die Menschenmenge bereits aufgelöst hatte und wie immer hatte keiner von ihnen sein Fehlen bemerkt. Außerdem hat sich erneut niemand die Mühe gemacht ihn zu suchen. Seinem Schüler verzieh er diesen Fehler. War es doch ein großer Tag für dessen Klasse gewesen, aber all den anderen Engel die sich dort versammelt hatten würde er niemals verzeihen. Keiner von ihnen hatte es für nötig gehalten ihn zu diesem Ereignis einzuladen. Aber eines Tages würde er den Spieß einfach umdrehen, dann würden sie es sein, die vergeblich auf eine Einladung von ihm hofften.

„Rosiel-sama? An was denkt ihr gerade?“ Sein Schüler sah ihn besorgt an. Mit einem leichten Räuspern riss er sich von seinen bisherigen Gedanken los und wandte seinen Blick von dem Garten ab und sah hinauf in den Zug der Wolken. Wie lange war es schon her das er zum letzten Mal einfach nur so zum Spaß geflogen war?

„Es ist nichts. Nur ein paar alter Erinnerungen.“ Remiriel wusste nur zu gut dass es in solchen Momenten besser war seinen Mentor nicht weiter nach den Gründen dafür zu fragen. Es kam nicht selten vor, das sich Rosiel so mir nichts dir nichts in sich selbst zurück zog und keinen mehr an sich heranließ. Manchmal hatte er den Eindruck, das einzig und allein jener Ausflug nach Assia dafür gesorgt hatte, das er eine andere Seite seines Mentors kennen gelernt hatte. Eine Seite, die frei und unabhängig war und so oft wie es nur eben ging lachte. Hier in den Himmeln versteckte Rosiel sich immer hinter einer undurchdringlichen Maske und selbst ihm gelang es nicht immer dahinter zu schauen. Im Laufe der Jahre hatte es Rosiel es geschafft seine wahren Gefühle beinahe perfekt zu verbergen. Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mochte er hoffte das sein Mentor irgendwann wieder zu jenem Selbst zurück finden würde das in Assia so glücklich gewesen war.

„Meinst du nicht es wird allmählich Zeit für dich feiern? Es sieht ganz so aus als wäre deine Klasse schon fleißig dabei.“ Damit wies Rosiel erneut hinunter in den Garten wo sich bereits wieder eine beachtliche Menge an jungen Engeln versammelt hatte die ausgiebig lachten und tanzten. Es sah ganz so als würde diese Fete im Freien stattfinden.

„Sieht ganz so aus.“ Grinsend löste sich Remiriel von der Brüstung und machte sich daran die Plattform zu verlassen. Jetzt wäre er wieder allein. Sein Schüler würde ihn ebenso wie alle anderen verlassen und nicht einen einzigen Blick zurückwerfen. Das war wohl sein Schicksal. Alle verließen ihn eines Tages…

„Wollt ihr nicht mitkommen?“ Erschrocken zuckte Rosiel aus seinen Gedanken hoch und sah vollkommen perplex auf die Hand, die ihm angeboten wurde.

„Es wäre die perfekte Gelegenheit für euch sie kennen zu lernen.“ Er schüttelte bedauernd den Kopf.

„Tut mir leid, aber ich halte das für keine gute Idee. Dieser Tag gehört einzig und allein euch.“ Er wusste, dass er log. In seinem Herzen wünschte er sich nichts sehnlicher als diese Hand einfach zu ergreifen und sich zu ihnen zu gesellen, aber das wäre ein nicht wieder gutzumachender Fehler. Bevor sein Schüler noch einen weiteren Versuch starten konnte ihn zu überreden ging er an ihm vorbei und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

„Nun geh schon und genieß euren Triumph. Du kannst mich später wissen lassen wer von uns beiden recht hatte.“

„Wie ihr wünscht Rosiel-sama.“ Noch ehe er sich versah schoss sein Schüler an ihm vorbei auf die Brüstung zu und wandte sich schließlich doch noch einmal um.

„Aber ihr solltet wirklich mehr unter Leute gehen.“ Mit diesen Worten schoss er hinab in die Tiefe und wurde unter dem Johlen der Menge begrüßt als er zwischen ihnen landete. Seine Schwingen leuchten in der Nacht wie zwei Lichter der Hoffnung, doch Rosiel wusste bereits das es für ihn keine Hoffnung mehr gab. Es war nur noch eine Frage Zeit bis sein Leben nur noch aus Einsamkeit bestehen würde. Und noch während er die ausgelassene Feier der Kadetten beobachtete wünschte er sich, dass er wenigstens zu seinem Schüler hätte ehrlich sein können. Aber wie hätte er ihm erklären sollen, dass er nicht der Einzige war, der glaubte die zweite Hälfte seines Ichs gefunden zu haben?

Nachdenklich beobachtete er den rotbraunen Haarschopf, der deutlich aus der Menge hervorstach. Remiriel was würdest du wohl tun, wenn du wüsstest, dass dein alter Lehrmeister ein genauso großer Idiot ist wie sein Schüler und sich ebenfalls nicht an seine Lehren hält? Was, wenn du wüsstest, dass dieser Narr sein Herz ebenfalls an ein Mädchen mit Augen so blau wie das Meer verloren hat? Er stellte diese stummen Fragen dem Wind und wie immer bekam er keine Antwort darauf.

Als sich die Menge für einen kurzen Moment teilte wurde eine Gestalt sichtbar, die er in den letzten Wochen und Monaten immer nur auf Fotos und Videobändern gesehen hatte. Der Anblick ihres lachenden Gesichtes ließ ihn noch ein klein wenig länger auf der Plattform verweilen. Im Gegensatz zu seinem Schüler war er sich ganz sicher, das es sich bei ihr um jenes Mädchen handelte, das ihm damals in Assia so respektlos begegnet war.

Suru, die Tochter seines besten Freundes und die zweite Hälfte der Seele seines Schülers. Er hatte kein Recht darauf die Beiden voneinander fernzuhalten. Auch wenn es für sie wahrscheinlich besser wäre. Aber sein Herz konnte sich einfach nicht dazu überwinden diese beiden Seelen noch länger voneinander zu trennen. Es war schon damals mehr als deutlich gewesen, das diese Beiden anscheinend füreinander bestimmt waren. Auch wenn sie sich dauernd stritten und meistens auch prügelten. Aber das war für Kinder in diesem Alter eher typisch und wenn man so unterschiedlich aufgewachsen war wie diese Beiden, dann war das auch kein Wunder. Er fragte sich allerdings nach wie vor warum er damals nicht gemerkt hatte, dass sie ein Engel war. Und vor allem wie hatte sie es geschafft ohne Aufsehen in die Himmel zu gelangen?

Erst als er zu frieren begann merkte er wie lange er schon vollkommen ungeschützt an der Brüstung der Plattform lehnte und das fröhliche Treiben in dem Garten beobachtete. Schweren Herzens riss er sich davon los und beschloss alle Gefühle, die seit ihrer Begegnung in ihm erwacht waren für immer in seinem Herzen zu verschließen. Sie mochte vielleicht die zweite Hälfte von Remiriels Seele in sich tragen, doch es war unmöglich, das sie jemals erkennen würde, dass sie auch einen Teil des inorganischen Engels in sich trug. Er hatte es damals erst nicht wahrhaben wollen, aber anscheinend hatte Gott wirklich Seelen geschaffen, die er später teilte. Dieses Mädchen besaß die zweite Hälfte seiner Seele und sie würde es niemals merken, da ihre Seele bereits einem anderen Engel gehörte. Bevor er die Brüstung verließ warf er noch einen letzten sehnsuchtsvollen Blick zurück auf den Feuerschein, der den Garten erhellte.

Er schwor sich falls Remiriel eines Tages nicht mehr sein würde alles in seiner Macht stehende zu tun um dieses Wesen, das ihre Seelen in sich trug zu beschützen. Niemand außer ihnen sollte das Recht haben sich in ihr Leben einzumischen. Er hoffte nur, dass er lange genug bei Verstand bleiben würde um diesen Schwur zu erfüllen.

Was er nicht bemerkte war, das ihm ein nachdenklicher Blick aus einem Paar blauer Augen folgte.

 

04-06-01

 

 

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Oh man, dieses Mal habe ich wirklich ewig für die Fortsetzung gebraucht! Bitte verzeiht mir! Dafür gibt es dieses Mal auch direkt zwei Kapitel auf einmal. ^.^ Muss nur noch die Endkorrektur machen, aber ich schätze morgen geht Part 27 ebenfalls online. Hoffentlich gefallen sie euch auch.

Sagt mal gibt es eigentlich wirklich keinerlei Fanart zu Love of an angel? Bisher hat sich noch niemand bei mir gemeldet… *leicht enttäuscht sei*

Dabei hatte ich so gehofft ganz so alleine zu sein was das Zeichnen angeht. Wer möchte kann sich die bisherigen Bilder unter:

http://sea9040.deviantart.com/gallery/5304132

ansehen. Und wenn ihr Fanart habt immer her damit! Ich freue mich bestimmt!

Außerdem würde es mich wirklich interessieren wie ihr die einzelnen Charaktere so seht und was euere bisherigen Lieblingsszenen sind.

Dieses Kapitel hat mich übrigens einiges an Überwindung gekostet, da ich eigentlich nie vorhatte ein Kapitel über Remiriel zu schreiben. Aber im Nachhinein war es dann doch schwierig sich auf eine gewisse Seitenanzahl einzuschränken. ^.^

Zu verdanken ist das ganze Sandi-chan, die ein treuer Leser ist und ein ebenso großer Remiriel-Fan. Das war ihr Geburtstagswunsch letztes Jahr und es tut mir wirklich leid, dass es mit der Umsetzung so dermaßen lange gedauert hat. (Um zu zeigen wie lange, sie hatte im Dezember (!) Geburtstag) Ich hoffe wirklich dir hat dieses Kapitel gefallen. Das gewünschte Bild folgt noch! Bring es dir im November mit ^.^

Für alle, die sich über die plötzliche Anwendung der neuen Rechtschreibung wundern. Habe seit Anfang des Jahres einen neuen Computer (der Alte ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen und mit ihm erstmal alle bisherigen FF Fortsetzungen, die aber alle in den letzten Monaten gerettet worden sind und inzwischen wieder auf ihrem aktuellen Stand sind) und das neue WORD Programm kann halt die neue Reform und markiert fröhlich immer alles was vorher einmal richtig war und jetzt falsch ist. Und da ich viel Rot im Text nicht sonderlich leiden kann habe ich mich einfach in mein Schicksal ergeben und lasse dem Ding seinen Willen. Obwohl manche Sachen einfach nur noch strange aussehen.

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen des nächsten Kapitels!

UPDATE Kurenai no Tenshi
 

ab sofort erhältlich

Volume 13

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UPDATE Convention
 
Teilnahme an folgenden
CONVENTIONS:

Dokomi
30.04. - 01.05.2016
in Düsseldorf
eigener Stand
UPDATE Fanfiction
 
Moon Shadows
Chapter 14
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Secrets
wird fortgesetzt
___________________

Love of an angel
abgeschlossen
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Kaze to ki no uta

Cover, Farbbilder und
Animescreenshots sind online
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