Part 35

06-01-03

 

Love of an angel

         Part 35

 

Dark shadows over Zebul

 

Mit einem lauten Klatschen landete der Schwamm im Wasser. Mittlerweile hatte es einen silbrig, milchigen Farbton angenommen. Warum? Warum zum Geier hört eigentlich mal wieder keiner auf mich?

Sicher, Setsuna will unbedingt mit uns kommen und damit auch noch den letzten Rest seines bisher verbliebenen Lebens riskieren. Aber warum müßen sie ihm diesen Schwachsinn denn auch noch erlauben? In seinem Zustand kann er sich wahrscheinlich nicht mal selbst beschützen und dann müssen sie ihn ausgerechnet auf so eine Selbstmordmission mitnehmen?! Ehrlich, man könnte meinen inzwischen hätten hier alle ihren gesunden Menschenverstand eingebüßt. Korrektur, Engelsverstand. Immerhin sind Setsuna und ich die einzigen Anwesenden, deren Gene nicht zu 100% aus Engel bestehen.

Trotzdem ist das noch lange kein Grund ihn unbedingt mitnehmen zu müssen! Und der Knabe hat auch noch felsenfest darauf bestanden. Es ist zum aus der Haut fahren! Da gibt man sich die größte Mühe ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren, damit er Sara in einem Stück wiedersehen kann und jetzt DAS! Ehrlich, manchmal wäre es am Einfachsten ihn in einen Käfig zu sperren, Schlüssel so weit wie möglich wegschmeißen und endlich Ruhe.

„Einer schlimmer als der Andere!“ Fluchend wrang ich den Schwamm aus und widmete mich dem nächsten Problem. Cee aus seiner Gestalt als Pegasus zu befreien ohne den eigentlichen Gegenbann zu sprechen war wesentlich komplizierter als es auf den ersten Blick vielleicht aussah. Dank Uriels höchst eigener und unheimlich cleverer Idee von wegen nicht noch mehr Aufsehen erregen etc. (wirklich ganz toll).

Die Prozedur war direkt nach dem Start der kleinen Merkabah losgegangen und ich hatte fest vor damit innerhalb der nächsten halbe Stunde fertig zu werden. Bisher waren meine Bemühungen jedoch kaum von Erfolg gekrönt. Cees Fell war nach wie vor strahlend weiß und nur, wenn man ganz genau hinsah konnte man hier und da einen dunklen Schatten unter der hellen Oberfläche erahnen. Mit diesem Tempo stehe ich nächste Woche noch hier.

„Uriel hätte mir wenigstens erlauben können dich auf normalen Weg zurück zu verwandeln.“ Ein ungeduldiges Schnauben bewies mir, das Cee ebenfalls diese Meinung vertrat. Hätte Uriel vor dem Start nicht seine Ansprache der Marke, ihr–tut-was-ich-euch-sage-oder-ihr–werdet–es–bereuen nicht gehalten wären wir schon lange fertig.

In der Kurzversion läßt sich die Geschichte relativ einfach zusammen fassen. Der großmächtige Uriel hat uns allen auferlegt unsere Kräfte nur im äußersten Notfall einzusetzen und uns nebenbei noch so unauffällig wie möglich zu verhalten. Warum er dabei ausgerechnet mich scharf musterte konnte ich mir zwar nicht erklären, aber inzwischen geht mir ein Licht auf. Ich stehe nämlich kurz davor seine erste Anweisung schlichtweg zu ignorieren und den Bann mit einem Fingerschnippen aufzuheben. Schlimmer als jetzt kann es schließlich wohl kaum noch werden. Immerhin ist fast alles, was Beine und Flügel hat, hinter uns her. Auch, wenn sie zum Glück nicht wissen wo wir uns gerade aufhalten.

Wenn ich mir das genau überlege sollte ich vielleicht nicht länger warten. Immerhin bin ich schon jetzt reiflich durchweicht und über und über mit silbrigen Tupfern verziert. Also, entweder sich noch stundenlang mit Wasser und Schwamm herumschlagen oder einfach?

Obwohl, Uriel wird bestimmt stinksauer, wenn ich mich über eines seiner sehr deutlichen Verbote hinwegsetze. Er ist zwar meistens pflegeleicht, aber wenn er mal wütend wird…

Auh weia!

Na ja, ganz so schlecht ist körperliche Arbeit ja auch wieder nicht. Es hilft Frust und überschüssige Energie abzubauen. Außerdem habe ich ja Hilfe.

„Hier ist das warme Wasser.“ Pünktlich aufs Stichwort! Mit einem leichten Grinsen wartete ich bis Raziel den randvollen Eimer auf dem Boden plaziert hatte. Er wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn.

„Gibt es eigentlich keinen einfacheren Weg um diesen Bann aufzuheben?“

„Klar, aber was hat Uriel uns gesagt?“ Seufzend holte er Luft.

„Kräfte sparsam einsetzen und so wenig wie möglich auffallen.“

„Genau.“ Das Lächeln war einfach nicht mehr aus meinem Gesicht zu kriegen. Er sah genauso begeistert aus wie ich noch eine Minute zuvor.

„Na ganz toll.“ Immer noch grinsend verschwand ich unter Cees rechtem Flügel und machte mich daran die Federn zu bearbeiten. Raziel nahm die andere Seite in Angriff.

„Hey, ich glaube damit geht es schneller.“ Vorsichtig spähte ich unter dem Flügel hervor. Setsuna spazierte einen Wasserschlauch im Anschlag haltend fröhlich auf uns zu.

„Damit sind wir in Null Komma Nix fertig.“ Lässig öffnete er das Ventil.

„Setsuna nicht!“ Zu spät! Cee hatte sich bereits aufgebäumt, mich und Raziel dabei elegant zu Boden befördert und Setsuna den Schlauch aus der Hand geschlagen. Mit viel Schwung beschrieb dieser nun eine große Schleife, durchnäßte alles und jeden in seiner Reichweite bis auf die Knochen und blieb schließlich leise vor sich hinblubbernd auf dem Boden liegen. Innerhalb von Sekunden entstand eine riesige Pfütze.

„Wenn ihr mit euren Wasserspielchen fertig seid solltet ihr euch umziehen. Die weiße Villa ist bereits auf den Monitoren zu sehen.“ Irgendwie klingt Uriel verdammt merkwürdig.

„Uriel-sama ihr seid…“

„Naß bis auf die Knochen. Danke Raziel, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Ich kriegte mich vor Lachen fast nicht mehr ein. Da stand Uriel in einer seiner besten Uniformen und sah aus wie ein begossener Pudel. Er mußte den Hangar genau im falschen Moment betreten haben. Es gab nicht eine einzige trockene Stelle.

„Schön, daß mein Anblick alle so köstlich amüsiert.“ Schnaubte er und schritt hoch erhobenen Hauptes davon. Verblüfft sahen Raziel, Setsuna und ich uns an und prusteten fast zeitgleich los. Es war aber auch einfach zu herrlich.

„Hey, Shao ich glaube wir haben es fast geschafft.“

„Was meinst du?“ Immer noch lachend wischte ich mir die Tränen aus den Augen und folgte Setsunas ausgestreckter Hand.

„Wann ist das denn passiert?“ Verwundert starrte ich Cee an. Bis auf wenige Stellen war sein Fell inzwischen wieder tiefschwarz. Es würde noch nicht mal mehr fünf Minuten dauern um ihn von den restlichen Rückständen zu befreien.

„Na dann mal los!“ Tatendurstig schnappte sich Setsuna dicht gefolgt von Raziel den nächstbesten Schwamm und gemeinsam rückten sie Cee auf den Pelz. Entschuldigung aufs Fell.

Es war urkomisch zu beobachten, wie die Beiden ihn von rechts und links in die Zange nahmen und er immer wieder versuchte ihnen und den Schwämmen zu entwischen. Ich ließ ihnen ihren Spaß und nutzte die Gelegenheit um ein klein wenig von dem Chaos zu beseitigen, das wir in dem Hangar hinterlassen hatten. Es war beruhigend zu wissen, das Cee sich so gut mit den Beiden verstand. Sosehr er sich auch manchmal sträubte, es war nicht zu übersehen, das er die Beiden ebenso sehr ins Herz geschlossen hatte wie ich. Nun ja, ansonsten wäre er auch kaum freiwillig zurückgeblieben um ein Auge auf Setsuna und Kira zu haben während ich weg war.

Kira…

Da ist es wieder. Dieses unangenehme Gefühl, das sich einfach nicht vertreiben läßt. Ich habe meinen besten Freund verloren. Eine weitere Wunde, die niemals heilen wird. Wie könnte ich jemals vergessen wer ihn getötet hat?

Rosiel…

Ich kann niemals zu ihm zurück kehren… Er ist eine Gefahr für meine Freunde, für Assia… sich selbst… wir können nicht zusammen sein… es würde ihn ins Verderben stürzen…

„Wir wurden entdeckt! Ein Luftaufklärer ist unterwegs um uns zu entern!“ Was?! Jetzt?! Ich ließ alles stehen und liegen und stürmte zurück in den Hangar. Cee war inzwischen komplett von meinem Bann befreit und verwandelte sich binnen Sekunden in einen ansehnlichen, pechschwarzen Wolf.

An Bord der Merkabah herrschte plötzlich ein mittleres Chaos von hin und her rennenden Rebellen, die eifrig darauf bedacht waren, das ihre Uniformen ja keine noch so kleine Falten aufwiesen. Für den Fall einer Kontrolle existierte ein fast narrensicherer Plan, der jedoch nur funktionierte, wenn sich jeder von uns an die Spielregeln hielt.

Dicht gefolgt von Cee verschwand ich durch eine verborgene Tür in den Klimaschächten. Muß ich eigentlich anmerken, daß meine Klamotten immer noch klatschnaß waren, es zog wie Hechtsuppe und ich mir unter Garantie eine Erkältung einfangen würde?

„Wir werden von der Luftpatrouille geentert! Uriel-sama versteckt euch!“ Der Aufforderung hätte es kaum bedurft. Es ist schließlich seine eigene Anweisung gewesen, das man niemanden von uns entdecken durfte. Er drückte sich keine zwei Minuten später nach mir in dem Luftschacht.

„Warum mußten die uns eigentlich überhaupt entdecken?“ Klitschnaß in einem Lüftungsschacht zu stehen gehörte nicht zu den Dingen die ich gern tat. Zitternd rieb ich abwechselnd über meine Arme und versuchte mich irgendwie warm zu halten. Es ist so etwas von ekelig, wenn nasse Klamotten kalter Zugluft ausgesetzt sind!

Mich auf die übliche Weise blitzschnell abzutrocknen konnte ich getrost vergessen. Der geringste Hauch von Magie würde der Patrouille augenblicklich Uriels und meinen Standort verraten. Warum habe ich eigentlich kein Handtuch mitgenommen?

Besorgt drückte sich Cee enger an mich und versuchte mich dadurch etwas aufzuwärmen. Dankbar sah ich ihn an. Trotzdem reichte die Wärme seines Körpers lange nicht aus um ein Zähneklappern zu verhindern. Vorsichtig begann ich auf der Stelle zu treten, damit meine Muskeln nicht völlig erkalteten. Hoffentlich dauert das nicht so lange.

„Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“ Kopfschüttelnd hüllte Uriel mich in seinen Umhang. Dankbar vergrub ich mich in dem noch warmen Stoff.

„Du hast doch gewußt, daß wir jederzeit entdeckt werden können.“ Tadelnd sah er mich an. Ich murmelte irgend etwas Unverbindliches und fragte mich wie lange wir wohl letztendlich in diesem Schacht ausharren mußten.

„Es wird nicht sonderlich lange dauern. Normalerweise nie länger als zehn Minuten.“ Wahrscheinlich sollte mich das beruhigen, aber seine Stimme klang dennoch angespannt. Es stand einfach viel zu viel auf dem Spiel. Vor allem habe ich bis jetzt nicht begriffen, warum Setsuna und Raziel sich nicht vor den Patrouillen verstecken müssen.

„Solange ich nachher ein heißes Bad nehmen kann ist mir alles andere egal.“ Für circa zwei Sekunden starrte er mich vollkommen verblüfft an, bevor er krampfhaft versuchte nicht laut loszulachen. Die Minuten zogen sich trotz Uriels kleinem Ausbruch schier endlos dahin und als er plötzlich losstürmte als hätte ihn irgend etwas gestochen bekam ich fast einen Herzinfarkt.

„Uriel. Hey, Uriel! Sie werden dich sehen.“ Keine Antwort er rannte davon ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Super! Soviel also zum Thema, wir sollen unentdeckt bleiben.

„Wie sieht es aus? Kommst du mit?“ Fragend sah ich Cee an, dessen Schwanz aufgeregt hin und her fegte. Er schien es kaum noch abwarten zu können.

„Na schön. Dann laß uns mal ein paar Engeln in den Hintern treten.“ Uriel, Raziel und Setsuna eingeschlossen! Ich friere mir hier den Hintern ab und die schmeißen einfach den ganzen schönen Plan über den Haufen! Als ich auf der in dem Gang ankam in dem die Überprüfung unserer Crew stattfinden sollte wußte ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Da standen die Rebellen in aller Seelenruhe um die Patrouille herum, bedrohten diese mit diversen Waffen und mitten unter ihnen kniete Uriel. Also ehrlich, erst macht er diesen ganzen Terz von wegen unauffällig und jetzt DAS?! So etwas nennt er unauffällig? Ehrlich, manchmal begreife ich nicht, was in den Köpfen der Engel so vor sich geht.

„Die Kraft deines Körpers war erschöpft. Du hast dich wacker geschlagen mein Schüler.“ Ich kämpfte mich durch die dicht stehenden Reihen nach vorne. Direkt vor Uriel kauerte ein Engel auf dem Boden, den ich noch zuvor nie gesehen hatte.

„Erinnerst du dich an dein wahres Antlitz?“

„…ja, ich erinnere mich.“ Vollkommen perplex starrte ich in das Gesicht, das sich plötzlich in Uriels Händen befand. Eine Welle der Erleichterung durchfuhr mich. Katou!

„Ich wußte nicht, wer ich war… da war ein halb toter Mann…“ Er ist noch am Leben! Und beinahe im selben Moment regte sich mein schlechtes Gewissen. Seit den Geschehnissen im Palast von Anagura hatte ich an ihn, Kurai und die Anderen beinahe keinen einzigen Gedanken mehr verschwendet. Sicher, ich hätte sie suchen können, aber ich hatte beschlossen meinem eigenen Weg zu folgen… Es wird schwierig werden ihnen wieder in die Augen zu sehen…

„Ich borgte seine Gestalt… er starb kurz danach…“ Katous Stimme schwankte leicht, aber er war zweifelsohne er selbst. Der spöttische Unterton ist kaum zu überhören. Was hat er damals eigentlich alles mitbekommen? Der Raum ist für ihn und Kurai verschlossen gewesen… Weiß er überhaupt, was mit Kira geschehen ist?

„Ich nahm das Schwert, das Kira zurückließ… so wie ich war… dann entdeckten mich diese Engel…“ Ohne ein weiteres Wort stürmte Setsuna nach vorn und umarmte ihn. Aus seinen Augen rannen Tränen der Erleichterung. Wie lange ist es her, das wir uns in der Hölle aus den Augen verloren hatten? Seit wir uns alle in den Himmeln bewegten schien Zeit so gut wie keine Rolle mehr zu spielen.

„Hey Kleiner, ich freue mich ja auch dich zu sehen, aber meinst du nicht man könnte das mißverstehen?“

„Idiot.“ Grinsend ließ Setsuna seinen Freund los und fuhr sich mit einem Ärmel durchs Gesicht. Ich nickte den Beiden kurz zu und entging Katous fragendem Blick in dem ich mich dezent zurück zog. Wenn ihm jemand sagen mußte, was mit Kira geschehen war, dann wollte ich das um keinen Preis der Welt sein. Die Beiden sind trotz allem sehr gute Freunde gewesen, und obwohl ich Katou eher flüchtig kenne bringe ich es dennoch nicht fertig ihm vom Tod seines besten Freundes zu berichten.

Doch was sollte ich statt dessen tun? Viel Zeit bleibt mir nicht mehr bevor wir unser Ziel erreichen. Außerdem ist diese Merkabah wahrscheinlich nicht groß genug, um auf Dauer ihren Fragen zu entkommen. Also, was tun? Vielleicht etwas Trockenes zum Anziehen? Ja, das wäre definitiv das Beste. Dieses Zeug ist inzwischen eher ein Eispanzer als alles andere. Die Anderen werden Katou bestimmt auch ohne mich auf den neusten Stand bringen.

Dicht gefolgt von Cee machte ich mich auf den Weg zu meinem Quartier und durchwühlte die Schränke nach etwas Tragbaren, das mich nicht alle zwei Minuten daran erinnerte, daß ich mich unter Engeln befand. Leider gab es nichts, was diesem Wunsch entsprach. Ich hatte die Auswahl zwischen der hellen Uniform, der Merkabah Besatzung und einer dunklen Kluft, die der von Raziel verdammt ähnlich war.

Da ich in letzter Zeit ziemlich viel Schwarz getragen hatte entschied ich mich für das hellere Outfit und verschwand leise vor mich hinsummend im Bad. Von mir aus kann der Himmel komplett in sich zusammenstürzen. Ich werde die nächste Viertelstunde trotzdem unter einem warmen Wasserstrahl verbringen. (Manchmal muß man eben Prioritäten setzen.)

Als Raziel mich schließlich aufstöberte hatte sich meine Laune, soweit es die Situation zuließ, extrem verbessert und ich genoß das angenehme Gefühl wieder trockene und vor allem warme Kleidung auf meiner Haut zu spüren. Und das Beste daran, ich muß endlich meine Oberweite nicht mehr einschnüren. Ein Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte. Oh, eine vernünftige Frisur habe ich auch noch irgendwie zustande gebracht. Über die Hälfte meiner Haare war zu einem Zopf im Nacken geflochten und der Rest ringelte sich bis weit über meine Hüften hinab.

„Shao-san, kommst du mit zur Besprechung?“ Etwas unsicher sah Raziel mich an. Wahrscheinlich überraschten ihn sowohl meine gute Laune als auch das neue Outfit. Cee hatte bei seinem Eintritt lediglich den Kopf gehoben und dem jungen Engel keine weitere Beachtung geschenkt. Das war seine Art zu zeigen, daß er ihn gern hatte. Keine direkte Bedrohung mehr an der Tür. Zu solch hohen Ehren kamen Engel bei ihm eher selten.

„Aber sicher.“ Grinsend schnappte ich mir den Uniformmantel und die dazu passende Mütze und folgte Raziel auf die Brücke wo Setsuna und Katou sich gerade einen handfesten Streit darüber lieferten was die beste Vorgehensweise war. Letztendlich war Katous Idee die bessere. Auch, wenn Setsuna das nur widerwillig zu gab.

Es gefiel mir persönlich zwar auch nicht sonderlich, das Katou und Uriel ein Ablenkungsmanöver starten würden, damit der Rest von uns unbemerkt in Seovthtartes Villa eindringen konnte. Ein vernichtender Blick von Uriel verhinderte allerdings, das ich ihnen einen anderen Vorschlag unterbreiten konnte. Ich schluckte kurz und nickte schließlich leicht. Schon gut, schon gut. Ich bleib hier und paß auf die Kleinen auf. Augenblicklich wurde sein Blick weicher und er wandte sich wieder Setsuna und Katou zu.

Die Härte in seinem Blick hatte mich dennoch überrascht. Wie kommt es, daß er mich plötzlich derart vernichtend ansieht? Habe ich irgend etwas getan, das ihn verärgert hat? Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern was… Oder ist er nach wie vor sauer wegen der Sache mit dem Wasserschlauch?

„Schon wieder mein Gesicht?! Was hast du damit vor?“ Krampfhaft versuchte ich nicht zu lachen. Katou hatte sich in ein perfektes Abbild von Setsuna verwandelt. OK, abgesehen von der großen Klappe und fehlenden Respekt anderen gegenüber. Das konnte man einfach nicht verbergen. Cee knurrte ihn leicht an blieb aber ansonsten ruhig neben mir sitzen. Seine Augen funkelten nach wie vor tiefrot. Er hatte sich zwar an die Anwesenheit der Engel gewöhnt, aber so manches Mal hatte ich das dumpfe Gefühl, das er ihnen am Liebsten in die Beine beißen würde statt ihnen zu helfen.

Ehe Uriel und Katou aufbrachen erkündigte sich Setsuna nach dem Verbleib von Kurai und den anderen Dämonen aus Anagura. Jedoch konnte auch Katou diese Frage nicht beantworten. Als alles in sich zusammenstürzte hatte er sie aus den Augen verloren. Er konnte nicht sagen, ob sie noch lebten oder nicht. Etwas in mir zog sich schmerzlich zusammen. Ich hoffte, daß es der kleinen Dämonin gelungen war sich und ihr Volk in Sicherheit zu bringen. Sie waren in diese Sache eigentlich mehr oder weniger hineingerutscht und nun war ihre Welt zerstört…

Leise schalt ich mich einen Dummkopf, als ich begann mir Gedanken darüber zu machen, wie man das alles hätte verhindern können. Schluß jetzt! Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Passiert ist passiert. Das weißt du selbst am Besten.

Unsere beiden Lockvögel waren ein voller Erfolg und unter Raziels Führung war es ein Leichtes in die Villa zu gelangen. OK, das und mehrere gut angebrachte Ladungen TNT. Die Türen öffneten sich also quasi von allein.

„OK, wir gehen rein!“ Raziels Stimme knarrte in meinem Ohr. Er hatte darauf bestanden, daß jeder der ihn begleitet einen Knopf im Ohr trug, der ihn mit den Anderen verband. Anfangs war es etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens würden wir uns so während eines Kampfes nicht aus den Augen verlieren.

„Das Schloßinnere ist durch ein schweres Sicherheitssystem geschützt. Dazu kommen mehrere hundert Wachen, ausschließlich Eliteeinheiten.“ Kalt lächelnd packte ich mein Schwert fester und funkelte Raziel und Setsuna an. Sie hatten darauf bestanden, daß ich ebenfalls eine Waffe mitnahm. Aber sie hatten eher an eine Pistole gedacht als an ein Schwert. Sie wußten jedoch Beide, daß die Waffe in meiner Hand weitaus gefährlicher war, als das gesamte Waffenlager der Merkabah.

„Überlaßt die Engel Cee und mir. Konzentriert euch nur auf die Ziele.“ Für einen kurzen Moment sah es so aus als wollten mich die Zwei von meinem Vorhaben abbringen aber sie sagten nichts. Raziel holte kurz Luft und erteilte dann die nächsten Befehle.

„Wir haben zwei Ziele: Unter allen Umständen Metatron zu beschützen und Sevothtarte gefangen zunehmen!“ Setsuna schloß seine Hand enger um Nanatsusaya und folgte Raziel. Ich gab Cee ein Zeichen und setzte mich an die Spitze des kleinen Trupps. Sollte sich uns ein Engel in den Weg stellen, dann wäre es das letzte Mal in seinem armseligen Leben.

Ein greller Lichtblitz ließ mich langsamer werden. Was um alles in der Welt ist das gewesen? Vorsichtig sah ich mich nach allen Seiten um doch da war nichts. Das Schwert in meiner Hand begann jedoch plötzlich zu summen. Eigenartig, das hat es doch noch nie getan?

„Cee!“ Ein dunkles Grollen drang aus seiner Kehle. Sämtliche Haare an seinem Körper standen ab. Die Muskeln unter dem dunklen Fell waren angespannt. Vorsichtig und immer wieder hinter uns blickend, damit die Anderen den richtigen Abstand einhielten schlichen wir uns weiter bis wir die Haupthalle erreichten. Der Anblick dort ließ mich erstarren. Die gesamte innere Treppe war über und über mit Leichen bedeckt. Jede einzelne davon mehr oder weniger zerstückelt.

„Was ist hier passiert?“ Ich bewegte mich immer noch nicht als die Anderen bereits aufschlossen. Der Anblick der Leichen rief Erinnerungen wach an die ich lieber nicht denken wollte. Eine Ebene getaucht in Blut… Feuer… Schreie…

„Shao, warst du das?“ Allmählich löste sich meine Erstarrung und ich konnte Setsuna Antworten. Das hier ist die Gegenwart! Nicht die Vergangenheit!

„Nein.“ Ich konnte spüren wie die Klinge in meiner Hand pulsierte und nach Blut lechzte. Nein, das war nicht mein Werk. Dafür habe ich viel zu viel Angst davor noch einmal die Kontrolle zu verlieren. So wie damals…

„Was geht hier vor?“ Nachdenklich sah ich Setsuna an. Das frage ich mich auch. Welche Macht ist dazu fähig? Wer könnte hier unbemerkt eindringen und all diese Engel töten? Und woher kommt dieses plötzliche Gefühl von allein Seiten beobachtet zu werden?

„Alle Türen stehen offen.“ Auch Raziel war sichtlich nervös. Irgend etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Die Wachen sind alle tot. Niemand ist hier um uns aufzuhalten. Das stinkt förmlich nach Falle.

„Hört ihr das?“ Lauschend lehnte Setsuna an einer Wand und winkte uns näher zu sich heran.

„Gesang, es kommt von der anderen Seite.“ Er hat recht. Das ist eindeutig Lobgesang. Aber wie hat er ihn bemerkt? Er ist doch kaum zu hören.

Gerade als ich ihn danach fragen wollte stürmte er davon und verschwand hinter einer halbgeöffneten Flügeltür.

„Messias!! Das könnte eine Falle sein!“ Was du nicht sagst Raziel-chan. Selbst ein Blinder hätte das gemerkt.

„Und er rennt mal wieder mitten hinein.“ Seufzend legte ich mein Schwert leicht über die Schulter.

„Shao-san?“

„Uns bleibt doch ohnehin nichts anderes übrig. Um Metatron und Sevothtarte zu finden müssen wir ohnehin alle Räume durchsuchen. Warum also nicht mit diesem anfangen? Falle hin oder her.“ Wir sind hier zusammenreingegangen und ich werde garantiert nicht zulassen, daß einer von euch Beiden zurückbleibt! Das habe ich Zaphikel und Kira versprochen. Entschlossen folgte ich Setsuna und kam dicht hinter diesem zum Stehen.

Er stand ganz still. Beinahe wie eine Statue uns als ich neben ihm stand begriff auch warum. Das Bild der Halle setzte sich hier fort. Mit einem einzigen Unterschied. Umgeben von über einem Dutzend Leichen saß etwas erhöht eine zusammengesunkene Gestalt vor einer Art Altar. Sie klammerte sich fest an den blutenden Kopf eines Engels, den sie an ihre Brust drückte. Ihre weißen Haare fielen strähnig zu Boden und verbargen beinahe ihr gesamtes Gesicht. Dennoch war das dunkle Brandmal auf ihrer linken Wange nicht zu übersehen. Eine Gefallene?

„Ist das… Sevothtarte…?“ Raziels Stimme zitterte vor Entsetzen und Unglauben.

„A… aber das… …das ist eine Frau!“ Ungläubig starrten die Rebellen die Gestalt an. Sie war lediglich in ein helles Tuch gehüllt, das kaum etwas von ihrem Körper verbarg. Allein ihre langen Haare boten ihr etwas Schutz vor unseren Blicken.

„SEID STILL!“ Diese Stimme… Sie ist eindeutig eine Frau und dennoch, ich weiß, daß es Sevothtarte ist. Seine Aura ist unverkennbar. Dennoch… sie ist kaum noch bedrohlich. Viel eher scheint sie sich dahinter verstecken zu wollen… das hier ist eine vollkommen andere Person.

„Ihr weckt mein Baby auf. Es ist schrecklich, wenn es wütend wird. Wenn ihr nicht still seid, beißt es sich aus meinem Bauch heraus.“ Nein, das hier ist nicht länger Sevothtarte. Dieses Wesen hat rein gar nichts mehr mit dem gefürchteten Anführer der Himmel zu tun. Zögernd schritt ich die wenigen Stufen zu der am Boden knienden Gestalt hinauf.

Das vollkommen verängstigte Gesicht und die leeren Augen haben nichts mehr mit dem Wesen gemein, das ich einst unter dem Namen Sevothtarte gekannt und gefürchtet habe. Nein, das hier ist definitiv nicht er. Ich kann sie unmöglich für seine Sünden büßen lassen. Langsam senkte ich mein Schwert und ging vor ihr in die Knie. Sie hob leicht ihren Blick, doch ihre Augen sahen durch mich hindurch.

„Es beobachtet uns. Mich und euch. Aus seinen vielen, roten Augen.“ Behutsam striff ich über die unversehrte Wange. Man hat sie als Sünderin gebrandmarkt… Sie zitterte leicht aber wich nicht zurück.

„Was haben sie dir nur angetan?“ Diese unendliche Leere in den Augen… ein zerbrochener Geist… Was ist nur mit ihr geschehen? Was kann jemanden wie Sevothtarte derartig zerstören?

„Shao-san! Was tust du da?“ Ich ignorierte Raziels Rufen ebenso, wie ich es mit dem Rest meiner Umgebung tat. Nach und nach begriff ich, was mit ihr geschehen sein mußte. Sie hatte sich hinter Sevothtartes Maske versteckt und nun hatte man ihr diese brutal vom Gesicht gerissen… man hatte ihr alles genommen, was sie bisher schützte…

Der glasige Blick und das penetrante Zittern ihres Körpers zeigten nur zu deutlich, was man ihr bereits angetan hatte. Sanft strich ich ihr die Haare aus dem Gesicht. Erstaunt sah sie mich und lockerte den Griff um den Kopf, den sie bisher so festumklammert gehalten hatte.

„Mein Baby schläft. Weck es nicht auf.“ Ich lächelte sie an und begriff nach und nach das volle Ausmaß der Zerstörung ihres Geistes. Wer auch immer ihr das angetan hatte. Er hatte gründliche Arbeit geleistet. Ihr Bewußtsein würde niemals mehr vollständig zurück kehren. Man hatte es für immer zerstört. Der gefürchtete Großminister Sevothtarte würde für nichts und niemanden jemals wieder eine Bedrohung darstellen.

„Keine Sorge, das werde ich nicht.“ Dankbar drückte sie ihre Wange gegen meine Hand und schloß die Augen. Wie leicht könnte ich das sein? Vollkommen zerbrochen, nur noch ein Schatten seiner Selbst… Wie dicht habe ich damals davor gestanden ebenso zu enden?

„Es ist so ruhig, wenn du in der Nähe bist. Seltsam…“ Ich erwiderte nichts sondern begann systematisch die Umgebung nach einem sicheren Fluchtweg abzusuchen. Hierlassen konnte ich sie nicht. Die Engel würden sie lediglich für ihre eigenen Ziele ausnutzen und bedenkenlos opfern… Plötzlich fegte eine dunkle Aura durch das Gebäude, die beinahe alles und jeden zu lähmen schien.

„Sieh an. Sogar das großartige Nanatsusaya erzittert vor ihm in Furcht.“ Die Stimme klang irgendwo über uns auf. Bitte nicht!

„Du solltest mir dankbar sein. Hätte ich ihn frei walten lassen… hätte er das Schloß mit einem Hieb hinweggefegt.“ Zögernd hob ich den Blick. Ich wußte bereits was mich erwartet, aber ich betete dennoch darum, daß es nicht wahr war. Doch warum sich überhaupt Hoffnung machen? Es kommt doch sowieso immer das Schlimmste. Egal, was du tust oder läßt…

Direkt vor einem der riesigen Fenster stand eine hühnenhafte, dunkle Gestalt und auf ihren Schultern thronte Rosiel. Sie waren umgeben von Leichen. Kalt lächelnd musterte er Setsuna, der wie gebannt nach oben starrte.

„Was meint ihr? Soll ich ihn mit euch spielen lassen?“ Beinahe unmerklich schloß sich meine Hand wieder fest um den Griff meines Schwertes. Nein, das werde ich nicht zulassen. Niemals Rosiel-chan! Du wirst kein einziges Haar mehr krümmen!

„Euch zeigen wie sich wahrhaftige Verzweiflung anfühlt?“ Kira ist tot… Rosiel-chan, hast du überhaupt eine Ahnung, wie sich das anfühlt? Hast du eine Vorstellung davon wie es ist mit Wissen zu Leben, das die Person, die du liebst deinen besten Freund getötet hat? Das du diese Person töten mußt um deine Freunde, deine Welt zu retten? Ahnst du eigentlich, was seit jenem Augenblick alles zwischen uns steht? Was purer Verzweiflung ist? Das es keinen Weg zurück gibt egal, was auch geschieht? Weißt du das Rosiel-chan?

„Die Hoffnung am Boden der Büchse der Pandora… Was denkt ihr warum sie von allem Bösen, das aus der Büchse sprang, als Einzige zurückblieb? Ich werde auch die Antwort zeigen. Langsam und genüßlich.“ Nein Rosiel-chan, das wirst du nicht. Du wirst meinen Freunden kein Leid mehr zufügen. Das werde ich verhindern! Mein gesamter Körper spannte sich. Und du wirst niemals erfahren, wer ich in Wirklichkeit bin… oder wieviel du mir bedeutest… verzeih mir…

Eine zitternde Hand schob sich über meine. Ihre Augen sahen mich beschwörend an während sie leicht den Kopf schüttelte. Warum nur? Warum hält sie mich fest?

„Ist das dein Werk? Hast du dieses Monster losgelassen? Und hast du Sevothtarte in den Wahnsinn gestürzt?“ In Setsunas Stimme mischten sich Haß, Furcht und tiefste Abscheu.

„Dank ist unnötig. Ich tat es nicht für euch.“ Die Stimme kalt wie Eis. Das ist nicht der Rosiel, den ich kenne. Was ist nur mit ihm geschehen? Er wirkt einsamer als jemals zuvor…

„Laß die Spielchen! Wozu das alles?!“

„Er war hungrig.“ Spielerisch lehnte Rosiel seinen Kopf gegen die Schulter seines Begleiters.

„Schau nur. Es gibt neues Freßchen. Du darfst sie in Stücke reißen.“ Diese Worte trafen mich härter als es jemals zuvor eine Waffe getan hätte. Mir bleibt keine andere Wahl mehr. Ich muß ihn töten. Wenn ich es nicht tue, wird er uns alle vernichten. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen während die Welt darin allmählich in Dunkelheit versank.

Langsam stand ich auf. Denk nicht darüber nach. Tu es einfach. Ein einziger Schlag und all das ist für immer vorbei… keine Zweifel mehr, keine Schmerzen… nur noch Finsternis.

„Nicht. Geh nicht weg.“ Die flehende Stimme lüftete den Schleier um meinen Geist ein klein wenig. Sevothtarte hielt meine Hand festumschlossen. Ihre Fingernägel bohrten sich tief in meinen Handrücken. Allmählich begann ich wieder wahrzunehmen, was um mich herum geschah. Die Situation hatte sich komplett gegen uns gewendet. Nicht nur, das Rosiels Begleiter bereits etliche von Raziels Männern in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Inzwischen war auch seine Elitegarde anwesend. Ach ja, und nebenbei ließ Rosiel es auch noch so aussehen als seien die Rebellen schuld an all den Leichen in der Villa.

„Keine Sorge. Ich bring dich hier raus.“ Keine Ahnung, wie ich in diesem Moment auf eine derart schwachsinnige Idee kam oder das Lächeln auf meinen Lippen zustande brachte. Sie ließ meine Hand los und sah mich mit ihren leeren Augen an. Nein, ich kann sie nicht hierlassen. Ich muß sie mitnehmen! Um Rosiel und die Anderen kann ich mich später noch kümmern. Zuerst muß sie hier weg. Erneut sah ich mich an einem geeigneten Fluchtweg um. Da um uns herum erbittert gekämpft wurde kein allzu leichtes Unterfangen. Doch schließlich entdeckte ich eine Lücke.

Ohne sie vorzuwarnen zog ich sie auf die Füße und war heilfroh Cee an meiner Seite zu wissen. So mußte ich mich nur um die Angreifer in meiner unmittelbaren Nähe kümmern. Den Rest übernahm er. Setsunas Warnschrei ließ mich reflexartig herumfahren. Ich konnte mein Schwert gerade noch rechtzeitig hoch reisen um den Angriff zweier Engel abzuwehren. Cee war gerade dabei einen weitern Angreifer zu zerfleischen. Fluchend wichen sie ein kleines Stück zurück und formierten sich neu. Selbstverständlich mit entsprechender Verstärkung.

Hey, was habe ich auch anderes erwartet? Welcher Engel, der etwas auf sich hält kämpft denn bitte schön fair? Da hätte der Gegner doch tatsächlich mal Chancen auf einen Sieg. Nein, nein so etwas darf einfach nicht sein.

Ich schob Sevothtarte oder das, was von ihm übrig war hinter mich und wartete auf den Angriff. Sie überraschten mich jedoch in dem sie noch weiter zurückwichen. Daß das lediglich ein weiteres Ablenkungsmanöver darstellte merkte ich leider zu spät. Urplötzlich war ein dunkler Schatten über mir und ich konnte Sevothtartes verzweifeltes Wimmern hören. Ich riß mein Schwert hoch doch auf halber Strecke verweigerten plötzlich sämtliche meiner Muskeln ihren Dienst. Die Klinge blieb regungslos in der Luft stehen. Verdammt!

„Shao-san! Paß auf!“ Raziels panische Stimme drang wie durch einen dichten Nebelschleier an mein Ohr, doch ich konnte mich nicht mehr bewegen. Dabei hätte ich allen Grund dazu. Keine zwei Meter über mir sauste mein Gegner mit erhobener Waffe auf mich zu.

Ich wußte noch nicht einmal, was mich plötzlich so lähmte. Lag es daran, das er das Gesicht meines besten Freundes trug oder an der dunklen Aura, die den gesamten Raum förmlich unter sich zu ersticken drohte? Hallo Körper! Etwas Bewegung ist gerade überlebenswichtig! Nichts! Nicht mal der Hauch eines Ansatzes.

Nur langsam dämmerte mir, was das alles zu bedeuten hatte. Rosiel hat Kiras Körper aus der Hölle mitgenommen und ihn wieder zusammengefügt. Ohne Willen oder eigenen Geist. Eine Marionette in seinen Händen, die jeden seiner Befehle blind ausführen würde. Und dennoch war es Kira-chan. Tränen schossen mir in die Augen als mir klar wurde, das mir gar keine Wahl blieb als ihn ein weiteres Mal zu töten. Warum nur? Warum mußte Rosiel ausgerechnet ihn wieder zum Leben erwecken?

Es wäre ein leichtes diesen Angriff abzuwehren… seine Brust ist vollkommen ungedeckt… Kira-chan… Ich muß ihn nicht töten nur zurückschlagen… es muß nicht unbedingt ein tödlicher Schlag sein… es reicht aus ihn zu Boden zu schicken…

Aber warum kann ich mich dann immer noch nicht bewegen? Er wird nicht zögern Rosiels Befehl auszuführen und uns alle töten. Verdammt! Warum bewegt sich diese Klinge nicht?

Ich stemmte mich mit aller Macht gegen was auch immer mich gefangenhielt. Erfolglos! Ich konnte nichts anderes tun als gebannt jede einzelne seiner Bewegungen zu verfolgen und den tödlichen Schlag abzuwarten. Wann ist er jemals so gut im Umgang mit einer Waffe gewesen? Sein Körper ist in einem perfekten Gleichgewicht…

Es verlief alles wie in Zeitlupe und je näher er mir kam desto mehr steigerte sich meine Panik. Ich würde seiner Klinge nicht mehr ausweichen können…

Elegant landete Kira vor mir während die Klinge seiner Waffe ruhig auf meiner Kehle lag. Das Kreuz unter meiner Kleidung begann sich langsam zu erwärmen. Irgendwo weit entfernt schrieen Setsuna und Raziel etwas unverständliches, aber das kümmerte mich längst nicht mehr. Seine Augen hatten mich vollkommen in seinen Bann gezogen. Kalt wie Eis lagen sie auf mir und dennoch waren sie mir so unendlich vertraut…

Ehe ich mich versah glitt mir mein Schwert aus der Hand und blieb mit einem leisen Klirren aufrecht im Boden stecken. Erst in diesem Augenblick realisierte ich, daß ich keine Angst mehr hatte.

„Ich wußte ich würde dich wiedersehen.“ Sein Blick schmolz zu einem warmen Lächeln und er zog seine Waffe zurück.

„Kira-chan?“ Unsicher sah ich ihn an. Er war derselbe zweifelsohne. Ich erkannte es an der Art, wie er mich ansah und dennoch hatte er sich verändert. Die dunkle Tätoowierung, die von seiner Stirn bis unter sein linkes Auge verlief sowie die auf seiner rechten Schulter hatte ich noch zuvor an ihm gesehen. Auch seine Aura ist dunkler geworden. Und dennoch…

Er ist es. Kein Zweifel1 Vor mir steht Kira-chan. Wie ist das möglich?

„Hast du geglaubt ich würde dich jemals alleine lassen?“ Amüsiert sah er mich an. Ich schüttelte den Kopf und starrte ihn ungläubig an. Ich habe doch gesehen wie Rosiel ihn zerstückelt hat. Wie kann es sein, das er vollkommen unversehrt ist?

„Und warum siehst du mich dann an, als wäre ich ein Geist?“ Es war typisch Kira in einer solchen Situation gleichzeitig beleidigt und vorwurfsvoll zu klingen. Die letzten Zweifel, die noch an mir nagten begannen sich in Wohlgefallen aufzulösen. Ich war unendlich erleichtert, daß er lebte.

„Kira-chan…“ Weiter kam ich nicht. Er drückte mich fest an sich. Die Wärme seines Körpers durchfuhr mich ein Stromstoß. Mein Ohr ruhte direkt an seiner Brust und mit jedem seiner Herzschläge hob und senkte es sich in einen regelmäßigen Rhythmus. Wie von selbst schlossen sich meine Arme um seinen Rücken und erwiderten die warme Umarmung. Sein Herzschlag zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Er lebt! Er lebt tatsächlich! Ihm ist nichts passiert!

„Du hast mich ganz schön vermißt. Was?“ Ich antwortete ihm nicht sondern drückte mich fester an ihn. Mein Freund! Mein bester Freund! Es ist kaum zu glauben, daß er tatsächlich lebendig vor mir steht. Nun muß ich Rosiel nicht länger hassen. Er hat Kira zurück gebracht. Nun wird alles gut werden!

„Du hast dich kein bißchen verändert.“ Ich überhörte den tadelnden Ton seiner Stimme. Ich war so unendlich froh, daß es ihm gut ging. Sanft drückte er mich ein kleines Stückchen von sich und seufzte leicht. Nur widerwillig ließ ich ihn los.

„Deine Erinnerung… ist sie vollständig?“ Ein leichtes Brennen auf meinem Brustkorb verhinderte das ich ihm antworten konnte. Das Kreuz, das Rosiel mir gegeben hatte brannte sich durch meine Kleidung. Es sah aus als würde es jeden Moment schmelzen. Fragend sah ich Kira an.

„Also nicht…“ Mit unendlichem Bedauern in den Augen beugte er sich zu mir herunter und legte eine Hand über meine Augen.

„Halt einen Moment still.“ Normalerweise wäre ich instinktiv zurückgewichen, aber eine leise Stimme tief in meinem Innern ließ mich an Ort und Stelle verharren. Sanft hauchte er einen Kuß auf meine linke und meine rechte Schläfe bevor seine Lippen meine Stirn berührten.

„Es ist an der Zeit, daß du aufwachst, Azrael.“ Im selben Augenblick hatte ich das Gefühl irgend jemand würde mit seinen Fingernägeln über eine Tafel kratzen. Das Geräusch verursachte mir beinahe körperliche Schmerzen. Halb in diesem widerwärtigen Ton verborgen hörte ich Glas brechen. Ich spürte wie mir nach und nach die Tränen in die Augen schossen.

„Es tut mir so leid.“ Langsam zog er seine Hand zurück.

„Aber du mußt dich an alles erinnern.“ Durch den Tränenvorhang in meinen Augen konnte ich ihn beinahe nicht mehr erkennen. Alles in meinem Innern schien plötzlich in einem riesigen Chaos zu versinken.

„Was hast du getan?“ Meine Stimme war kaum noch ein Wispern. Ich fuhr mit den Händen an die Ohren als die Geräusche immer lauter wurden. Am Liebsten hätte ich laut geschrieen.

„Kira-chan, was hast du getan?“ Er antwortete nicht sondern sah mich lediglich schmerzerfüllt an. Fast so als wären meine Schmerzen die seinen. Schließlich wandte er seinen Blick ab.

„Paß weiterhin gut auf sie auf.“ Ohne, das ich es bemerkt hätte war Cee an meiner Seite aufgetaucht. Sanft kraulte Kira ihn hinter den Ohren und flüsterte etwas, das ich nicht mehr verstehen konnte. Langsam richtete er sich auf und sah mich erneut bedauernd an.

„Es tut mir leid.“ So plötzlich wie er aufgetaucht war verschwand er wieder und ließ mich allein zurück. Das Chaos in meinem Innern verstärkte sich immer mehr und egal, was ich auch versuchte, ich konnte rein gar nichts unternehmen. Es war fast so als wäre plötzlich irgendwo ein schützender Damm eingerissen worden und die Wassermaßen trugen mich immer weiter mit sich fort. Meine Erinnerungen purzelten wild durcheinander und hier und da flammten Bilder auf, die ich bisher nie wahrgenommen hatte…

 

…meine Eltern, die mich mit offenen Armen erwarteten während ich zitternd meine ersten Schritte machte…

…das warme Lächeln meiner Mutter, ihre sanfte Umarmung, die mich jegliche Sorgen vergessen läßt…

…der fürsorgliche Blick in den Augen meines Vaters, der einzig und allein für mich bestimmt ist…

…ihre unendliche Liebe zueinander…

 

Die Schatten in meinen Erinnerungen hatten nun endlich Gesichter, doch sowohl die mit jeder neuen Erinnerung auftretenden Schmerzen als auch die Erkenntnisse, welchen Lügen ich aufgesessen war zwangen mich in die Knie. Azrael, dieser Name begann nach und nach an Bedeutung zu gewinnen. Mit ihm war so unendlich  viel verbunden…

 

Wie konnte ich nur vergessen, daß ich Rosiel schon so früh begegnet bin? Er war ein Freund von Shion…

…er und Remiriel sind in unser Dorf gekommen als ich noch ein Kind war…

…und auch in den Himmeln…

 

Wie kann es sein, das ich Rosiel so oft gesehen habe und mich dennoch nicht an eine einzige dieser Begegnungen erinnern konnte? Plötzlich flammte kristallklar das Bild eines warmen Morgens an dem ich wie immer zu spät zum Unterricht kommen würde in meinem Bewußtsein auf.

 

* * * * *

Ich würde zu spät kommen, es sei denn, ich würde wieder einmal eine von den nicht genehmigten Abkürzungen quer durch den Wassergarten nehmen. Und da mich bisher kein einziges Verbot jemals aufgehalten hatte schwang ich mich mit viel Schwung über die Mauer. Leider merkte ich erst viel zu spät, daß ich nicht allein war.

Die Landung verlief dank eines nicht eingeplanten Fußgängers äußerst unsanft und sämtliche Notenblätter, die ich eigentlich sortiert zum Unterricht hätte bringen sollen, stoben davon. Ich stieß einen Fluch aus und unter mir erklang ein amüsiertes Lachen. Ich senkte den Blick und ein Paar goldener Augen nebst Besitzer lächelte mich warm an.

>Ich bitte vielmals um Entschuldigung.< Hastig stand ich auf und wußte vor lauter Verlegenheit nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Verdammt! Was mußte ich auch unbedingt in einen hochrangigen Offizier laufen?!

>Ist es nicht schon etwas spät für einen Kadetten um noch außerhalb der Unterrichtsräume unterwegs zu sein?< Seine Stimme war warm und voll. Sie erinnerte mich irgendwie an dunklen Samt.

>Fünf Minuten habe ich noch.< Trotz aller bisherigen Erziehung irgend etwas an ihm veranlaßte mich bei Weitem nicht so freundlich zu sein, wie ich eigentlich sollte.

>Und das reicht?< Mit leicht erhobenen Augenbrauen sah er sich um. Die meisten Notenblätter befanden sich nach wie vor in der Luft während sich der Rest bereits im Großteil des Wassergartens verteilt hatte. Uriel wird mich umbringen!

>Sicher.< Entschlossen murmelte ich einen kleinen Windzauber und innerhalb weniger Sekunden befanden sich sämtliche Blätter wieder auf meinem Arm. Nun ja, bis auf eines. Das hatte er in der Hand und studierte es stirnrunzelnd.

>Uriel läßt euch junges Gemüse tatsächlich die großen Arien singen?<

>Was dagegen?< Mir war klar, das ich gerade gegen die gesamte Etikette verstieß, aber ich konnte zu diesem Kerl einfach nicht freundlich sein. Weiß der Geier warum.

>Etwa auch die Mädchen?< Sein pikierter Tonfall ließ mich auch den letzten Rest Vernunft vergessen.

>Wir singen genauso gut. Wenn nicht sogar besser!< Ehe er etwas erwidern konnte riß ich ihm das Blatt aus der Hand und machte, das ich weg kam. Allerdings nicht, ohne mich noch einmal umzudrehen.

>Wenn ihr mir nicht glaubt, dann solltet ihr vorbeikommen und euch selbst davon überzeugen.< Er winkte mir lächelnd zu.

>Vielleicht werde ich das. Es klingt interessant.<

>Fein!< Ich deutete eine kurze Verbeugung an und rannte aus dem Wassergarten. Es war unmöglich jetzt noch pünktlich in den Musiksaal zukommen, aber einen Versuch war es wert.

Wie nicht anders zu erwarten war ich trotzdem zu spät und durfte mir (nachdem Uriel den traurigen Zustand der Notenblätter entdeckt hatte) eine geschlagene Viertelstunde lang eine Standpauke anhören, die sich gewaschen hatte. Das amüsierte Kichern der Anderen verstummte schlagartig als Uriel ihnen mit eisiger Stimme befahl sich gefälligst einzusingen. Denn heute würde niemand von uns diesen Saal verlassen ehe die Arie nicht perfekt war. Allgemeines Stöhnen war die Folge. Nachdem er endlich mit fertig war schlich ich mich neben Remiriel.

>Was hat dich aufgehalten?< Er war ebenfalls jeden Morgen zu spät dran, aber im Gegensatz zu mir schaffte er es komischerweise trotzdem immer pünktlich in den Unterricht.

>Frag nicht.<

>Hat man dich erwischt?< Statt einer Antwort verdrehte ich leicht die Augen und wies nach unten wo uns Uriel mit eisigem Blick anfunkelte.

>Seit ihr beiden mit eurer Unterhaltung fertig?< Artig hoben wir unsere Notenblätter und verbargen unser Grinsen dahinter. Nachdem Unterricht wäre noch genügend Zeit Remiriel von der seltsamen Begegnung im Wassergarten zu erzählen.

Doch Uriels Unterricht zog und zog sich. Er machte wirklich ernst. Erst wenn jeder von uns die große Arie aus dem ff beherrschte würde er uns gehen lassen. Und da er auf mich heute besonders gut zu sprechen war durfte ich in beinahe jeder Textzeile mit Unterbrechungen rechnen. Erst als der Abend bereits dämmerte ließ er uns gehen. Vollkommen geschafft ließen wir die Notenblätter sinken und machten uns auf den Weg in Richtung Ausgang.

Ich war gerade dabei Remiriel in mein kleines Abenteuer im Wassergarten einzuweihen als ich eben jenen Engel den Musiksaal betreten sah. Mit einem leisen Fluch duckte ich mich hinter Remiriel.

>Was ist denn?< Amüsiert sah er mich an.

>Erklär ich dir später. Laß uns nur schnell gehen.< Er lachte laut auf und schlag freundschaftlich seinen Arm um meine Schultern.

>Hast du wieder was angestellt?< Ärgerlich fauchte ich ihn an, das er gefälligst nicht so laut sein sollte, doch das kümmerte ihn nicht weiter. Zum Glück schafften wir es unbemerkt aus dem Saal.

>Wer war eigentlich der Engel, der vorhin reinkam?< Verwundert musterte Remiriel den Fragensteller und lockerten den Griff um meine Schultern etwas.

>Du kennst Rosiel-sama nicht? Neben Alexiel-sama ist er der höchste Engel im Himmel.<

>Rosiel…< So heißt er also… Ich beschloß meine Mutter nach ihm zu fragen.

 

* * * * *

>Ihr sollt euch doch nicht immer alleine draußen herumtreiben!< Lachend sah ich die aufgebrachte Gestalt an.

>Was soll denn schon groß passieren? Hier gibt es doch weit und breit niemanden. Hier sind nur Steine, sonst nichts.< Er stieß einen lauten Seufzer aus und murmelte etwas von wegen jugendlicher Leichtsinn. Ich nutzte die Gelegenheit und überwand die nächsten Felsen. Nichts machte mir mehr Spaß als in diesen Felsen herumzuklettern. Seitdem mich mein Vater in die Hölle mitgenommen hatte waren diese Felsen für mich der Ersatz für die Bäume in Assia oder die Turmspitzen Yetzirahs geworden.

>Kommt sofort zurück!< Es war deutlich zu hören, daß ihm der Aufstieg wesentlich mehr Schwierigkeiten bereitete als mir.

>Dazu müßtest du mich erst einmal einholen.< Leider tat er das schließlich auch und trotz all meiner Proteste kannte er kein Erbarmen. Halb über seine Schulter geworfen schleppte er mich zurück in den Palast meines Vaters.

>Luzifer gab mir den Befehl euch nicht aus den Augen zu lassen.< Mit einem lauten Seufzer lehnte ich mich in dem weichen Sessel zurück.

>Aber wie soll ich denn etwas über meine Umgebung lernen, wenn du mich den ganzen Tag hier drinnen festhältst?< Er ließ sich nicht erweichen. Ich änderte meine Taktik ein klein wenig in dem ich versuchte ihn auf meine Seite zu ziehen.

>Och komm schon Iadara, was schadet es denn, wenn ich ab und zu draußen ein klein wenig herumstreife? Nur ein bißchen.< Genauso gut hätte ich mit einem Felsblock verhandeln können. Er gab nicht einen einzigen Millimeter nach. Ich würde mir etwas anderes einfallen lassen müssen um aus dem Palast zu kommen. Nicht, das es hier nicht interessant war, aber das Verbot nicht allein nach draußen zu gehen reizte mich nur noch mehr eben dies zu tun. Allerdings war Iadara auch nicht auf den Kopf gefallen. In den meisten Fällen vereitelte er meine kleinen Abenteuer noch ehe diese richtig begannen. Nur manchmal gelang es mir seinem wachsamen Blick erfolgreich zu entschlüpfen. Es dauerte jedoch nie sonderlich lange bis er mich erneut aufspürte und zurück in den Palast brachte.

 

* * * * *

„Iadara…“ Astaroth hat mich belogen. Er ist nicht mein Vater. Es kann es nicht sein. Iadara ist mir in der Hölle von meinem Vater als Leibwächter zur Seite gestellt worden. Er ist nicht mein Vater… Mein Vater ist…

Eine erneute Schmerzenswelle ließ mich leise aufschreien. Ich hatte das Gefühl das in meinem Innern plötzlich ein unauslöschliches Feuer brannte. Mein Vater…

Langsam hob ich den Blick hinauf zu der dunklen Gestalt, die neben Rosiel stand. Er sah mich mit einem sanften Lächeln an. Er ist es! Deshalb habe ich mich in seiner Nähe stets so wohl gefühlt…

Kira-chan… nein, das stimmt nicht. Es ist nicht Kira-chan. Mein Vater ist kein Mensch. Er ist ein Dämon. Und plötzlich dämmerte mir warum sich Kiras Aura so dermaßen verändert hatte. Sein wahres Ich war erwacht. Das meines Vaters, Luzifer!

Mit einem Aufschrei fuhr ich mir an die Schläfen. Allein dieser Name reichte aus um eine Welle weiterer Erinnerungen aus den Schatten meines Bewußtseins zu lösen.

Es ist sein Bann gewesen, der verhindert hat, daß ich mich an alles erinnern konnte. Er hat befürchtet, daß mich meine Erinnerungen in den Wahnsinn treiben würden und sie deshalb geteilt. Das Kreuz versiegelte den Großteil meiner Erinnerungen an Assia und das Wichtigste aus Himmel und Hölle. Sein Bann verbarg den Rest. Ein Strom von Bildern durchfloß mich. Ich hatte ja nicht die geringste Ahnung an wie viele Ereignisse ich mich nach wie vor nicht erinnern konnte.

Noch während ich darum kämpfte nicht komplett unter meinen Erinnerungen begraben zu werden spürte ich etwas vollkommen anderes. Meine Waffe verband sich erneut mit meinem Körper und meine Kräfte begannen allmählich verrückt zu spielen. Beide verhielten sich wie straff gespannte Klavierseiten, die nur darauf warteten, daß ein einziger Schlag sie in Schwingung versetzte.

Und dieser ließ nicht sonderlich lange auf sich warten. Da ich mir selbst wieder völlig bewußt war verschmolzen die beiden gegensätzlichen Kräfte ineinander. Von nun an würde es keinen Unterschied mehr zwischen Engel und Dämon geben. Ich war beides. Daran würde niemand etwas ändern können. Ayasustanan pulsierte wie wild in meinem Innern und saugte diese neue Macht begierig in sich auf.

Es war unglaublich welche Energien plötzlich aufeinander trafen. Meinen  Körper schien es von innen nach außen zu zerreißen. Wimmernd sank ich auf dem Boden zusammen. Doch trotz all der Schmerzen wußte ich genau, wenn diese Vereinigung erst vollzogen war würde ich nie wieder einen Engel oder Dämon zu fürchten brauchen. Meine Erinnerung war nun vollständig und ich war wieder ganz ich selbst. Schwächen würde es dann so gut wie keine mehr geben.

„Shao-san!“ Raziels panikerfüllte Stimme erreichte mich nur allmählich. Keine Ahnung wie lange er mich bereits gerufen hatte. Langsam hob ich meinen Blick und blickte in ein absolutes Chaos. Die Villa stürzte über unseren Köpfen zusammen und eine Truppe Elitekämpfer war dabei sich der Rebellen zu bemächtigen. Die Anzahl der Toten war erschreckend.

„Shao Deshon?“ Ich war nicht in der Lage zu antworten. Mein Körper brannte wie Feuer doch allmählich verwandelte sich das alles verzehrende Lodern in eine angenehme Flamme, die mich von wärmte.

„Rosiel-sama wünscht eure Anwesenheit.“ Ich zischte dem Engel neben mir eine leise Warnung zu, mich in Ruhe zu lassen. Er machte dennoch den Fehler meine Schulter zu berühren. Binnen Sekunden verwandelte er sich in ein Häufchen Asche. Seine Begleiter wichen entsetzt zurück.

Der letzte Funken in meinem Innern verlosch und machte einem neuen Bewußtsein platz. Keiner der hier Anwesenden könnte mir mehr ernsthaften Schaden zufügen. Sowohl meine Kräfte als auch mein Bewußtsein waren nun wieder eins. Mein Blick gewann nach und nach wieder an Schärfe und ich begriff in welchen Schwierigkeiten wir uns eigentlich befanden.

Während ich mit meinen Erinnerungen gekämpft hatte, hatten die Engel ihre Chance genutzt. Man hatte die Rebellen, mich und Sevothtarte komplett umzingelt. Dicht neben mir vernahm ich Cees drohendes Knurren.

„Laßt sie los.“ Mit weit aufgerissenen Augen und halberstarrt vor Schreck leisteten sie meinem Befehl Folge. Sevothtartes ängstlicher Blick ruhte zitternd auf mir.

„Komm.“ Ich streckte ihr die Hand entgegen, aber sie schüttelte ihren Kopf. Seufzend sah ich sie an und wollte sie schon gegen ihren Willen mitnehmen als eine Explosion in meinem Rücken mich abgelenkte. Cee sprang schützend hinter mich und zerfetzte einen Engel, der so leichtsinnige war meine Unaufmerksamkeit zu seinem Vorteil nutzen zu wollen. Raziel und die Anderen waren beinahe komplett eingekesselt.

„Gottverdammte Engel!“ Ohne weiter auf Sevothtarte oder die anderen Engel achten stürzte ich die Treppenstufen hinunter. Ein einziger Hieb meines Schwertes reichte aus um eine Schneise in die Reihen der Engel zu schlagen. Entsetzt stellte ich fest, das meine Kräfte von nun an noch schwerer zu kontrollieren sein würden. Die Schneise war wesentlich breiter als beabsichtigt. Zum Glück hat es keinen der Rebellen erwischt. Uriel ließ die Chance nicht ungenutzt.

„Wir ziehen uns zurück! Alec! Anima Mundi! Kommt schon!“ Noch während die Engel sich bereits neu formierten führte er die Rebellen zurück in Richtung Merkabah. Beinahe im selben Augenblick donnerte Michael mit einem riesigen Panzer durch eine der Seitenwände der Villa.

Einen erneuten Fluch unterdrückend brachte ich mich in Sicherheit als die halbe Decke mir entgegenkam. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich wie Raziel seine Waffe hob und diese auf den kümmerlichen Rest, der von Sevothtarte übrig war, richtete. Den Trümmern um mich herum ausweichend hastete ich neben ihn und legte eine Hand über den Lauf seiner Pistole.

„Nicht! Raziel-chan, laß es gut sein.“ Mit einem Blick völliger Verzweiflung sah er mich an.

„Glaub mir, das ist die Sache nicht wert.“ Zitternd ließ er die Waffe fallen und warf sich in meine Arme. Tröstend strich ich über sein weiches Haar und funkelte die Engel, die sich Sevothtartes bemächtigten eisig an. Das werdet ihr bereuen!

„Messias!! Schnell!“ Uriel durchfegte den zusammenbrechenden Raum wie ein Wirbelwind. Über seiner Schulter lag bereits Katous bewußtlose Gestalt. Doch Setsuna folgte der Aufforderung nur widerwillig. Nur, was bleibt uns schon für eine Wahl? Wenn wir ein Blutbad verhindern wollen müssen wir uns zurückziehen. Ich zog Raziel, der wie erstarrt war hinter mir her.

„Shao! Wo bleibt ihr solange?“ Entnervt sah ich zur Tür der Merkabah hinauf.

„Du tust gerade so als müßten wir uns beeilen, Uriel.“ Er sah mich kopfschüttelnd an während er Raziel an Bord half.

„Cee!“ Mit einem lauten Pfiff unterstützte ich meinen Ruf. Er durchschoß die Trümmer wie ein schwarzer Blitz. Direkt hinter ihm ein Dutzend Engel.

„Verdammt hartnäckig diese Typen!“ Zu Uriels absolutem Entsetzen stieß ich mich von der Tür ab und stellte mich zwischen Cee und seine Verfolger. Sie grinsten mich siegessicher an. Mit einem kalten Lächeln auf den Lippen stürzte ich mich ihnen entgegen. Nachdem meine Waffe beinahe völlig in ihrem Blut getränkt war kehrte ich zur Merkabah zurück

„Wir können losfliegen.“ In Uriels Augen stand das pure Entsetzen als er die Tür hinter mir schloß. Unsere Verfolger hatten nicht die geringste Chance. Dank der instand gesetzten Tarnvorrichtung der Merkabah waren wir auf ihren Bildschirmen nicht mehr zu sehen.

Zitternd betrachtete ich die blutige Klinge in meiner Hand und fragte mich was ich da eben getan hatte. Ich hätte sie nicht töten müssen und dennoch…

„Shao-san? Alles in Ordnung?“

„Das solltest du mich besser nicht fragen, Raziel-chan.“ Ohne mich weiter um ihn oder einen der Anderen zu kümmern zog ich mich in einen entlegenen Teil der Merkabah zurück. Wie nicht anders zu erwarten ließ Cee mich dabei nicht aus den Augen. Aber mein dunkler Begleiter war mir stets willkommen. Im Gegensatz zu meinen Freunden. Sie würden mir Fragen stellen auf denen ich ihnen nicht antworten konnte.

Es gab zuviel das mir im Kopf herumspuckte. Ich wollte niemanden von ihnen sehen. Erst einmal mußte ich selbst mit den letzten Ereignissen fertig werden. Soweit wenigstens mein Vorhaben. Als jedoch sämtliche Bildschirme des Schiffes verrückt spielten schoß ich zurück auf die Kommandobrücke. Die Lautsprecher knirschten bereits mit etlichen Durchsagen.

„Das Signal überlagert alle Frequenzen! Er sendet auf allen Kanälen! Der ganze Himmel sieht ihm zu!“ Es war vollkommen unnötig zu fragen wer gemeint war. Ich kannte nur einen einzigen Engel, der arrogant genug war so etwas zu tun.

„Jetzt wo Sevothtarte tot ist, hält Rosiel eine Ansprache zu seinem Amtsantritt als Oberbefehlshaber!“ Der Schnee auf dem Bildschirm verschwand und machte Rosiels gelassener Miene Platz. Bitte, was habe ich gesagt?

„Brüder und Schwestern! Ich, als höchster Engel, der das Blut Adam Kadmons in sich trägt, offenbare euch die Wahrheit.“ Ebenso wie alle anderen starrte ich gebannt auf die Bildschirme.

„Bitte leiht mir eure Herzen.“ Wenn deine Rede so weitergeht Rosiel-chan wird mir innerhalb der nächsten drei Minuten schlecht.

„Wie der Prozeß zeigte, war der Großminister ein Hochstapler, der die Identität des echten Sevothtarte gestohlen hatte. Es handelte sich um eine Gefallene namens Layla.“ Der Name sagt mir etwas… sie ist eine Kollegin von Anael gewesen… rabenschwarzes Haar, schneeweiße Haut und eine Narbe auf der Stirn… ein Genie unter Engeln… Sie soll Sevothtarte gewesen sein? Ach komm schon Rosiel-chan, das glaubst du doch selber nicht.

„Als ich jedoch in Sevothtartes ‚weißer Villa’ ankam, war die Rebellenorganisation ‚Anima Mundi’ bereits dort eingedrungen um dort ein wahlloses, blutiges Massaker anzurichten.“ Irgendwie fühle ich mich gerade schuldig… Verstohlen linste ich zu Raziel, dessen Augen jedoch nach wie vor fest auf dem Bildschirm hefteten.

„Ziel des Anschlags war Sevothtarte, dessen Geist dadurch… irreparabel geschädigt wurde.“ Beinahe hätte ich laut gelacht. Sevothtartes Geist war bereits lange vor unserer Ankunft zerstört worden. Hat er etwa wirklich vor den Rebellen die Schuld für alles was geschehen ist in die Schuhe zu schieben?

„Ich rief sofort die Elitegarde, die in einer beispielhaften Aktion sowohl Metatron als auch Sevothtarte befreite und den Terror zerschlug.“ Sicher, so kann man es selbstverständlich auch sehen. Wenn man hier und da ein kleines Detail ausläßt. Wie zum Beispiel, das du versucht hast sowohl die Rebellen als auch Sevothtarte loszuwerden. Rosiel-chan, du bist ganz schön gerissen. Nur, wie lange kannst du diese Täuschung aufrecht erhalten?

„Das…!! Das ist doch!! Er gibt uns die Schuld?!“ Raziel war vollkommen außer sich.

„Aber weder der Messias noch die Elementare oder das Halbblut waren unter den Gefangenen! Wie könnt ihr von der Zerschlagung der ‚Anima Mundi’ sprechen, wenn sie auf freiem Fuß sind?“ Nach Rosiels kaltem Lächeln zu urteilen wird der Fragensteller es schon bald bereuen überhaupt den Mund aufgemacht zu haben.

„Ganz einfach! Dieser Mann ist der Beweis!!“ Mit viel Schwung wurde neben ihm eine dickbandagierte Gestalt zu Boden geworfen.

„Vashiel?! Luzifer hat ihn getötet!“ Ich sah abwechselnd den Bildschirm und dann Raziel an.

„Na und?“ Ehe er auf meine Frage antworten konnte unterbrachen uns die Ereignisse auf den Bildschirmen.

„Ich bin der Anführer der ‚Anima Mundi’ der letzte Wunsch unseres Gründers Zaphikel war, diese Welt zu reinigen! Unser Ziel ist, den Himmel in unsere Gewalt zu bringen!“ Mit einem lauten Knacken zerbrachen Vashiels Handschellen und er stürzte sich auf Rosiel.

„Der Himmel wird unser sein! Es gibt keinen Platz für altes Blut wie euch! STIRB!“ Im selben Augenblick wurde er bereits von Luzifers Klinge zerfetzt. Der gesamte Saal brach in schallenden Jubel aus und ließ Rosiel hochleben. Bei den ganzen Hochrufen begann sich mir der Magen umzudrehen.

„Ich verspreche euch! Mein geliebtes Volk!“ Suchend sah ich mich nach der nächsten Toilette um.

„Egal, welches Unheil Gott auf die Welt schickt um uns zu prüfen. Ich werde euch den Weg zur Herrlichkeit des Paradieses weisen und alles Böse vernichten!“ Cee begann leise zu knurren als die Engel Rosiel erneut hochleben ließen und ihn zu ihrem Erlöser erkoren. Zum Glück wurden die Bildschirme schon bald darauf schwarz. Trotzdem sollte ich vielleicht doch mal eben kurz verschwinden. Dieser bittere Geschmack im Mund verheißt nichts Gutes.

„Dieses Arschloch! Er hat uns die Scheiße angehängt!“ Bravo Katou! Du sprichst mir aus der Seele. Von jetzt an sind wir Freiwild. Jeder Engel der seine fünf Sinne beieinander hat wird uns jagen.

„Wieso hat er Vashiel und nicht mich benutzt?!“

„Du hättest niemanden überzeugt.“ Uriels ruhige Stimme wirkte auf Raziel wie einen kalte Dusche.

„Er brauchte ein Verbrechergesicht, das ihm die Masse abnimmt um die Anima Mundi als böse und sich selbst als Retter darzustellen.“ Und sein Plan ist voll aufgegangen. Es gibt nicht einen Einzigen, der seine Worte angezweifelt hätte. Wenigstens niemanden, der sich in im selben Raum mit Rosiel befunden hatte.

„Er hat all die Zeit im Verborgenen auf eine Gelegenheit gewartet, Sevothtarte den Geraus zu machen und sich selbst an die Macht zu setzen! Das war der Plan.“

„Er hat alles, wofür Zaphikel… wofür unsere Kameraden starben, mit Füßen getreten! Dafür wird er bezahlen“ Ich konnte Raziels Zorn nur zu gut verstehen. Alles wofür er gekämpft und gearbeitet hatte war in einem einzigen Augenblick zu Staub zertreten worden. Die Rebellen würden von nun an einen noch schwereren Stand haben als jemals zuvor. Mit Rosiel als Gegner konnte niemand von uns mit Gnade rechnen Ich war heilfroh, das Raziel durch meinen Bann wenigstens halbwegsgeschützt war.

*Nee-chan?* Verblüfft wirbelte ich herum.

„Catan?“

„Shao hast du gerade etwas gesagt?“ Ärgerlich biß ich mir auf die Lippen.

„Nein, nichts! War wohl Einbildung.“ Nicht gerade sonderlich überzeugt wandte sich Uriel erneut Raziel zu und versuchte diesen zu beruhigen.

*Nee-chan, kannst du mich hören?* Bitte nicht schon wieder Wahnvorstellungen! Ich hab langsam aber sicher genug davon.

*Muß ich?* Ich vernahm ein unterdrücktes Lachen, das viel zu deutlich nach Catan klang, als das ich es als Einbildung abgetan hätte.

*Darf ich fragen, was du in meinem Kopf zu suchen hast?*

*Es war der einzige Weg dich unbemerkt zu erreichen. Und ich habe nicht viel Zeit.*

*Dann schieß mal los.* Ich lehnte mich gegen eine Wand und lauschte seinem teilweise doch äußerst beunruhigendem Bericht.

„Er hat WAS?!“ Ich bereute diesen Ausbruch augenblicklich. Alles starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Eine unverständliche Entschuldigung murmelnd versuchte ich so zu tun als wäre nichts gewesen.

*Er kontrolliert Luzifer.* Fast hätte ich laut gelacht.

*Catan, nichts und niemand kontrolliert Luzifer. Das ist vollkommen unmöglich!* Und ich muß es wissen. Immerhin bin ich seine Tochter. Seine Antwort hingegen ließ mich blaß werden. Verdammt noch mal Rosiel-chan! So dämlich kannst selbst du nicht sein!

„Shao-san, geht es dir wirklich gut?“ Besorgt sah mich Raziel an.

„Es ist nichts.“ Das weder er noch einer der anderen mir das glaubte war deutlich zu sehen.

„Vielleicht wäre es besser, wenn du dich etwas ausruhst. Du siehst ziemlich mitgenommen aus.“ Auch Uriel wirkte sichtlich beunruhigt.

*Nee-chan?*

*Pst! Ich bin nicht allein! Es fällt auf, wenn ich zu sehr abgelenkt bin!*

*Ich kann die Verbindung nicht mehr lange aufrecht erhalten.* Ich seufzte leicht.

*Nenn mir einen Treffpunkt.*

*Bist du sicher? Es ist gefährlich. Wenn du entdeckt wirst…* Jetzt lachte ich wirklich. Was ist in der letzten Zeit bitteschön nicht gefährlich gewesen?

*Willst du darüber reden oder nicht?* Langsam aber sicher wurde ich ärgerlich. Die Anderen merkten bereits, daß etwas nicht stimmte. Lange würden sie sich nicht mehr hinhalten lassen.

*Also gut, aber bitte sei vorsichtig.* Er gab mir die genauen Koordinaten unseres Treffpunktes sowie ein Bild aus seiner Erinnerung, das diesen Ort beschrieb, dann riß die Verbindung abrupt ab. Also ehrlich Catan, das geht auch etwas rücksichtsvoller!

„Shao! Hey, Shao!“ Unsanft schüttelte Setsuna mich hin und her.

„Was ist denn?“ Mir war bewußt, daß ich nicht sonderlich freundlich klang, aber Catans Hilferuf hatte mich zutiefst beunruhigt. Er hätte niemals versucht mich zu erreichen, wenn er sich nicht sicher gewesen wäre, daß uns allen unbeschreibliche Gefahr drohte.

„Bist du in Ordnung?“

„Was denn sonst?“ Unsanft schob ich mich an ihm vorbei.

„Du wirkst aber so… so anders.“ Sanft lächelte ich ihn an.

„Du solltest Uriel nach dem Grund fragen. Ich bin mir sicher, das er die Antwort kennt.“ Er hat es gewußt! Er hat es von Anfang an gewußt! Uriel erwiderte meinen kalten Blick unbeeindruckt und man ließ mich endlich gehen. Sobald ich meine Kabine erreicht hatte verschloß ich Tür von ihnen und stellte mich unter die kalte Dusche.

„Cee! Du läßt niemanden rein! Egal, wer es ist.“ Ein aufrichtiges Bellen war die Antwort. Wahrscheinlich würde er den Störenfrieden nur allzu gerne in die Waden beißen.

Es erschreckte mich ein klein wenig wie sehr meine Kleidung in Blut getränkt war, aber das ist inzwischen nebensächlich. Catan macht sich ernsthafte Sorgen um Rosiel und nach dem Wenigen, das er mir berichtet hat nicht ohne Grund. Was Rosiel vorhat ist Wahnsinn! Es kann nicht gutgehen.

Und mal ausgenommen die Tatsache, daß ich Rosiel töten muß sobald er Assia gefährdet wird mich nichts und niemand daran hindern ihn vor dieser selten dämlichen Dummheit zu bewahren. Luzifer kontrollieren! Als wenn das jemals jemand geschafft hätte!

Das warme Wasser prasselte bereits auf meine Haut als mir klar wurde, auf was ich mich da eigentlich einließ. Catan zu treffen war das Eine, aber wo er war, da würde auch Rosiel nicht weit sein. Ich war mir nicht sicher ob ich einer erneuten Begegnung mit ihm gewachsen war. Mein Zorn hatte sich zwar in dem Moment gelegt in dem Kira, nein Luzifer, unversehrt vor mir gestanden hatte, aber ich konnte dennoch nicht vergessen, das er Rosiel gewesen war, der ihn getötet hatte. Nach wie vor bekämpften sich mein Herz und mein Verstand auf das Heftigste.

Ärgerlich drehte ich den Wasserhahn zu. Ach was! Stell dich bloß nicht so an. Du hast in deinem Leben auch etliches getan ohne dich um Andere zu scheren. Du triffst dich mit Catan und damit Basta! Wenn Rosiel dabei ist hast du eben Pech. Dir fällt schon noch was Passendes ein, wenn es soweit ist.

Entschlossen rubbelte ich mich trocken. Ja, es ist wirklich besser sich jetzt noch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen. Die ganze Grübelei führte ohnehin zu nichts. Solange mein Entschluß feststand Assia mit aller Macht zu schützen war alles andere dagegen nebensächlich.

Statt an den Kleiderschrank zu gehen schritt ich in die Mitte des Wohnzimmers und nutzte meine Kräfte um in etwas Bequemes zu schlüpfen. Eine Mischung aus Jogginganzug und Freizeitmode war das Resultat. Unheimlich angenehm zu tragen und zudem praktisch, falls ich plötzlich Fersengeld geben mußte. Selbstverständlich alles in leuchtendrot mit hier und da einigen weißen Hinguckern, die durch ein weißes Girlieshirt untermalt wurden. Dazu passende Turnschuhe und schon konnte ich mich wieder unter Leute wagen. Cee stieß bei meinem Anblick ein unwilliges Brummen aus.

„Nun sieh mich nicht so vorwurfsvoll an. Ich will mich schließlich nur mit ihm unterhalten. Außerdem magst du Catan doch auch.“ Beleidigt drehte er seinen Kopf zur Seite während ich einen Kampf mit dem widerspenstigen Haargummi ausfocht.

„Wenn du nicht mitwillst kannst du gerne hierbleiben.“ Augenblicklich war er auf den Beinen und knurrte mich drohend an. Das Fell auf seinem Rücken sträubte sich.

„Schon gut, schon gut. Es war nur ein Scherz. Du kommst selbstverständlich mit.“ Er entspannte sich ein klein wenig.

„So fertig. Laß uns gehen!“ Die Tür der Kabine glitt mit einem leichten Surren auf.

„Und wo genau soll es deiner Meinung nach hingehen?“ Ich erstarrte.

 

06-02-12

 

Next: Part 36 – Wounded hearts

 

 



Ja, ja ich weiß, das Ende ist gemein ^.^


Erläuterungen:

Azrael
historische Bedeutung
Der Todesengel, der ewig in ein dickes Buch schreibt und ewig ausstreicht, was er schreibt. Was er schreibt, ist die Geburt des Menschen, was er ausstreicht, ist der Name des gestorbenen
Menschen.

In Love of an angel hat der Name mehrere Bedeutungen und auch Schreibweisen, die sich aber erst nach und nach herausstellen werden. Nur soviel, der Name ist sowohl in der Geschichte der Hölle als auch der des Himmels bekannt.

Wird in den Himmeln von Azrael gesprochen so schreibt sich der Name AS – RA – EL.

In der Hölle nimmt man die etwas schärfer ausgesprochene Version, also AZ – RA – EL. Aus diesem Grund spricht Luzifer seine Tochter auch immer mit Azrael an, während Alexiel Asrael benutzt. An für sich ist der Unterschied nicht so gravierend. (Klingt eigentlich genau gleich.) Meiner Meinung nach konnte sich Alec und Luzifer einfach nicht auf die Schreibweise einigen und kamen so auf diesen Kompromiß.

Ayasustanan
Der Name von Shaos Schwert. Im Prinzip ist es Nanatsusaya rückwärts gelesen. Luzifer
erschuf diese Waffe um seine Tochter sowohl vor den Engel als auch den Dämonen zu schützen. Er hat das Schwert Astaroth anvertraut ohne diesem die wahre Bedeutung dieser Waffe zu offenbaren.

 

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