Part 37

03-12-02

Love of an angel

         Part 37

 

Someones dream

 

“Mama? Hey! Mama, wach endlich auf!“ Mürrisch drehte ich mich auf die andere Seite. Ich hatte nicht die geringste Lust die Augen zu öffnen. Das Letzte an das ich mich erinnern konnte war weder sonderlich angenehm, noch war ich scharf darauf mich in dieser ausweglosen Situation wieder zu finden. Außerdem ist es viel zu früh zum Aufstehen und ich habe bestimmt nicht vor diesem Störenfried den Gefallen zu tun jetzt völlig entsetzt aufzuspringen nur weil er mich Mama nennt. Was ohnehin auf einen ziemlich ätzenden Sinn für Humor schließen lässt. Wahrscheinlich hält sich Michael gerade für besonders witzig. Murrend drehte ich mich auf die andere Seite.

Die einzige Person, die diese Worte benutzen könnte ist vor einer halben Ewigkeit vor meinen Augen getötet worden und ich erinnere mich immer noch viel zu gut daran. Diese Wunde in meinem Herzen wird niemals heilen. Und wer auch immer glaubt sich in dieser Hinsicht einen Scherz erlauben zu können wird (wenn er nicht bald Ruhe gibt) sein blaues Wunder erleben.

Um mich von dem Störenfried abzulenken ließ ich die letzten Ereignisse noch einmal Revue passieren. Das Letzte, an das ich bewußt erinnern konnte war dieses schwarze Höllenwesen, das erst Metatrons und kurz darauf meinen Körper durchbohrt hatte. Mein Vater, Luzifer hatte nicht gezögert ein Kind zu töten und einen beinahe tödlichen Angriff auf mich zu starten. Wahrscheinlich war er sich sicher, daß mich diese Wunde nicht töten würde sondern setzte mich damit nur eine Weile außer Gefecht. Genügend Zeit um meine Freunde anzugreifen…

Schaudernd kuschelte ich mich bei diesem Gedanken enger in die Decke. Es vielleicht grausam, doch in diesem Moment sollen sich die Anderen allein damit auseinandersetzen. Ich muß mit etwas ganz anderem fertig werden. Metatrons gewaltsamer Tod hatte eine Wunde in meinem Herzen aufgerissen, die niemals geheilt ist. Und die Tatsache, daß es ausgerechnet mein Vater war, der diese grausame Tat verübte kam einem weiteren Dolchstoß gleich.

Niemals hätte ich damit gerechnet, daß mein Vater so grausam sein könnte ein unschuldiges Kind zu töten oder mich anzugreifen. Noch dazu mit einem solch kaltem Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Seine jetzige Erscheinung und sein Auftreten hatten rein gar nichts mehr mit der Person gemein, die ich einst Freund und Vater genannt hatte. Das ist das Schlimmste daran. Die Erinnerung, das er immer für mich dagewesen ist, wenn ich ihn brauchte und in nur einem winzigen Moment hatte er all das zerstört…

Wie soll ich den Anderen begegnen wenn ich noch nicht einmal selbst weiß wie ich mich verhalten soll? Irgendwie beginnt alles um mich allmählich einzubrechen und ich kann rein gar nichts dagegen tun!

„Mama! Jetzt steh endlich auf! Alle warten auf dich!“ Grummelnd wickelte ich mich noch ein Stückchen weiter in die Decke und gab der Nervensäge zu verstehen, daß ich von seiner Art von Humor nichts hielt und ich mich garantiert nicht von der Stelle bewegen würde. Nicht ehe ich mir nicht über ein paar Dinge klar geworden war.

„Gut, wie du willst. Paps meinte ja schon, das so etwas passiert.“ Der Störenfried entfernte sich endlich, aber mit seinen letzten Worten hatte er ein glühendes Messer in eine alte Wunde gebohrt. Der Vater meines Sohnes ist bei einem Wing cutting ums Leben gekommen und ich hatte seinen Verlust nie wirklich überwunden. Obwohl ich mich vor einiger Zeit in einen anderen Engel verliebt hatte würde Remiriel für immer ein Teil von mir bleiben. Die zweite Hälfte meiner Seele wenn man so will. Deren Verlust eine unausfüllbare Leere hinterlassen hat, die nicht einmal meine Liebe zu Rosiel füllen konnte. Sie blieb in meinem Herzen als stetige Warnung das ich egal, wie sehr ich es mir auch wünschte niemals alles was mir etwas bedeutete beschützen könnte. Einen Verlust wird es immer geben und die einzige Frage die bleibt, ist wie sehr wird es dieses Mal schmerzen?

Gerade deshalb hat es solange gedauert bis ich irgend jemandem mein Herz wieder so weit öffnete wie Rosiel. Obwohl, wenn man es genau betrachtet habe ich mich bis zu letzt dagegen gewehrt, da ich nur zu gut wußte, das diese Liebe uns im Endeffekt nur beide leiden lassen würde. Dennoch hatte ich schließlich nachgegeben und meinen Entschluß erst vor kurzem bitter bereut. Rosiel hatte nicht gezögert meine Freunde zu verfolgen und zu töten. Diese Tatsache allein stand nun für immer zwischen uns. Wir sind zu Gegnern geworden. Ich würde niemals mehr zu ihm zurückkehren können…

Bei dem Gedanken liefen mir unwillkürlich kalte Schauer über den Rücken. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin noch einmal eine Person zu verlieren, die mir soviel bedeutet. Denn darauf wird es leider letztendlich hinauslaufen. Ein Kampf zwischen Rosiel und mir um den Fortbestand Assias. Wenn ich diesen Kampf verliere, dann ist die Welt der Menschen für immer verloren. Und wenn ich gewinne? Was, wenn es mir gelingt Rosiel zu besiegen? Will ich das überhaupt? Will ich gewinnen um Assia zu retten? Wird ihn das nicht völlig zerstören?

Ein Schwall eiskaltes Wasser riß mich aus meinen Gedanken und aus dem Bett. Von Kopf bis Fuß triefend und halb auf der Erde kniend sah ich mich nach der Person um, die das zu verantworten hatte. Sie stand keine zwei Meter von mir entfernt und hielt grinsend einen tropfenden Eimer fest. Langsam aber sicher geht der mir wirklich auf die Nerven.

„Tut mir leid, aber du hast es ja nicht anders gewollt. Paps sagte ich sollte dich unter allen Umständen pünktlich wecken.“ Ich weiß nicht, was mich mehr aus der Fassung brachte mein völlig durchnäßter Zustand oder sein Anblick. Vor mir stand Remiriels Ebenbild das mich schelmisch angrinste, wenn auch mit anderer Haarfarbe. Ich mußte blinzeln um ganz sicher zu gehen, daß ich keinem Trugbild aufsaß. Ich schluckte kurz, da mir klar war egal, wie schön es auch sein mochte, es doch niemals wahr sein konnte. Langsam stand ich auf und ignorierte dabei die nasse Kleidung, die an meinem Körper klebte.

„Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist es ein verdammt schlechter.“ Wer auch immer versucht mich hier hinters Licht zu führen wird es bitter bereuen. Ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn man mit meinen Erinnerungen und Hoffnungen spielt. Er hingegen blieb gänzlich unbeeindruckt.

„Jetzt komm endlich! Alle warten nur noch auf dich!“ Egal was er sagt oder tut, er kann unmöglich mein Sohn sein! So sehr ich mir auch wünsche, daß es wahr ist, es ist unmöglich! Als ich mich immer noch nicht bewegte zog er kritisch seine Augenbrauen zusammen was mich schmerzhaft an Remiriel erinnerte. Immer wenn er über etwas nachdachte, was ihm nicht gefiel hatte er genau denselben Gesichtsausdruck. Manchmal vergesse ich wirklich wie sehr er mir fehlt…

„Oh nein! Mama, du hast doch wohl hoffentlich nicht vergessen welcher Tag heute ist. Oder?“ Da ich mich allem Anschein nach nicht von selbst aus dieser Traumwelt befreien konnte (sämtliche Versuche wie z.B. Kneifen verpufften vollkommen wirkungslos) muß ich dieses Spielchen wohl oder übel mitspielen. Also zuckte ich kurz mit dem Schultern, da ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte. Er stieß einen resignierten Seufzer aus.

„Kaum zu fassen. Da vergißt meine über alles geliebte Mutter doch tatsächlich den wichtigsten Tag im Leben ihrer Tochter. Wirklich unglaublich!“ Er schüttelte amüsiert den Kopf. Unglaublich trifft die momentane Situation ziemlich gut. Ich begreife überhaupt nichts mehr! Seit wann habe ich eine Tochter? Als er meinen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkte seufzte er erneut.

„Mama, du hast doch wohl hoffentlich nicht ernsthaft vergessen, das Sylphi heute heiratet?“ Er sah mich zweifelnd an, aber ich verstand immer noch nicht das Geringste. Das merkte er auch und im nächsten Moment schleifte er mich bereits aus dem Zimmer.

„Das ist wirklich die Höhe! Erst sträubst du dich mit Händen und Füßen gegen diese Heirat, dann bist du endlich einverstanden und jetzt, wo es endlich soweit ist tust du als wüßtest du von nichts?!“ Immer noch vor sich hingrummelnd schob er mich durch eine Tür und ich fand mich in einer Art Badesaal wieder.

„Hier! Ich überlasse sie euch. Hauptsache sie ist rechtzeitig fertig.“ Zu seinem Glück war er ebenso schnell aus dem Raum verschwunden wie er mich hineingeschoben hatte. Ansonsten hätten ihn nämlich unzählige Schwämme und Waschschüsseln getroffen. So flogen diese nur gegen eine sich bereits schließende Tür. Kopfschüttelnd sah ich mich um. Vor lauter Dunstschwaden war jedoch kaum etwas zu erkennen.

Oh man, woran ich mir beim Fallen auch immer den Kopf gestoßen habe, es muß verdammt weh getan haben. Ansonsten würde ich wohl kaum träumen, daß ich mich in Mitten eines römischen Bades befinde und mit meinem erwachsenen Sohn spreche. Ich hoffe nur mich weckt bald jemand auf, bevor das hier noch merkwürdiger wird.

„Sag mal Suru, willst du ewig da rumstehen oder können wir endlich anfangen?“ Würde ich es nicht besser wissen könnte man meinen, das mich hier alle für ein kleines, trotziges Kind halten. Da ich mich nicht rührte wurde ich von ein paar starken Händen nach vorn geschoben wo mich direkt ein halbes Dutzend Frauen in Empfang nahmen.

Die meisten Gesichter kamen mir außergewöhnlich bekannt vor, aber ich hatte einfach nicht den Mut sie zu fragen was hier vor sich ging. Das Risiko durch eine unbedachte Frage plötzlich aufzuwachen war mir aus irgendeinem Grund plötzlich viel zu hoch. Zu lange habe ich mich nach meiner Familie gesehnt. Und auch wenn es nur ein Traum ist (ein ziemlich wirrer dazu) was soll so schlimm daran sein ihn einfach zu genießen? Ich bin solange von ihnen getrennt gewesen… es kann doch unmöglich schaden, wenn ich ihre Nähe eine zeitlang genieße… es wird ohnehin viel zu schnell vorbei sein… hiernach habe ich mich immer gesehnt…

„Es ist doch wirklich jedes Mal dasselbe mit dir. Erst sträubst du dich und dann kommst du nicht in Gang.“ Da mir gerade mein Nachthemd (trotz lauten Protestes) über den Kopf gezogen wurde mußte ich einen kurzen Moment warten, bis ich wieder ein freies Blickfeld hatte und die Person sehen konnte, die so ausgiebig mit mir schimpfte.

„Saeko?“ Sie wirkte zwar etwas älter und ihr Haar war mittlerweile schlohweiß, aber es war zweifelsohne Saeko, meine Ziehmutter und Shions Ehefrau. Ich traute meinen Augen nicht. Das ist doch vollkommen unmöglich! Und sie war nicht allein. Um sie herum tauchten immer mehr bekannte Gesichter und Stimmen auf. Ehe ich mich versah war ich bereits von ihnen umringt, wurde gründlich eingeschäumt und abgespült.

Keine von ihnen hielt es für nötig mir zu erklären was das alles zu bedeuten hatte und ich besaß nicht den Mut sie zu fragen. Dieser Traum ist vielleicht zu zerbrechlich. Eine falsche Frage und ich werde in einem schmerzenden Körper aufwachen…

Etwas, das ich vorerst vermeiden wollte. Hier habe ich die Chance ein klein wenig von meinem inneren Frieden wieder zu finden und das will ich nicht gefährden. Ich darf nur nicht vergessen, daß das alles nur ein Traum ist…

Als sie endlich fertig waren mich mit diversen Duftwässerchen und Haarnadeln zu piesacken wurde ich in einen angrenzenden Raum geschoben. Saeko begann mich unter tausenden von Flüchen und sonstigen nicht sonderliche schmeichelhaften Bezeichnungen für meine Wenigkeit in ein Kleid zu stecken. Sie hat sich wirklich kein bißchen verändert. Als ich noch ein Kind war und immer wieder mit völlig zerrissenen Kleidern von einem meiner Streifzüge nach Hause kam hatte sie mich genauso blumenreich empfangen.

Saeko wies die anderen Frauen an ihr den nötigen Haarschmuck und alles was sie sonst noch brauchen würden zu bringen. Dafür, daß ich angeblich nur die Brautmutter sein sollte betrieben sie einen ganz schönen Aufwand und ich zuckte bei ihren federleichten Berührungen immer wieder unmerklich zusammen. Es ist wirklich schon viel zu lange her, daß ich all diese Gesichter gesehen habe und mein Herz befürchtet nach wie vor, das dies alles in den nächsten Sekunden wie eine Seifenblase platzen wird.

Schließlich riß Saeko jedoch der Geduldsfaden. Sie drohte mir an mich komplett in ein Korsett einnähen wenn ich nicht augenblicklich stillhalten würde, damit sie ihre Arbeit machen konnte. Das wirkte! Ich zweifelte nicht eine Sekunde daran, daß sie es ernst meinte. Nach einer halben Stunde wurde ich dann endlich entlassen und unsanft zurück in den Flur geschoben mit der Anweisung ja nichts anzustellen was meiner Frisur oder meinem Kleid schaden könnte.

Ich hatte nach wie vor keine Ahnung warum alle der Ansicht waren, daß ich diese Hochzeit sabotieren könnte, aber ich gab es auf mir darüber Gedanken zu machen. Stattdessen durchstriff ich das Haus und merkte schnell, daß es ein Fehler war. Meine Erinnerungen kamen schneller zurück als ich es erwartet hatte und sie schmerzten…

Das Wissen, das all diese Düfte und Geräusche nicht wirklich waren und das ich dieses Haus in der wahren Welt nie wieder betreten konnte machten mir unheimlich zu schaffen. Trotzdem genoß ich es die vertrauten Räume wieder zusehen und seltsamerweise hatte sich hier unheimlich viel verändert. Einige Räume sahen komplett anderes aus als ich sie in Erinnerung hatte. Dennoch war es unverkennbar wer hier lebte… Alles trug Remiriels und meine Handschrift…

Nachdenklich striff ich mit einer Hand über die Lehnen der Stühle, die auf der Terrasse standen und erinnerte mich wehmütig an den Abend wo wir hier zusammen mit Ezechiel und Raguel gesessen hatten um zu entscheiden was mit Astaroth passieren sollte. Wieviel war seitdem passiert? Was lag nicht alles hinter uns?

Ich widerstand der Versuchung mich einfach in einen der Sessel fallen zu lassen und in meinen Erinnerungen zu versinken. Das würde unweigerlich dazu führen, daß ich mein Make-up ruinierte und das hatte Saeko mir unter Dutzenden von weiteren Drohungen strengstens verboten. In dieser Hinsicht konnte sie und Maria sich die Hand geben.

Seufzend ließ ich mich schließlich unter dem Fliederbaum der noch größer war als in meiner Erinnerung, nieder und versuchte herauszufinden ob es wirklich eine so clevere Idee war dieses Spielchen mitzuspielen. Sicher, ich kann meine Familie nach langer Zeit endlich wieder in die Arme schließen, aber was wenn ich aufwache? Ich weiß, daß es mir unheimlich schwer fallen wird mich wieder in der Realität zu Recht zu finden, wenn ich zulange hierbleibe…

Egal, was Saeko mir auch gesagt hat ich kann nicht bleiben. Nicht, wenn ich hinterher noch in der Lage sein will aufzustehen. Ich habe nicht mehr die Zeit mich in meiner Trauer zu vergraben und einfach tagelang unter einer Bettdecke zu verschwinden. Dabei haben sie sich soviel Mühe gegeben…

Lächelnd sah ich an den Stoffbahnen herunter, die meinen Körper umspielten. Ich steckte in einem Kleid aus reiner Seide, die im Licht abwechselnd weiß oder blau schimmerte. Dieser helle Blauton ist wohl einzigartig auf der Welt. Auf den ersten Blick hält man ihn fast für Weiß und erst, wenn sich sie Seide bewegt schimmert er blau. Außer in meinem Heimatdorf habe ich nirgendwo in der Welt der Menschen entdecken können.

Meine Haare waren mit Dutzenden von Nadeln und etlichem Zierrat hochgesteckt. Die kunstvollen Locken und Blumen kitzelten leicht in meinem Nacken. Ich hatte mich zwar noch nicht selbst im Spiegel gesehen, aber ich ahnte bereits, daß der Anblick umwerfend sein mußte. Alles andere hätte Saeko ohnehin niemals zugelassen. Und dabei bin ich nur die Mutter der Braut!

Wobei mir einfällt, wenn ich die Brautmutter bin muß sich zwangsläufig auch der Brautvater irgendwo in der näheren Umgebung befinden. Kurz entschlossen machte ich einen Schritt nach vorn und stand an den Ufern des Sees, den ich schon so oft im Wald besucht hatte, wenn ich vor meinen Problemen davon lief oder einfach nur meine Ruhe haben wollte.

Einer Begegnung mit Remiriel würde ich nicht gewachsen sein. Zu viel hat sich verändert. Sicher, er weiß, daß ich mich in Rosiel verliebt habe. Ich selbst habe es ihm schließlich erzählt. Aber seitdem ist viel geschehen und ich weiß nicht mehr wie ich ihm begegnen soll…

…Er ist solange Teil meines Lebens gewesen, das ich mir nicht vorstellen kann ihm zu erklären, daß ein anderer seinen Platz eingenommen hat. Außerdem scheinen die Dinge hier anders zu laufen. Scheinbar erinnert sich niemand an das, was damals geschehen ist. Es ist fast so, als wäre nie etwas dergleichen passiert…

Gedankenverloren wanderte ich eine Weile am Ufer entlang und wunderte mich nicht im Geringsten darüber, das ich dieses Mal tatsächlich ganz allein war. Cerberus war weit und breit nicht zu entdecken und dabei wich er Normalweise nicht von meiner Seite. Wenigstens solange ich es ihm nicht ausdrücklich sagte und selbst dann hielt er sich nicht immer dran. Wahrscheinlich steht er vor der Tür meines Zimmers Wache und paßt auf, daß mich niemand weckt. Warum muß es denn nur ein Traum sein? Ich wäre so glücklich hier…

Ein Zweig, der gemächlich auf dem Wasser trieb erregte meine Aufmerksamkeit. Grinsend mußte ich feststellen, daß ich gewissen Versuchungen doch nicht ganz so einfach widerstehen konnte wie ich es manchmal gern hätte. Es wäre doch wirklich zu schade, wenn dieser blühende Zweig auf den Grund des Sees sinken würde. Also setzte ich meinen Fuß vorsichtig auf die Wasseroberfläche und schritt langsam auf den Zweig zu.

Das hatte ich schon immer unheimlich gern getan. Auf dem Wasser wandeln. Es hat etwas Mystisches und außerdem paßt es zu diesem Ort. Einem Ort an dem man eher eine Waldnyhmphe vermutete als einen Engel oder Dämon. Lächelnd hob ich den Zweig von der Wasseroberfläche und obwohl dutzende von Wassertropfen von ihm perlten führte ich die üppige Blütenpracht zu meinen Gesicht hinauf und sog den angenehmen Duft der Fliederblüten ein.

Flieder… eine meiner absoluten Lieblingspflanzen. Ich genoß es wie dieser angenehme Duft erneut dafür sorgte, daß ich einen kleinen Teil meiner Sorgen vergaß. Aber wie kommt dieser Zweig hierher? Hier gibt es weit und breit nicht einen einzigen Fliederbaum. Sie stehen alle im Dorf.

„Hier steckst du also.“ Erschrocken zuckte ich zusammen.

„Ich hätte es mir eigentlich gleich denken können.“ Fast glaubte ich mein Herz würde bei diesem Anblick komplett aufhören zu schlagen. Keine zehn Meter von mir entfernt stand Remiriel am Seeufer und winkte mir selig lächelnd zu. Er trug ein leichtes Leinengewand kombiniert mit einem Teil seiner Uniform. Er sah aus wie ein griechischer Gott. Augenblicklich schoß mir das Blut in die Wangen und ich vergrub mein Gesicht in den Blüten.

Es wäre besser gewesen, wenn ich in diesem Augenblick die erstbeste Gelegenheit genutzt hätte um zu verschwinden, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Es war als wären meine Füße plötzlich auf dem Wasser des Sees festgefroren. Ich konnte mich nicht mehr von der Stelle bewegen. Zu viele Gedanken hielten mich davon ab und mein Herz kämpfte erfolgreich gegen meinen Verstand. Dieses Mal wollte es sich auf keinen Fall von diesem besiegen lassen.

„Meinst du nicht, daß du im großen Zelt besser aufgehoben wärst als hier? Die Zeremonie beginnt bald.“ Für einen kurzen Augenblick hob ich meinen Blick und begegnete seinen grünen Augen. Er lächelte mich sanft an und spürte wie ich dahin schmolz. Langsam ließ ich den Blütenzweig sinken und erwiderte sein warmes Lächeln. Ich gab auf. In diesem Augenblick siegte mein Herz und der Verstand kapitulierte. Egal, das alles hier nur reine Einbildung ist. Hauptsache ich finde Frieden. Alles andere ist unwichtig.

Er wartete geduldig darauf, daß ich wieder zurück ans Ufer kam und als ich ihm gegenüberstand schien die Welt um mich herum plötzlich zu leuchten. Er ist wieder bei mir und nur das zählt! Mit einem schiefen Lächeln schüttelte er den Kopf und sah mich bewundernd an.

„Wie kommt es nur, daß du jedes Mal wenn ich dich sehe noch schöner wirst?“ Ich versteckte mein Gesicht in den Fliederblüten, da ich nicht wollte, daß er meine Verlegenheit bemerkte. Es funktionierte selbstverständlich nicht.

„Was ist nur los mit dir? Ariel meinte schon, das du dich merkwürdig verhältst, aber das du selbst bei meinem Anblick rot wirst wie ein junges Mädchen…“ Am Liebsten hätte ich in den Zweig gebissen, weil er mich so einfach durchschaute, aber das hätte weder mir noch ihm etwas genützt. Außer, das ich mich nur noch weiter in Verlegenheit gebracht hätte. Da ich keine andere Möglichkeit sah ließ ich mich auf dem nächst besten Baumstamm nieder und hoffte, daß es mir nicht allzu schwer fallen würde ihm all das zu sagen, was gesagt werden mußte.

So sehr ich ihn auch liebe und so sehr ich mich auch nach ihm sehne ich muß zumindest ihm erklären, was in der Zwischenzeit alles geschehen ist. Vielleicht wird er es nicht verstehen, aber das bin ich ihm und mir schuldig. Ich kann einfach nicht anders als ehrlich zu ihm zu sein. Wir sind viel zu lange zusammen gewesen, als das ich es ihm verheimlichen könnte.

Er wird immer merken wenn mit mir etwas nicht stimmt. Und auch wenn er mich niemals direkt danach fragen wird (er vertritt die Ansicht, das wenn ich ihm etwas sagen will, das irgendwann von ganz allein tun werde), bin ich mir sicher, das er beunruhigt ist.

Ich gab meinem Herzen nach und begann ihm langsam und so schonend wie möglich all das, was bereits hinter mir lag zu erzählen. Die ganze Zeit über stand er nachdenklich vor mir und unterbrach mich kein einziges Mal. Er hörte nur zu und je mehr ich ihm erzählte, desto mehr wurde mir bewusst wie sehr das alles an mir nagte und wie gut es tat endlich jemandem die ganze Geschichte erzählen zu können. Keine Ahnung wie lange es letztendlich dauerte ihm wirklich alles zu erzählen doch als ich endete sah er mich mit gerunzelter Stirn und zutiefst besorgt an.

„Ich war von Anfang an dagegen!“ Vollkommen überrumpelt von dieser Reaktion brachte ich erstmal keinen Ton raus. Ich hatte mit so ziemlich allem gerechnet, aber nicht damit.

„Sie hätten dir niemals diese merkwürdige Zeug geben dürfen!“ Er ergoß sich in einen Schwall nicht gerade engelhafter Beschimpfungen und sah dabei dermaßen niedlich aus, daß ich mir ein leichtes Lachen nicht länger verkneifen konnte. Es ist wirklich schon viel zu lange her, daß ich ihn so gesehen habe.

„Schön, daß wenigstens du das komisch findest. Ich fand es gar nicht zum Lachen als du vor einer Woche plötzlich umgekippt und nicht mehr aufgewacht bist.“ Dabei legte er eine Miene an den Tag die mich dermaßen zum Lachen brachte, das es fast zwei Minuten dauerte ehe er wieder normal mit mir sprechen konnte. Immer noch reiflich sauer auf einige Leute deren Namen er nicht nannte schilderte er mir, was sich ereignet hatte.

Da ich nicht sonderlich angetan von den Hochzeitsplänen unserer Tochter (nachdem ich den Namen des Bräutigams erfahren hatte wußte ich auch warum) gewesen war und mich (wie er es ausdrückte) mit Händen und Füßen dagegen sträubte hatte man kurzerhand beschlossen mich zu überrumpeln. Mit einem geschickten Schachzug rang man mir mein Einverständnis ab und als ich eine Woche vor dem großen Ereignis drohte das Ganze doch noch zu platzen zu lassen griff man zum letzten zur Verfügung stehenden Mittel. Man verabreichte mir ein Mittel, das jegliche Einmischung von meiner Seite aus verhindern sollte. Leider wirkte es besser als erhofft und ich fiel für circa eine Woche in Tiefschlaf.

Bis zum heutigen Morgen waren sie sich sogar noch nicht mal sicher gewesen, ob sie mich überhaupt pünktlich zum Großereignis wachbekommen würden. Sie hatten es die ganze letzte Woche über mit den verschiedensten Mitteln probiert, aber keines davon hatte Wirkung gezeigt. Daß ausgerechnet ein Eimer kaltes Wasser den gewünschten Effekt erzielt hatte amüsierte Remiriel köstlich. Ich konnte seine Begeisterung nicht so recht teilen und bestürmte ihn statt dessen mit tausenden von Fragen, die er alle der Reihe nach geduldig beantwortete. Es sah ganz danach aus als hätte ich während meines Tiefschlafs etliche Dinge vergessen oder komplett verdreht.

Alexiel war niemals gefallen sondern hatte als sie den Garten Eden verließ einen Friedensvertrag mit Luzifer und den Dämonen der Hölle geschlossen. Die beiden kannten sich noch aus der Zeit vor Luzifers Fall und es wunderte niemanden, daß sie letztendlich zu Verbündeten wurden.

Wie eng ihr Verhältnis tatsächlich war erfuhren die Meisten jedoch erst als sie von der gemeinsamen Tochter der Beiden erfuhren, die lange Zeit verborgen in Assia gelebt hatte. Alexiel hatte ihr Kind im Verborgenen zur Welt gebracht und mit der Hilfe von Luzifer gelang es ihnen ihre Tochter erfolgreich vor den Augen der Anderen zu verbergen. Nur wenige Eingeweihte wußten von dem Kind und ermöglichteten ihr eine Ausbildung sowohl im Himmel als auch in der Hölle. Erst nachdem ihre Tochter beide Ausbildungen erfolgreich abgeschlossen hatte und sie sich sicher waren, das ihr kaum noch Gefahren drohen würden lüfteten Luzifer und Alexiel ihr bis dahin so gut gehütetes Geheimnis.

Nach dem anfänglichen Entsetzen auf beiden Seiten beschloß man es jedoch als gutes Omen zu nehmen, daß sich ihre jeweiligen Anführer dermaßen gut verstanden und sogar eine gemeinsame Tochter hatten.

Die Gesetze der Hölle und des Himmels wurden im Laufe der Jahre immer mehr geändert und schon bald herrschte Frieden in allen drei Welten. Engel, Menschen und Dämonen waren überein gekommen, das es am Besten für alle war nicht noch einen Krieg zu riskieren. Von diesem Bündnis profitierten alle.

Die Engel mit ihren Fähigkeiten Leben zu erschaffen und Wissen zu vermitteln; die Menschen mit ihrem entschlossenen Herzen, das Berge versetzen konnte, wenn es darauf ankam und die Dämonen, die mit ihrer Stärke und Wagemut in der Lage waren jeden noch so großen Zweifler auf ihre Seite zu ziehen. Jede Partei tat ihr bestes und schon bald wurde das Bündnis zum Alltag.

Selbst Mischlingsehen unter den einzelnen Völkern waren schon bald nichts Besonderes mehr. Die Hochzeit meiner Tochter mit einem Erzdämon war nur ein weiterer Schritt in Richtung dauerhaften Friedens. Hatten Alexiel und Luzifer als erste den Weg beschritten, das es egal war welche Herkunft ihr jeweilige Gefährte hatte so war Sylphis Wahl das Tüpfelchen auf dem i.

„Du siehst aus als würdest du mir nicht ein einziges Wort glauben.“ Vorwurfsvoll sah Remiriel mich an.

„Wie denn auch? Weißt du wie sich das in meinen Ohren anhört? Das ist alles wie ein Traum. Ich kann einfach nicht glauben, daß es wahr sein soll.“ Nach allem, was ich erlebt habe, wie sollte ich? Kann es sein? Ist das hier wirklich echt? Bin ich nur in einem Alptraum gefangen gewesen aus dem man mich endlich befreit hat? Oder ist das hier der Traum und ich finde mich schon bald in der grausamen Wirklichkeit wieder?

„Habe ich dich jemals belogen? Komm, ich zeige dir was wir in den letzten Jahren alles erreicht haben.“ Lächelnd reichte er mir seine Hand, die ich zögernd ergriff. Ich zitterte als sich meine Finger seine warme Haut berührten. Es fühlt sich so echt an…

„Nervös?“ Belustigt zwinkerte er mir zu als er mich mit sich zog und weit über das Dach der Bäume hinaus schoß. Meine Flügel hatten sich entfaltet noch ehe ich mir dessen überhaupt bewußt geworden war und wir schwebten Hand in Hand über den Wald bis hin zum Festplatz.

Auf der ansonsten freien Wiese befanden sich mehrere kunstvollen Holzbauten übersäht mit Tischen, Stühlen und etlichen Blumengirlanden. In der Mitte thronte ein riesiges Festzelt. Beim Näherkommen entpuppte es sich jedoch als weißer Baldachin, der die Feiernden lediglich vor der direkten Sonne oder dem Regen schützen sollte.

Überall wimmelte es von Menschen, Engeln und Dämonen die alle damit beschäftigt waren letzte Vorbereitungen zu treffen oder sich gegenseitig zu begrüßen. Es herrschte vollkommen ausgelassene Stimmung, die von einem milden Frühlingshauch begleitet wurde.

Gelassen steuerte Remiriel eine etwas höher gelegene Plattform an und wartete bis ich neben ihm gelandet war. Direkt vor uns lag der gesamte Festplatz und als man uns erkannte gab es ein riesen HALLO! Man winkte uns zu endlich herunterzukommen. Unsicher sah ich Remiriel an, der wie selbstverständlich meine Hand nahm und mich führte.

Augenblicklich wurden wir von Dutzenden Gästen belagert und so viele Hände, die sich mir entgegenstreckten konnte ich gar nicht schütteln. Alle gratulierten uns zu der bevorstehenden Hochzeit und etlichen anderen Ereignissen an die ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte. Überall sah ich nur fröhliche und ausgelassene Gesichter.

Beinahe wie ein Schlafwandler folgte ich Remiriel, der mich zielsicher durch die Menge lotste, um mich mit ein paar ganz besonderen Gästen bekannt zu machen. Als wir die kleine Holzplattform erreicht hatten dachte ich mein Herz würde stehenbleiben.

„RAGUEL!!!“ Überglücklich fiel ich ihm um den Hals und drückte ihn fest an mich. Er lebt! Gott sei Dank er lebt!

„Sachte, sachte Azrael, du erdrückst ihn ja noch.“ Ein amüsiertes Grinsen kaschierend trat Ezechiel auf mich zu und ich spürte wie mir die Tränen in die Augen schossen.

„Ezechiel?“ Das kann nicht sein… ich habe euch doch beide sterben sehen… wie könnt ihr so plötzlich hier sein?

„Hey! Laßt mich endlich los!“ Unter lautem Protest befreite sich Raguel, dessen Haare in einem wunderschönen Orange erstrahlten von mir und war sichtlich überfordert mit der Tatsache, daß ich vollkommen in Tränen aufgelöst war.

„Tut… tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint… ich meinte…“ Mit zitternden Händen durchsuchte er die Taschen seines Mantels und förderte schließlich ein buntgemustertes Taschentuch zutage, das er mir verlegen entgegen hielt. Dankbar nahm ich es an.

„Bitte, bitte hört doch auf zu weinen. Ich habe es wirklich nicht so gemeint.“ Hilflos sah er abwechselnd zu mir, Remiriel und Ezechiel, der ratlos die Hände hob. Anscheinend konnte sich niemand meinen plötzlichen Gefühlsausbruch erklären.

„Ist schon gut Raguel, ich bin nur so unendlich froh euch beide zu sehen.“ Mein Blick flog von ihm zu Ezechiel, der mich warm anlächelte.

„Mir scheint, du hast ziemlich schlecht geträumt. Wenn du ihn SO begrüßt.“ Damit traf er den Nagel so ziemlich auf den Kopf, wie Remiriel seinem Bruder versicherte. Mit einem unwilligen Kopfschütteln ließ sich nun auch Ezechiel über das merkwürdige Zeug aus, das man mir verabreicht hatte und kam mit seinem Bruder darin überein, das der Verursacher dringend eine ‚kleine’ Lektion brauchte. Da die Tränen mein Make-up ohnehin vollkommen ruiniert hatten mußte ich im Gebrauch von Raguels Taschentuch nicht mehr sonderlich vorsichtig sein. Reiflich durchweicht ließ ich es schließlich in einer kleinen Falte hinter meinem Gürtel verschwinden.

Nach einer kurzen Verabschiedung, bei der Ezechiel mich einmal quer über die halbe Holzplattform wirbelte, machten wir uns auf den Weg um die weitern Gäste zu begrüßen. Ich war überrascht, wer sich alles hier versammelt hatte. Alles, was auch nur im geringsten Rang und Namen hatte ließ sich dieses geschichtsträchtige Ereignis nicht entgehen. Mein Blick wanderte abwechselnd von den Personen direkt vor mir zu denjenigen, die sich auf dem Festplatz tummelten. Es war unglaublich!

„Oh, bitte entschuldigt.“ Ein rothaariges Mädchen hätte mich beinah über den Haufen gerannt und wollte gerade davon huschen als Remiriel sie zurück rief.

„Tiaiel! Warte bitte einen Moment!“ Tiaiel?! Doch nicht etwa Tiara?

„Weißt du zufällig wo-“

„Sie sind hinten bei den anderen Erzengeln und begrüßen die Satane. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihnen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten schoß sie davon. Ungläubig sah ich ihr nach. Ist das wirklich Tiaiel gewesen? Tiara, der kleine Engel, der Catan in meiner Abwesenheit beschützt hat? Ist sie nicht noch ein Kind gewesen?

„Laß dich nicht von ihrem Verhalten täuschen. Eigentlich ist sie ein verdammt nettes Mädchen.“ Obwohl ich nicht sonderlich davon überzeugt war ob es wirklich eine gute Idee war die Satane und Erzengel zu treffen folgte ich Remiriel.

Wir fanden sie etwas Abseits vom Festplatz. Sie hatten sich unter den Säulen eines alten Tempels versammelt. Es war ungewöhnlich, daß hochrangige Engel und Dämonen dermaßen ungezwungen miteinander sprachen wie es hier der Fall war. Viel Zeit mir darüber Gedanken zu machen hatte ich allerdings nicht. Remiriel schleifte mich von einem wichtigen Gast zum nächsten.

Zuerst begegneten wir Asmodeus, der von einer solchen Schönheit begleitet wurde, daß es mir im ersten Moment beinahe den Atem verschlug. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, daß es sich bei der Dame um Belial handelte, die sich anscheinend fest vorgenommen hatte allen anwesenden Damen die Show zu stehlen.

Hinter ihnen standen Raphael und Barbiel, die sich ebenfalls köstlich zu amüsieren schienen. Wobei Barbiel ihrem Begleiter jedes Mal einen leichten Klaps mit ihrem Fächer verpaßte, wenn dieser einer Frau mal wieder etwas zu tief in den Ausschnitt sah. Schmunzelnd stellte ich fest, daß sich manche Dinge einfach nie änderten.

Nach und nach begrüßten wir etliche hochrangige Gäste. Unter ihnen auch Michael, an dessen Seite sich mein Sohn Ariel niedergelassen hatte und mit dem Engel des Feuers eine hitzige Diskussion über diverse Kampftechniken führte. Ihnen gegenüber standen mit jeweils einem Glas Sekt in der Hand die momentane Regentin Anaguras, Kurai und ihr Begleiter, die ich beide kaum erkannt hätte.

Kurai war zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen, die sich vor Verehrern kaum retten konnte. Ihr Cousin und selbsternannter Leibwächter Arakune war komplett in schwarz gekleidet und hatte ein ganz ähnliches Problem. Von daher erwies es sich für ihn als etwas schwierig seinen Schützling vor den männlichen Gästen abzuschirmen.

Etwas abseits davon saßen über einer Partie Würfelspiele die beiden Zwillingsdämonen Voice und Noise. Auch sie waren längst keine Kinder mehr. Verwundert beobachtete ich sie einen Weile, aber im Moment interessierte sie außer ihrem Würfelspiel so ziemlich gar nichts. Waren sie doch gerade dabei Metatron und Sandalphon um einige Süßwaren zu erleichtern. Erst als Jibril hinzutrat und auf die vier ein riesen Donnerwetter losließ wurde das Spiel aprubt beendet. Ärgerlich scheuchte sie ihre Schützlinge zurück auf den Zeltplatz und verbot ihnen ein für alle Mal gemeinsam mit Dämonen an dem Glücksspiel zu frönen. Als sie Remiriel und mich bemerkte entschuldigte sie sich verlegen für ihren Ausbruch und bot an uns zu ihrem Begleiter zu führen.

„Oh, Uriel. Ich dachte ihr wolltet erst heute abend zu uns stoßen.“ Sichtlich erfreut klopfte Remiriel dem dunklen Hünen auf die Schulter.

„Dank Jibrils Hilfe konnte ich meine Arbeit früher beenden als ich gedacht hatte.“ Verlegen sah diese bei Uriels Worten zu Boden und entschuldigte sich schließlich um hinter Metatron herzujagen, der gerade dabei war mit einer Gruppe junger Dämonen eine Prügelei anzufangen.

„Ich freue mich wirklich sehr, daß ihr kommen konntet. Seid bitte später mein Gast.“

„Sehr gern.“ Mit einer leichten Verbeugung bedankte sich Uriel bei Remiriel für die freundliche Einladung. Er verabschiedete sich etwas übereilt, um Jibril dabei zu helfen die kleinen Streithähne voneinander zutrennen. Abwesend folgte mein Blick dem Engel der Erde, als dieser sich Metatron gerade trotz heftiger Proteste unter den Arm geklemmte und den kleinen Rabauken davontrug.

„Sein Hals ist unverletzt…“

„Glaubst du etwa immer noch, daß das hier alles ein Traum ist?“ Grinsend versetzte Remiriel mir einen leichten Knuff in die Seite.

„Ich weiß es nicht… es ist so friedlich…“ So, wie ich es mir immer gewünscht habe. Fast zu schön, um wahr zu sein…

„Du bist wirklich schwer zu überzeugen. Aber ich denke, ich kenne da jemanden, dem du einfach glauben mußt.“ Ehe ich protestieren konnte hob er mich hoch und eilte durch die Menge davon. Das amüsierte Kichern der Gäste färbte meine Wangen rot und ich versuchte mich vergeblich aus seinem Griff zu befreien. Als er mich schließlich lachend auf dem Boden absetzte befanden wir uns bereits auf einer Tanzfläche.

„Warte! Stop!“ Statt auf meine Einwände zu hören wirbelte er mich zu den mitreißenden Klängen des Orchesters wild übers Parkett und schon bald waren wir die Einzigen, die noch ausgelassen tanzten. Man hatte uns bereitwillig Platz gemacht und in einem atemberaubenden Tango zeigte Remiriel sein gesamtes Können. Vollkommen außer Atem fiel ich schließlich auf einen Stuhl und nahm dankbar den Krug Wasser entgegen, den man mir reichte.

„Kindskopf!“ Schallt ich Remiriel doch er versiegelte meine Lippen mit einem langen Kuß.

„Sollte heute nicht eigentlich der Ehrentag eurer Kinder sein?“ Die amüsierte Stimme direkt über uns veranlaßte mich dazu Remiriel einen leichten Stoß zu versetzen, damit er endlich von mir abließ.

„Ach komm schon Zaphikel du stiehlst mit deiner Frau schließlich auch allen die Schau.“ Grummelnd rieb sich Remiriel über die schmerzenden Rippen während er mich strafend ansah.

„Wo steckt Anael eigentlich?“ Suchend sah er hinter Zaphikel und stand schließlich auf um nach dessen Begleitung zu suchen während ich diesen anstarrte als wäre er ein Geist.

„Zaphikel… du… du kannst sehen?“ Das immer breiter werdende Grinsen in seinem Gesicht verriet deutlich, das er es konnte.

„Sollte ich das etwa nicht? Bei einer solchen Augenweide von Brautmutter?“ Er rückte ein kleines Stückchen näher nur um direkt fluchend aufzuschreien.

„Mama erwürgt dich, wenn sie das rauskriegt.“ Ein blonder Dreikäsehoch hatte soeben äußerst erfolgreich seinen Stiefelabsatz in Zaphikels Hintern versenkt.

„Raziel!“ Drohend jagte Zaphikel dem Knirps hinterher und stolperte direkt über eine bis vor kurzem unsichtbare Schnur, deren Ende ein weiterer (dieses Mal weiblicher) Dreikäsehoch festhielt. Noch ehe Zaphikel einen der beiden Frechdachse zu packen bekam verschwanden diese bis über beide Ohren grinsend unter einem der Holzpodeste. Aus eigener Erfahrung wußte ich, daß man sie erst finden würde, wenn die Luft wieder rein war.

Ich bemerkte erst, daß ich lachte als mir die grinsenden Gesichter der Umstehenden auffielen. Anscheinend war es kein sonderlich großes Geheimnis, das ich in meiner Kindheit ein ebenso großes Schlitzohr gewesen war. Eine leise Entschuldigung murmelnd verließ ich die Tanzfläche und machte mich auf die Suche nach Remiriel. Doch in dieser Menschenmasse war das gar nicht so einfach.

Ständig wurde ich beglückwünscht oder wegen etwas anderem aufgehalten. Da ich niemanden vor den Kopf stoßen wollte nahm ich mir die Zeit, die nötig war um sich durch die Menge zu kämpfen und war überrascht mich plötzlich am Rand des Festplatzes wiederzufinden. Hier würde sich Remiriel unter Garantie nicht aufhalten. So wie ich ihn kenne ist er gerade mitten im Geschehen. Und richtig! Etwa zwanzig Meter entfernt von mir stand er auf einem Tisch und blickte sich suchend um.

Lachend winkte ich ihm als er in meine Richtung blickte. Er bemerkte mein Zeichen und sprang mit strahlenden Augen von seinem Aussichtspunkt herunter. Erleichtert lehnte ich mich gegen einen Holzpflock und beobachtete, das Wuseln um mich herum. Meine Zweifel schwanden von Minute zu Minute mehr. Für einen Traum ist das alles viel zu realistisch und als mir der Geruch von frisch gebratenem Fleisch in die Nase stieg gab es kein Halten mehr. Remiriel hatte mich zwar noch nicht ganz erreicht, aber mein Magen verlangte dringend nach so etwas wie Frühstück.

Der Betreiber des Standes begrüßte mich überschwenglich und legte mir ein extra großes Stück Braten zwischen die beiden Brothälften. Dankbar nickte ich ihm zu und hielt nach einem Plätzchen Ausschau an dem mich niemand beim Essen stören würde. So etwas gab es leider nicht. Jedenfalls nicht solange ich mich in Richtung Festplatz hielt. Einem Impuls folgend tat ich es schließlich den Kindern nach und verschwand unter einer der Holzbauten. Hier würde mich unter Garantie niemand so schnell aufstöbern.

Zufrieden biß ich in das Brot und genoß jeden einzelnen Bissen davon. Das Problem war nur, das mich danach der Durst überkam und weit und breit war nichts dergleichen zu sehen. Jedenfalls solange bis sich noch jemand in das kleines Versteck verirrte. Er balancierte einen vollen Krug verdünnten Wein und zwei Becher vor sich während er sich wortreich über die mangelnden Sitzgelegenheiten in ungestörten Ecken ausließ.

„Ich gebe euch vollkommen recht.“ Vor lauter Überraschung stieß er sich erstmal mit seinem Kopf an die Holzdecke.

„Auh! Verdammt noch mal!“ Fluchend rieb er sich über die schmerzenden Stelle am Hinterkopf.

„Bitte entschuldigt, ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß sich hier bereits schon jemand aufhält.“ Ich kannte ihn nicht, aber seine Uniform wies ihn als Engel aus.

„Macht es euch nur bequem. Ich muß ohnehin gleich wieder gehen.“ Remiriel würde nicht lange brauchen bis er sich denken konnte, wo ich steckte. Lächelnd rückte ich ein kleines Stückchen zur Seite und half ihm dabei den vollen Krug abzustellen.

„Laila! Hier unten!“ Er winkte einem von schwarzen Haaren eingerahmten Gesicht, das suchend unter die Plattform spähte. Augenblicklich erhellte die sanften Züge ein warmes Lächeln und eine wunderschöne Frau gesellte sich zu uns.

„Wenn ich uns kurz vorstellen darf. Das hier ist Laila, meine Verlobte und ich bin Nidheg.“

„Sehr erfreut euch beide kennenzulernen. Ich bin Sha…“ Im letzten Moment fiel mir ein, das dieser Name hier niemanden etwas sagen würde.

„…ähm Azrael.“

„WAS?! Azrael!?“ Erneut stieß er mit dem Kopf an die Decke und mußte mit Lailas und meinem Spott leben.

„Ich hätte nie damit gerechnet euch an solch einem Ort zu begegnen.“ Verlegen sah er zu seiner Verlobten, die immer noch kicherte und nur langsam ihre Fassung wieder gewann.

„Ihr müßt wissen, daß die Einladung uns beide überrascht hat. Eigentlich arbeiten wir gerade an einem wichtigen Projekt für die Bewässerung der großen Wü… wühü… sten...“ Der Rest ging in einem Lachanfall unter, der von Nidhegs verzweifeltem Versuch herrührte aus einem Krug und zwei Bechern einen Krug und drei Becher zu machen. Ich erlöste ihn schließlich von seinem Leid in dem ich einige Grashalme ausrupfte und diese zu einem Becher formte.

Sichtlich erleichtert schenkte er uns allen Wein ein und wir prosteten uns ausgelassen zu. Nachdem die Beiden ihre anfängliche Scheu vor mir verloren hatten gewann ich einen interessanten Einblick in ihre Arbeit und Familienplanung. Ab einem gewissen Punkt fühlte ich mich dennoch überflüssig und verabschiedete mich von ihnen. Remiriel sucht mich wahrscheinlich immer noch.

Mit einem reiflich schlechten Gewissen, weil ich solange Zeit verschwunden war krabbelte ich unter dem Holzboden hervor und prallte mit der Nase direkt gegen einen weiteren Gast, der wohl kaum damit gerechnet hatte, das hinter ihm plötzlich jemand aus der Versenkung auftauchen würde.

„Entschuldigt bitte vielmals. Ich habe euch nicht gesehen.“ Eine leichte Verbeugung andeutend wollte ich ihn ihm vorbeihuschen als sich eine Hand um meinen Arm schloß.

„Nicht so schnell.“ Der Klang dieser Stimme jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich mußte mich nicht umdrehen um zu wissen, wer mich festhielt. Rosiel!

„Ich suche euch bereits den halben Tag.“ Nur zögernd sah ich ihn schließlich doch an und ertrankt beinahe vollkommen in dem warmen Gold seiner Augen.

„Es tut mir leid, das wußte ich nicht.“ Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht und im nächsten Moment befanden wir uns bereits am Waldrand außerhalb des Dorfes. Ärgerlich befreite ich mich aus seinem Griff.

„Was hat das zu bedeuten?“

„Nur, das unter vier Augen mit euch reden möchte.“ Unsicher machte ich einen kleinen Schritt rückwärts. Ich kannte Rosiel gut genug um zu wissen, daß diese kleine Entführung einem ganz bestimmten Zweck diente. Aber, wenn das hier wirklich real war, dann sind wir niemals zusammen gewesen. Dennoch begannen meine Gefühle Achterbahn zu fahren.

„Und dafür mußtest du mich entführen?“ Er merkte, daß ich versuchte meine Unsicherheit zu kaschieren und lächelte nur noch mehr.

„DU?“ Scheiße!

„Wirklich mutig von euch mich in aller Öffentlichkeit zu duzen.“ Augenblicklich flammte der alte Zorn wieder auf. Irgendwie besaß Rosiel die merkwürdige Eigenschaft mich wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit auf die Palme zu bringen.

„Bilde dir nur nichts ein!“ Eigentlich hatte ich fest vorgehabt ihn danach einfach stehen zu lassen, aber er hielt mich zurück.

„Es ist wirklich eine Schande, daß ich es erst so spät bemerkt habe…“ Die unterdrückten Gefühle in seiner Stimme ließen mich nicht unberührt. Trotzdem! Es darf nicht sein!

„Laß mich los!“ Einen leichten Seufzer ausstoßend gab er mich frei.

„Remiriel weiß gar nicht, wieviel Glück er hat.“

„Oh doch, das weiß ich.“ Keine Ahnung wie schnell er dorthin gekommen war. Aber er stand keinen halben Meter von mir entfernt.

„Remiriel!“ Erleichtert fiel ich in seine Arme.

„Habt ihr etwa immer noch nicht aufgegeben Rosiel-sama?“ Er hauchte mir einen leichten Kuß auf die Stirn und stellte sich dann zwischen mich und Rosiel.

„Sollte ich das etwa? Warst nicht du es, der mir versichert hat, das er sich ihrer ganz sicher ist?“ In Rosiels Stimme schwang leichter Hohn mit, der von Remiriel komplett ignoriert wurde.

„Ihr hattet eure Chance und sie hat mich gewählt. Gebt endlich auf.“ Ein trocknes Lachen scholl ihm entgegen. Rosiel und aufgeben? Pah! Das ist für den doch ein Fremdwort!

„Für den Moment werde ich mich fügen, doch die Ewigkeit ist lang mein junger Freund.“ Lächelnd schritt Rosiel an ihm vorbei und griff mit einer galanten Bewegung nach meiner Hand. Am Liebsten hätte ich ihn geschlagen so wütend war ich auf ihn.

„Solange du glücklich bist kann ich warten.“ Ohne den Blick von mir abzuwenden berührten seine Lippen meinen Handrücken. Mein Körper zitterte leicht unter der sanften Berührung.

„Wir sehen uns auf dem Fest.“ Lachend erhob er sich in die Lüfte und winkte uns noch einmal kurz zu ehe er ganz verschwand. Ich kochte vor Wut über ihn und das Wirrwarr meiner Gefühle.

„Man sollte meinen, daß er in seinem Alter langsam aber sicher vernünftiger werden würde.“ Kopfschüttelnd sah Remiriel hinauf zum Himmel.

„Du meinst, es stört dich nicht?“ Reiflich verwirrt deutet ich in die Richtung in die Rosiel verschwunden war. Grinsend sah Remiriel mich an.

„Du hattest die Wahl zwischen ihm und mir und du hast mich geheiratet! Das ist mehr als ich brauche um mir ganz sicher zu sein!“ Nachdenklich betrachtete ich meinen Handrücken. Ich hatte die Wahl? Rosiel oder Remiriel? Kann das wirklich sein?

„Jetzt guck nicht so als wäre dir das vollkommen neu. Wir haben dir in Yetzirah beide den Hof gemacht und du hast einem der höchsten Engel des Himmels einen Korb gegeben um mich zu bekommen.“ Sein Lachen erstarb als ich grübelnd hinauf zum Himmel schaute. Ich habe Rosiel den Laufpaß gegeben?

„Hast du es wirklich vergessen? Unsere gemeinsame Zeit?“ Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht alles. An das, was ich dir heute morgen erzählt habe kann ich mich kristallklar erinnern, aber alles andere ist vollkommen verschwommen…“

„Du meinst diesen Traum in dem ich gestorben bin?“ Seufzend löste ich meinen Blick vom Blau des Himmels.

„Ja, du warst fort… ich war allein…“

„Und Rosiel fand dich.“

„Wenn du es so nennen willst… es ist merkwürdig hier zu stehen… es ist als ob mein größter Traum in Erfüllung gegangen ist…“ Entschuldigend sah ich ihn an.

„Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern bis ich mich an all das hier gewöhnt habe.“

„Solange du mich nicht völlig vergißt ist mir alles andere egal.“ Er hob mich hoch und drehte sich dabei einmal um sich selbst. Dennoch war mir der leichte Schatten der Besorgnis in seinen Augen nicht entgangen. Obwohl er es sehr gut kaschierte begann er sich nach und nach immer mehr Gedanken darum zu machen, was dieses Mittel eigentlich genau mit mir angestellt hatte.

Als wir zum Festplatz zurückkehrten war es bereits Nachmittag und die einzelnen Tische und Bänke füllten sich immer mehr. Die Trauung würde bei Sonnenuntergang stattfinden und nach wie vor war ich mir nicht sicher, wie ich dem Bräutigam oder meiner Tochter gegenübertreten sollte.

„Großer Gott Suru! Was bei allen Göttern hast du nur mit deinem Kleid angestellt?!“ Mir so gut wie keiner Schuld bewußt sah ich bei Saekos entsetztem Ausbruch schulterzuckend an mir hinunter und knirschte leise mit den Zähnen. Wann ist das denn passiert? Ich sehe ja aus als wäre ich gerade durch einen Haufen Gingsterbüsche gelaufen. Völlig zerrupft. Mist!

„Nun sei doch nicht so streng mit ihr Saeko. Sie kann es doch leicht beheben.“ Shion war lächelnd zu uns getreten und vollführte eine wage Handbewegung, die wohl so etwas wie ein Fingerschnippen darstellen sollte.

„Shion!“ Wütend funkelte Saeko ihren Mann an und überhäufte ihn mit einer Reihe Beschimpfungen, die teilweise auch mir galten während ich seinen Anblick in mich aufsog. Er hatte sich kaum verändert. Lediglich sein Haar war wie das von Saeko schlohweiß geworden. Aber ansonsten sahen die beiden nicht einen einzigen Tag älter aus wie in meiner Erinnerung. Ein unbeschreibliches warmes Gefühl begann sich nach und nach in meinem Magen auszubreiten. Es vertrieb nach und nach die Schatten meines Alptraums.

„Aber es ist wirklich kein Problem das Kleid wieder herzustellen.“ Zaghaft versuchte ich Saekos wilde Triade zu unterbrechen und machte mich damit direkt zu ihrem nächsten Ziel. Eigentlich war sie eher der ruhige Typ, aber wenn sie erst einmal in Fahrt war sollte man sich vor ihr in Acht nehmen.

„Kommt überhaupt nicht in Frage! Meine Tochter läuft nicht in einem verzauberten Kleid auf dieser Hochzeit herum! Zum Glück hatte ich so etwas schon geahnt.“ Seufzend sah sie erst mich und dann Shion an.

„Bei diesem Wildfang wundert es mich ohnehin, daß das Kleid solange gehalten hat.“ Er nickte zustimmend und grinste immer breiter als er meinen mißmutigen Gesichtsausdruck auffing. Ich ahnte bereits, was als nächstes kommen würde.

„Suru!“

„Ja?“

„Komm, es wird Zeit dich in das richtige Kleid zu stecken!“ Routiniert schnappte sie sich mein Handgelenk und zog mich hinter sich her zurück in Richtung Dorf. Shion winkte mir entschuldigend hinterher und verschwand schließlich in der Menge.

Fünf Stoffschichten, ein Make-up, ausdauerndem Kämmen und eine Hochsteckfrisur später wurde ich von Saeko entlassen. Allerdings nicht ohne mir vorher noch einmal einzuschärfen das, wenn ich dieses Mal mein Kleid ruinierte ich ihr den gesamten nächsten Monat bei den Handarbeiten helfen und als Modell für dies und das zur Verfügung stehen mußte. Mir graute es allein bei dem Gedanken daran und so versprach ich ihr hoch und heilig dieses Mal besser auf meine Garderobe zu achten.

Es war später Nachmittag als ich zum Festplatz zurückkehrte. Die einzelnen Tribünen, Tanzflächen und diversen anderen Sitzgelegenheiten waren mit Menschenmassen gefüllt und es wurden stetig mehr. Das große Ereignis rückte immer näher und ob nun Engel, Mensch oder Dämon niemand wollte es sich entgehen lassen. Ich ließ mich von der allgemeinen Heiterkeit anstecken und schon bald fand ich mich neben Uriel sitzend mit einem Becher verdünntem Wein wieder während er eine verträumte Ballade zum Besten gab. An einem ganz bestimmten Punkt hielt er kurz inne und sah mich auffordernd an. Lachend stellte ich meinem Becher ab und übernahm die zweite Stimme. Als wir endeten herrschte um uns herum tosender Beifall und es dauerte eine ganze Weile bis wir uns an einen etwas ruhigeren Ort flüchten konnten.

Immer noch etwas aus der Puste verabschiedete sich Uriel grinsend von mir und kehrte auf die Festwiese zurück. Lächelnd sah ich zu, wie er Metatron und Sandalphon am Kragen packte und trotz aller Proteste zurück in den Bereich trug, wo sie sich seiner Meinung nach aufhalten sollten. Jibrils Standpauke mochte den Beiden herzlich wenig bedeuten, aber es war deutlich zu sehen, daß Uriels kurze Ansprache etwas vollkommen anderes war.

Kopfschüttelnd schlug ich einen kleinen Bogen um den Festplatz und fragte mich wo eigentlich Remiriel abgeblieben war, als dieser mir auch schon freudestrahlend entgegenkam. Lediglich kurz irritiert über mein neues Kleid zog er mich in ein kleines Zelt, das etwas abseits vom Festplatz stand und dem ich bisher so gut wie keine Beachtung geschenkt hatte.

„Ich habe sie gefunden!“ Triumphierend schlug er die Zeltplane zurück und schob mich ins Innere. Meine Augen brauchten etwas um sich an das leichte Dämmerlicht zu gewöhnen.

„Saeko hatte sie entführt. Deshalb hat es solange gedauert.“ Fügte er entschuldigend hinzu. Doch ich wurde bereits stürmisch umarmt.

„Mama!“ Ein Gesicht mit Augen so blau wie der Himmel strahlte mich an.

„Du bist endlich wieder wach. Ich bin so froh!“ Das Blut rauschte wie wild in meinem Adern als ich begriff, wem dieses Gesicht gehörte.

„Sylphi?“ Ihre sanft geschwungenen Augenbrauen zogen sich für einen kurzen Moment zusammen und bestätigten ihre Verwandtschaft zu Remiriel. Seine Stirn sah genauso aus.

„Habe ich mich innerhalb einer Woche so sehr verändert, daß du mich nicht mehr erkennst?“ Obwohl ihre Stimme beinahe ebenso fröhlich und unbeschwert klang wie zuvor hatte sich ein leiser Unterton eingeschlichen, den man am Besten mit Besorgnis umschreiben konnte. Aber was sollte ich auf diese Frage antworten? Die Schatten meines Alptraums, auch wenn sie nach und nach verblaßten, waren für mich immer noch viel realer als die Wirklichkeit. Ich konnte mich nicht daran erinnern jemals eine Tochter oder einen erwachsenen Sohn gehabt zu haben. Sie beide waren gestorben noch ehe sie überhaupt das Erwachsenenalter erreichen konnten. Und meine Tochter, dieses wunderbare Wesen, das mich umarmte ist nie geboren worden…

„Mama, alles in Ordnung mit dir?“ Ich versuchte mich zusammenreißen doch es war vergeblich. Je länger ich die junge Frau direkt vor mir betrachtet desto mehr übermannten mich meine Gefühle.

„Du weinst ja. Ist es so schlimm, das ich ihn heirate?“ Ich schüttelte lächelnd den Kopf und unternahm den kläglichen Versuch die Tränen aus meinem Gesicht zu vertreiben. Sie wurden jedoch sofort durch neue ersetzt. Ihre Besorgnis wuchs immer mehr doch da Remiriel lediglich hilflos mit den Schultern zuckte nahm sie sich schließlich der Dinge an. Sie drückte mich auf einen Stuhl und kehrte kurz darauf mit einer Karaffe klaren Wassers zurück. Nachdem ich ein Glas geleert hatte gelang es mir meine Gefühle ein klein wenig im Zaum zu halten und zum ersten Mal betrachtete ich meine Tochter in ihrer vollen Größe.

Ihre Augen spiegelten das Blau des Himmels wieder und ihr Haar schimmerten in dem merkwürdigen braunrot, das man nur den Früchten der Kastanien fand. Sie hatte aus irgendeinem Grund unglaublich viele Locken, die ich auf das Erbe meiner Mutter zurückführte doch ihre Hautton stammte eindeutig von Remiriel. Nicht wirklich dunkel, aber dennoch deutlich dunkler als meine Haut. Sie bewegte sich mit einer Energie und Selbstsicherheit in der ich mich selbst wiedererkannte als ich in ihrem Alter gewesen war. Zu allem entschlossen und durch nichts und niemanden zu erschüttern.

Zögernd sah ich ihn mein Glas als sie es erneut füllte und mich lächelnd aufforderte noch einen Schluck zu nehmen. Nein, es gibt nicht den geringsten Zweifel wessen Tochter sie ist. Und keine Täuschung dieser Welt hätte dieses Wunder vollbringen können. Ein Knoten in meiner Brust begann langsam zu schmelzen als ich sie erneut ansah. Dies hier war die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, wie ich sie mir immer gewünscht hatte.

Über den Rand meines Glases beobachtete ich wie sie wild gestikulierend mit Remiriel tuschelte und erst da bemerkte ich ihr atemberaubendes Kleid. Es war am Korsett in einem geschmackvollen Muster über und über mit Perlen und kleinen Diamanten besetzt. Weiche, mit demselben Muster versehene Trompetenärmeln fielen bis über ihre Handgelenke. Der weitfallende Rock hingegen war äußerst schlicht gehalten. Erst wenn man ihn von der Rückseite betrachtet fiel die ebenfalls aufwendig verzierte Schleppe auf. Ich erkannte in diesem Werk nur zu deutlich Saekos Handschrift und Können.

An den Ohren der jungen Braut funkelten blumenförmige Perlenohringe, die sich ein einen leicht in silbergefaßten Tropfen verliefen. (Höchstwahrscheinlich Remiriels Werk.) Die schlichte Frisur und der dünne Schleier verstärkten ihre Schönheit nur noch mehr. Und dieses wundersame Geschöpf soll tatsächlich meine Tochter sein? Es fiel mir nach wie vor schwer das zu glauben. Aber längst nicht so schwer wie noch vor wenigen Minuten.

„Ah, unsere schlafende Schönheit ist also endlich erwacht.“ Mein Herz setzte einen kleinen Moment aus als die dunkle Gestalt sich aus dem Zelteingang löste und mir einen liebevollen Kuß auf die Stirn gab.

„Es kann sein, das ich mich irre, aber wessen glorreich Idee ist es gleich noch einmal gewesen, die sie überhaupt erst in Tiefschlaf versetzt hat?“ Das Glas in meiner Hand fiel klirrend zu Boden.

„Mutter?!“ Ich flog in ihre Arme und sog den angenehmen Duft ihrer Haut ein. Sie ist es kein Zweifel. Sie ist es!

„Asrael…“ Ihre Hand fuhr sanft durch mein Haar. Wie immer sprach sie meinen Namen ein klein wenig anders aus als mein Vater. Die beiden hatten sich nie einigen können was das oder die Schreibeweise anging.

„Unser kleiner Wildfang scheint dich ja richtig vermißt zu haben.“ Noch ehe ich protestieren konnte wuschelte mein Vater mir durch die Haare und zerstörte damit Saekos kleines Meisterwerk. Er grinste bis über beide Ohren als sowohl meine Mutter als auch ich ihn empört anstarrten. Meine Haare verteilten sich in unzähligen Wellen über meine Schultern bis beinahe an meine Hüfte. Seltsam… ich kann mich nicht daran erinnern sie geschnitten zu haben. Sollten sie nicht eigentlich viel länger sein?

„Diese Frisur paßt viel besser zu ihr.“ Sämtliche seiner Verteidigungsversuche gingen unter als Sylphi ihm kommentarlos den restlichen Inhalt der Wasserkaraffe über den Kopf schüttet.

„Statt Mama zu ärgern solltest du dich lieber auf den Weg machen und meinen Bräutigam suchen, Opa. Immerhin hat ihn heute noch niemand gesehen.“ Bei dem Wort Opa zuckte er kaum merklich zusammen. Allerdings immer noch lange genug um meine Mutter zu einer weiteren spitzen Bemerkung zu verleiten.

„Genau OPA geh und such den Bräutigam. Das hier schaffen wir Frauen allein.“

„Wenn sie mich Opa nennt, wer bist dann du?“ Er funkelte meine Mutter amüsiert an.

„Meine herzallerliebste Tante Alexiel! Und nun husch und nimm Papa gleich mit. Ihr stört hier nur.“ Ohne mit der Wimper zu zucken jagte Sylphi die beiden Männer aus dem Zelt während ich krampfhaft versuchte nicht lauf loszulachen. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die bereits Tränen in den Augen hatte. Meine herzallerliebste Tante… prust…

„Also ehrlich, man sollte wirklich meinen irgendwann werdet ihr zu alt für solchen Kinderkram.“ Ihre Stimme sollte vorwurfsvoll klingen, aber das Gegenteil war der Fall. Es war deutlich zu sehen, das sie auch kaum noch an sich halten konnte. Nachdem wir alle drei diesen kleinen Heiterkeitsausbruch hinter uns gebracht hatten fragte meine Mutter Sylphi aus ob das Wasser die gewünschte Wirkung erzielt hatte, aber diese zuckte nur mit den Schultern und sah fragend in meine Richtung.

„Es scheint ihr besser zu gehen. Aber ich weiß nicht ob es ihr wirklich geholfen hat.“

„Wir hätten es ihnen niemals erlauben dürfen...“ Besorgt sah meine Mutter mich an.

„Von was redet ihr eigentlich die ganze Zeit?“ Es hatte mich beinahe all meinen Mut gekostet diese Frage zu stellen. Die Antwort darauf war jedoch erschreckend einfach. Da ich plötzlich kurz davor gestanden hatte die gesamte Hochzeit zu sabotieren hatten mein Vater und der Bräutigam beschlossen mich mit einem kleinen Trick solange außer Gefecht zu setzen, bis es nichts mehr zu verhindern gab. Sie hatten unbemerkt Wasser vom Fluß Lethe in meinen Wein gemischt und mich damit äußerst erfolgreich ins Koma befördert. Es waren zwar mehr oder weniger alle damit einverstanden gewesen, aber das Ergebnis hatte dann wohl doch für etlichen Streit gesorgt. Mit leichtem Zähneknirschen pflichtet ich meiner Mutter und Sylphi bei. Das Wasser vom Fluß Lethe bei Weitem nicht ohne. Selbst wenn man noch so vorsichtig war, was die Dosierung anging, konnte immer noch etwas schiefgehen.

Viel mehr Zeit uns diesem Thema zu widmen hatten wir ohnehin nicht, da Sylphi immer mehr darauf pochte, was ihr alles noch fehlte. An dem wichtigsten Tag in ihrem Leben lief zwar beinahe alles so gut wie planmäßig, aber da ich solange geschlafen hatte fehlten hier und da doch noch einige Details. So zum Beispiel auch sämtliche Dinge, die einer Braut Glück bringen sollten. Für die Beschaffung dieser Gegenstände waren traditionell die weiblichen Mitglieder der Familie verantwortlich und ich hatte ihr anscheinend etwas ganz besonderes versprochen. Es dauert einen Moment bis mir dämmerte, was ich gemeint haben könnte doch dann hob ich lächelnd eine Hand.

„Das hier ist das erste Geschenk, das dein Vater mir gemacht hat.“ Ein vollkommen vergilbtes altes Lesezeichen schwebte in meiner Hand. Die viele Nutzung war nicht spurlos an ihm vorübergegangen und man konnte das Motiv darauf kaum noch erkennen. Ich wußte jedoch, daß es eine alte Weide an einem See darstellte, die einen Engelsstatue einrahmte. Remiriel hatte es mir während unserer Ausbildungszeit in den Himmeln geschenkt. Es war lange bevor wir ein Liebespaar wurden. Unsere Freundschaft stand damals noch auf recht wackligen Füßen… In all den Jahren hatte es mir treue Dienste geleistet. Es war niemals zerbrochen oder verschwunden. Durch wie viele Bücher und Jahre hat es mich eigentlich begleitet?

„So sieht es auch aus.“ Sylphis nüchterne Kommentar holte mich aus meinen Gedanken.

„Meinst du?“ Zärtlich striff ich über das abgegriffene Material und rief mir die unzähligen Male in Erinnerung in denen dieses Lesezeichen unbemerkt in einem meiner Bücher verschwunden war ohne das Remiriel auch nur ahnte, welche Freude er mir mit einem solch einfachen Geschenk gemacht hatte. Erst Jahre später hatte ich erfahren, daß er es selbst gebastelt hatte.

„Du willst es mir wirklich geben? Es bedeutet dir soviel.“ Ihre Stimme war ganz sanft und warm.

„Ich erinnere mich daran, wie du uns als Kindern vorgelesen hast. Es gibt wohl kein Buch in unseren Haus in dem ich dieses Zeichen nicht gesehen habe.“ Ich lächelte verlegen. Es stimmte. In all den Jahren hatte ich niemals ein anderes Lesezeichen als dieses benutzt. Dennoch überraschte es mich, daß es meiner Tochter nach so langer Zeit noch so gut im Gedächtnis war.

„Es ist nur geborgt.“ Meine Mutter lachte leicht auf.

„Etwas altes und geborgtes zugleich. Wie? Dann braucht sie also nur noch etwas Blaues.“ Es stimmte. Sylphis Kleid war neu, das Lesezeichen alt und geborgt. Es fehlte nur noch das Blau. Mit einem lauten Plopp stand plötzlich eine Vase gefüllt mit prachtvollen blauen Rosen direkt zwischen uns.

„Das sollte reichen, oder?“ Mit einem begeisterten Aufschrei fiel Sylphi meiner Mutter um den Hals, die mich grinsend ansah.

„Das war der Einfall deines Vaters. Er meinte ein Brautstrauß müßte etwas ganz besonders sein.“ Lächelnd roch ich an den Rosen und genoß ihren einzigartigen Duft, der nach und nach das gesamte Zelt erfüllte. Sylphi ließ von meiner Mutter ab und umrundete die Vase und mich wie ein aufgeschrecktes Küken. Die Sonne neigte sich immer mehr dem Horizont zu und schon bald würde die Zeremonie beginnen.

Es dauerte nicht allzu lange bis wir aus den Rosen ein wunderschönes Brautbouquet zusammengestellt hatten. Als besonderes Highlight befestigten wir zusätzlich noch einige vereinzelte Blüten auf Sylphis Kleid und in ihren Haaren ehe Saeko auftauchte und uns aus dem Zelt scheuchte. In nur wenigen Minuten würden die Zeremonie beginnen und wir waren immer noch nicht an unseren Plätzen. Entschuldigend sah ich meine Tochter an, die allein im Zelt zurückblieb.

„Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.“ Ihr über alles strahlendes Gesicht bestätigte das nur. Ihr Glück schien durch sie hindurch wie ein warmes Licht. Beruhigt folgte ich Saeko, die uns unsere Plätze zeigte und war gespannt, wer den Trausegen letztendlich sprechen würde. Engel oder Dämon?

„Wo habt ihr nur so lange gesteckt?“ Ariel rutschte neben mir unruhig hin und her. Er schien es kaum noch abwarten zu können seine kleine Schwester zu sehen. Zu einer Antwort kam es nicht mehr. Denn just in dem Moment als die Sonne beinahe den Horizont berührte erstrahlte der Himmel über uns in einem warmen, hellen Licht. Umgeben in einem Mantel reinsten Lichts schwebte Adam Kadmon über die Wipfel der Bäume bis er schließlich hinter dem Altar stand.

„Serafita wird den Segen sprechen? Wie habt ihr das geschafft?“ Meine Mutter beantwortete die Frage ihres Enkels mit einem geheimnisvollen Lächeln und wies ihn an still zu sein, damit er nichts verpaßte. Fragend sah ich meinen Vater an, doch auch dieser zeigte nur ein seltsam zufriedenes Lächeln.

Leise, wie das Flüstern des Windes begann Adam Kadmon zu sprechen und war dennoch noch in der letzten Reihe kristallklar zu verstehen. Die Zeremonie war eröffnet und ein unsichtbarer Chor stimmte einen Lobgesang auf den heutigen Tag an. Die Stimmen sangen in vollster Harmonie als die Dunkelheit langsam das Licht verschwinden ließ.

Mit dem Einsetzen der Dämmerung trat der Bräutigam durch die Reihen und stellte sich sichtlich nervös neben den Altar um seine Braut zu erwarten. Er trug ein klassisches Gewand und versuchte das Zittern seiner Hände zu verbergen in der er sie hinter dem Rücken verschränkte. Ich erkannte deutlich wie seinen Lippen immer und immer wieder ein stummes Gebet ’gen Himmel sandten, damit auch ja nichts schief lief.

Für einen kurzen Moment verstummte der Chor. Die Nacht hatte nun endgültig den Tag besiegt und am Himmel zeigte sich der erste Stern. Gemeinsam mit seinem Erscheinen traten nun auch der Vater der Braut als auch dir Braut selbst. Sie wirkte zwar vollkommen gefaßt aber Sylphi klammert sich dennoch mit einer Hand fest an ihren Blumenstrauß während Remiriel mit stolzgeschwellter Brust ihre andere Hand hielt. Mit Adam Kadmons Segen und einem uralten Rythus folgend übergab er die Braut dem Bräutigam. Er verbeugte sich vor den beiden und kehrte ihnen den Rücken zu, um seinen Platz in der Reihe der Familie einzunehmen.

Die Zeremonie war wunderschön und als Adam Kadmon schließlich die weißen Blumenkränze auf das Haupt der Verliebten senkte spürte ich wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ihre Gefühle füreinander waren so dermaßen stark, das es unmöglich war sie nicht zu bemerken. Sie liebten sich aus tiefster Seele und nichts und niemand würde daran jemals etwas ändern.

Mit zitternden Fingern schob Sylphi ihrem Gatten einen dünnen Goldreif über den Finger, der das Gegenstück zu ihrem silbernen Ring darstellte. Sie versprachen sich immer füreinander da zu sein.

„In guten wie in schlechten Zeiten, bis das der Tod uns scheidet.“ Ein ohrenbetäubender Applaus brach los als Adam Kadmon dem Bräutigam erlaubte die Braut zu küssen und sie damit endgültig zu Mann und Frau machte. Die Worte: > Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau < gingen in den Begeisterungsstürmen zwar vollkommen unter, aber das schien niemanden wirklich zu stören. Kaum schritt das Brautpaar die Stufen vom Altar hinunter wurde bereits ausgelassen empfangen. Ehe sich die Beiden versahen fanden sie sich auf einer Art Sänfte wieder und wurden unter begeisterten Hochrufen hinüber zum eigentlichen Festplatz getragen. Sylphis Gesicht strahlte vor Freude und ihrem Bräutigam erging es kaum anders.

Der Chor stimmte einen fröhlichen Lobgesang an in dem schon bald alle mit einfielen. Ich merkte kaum wie wir den Festplatz erreichten oder wie ich letztendlich dorthin kam. Meine Mutter und mein Vater ließen sich kurz entschuldigen als das Brautpaar die Tanzfläche eingeweiht hatte und ließen dabei so manches Paar vor Neid erblassen.

„Sollen wir ihnen wirklich den ganzen Ruhm überlassen?“ Mit einem hinterhältigen Funkeln in den Augen sah mich Remiriel verschwörerisch an. Lachend reichte ich ihm meinen Hand. Von mir aus konnten wir heute bis zum Umfallen tanzen. Es war mir vollkommen egal.

Ausgelassen fegten wir über die Tanzfläche und ich merkte kaum, wie wir immer wieder die Partner wechselten nur um dann schließlich wieder gemeinsam über das Parkett zu fegen. Erst nach Stunden zwangen uns Durst und Hunger dazu die Tanzflächen zu verlassen und etwas Nahrhaftes zu uns zu nehmen.

„Angeber.“ Kam es von Ariel, aber es war freundlich gemeint. Nachdem wir etliche belegte Brote und fast drei Krüge verdünnten Weins geleert hatten stürzten wir uns erneut ins Vergnügen. Erst als der Morgen bereits dämmerte und sich keiner von uns beiden mehr wirklich auf den Beinen halten konnte beschlossen wir uns zurückzuziehen.

Remiriel bestand jedoch darauf, daß ich ihm eine halbe Stunde Vorsprung geben müßte, da er noch irgendeine Überraschung vorbereiten wollte. Lachend versprach ich ihm zu warten und zog meine Schuhe aus. Das weiche Gras kitzelte unter meinen geschundenen Fußsohlen.

„Azrael.“ Der Bräutigam taumelte überglücklich auf mich zu.

„Ich bin so froh, daß du uns deinen Segen gegeben hast.“ Bevor er fallen konnte fing ich ihn auf und bugsierte ihn vorsichtig in Richtung eines umgefallen Baumstamms. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er sich darauf fallen.

„Sylphi ist überglücklich.“ Über sein Gesicht strahlte ein Lächeln, der jeglichen Zweifel an der Echtheit seiner Gefühle dahinfegte wie ein Blatt im Sturm.

„Du solltest dennoch eins wissen.“ Ganz so einfach wollte ich es ihm dann doch nicht machen.

„Solltest du sie auch nur ein einziges Mal unglücklich machen bekommst du es mit mir zu tun.“ Erschrocken sah er mich an.

„Das würde ich niemals tun!“ Lächelnd setzte ich mich neben ihn.

„Ich weiß Astaroth, du liebst sie mehr als dein Leben.“

„Ja, das tue ich.“

„Das mußt du auch.“ Fragend sah er mich an.

„Na ja, wenn du es nicht tätest hättest du dir wohl kaum soviel Gedanken darum gemacht, wie du mir mein Einverständnis zu eurer Heirat abringst.“

„Soll das heißen, du bist nicht sauer weil-“

„Weil ihr mich mit einem Trick hereingelegt habt?“ Er grinste verlegen.

„Nein, ich bin nicht sauer. Auf keinen von euch.“ Wie könnte ich auch? Ein Blinder würde sehen, was ihr füreinander empfindet.

„Eher im Gegenteil ich kann euch gut verstehen. Hätte man mir verboten Remiriel zu sehen hätte ich wahrscheinlich auch jeden Hebel in Bewegung gesetzt um bei ihm zu sein.“ Er brach in schallendes Gelächter aus und klopfte mir übermütig auf die Schulter.

„Azrael, ich glaube ich habe dich die ganze Zeit über komplett falsch eingeschätzt.“ Ich nahm dieses reiflich zweifelhafte Kompliment nickend an und fragte ihn warum ich seine Schwester nirgendwo unter den Gästen hatte entdecken können. Wie sich herausstellte erwartete Astarate in den nächsten Tagen ihr drittes Kind. Von daher war es ihr unmöglich gewesen zu kommen. Astaroth hatte ihr jedoch versprochen ihr alles über seine Hochzeit zu berichten. Da es nicht mehr sonderlich bis zum Sonnenaufgang dauern würde und Sylphi bereits nach ihrem Bräutigam rief erhob er sich schließlich schwankend. Zwar noch etwas unsicher auf den Beinen verabschiedete Astaroth sich von mir und kehrte ins große Zelt zurück.

Da es bis zu der von Remiriel verlangten halben Stunde noch etwas dauern würde beschloß ich die Gelegenheit zu nutzen und mir meine Heimat aus einem etwas anderen Blickwinkel anzusehen. Obwohl ich bereits mehr als genug Wein im Blut hatte um genau zu wissen, das fliegen leicht lebensgefährlich sein konnte erhob ich mich dennoch in die Lüfte um ein ganz bestimmtes Felsplateau zu erreichen. Von dort aus konnte man problemlos das ganze Tal überblicken. Auch der Sonnenaufgang war von hier oben einfach am Schönsten. Ich landete und konnte es kaum abwarten bis die goldene Scheibe sich endlich über Wald erheben würde.

„Sonnenaufgang… und Sonnenuntergang… sie gehören untrennbar zusammen und begegnen sich dennoch niemals. Meint ihr nicht auch?“ Mit unendlichem Bedauern in den Augen sah mich Rosiel an. Ohne es wirklich zu wollen wich ich einen Schritt vor ihm zurück. Ich hatte nicht damit gerechnet ihm ausgerechnet an einem solchen Ort zu begegnen.

„Fürchtet ihr mich sosehr, das ihr inzwischen sogar vor mir zurückweicht?“ Wie um seine Worte zu unterstreichen bewegte er sich einige Schritte auf mich zu. Doch dieses Mal blieb ich stehen.

„Ich habe dich nie gefürchtet. Niemals.“ Ein warmes Lächeln erhellte sein Gesicht.

„Und du hast mir stets die Meinung gesagt. Egal, ob ich diese nun hören wollte oder nicht.“ Unsicher blickte ich zur Seite als die ersten Strahlen des beginnenden Tages den Wald in einen goldenen Mantel hüllten. Es war zwar nur ein Alptraum, aber meine Gefühle für Rosiel kehrten nach und nach zurück. Remiriel und Rosiel… sie beiden hatten einen festen Platz in meinem Herzen eingenommen, doch hier gehörte ich einzig und allein-

„Remiriel…“ Erschrocken schreckte ich aus meinen Gedanken hoch.

„Er weiß gar nicht, welch ein Glück er hat, das du ihn erhört hast.“ Ehe ich ihm ausweichen konnte hielt er bereits eine meiner Haarsträhnen in seiner Hand. Seine klaren, goldenen Augen fixierten mich und ließen mich nicht mehr los.

„Sag, bist du glücklich?“ Die Frage überraschte mich.

„Jetzt in diesem Augenblick?“ Er schüttelte leicht den Kopf.

„In diesem Leben.“

„Ja, ich bin glücklich. So glücklich wie ich es mir niemals hätte erträumen lassen.“ Die Worte kamen über meinen Lippen noch ehe ich groß darüber nachgedacht hatte. Doch jedes einzelne davon war wahr.

„Gut, denn solange du glücklich bist werde ich nichts unternehmen.“ Er hauchte einen leichten Kuß auf meine Haarsträhne.

„Verzeih mir meine Aufdringlichkeit. Doch solltest du jemals einen Freund brauchen, ich werde immer für dich da sein.“ Noch ehe ich ihn nach der Bedeutung seiner letzten Worte fragen konnte schwang er sich in die Lüfte und wurde eins mit dem Gold des Sonnenaufgangs. Mit einem merkwürdigen Kribbeln im Bauch machte ich mich schließlich auf den Weg nach Hause. Rosiels Worte und der Alkoholspiegel in meinem Blut ließen mich dabei jedoch ziemlich taumeln.

Remiriel erwartet mich bereits vollkommen entblößt in einem mit Rosenblättern übersätem Bett. Es gelang mir für knappe zwei Minuten der Versuchung zu widerstehen ehe ich lachend in seinen Armen lag und auch der letzte Gedanke an das merkwürdige Gespräch mit Rosiel aus meinem Bewußtsein verschwand. Es gibt nur einen einzigen Ort an den ich gehöre und der ist hier! An Remiriels Seite und zu meiner Familie.

Man ließ uns schlafen und so war es kein Wunder, das es bereits weit nach Mittag war als wir die ersten Lebenszeichen von uns gaben. Trotz meines murrenden Protestes schwang sich Remiriel schließlich aus dem Bett und wirkte plötzlich äußerst beschäftigt. Ich ignorierte ihn bis zu dem Zeitpunkt an dem er mich von oben bis unten durchkitzelte und mir das Versprechen abrang ebenfalls aufzustehen. Um des lieben Friedens Willen gab ich mich geschlagen und schlüpfte mit ihm gemeinsam ins Bad. Was zur Folge hatte, das keiner von uns so wirklich fertig wurde und ich ihn schließlich lediglich mit einem Handtuch bekleidet vor die Tür setzte um endlich in Ruhe baden zu können.

Unter lautem Protest, daß er sich unter Garantie den Tod holen würde, schritt er vor der Tür auf und ab bis ich ihn endlich Erbarmen mit ihm zeigte und ihn wieder hineinließ. Dieser nervtötende Monolog war mehr als ich nach einer solchen Nacht verkraften konnte. Da ich zum Glück schon fast fertig und schnell genug aus seiner Reichweite verschwunden war hatte er keine Chance sich bei mir zu revanchieren.

Bis über beide Ohren grinsend tapste ich in die Küche um nach etwas Eßbarem Ausschau zu halten und war überrascht, mich in einer Art Bienenstock wiederzufinden. War mir das Haus bisher vollkommen friedlich vorgekommen wurde ich nun eines besseren belehrt. Wie schon am Vortag herrschte betriebsame Hektik und Dutzende von Menschen wuselten durch meine Küche und diverse andere Räume.

Etwas überfordert mit der plötzlichen Erkenntnis, daß wir unser Haus nicht länger für uns allein hatten ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Dankbar nahm ich die Tasse tiefschwarzen Kaffees entgegen, die Saeko mir mit einem wissenden Lächeln überreichte. Warum werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, das ich die Einzige bin, der man die lange Nacht ansieht?

Selbst Remiriel, der inzwischen ebenfalls die Küche betreten hatte sah aus, wie aus dem Ei gepellt. Er zwinkerte mir amüsiert zu und ließ dabei so ganz nebenbei den Ablauf des heutigen Tages Revue passieren. Es sah ganz danach aus, als würden die Feierlichkeiten und alles was dazu gehörte noch ungefähr eine Woche andauern. Was bedeutet, daß nun jeder Tag so ablaufen würde wie der gestrige… Gäste begrüßen, Alkohol, tanzen… Sex…

Bei diesem Gedanken mußte ich unwillkürlich Grinsen. Wenn jeder Tag so endete wie der gestrige konnte es von mir aus noch eine ganze Weile so weitergehen. Seufzend ergab ich mich also in mein Schicksal und ließ mich nach der zehnten Ermahnung von Saeko mitschleifen, damit die Frauen mich wieder in-was-weiß-ich-für-einen-Fummel stecken konnten. Daß jede von ihnen dabei aussah als wüßte sie etwas, das ich nicht wußte machte die Sache nicht gerade erträglicher. Als ich endlich entlassen wurde war ich mehr als nur froh.

Viel Zeit um mich von den Strapazen des Umziehens zu erholen hatte ich trotzdem nicht. Ariel entdeckte mich keine zwei Minuten nachdem ich beschlossen hatte mich dezent zurückziehen. Ihm hatte ich es zu verdanken, das ich mich plötzlich mitten auf dem Festplatz wieder fand und vor lauter Glückswunschbekundungen schon gar nicht mehr wußte welche Hand ich als nächstes Schütteln sollte.

„Ihr seht von mal zu mal schöner aus.“ Ich zog meine Hand zurück als hätte ich mich plötzlich verbrannt. Rosiels klare, goldene Augen ruhten gelassen auf mir.

„Gestern hatte ich keine Gelegenheit mehr es euch zu überreichen.“ Mit einer Hand winkte er eine dunkel gekleidete Person heran, die einen übergroßen Karton balancierte.

„Mein Geschenk für euch.“ Für einen kurzen Moment vergaß ich alles und jeden um mich herum, als ich die Person erkannte, die das Paket öffnete.

„Catan?“

„Ihr kennt meinen Adjutanten bereits?“ Fragend sahen sie beide mich an.

„Ja und nein.“ Er ist mir in einem Traum erschienen… doch das konnte ich wohl kaum vor versammelter Mannschaft laut sagen. Er ist mein Licht in einem Alptraum gewesen aus dem es kein Entrinnen gab…

Mißtrauisch funkelte Rosiel seinen Begleiter an, der lediglich mit den Schultern zuckte. Woher sollten sie auch wissen was mich in den letzten Nächten heimgesucht hatte? Um die Situation zu entschärfen bedankte ich mich auf das höflichste für das Geschenk. Allerdings konnte ich mir den Hinweis dennoch nicht verkneifen, das nicht mir sondern eigentlich dem Brautpaar die Geschenke gelten sollten.

„Ihr seit bescheiden wie eh und je. Das Brautpaar erhielt sein Geschenk bereits gestern. Doch heute sollt ihr geehrt werden.“ Gegen meinen Willen schoß mir das Blut in die Wangen. Rosiel wußte ganz genau wie er mich in Verlegenheit bringen konnte. Mit zitternden Fingern nahm ich sein Geschenk dennoch entgegen und war heilfroh ihm kurz darauf in der Menge entwischen zu können. Ich wußte, es war albern sich wegen eines Traums so gehen zu lassen, aber Rosiels Nähe machte mich konfus. Erst als ich mich in der sicheren Deckung eines Zelts befand gelang es mir sein Geschenk genauer zu betrachten.

Es war ein Kleid aus reiner Seide, das dermaßen kostbar und zerbrechlich aussah, das mir schon beim Betrachten ganz anders wurde. Mal abgesehen davon, das es wieder einmal das Klischee Engel voll und ganz bediente und einen Ausschnitt besaß, der so manches Männerherz höher schlagen lassen würde.

„Rosiel hat seine Drohung also tatsächlich wahr gemacht.“ Vor lauter Schreck hätte ich das Kleid beinahe fallen lassen.

„Erschreck mich doch nicht so.“ Strafend sah ich Remiriel an, der breit grinsend am Zelteingang lehnte.

„Warum nicht? Immerhin hast du mich heute morgen allein in der Kälte stehen lassen.“

„Du warst selber schuld.“ Nachdem, was er alles angestellt hatte um mich von einer ordentlich Morgentoilette abzuhalten war das Aussperren eigentlich noch viel zu milde gewesen.

„Er gibt wirklich nicht auf.“ Seufzend nahm er mir das Kleid ab und hielt es prüfend ins Licht. Die dünnen Goldfäden schimmerten mit unzähligen kleinen Perlen und winzigen Diamanten um die Wette.

„Und leider Gottes hat er auch noch einen verteufelt guten Geschmack. Du wirst hinreißend darin aussehen.“ Er sah mich mit einem Blick an, der keinerlei Widerspruch mehr zuließ.

„Du meinst ich soll es anziehen?“ Statt einer Antwort schnippte er kurz mit den Fingern. Die dünnen Stoffbahnen legten sich angenehm kühl auf meine Haut.

„Es stimmt. Du siehst aus wie eine Göttin.“ Da mein Gesichtsausdruck was das betraf anscheinend Bände sprach ließ er einen übermannsgroßen Spiegel direkt vor mir entstehen. Der Anblick verschlug mir beinah den Atem.

„Bin das wirklich ich?“ Die Gestalt im Spiegel sah so sehr nach einem Engel aus, den sich die Menschen vorstellten, daß ich mich kaum wiedererkannte.

„Wer denn sonst?“ Lächelnd trat er hinter mich und fuhr mit einer Hand zärtlich über mein Haar.

„Ich liebe dich.“ Es gab keine Worte für das, was er mit diesem einen Satz in meinem Inneren auslöste. Lächelnd lehnte ich mich gegen ihn und genoß es seine Nähe zu spüren. Er schlang seine Arme um mich und begann an meinem Hals zu knabbern.

„Ähm, wenn ihr dann soweit wärt?“ Mit hochrotem Kopf versuchte ich mich von Remiriel zu befreien, der sich von dem Störenfried gänzlich unbeeindruckt zeigte.

„In fünf Minuten Ariel.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht verabschiedete sich dieser und Remiriel fuhr dort fort, wo er aufgehört hatte. Lediglich einem scharfen Räuspern an der Außenwand des Zeltes hatte ich es zu verdanken, daß das neue Kleid nicht doch noch auf dem Boden landete.

„Heute ist ein wichtiger Tag. Ihr solltet pünktlich sein.“ Die Stimme meines Vaters war ruhig, aber bestimmt. Er duldete keinerlei Widerspruch. Seufzend gab Remiriel auf und schritt vor mir aus dem Zelt.

„Ihr gönnt einem aber auch wirklich kein bißchen Spaß.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen ließ mein Vater ihn wissen, daß er bereits wesentlich mehr Spaß gehabt hatte, als diesem seiner Meinung nach im Moment zustand. Mit einer leichten Verbeugung huschte Remiriel davon um der Standpauke zu entgehen.

„Man sollte meinen, daß er inzwischen erwachsen geworden ist. Aber er benimmt sich immer noch wie ein Jungspund, den die Flöhe stechen.“ Kopfschüttelnd sah mein Vater ihm nach bevor sein Blick auf mich fiel.

„Oh, jetzt verstehe ich.“ Verlegen schaute ich zu Boden.

„Das Kleid ist ein Geschenk von Rosiel.“ Mit einem verächtlichen Zischen brachte er sehr deutlich zum Ausdruck, was er von dem Werben dieses Engels hielt und überhäufte mich nebenbei mit Komplimenten. Ich genoß es in seiner Nähe ungestört zum Festplatz zurück zu kehren und hing an seinen Lippen egal, was er auch sagte.

„Da heute so ein wichtiger Tag für euch ist werde ich dir mein Geschenk schon jetzt überreichen.“ Noch ehe ich ihn fragen konnte warum ich denn schon wieder ein Geschenk erhalten sollte trat ein junger Dämon zu uns.

„Das ist Iadara. Er wird euch als Leibwächter dienen.“ Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf als ich den Dämon aus meinem Traum erkannte.

„Ich habe ihn selbst ausgebildet. Er wird dich und Remiriel mit seinem Leben schützen.“ Ich begriff rein gar nichts mehr. Wie kam es, daß ich penetrant Personen begegnete, die ich vorher unmöglich kennen konnte und die dennoch alle in meinem Traum vertreten gewesen sind?

„Ich freue mich euch kennenzulernen ehrenwerte Azrael.“ Diese Anrede setzte mich vollkommen außer Gefecht. Fragend sah ich meinen Vater an. Ist nicht eigentlich Cerberus mein Leibwächter?

„Ihr werdet in Kürze die Himmel regieren. Es ist wichtig, das euer Leben im Notfall in sichern Händen ist.“

„Die Himmel regieren!?“ Remiriel und ich?! Ich fiel aus allen Wolken.

„Hast du es etwa vergessen? Deine Mutter und ich ziehen uns in meinen Palast in der Hölle zurück, Sylphi und Astaroth werden auf der Erde bleiben und du und Remiriel, ihr werdet die neuen Regenten der Himmel.“ Der Boden unter mir begann bedrohlich zu schwanken und nur Iadaras raschem Einschreiten war es zu verdanken, das ich nicht fiel. Besorgt sah mein Vater mich an während Iadara mich stützte.

„Du hast es wirklich vergessen?“ Meine Kehle war staubtrocken. Ich brachte keinen einzigen Ton raus. Die Himmel regieren?! Meint er das wirklich ernst?

„Ihr habt die ganzen letzten Jahre daran gearbeitet den dauerhaften Frieden zu sichern und heute werdet ihr dafür belohnt. Die Verträge sind unterzeichnet und die Ämter alle vergeben. Es gibt für euch kein zurück mehr.“ Ich schüttelte den Kopf um das unangenehme Gefühl in meinem Innern loszuwerden.

„Suru! Luzifer! Wo bleibt ihr denn solange?!“ Die ungeduldige Stimme meiner Mutter brachte genug Leben in meinen Körper um mich wieder allein auf den Beinen halten zu können. Ich rang meinem Vater und Iadara das Versprechen ab nichts von meinem kleinen Schwächeanfall zu erzählen. Allerdings konnte ich nicht verhindern, daß sie immer wieder besorgte Blicke austauschten.

Unsere Abreise war bis ins kleinste Detail vorbereitet und geplant. Das Protokoll ließ mir keine Gelegenheit zu irgendwelchen Fragen. Unter unzähligen Hochrufen und Glückwünschen schritten Remiriel und ich Hand in Hand an Bord der bereit stehenden Merkabah. Es war keine Zeit sich Gedanken um irgend etwas anders zu machen außer an Bord zu gehen. Wie ein Traumwandler winkte ich den immer kleiner werdenden Gesichtern zu bis Wolken die Sicht vollkommen verschleierten.

„Du wirkst immer noch als würdest du dich mitten in einem Traum befinden.“ Zärtlich nahm mich Remiriel in den Arm. Wir hatten uns bereits vor einiger Zeit in unsere Kabine zurückgezogen.

„Es ist fast zu schön um wahr zu sein.“ Genießerisch schloß ich die Augen und genoß seine kleinen Liebkosungen ehe er mich langsam in Richtung Bett zog. Er hatte eine Woche auf die Annehmlichkeiten des Ehelebens verzichten müssen und bestand nun darauf die verlorene Zeit ausgiebig nachzuholen. Lachend ließ ich ihn gewähren bis wir beide vollkommen erschöpft in die weichen Laken sanken. Zum Glück war die Kabine schalldicht.

„Bist du glücklich?“ Ärgerlich stupste ich mit einem Finger gegen seine Nase.

„Nachdem, was wir gerade getan haben fragst du noch? Hörte es sich denn so an als wäre ich es nicht?“ Er lachte leicht und zog mich enger an sich.

„Ich wollte nur sicher gehen.“ Grummelnd kuschelte ich mich an seine warme Brust und lauschte seinen regelmäßigen Atemzügen während er sanft meinen Nacken kraulte. Irgendwann gewann die Müdigkeit überhand und ich schlief trotz all seiner Versuche mich wachzuhalten friedlich in seinen Armen ein.

  

GAME OVER
or
continue?

 

06-04-13



Tja, und was nun?

Ist das wirklich das Ende von „Love of an angel“?

Fast könnte man es meinen, aber….


…ja, ja jetzt kommt das große ABER

ihr kennt mich schließlich inzwischen gut genug um zu wissen, das längst nicht alles so ist, wie es scheint ^.^

Also, für alle die mit diesem Ende leben können:

HÖRT AUF ZU LESEN!!!


An alle anderen:

ICH HABE EUCH GEWARNT!!!!

 

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Dieses Kapitel ist allen treuen Lesern und besonders den Remiriel & Shao Fans unter ihnen gewidmet. Ich hoffe mir ist die Überraschung gelungen ^.^

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Für alle Review-Schreiber bitte achtet gerade bei diesem Kapitel darauf, daß eure Reviews keinerlei Spoiler enthalten, was den Inhalt oder wichtige Wendungen in der Geschichte angehen.

Es gibt immer wieder Leser, die noch nicht alle Kapitel gelesen haben, aber dennoch einen Blick in die Reviews werfen. Es wäre doch schade ihnen die Überraschung zu verderben. Oder?

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Erläuterungen:

 

Ariel
Shaos (Azrael) und Remiriels Sohn.

Ariel ist hebräisch und bedeutet übers. in etwa „Löwin Gottes“. In der Historie etc. ist Ariel zumeist ein Luft- oder Wassergeist.


Sylphi
Shaos (Azrael) und Remiriels Tochter.

Ihr vollständiger Name lautet eigentlich > Sylphariel < sie wird jedoch von allen nur Sylphi gerufen. Der Name etc. stammt aus meiner Feder. Es wäre Zufall, wenn es wirklich einen Engel geben sollte, der denselben Namen trägt.

UPDATE Kurenai no Tenshi
 

ab sofort erhältlich

Volume 13

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UPDATE Convention
 
Teilnahme an folgenden
CONVENTIONS:

Dokomi
30.04. - 01.05.2016
in Düsseldorf
eigener Stand
UPDATE Fanfiction
 
Moon Shadows
Chapter 14
___________________

Secrets
wird fortgesetzt
___________________

Love of an angel
abgeschlossen
UPDATE Gallery
 
Kaze to ki no uta

Cover, Farbbilder und
Animescreenshots sind online
UPDATE Modelkits
 

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