Part 33

05-09-04

 

Love of an angel

         Part 33

 

Storm in a desert

 

Nachdenklich beobachtete ich den dunklen Himmel über mir und wunderte mich über die vielen Sterne, die  dort nach und nach sichtbar wurden. Es bestand kaum ein Unterschied zu den Nachthimmeln in Assia, außer das die Sterne hier wesentlich deutlicher und heller am Firmament erschienen. Es war beinahe schon zu einfach zu vergessen, wo ich mich eigentlich befand.

Nach der Zerstörung der Säulen der Hölle war soviel geschehen und gleichzeitig doch so wenig. Astaroth hatte mir erzählt wer mein Vater war. Doch glauben konnte ich ihm nicht. Sicher, es gab keinen einzigen Beweis dafür, daß er mich angelogen hatte aber auch keinen dafür, daß er die Wahrheit sagte. In meinem Kopf herrschte seitdem das reinste Chaos und viel zu selten hatte ich Zeit genug um mich mit der Entwirrung dieses Knäuels zu befassen.

Vielleicht hatte mich ich gerade deshalb auf das Dach dieses umgestürzten Hochhauses zurück gezogen. Obwohl Dach kann man es schon fast nicht mehr nennen. Das gesamte Gebäude ist dermaßen schief, das ich es mir direkt neben der ehemaligen Dachgeschoß Tür gemütlich gemacht habe. Das Treppenhaus im Innern ist zerstört und auch der Rest des Gebäudes sieht nicht besser aus. Es könnte sogar sein, das es jeden Moment in sich zusammenbricht. Aber was macht das schon? Das Wichtigste ist doch nur, das man hier ohne Flügel nicht raufkommt.

Damit habe ich endlich einmal mehr als genügend Ruhe um mir Gedanken darüber zu machen, was ich als nächstes tun sollte. Na ja, und es ist eine willkommen Gelegenheit sich mal nicht um die Probleme Anderer kümmern zu müssen. Genüßlich streckte ich mich ein kleines Stückchen bevor ich mich gegen den kalten Beton lehnte. Der Nachtwind spielte leicht in meinem Haar und ich schloß die Augen. Es ist so unglaublich friedlich. Warum kann es nicht immer so sein?

Ein leises Rascheln in meinem Rücken veranlaßte mich dazu die Augen zu öffnen. Es sah ganz so aus als wäre mein kleiner Rückzug inzwischen aufgefallen. Vorsichtig schob sich eine dunkle Schnauze in meinem Schoß.

„Ist schon gut Cee.“ Abwesend strich ich ihm über den Kopf.

„Mit fehlt nichts.“ Außer endlich einen Weg aus diesen Chaos zu finden… Er schnaubte leicht. Sein Atem hinterließ auf meiner Haut ein warmes Prickeln. Wie eh und je durchschaute er mich sofort. Er wußte, daß ich längst nicht so ruhig war, wie ich vorgab zu sein.

„Sind alle zurück gekommen?" Ein gut gezielter Schubs und ein entrüstetes Knurren waren mehr als genug um zu wissen, daß meine Frage überflüssig war. Immerhin hatte ich ihn selbst damit beauftragt auf die Bande auszupassen. Wenn einer von ihnen Blödsinn angestellt hätte, dann hätte Cee ihn sofort darin gehindert.

„Dann muß es wohl sein..." Langsam stand ich auf und streckte mich während ich meine Schwingen entfaltete. Der Nachtwind war angenehm warm und kitzelte unter den Federn meiner Flügel. Vielleicht sollte ich doch noch eine kleine Runde drehen?

Ich hatte mich extra für langärmeliges, asiatisch wirkendes Outfit entschieden, das mich beim Fliegen nur wenig behinderte. Das lange Oberteil schmiegte sich eng an meinen Oberkörper bevor es in weichen Bahnen bis fast an meine Knöchel verlief. Auf dem weißen Stoff verteilten sich Magnolienzweige, die mit dichten, tiefroten Blüten nahezu übersäht waren. Passend dazu trug ich eine schwarze Stoffhose und ein Paar Halbschuhe. Ebenfalls schwarz. Es war vielleicht nicht ganz so glücklich gewählt, wenn man bedachte wie die Welt um mich herum aussah, aber mir gefiel es und das war die Hauptsache. Ich hatte mich ohnehin schon viel zu lange nach dem sogenannten Modegeschmack der Engel richten müssen. Es war höchste Zeit, daß ich mich wieder so kleidete, wie es mir gefiel.

Der Wind ruckte erneut an meinem Flügeln und nachdenklich ließ ich meinen Blick über die leblose Ebene unter mir schweifen während der Stoff meiner Kleidung im leichten Wind flatterte. Jetzt, wo die Welt um mich herum beinahe komplett in Dunkelheit gehüllt war konnte man sie problemlos für Assia halten. Der Wind, der sich immer wieder neu in meinen Flügeln verfing löste in mir ein unstillbares Verlangen aus mich einfach in die Lüfte zu erheben und dem Lauf der Sterne bis zum Horizont zu folgen. Doch das war viel zu gefährlich.

Seit der Zerstörung der Pfeiler der Hölle hatten sich die untersten Schalen des Himmels und die obersten Schalen der Hölle zu einer ganz eigenen Welt entwickelt. Sie waren miteinander verschmolzen und tagsüber herrschte hier das pure Chaos. Vor allem, wenn Engel und Dämonen mal wieder gegenseitig Jagd aufeinander machten.

Nachts hingegen war es jedoch vollkommen friedlich. Im Schutz der Dunkelheit suchte sich jeder ein Versteck um sich vor seinen möglichen Verfolgern und den Jägern der Nacht in Sicherheit zu wissen. Erst mit dem Morgengrauen wurde die von Wüsten durchzogene Landschaft erneut mit Leben erfüllt.

Lächelnd ließ ich mich von meinem Aussichtspunkt fallen und vom Nachtwind auffangen. Wie gerne würde ich jetzt seiner Strömung folgen und allem, was mich beschäftigte den Rücken kehren, doch ich mußte zurück. Die Anderen würden mit Sicherheit auf mich warten. Mit zwei starken Flügelschlägen änderte ich meinen Kurs und steuerte auf unser Versteck zu. Cee folgte mir wie ein dunkler Schatten, der das Licht der Sterne verdeckte.

Zur Zeit befand sich unser Unterschlupf tiefeingebettet zwischen hohen Felsen, auf die ein halber Wolkenkratzer gefallen war. Auf den ersten Blick machte die die gesamte Umgebung den Eindruck eines gigantischen Trümmerfeldes, das jederzeit in sich zusammenbrechen könnte. Aber irgendwie hatten sich der massive Fels und die Wände des Gebäudes derart ineinanderverkeilt, das man sie weder vor noch zurück bewegen konnte. Hatte man erst mal die größten Schuttberge hinter sich gelassen und war mutig genug in einer der unzähligen, dunklen Öffnungen zu verschwinden, dann stieß man irgendwann auf ein Höhlensystem, das sich beinahe unter dem gesamten Wolkenkratzer entlang zog. Verwinkelt und mit Tausenden von Gängen war dies, das beste Versteck, das man sich nur wünschen konnte. Selbst wenn es früher oder später gefunden werden sollte, so konnte man sich im Inneren immer noch schnell genug davon machen bevor man entdeckt wurde.

Es wäre perfekt - gäbe es da nicht dieses kleine Problem…

„Laß los! Dämonen brauchen nichts zu essen!“ Ich war noch nicht einmal auf halben Weg zur Haupthöhle und konnte sie bereits streiten hören. Dabei sollte man eigentlich meinen, daß sie im Laufe der letzten Tage gelernt hätten, daß es besser für sie war, wenn sie zusammenhielten. Vor allem, wenn ich dabei war und mir wegen dieser Kindereien hin und wieder mal der Kragen platzte.

„Gib das zurück! Ihr Engel seid nicht besser als wir!“ Oh bitte! Ich kann es nicht mehr hören! Engel, Dämonen… Als wenn das einen Unterschied machen würde. Ich gab Cee ein kleines Zeichen und schon stürmte er unter drohendem Knurren vorwärts. Aufgebrachtes Kreischen, Quietschen und unzählige Flüche waren die Folge. Ich holte tief Luft bevor ich die Haupthöhle betrat. Ruhig bleiben… Einfach nur ruhig bleiben.

„Hatte ich nicht deutlich gesagt, daß ihr zusammenarbeiten sollt?“ Über ein halbes Dutzend Köpfe rückte herum und starrte mich mehr oder weniger fassungslos an. Wie konnte ich mich nur darauf einlassen den Aufpasser für eine Horde halbwüchsiger Engel und Dämonen zu spielen?

„Aber Shao, er-“ Bitte nicht schon wieder! Der Anführer der Dämonen - er war seinem Aussehen nach vielleicht gerade 15 Jahre alt und hörte auf den Namen Lyakaon - versuchte wieder einmal eine Diskussion mit mir anzufangen. Dabei sollte er wissen, daß das rein gar nichts brachte. Er mochte stur sein, doch an mir hatte er sich bisher jeden seiner Zähne ausgebissen.

„Kein Wort mehr! Es ist mir egal wer angefangen hat. Das Essen wird gerecht geteilt.“ Damit hatte ich auch den zweiten Störenfried kalt gestellt. Er war der Fürsprecher der Engel und nach seinem Erscheinungsbild um die 18 Jahre alt. Sein Name war Cassiel.

Seit ihrer Ankunft hatten sich die Beiden dauernd in der Wolle. Es gab nur einen einzigen Grund warum sie sich noch nicht gegenseitig den Schädel eingeschlagen hatten. Bei ihrer ersten ernsthaften Auseinandersetzung hatte ich (aus einem Anfall purer Blödheit) eingegriffen und war selbst zwischen die Fronten geraten. Das war selbstverständlich auch der Augenblick in dem sie erfuhren, das Cee doch kein so harmloser Streuner war, wie sie vermutet hatten und das mit mir nicht sonderlich gut Kirschen essen war. Okay und die kleine Tatsache, das mächtiger als sie beide zusammen bin. Seitdem herrschte zwischen den Beiden mehr oder weniger Frieden. Sah man mal davon ab, das sie sich weder jeden noch so kleinen Kleinigkeit wilde Wortgefechte lieferten. Und jedes, aber auch wirklich jedes Mal durfte ich den Schiedsrichter spielen. Es hängt mir so etwas von zum Hals raus.

„Aber Shao, die Dämonen-“

„Cassiel wie oft muß ich dir noch erklären, das es nicht den geringsten Unterschied macht wer oder was ihr seid?“ Er zuckte erschrocken zurück und ich nahm meiner Stimme etwas von ihrer Schärfe.

„Wenn ihr überleben wollt müßt ihr zusammenhalten. Niemand nimmt Rücksicht darauf ob ihr Kinder seit oder nicht.“ Bei dem Wort Kinder verfinsterten sich die Mienen um mich herum merklich. Oh bitte!

„Schon gut, schon gut. Vielleicht seid ihr keine Kinder mehr.“ Augenblicklich hellten sich ihre Mienen auf.

„Aber ihr seit bei Weitem nicht soweit als das ihr es allein Engel- oder Dämonenpatroullien aufnehmen zu könntet.“

„Woher willst du wissen, daß sie keinen Unterschied machen? Engel töten keine Engel!“ Zusammen mit einigen Anderen brach ich in schallendes Gelächter aus.

„Es gibt da nichts zu lachen! Engel töten nur Verräter.“ Cassiels Gesicht lief vor unterdrückter Wut tiefrot an. Zeit einzulenken, bevor es zur nächsten Katastrophe kommt. Warum habe ich mich bloß eingemischt? Ich faß es nicht, daß ich freiwillig auf eine Horde halbwüchsiger Engel und Dämonen aufpasse. Als wenn ich nicht schon genügend andere Probleme hätte.

„Cassiel, ich wünschte ich könnte nach wie vor daran glauben.“ Ich klopfte ihm leicht auf die Schulter und wandte mich zum Gehen.

„Warte!“ Er hielt mich am Ärmel zurück.

„Was meinst du damit?“ Kurz strich ich über seine blonden Haare und löste seine Hand von mir.

„Nichts.“ Mein Lächeln war falsch und kalt. Das merkten sie alle. Sie hatten es allerdings aufgeben mich mit ihren Fragen zu löchern. Seitdem wir uns zusammengetan hatten beschützte ich sie mehr oder weniger gut und versuchte ihnen beizubringen, wie wichtig es war, das sie zusammenhielten. Sie hatten sich daran gewöhnt, daß ich sehr wenig über mich sprach. Für sie war es nur wichtig, daß sie einen sicheren Unterschlupf hatten. Das ich mit meinem merkwürdigen Haustier ebenfalls in dieser Höhle lebt war das Beste was ihnen passieren konnte.

Sie hatten das Höhlensystem kurz nach mir gefunden und in seinem Inneren Schutz gesucht. Erst hatte ich fest vorgehabt ihnen aus dem Weg zu gehen doch schon nach kurzer Zeit war klar geworden, das ich nicht einfach tatenlos zusehen konnte wie ein Haufen Kinder ums nackte Überleben kämpfte. Allerdings beschränkte ich mich darauf einen Bannkreis um das innere Höhlensystem errichten um mögliche Eindringlinge früh genug zu bemerken oder in die Irre zu führen. Nur waren die Kleinen nicht auf den Kopf gefallen. Sie merkten sehr schnell, daß sie in ihrem Versteck nicht allein waren und daß sie irgend etwas oder jemand vor Entdeckungen von Außen schützte.

Normalerweise hätten sie es trotzdem niemals geschafft mich zu entdecken. Dafür wußte ich einfach zu gut, wie ich mich vor anderen verbergen konnte. Sie liefen mehr oder weniger im Kreis ohne auch nur die geringste Spur von mir zu entdecken. Na ja, zumindest bis zu dem Tag an dem Cassiel und Lyakaon sich das erste Mal einen handfesten Streit um irgendeinen Schwachsinn lieferten. Dabei achteten sie nicht im Geringsten darauf was ihre Auseinandersetzung für an Chaos verursachte. Mit ihrem kleinen Machtkampf rüttelten sie meinen Bannkreis gründlich durch, bis ich es schließlich nicht mehr länger ignorieren konnte. Immerhin wollte ich an jenem Tag noch etwas anderes tun als nur einen Bannkreis aufrecht zu erhalten. Also griff ich ein. Ein nicht wieder gutzumachender Fehler, wie ich leider sehr schnell feststellen mußte.

Aber da war es bereits zu spät. Letztendlich hatte ich ihnen Cees und meine Anwesenheit und die Tatsache, das ein ‚Engel’ einen Dämon als Beschützer besaß, erklären müssen. Ich tat es mehr oder weniger eng an der Wahrheit und nach einigen ‚kleineren’ Differenzen wurde einstimmig akzeptiert das ich ebenfalls in ihrer Höhle lebte. (Nicht, das sie mich zum Gehen hätten zwingen können, aber ich wollte sie nicht unnötig beunruhigen und ließ sie abstimmen.)

„Du lügst.“ Grinsend brachte ich seine Frisur komplett durcheinander. Ich wußte genau, wie sehr er es haßte, wenn ich das tat.

„Kann sein.“ Mit einem vernichtenden Blick befreite er seine blonde Mähne von mir und versuchte seine Würde wenigstens halbwegs aufrecht zu erhalten während er darum kämpfte wieder Ordnung in seine Haare zu bringen. Sowohl ihm als auch Lyakaon paßte es überhaupt nicht, das ich sie in keinster Weise ernstnahm. Wie denn auch? Sie sind um so vieles jünger… Wie kann ich ihre Drohungen und Verwünschungen da für voll nehmen?

„Komm Cee, es wird Zeit.“ Ohne mich weiter um Cassiel – der in meinem Rücken mal wieder einen nicht ganz jugendfreien Fluch ausstieß - zu kümmern machte ich mich auf den Weg zu meinem Schlafplatz und damit auch zum nächsten von meiner Probleme.

Aus mir immer noch unerklärlichen Gründen hatte ich Iadaras leblosen Körper ebenfalls in Sicherheit gebracht. Nicht, weil ich mich dazu verpflichtet fühlte. Mir behagte nur einfach der Gedanke nicht das er schutzlos in der Wüste herumlag und die Engel ihn nach belieben hätten verstümmeln können. Wie bei den Kindern hatte ich erst versucht ihn zu ignorieren, aber ich war nicht sonderlich weit gekommen. Sein Körper war immer noch in Sichtweite als ich mich umdrehte und schließlich fluchend zu ihm zurück kehrte.

Was das anging hatte Astaroth ganze Arbeit geleistet. Ich zweifelte zwar nach wie vor an seinen Worten, aber irgend etwas davon hatte in meinem Inneren etwas ausgelöst. Iadara war plötzlich wichtig für mich geworden. Ob ich das nun wahrhaben wollte oder nicht.

Zum Glück mußte Cee seine wahre Natur nun nicht mehr länger verbergen. Unter all den Dämonen in dieser zerstörten Welt fiel seine Aura kaum auf. Es war also kein Problem den leblosen Körper auf seinen Rücken zu hieven und dann weiter in die Wüste zu ziehen.

Es war auf Dauer jedoch ziemlich frustrierend einen schweigenden Mitbewohner zu haben. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, das ich immer noch an Astaroths Aussage zu knabbern hatte, das dieses leblose etwas mit dem Namen Iadara mein Vater sein sollte.

Noch viel schlimmer als das ist allerdings die Erinnerung an Shion und meine Band, die Iadaras Anblick regelmäßig in mir wachruft. In Dämmerlicht ist er Shion so dermaßen ähnlich, das ich beinahe schon fast erwarte, daß er die Augen aufschlägt und mich bei meiner Rückkehr grinsend begrüßt. Die Anderen würden dann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen und alles wäre so wie früher…

Gott, ich würde sonst etwas darum geben einfach so in dieses Leben zurückkehren zu können…

Seufzend ließ ich mich gegenüber von Iadara auf ein provisorisches Kissen sinken und prostete ihm zu. Im Moment saß er aufrecht an einer Wand gelehnt und irgendwie hatte ich wieder das unbestimmte Gefühl, das er beinahe alles von dem mitbekam, was um ihn herum vorging. Obwohl seinem Körper die Seele fehlt reagiert er manchmal auf die einfachsten Gesten. Wie jetzt zum Beispiel wo sich seine Lippen beinahe unauffällig zu einem leichten Lächeln kräuseln.

Wie sehr ich mir wünsche, daß er in solchen Momenten sein Augen öffnet und mit mir spricht. Er könnte all meine Fragen beantworten…

Oder wäre es Shion, der mich wieder einmal kopfschüttelnd für meine Unentschlossenheit tadelt? Oh ja, er fehlt mir… Sie alle…

In den letzten Jahren habe ich mit ihnen so viele Höhen und Tiefen durchgemacht…

…White demon feather… meine Band… wir werden nie wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen…

Sobald Adam Kadmon befreit ist werde ich nicht mehr nach Tokyo zurück kehren. Hoffentlich wirft sie mein plötzliches Verschwinden nicht allzu sehr aus der Bahn. Sie haben es verdient weiterhin erfolgreich zu sein.

„Auf euch Freunde.“ Ich prostete den Schatten meiner Erinnerung zu und hob meinen Wasserbecher. Der Inhalt war bereits Wein bevor ich ihn überhaupt auf den Lippen spürte. Der kleine Trick funktionierte doch immer wieder aufs Neue. Zufrieden setzte ich den Becher ab und schwenkte ihn leicht hin und her. Die dunkle Flüssigkeit in seinem Innern hatte große Ähnlichkeit mit Blut, aber das störte mich inzwischen kaum noch.

Blut scheint sich in meinem Umfeld einfach nicht vermeiden zu lassen. Sei es nun mein eigenes oder das meiner Feinde. Seitdem ich den Großteil meiner Erinnerungen zurückerhalten hatte war es sogar noch schlimmer als früher.

Wenn ich wollte könnte ich die ganze Nacht Wasser in Wein verwandeln und so weitermachen bis ich mich ohne Probleme direkt ins Delirium befördert hatte. Aber das würde auch nichts ändern. Es brachte rein gar nichts außer Kopfschmerzen am nächsten Tag. Anfangs hatte ich auf diese Art und Weise versucht die Schmerzen in meinem Inneren abzutöten, aber ich merkte sehr schnell, das es der falsche Weg war. Ich mußte einen klaren Kopf behalten und mir meine nächsten Schritte - so schmerzvoll sie auch sein mochten - sehr gut überlegen.

So gerne ich es auch weiterhin ignorieren würde, aber schon bald mußte ich die Kinder verlassen. Es war wichtig, das ich mich auf die Suche nach Setsuna und den Anderen machte. Das heißt sofern sie diese kleine Katastrophe überlebt haben. Adam Kadmon zu befreien wird wesentlich schwieriger werden als wir alle gedacht haben. Gerade jetzt, wo Himmel und Hölle im Chaos versinken. Wir würden jede Hilfe brauchen, die wir kriegen können.

Obwohl… eventuell könnte es sogar ein kleiner Vorteil sein, das sich der Himmel im Chaos befindet…

Cee rollte sich in seiner Wolfsgestalt (sein persönlicher Tarnungsfavourit) zu meinen Füßen zusammen und begann zufrieden vor sich hinzubrummen. Ihm gefiel es sichtlich, daß wir uns nicht länger verstecken mußten. Endlich konnte er wann immer er wollte seine wahre Gestalt annehmen und hier und da einen kleinen aufdringlichen Dämonen oder Engel jagen. Ich hatte es aufgeben ihn zu ermahnen, das er es nicht übertreiben sollte. Es hieß fressen oder gefressen werden. Warum ihm also nicht etwas Spaß gönnen?

Nachdem zweiten Becher schweren, dunklen Rotweins kehrte ich vorsichtshalber zum Wasser zurück. Es war wirklich besser einen klaren Kopf zu behalten. Auch, wenn die Idee sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken nach wie vor nicht schlecht war. Wenigstens würde ich auf diese Art endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen können.

Ein unangenehmes Prickeln in meinem linken Oberschenkel veranlaßte mich dazu fluchend aufzustehen. Es ist also mal wieder soweit. Irgend jemand hat meinen Bannkreis durchbrochen und er gibt sich nicht die geringste Mühe seine Absichten zu verbergen. In diesem Fall:

Alle, die sich in diesem Höhlensystem verstecken aufzuspüren, gefangennehmen oder gegebenenfalls töten. Je nachdem, was sich eben als erstes ergibt.

Noch ehe ich den Gang in dem sich der Störenfried befand erreichte konnte ich bereits hören wie dort gekämpft wurde. Es ist doch wirklich zum aus der Haut fahren! Wie oft habe ich ihnen schon gesagt, daß sie sich verstecken sollen, sobald ein Eindringling in den Gängen ist? Warum können sie nicht ein einziges Mal auf mich hören? Müssen sie mir wirklich immer wieder beweisen, daß ich Recht habe, wenn ich sie unreif nenne?

Vorsichtig und so leise wie möglich näherte ich mich dem Geschehen und war überrascht zu sehen, das Lyakaon tatsächlich die Oberhand behielt. Er hatte sich in einen eisgrauen Wolf verwandelt und drängte seinen Gegner – einen Engel - immer weiter in die Enge. Es sieht ganz so aus, als wird er meine Hilfe dieses Mal nicht brauchen. Du kannst stolz auf dich sein Kleiner. Du hast wirklich dazu gelernt.

Gerade wollte ich mich dezent zurückziehen als ich aus den Augenwinkeln die beiden anderen Engel bemerkte, die sich in Lyakaons Rücken schlichen. Oh dieser Idiot! Er muß sie doch längst bemerkt haben! Lyakaon, wo bist du nur mit deinen Gedanken?! Sie geben sich doch noch nicht Mal die geringste Mühe ihre Aura zu verbergen! Wozu auch? Ihre Uniformen sprechen schließlich eine deutliche Sprache. Sevothtartes weißer Garde! Warum sollten ausgerechnet sie sich verstecken? Niemand wird in Himmel oder Hölle mehr gefürchtet als sie. Na ja, eventuell die Hunter, aber die gibt es zum Glück nicht mehr.

Gerade als ich die Engel in Lyakaons Rücken unauffällig von ihrem eigentlichen Ziel ablenken wollte bohrten sich Cees Zähne schmerzhaft in mein rechtes Bein.

„Hey!“ Vorwurfsvoll sah ich ihn, doch er beachtete mich nicht weiter sondern zog auch weiterhin an meinem Hosenbein. Leicht verärgert ging ich in die Hocke.

„Was ist denn?“ Froh meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben wandte er sich in die komplett entgegengesetzte Richtung und wartete darauf, daß ich ihm folgte. Zögernd vergewisserte ich mich, das Lyakaon zur Not noch einen Augenblick länger ohne meine Hilfe auskommen würde und folgte Cee.

Wir umrundeten gut geschützt von etlichen Steinformationen die Kämpfenden bis wir in einem kleinen Seitengang standen. Was ich dort sah ließ mein Blut zu Eis erstarren. Vier Engel waren dabei Cassiel, der bereits halbbewußtlos auf dem Boden lag, den letzten Rest zu geben. Sein blondes Haar vollkommen blutdurchgetränkt. Verzweifelt versuchte er immer wieder sich aufzurichten und sich zu behaupten, aber es war zwecklos. Seine Gegner waren viel zu stark und seine Wunden zu tief, als das er überhaupt noch eine Chance gehabt hätte. Ich fühlte, wie sich meine Muskeln anspannten. Der Jäger in mir war geweckt.

„Cee, du hilfst Lyakaon und kümmerst dich darum, das diese Engel die Höhle nicht mehr verlassen. Ich verpasse diesen hier eine Lektion.“ Meine Stimme kalt wie ein Eishauch.

„Aber lock sie weit genug von den Kindern weg. Sie haben schon genug mit gemacht.“ Mit einem tiefroten Aufblitzen seiner Augen machte Cee sich auf den Rückweg. Er hatte genau verstanden, was ich meinte. Diese Engel würden das Licht des Tages nie wiedersehen.

„Hey, ihr! Warum legt ihr euch nicht mit jemanden an, der euch gewachsen ist?“ Mit einem Lächeln, das nur zu deutlich machte für was sie mich hielten wandten die vier Engel nun ihre komplette Aufmerksamkeit mir zu. Das war genau das, was ich erreichen wollte.

„Sieh an, sieh an. Hier gibt es also noch mehr Verräter.“ Der erste von ihnen kam breit grinsend auf mich zu. Mit einer unnatürlichen Ruhe ging ich ihm entgegen. Er wird nicht die geringste Chance haben. Beinahe schade, daß er das nicht weiß. Es wäre zu schön, wenn er jetzt schon zittern würde.

„Shao nicht!“ Ein brutaler Tritt brachte Cassiel dazu zum Schweigen. Er brach hustend in sich zusammen. Aus seinem Mund quoll Blut. Das reichte um mich richtig wütend zu machen. Diese Engel werden innerhalb der nächsten fünf Minuten nicht mehr wissen was schlimmer ist. Die Hölle oder eine Begegnung mit mir.

„Vier gegen einen. Ihr fühlt euch wohl sehr stark, was?“ Mein komplett verrutschtes Outfit und eine Frisur, die aussah als wäre ich gerade aus dem Bett gefallen reichten vollkommen aus, um sie in Sicherheit zu wiegen.

„Shao? Irgendwie kommt mir diese Name bekannt vor…“ Ich stand inzwischen fast genau vor ihm und könnte seine Augen sehen wäre da nicht der Schirm seiner Mütze, der sein halbes Gesicht in Schatten hüllte. Typisch weiße Garde! Ihr Anführer verbirgt die untere Hälfte seines Gesichts, sie die obere.

„Das sollte er auch.“ Selbstbewußt machte ich einen weiteren Schritt in seine Richtung.

„Ach wirklich?“ Seine Stimme klang äußerst herablassend. In seinen Augen war ich nicht das Geringste wert. Von seinem Standpunkt aus habe ich nicht die geringste Chance. Wie gut, das er meinen Standpunkt nicht kennt. Er wird ihm nicht sonderlich gefallen. Es hat etwas mit Tod und Schmerz zu tun.

„Sicher.“ Blitzschnell rammte ich ihm mein Schwert ins Herz.

„Mein Name ist im Himmel bekannt. Immerhin war ich es, die die Hunter vernichtet hat.“ Er brach keuchend in sich zusammen. Bleiben drei.

„…Un… mög…lich…“ Seine Augen brachen völlig ungläubig und ich zog mein Schwert langsam aus seinem Körper. Mit einer schnellen Bewegung in der Luft befreite ich die Klinge vom Engelsblut.

„Wer ist der Nächste?“ Mit ohrenbetäubendem Geschrei stürzten sich alle drei gleichzeitig auf mich. Die tun gerade so als hätten sie auch nur den Hauch einer Chance. Nicht einmal mein siegessicheres Lächeln konnte sie aufhalten. Es dauerte keine zwei Minuten und schon leisteten sie ihrem Kameraden auf dem Boden Gesellschaft. Das war beinahe schon zu einfach.

„Amateure.“ Verächtlich stieg ich über die leblosen Körper hinweg und half Cassiel aufzustehen. Er war schwer verwundet, aber hier konnte und wollte ich ihn hier nicht behandeln. Es konnte durchaus möglich sein, das diese Engel nur eine Vorhut waren.

„Warte.“

„Vergiß es! Du mußt hier so schnell wie möglich weg.“ Mit einer Kraft, die ich ihm nicht mehr zugetraut hatte befreite er sich aus meinem Griff und stolperte genau in die Richtung aus der die Engel gekommen waren.

„So ein Idiot!“ Fluchend setzte ich ihm nach und bekam ihn zu fassen eher er sich noch weiter in Gefahr begeben konnte. Er brach halb zusammen als ich ihn festhielt.

„Wir müssen sie mitnehmen! Bitte Shao, du mußt ihr helfen.“

„Ihr?“ Fragend sah ich ihn an, doch er hatte bereits das Bewußtsein verloren. Na ganz toll! Vorsichtig legte ich ihn auf den Boden und suchte die Umgebung ab. Hinter einem Haufen loser Steine fand ich schließlich das, was er gemeint hatte. Eine schwer verletzte Dämonin. Es kam einem Wunder gleich, das sie überhaupt noch lebte. Ihr gesamter Körper war über und über mit Blut bedeckt. Fluchend drehte ich die reglose Gestalt auf den Rücken. Sie sah aus als wäre sie gerade mal zwölf.

„Scheiße!“ Wie kriege ich die Beiden jetzt hier raus? Wie müssen unbedingt zurück in die Haupthöhle, hier sind wir nicht sicher. Cassiel würde den Transport wohl gerade noch so überstehen, aber bei ihr habe ich so meine Zweifel.

„CEE!“ Meine Stimme hallte in den tiefen Gängen wieder und wurde wahrscheinlich von so ziemlich jedem, der sich im Inneren der Höhle aufhielt, gehört werden. Es blieb mir nur keine andere Wahl. Ich brauchte ihn. Wenn es mir gelingt die kleine Dämonin auf seinen Rücken zu legen schafft sie es vielleicht gerade so zu überleben. Zu versuchen sie vor Ort zu heilen könnte ihren sicheren Tod bedeuten. Ich hoffte nur, das Cee die anderen Engel bereits erledigt hatte. Ansonsten würden wir sehr schnell in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. So behutsam wie nur eben möglich tastete ich mit meinen Kräften ihren Körper ab. Wer auch immer sie angegriffen hatte, er hatte die feste Absicht gehabt sie zu töten. Jede einzelne ihrer Wunden war Präzisionsarbeit.

„Keren!“ Ein dunkler Schatten sauste an mir vorbei und kam neben ihr zum Stillstand.

„Kennst du sie?“ Ärgerlich wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Für einen kurzen Moment hatte mich Lyakaons plötzliche Anwesenheit überrascht. Seine Wolfsgestalt war der von Cee verdammt ähnlich und wenn er einen so plötzlich von hinten ansprach bekam ich fast jedes Mal einen Herzinfarkt. Ich war es einfach nicht gewöhnt, daß ein Wolf mit mir sprach und dabei hatte ich schon wesentlich seltsameres erlebt.

„Sie ist meine jüngere Schwester.“ Es war merkwürdig diese Worte aus dem Maul eines Wolfs zu vernehmen. Mal abgesehen davon, daß ich große Mühe hatte die zierliche Gestalt vor mir mit dem ungestümen Lyakaon in Verbindung zu bringen.

„Wo ist Cee?“

„Er war direkt hinter mir.“ Prüfend hob er seinen Kopf und schnüffelte ein klein wenig in der Luft.

„Es riecht nach Engelsblut.“

„Überrascht dich das?“ Ich deute auf die leblosen Körper hinter uns.

„Nachdem, was dein Schoßtierchen angerichtet hat? Nein.“ Cees Auftauchen verhinderte eine Fortsetzung dieses Gesprächs. Im Stillen war ich dafür äußerst dankbar. Es ersparte eine Menge unangenehmer Fragen. Vorsichtig hob ich den beinahe leblosen Körper vom Boden auf und hievte ihn auf Cees Rücken.

„Bring sie sicher zu den Anderen. Ich komme sofort nach.“ Unsicher schweifte Lyakaons Blick abwechselnd von mir zu Cee. Er schien nicht das geringste Vertrauen in mein Vorhaben zu setzen.

„Mach dir keine Sorgen. Cee weiß er tut.“

„Wird sie es schaffen?“ Mit einem schiefen Grinsen strich ich über sein widerspenstiges Fell.

„Mach dir nicht so viele Sorgen. Sobald ich Cassiel versorgt habe kümmere ich mich um sie.“ Ich hoffe nur, daß die Zeit ausreicht um Beide zu retten.

„Cassiel ist verletzt?“

„Sicher, er liegt dort drüben. Er hat sie beschützt.“ Die dunklen Augen des Wolfes weiteten sich sichtbar.

„Beschützt?“

„Ja. Sie waren gerade dabei ihm den letzten Rest zu geben als ich ankam. Er hat sie von ihr abgelenkt.“ Lyakaon gab ein verächtliches Schnauben von sich und begann unruhig mit den Pfoten auf dem Boden zu scharren. Anscheinend wußte er nicht was er davon halten sollte. Ich konnte mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen als ich neben dem schwer verletzten Cassiel in die Knie ging.

„Das ist alles deine Schuld.“ Obwohl er aussah als wäre er von einer Dampfwalze überfahren worden konnte er nach wie vor große Töne spucken. Kein Wunder, das die Engel so erpicht darauf gewesen sind ihn fertig zu machen. Er hat sie unter Garantie zur Weißglut getrieben. Anscheinend habe ich mir etwas zuviel Sorgen um seinen Zustand gemacht.

„Niemand hat verlangt, daß du dich mit vier Engeln auf einmal anlegen sollst.“

„Und wer hat uns immer wieder gepredigt wir sollen egal, ob Engel oder Dämon aufeinander aufpassen?“ Nach einigen kläglichen Versuchen gab er es schließlich auf alleine wieder auf die Beine kommen zu wollen. Ich konnte mir ein leichtes Grinsen nicht länger verkneifen.

„Das heißt aber nicht sich mit vier Gegnern gleichzeitig anlegen. Gemeint war am Leben zu bleiben. Nicht Selbstmord zu begehen.“ Vorsichtig schlang ich einen seiner Arme um meine Schultern und zog ihn auf die Beine. Sein Körper sank schlaff gegen mich, aber er hatte nach wie vor eine riesen Klappe. Den gesamten Rückweg bis zur Haupthöhle verfluchte er abwechselnd Lyakaon und mich. Grinsend verkniff ich es mir ihn zu fragen, was ihn überhaupt dazu bewogen hatte sein Leben für eine kleine Dämonin zu riskieren. Auf jeden Fall schien er meine Heilkräfte im Moment nicht zu brauchen. Eine Tatsache, die mich mehr oder weniger erleichterte.

„Shao!“ Kaum hatten wir die Haupthöhle erreicht stürmten auch schon die Anderen auf mich ein. Jeder von ihnen wollte wissen was eigentlich passiert war und Cassiels Wunden brachten ihm auf beiden Seiten ungeahnte Ehren ein. Immerhin war Cee schon geraume Zeit mit der schwerverletzten Dämonin zurück gekehrt. Sie lag in einem etwas ruhigeren Teil der Höhle und wurde von Cee mit Argusaugen bewacht. Er ließ nur diejenigen in ihre Nähe, die ihr auch wirklich helfen wollten. Alle Anderen knurrte er derart bedrohend an, daß sie augenblicklich auf dem Absatz kehrt machten.

„Lyakaon, du kümmerst dich um Cassiel. Der Rest verhält sich bitte so ruhig wie möglich. Ich habe keine Ahnung wer sich noch alles in den Gängen herumtreibt. Ich werde das nachher überprüfen, aber bis dahin bleibt bitte hier.“ Protestgemurmel und finstere Mienen waren die Folge. Sie wußten allerdings alle, daß es besser war, wenn sie auf mich hörten.

„Warum muß sich ausgerechnet dieser Idiot um mich kümmern? Kannst du mich nicht einfach heilen?“ Seufzend sah ich Cassiel an. Es paßte mir gar nicht, daß er meine Kräfte als derart selbstverständlich hinnahm. Es war arrogant. Engel eben.

„Dafür bist du nicht verletzt genug. Du bist später dran.“ Ich gab ihm einen leichten Klaps bevor ich mich der kleinen Dämonin zuwandte. Sie war leichenblaß. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.

Konzentriert ließ ich einen Teil meiner Kräfte auf den zierlichen Körper wirken. Es ist wirklich beinahe ein Wunder, das sie überhaupt noch lebt. Bei diesen Wunden hätte sie eigentlich schon lange vor dem Betreten der Höhle zusammenbrechen müssen. Wie hat sie es nur geschafft solange durchzuhalten? Vorsichtig begann ich ihre tiefsten ihrer Wunden zu heilen. Allerdings durfte ich dabei nicht zu schnell vorgehen. Sie war ein Dämon.

Würde ich meine Heilkräfte ohne Rücksicht einsetzen, dann würde sie die Engelsmagie darin mit Sicherheit töten. Ihre Widerstandskräfte waren komplett in sich zusammengebrochen. Es würde sehr lange dauern bis sie das Bewußtsein wiedererlangte.

„Shao, alles in Ordnung?“ Irritiert sah ich mich um. Hinter mir stand Lyakaon auf dessen Schulter sich Cassiel stützte. Irgend jemand hatte den Engel in eine halbe Mumie verwandelt.

„Du siehst ziemlich blaß aus.“ Cassiel klang ernsthaft besorgt und zum ersten Mal merkte ich, daß mir der Schweiß von der Stirn perlte.

„Es ist nichts. Macht euch keine Sorgen.“ Der Atem der kleinen Dämonin ging nun regelmäßig und sie schwebte nicht mehr in direkter Lebensgefahr. Vielleicht sollte ich einfach eine Pause machen? Ich hatte getan, was ich konnte.

„Danach sieht es aber nicht aus.“ Auch Lyakaon beäugte mich mißtrauisch. Na gut ihr kleinen Nervensägen. Damit ihr endlich Ruhe gebt.

„Nimm Cassiel den Verband ab.“

„Was?!“ Irritiert sahen mich die Beiden an.

„Er braucht ihn nicht mehr.“ Mit einem Fingerschnippen sorgte ich dafür, daß sich die Mullbinden auflösten und plötzlich war Cassiels Körper nur noch zur Hälfte von Stoff bedeckt. Protestierend versuchte er sich hinter Lyakaon zu verstecken als ich aufstand. Grinsend tippte ich ihm kurz auf die Schulter.

„Weckt mich, wenn sich ihr Zustand ändert.“ Noch ehe mich irgend jemand aufhalten konnte verschwand ich in meinem Bereich der Hölle und ließ mich auf die provisorische Matratze sinken. Etwas Schlaf könnte wirklich nicht schaden…

Ich war so schnell weg, daß ich es noch nicht einmal merkte. Die Heilung der kleinen Dämonin hatte mich wesentlich mehr in Anspruch genommen als ich geglaubt hatte. Aber es war ein gutes Gefühl derart verausgabt ins Bett zu fallen. Mein Schlaf war tief und erholsam. Wahrscheinlich hätte ich auch problemlos bis zum nächsten Tag weitergeschlafen, wenn mich Cee schließlich nicht wieder geweckt hätte. In der Höhle war es stockfinster und nur die leisen Atemgeräusche gaben einen Rückschluß darauf wer sich in ihrem Inneren befand. Leise folgte ich ihm.

„Wir müssen Shao wecken.“ Das war Cassiel.

„Und was würde das ändern?“ Es klang resigniert wie Lyakaon das sagte.

„Sie konnte ihr ja doch nicht helfen.“ Der Klang einer harten Ohrfeige hallte von den Wänden wieder.

„Du bist ihr Bruder! Verdammt noch mal! Wie kannst du sie so schnell aufgeben?!“

„Glaubst du das fällt mir leicht? Keren ist das Einzige, was mir noch geblieben ist!“ Bevor dieser Streit weitergehen konnte trat ich hinter die Beiden.

„Und warum weckt ihr mich dann nicht einfach?“ Die Beiden zuckten erschrocken zusammen.

„Shao…“ Lyakaons Stimme versagte und in seinen Augen begannen sich Tränen zusammeln.

„Keren… Keren sie…“ Auch Cassiel ging es kaum besser. Irgend etwas hatte die Beiden unheimlich beschäftigt. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, daß mit der kleinen Dämonin soweit alles in Ordnung war. Immerhin war Cee nicht im geringsten beunruhigt. Er hatte mich anscheinend nur geweckt, damit ich mit den beiden Jungs spreche. Na schönen Dank auch! Als wenn das nicht auch noch ein paar Stunden hätte warten können. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu.

„Sie hatte das hier bei sich.“ Zitternd reichte mir Cassiel einen metallischen Gegenstand, den ich auf den ersten Blick erkannte.

„Wer weiß noch davon?“ Scheiße! Ein Sender!

„Niemand. Wir haben es keinem gesagt.“ Lyakaon war derartig verzweifelt, das mir meine Verwünschungen im Hals stecken blieben. Seufzend setzte ich mich zu ihnen und untersuchte den Sender während er mir immer wieder versicherte, daß seine Schwester ebenfalls nichts davon gewußt hatte. Zum Glück war das Signal aus irgendwelchen Gründen inaktiv.

„Er ist defekt. Kein Grund sich Sorgen zu machen.“ Die Beiden atmeten erleichtert auf. Allerdings brachte mich dieses kleine Ding auch auf eine geniale Idee. Vielleicht ist es gar nicht mal so schlecht, daß wir jetzt einen Sender haben. Mit ein paar kleinen Änderungen könnte man eventuell…

„Ähm, Shao. Warum bist du eigentlich nicht wütend?“ Grinsend ließ ich den Sender in meiner Hosentasche verschwinden.

„Du wirst lachen Lyakaon, aber dieses kleine Teil könnte uns eine wesentlich größere Hilfe sein, als du glaubst.“ Wenn ich es richtig anstelle kann ich das Ding problemlos umbauen und damit Kontakt zu den Rebellen aufnehmen. Sie werden sich bestimmt gut um die Kinder kümmern. Bevor sich die Beiden zu irgendwelchen Dankesreden hinreißen lassen konnten machte ich mich auf den Rückweg. Wenigstens den Rest der Nacht wollte ich in Ruhe verbringen. Leider gelang mir das erst als Cee sich seinen Schlafplatz gesichert hatte.

Seitdem wir in der Höhle lebten bestand er darauf in seiner wahren Gestalt so eng wie möglich bei mir zu schlafen. Meistens war das jedoch nicht sonderlich bequem es sei denn, er rollte sich zuerst zusammen und ich konnte mich auf ihn legen. Sein weiches Fell war wunderbar warm und der regelmäßige Schlag seines Herzens ließ mich beinahe augenblicklich einschlafen.

Dafür war das Aufwachen um so schmerzhafter. Cee neigte dazu sich ohne Rücksicht auf Verluste aufzurichten und ich landete dabei regelmäßig auf dem harten Boden. Nachdem ich meine Gliedmaßen wieder einigermaßen sortiert und Cee zum Teufel gewünscht hatte ging ich erstmal der morgendlichen Körperpflege nach.

Zur Freude der weiblichen Mitglieder unserer Flüchtlingsgruppe gab es in den Höhlen nämlich auch eine Art See. Anfangs befand sich die Wassertemperatur zwar lediglich ein paar Grad über dem Gefrierpunkt, aber mit einigen kleinen Veränderungen war daraus binnen weniger Minuten ein angenehmes Thermalbad entstanden. Die kleineren Seen und Wasserläufe dienten als Wasserspender und Wäschebecken. Der größte von ihnen war allerdings das erklärte Badeparadies für alle. Gut, selbstverständlich gab es anfangs einige Probleme wegen der gemischten oder ungemischten Nutzung. Aber inzwischen war es den Meisten von uns egal in wessen Gesellschaft sie badeten. Immerhin war das Becken groß genug um sich weiträumig aus dem Weg gehen zu können.

Genießerisch schloß ich die Augen während ich in die warmen Fluten sank. Das konnte man mit nichts auf der Welt aufwiegen. Ein warmes Bad im totalen Chaos.

Ich war mir sehr wohl bewußt, daß ich meinen eigentlichen Problemen nach wie vor davonlief. Es wäre gar kein Problem gewesen mich direkt auf die Suche nach Setsuna und den Anderen zu machen oder zu versuchen Adam Kadmon zu befreien. Dennoch hatte ich es vorgezogen mich von all dem erst einmal zurück zuziehen. Kiras Tod und Astaroths Erklärungen über meine Herkunft hatten viel zu viel Staub in meinem Inneren aufgewirbelt. Ich hatte versucht diese beiden Tatsachen so gut wie möglich aus meinem Gedächtnis zu verbannen, aber der Erfolg war nur mäßig. So sehr ich es auch versuchte. Es ließ mich einfach nicht los. Das Schlimmste daran war aber der Bruch mit Rosiel. Hätte er Kira nicht getötet wäre es ein einfaches gewesen zu ihm zurück zukehren. Aber unter diesen Umständen…

Nein, ich würde ihm niemals verzeihen! Fluchend tauchte ich unter und versuchte die unliebsamen Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Denk nicht mehr daran! Rosiel ist weit weg. Du wirst ihn erst wieder sehen, wenn du Adam Kadmon gegenüber stehst.

Erst als ich schon fast keine Luft mehr bekam kehrte ich an die Oberfläche zurück und wurde mit einem spitzen Aufschrei begrüßt. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die den frühen Morgen zu nutzen wußte.

„Shao!“ Mit hochrotem Kopf versank Lyakaon bis zur Nasenspitze im Wasser vor mir. Ich konnte vor lauter Lachen schon fast nicht mehr an mich halten. Ein Dämon, dem es peinlich ist, wenn ich ihm beim Baden beobachte!

„Nii-chan!“ Begleitet von mehreren kleinen Wellen tauchte direkt neben ihm ein dunkler Haarschopf auf. Ein Paar violetter Augen funkelte mich mißtrauisch an.

„Schon in Ordnung Keren. Das ist Shao. Sie hat sich gestern um deine Wunden gekümmert.“ Das Mißtrauen in den Augen blieb. Aber sie schien neugierig geworden zu sein.

„Du hast mich gerettet?“ Ihr Kopf ragte nun ganz aus dem Wasser. Ihre Haare hingen ihr Wirr ins Gesicht, aber soweit ich sehen konnte schien es ihr recht gut zu gehen. Merkwürdig… ich hatte ihre Wunden zwar geheilt, aber sie dürfte trotzdem noch nicht so munter sein. Irgend etwas störte mich daran.

„Na ja, sagen wir einfach ich war gerade noch rechtzeitig genug da um Schlimmeres zu verhindern.“ Allein wenn ich daran dachte, was diese sogenannten Engel ihr und Cassiel beinahe angetan hätten begann mein Blut zu kochen.

„Danke!“ Sie umarmte mich so plötzlich, das ich erst einmal sämtlichen Halt verlor und mir ihr zusammen unterging. Prustend und lachend tauchten wir schließlich wieder auf und ich übergab Keren in die Obhut ihres überbesorgten Bruders bevor ich das Becken verließ. Es freute mich, daß wenigstens er einen Teil seiner Familie wieder hatte. Deshalb fragte ich die Beiden auch nicht weiter nach dem Sender. Ich würde schon noch früh genug dahinterkommen. Wahrscheinlich hatte ihn irgendein Dämon Keren untergeschoben um schneller an Beute zu kommen.

Fröhlich vor mich hinsummend bog ich in einen kleinen Seitengang ein um mich abzutrocknen und stolperte dabei beinahe über Cassiel, der sich in einer kleinen Felsnische versteckt hatte. Nachdem ich ihn ausgiebig damit geneckt hatte, ob es sich für einen Engel denn überhaupt gehörte andere Leute beim Baden zu bespannen floh er mit hochrotem Kopf in Richtung Haupthöhle. Es sah ganz danach aus als hätte er für Lyakaons kleine Schwester ungeahnte Sympathien entwickelt.

Frisch gebadet, halbwegs erholt und mit einem leckeren Frühstück im Magen setzte ich mich schließlich mit dem Sender auseinander. Dabei trug ich eines meiner Lieblingsoutfits. Bequeme, mit mehreren Löchern versehene Jeans; eine hüftlange Bluse, die genau auf meine Figur geschneidert war und dazu dunkle Stiefel, die zum Großteil jedoch von der Jeans verdeckt wurden.

Der Sender war ein relativ einfaches Modell mit einer Reichweite von nicht einmal zehn Kilometern. Er stammte von Engeln. Was meinen Verdacht, daß man ihn Keren untergeschoben hatte nur noch weiter verstärkte. Kein Dämon würde jemals freiwillig mit einem Engel zusammenarbeiten. Komme, was da wolle.

Warum er nicht funktionierte war auch relativ einfach. Schon schlecht, wenn die Batterien ihren Geist aufgeben. Oh man, wie kann man als Soldat nur vergessen die Akkus zu überprüfen? Die Ausrüstung muß doch immer Tiptop in Ordnung sein, bevor man auf Mission geht. Nun ja, des einen Leid ist des anderen Freud. Oder etwa nicht?

Mit Feuereifer machte ich mich daran den Sender so umzubauen, daß er erstens kein Signal mehr zum Empfänger schicken und zweitens, als eine Art Transmitter benutzt werden konnte. Bevor ich das Ding allerdings mit Energie versorgte um es zu testen verließ ich die Höhle und bewegte mich soweit von ihr weg wie nur eben möglich.

Jetzt bloß kein unnötiges Risiko eingehen. Mit zitternden Fingern betätigte ich den Sender und wartete darauf, daß er eine ganz bestimmte Frequenz fand. Hoffentlich klappt es!

Die Verbindung kam mehr schlecht als recht zustande. Das gesamte Gespräch war mit Rauschen und Krächzen versetzt, aber es reicht um die wichtigsten Informationen auszutauschen. Erleichtert schloß ich meine Hand um den Sender als das Gespräch beendet war. Sie würden in wenigen Stunden hier sein. Mit einem Lächeln auf den Lippen verbrannte ich den Sender zu Asche und verließ das Plateau.

Die Anima Mundi würde für die Kinder eine sichere Zuflucht sein. Es war zu gefährlich, wenn sie in meiner Nähe blieben oder ich in ihrer. Außerdem würde die Höhle nicht ewig sicher sein. Die große Frage ist nur, wie bringe ich es den Dämonen bei, das sie ausgerechnet Engeln vertrauen sollen. Auch wenn es sich bei diesen Engeln um Rebellen handelt. Es wird nicht einfach werden sie davon zu überzeugen.

Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte war die Totenstille, die mich bei meiner Rückkehr empfing. In der gesamten Höhle war nicht ein Laut zu hören und das machte mich nervös. Ich verzichtete darauf die Gänge in denen ich mich bewegte zu beleuchten sondern konzentrierte mich auf den Bannkreis. Es war jemand verdammt mächtiges in das Innere der Höhle eingedrungen.

So schnell es ging rannte ich zur Haupthöhle und war heilfroh die gesamte Meute wohlauf zu sehen. Sie zitterten zwar am ganzen Körper, aber es war ihnen Gott sei Dank nichts weiter geschehen. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie mir erklären konnten, was genau geschehen war.

Anscheinend war zuerst ein Dämon in den Bannkreis eingedrungen und direkt hinter ihm ein Trupp Engel. Zum Glück für sie alle hatten sie sich zu diesem Zeitpunkt ausnahmslos in der Haupthöhle befunden und konnten schnell genug einen Schutzkreis errichten, der sie vor den Blicken der Eindringlinge schützte. Der Einzige, der diesen Kreis schließlich verlassen hatte war Cee. Er hatte den Dämon in irgendeinen hinteren Bereich der Höhle gelockt und seitdem hatte ihn niemand mehr gesehen geschweige den einen der Eindringlinge.

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt als mir klar wurde was das bedeutete. Ich schaffte es gerade noch den Kindern einzubleuen sich nicht vom Fleck zu rühren als ich auch schon davon stürmte um Cee zu finden. Es war mir egal, das ich in diesem Moment vergaß vorsichtig zu sein oder meine Aura so gut wie möglich zu verbergen. Cee durfte einfach nichts passieren! Er konnte mich doch nicht einfach so allein lassen! Um die Engel machte ich mir herzlich wenig Sorgen, aber ein mächtiger Dämon konnte Cee durchaus gefährlich werden.

Ein schwaches Aufleuchten seiner Aura wies mir den richtigen Weg. Er lebt also noch! Binnen einer Sekunde hatte ich mich an seine Seite teleportiert und war entsetzt in welcher Situation ich mich wieder fand.

Um mich herum lagen Dutzende von zerfetzten Leichen. Sie waren allesamt Engel und trugen die Uniform einer der höchsten Garden des Himmels. Durch das ganze Blut konnte man allerdings nicht ein einziges Abzeichen mehr erkennen.

Cees dunkler Körper hob sich klar und deutlich von der rauhen Felswand ab. Er war verletzt, allerdings nicht lebensbedrohlich wie ich erleichtert feststellte. Mit einem drohenden Knurren wies er mich an mich nicht von der Stelle zu rühren während seine Krallen sich irgend etwas bohrten, das vor ihm am Boden lag. Ein markerschütternder Schrei hallte von den Wänden der Höhle wieder bis er schließlich in einem verzweifelten Röcheln erstarb.

„War es das?“ Vorsichtig ging ich auf Cee zu und strich besorgt über sein Fell.

„War er der Letzte?“ Die Überreste unter Cees Krallen waren derart zerfetzt, das man kaum noch etwas erkennen konnte. Lediglich der Kopf noch halbwegs erhalten war. Ein Dämon der mittleren Stufe. Kein Gegner für ihn.

„Wie schön. Das erleichtert einiges.“ Erschrocken fuhr ich herum. Auf der Klippe über uns stand ein Engel, der seine Pistole genau auf mein Herz richtete. Cee spannte bereits sämtliche seiner Muskeln an um sich auf den neuen Gegner zu stürzen.

„Es wäre besser, wenn ihr euren Begleiter zurück pfeift.“ Mit einem leichten Ziehen an seinem Fell bedeutete ich Cee noch einen Moment Geduld zu haben.

„Aus welchem Grund sollte ich das tun?“ Es war deutlich genug zu hören, das ich in ihm nicht die geringste Bedrohung sah, aber es schien ihn in keinster Weise zu beeindrucken.

„Aus mehreren.“ Er wies mit seiner freien Hand auf einen leeren Gang schräg gegenüber von mir.

„Was haltet ihr zum Beispiel davon?“ Wie Geister tauchten in dem Gang plötzlich die Umrisse von drei Personen auf.

„LYAKAON!“

„Sorry Shao, ich hätte dir nicht folgen sollen.“ Sie hatten ihn zwar nicht allzu übel zugerichtet. Aber der Anblick des stolzen Dämons, der beinahe ohnmächtig in dem Griff seiner Bewacher hing, versetzte mir einen Stich. Warum in alles in der Welt ist er nicht bei den Anderen geblieben?

„Nun?“ Ärgerlich funkelte ich den Engel, der nach wie vor über mir stand an.

„Du hältst dich wohl für besonders clever. Was?“ Er brach in schallendes Gelächter aus. Unauffällig tippte ich Cee mit einem Finger einen bestimmten Code in die Seite. Er gab ein widerwilliges Brummen von sich. Kein Wunder! Immerhin verlangte ich von ihm sich bei nächst bester Gelegenheit aus dem Staub zu machen und mich allein zu lassen. Es war nur allzu verständlich, daß ihm das nicht paßte. Nur war er der Einzige, der es problemlos schaffen konnte die Kinder zu erreichen und diese vor eventuell nachrückenden Engeln zu beschützen. Ich wollte keinerlei Risiko eingehen. Nicht jetzt, wo sich die Anima Mundi auf dem Weg zu uns befand.

„Glaubt ihr wirklich, daß ihr uns jetzt noch entkommen könnt? Euer Schwachpunkt ist viel zu offensichtlich.“ Oh ja, er fühlt sich mächtig sicher dort oben. Anscheinend wird es langsam aber sicher Zeit ihm zu zeigen, das es ein Fehler ist mich zu unterschätzen.

„Und welcher wäre das?“ Zum Glück für uns alle hatte Lyakaons Wächter viel zu viel damit zu tun ihren Gefangenen im Zaum zu halten. Er machte es ihnen nicht gerade leicht und nutzte jede sich bietenden Chance um ihrem Griff zu entkommen. Seltsamerweise gingen die Engel für ihre Verhältnisse ziemlich sanft mit ihm um. Langsam aber sicher dämmerte mir, wem Keren den Sender zu verdanken hatte.

„Warum macht ihr die Sache so kompliziert. Begleitet uns und der Geisel geschieht nichts.“ Mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen sah ich nach oben. Glaubt er tatsächlich ich lasse mich einfach so von ihm einfangen?

„Welche Geisel?“ Blitzschnell schoß Cee auf die beiden Engel zu und schnappte sich Lyakaon, der vor Überraschung laut aufschrie als sich Cees Zähne in seine Schulter bohrten. Sie waren so schnell in der Dunkelheit verschwunden, daß die Engel nicht die geringste Chance hatten zu reagieren. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte war, daß ihr Anführer plötzlich genau vor mir stand.

„Ihr macht es mir wirklich nicht leicht.“ Eisig funkelte er mich an und überrascht stellte ich fest, daß ich diesen Engel kannte. Es war einer von Rosiels Soldaten, denen ich bereits in Yetzirah begegnet war und der mich nicht sonderlich gut leiden konnte. Sein Name war Dobiel. Aber ich verstand nicht, was er hier wollte. Geschweige denn, warum er nicht die Uniform von Rosiels Garde trug. Moment! Ist das hier etwa ein abgekartetes Spiel? Hat Rosiel etwa allen ernstes seine Männer damit beauftragt mich zu finden?

„Zum Glück hat man uns erlaubt euch zurückbringen, egal in welchem Zustand ihr euch befindet.“ Noch bevor ich überhaupt begriff, was seine Worte bedeuteten drückte er bereits ab. Ich spürte, wie sich die Kugel durch meinen Eingeweide fraß um schließlich am Rücken wieder auszutreten. Binnen Sekunden war mein gesamter Bauch ein Meer aus Feuer. Das Blut quoll heiß aus der frischen Wunde und tropfte zu Boden. Scheiße!

„Du… hast auf… mich… geschossen?“ Immer noch vollkommen überrascht preßte ich meine Hände auf die tiefe Wunde und kämpfte taumelnd darum auf den Beinen zu bleiben. Sie hatten es also von Anfang auf mich abgesehen.

„Selbstverständlich. Rosiel-sama hat uns gestattet alles zu tun, was nötig ist, um euch zu ihm zurück zubringen.“ Aus meiner Kehle löste sich ein bitteres Lachen. Dieser größenwahnsinnige Engel. Glaubt er wirklich, das ist so einfach? Meint er tatsächlich, daß ich einfach so zu ihm zurück kehren würde? Nach allem, was geschehen ist?

„…dann richte… ihm folgendes aus…“ Vorsichtig löste ich eine Hand von der Wunde und sog zischend die Luft ein, als ein Windhauch in die Öffnung eindrang. Sie heilte bereits, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sie sich ganz geschlossen hatte. Es war ein äußerst unangenehmes Gefühl ein Loch im Körper zu haben. Was mich allerdings noch wesentlich mehr beunruhigte war die Tatsache, das Rosiel nicht sonderlich lange gebraucht hatte um mich zu finden.

„Darauf… kann er…“ Keuchend machte ich einen Schritt zurück und öffnete einen Dimensionstunnel. Zeit zu verschwinden. Mal sehen wie schnell ihr wirklich seid.

„…lange… warten…“ Ich ließ mich rückwärts fallen und genoß es Dobiels entsetztes Gesichts zu sehen während sich der Tunnel wieder schloß. Ebenso schnell wie ich in dem Tunnel verschwunden war tauchte ich auch wieder aus diesem auf. Das sollte reichen, um meine Gegner etwas länger beschäftigen. Mehr als genug Zeit um zu verschwinden.

Cee hatte die Haupthöhle bereits erreicht und erwartete mich ungeduldig. Das Blut rann an meinen Beinen entlang und hinterließ eine nicht zu übersehende Spur auf dem felsigen Boden. Die Kinder stürmten besorgt auf mich zu und halfen mir dabei in den hinteren Teil der Höhle zu gelangen. Dankbar ließ ich mich auf den Boden sinken.

„Wo ist Lyakaon?“ Suchend sah ich in die panikerfüllten Gesichter um mich herum.

„Ich bin hier Shao.“ Er sank neben mich und griff besorgt nach meiner Hand. Seine Schulter war bereits verbunden und es sah nicht so aus, als hätte Cee ihn mehr verletzt als nötig.

„Jetzt seht mich doch alle nicht so an. Es ist nur ein Kratzer.“ Leider hatte diese Aussage das Gegenteil von dem, was ich eigentlich hatte erreichen wollen zur Folge. Über die Hälfte von ihnen brach in Tränen aus und machte sich Vorwürfe, daß das alles nur passiert sei, weil sie zu schwach waren um sich selbst zu schützen.

„Ihr tut gerade so, als würde ich sterben.“ Lachend fuhr ich durch Lyakaons eisgraues Haar.

„Shao nicht…“ Seine violetten Augen schwammen in Tränen.

„Komm schon. Du bist doch sonst nicht so.“ Er wehrte sich mehr oder weniger erfolgreich als ich mit einer Hand seinen Verband löste. Die Wunde war nicht ganz so tief wie ich erwartet hatte und ließ sich problemlos heilen.

„Ihr müßt lernen besser auf euch aufzupassen. Ich kann schließlich nicht immer da sein.“ Das plötzliche Entsetzen in ihren Augen brachte mich zum Lachen. Es verging mir allerdings recht schnell wieder. Bei jeder noch so kleinen Bewegung hatte ich das Gefühl als ob sich eine Eisenlanze in meinen Körper bohren würde.

„Und nachdem wir das geklärt haben…“ Mühsam richtete ich mich ein kleines Stück auf.

„Rückt alle etwas näher. Sind wir komplett?“ Mein Tatendrang schien ihre Ängste etwas zu mindern. Sie nickten zögernd.

„Gut. Dann verhaltet euch bitte in den nächsten Minuten so ruhig wie möglich und macht keine plötzlichen Bewegungen.“ Erschrocken sahen sie sich an, aber dann taten sie, worum ich sie bat. Ich konzentrierte mich kurz und ließ mich dann erleichtert zurück fallen. Das wäre geschafft.

„So, und jetzt werden wir diesen Ort verlassen.“ Stöhnend stützte ich mich an der rauhen Wand in meinem Rücken ab und kämpfte mich wieder auf die Füße.

„Shao, was hat das zu bedeuten?“ Aus den hinteren Reihen war Cassiel nach vorn getreten. Dicht hinter ihn gedrängt stand Keren, deren Hand er fest umklammert hielt. Er hat also wirklich eine Schwäche für sie. Ich grinste ihn leicht an.

„Die Engel werden nicht eher aufgeben, bis sie uns gefunden haben. Deshalb verschwinden so schnell wie möglich von hier.“

„Und wohin? Sie werden uns doch immer wieder verfolgen.“ Kerens Stimme war dünn und blaß. Es war kaum zu übersehen wie sehr sie zitterte. Langsam ging ich auf sie zu und hob ihr Kinn leicht an, damit sie mir in die Augen sehen konnte.

„Hat dein Bruder dir nicht gesagt, daß man mir vertrauen kann? Sie werden uns nicht weiter verfolgen. Na ja, zumindest in nächster Zeit nicht.“ Ich zuckte kurz mit den Schultern und preßte dann fluchend erneut eine Hand auf die Wunde an meinem Bauch. Wenigstens hat sie aufgehört zu bluten.

„Jeder nimmt nur das mit, was er unbedingt braucht. Die restlichen Sachen bleiben hier.“ Mir ging es zwar nach wie vor dreckig, aber wenn ich jetzt zuließ, daß sie sich noch mehr Sorgen um mich machten würden wir es niemals schaffen rechtzeitig zu verschwinden. Ich biß mir auf die Lippen um nicht erneut aufzustöhnen als ich mich auf den Weg machte um Iadara auf Cees Rücken zu laden. Okay, die Idee war nicht die cleverste Idee meines Lebens. Mit einer kaum verheilten Schußwunde im Bauch sollte man eben keine bewußtlosen Leute durch die Gegend hieven. Die Wunde brach wieder auf und mir war schwindelig als ich zu den Anderen zurückkehrte aber ich durfte mir nichts anmerken lassen.

Zum Glück ist die Blutung inzwischen zum Stillstand gekommen und inzwischen hat sich sogar eine dünne Hautschicht sich über dem Einschußloch gebildet. Das schien die Kinder mehr zu beruhigen als jedes meiner Worte. Ich war heilfroh, daß sie nicht wußten, wie es darunter aussah. Mein Fleisch war nach wie vor vollkommen zerfetzt. Es würde unter Garantie noch eine Stunde oder zwei dauern, bis die Wunde komplett verheilt war.

Unter Lyakaons mißtrauischem Blick half ich Keren dabei hinter Iadara auf Cees Rücken zu klettern. Sie lächelte mich dankbar an und klammerte sich ängstlich in Cees Fell als dieser langsam aufstand.

„OK, so wird das nichts. Cassiel, rauf mit dir und sorg dafür, das sie nicht runter fällt.“ Der Blick mit dem Lyakaon mich in diesem Moment bedachte war tödlich. Anscheinend paßte es ihm gar nicht, daß sich seine kleine Schwester so gut mit einem Engel verstand. Ich ignorierte ihn.

„Aber Shao ich-“

„Du hast sie gestern beschützt und dasselbe wirst du heute tun. Keine Widerrede.“ Ich hatte keine Lust jetzt auch noch mit jedem einzelnen diskutieren zu müssen. Die Zeit wurde langsam aber sicher knapp. Es würde nicht mehr allzulange dauern, bis Dobiel herausgefunden hatte wohin ich geflüchtet war.

Als alle soweit waren öffnete ich erneut einen Dimensionstunnel. Sorgsam achtete ich darauf, daß sie dicht zusammenblieben. Erst als auch der Letzte im Inneren des Tunnels verschwunden war folgte ich ihnen und aktivierte nebenbei die nette, kleine Überraschung für unsere Verfolger. Sie würden etwas brauchen, bis sie merkten, da sie von einem Trugbild zum Narren gehalten wurden. Die Zeit müßte eigentlich ausreichen um ungestört den Treffpunkt mit den Rebellen zu erreichen.

Im Inneren des Tunnels sprach kaum jemand und ich war heilfroh, daß ich als letzte hinter ihnen ging. Mein gesamter Körper stand kurz davor einfach in sich zusammenbrechen. Den Tunnel aufrecht zu erhalten ließ meine Selbstheilung beinahe komplett zum Stillstand kommen. Ich war unter Garantie leichenblaß.

„Shao, geht es dir wirklich gut?“ Angestrengt versuchte ich das verschwommene Gesicht vor mir zu erkennen. Es war Lyakaon.

„Ging mir schon mal besser.“ Begleitetet mit einem äußerst mißbilligenden Schnauben stütze er mich so gut es ging. Mit seiner Hilfe war es kein Problem mit den anderen Schritt zu halten. Als wir den Treffpunkt endlich erreichten hatte ich das Gefühl am gesamten Körper nur noch aus Wasser zu bestehen. Der Schweiß lief in breiten Bahnen an meinem Rücken herunter und meine gesamten Klamotten waren klitschnaß. Aber wenigstens hatten wir es geschafft.

„Wo sind wir hier eigentlich?“ Verwundert sah sich Lyakaon auf dem Plateau um.

„In Sicherheit. Mach dir keine Sorgen. Hier werden sie uns garantiert nicht finden.“ Was vor allem daran liegen könnte, das sie gar nicht auf die Idee kommen würden uns ausgerechnet hier suchen. Wir befanden uns am äußersten Rand der zerstörten Himmelsschalen. Nur ein kleines Stückchen weiter und wir hätten die nächste intakte Schale erreicht. Leider war es nicht sonderlich ratsam mit Dämonen im Schlepptau eine funktionstüchtige Himmelsschale zu betreten. Sie hätten uns binnen Sekunden geortet und festgesetzt. Doch hier würde uns so schnell niemand vermuten.

„Und was ist dann das?“ Lyakaon deutete auf einen dunklen Schatten, der sich zielsicher auf uns zu bewegte.

„Das sind Freunde.“ Bevor er es verhindern konnte hatte ich mich von ihm gelöst und den Rand des Plateaus erreicht. Ich ließ einen kleinen Lichtball in meinen Händen entstehen, den ein kräftiger Windstoß in Richtung Merkabah trieb, die unaufhaltsam immer näher kam. Wie vereinbart blitzte ein bestimmtes Signal an Bord auf. Erleichtert kehrte ich zu den Anderen zurück. Dankbar ließ ich mich auf den Boden sinken und lehnte mich mit dem Rücken an Cees weiches Fell. Er hatte sich leicht zusammengerollt und bis auf Iadara befand sich niemand mehr auf seinem Rücken.

Um mich herum brachen augenblicklich wilde Diskussionen los, was das denn bitte schön zu bedeuten hätte, die zum Glück sehr schnell von Lyakaon und Cassiel unterbunden wurden. Die Beiden mochten noch nicht ganz trocken hinter den Ohren sein, aber sie hatten ihre jeweiligen Lager verdammt gut im Griff. Das mußte ich ihnen lassen.

Die Merkabah landete mit ausreichendem Abstand und als sich ihre Luken öffneten begann unter den Kindern ängstliches Gemurmel. Ich verstand sie sehr gut. Sie waren schon zu lange auf der Flucht um noch wirklich an Hilfe glauben zu können. Allerdings hoffte ich sehr, daß sie die Hilfe der Rebellen dennoch akzeptieren würden.

Vorsichtig näherte sich uns ein kleiner Trupp von circa zehn Mann. Sie waren genauso mißtrauisch wie meine Schützlinge. Oh man, hoffentlich geht das auch gut. Stöhnend stand ich auf und ging ihnen entgegen. Meine Wunde war bei Weitem noch nicht so gut verheilt, das sie nicht mehr schmerzen würde.

„Um Gottes Willen Shao-san!“ Ein Engel mit leuchtend blonden Haaren stürmte auf mich zu.

„Was ist passiert?“ Der Blick seiner aquamarinblauen Augen lag abwechselnd auf mir und meiner blutverschmierten Kleidung.

„Nichts weiter. Nur ein Kratzer. Aber verrat mir doch bitte mal, was du hier machst Raziel-chan. Der Anführer der Anima Mundi sollte sich doch eigentlich um Wichtigeres kümmern.“ Ich wuschelte ihm grinsend durch die Haare und löste damit auf beiden Seiten mehr oder weniger blankes Entsetzen aus.

„Die untersten Schalen der Hölle und der Himmel liegen in Trümmern und du meinst dein Notruf sei nicht wichtig?“

„Nicht ganz. Ich wollte wissen warum du hier bist? Als Anführer solltest du dieses Chaos nutzen. So schnell bekommt ihr nie wieder eine Chance unbemerkt die anderen Sphären zu unterwandern.“

„Hmpf, das haben wir schon längst getan.“ Er zog einen Schmollmund. Am Liebsten hätte ich ihn sofort in den Arm genommen und nicht mehr losgelassen. Er war einfach viel zu niedlich, wenn er sich ärgerte.

„Tut mir leid Raziel-chan.“ Wenn das tatsächlich stimmte, dann war aus ihm wirklich ein großer Anführer geworden. In den Gesichtern der anderen Rebellen war deutlich zu sehen wie sehr sie ihn respektierten. Zaphikel konnte stolz auf seinen Sohn sein.

„Shao-san…“ In seinen klaren Augen begannen Tränen zu schimmern.

„Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht.“ Er drückte sich eng an mich und begann leise vor sich hinzuschluchzen.

„Schon gut, mir ist nichts passiert.“ Ich schloß meine Arme um seinen Rücken und hauchte einen Kuß auf sein weiches Haar. Es duftete nach Sommerblumen.

„Raziel-chan.“ Für einen kurzen Moment vergaß ich wo ich mich befand und hielt einfach nur diesen kleinen Engel fest, der so verzweifelt nach seinen Eltern gesucht und diese schließlich für immer verloren hatte. Es tat weh ihn so zu sehen. Wie einsam muß er sein?

„Entschuldigung Shao, aber könntest du uns vielleicht bitte erklären, was das alles zu bedeuten hat?“ Behutsam löste ich mich von Raziel und sah Cassiel fest an.

„Wenn ich vorstellen darf. Die Rebellen der Anima Mundi.“ Damit wies ich auf sowohl auf Raziel als auch auf seine Männer.

„Anima Mundi?!“ Cassiel schnappte sichtlich nach Luft.

„Shao, was um alles in der Welt hast du mit den Rebellen zu tun?“ Gelassen grinste ich ihn an.

„Man könnte sagen, daß wir so etwas wie alte Freunde sind.“ Der kleine Rippenstoß von Raziel sorgte dafür, daß ich stöhnend in die Knie sank. Er hatte ohne es zu wollen genau die Stelle getroffen an der sich bis vor kurzem noch eine Schußwunde befunden hatte.

„Shao-san!“ Raziels Stimme überschlug sich fast vor Panik.

„Schon gut. Ich sagte doch es ist nur ein Kratzer. Allerdings würde ich dich bitten, das in den nächsten zwei Stunden nicht noch mal zu tun. Ich steh nicht so auf Schmerzen.“ Eine Hand schützend über die Verletzung haltend stand ich wieder auf.

„Es war ein glatter Durchschuß. Kein Kratzer. Wir haben es alle gesehen.“

„Lyakaon!“ Wütend funkelte ich ihn an. Das hat hier rein gar nichts zu suchen.

„Man hat dich angeschossen?!“ Na super! Genau das, was ich vermeiden wollte. Jetzt macht Raziel sich erst richtig Sorgen.

„Shao-san?“ Seufzend ergab ich mich in mein Schicksal.

„Ja, man hat auf mich geschossen. Aber die Wunde ist schon fast wieder verheilt. Es besteht wirklich kein Grund sich Sorgen zu machen.“ Den letzten Satz betonte ich ganz besonders. Nicht, das noch jemand auf die Idee kam Raziel von irgendwelchen meiner bisherigen Verletzungen zu erzählen.

„Du solltest wirklich besser auf dich aufpassen.“ Sein Lächeln war gezwungen, aber ich war froh, daß er dieses Thema nicht weiter verfolgte.

„Sag das lieber dem Engel, der auf sie geschossen hat.“ Lyakaon hingegen schien meine Warnung nicht ganz verstanden zu haben.

„Engel? Shao-san, doch nicht etwa?“

„Nein. Mach dir keine Sorgen. Es gibt sie nicht mehr.“ Die Hunter waren von Cee und mir in Assia vernichtet worden. Von ihnen drohte niemandem Gefahr. Es sind Rosiels Leute, die mir Kopfschmerzen bereiten. Wenn sie tatsächlich den Auftrag haben mich zu ihm zurück zubringen, dann wäre jeder in meiner näheren Umgebung in größter Gefahr. Sie werden jedes nur erdenkliche Mittel anwenden um ihren Auftrag erfolgreich auszuführen.

„Raziel-chan, es tut mir leid, aber wir müssen hier so schnell wie möglich weg. Unsere Verfolger werden bald merken, daß wir sie zum Narren gehalten haben.“ Er nickte zögernd und gab seinen Männern dann Anweisung den Anderen beim Einsteigen zu helfen. In den Gesichtern der Kinder war deutlich zu sehen wie sehr es sie verunsicherte an Bord eines Rebellenschiffs zu gehen. Wahrscheinlich war der einzige Grund, warum sie es trotzdem taten meine Anwesenheit.

„Shao-san, wer ist das?“ Fragend deutete Raziel auf die leblose Gestalt, die sich auf Cees Rücken befand während dieser gelassen in das Innere der Merkabah schritt.

„Wenn man Astaroth glauben kann… mein Vater.“ Er sog hörbar die Luft ein.

„Und glaubst du ihm?“

„Einem Erzdämon?“ Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. Nach allem was passiert ist wußte ich einfach nicht mehr was ich glauben sollte und was nicht. Kiras Tod hatte mich wesentlich mehr aus der Bann geworfen als ich wahrhaben wollte.

„Es ist noch mehr passiert. Oder?“ Raziel sah mich unsicher an und ich wußte, daß ich ihn nicht belügen konnte. Wahrscheinlich war das Anaels Verdienst. Sie hatte sich solange in meinem Inneren befunden, das ihre Sorge um Raziel äußerst erfolgreich auf mich abgefärbt hatte. Außerdem hatte ich ihr und Zaphikel versprochen auf den Kleinen aufzupassen.

„Komm. Laß uns einen Kaffee trinken, dann erzähle ich dir alles.“ Unter den mißtrauischen Blicken seiner Crew und meiner Begleiter verschwanden wir in seiner Kabine und ich erzählte ihm so gut es ging von dem, was seit unserer letzten Begegnung geschehen war. Er hörte mir aufmerksam zu und unterbrach mich nicht einziges Mal. Als ich zum Ende kam war die Kaffeekanne ebenfalls leer.

„Er ist also tot.“ Nachdenklich schwenkte Raziel den kümmerlichen Rest Kaffee in seiner Tasse hin und her.

„Ja.“ Auch ich starrte abwesend auf den Grund meiner Tasse. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Wie oft habe ich mit Kira bei einer Tasse Kaffe oder Tee zusammengesessen? Wie oft haben wir uns bei einem Drink plötzlich angeschwiegen? Warum haben wir uns unsere Geheimnisse nicht anvertraut, als wir noch die Gelegenheit dazu hatten? Wieso haben wir so beharrlich und eisern geschwiegen?

„Hat Rosiel ihn getötet.“ Ich stand auf und ging langsam zu dem riesigen Fenster seiner Kabine. Die leere Tasse ließ ich unbeachtet auf einem kleinen Tisch stehen.

„Ja.“ Zögernd fuhr ich mit einer Hand über die sonnengewärmte Scheibe. Ich konnte spüren, wie sich die Merkabah in Bewegung setzte. Schon bald werden wir außerhalb der Reichweite unserer Verfolger sein. Kira hat geschwiegen um mich zu beschützen und mein Schweigen diente demselben Zweck. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben. Wie vieles wäre einfacher gewesen, wenn wir uns einen Teil unserer Geheimnisse offenbart hätten…

„Und er will, daß du zu ihm zurückkehrst?“

„Ja, das will er.“ Mit voller Wucht rammte ich meine Faust gegen den Stahlrahmen des Fensters. Rosiel-chan, warum mußtest du mir das antun? Warum hast du ihn getötet?

„Und was ist mit dir? Kehrst du zu ihm zurück?“

„Nein.“ Ich kann nicht zurück kehren. Ich kann ihm nicht vergeben. Mein bester Freund…der Mensch, der mich neben Catan mehr als alle anderen verstand… meine einzige Chance diesem verfluchten Leben zu entkommen… er hat sie zerstört… einfach so…

„Auch nicht, wenn er dich braucht?“ Verblüfft drehte ich mich um.

„Ist das dein Ernst?“

„Hast du denn gar nicht gemerkt, wie einsam er ist? Shao-san, erst nachdem er dich nach Yetzirah brachte hat sich Rosiel verändert. Er braucht dich.“ Ich konnte und wollte nicht glauben, was ich hörte. Raziel ergreift Rosiels Partei?!

„Bitte Shao-san. Kehr zurück zu ihm.“ Er stand langsam auf und kam milde lächelnd auf mich zu. Ich drückte mich eng an das Fenster in meinem Rücken. Der Blick seiner aquamarinblauen Augen lag flehend auf mir. Mein gesamter Entschluß Rosiel nie wiederzusehen geriet ins Wanken.

„Er braucht dich.“ Raziels Hand fuhr sanft über meine Wange.

„Shao-san, ich würde es verstehen. Ihr quält euch nur gegenseitig.“ Verzweifelt wandte ich den Blick ab. Bitte! Bitte Raziel-chan zwing mich nicht! Ich kann nicht zu ihm zurück.

„Raziel-chan bitte… ich kann nicht.“ Ich preßte meine Stirn gegen den kühlen Stahl.

„Ich kann nicht zurück.“ Versteh mich doch. Wenn ich das tue muß ich mich eines Tages gegen all meine Freunde stellen. Es würde alles zerstören. Ich würde daran zerbrechen…

„Ist schon gut Shao-san. Ich weiß wie schwer es für dich ist.“ Er drückte seinen Kopf gegen mein Herz. Ich kämpfte darum nicht in Tränen auszubrechen.

„Aber bitte laß ihn nicht noch mehr leiden.“ Ich wußte, was er mir damit sagen wollte. Wenn es zu einem Kampf kam sollte ich nicht zögern. Stand Rosiel mir gegenüber mußte ich es so schnell beenden wie es nur eben ging. Das wäre das Beste für uns alle.

„Der Messiahs befindet sich in Michaels Gewalt. Wir konnten ihn bisher noch nicht befreien.“ Mit dieser kleinen Information erleichterte Raziel mir zwar zum einen die Suche nach Setsuna, aber er stellte mich gleichzeitig auch vor eine Wahl. Der kleine Moment in dem wir beide unsere Pflichten kurz vergessen konnten war vorbei. Ich schluckte kurz.

„Ich brauche eine Uniform. Rangabzeichen so hoch wie möglich. Aber keine weiße Garde, das nimmt man mir nicht ab.“ Langsam löste Raziel sich von mir und sah mich fest an. Er hatte verstanden.

„Ich werde mich darum kümmern. Wann willst du aufbrechen?“ Seine Stimme klang brüchig und auch mir ging es kaum besser. Es tat mir in der Seele weh diesen kleinen Engel erneut verlassen zu müssen.

„So schnell wie möglich.“

„Gut, ich werde alles Nötige veranlassen. Bis dahin kannst du meine Kabine benutzen.“

„Danke Raziel.“ Er lächelte mich leicht an.

„Dieses Mal kein –chan?“

„Nein, dieses Mal nicht.“ Mit einem Lächeln, das ich nicht ergründen konnte verließ er die Kabine.

„Shao, du bist ein Idiot.“ Ich ließ mich auf das weiche Sofa fallen und stieß einen leisen Fluch aus, als sich ein kleiner Feuerstrahl von meinem Bauch in den Rest meines Körpers fraß.

„Auf was läßt du dich da ein?“ So langsam aber sicher könnte diese Wunde aber mal verheilt sein. Die Gedanken an mein nächstes Vorhaben mehr oder weniger verdrängend döste ich vor mich hin und lauschte dem Geräusch des Windes, der die Merkabah umspielte. Irgendwo in diesem gleichmäßigen, beruhigenden Ton kam nach und nach eine leise Melodie zum Vorschein, die so gar nicht zu den anderen Geräuschen passen wollte.

Kaum wahrnehmbar sangen die Wolkenwale ein Lied, das sie vor langer, langer Zeit vernommen hatten. Nun war diese Melodie in ihr Gedächtnis zurückgekehrt und wie schon unzählige ihrer Vorfahren ließen sie die klaren Töne den Himmel erhellen.

Es freute und schmerzte mich zu gleich wieviel Gefallen sie an diesem Lied gefunden hatten. Einst hatte ich es zur Lobpreisung Assias geschrieben und mit vollem Herzen in den Gärten der Himmel gesungen, doch nun riß es lediglich alte Wunden wieder auf.

Dennoch lauschte ich andächtig dem leisen Klang dieser Melodie, die meine Vergangenheit wieder lebendig werden ließ bis ich es nicht mehr länger aushielt und mich schließlich unter die Dusche stellte.

Das warme Wasser prickelte angenehm auf meiner Haut und vertrieb nach und nach die kalten Schauer, die mich immer wieder überfielen wenn ich daran dachte, was mit Kira geschehen war. Ich würde meinen besten Freund niemals wiedersehen, weil ihn der Mann getötet hatte, den ich über alles liebte. Verdammt! Warum mußte ich mich auch ausgerechnet in Rosiel verlieben? Warum konnte es nicht jemand anders sein? Warum er? Warum?!

Irgendwo zwischen dem Wasser, das über mein Gesicht perlte und dem, das zu Boden tropfte merkte ich, das ich weinte. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte diese Tränen nicht mehr stoppen. Was immer ich von nun an auch tun würde, es würde mir unter Garantie das Herz zerreißen.

„Shao-san?“ Raziels Stimme drang unwirklich durch das rauschende Wasser zu mir. Schnell fuhr ich mir mit einer Hand über die Augen und beseitigte die Spuren meiner Tränen so gut es ging.

„Ich bin im Bad.“ Zögernd verließ ich die Dusche und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Gut, es war fast nichts zu sehen.

„Ich lege dir die Uniformen auf den Stuhl im Vorraum.“ Ich konnte sehen, wie sein dunkler Schatten in das Bad huschte und kurz darauf wieder verschwand.

„Danke!“ Ich trocknete mich sorgfältiger ab, als es eigentlich nötig gewesen wäre, aber ich wollte mich erst wieder in den Griff bekommen, bevor ich Raziel gegenüber trat. Er würde sofort merken, wenn mit mir etwas nicht stimmte. Gut verpackt in ein flauschiges Handtuch trat ich schließlich aus dem Duschraum und sah mich suchend nach den Uniformen um. Da ich sie nicht sofort fand beschränkte ich mich erst einmal darauf meine Haare wieder halbwegs trocken zu bekommen. (Mit einem kleinen Trick versteht sich.) Als sie beinahe vollkommen trocken waren zog ich lächelnd die Schublade auf, in der vorsichtigerweise meine Unterwäsche deponiert hatte, damit nicht zufällig jemand darüber stolperte. Bei dem Anblick wäre Raziel mit Sicherheit ohnmächtig geworden. Ein Hauch von weißer Spitze.

Gut, die Unterhose hatte sich dank der Schußverletzung fast komplett rot verfärbt aber mit ein klein wenig Magie war sie innerhalb von Sekunden so gut wie neu. Es war angenehm sich das Bad einmal nicht mit einer Horde halbwüchsiger Engel und Dämonen teilen zu müssen. Letztendlich fand ich auch die Uniformen, die mir Raziel gebracht hatte. Allerdings waren sie bei Weitem nicht das, was ich erwartet hatte. Raziel hatte sogar für eine enge Lederweste gesorgt, die meine Oberweite auf ein absolutes Minimum reduzierte. Nicht sonderlich bequem, aber notwendig und unter den Uniformen würde sie kaum auffallen.

Ich zwang mich schließlich dazu meine Wahl zu treffen und war überrascht wie gut Raziel meine Kleidergröße eingeschätzt hatte. Die Uniform saß beinahe wie angegossen. Bevor ich mir jedoch den Mantel überstreifte kämmte ich meine Haare sorgfältig zurück und flocht sie zu einem Zopf. Sorgfältig zog ich die kürzeren Strähnen anschließend wieder in mein Gesicht, damit man mich nicht sofort erkannte. Erst danach streifte ich den Mantel über und setzte die Uniformmütze auf. Prüfend sah ich in den Spiegel.

Der Anblick, der sich mir bot versetzte mir einen kleinen Stich. Anael hatte es zwar bereits festgestellt als wir in den Korridor eindrangen, aber es selbst bewußt zu bemerken war etwas vollkommen anderes. In dieser Aufmachung sah ich beinahe so aus wie Kira. Bevor sich neue Tränen ihren Weg über meine Wangen bahnen konnten riß ich mich von dem Anblick im Spiegel los und öffnete die Tür zum Rest der Kabine.

Raziel saß gedankenverloren auf einem Stuhl am Fenster. Cee hatte es sich inzwischen ebenfalls gemütlich gemacht. Er lag zusammengerollt auf einem kleinen Teppich während die Sonne auf sein dunkles Fell schien. Wahrscheinlich war er Raziel einfach gefolgt als dieser zu seiner Kabine zurückkehrte.

„Es tut mir Leid Shao-san, aber das waren die einzigen Uniformen in deiner Größe.“ Sein Gesicht war von mir abgewandt, damit ich nicht sehen konnte wie sehr er mit sich kämpfte.

„Schon gut Raziel-chan.“ Mit einem schmerzvollen Lächeln auf den Lippen legte ich die restlichen Uniformen auf eine Kommode. Cees Ohren bewegten sich leicht, aber ansonsten schien er uns nicht weiter zur Kenntnis zu nehmen. Warum auch? Er würde ohnehin nicht mehr von meiner Seite weichen. Egal, wie ich mich auch entscheiden würde.

„So schnell werde ich ihn wohl doch nicht los.“ Als Raziel sich zu mir umdrehte weiteten sich seine Augen sichtlich. Kein Wunder. Ich steckte in der Uniform von Rosiels Leibgarde. Allein das ermöglichte mir beinahe unbeschränkten Zugang zu sämtlichen Sphären des Himmels. Der Orden an meiner Brust und die Abzeichen hingegen ermöglichten es mir dies alles auch noch ohne die geringste Begründung zu tun. General…

Ich hoffe nur, daß niemand genauer hinsieht. Rosiel hat seinen Männern bestimmt eine sehr detaillierte Beschreibung von mir gegeben. Ich muß verdammt vorsichtig sein, wenn ich einem von ihnen begegnet.

Für meine Zwecke ist diese Uniform auf jeden Fall bestens geeignet. Mit ihr konnte ich problemlos in Michaels Hoheitsgebiet gelangen und mit Setsuna sprechen. Auch ,wenn ich jetzt schon wußte wohin dieses Gespräch führen würde. Diesem Hitzkopf wird sein eigenes Schicksal wahrscheinlich wieder einmal vollkommen egal sein. Er wird mich unter Garantie losschicken um Sara aus den Fängen von Sevothtarte zu befreien…

„Shao-san, weißt du eigentlich wie ähnlich du Kira-san bist?“ Vollkommen ungläubig kam Raziel auf mich zu.

„Hätten deine Haare eine andere Farbe könnte man dich beinahe für ihn halten.“ Ich lachte trocken auf.

„Scheint in der Familie zu liegen.“ Bei Raziel leuchteten einige Fragezeichen auf, aber ich brachte es nicht fertig ihm etwas von dem Zusammenhang zwischen Kira, Luzifer, Iadara und mir zu erzählen.

„Wie geht es eigentlich den Anderen?“ Geschickt lenkte ich ihn von Thema ab. Ich war froh zu hören, daß es den Kindern gut ging. Man hatte sie in einem Gemeinschaftsraum untergebracht, damit sie auch weiterhin zusammenbleiben konnten. Irgendwie hatten es Cassiel und Lyakaon geschafft das Kriegsbeil zwischen sich zu begraben und gingen nun beide den Rebellen auf die Nerven was denn nun aus ihnen und ihren Freunden werden sollte. Ich mußte mir ein Grinsen verkneifen als ich mir vorstellte, wie die beiden gleichzeitig auf einen der Rebellen losgingen um ihn mit Fragen zu löchern. Einer alleine war ja schon schwer zu ertragen, aber beide zusammen? Da möchte ich wirklich nicht tauschen.

Noch immer in unser Gespräch vertieft verließen Raziel und ich die Kabine und machten uns auf den Weg zur Kommandobrücke. Bis zu Michaels Domizil war es ziemlich weit, doch die Rebellen hatten fest vor mich so nah wie möglich dort abzusetzen. Außerdem brauchte ich noch eine Waffe. Ich war so sehr in meine Diskussion mit Raziel, was man mir alles zu meinem Schutz mitgeben könnte und in wie weit das überhaupt nötig war, vertieft das ich Keren erst bemerkte als ich bereits in sie hineingerannt war.

„Tut mir leid. Ich hab dich nicht gesehen.“ Entschuldigend lächelte ich sie an und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie starrte mich mit glasigen Augen an und stieß einen schrillen Schrei aus. Von einem Moment zum nächsten war sie komplett in Panik. Ich tat mein Bestes um sie zu beruhigen, doch es schien alles nur noch schlimmer zu machen. Sie wich vor mir zurück als wäre ich der Leibhaftige persönlich.

„KEREN!“ Mit einem Affenzahn schoß Lyakaon um die nächste Ecke und beförderte mich an die Wand. Mit einem panischen Aufschrei flüchtete sich Keren in seine Arme. Zitternd vergrub sie ihr Gesicht an der Brust ihre Bruders während ich mir über meinen schmerzenden Hinterkopf rieb. Zum Glück ist Cee nicht in der Nähe gewesen (er sonnt sich wahrscheinlich immer noch). Ansonsten hätte Lyakaon bereits seine Zähne an der Kehle gespürt.

„Hey Keren.“ Vorsichtig stand ich auf und wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen.

„Erkennst du mich etwa nicht mehr?“

„Faß sie nicht an!“ Lyakaon brachte seine Schwester vor meiner ausgestreckten Hand in Sicherheit und beförderte mich erneut mit viel Schwung in Richtung Wand. Doch dieses Mal war ich darauf gefaßt und blieb stehen. Ich war lediglich ein kurzes Stück nach hinten gerutscht.

„Laß sie in Ruhe!“ Er funkelte mich eisig an. Was war nur auf einmal los mit ihm? Als ich einen erneuten Versuch startete mich seiner Schwester zu nähern löste sich aus seiner Kehle ein bedrohliches Knurren. Ihm war es verdammt ernst.

„Wie konnte wir dir nur vertrauen?“ Sein Blick lag anklagend auf mir.

„Du hast uns belogen...“ Lyakaons Stimme klang gleichsam bedrohlich und zu tiefst enttäuscht.

„Du hast uns die ganze Zeit über belogen!“ Schützend preßte er seine Schwester enger an sich.

„Und dir habe ich vertraut…“ Ich verstand kein einziges Wort.

„Wie konntest du nur?“ Er sah mich an als wäre es nur recht und billig, wenn mich innerhalb der nächsten zwei Sekunden ein Blitz treffen und zu Asche verwandeln würde.

„Lyakaon, was ist los? Warum benehmt ihr euch so seltsam?“

„Das fragst du noch?!“ Er schrie fast und Keren brach in leises Schluchzen aus. Beruhigend strich Lyakaon über ihren Rücken.

„Du bist diejenige, die mit Engeln paktiert!“ Mir war als würde man mir ein glühendes Messer in die Brust bohren. Das war es also. Die Uniform! Er glaubt ich würde sie alle an die Engelsarmee ausliefern.

„Ich bin die letzte Person auf dieser Welt, die das tun würde.“

„Ach ja?“ Höhnte er.

„Und warum trägst du dann die Uniform von Rosiels Leibgarde? Weil dir die Farbe so gut steht?“ Seine Worte verletzten mich zutiefst.

„Du hast uns alle verraten und verkauft! Wie konnte ich nur glauben, daß jemand wie DU uns helfen würdest? Anima Mundi, pah! Ich wette die gesamte Besatzung gehört zu Rosiels Leuten!“

„Das ist nicht wahr! Shao-san würde niemals-“ Ich streckte meinen Arm aus um Raziel am Weiterreden zu hindern. Verblüfft sah er mich an.

„Laß gut sein Raziel. Er wird dir nicht glauben.“ Enttäuscht sah ich Lyakaon an.

„Warum sollte ich auch? Ihr werdet uns ja doch ausliefern!“

„Es tut mir leid, daß du so denkst. Ich hatte nur vor euch zu helfen. Aber so wie es aussieht hat es keinen Zweck mehr, wenn ich mich jetzt von euch verabschiede.“ Ich wandte mich zum Gehen.

„Wenn du mir nicht glaubst ist das deine Sache, aber zumindest den Rebellen solltest du Vertrauen schenken. Sie werden euch an einen sicheren Ort bringen.“ Ohne mich noch einmal umzudrehen ließ ich die Geschwister stehen und kehrte in Raziels Kabine zurück. Tränen stillen Zorns rannen mir über die Wangen während ich in die Knie sank und meinen Kopf in Cees warmem Fell vergrub.

Es tut weh zu wissen, daß ein einfaches Stück Stoff ausreicht um mühsam erlangtes Vertrauen zu zerstören. Aber es ist nicht mehr zu ändern. Ich hoffe nur, daß sie lange genug an Bord bleiben werden um zu merken, das längst nicht alle Engel so grausam sind wie die, denen sie einst begegnet waren.

 

05-10-08

 

Next: Part 34 – Fire, sand and storm

 

 



Erläuterungen:

Lyakaon
König von Arkadien, Sohn des Pelasgos und der Okenide Meliboa. Er und seine 50 Söhne fallen durch ihre Grausamkeit aus dem menschlichen Rahmen heraus. Als Zeus die Erde besuchte um die Menschen zu prüfen lud Lyakaon den Gott zu einem Mahl ein bei dem er das Fleisch eines geschlachteten Knabens servieren ließ. Zeus bestrafte diesen Frevel in dem er Lyakaon  und dessen Nachkommenschaft mit einem Blitz vernichtete. In einer abgewandelten Version der Sage verwandelt Zeus sie alle in Wölfe. (Diesen Part habe ich für Lyakaons Verwandlung übernommen.)

Cassiel
Regiert den Samstag. Der Engel der Einsamkeit und Tränen, der "die Einheit des ewigen Königreiches weiterführt." Cassiel ist einer der Herrscher des Planeten Saturn, und er ist gleichfalls der Prinzregent des 7. Himmels. Cassiel ist einer der Sarim (Prinzen) in der Hierarchie der Mächte. Manchmal erscheint er auch als Engel der Enthaltsamkeit.

Keren
Schadensdämonen aus der griechischen Mythologie. Die Keren gelten als Kinder der Nacht und werden als abstoßend mit grauenerregenden Zügen beschrieben. Sie bringen Unglück, Tod und Verderben. Was schon aus ihrem Namen hervorgeht, da das griechische Wort Ker „Verderben“ und „Tod“ heißt. Manchmal wurden auch die Rachegöttinnen, die Eriyen, als Keren bezeichnet. (Wie man unschwer merkt habe ich mir hier nur den Namen geliehen. Immerhin ist Keren ein äußerst süßes Mädchen. Kaum zu fassen, das sie mit dem Heißsporn von Lyakaon verwandt ist. Eigentlich überrascht es kaum, daß ausgerechnet Cassiel so einen Narren an ihr gefressen hat. Sie weckt eben seinen Beschützerinstinkt.  ^.^)

 

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